Geschichten:Mähre und Zossen

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Langkoppeln und Neu-Gareth, 6. Efferd 1043 BF

Dramatis personae:


Der Wagen rumpelte über das Pflaster der Reichsstraße, auf die Stadt zu. Hagen Rosstheuer saß auf dem Kutschbock und lenkte. Eigentlich war nicht viel zu lenken, denn Mähre und Zossen kannten den Weg, sie trotteten ihn fast jeden Tag entlang. Die alten Zugpferde waren schon durch so viele Hände gegangen, dass irgendwann ihre richtigen Namen auf der Strecke geblieben waren. Da reichte es dann nur noch für Mähre bei der Stute und Zossen für den Wallach. „Hauptsache, sie hören noch auf ‚Hü‘ und ‚Hott‘“, pflegte Hagen zu sagen. Oder auch auf „Brrrr!“, so wie jetzt.

Eine alte Frau ging am Straßenrand, ein bisschen wacklig und auf ihren Stock gestützt. „He, gutes Mütterchen“, rief Hagen, „kann ich dich ein Stück mitnehmen?“. Die Alte blickte auf und lächelte, dass ihre Sommersprossen zwischen den Falten aufblitzten. „Das wäre nett, mein Junge“, antwortete sie und ließ sich von Hagen auf den Wagen helfen. „Wo soll’s denn hingehen?“, fragte der Fuhrmann und fügte hilfreich an, „ich fahre zum Markt nach Roßkuppel“.

„Ich müsste noch ein Stück weiter“, antwortete die Alte, „nach Neu-Gareth, zur Villa Geldana. Meine Enkelin ist da Hausmagd.“ „Da hast du dir aber ganz schön was vorgenommen“, staunte Hagen. „Vielleicht kannst du mich fahren?“, fragte die Alte. Hagen zog einen Flunsch. Bei aller Liebe, aber das war doch ein rechter Umweg. „Es soll dein Schaden nicht sein!“, setzte die Alte schnell hinzu. Sie kramte in ihrem Beutel. Dann fasste sie mit ihrer Linken Hagens Fuhrmannspranke, drückte mit der rechten etwas Rundes hinein, grinste dem Kutscher mitten ins Gesicht und sagte: „Hier, ein nagelneuer, blitzender Silbertaler für dich!“

Hagen bestaunte die Münze und ließ sie in seinen Beutel gleiten. „Ich fahr außenrum“, sagte er, „da ist um die Zeit weniger los.“ Die Frau machte es sich auf dem Kutschbock bequem. Sie war zum Plaudern aufgelegt: „Hast du Kinder, Hagen?“

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„Euer Edelhochgeboren, Euer Besuch ist da.“

Burggraf Oldebor schaute die Dienstmagd fragend an. „Besuch? Habe ich jemanden eingeladen? – Habe ich jemanden eingeladen?“, wiederholte er die Frage, diesmal an seinen Secretarius gerichtet. Meister Wiesenbach zuckte ratlos mit den Schultern und blickte seinerseits auf die Magd. „Wer ist es denn, Firnlind?“

„Die alte Muhme Rilja“, antwortete die junge Frau etwas verschüchtert. „Das ist die Frau aus Langkoppel, die Eure Tochter gefunden hat letzte Woche.“

„Oh“, entfuhr es Oldebor, „dann habe ich sie wohl eingeladen. Ja, das werde ich wohl getan haben. Sicherlich. Na, dann führ sie doch bitte herein. Und bring noch Tee und Gebäck.“

Die Dienstmagd knickste und öffnete die Tür. Als die alte Frau eintrat, tauschten die beiden ein kurzes Lächeln aus.

„Die Götter zum Gruße, Frau Rilja“, begann der Burggraf. „Ich will nicht viele Worte machen, aber ich freue mich sehr, dass ich Euch auch in persona für Eure Hilfe danken kann. Wir wissen zwar noch immer nicht, was genau da eigentlich alles vor sich gegangen ist. Aber immerhin: Meiner Tochter geht es schon sehr viel besser …“

Rilja nahm Platz und ein Plätzchen. Sie lächelte ihn und Friedwart freundlich an und knabberte an dem Keks.

„Natürlich möchte ich mich auch gern erkenntlich zeigen", fuhr der Burggraf fort. "Sagt mir einfach, womit ich Euch meinen Dank erweisen kann, und ich werde sehen, was sich machen lässt.“ Wieder blickte Oldebor zu seinem Secretarius, der solcherlei Dinge zu regeln verstand.

Rilja schluckte ihren Bissen hinunter. „Es gibt da schon etwas, Hoher Herr, was ich gern von Euch bekommen würde …“, begann sie.

„Nur zu, sagt ruhig, was es ist!“

„Eure Tochter.“

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„Wo warst du denn so lange?“, fragte Tsalinde.

„Ich bin einen Umweg gefahren“, antwortete Hagen. „Hat sich aber gelohnt. Ich habe eine alte Frau in Neu-Gareth abgesetzt. Ich überlege schon die ganze Zeit, woher ich sie kenne. Jedenfalls wusste sie, wie ich heiße. Aber hier, sie hat mir einen ganzen Silbertaler gegeben.“

Der Fuhrmann nestelte in seinem Beutel und zog den runden Gegenstand hervor. Stolz präsentierte er ihn seiner Frau.

Es war eine Haselnuss. Die Schale bunt bemalt, aber eben doch eine Haselnuss und kein Silbertaler. Tsalinde rückte das Tuch zurecht, in dem sie ihren Säugling trug. Sie schaute auf die Hand ihres Mannes, dann in sein verblüfftes Gesicht.

Hagen begann, seine kräftige Pranke zu schließen, um die vermaledeite Nuss zu zerquetschen. Tsalinde legte ihre Hand begütigend auf seine. „Ein hübsches kleines Geschenk“, sagte sie mit einem Lächeln. „Komm, wir pflanzen sie ein, draußen im Hof. Vielleicht wird ja was draus.“