Geschichten:Der uralte Bund - In der Totenkammer II

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Totenkammer im Kellergewölbe der Pfalz Randersburg, Ende Hesinde 1043 BF

Der Adlige aus Perricum begann mit der Stirn zu runzeln. Ihm war der plappernde Magier von Anfang an nicht wirklich sympathisch gewesen. Dass er nun die Novizin so ausfragte, machte ihn nicht unbedingt beliebter in den Augen des Blonden. Ganz davon abgesehen stellte er sich darüber hinaus die Frage welchen Antrieb der Magier hatte, so eifrig wie dieser sich hier aufspielte. Gute Miene zum bösen Spiel gebend, ließ Salix lediglich seinen Blick zwischen den drei Gesprächspartnern hin und herwandern.
Tatsächlich wirkte das gesamte Szenario langsam sehr befremdlich. Bei der Geweihten des Boron und ihrer Ritterin hatte er noch an einem Zufall geglaubt, aber hier unten hatten sich neben einem Magier auch ein hochgewachsener, schweigsamer Praiot und eine Altbaronin aus den Zacken zusammengefunden. Das beunruhigte ihn, denn wer konnte bei so vielen Leuten in einer solchen Situation die Übersicht behalten? Nurinai und Yolande waren sicherlich aufrichtig an der Klärung des Mordfalls interessiert, deren einziges Geheimnis war nicht von Belang, da wäre wohl jemand anderes gestorben. Aber was hatten die Anderen hier verloren oder besser, zu verbergen? Der Praiosgeweihte wurde von einem der Hausritter geholt, der Magier hatte sich selbst eingeladen und die Altbaronin war mit der Seneschallin hierhergekommen. Salix war sich sicher, es war für ihn besser, sich erstmal im Hintergrund zu halten.
Langsam lehnte er sich zur Seite, Richtung Nurinai und kaum hörbar raunte er zu ihr, “sagt, wo ist eigentlich die Zunge hin? Als wir die Verstorbene fanden lag sie doch auf der Platte?”
Da räusperte sich die Geweihte leise und erwiderte: “Die wurde wohl irgendwie auf dem Weg… hm… ich muss es wohl so sagen… verloren. Anders… anders kann ich es mir nicht erklären. Nein, anders kann ich es mir wirklich nicht erklären. Und der geschw… ähm… Magier hat sie wohl gefunden und sie in dieser Dose da…” Sie zeigte auf das kleine Behältnis neben der Toten. “... aufbewahrt und zu uns gebracht. So ist es also nicht verwunderlich, dass er von der abgeschnittenen Zunge gewusst hat. Immerhin ist nun wieder alle beisammen.” Eine ziemlich nüchterne Feststellung. “Immerhin.”

Der junge Adlige zog eine Augenbraue hoch, nickte dann aber nur knapp und lehnte sich wieder zurück. Er würde froh sein, sobald er nicht mehr hier unten wäre. Also konzentrierte er sich wieder, auch um sich abzulenken, auf die restliche Gemeinschaft der hier Anwesenden.

“Ich möchte an die Totenruhe erinnern”, hob Nurinai da schließlich an, “Wir sollten nicht unnötig hier unten verweilen. Unterhalten können wir uns gewiss auch an einem anderen, den meisten wohl angenehmeren Ort. Vielleicht mögt Ihr, Herr von Amselhag, Ihre Gnaden Pilperquell einmal mit magischen Mitteln anschauen?”
Der Magier wandte sich darauf zu dem hünenhaften Geweihten der Sonne um. “Ich denke ich bin hier fertig. Vielleicht sollte ich das lieber eurer Expertise überlassen.”
Der Praiosgeweihte hatte während der Gespräche sowohl die Leiche als auch die Anwesenden gemustert. Ein Leichnam einer Hesindegeweihten. Ihr wurde der Kopf abgetrennt. Die Zunge der Dame war abhandengekommen und doch wieder aufgetaucht. Doch zuerst musste ein anderes Anliegen geklärt werden. Das Anliegen, weshalb er vom Hausritter hergebracht wurde. Er wandte sich an die Seneschallin: “Euer Hochgeboren, was kann die Kirche des Praios denn für Euch tun?”

Josline von Eslamsgrund hatte dem Treiben in der Totenkammer schweigend zugehört und nur ab und an eine Augenbraue gehoben. Der Kopf der Seneschallin wandte sich zu Fredegard von Hauberach.
Diese hatte das Schauspiel äußerlich ungerührt beobachtet, dabei jedoch zu der Überzeugung gelangend, dass man die anfangs fehlende Zunge der Geweihten ohne weiteres durch die dieses höchst enervierenden Magiers hätte ersetzen können. Außer Nämlichem wäre es wohl für jeden ein Gewinn zumindest an Ruhe gewesen. Wie konnte man bloß so viel reden und dabei so wenig sagen? Immerhin hatten sich nun zumindest ein paar weitere Steine in das große Mosaik für die Adlige eingefügt, wenngleich dieses Bild immer noch einige größere Lücken aufwies.
„Meine gute Fredegard, ich habe wahrlich etwas anderes erwartet, als ich hierher gerufen wurde. Doch stehen wir nun hier in der Totenkammer der Pfalz, tief unten und über uns tanzen die erlauchten Gäste der Winterhochzeit. Dieser grausame Mord an einer Geweihten der 12e – mag er auch noch so tragisch sein - darf die Feierlichkeiten nicht überschatten.“ An den hochgewachsenen Praioten gerichtet, fuhr sie fort. „Auch wenn ich meinen persönlichen Kaplan hier erwartet habe, so hat mir der Götterfürst Euch gesandt. Es gilt, die Wahrheit über dieses Verbrechen herauszufinden und die göttliche Gerechtigkeit des himmlischen Richters sprechen zu lassen, der wir alle uns zu unterwerfen haben – egal welchem Stand wir angehören. So denn die Untersuchungen an der Toten abgeschlossen sind, sollten wir den Worten der Boroni Folge leisten, damit die Verblichene ihre Ruhe finden möge.“
Mit nun bekümmert wirkender Miene wandte sich Fredegard an ihre Gastgeberin: “Ja, das Alles ist in der Tat höchst betrüblich, meine Teure. Aber ich denke, Niemandem unter den hier Anwesenden ist daran gelegen, diese Feierlichkeiten über Gebühr zu stören. Auf meine Diskretion könnt Ihr Euch in dieser Sache selbstverständlich unbedingt verlassen.”
Dann schaute die Perricumerin die übrigen Versammelten der Reihe nach kurz an, bevor sie erneut anhub zu sprechen. “Verzeiht, ich hatte mich noch gar nicht vorgestellt. Mein Name ist Fredegard von Hauberach, Reichsedle zu Salthel. Ich bin die Witwe des ehemaligen Barons des perricumschen Lehens Vellberg, Oberst Wallbrord von Löwenhaupt-Berg und derzeit in der Reichsstadt Perricum beheimatet.”

Der Praiosgeweihte schaute sich erneut aufmerksam um, nachdem er die Antwort der Seneschallin vernommen hatte. “Es ist der Wille des Götterfürsten, dass Verbrechen aufgeklärt und die Täter ihrer gerechten Strafe zugeführt werden. Ich bin gespannt, was sich hinter diesem Rätsel verbirgt.” Er nickte der Seneschallin noch einmal zu und wandte sich dann an die anderen Anwesenden: “Ich gehe davon aus, dass ich in dieser Sache fest auf die Mithilfe der Anwesenden setzen kann.” Der Satz war nur zum Teil als Frage formuliert, während er nun die Anwesenden musterte.
“Weil Praios gerecht ist, Gerechtigkeit für Alle ist und alle Stände der göttlichen Gerechtigkeit dienen, wie es die Klauen Ucuris uns lehren, so will ich gerne helfen, die Wahrheit zu finden. Gut, einen Diener des Herren bei uns zu haben, auch wenn es nicht Silvano von Hagenau-Ehrenfeld ist”, fügte der Magier mit einer Verbeugung vor der Seneschallin hinzu, wandte sich dann aber an die Altbaronin und umschloss dabei das Amulett mit einem gravierten Auge an seinem Hals. "Sehr erfreut auch euch kennen zu lernen, Gnädigste. Aber was habt ihr eigentlich, neben eurer Diskretion, bei diesem Fall beizutragen, wenn ich fragen darf?"
Ich weiß schon, dachte die Boron-Geweihte da bei sich, warum ich manchmal die Toten den Lebenden vorziehe: Die quasseln nicht. Und es gab keine leidigen Diskussionen.
Fredegard maß den impertinenten Magier mit einem leicht abschätzigen Blick, als sie mit sarkastischem Unterton in ihrer Stimme erwiderte: “Wie wäre es mit einer Theorie zu den Tätern?” Nach einer kleinen Kunstpause fuhr die Adlige fort: “Das Ganze sieht mir sehr nach dem Werk der sogenannten Schnitter aus. Ein ketzerischer Geheimbund, der - hauptsächlich, aber nicht nur - in Weiden und Greifenfurt sein Unwesen treibt. Er soll den Orkgötzen Tairach verehren und und ihm unter anderen mit ebenso blutigen wie grausamen Morden, nunja, huldigen. Und das Metall Kupfer gilt dem Götzen als heilig. Und bevor Ihr fragt: Ich habe gut mein halbes Leben in Weiden und die Zeit dort nicht nur mit Sticken verbracht. Und wie sieht Eure Theorie aus, mein Herr?”
Insgeheim zog die Reichsedle auch noch die hier aktive Gruppe von Dienern des wahren Götterfürsten als Täter in Betracht, doch mochte sie trotz deren zuvor an den Tag gelegten Dilettantismus nicht glauben, dass sie so töricht waren, die Schlangenpriesterin dermaßen auffällig von ihrer Existenz zu befreien, zumal der eigentliche Plan dieser Gruppe deutlich subtiler war, wenn man Loderias Worten Glauben schenkte - was Fredegard durchaus tat - und den eine solch´ auffällige Tat eher gefährdete denn beförderte.
“Mmmh...Die Schnitter? Welche Indizien habt ihr für eure Theorie, außer einem Schnitt?”
“Hm, offensichtlich habt Ihr nicht richtig zugehört. Was ist mit der Kupferscheibe? Und meine Frage habt Ihr auch noch nicht beantwortet, mein Herr.”, fügte die Adlige mit maliziösem Lächeln hinzu.

Salix räusperte sich kurz, nickte dann und setzte sich in Bewegung. Langsam durchschritt er den eng gewordenen Raum bis zur Tür, wo er dann kurz innehielt und sich umdrehte, “Nun, wie bereits gesagt wurde, lasst uns doch an einem anderen Ort unseren Gedanken nachgehen und sie austauschen”, er stockte etwas, setzte dann ein Lächeln auf, drehte sich um und öffnete die Tür. Demonstrativ ging er durch sie hindurch und blieb auf der anderen Seite neben Yolande und den restlichen Hausrittern stehen. Kaum hörbar raunte er ihr zu, “wir gehen hinten”.

“Ich höre mir sehr gut zu, danke der Nachfrage. Nach dem ich scheinbar für Einige schon zu lange resümiert habe...”,(der Magier warf dem Perricumer einen abschätzigen Blick hinterher, während dieser sich anschickte die rettende Tür zu erreichen),”...frage ich mich, wie ihr wegen einer Schnittwunde und einer Kupferscheibe, hinter der Augenscheinlich etwas ganz anderes steckt, gleich auf die Schnitter kommt. Ihr wisst also mehr als ihr beitragen wollt?”
“Ein exzellenter Vorschlag, mein Lieber.”, sprach Fredegard mit Blick auf Salix und wandte sich nun ebenfalls zum Gehen, konnte es sich aber nicht verkneifen, noch halblaut mit spöttischem Unterton scheinbar für sich selbst hinzuzufügen: “Wie schön, wenn jemand zumindest sich selbst zuzuhören vermag…”

Die Raukenfelserin nickte kaum merklich. Wenn sie mit Salix den Schluss bildete, dann würde sie auch noch ein paar kurze Worte mit Nurinai wechseln können, da sie nicht davon ausging, dass sie ihren Platz an der Seite der Toten verlassen würde.
“So sei es also, wir werden uns in der obersten Kammer des Bergfrieds einfinden und beraten, was zu tun ist.” Mit entschlossenem Blick nickte die Seneschallin und schritt voraus. Zu zwei der Hausritter gerichtet: “Ihr werdet die Tür zur Totenkammer bewachen! Niemand darf sie betreten! Es gilt, die Gerüchteküche nicht weiter aufkochen zu lassen.”
“Ich kann doch gewiss annehmen, Hochgeboren, dass dies mich und die Novizin ausnimmt, nicht wahr?”, versuchte Nurinai noch zu klären.
“Ja, selbstverständlich!”, entgegnete die Seneschallin mit einem verständnisvollen Nicken.

Der Magier war unterdessen zu der Toten herangetreten, nachdem die alte Schnepfe, die sich vor der Seneschallin so albern wichtigmachen wollte, nun hinter dieser hertrollte und betrachtete die Verblichene nachdenklich, während sich die Kammer hinter ihm leerte und es endlich ruhiger wurde. Dann ging er um die Leiche herum und besah sich ihre Hände genauer.

Nun wandte sich die Geweihte dem Magier zu: “Konntet Ihr bereits etwas herausfinden?”
“Das wäre auch meine Frage gewesen. Wenn wir herausfinden wollen, was passiert ist, dann möchte ich gerne wissen, was Ihr herausgefunden habt”, fragte auch der Praiosgeweihte den Gildenmagier.
Nachdem der Magier sich die Hände angesehen hatte, ging er zum Kopf der Toten, tastete mit beiden Händen ihren Kiefer ab, ob dieser gebrochen war, öffnete dann den Mund und besah sich den zungenlosen Schlund. "Könnte mir jemand etwas Licht spenden?"


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