Benutzer:Treumunde/BriefspielPerricum
Raschtulswaller Ränke
Tod am Theater
Sturmfelser Wut
Sturm am Horizont
Große Dinge erfordern große Opfer
Große Dinge erfordern große Opfer
Still ruht die See!
Die Mühlen der Amtsstuben mahlen langsam
=Die Mühlen der Amtsstuben mahlen langsam
Die Diamantschädelreiter von Morganabad
Scharmützel am Berg
Borons Geleit
Alte Bande, neue Treue
Romin in Gefahr?
Die Furien vom Wall
Sonderausgabe der Perricumer Postille
Aranisches Teehaus oder Bosparanische Therme
Aranisches Teehaus oder Bosparanische Therme
Hinterhalt am Hafen
Flussleiche im Darpat
Eine Trage, keine Bahre!
Bagelaks Bande
Rituale des Walls
Bewachende Augen der Alxertis
Im Schutz von Burg Barbenwehr
Verborgen im Schatten der Berge
Verborgen im Schatten der Berge
Schlunder Schlägelschwinger
Alle für Einen
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Das Schröpfen
Bericht an die Heeresleitung
Die Stille von Burg Ox
Inspector Virlana Karani
Praios Richtspruch
Praios Richtspruch [Bega]
Kastration des Stieres
Sturmfelser Sturheit
Der Berg grummelt
Neue Herrin auf Bergwacht
Rabicumer Zwickmühle
Anfang Ingerimm 1042 BF Markgrafenhof zu Perricum
Rukus von Rabicum betrat das Arbeitszimmer des Senneschalls und seines Vaters Zordan von Rabicums am markgräflichen Hof. „Habe ich das gerade richtig gesehen?“
Zordan von Rabicum öffnete währenddessen ein gesiegeltes Schreiben des Markgrafen, welches er vom reisenden Kaiserhof verschickt hatte. „Was? Wen?“ „Sie sieht aus wie eine wandelnde Leiche. Auf dem Schlachtfeld müsste sie Angst davor haben nicht als Untote gerichtet zu werden.“ Der erste Ritter des Markgrafenhofes setzte sich in den Ohrensessel nahe des Schreibtisches.
Der Senneschall schüttelte ungläubig den Kopf. „Das gibt es doch gar nicht.“
„Ja, sag ich doch. Wie konnte die Sturmfels das überleben. Die Götter scheinen eine schützende Hand über sie zu haben.“ , sinnierte Rukus von Rabicum.
„Was, nein, das meine ich nicht. Ich bezog mich auf den Inhalt des Schreibens. Aber die Sturmfels ist wahrhaft ein zäher Hund." Zäher als mir lieb ist, dachte der Seneschall. "Ich hatte vor einem Stundenglas ein Gespräch mit ihr. Ich meine, sieh sie Dir an. Verstümmelter Arm, völlig ausgemergelt. Ich habe sie gerade davon zu überzeugen, als Baronin von Sturmfels zurückzutreten. Mit den körperlichen Einschränkungen kann sie das Amt doch gar nicht in voller Pracht ausüben…. Sie hat mir zugestimmt, der Gigant wolle sie nicht mehr. Und jetzt das.“ Zordan wedelte mit dem Schriftstück.
„Ich verstehe, Sie ist dir ein Dorn im Auge seitdem sie den Giganten nieder rang. Und das nur wegen des alten Ochsen und seinen Phantastereien. Hast Du sie nicht sogar genau deshalb zum Oberst gemacht...", einen weiteren Teil sprach er nur in Gedanken aus, "...und gehofft, dass sie beim Heerzug gegen Haffax fällt.“ Sein Vater würde eine so direkt Farge nie beantworten und Rukus war sich auch nicht sicher ob er es wissen wollte.
„Du verstehst mich. Ich habe nichts gegen sie persönlich, doch eine Liaison der beiden Oberhäupter von Ochs und Sturmfels, stärken nur die Ambitionen des Ochsen auf unsere Krone. Zu viel Macht, zu konzentriert, das ist gefährlich für uns.“ Er stockte kurz und schob „und die Markgrafschaft“ nach.
Zordan schüttelte gefrustet erneut den Kopf. „Ich hatte sie soweit, ich denke sie wäre definitiv zurückgetreten. Und Zack, kein Sturmfelser Oberhaupt mehr, Kopf ab! GUte Ausgangslage …. Aber dieses Schreiben, untergräbt meine Intention.“
Rukus nahm das Schreiben aus den Händen seines Vaters entgegen und las es durch. „Der Markgraf scheint andere Pläne mit ihr zu haben. Orden, Belehnung – es kommt mir fast vor, als würde er sie umgarnen.“
Zordan zeterte weiter. „Nachdem er den Tikaris, der seine Kassen und damit die des Markgrafen geschröpft hat, kupiert hat, will er der Sturmfelserin Wasserburg geben. Wegen ihrer Verdienste um die Markgrafschaft, das ist seine Strategie. Er scheint, wie ich gesehen zu haben, dass sie auf dem Sturmfels nicht weiter herrschen kann. Aber das reiche Wasserburg? Ich fasse es nicht.“
Der erste Ritter Perricums las die geschriebenen Worte nochmal genauer durch. „Aber er beauftragt Dich, Vater, alles zu regeln. Das gibt doch Optionen, ihre Macht zu beschneiden. Dir fällst doch sonst immer etwas ein.“
Die Gedankenspiele seines Sohnes kamen dem Seneschall sehr zu pass. Er lag wie immer auf seiner Wellenlänge, so war es ihm auch sofort in den Sinn gekommen. „Da hast Du recht, Junge. Genau, jetzt weiß ich, wie ich ihr einen Stachel ins Fleisch setzen werde. Ich verkleinere ihr die freiherrlichen Lande und die Stadt wird nun absolut markgräflich. Dann setze ich den Jungen Romin von Tikaris ein, sozusagen als markgräflichen Landjunker, der wird wie eine stechende Nadel ihr immer ein Gegenpol sein. Dazu nehme ich der Sturmfelserin das Prachtschloss weg. Das wäre doch eine hervorragende Immobilie für eine Markgräfliche Kanzleistube. Vielleicht eine Nebenstelle des Zollwesens oder der markgräflichen Flussgarde?“ Zordan feixte und dachte laut weiter, während sein Sohn den gewieften Intrigen [politischen Zügen?] nur teilweise folgen konnte.
[Ina, Jan]
Der Senneschall verkündet
Anfang Ingerimm 1042 BF Höret! Höret! Höret!
Im Namen der Markgrafschaft Perricum
Im Namen des Markgrafen Rondrigan Paligan
verkünden wir, der Senneschall der Markgrafschaft Perricum
solle folgendes geschehen
Zum vierten Ingerimm 1042 BF haben wir das Rücktrittsgesuch ihrer Hochgeboren Korhilda von Sturmfels zu Sturmfels angenommen. Sie trägt mit fünften Ingerimm 1042 BF nicht mehr die Baronskrone von Sturmfels und die Bürde des Oberhauptes des garetischen Hauses Sturmfels. Der Markgraf dankt ihr für ihre geleisteten Dienste.
Zum zwölften Ingerimm 1042 BF verkünden wir, werden die in der Baronie Wasserburg neugeschaffenen Markgräflichen Lande „Markgräflich Wildengrund“ mit dem Landjunker Romin von Tikaris besetzt.
Sein inhaftierter Vater, als Familienoberhaupt, darf - dies gebührt dem Respekt vor dem adligen Geblüt und die Ehre selbst einem Verbrecher - einen Vogt ernennen, der bis zur Volljährigkeit des Jungen die Amtsgeschäfte führen wird.
Zum zwölften Ingerimm 1042 BF ziehen wir die Sonderrechte der Barone von Wasserburg um die Freiherrliche Stadt Wasserburg ein.
Zum zwölften Ingerimm 1042 BF verkünden wir die Belehnung von Korhilda von Sturmfels mit der Baronie Wasserburg. Bis zur vollständigen Genesung ihrer Hochgeboren von Sturmfels, wird Damina von Drosselpfort, die Amtsgeschäfte der Baronie Wasserburg als Vögtin leiten.
So sei es!
Gegeben zu Burg Perlenblick
12. Ingerimm 1042 BF
Zordan von Rabicum Senneschall der Markgrafschaft Perricum
[Ina, Jan]
Die Erblinie
Hilda war vom Markgrafenhof in Perricum zurück gekehrt. Nicht zurück zum Sturmfels, sondern nach Rossgarten.
Die Belehnung mit der Baronie Wasserburg war überraschend - für sie, ihre Familie und Freunde.
Noch angeschlagen und erschöpft durch Attentat und Reise schlief sie in ihren neuen Gemächern, während ihr Gatte, der eigens angereist war an ihrer Seite wachte.
Nach Stunden des Ausruhens erwachte die neubelehnte Baronin von Wasserburg.
Leobrecht hatte die Stunden damit verbracht sich seine Worte zurecht zu legen, denn er war so gar nicht begeistert von der Veränderung. "Hilda, Liebes, ich hoffe der Schlaf tat Dir gut?"
Korhilda streichelte zärtlich über seinen Handrücken und stemmte sich auf, um ihn liebevoll küssen zu können. Doch irgendwas stimmte hier nicht, sie küsste ihn, doch fühlte es sich kalt an, denn ihr Gatte erwiderte die Liebkosung nur zaghaft. "Was ist los, was bedrückt dich?"
Leobrecht sammelte seine Gedanken. "Wasserburg. Wasserburg bedrückt mich?"
"Wasserburg sollte dich erfreuen. Es erfreut mich, dass der Markgraf meine Leistungen zu würdigen weiß und mir diese Chance eröffnet."
"Irgendwas ist daran faul. Wasserburg, warum Du? Warum lebt der Tikaris noch?" Fuhr der Reichsvogt fort.
"Faul. Muss immer etwas faul sein. Ich habe herausragende Leistungen für die Markgrafschaft geleistet. Ich möchte Dich an den Haffax Feldzug erinnern." Korhildas Worte waren leicht gekränkt, wieso konnte ihr Gatte das nicht anerkennen.
"Ja, dass weiß ich. Dafür hast Du Orden und Auszeichnungen erhalten. Aber Belehnung mit einer Baronie. Das fühlt sich falsch an." Er sagte den letzten Satz, um gleich zu merken, dass die Wortwahl unglücklich war.
"Falsch. Meine Leistungen sind für dich weniger Wert, als Deine Leistungen, die Dir die Efferdstränen eingebracht haben?" Ein zickiger Unterton begleitete ihre Stimme.
"So meine ich das nicht und das weißt Du. Bitte schiebe die Emotionen beiseite und betrachte die Situation objektiv. Hier stimmt doch was nicht. Bitte lehne Wasserburg ab und trotze der Intrige. "
"Das meinst Du nicht wirklich Ernst" Hilda war erbost.
"Hilda komm zu mir auf die Tränen. Zu mir und Etilian. Lass uns den höfischen Intrigen entfliehen."
"Und auf eine Baronie verzichten. Lieber Leobrecht, ich weiß nicht was in Dich gefahren ist, aber ich werde diese Gelegenheit für mich und Wolfaran nicht verstreichen lassen." Die Baronin vertrat hier eine ganz eigene Ansicht.
"Wolfaran. Warum Wolfaran?"
"Er ist mein Erstgeborener, mein Erbe."
Leobrecht schüttelte missgelaunt sein Haupt. "Wolfaran und seine Linie ist mit Bärenau abgesichert. Leonora sollte Dein Erbe sein und ihr Bruder sollte verzichten." Wenn Hilda schon nicht verzichten würde, sollte die Nachfolge durchdacht sein.
"Auf keinen Fall. Wir haben Wolfaran viel zugemutet in seinem Leben. Die zwanzig Jahre als Bastard, das schreit nach einer Entschuldigung. Er ist ein großartiger junger Mann, der es sich verdient hat. Wolfaran ist von seinem Wesen besser geeignet als seine Schwester. " Korhilda war bewusst, dass es im Haus Ochs auf lange Sicht zum Streit um die Position des Oberhauptes kommen würde. Das nahm sie jedoch billigend in Kauf, da sie ihren Sohn für sehr fähig hielt.
"Hilda, weißt du was deine Entscheidung in meinem Haus auslöst" Leobrechts Tonfall war mürrisch und wurde lauter.
Korhilda reagierte ebenfalls mit Missmut, es war schwer zu diskutieren, wenn Schmerzen einen plagten. " Was ich auslöse. Ich erringe für Dein und nicht mein Haus eine Baronie. "
"Wenn Wolfaran Dein Erbe wird, bricht unsere Tradition zusammen. Iralda und Wolfaran in solch einer Position. Sie werden rebellieren. Dass ist so sicher wie die Praiosmesse am Praiostag."
"Leobrecht. Meine Entscheidung steht. Wolfaran ist mein Erbe. Wenn Du eine Gefahr siehst kann er mir als Wolfaran von Sturmfels folgen. Dann ist Dein Haus sicher." Hilda war sauer und patzig.
"Hilda" schrie Leobrecht. "Das ist nicht Dein Ernst. Wolfaran ist und bleibt ein Ochs. Punkt."
" Wolfaran ist und bleibt mein Erbe. Punkt." Schrie sie zurück.
Leobrecht sprang wie von einer Maraske gestochen auf.
Ihre weitere Unterhaltung war ein einziges Gekeife und Geschrei.
Bis der Reichsvogt wutschnaubend das Zimmer und das Gut verließ.
Vergiftetes Geschenk
Anfang Ingerimm 1042 BF Baronie Wasserburg
Leobrecht stand an der Reling und beobachtete den Hafen, während das Segelschiff „Ehre von Effora“ Perricum gen Efferdstränen verließ.
Nach dem heftigen Streit mit seiner Frau, hatte er die Baronie Wasserburg überhastet verlassen, ohne mit ihr noch einmal zu reden. Er war augenscheinlich noch wütend, aber auch unglücklich mit der Situation. Sie hatten ein ehernes Abkommen, wenn sie abends zu Bett gegangen waren, waren alle Kämpfe ausgefochten.
Die letzte Nacht in Wasserburg verbrachte er hingegen gar nicht neben ihr. So gestritten hatten sie sich noch nie. Und das in über dreißig Jahren der tiefsten Verbundenheit. Der Streit machte den Reichsvogt sehr betrübt.
Er bat Korhilda Wasserburg zurück zu geben, um dem Ränkespiel, welches er vermutete, zu entgehen. Da brach der Streit los und eskalierte.
Leobrecht wusste irgendwas stimmte hier nicht in der Markgrafschaft. Er vermutete eine Intrige. Man hatte seine Frau als Oberhaupt des Hauses Sturmfels abgesetzt, das sagte ihm sein Bauchgefühl. Die Wasserburg war ein vergiftetes Geschenk, da war er sich sicher.
Zudem ergab sich durch die Belehnung seiner Frau die Konstellation, dass aus seinem Sohn ein Erbbaronet wurde, da Hilda sich weigerte die Erblinie auf Leonora zu übertragen. Ein Erbe einer Baronie, was ja durchaus was Positives. Doch Wolfarans Stellung als erster in der Erbfolge würde es dem Reichsvogt erschweren ihn auf königliche oder kaiserliche Posten im Range eines Vogtes zu manövrieren.
Sein nachfolgendes Kind, die halbwüchsige Leonora, war noch zu jung für politische Ambitionen in höheren Ämtern. Eine Krux, dem Haus Ochs fehlte eine ganze Generation.
Er hoffte seine Frau wäre stark und standhaft genug, sich unbewusst gegen diese versteckte Intrige zu wehren, wenn er sie schon nicht von ihrem Rücktritt überzeugen könnte. Die Kröte mit Wolfaran als Erbe musste er wohl oder übel schlucken.
Leobrecht kam zu dem Entschluss, dass es nichts brachte sich weiter aufzuregen. Die Sachlage ließe sich nicht mehr ändern, solange Korhilda darauf bestand Baronin zu bleiben, die Zeit kann man nicht zurückdrehen. Es ist, wie es ist! Er wollte den Blick nach vorne richten und die Gegebenheiten annehmen. Kein Joch zu groß!
Der Reichsvogt dachte kurz darüber nach, dem Kapitän zu sagen, er solle in den Hafen zurück fahren. Aber er entschied sich dagegen, er konnte seiner Frau zurzeit nicht unter die Augen treten, es brodelte in ihm, das würde nur noch mehr Porzellan zerschlagen. Er musste sich innerlich abkühlen, die Situation musste sich beruhigen.
[Ina]
Auf der Lauer
Burg Wildenfels, Landjunkertum Wildengrund
Fürsorglich deckte er den tief schlafenden Jungen mit einer fein bestickten Decke zu. Der Kleine war geschafft vom Tag. Thamian de Vargas gab seinem Mündel Romin einen Kuss auf die Stirn, dann drehte er sich zu Malwin rüber und beide verließen leise das Schlafgemach des Jungen.
Die beiden Männer schritten schweigend durch die dunklen Gänge der alten Burg. Dieses Gemäuer war nun ihre neue Heimstatt, nachdem Zordian von Tikaris als Baron vorn Wasserburg abgesetzt und unter Hausarrest gestellt wurde. Dem ehemalige Baron wurde zugestanden das geräumige und äußerst hübsch anzusehende Jagdschloss Drakenstein – das Lieblingsschloss des Tikaris – zu beziehen. Hier konnte er weiter mit seinen Spielsteinen, Miniaturschlössern und -kutschen spielen. Eigentlich hatte sich für Zordian also nichts verändert. Perainian würde gut für ihn sorgen, denn Thamian würde das nun nicht mehr tun können. Er hatte nun eine andere Aufgabe, ein anderes Schicksal zu erfüllen.
Zordians unmündiger Sohn wurde im Zuge des Falls seines Vaters zum Landjunker von Wildengrund ernannt. Welch aberwitzige und xeledonische Posse, wie Thamian befand, und ein klares Zeichen dafür, dass im Hintergrund mehr Mächtegruppen in die Fehde involviert waren, als es den Anschein hatte. Sie hatten hoch gespielt und verloren – doch waren sie vergleichsweise weich gefallen. Der kleine Romin war nun als Herr über weite Teile der ehemaligen Baronie seines Vaters ein kapitaler Dorn im Fleisch der Sturmfels. Jemand hatte offenkundig eine hämische Freude daran der Sturmfels das gemachte Nest gründlich zu vermiesen.
Der Magier traute der Baronin, die vorgab ritterlich zu handeln und dabei offenkundig ihren eigenen Ansprüchen nicht genügte, nicht über den Darpat. Er sah das Leben des Jungen immer noch in Gefahr. Daher wurde nicht die kleine, am Fluss gelegene Burg Auenwehr als Sitz des neuen Landjunkers gewählt, sondern die hoch auf einen Berggipfel thronende Höhenburg Wildenfels. Ihre dunklen und abweisend wirkenden Mauern gaben dem Markt Wildengrund Schutz vor den Gefahren des Walls – und vor der neuen Baronin von Wasserburg. War die Burg auch nach außen hin schroff und abweisend, beherbergte ihr Inneres ungeahnte Annehmlichkeiten, Zordians Werk. Die Wände waren mit den besten Hölzern vertäfelt, oder mit hochwertigen Wandteppichen geschmückt. Unzählige Feuerstellen hielten das Gemäuer auch im Winter angenehm warm. Auch gab es ein Heißes Bad, das durch eine wundersame, mechanische Apparatur mit erwärmten Wasser versorgt wurde. Zudem hatte man hier einen außergewöhnlichen Blick über die Ausläufer des Walls und den Darpatauen. Hirschplatte und Darpatsicht bildeten ein malerisches Bergpanorama, während sich die Wasserburger Hügel in Richtung Darpat hin öffneten und den Blick weit über den Darpatbogen freigaben.
Dem jungen Landjunker sollte es hier also an nichts fehlen – und vor allem hier war er sicher!
Er, Thamian de Vargas, wurde zum Erzieher des Jungen bestimmt, während Malwin von Kobernhain - ebenfalls ein treuer Gefolgsmann des gefallenen Barons - zum Vogt über die weiten Lande von Wildengrund ernannt wurde und diese nun bis zur Volljährigkeit Romins in seinem Namen verwaltete. Der gute Perainian Huflinger würde sich unterdessen um das Wohlbefinden des ehemaligen Barons kümmern. Die gute Seele kannte seine Marotten und konnte gut damit umgehen.
Thamian und Malwin waren unterdessen in Anranischen Salon angekommen und ließen sich auf ausladenden Diwanen nieder.
„Der Junge wirkt befreit“, durchschnitt der Vogt die Stille, während er sich Wein in ein Kristallglas eingoss. „Er wird hier seinen Frieden finden und erblühen.“
„Er ist hier im Wall sicher vor den Nachstellungen dieser Furie“, erwiderte Thamian mit analytisch ruhiger Stimme, „es wird unsere Aufgabe sein, ihn zu einem großen Herrscher zu machen.“
„Ich verstehe nicht, warum hat man ihn fast die gesamten Stammlande der Tikaris überlassen? Man hätte ihn und seinen Vater auch einfach auf den Efferdstränen verschwinden lassen können.“ Malwin konnte es immer noch nicht begreifen.
„Wie es scheint, hatten wir mächtige Fürsprecher – die uns entweder helfen oder dieser Sturmfelser Furie schaden wollten.“ Thamian wirkte nachdenklich. „Der junge Romin hat nun Zugriff zu nicht unbeträchtlichen Einnahmen. Diese Lande sind wohlhabend und der Handel bringt viel ein, wie etwa der wohlbekannte Eisenmarkt von Wildengrund.“
„Ja, ganz im Gegensatz zu der Sturmfelserin.“ Malwin grinste hämisch. „Durch die Intervention der Pfortenritter sind die Ausgaben für die Söldner aus Morganabad stark gestiegen. Weit stärker als wir aus den Kassen der Baronie bezahlen konnten. Mit der Baronswürde hat sie nun auch die Schuldscheine und die leeren Kassen geerbt.“
„Die Wendungen des Schicksals sind unergründlich.“ Der Anflug eines Lächelns huschte über das Gesicht des Magiers. „Egal wer uns unsere Aufgabe als Dorn im Fleisch der Sturmfelserin aufgetragen hat, wir werden sie gerne erfüllen.“
[Bega]
Wenn das Gneiserich wüsste
Ingerimm 1042 BF, Burg Wasserburgenau, Baronie Wasserburg.
Es war ein schöner Ingerimmtag im Götterlauf 1042 BF. Adelinde von Meidersee, die ehemalige Vögtin von Wasserburgenau, saß unter einem schattenspendenden Baum auf Gut Wasserburgenau.
Die alte trutzige Wehrburg lag oberhalb des Darpats mit einem malerischen Blick auf die Auen des großes Flusses.
Ihr Neffe Eborian , seines Zeichens Mundschenk und Herold am Hof zu Gerbenwald, stattete der alten Dame einen unerwarteten Besuch ab. „Tante, gut siehst Du aus.“
Adelinde war durchaus skeptisch. Es kam selten vor, dass die bucklige Verwandtschaft die einsam lebende Dame aufsuchte. „Was führt Dich zu mir?“
„Tante, es gibt Neuigkeiten, Berichte, die ich Dir unbedingt mitteilen wollte.“
„Was kann schon so interessant sein, dass Du den Weg von Barbenwehr auf Dich nimmst.“
„Der Tikaris ist nicht mehr Baron von Wasserburg. Der Senneschall hat ihn geköpft. Also nicht im echten Leben, denn er lebt noch. Aber er hat ihn entlehnt. Und noch eine Nachricht erreichte meine Herrin vom Markgrafenhof.“
„Wahrlich, er hat ihn abgesetzt. Das geschieht ihm nach dieser unsäglichen Fehde zu Recht. Weiß Andor schon Bescheid? Wir müssen ihn in Position bringen. Wenn Gneiserich das noch erleben würde.“
„Ähm, Tante“ räusperte sich Eborian. „Du hast mich leider nicht zu Ende berichten lassen. Der Markgraf, respektive sein Senneschall, hat bereits die Nachfolge bestimmt.“
„Eborian, nein das kann nicht wahr sein. Sag wer wird es?“
„Jemand, den die Familie Wasserburg, als auch die Familie Henigsfort verteufeln dürfte, da sie auf lange Sicht Baronin bleiben könnte.“
„Sie wer ist sie?“
„Die Sturmfels, Tante. Korhilda von Sturmfels.“
„Wenn das Gneiserich wüsste.“ Waren die letzten Worte der Dame, ehe sie kopfüber vom Stuhl fiel. Die Information war zu viel für die alte Frau und hatte ihr den letzten Lebenswillen ausgelöscht.
Schlusswort von Calira Bernstein
Ende Ingerimm 1042 BF Es berichtete für Sie Calira Bernstein, Redakteurin für die Walllande
Verehrte Abonnenten, verehrte Lesende!
Über eine lange Zeit hat uns der Zwist zwischen Korhilda von Sturmfels und Zordian von Tikaris gebannt und mir die Möglichkeit gegeben dieses Ereignis in meiner Reihe Raschtulswaller Ränke im Politikteil der Perricumer Postille aufzuarbeiten.
Der Absatz unserer Zeitschrift ist sprunghaft gestiegen, so dass wir von der Redaktion davon ausgehen, dass sie die Aufarbeitung der Fehde zwischen Wasserburg und Sturmfels, und im Nachgang Weißbarûn, ebenfalls gefesselt hat.
Durch das Machtwort unseres geliebten Markgrafen, gehen wir von der Perricumer Postille davon aus, dass die Fehde als beendet einzustufen ist. Wir versuchen noch aufzuarbeiten, weshalb der Markgraf die verkündeten Entscheidungen getroffen hat. Einen Kommentarwunsch an den Senneschall Zordan von Rabicum haben wir bereits gestellt, dieser blieb jedoch bisher unbeantwortet.
Die neue Baronin von Wasserburg, Korhilda von Sturmfels, steht uns für eine Unterredung zurzeit nicht zur Verfügung. Sie befindet sich noch im Krankenbett. Wir alle von der Perricumer Postille schicken ihr hiermit die besten Genesungswünsche. Alle Lesenden sind sicher, genauso wie wir, interessiert die Aufarbeitung von einer direkt beteiligten Person zu erfahren.
Ihr Mann lehnte leider jegliche Anfragen zwecks eines Gesprächs in dieser Thematik ab und stand für keine Stellungnahme parat.
Ein Fragegespräch mit dem inhaftierten Zordian von Tikaris wurde uns bisher abgelehnt. Wir bleiben am Ball und werden nicht locker lassen.
Verehrte Abonnenten, verehrte Lesende, ich bedanke mich herzlich bei Ihnen und Ihrer Unterstützung.
Wie mir angetragen wurde, sind weitere Fehdeereignisse in Garetien zu erwarten!
In der Hoffnung sie bleiben mir weiterhin treue Leser!
Ihre Calira Bernstein
[Ina]
Kampf gegen den Giganten
Ringen um den Sturmfels
Ende Ingerimm 1042 BF Höret! Höret! Höret!
Im Namen der Sturmspitze, im Namen von Firuns Thron, im Namen des Sternenweisers, im Namen von Ingerimms Amboss, im Namen des Sturmwächters, im Namen der Trollspitze, im Namen von Rukus Heimstatt, im Namen von Rondras Schwert, im Namen von Orkensturz und Angram Agarak verkündet das garetische Haus Sturmfels folgendes
Nachdem Rücktritt der Baronin von Sturmfels, Korhilda von Sturmfels, wurde, wie der Brauch der Walllande es erfordert und das Ritual des garetischen Hauses Sturmfels es verlangt, erneut um die Herrschaft der Baronie Sturmfels um den Giganten gerungen.
Die tagelangen Prüfungen legten viele Mitglieder des Hauses Sturmfels ab und trotzen dabei dem Giganten.
Heroisch tat sich vor allem Ucurian von Sturmfels-Feuerfang hervor, der die Gunst der Berge für sich gewinnen konnte.
Somit ist es uns eine Freude dem Adel mitzuteilen, dass der Letztgenannte den Sieg errungen hat und als Ucurian von Sturmfels die Geschicke des garetischen Hauses Sturmfels und der Baronie Sturmfels leiten wird.
Den Handschuhschwur vor dem Markgrafen legte er bereits ab.
Möge er ohne Furcht und Tadel herrschen.
So sei es!
Gegeben zur Festung Stumfels
[Datum] [Siegel] Wolfwart von Sturmfels Kastellan zur Feste Sturmfels
[Ina, Jan]
Ein Grollen und Beben
Auf dem belebten Markt von Hordenberg, der Bericht eines, der Zeuge war. Ende Ingerimm / Anfang Rahja 1042 BF
"Am Ende konnte es ein jeder der illustren Scharr vernehmen, das Grollen des Erzenen in den Ohren, sein Beben des schroffen Landes in den Beinen, getragen in den Körper eines jeden Zeugen. Der Berg, der Gigant, er hatte denjenigen erwählt der sein neuer Herr und Diener sein sollte. Nur ein Fremder aus dem Herz des Reiches, konnte ebenjenes des Giganten erreichen und mit seinem verschmelzen, so dass es nun ebenfalls von Erz ist."
Der kleine Mann in karierter Perricumer Tracht, mit der untersetzten Haltung und der langen Nase eines Vogels hob den Finger.
"Ucurian von Sturmfels! Der Name verheisst Triumph und Wille, Stärke und Wahrhaftigkeit. Schüler der vorangehenden Herrin, die den Giganten in Gram und Fehde verließ. Ucurian von Sturmfels - rief auch der Gigant aus und wir alle erzitterten unter seiner Macht, nur der neue Herr des Berges stand dort wie der Fels selbst."
Mit den Händen formte der kleine Erzähler mit der etwas sonoren Stimme ein Dreieck, als Symbol des Berges oder der Zuflucht.
"Doch der Gigantensohn ließ unsere Scharr teilhaben daran wie er dies zu schaffen vermochte, er sprach von dem flüsternden Ruf des Walls und des Landes, wie er das Grollen nannte. Wer es verstand darauf zu hören - im steten mahlen des Gesteins, seinem glutvollen Inneren, dem plätschern der Bergbäche, wie auch im Grollen und Beben - der konnte den Willen daraus ergründen."
Der Erzähler kniff seine Augen zusammen und wandt seinen Kopf langsam im Halbkreis.
"Doch damit nicht genug, er sagte Jahrhunderte lang ergründeten die Diener und Herren des Sturmfelses nun schon seinen flüsternden Ruf, doch erst das Wiedererscheinen Korgonds und der Fall der Sterne würden uns nun seine Worte verstehen lassen, die nun nicht mehr länger nur ein flüsterndes Grollen sein sollten, sondern mit ihm, dem Gigantensohn, nun ein lautes Sprachrohr haben sollten. Er würde nicht nur Ergründer, sondern auch Vermittler sein. Seinem Namen Ucurian anstehend."
Die Hände des Mannes öffneten ihre Handflächen nach Außen und stoben mit gespreizten Fingern bedächtig auseinander.
"Wir alle - auch viele derer die zuvor noch gegen ihn um die Gunst des Giganten stritten - verbeugten uns ganz natürlich vor seiner urtiefen Weisheit, die aus diesem jungen Körper sprudelte. So kniete auch der Wasserburger Junkersmann Ronderich vor ihm und bot ihm symbolisch sein Schwert, ganz erfasst vom Triumphesglanz des Ucurian. Er sprach ihm die Treue als neues Oberhaupt aus und lobte seinen triumphalen Sieg vor dem Giganten in großen Worten, da er noch nie ein Geschöpf der Götter sich so in den Bergen bewegen gesehen hätte. Er selber hätte den Berg nicht verstehen können. Und so nahm ihn der Gigantensohn auf an seine Seite. Und tat es gleich mit seinen vorherigen Kontrahenten, wie u.a. den Wohlgeborenen Herren Abelmar, der zuvor noch überheblich seine Aussichten gefeiert hatte, dem aber seine höfischen Finessen im Wettstreit mit den Hängen des Giganten nicht hilfreich waren. Auch die stattliche Ritterin Ayana kniete nun vor Ucurian, so gut ihr ramponiertes Bein es zu ließ, welches ihr beinah von einem herabfallenden Fels zerschlagen worden wäre. Der Gigant hatte offenbar ihrer nachlässigen Art gezürnt und sie seine Härte spüren lassen. Gestützt wurde sie dabei von Ritter Leuhelm, der zwar nicht am Ringen teilgenommen hatte, aber dennoch dem neuen Herren seines Hauses in vorderster Reihe Tribut zollte. Sie beide waren angereist mit der Edelgeborenen Ritterin Nera, die in der Heimat an der Küste Sorgen plagen und die deshalb ihr Schicksal im Wettstreit hier gesucht hatte, doch die Sorgen hatten ihr die Sicherheit des Griffs an Felswand und am Schwerte genommen, so dass der Gigant sie abgelehnt hatte. Auch sie hatte sich neben ihre Anverwandten aus Brendiltal gesellt."
Einen überraschten Blick tat der Vogelgesichtige darauf hin.
"Mit ebenso heeren Zielen war ein Kind des Sturmfels des Nordens angereist, deren Name Geriane bereits von Heldentaten kündet, so hatte sie zu Beginn verlauten lassen, nicht Fehdeabsicht zu kommen sondern in der Absicht die Häuser nun endlich zu einen, in einem Haus des Sturmes. Doch - auch wenn sie vielleicht des Herren Ucurians größte Widersacherin war - reichte ihr Ehrgeiz nicht aus um den Gigantensohn zu gefährden, zu sicher hatte seine Schritte gesessen, zu kraftvoll sein Griff, zu stark sein Wille zum Sieg. Und so ging die Sturmfelserin des Nordens wie sie gekommen war, in ehrlichem Willen zur Einigung und mit ehrerbietigem Gruße an ihren garetischen Bruder, den Herren des Sturmfels. Hinter all diesen glanzvollen Geschichten sollen andere nicht zurücktreten müssen, sowie die Hohe Dame Elea mit den Sommersproßen, von der Sonne geküsst, sowie die all über all respektierte und weise Junkersfrau Junivera. Die aber beide dem Giganten nicht so gerecht werden konnten wie sein höchster Sohn. Ebenso die vielen anderen Willigen, aus welcher Ferne sie immer kommen mochten und wenn sie auch noch so arm wie die Hartsteener Sturmfelser waren oder ein Land fernab des Giganten ihre Heimat nannten, wie Koscher, Almadaner oder gar Aranier und Horasier. Sie alle hatten hinter Ucurian zurückstehen müssen. Und nicht wenige von ihnen zollten dem nun Tribut. Ihre Rufe gellten seinen Namen, der an den Wänden des Giganten wieder hallte und sich mit dem Grollen vermischte. Und er - in seiner weisen Ruhe - aber auch denen gedachte die dem Ringen erlegen waren.
Zum Abschluß aber warf der Erzähler den Zuhörenden noch einen sinisteren Blick zu.
"Doch wo so viel Glanz und Triumph ist, ist auch Argwohn und Neid nicht weit. So war es zum Beispiel eine der erwähnten Erlegenen, die ihren Kontrahenten, vorallem Ucurian, den Vorsprung geneidet hatte. Und so sie gar, als ihr Gatte Ronderich, die Uneinholbarkeit des Gigantensohnes anerkannte, diesem die Ehefehde erklärte. Mit solch Hader im Herzen konnte sie den Aufgaben des Giganten aber nicht Herrin werden und der Gigant nahm sie zu sich in die Tiefen seiner Schluchten, was den Ritter Ronderich in seiner trauigen Treue nur noch bestätigte. Doch noch viel hasserfüllter finsterer waren die Drohungen des verschmähten Alrik XIV., Sohn Alriks XIII. der den Bund mit dem Giganten im Jahre '33 abgelehnt hatte, so dass an seiner Statt nur eine Platzhalterin treten konnte. Der Gigant zürnte der Blutlinie seiner alten Herren und Diener, die ihm so lange gute Verbündete waren, wohl gar heftig, so dass er den vierzehnten Alrik sang- und klanglos scheitern ließ. Der, ebenso erzürnt, weil er sich betrogen sah, verfluchte Berg und dessen neuen Sohn und schrie nach Vergeltung. Doch die treuen Streiter und respektablen Verlierer scharrten sich um ihr neues Oberhaupt, so dass Alrik XIV. nur gellend den Rückzug antreten konnte, nicht ohne seine Wiederkehr anzukündigen."
Ein gefälliges und gütiges, aber müdes Lächeln legte sich unter die große Nase des Mannes.
"Doch der Gigantensohn - anstatt dem Rufschänder ernsthaft zu zürnen - antwortete nur dröhnend, dass er hier harren würde, um sich dieser Prüfung zu stellen, wie ihn der Gigant auch wieder und wieder prüfen würde. Kein Sieg ohne Stärke, kein Triumph ohne erzene Behaarlichkeit und Treue zum Giganten und dem bergigen Land des Walls. Und so forderte er auch Treue für sich ein - unter denen die noch vor ihm standen. Denn Treue zu ihm bedeutete Treue zum Haus und diese die Treue zum Giganten selbst."
Und mit den Worten "Und wir alle frohlockten dem Gigantensohn Ucurian an diesem Tag und riefen ihn hoch." beendete der kleine Vogelmann und Erzähler seine Geschichte, erhob sich schwerfällig und ging in seinem eigentümlichen Gang auf sein freudiges Publikum zu, welches ihm bereitwillig ein paar Geldstücke angedeihen lies.
[Jan]
Alte Bande - Zerreißprobe
Rahja 1042 BF
Seltsamerweise war ihm der Abschied nicht schwer gefallen, auch wenn sein Schwiegervater es nicht gut hieß, er wusste das es nun nötig war. Dafür hatte der Prinz ihm gut zugesprochen. Wie schon als er mit sich gerungen hatte überhaupt zum Wettkampf mit dem Giganten anzutreten. Doch Sigman hatte ihm dazu geraten und ihm auch nun aufmunternde Worte mitgegeben. Er sei nun ein Paradebeispiel für den Bund mit dem Land und als solcher ein wirklich besonderes Mitglied des Rudels. Denn er verkörperte den Geist Korgonds. Und dieser Geist verlangte seine Anwesenheit am Giganten, als Wacht, ähnlich wie es Schwingenrauschens Schicksal war. Eine große Aufgabe im Dienste des Landes, vor der Götter Augen.
Und Ucurian wusste dass Sigman in seiner jungen Weisheit recht hatte, deswegen folgten sie ihm ja. Doch tief im Inneren hätte er den Zuspruch des Prinzen nicht gebraucht, dort wusste er nun wo er hin gehörte. Er wusste nun warum seine ehem. Schwertmutter immer von den schroffen Bergen des Walls in einem Ton gesprochen hatte als wären diese der Schoß ihrer Mutter. Auch er fühlte es und fand Trost über den Tod seiner Mutter darin. Und dennoch schien Korhilda den Giganten, das ehrhabene, rauhe Land, nie ganz verstanden zu haben. Denn sie war gegangen, weil es sie immer wieder von hier weggezogen hatte, weil ihr Herz nicht hier lag, in den Eingeweiden des Berges. Weil sie nicht erkannt hatte, dass Stärke nicht nur aus der Kraft des Körpers herrührte. Man musste sie sich vor ihm verdienen, immer und immer wieder.
Er hingegen hatte schon seit dem Augenblick als er den Berg das erstmal erblickte und erklommen hatte ein Band gespürt. Doch das war nichts gegen das Gefühl das ihn jetzt zu erfüllen begann. Er fing an den nunmehr dröhnenden Ruf des Giganten zu verstehen, ein triumphales und starkes Gefühl.
In diesem Gefühl des Monumentalen meinte er aber auch eine massive und ruhige Weißheit liegen zu sehen, die ihm Korhilda wiederum für ihre Dienste am Sturmfels der letzten Jahre und seine Ausbildung dankten, die ihn letztlich zu seiner wahren Bestimmung geführt hatten.
Aus diesen tugendhaften Gefühlen der urtiefen Weisheit und Stärke, der Würde, der Treue und der Großzügigkeit heraus, hatte er seine Schwertmutter und jetzige Nachbarin in Wasserburg unterstützen wollen. Da er ahnte, dass die Fehde, die Umstrukturierung des Lehens und der verschwenderische Lebensstil von Korhildas Vorgänger Wasserburg hinter seiner prächtig-protzigen Fassade ein bröckeliges Fundament beschert haben könnte.
Er hatte sich aussprechen wollen für sie, beim großfürstlichen Prinzen und dem Rudel. Doch ihre Antwort war knapp und eindeutig ausgefallen, dass sie sich in dieser Hinsicht nicht auf solche plumpe Art auf die Seite "dieses aufrührerischen Geistes" ziehen lassen würde. Eine Antwort die ihn nicht überrascht, aber dennoch geschmerzt hatte.
Erzürnt hatte ihn dann letztlich die einfache, unpersönliche Einladung zu Korhildas kleinem Ritterturnier. Von ihrer Vertreterin war er geschrieben worden, formal adressiert an "den Baron von Sturmfels". Kein intimes Wort seiner früheren Mentorin selbst. "Baron von Sturmfels...", er war nicht einfach nur ein gewöhnlicher Baron, dass hätte Korhilda wissen müssen, er war nun der Diener und Herr des Giganten. Sein Platz war hier, sollte sie doch im Prunk von Wasserburg versauern und weich gebettet vergessen was sie hier oben gelernt hatte.
Kein Wunder dass der Berg sie im Zorn verstoßen hatte, wo sie doch so wankelmütig und sehnsüchtig nach Leichtigkeit war. Er spürte diesen Zorn des Giganten, während dieser von ihm Besitz ergriff. Er würde nicht den Fehler machen dem Berg (jetzt schon) zu Gunsten ihres Turniers den Rücken zu zu kehren. Denn sein Platz war hier, dachte er sich während er sich energisch durch den Bart strich, den er sich seit Kurzem gedeihen ließ.
Wandel in Wasserburg
Abschied von Prunk und Protz
Anfang Ingerimm 1042 BF Schloss Rossgarten, Baronie Wasserburg
Da war sie nun, alleine in einem kitschigen Schloss, bei dem Prunk und Protz gegenwärtig war. Damina von Drosselpfort wurde der neuen Baronin von Wasserburg vom Markgrafen zur Seite gestellt, um bei den Amtsgeschäften behilfreich zu sein, solange Korhilda sich noch erholte.
Das Attentat war vor fast drei Monaten, dennoch kämpfte Korhilda noch mit ihrem Gesundheitszustand. Längeres Laufen fiel ihr schwer. Dieses Gift hatte es wahrhaftig in sich. Sie war zwar immer noch geschwächt, aber sichtbar auf dem Wege der Besserung.
Viel Zeit verbrachte sie in dem Ohrensessel im Arbeitszimmer, während sie mit Damina und Aurentian von Siebenthal die Ein- und Ausgaben der Baronie Wasserburg auf den Prüfstand stellte.
"Das sind alle Kassenbücher." Damina und ihr Gatte hatten alle Unterlagen aus dem ehemaligen Baronssitz Schloss Tikaris nach Rossgarten gebracht.
Korhilda, ihre Füße auf dem Hocker hochgelegt, ließ sich nach und nach die einzelnen Berichte und Bücher vorlegen.
Die Sturmfelserin hatte Jahrelang als Adjutantin des Wehrvogtes auf dem Arvepass gedient und die garetischen Truppen unterhalten, mit äußerst knappen Geldmitteln. Sie wusste genau, wie man Zahlen las und bewertete. Und vor allem wie man einsparte. "Welch Verschwendung.... tststs..." hörten die beiden Wasserburger Ritter des öfteren aus dem Mund ihrer neuen Baronin, die, das wurde allen Anwesenden so langsam klar, ein Fass ohne Boden vor sich hatte. Denn die Kassen der Baronie Wasserburg waren leer - verschwendet für Prachtbauten, Müßiggang und nicht zuletzt Söldner.
"Aurentian, bitte nimm Schreibfeder und Pergament zur Hand. Ich möchte, dass Du eine Liste über alle, zurzeit im Bau befindlichen, Protzbauten notierst. Anschließend wirst Du sie bereisen. Ich möchte, dass Du den Baufortschritt beurteilst. Wir werden jegliche Ausbauten im Umland stoppen, die nicht mit minimalen Aufwand zu beenden sind."
"Euer Hochgeboren, wenn ihr es wünscht." Aurentian gefiel sehr gut, dass die neue Baronin bodenständig und ritterlich war. Nicht wie der prunk- und protzsüchtige Zordian von Tikaris. Der alte Baron widersprach allem, was man als ritterlich bezeichnen konnte. Er widerte den Ritter an.
Korhilda blätterte weiter durch die Bücher und las sich tiefer in die Materie ein. "Damina, bitte verfasse ein Schreiben an den Stadtrat von Wasserburg. Teile ihnen mit, dass da Wasserburg nun unter Markgräflicher Herrschaft ist, die Barone von Wasserburg keinerlei Zuschüsse zu den im Bau befindlichen Gebäuden zuschießen kann und wir uns somit nicht mehr daran beteiligen werden. Das Ganze schön verblümt... blabla... tut uns leid und so weiter. Und mach mir bitte eine Aufstellung zu den Schuldscheinen, mir dünkt, dass da einiges im Argen liegt. Da müssen wir unbedingt ein Auge drauf werfen. Was steht als nächstes auf unserer Tagesordnung?"
Damina lächelte. Es würde ihr sicher Freude bereiten den alten Pfeffersäcken aus der Stadt die Absage zu erteilen, gleichfalls graulte es ihr die Schulden aufzustellen. Der Tikaris lebte wahrhaft auf großem Fuß. "Euer Hochgeboren, als nächstes würde ich gerne das Thema Belehnung und eine Feierlichkeit ansprechen. Gedenkt ihr Eure Belehnung in einem angemessenen Rahmen zu feiern?"
Korhilda hielt inne und dachte nach, ohne die Frage zu beantworten. Daher führte Damina das Gespräch weiter. "Im Markt Drosselau wird das Fest der Freuden in Wasserburg groß gefeiert. Euer Gestüt Aquamarin präsentiert dort seine besten Rösser. Ich schlage vor direkt im Anschluss an die freudigen Festtage ein Turnier in Rossgarten abzuhalten."
Die Baronin von Wasserburg lächelte gequält. "Ein Turnier, ich kann kaum von einem Raum in den anderen gehen, wie soll ich da ein Pferd besteigen?"
"Was haltet ihr davon, wenn es ein Turnier für Jungritter gibt, die ihren Ritterschlag nicht länger als fünf Götterläufe besitzen. Dazu ein Ringstechen unter den Knappen. Die Adelssprösslinge können sich dann untereinander messen und die Eltern dem Ereignis beiwohnen und von der Tribühne zuschauen. Als Preis loben wir ein Pferd aus Eurer Zucht aus, und für die Knappen eine edle bestickte Pferdedecke..." warf der Ritter von Siebenthal seinen Vorschlag in den Raum.
"Das klingt gut, Aurentian. Ich bin Mitglied eines Ritterbundes, da ist ein Turnier wohl das Passenste. Aber bitte nicht zu groß, nicht zu pompös."
Damina ergriff wieder das Wort. "Wir werden Einladungen in der Markgrafschaft Perricum, an Eure Standesgenossen und an Befreundete übersenden. Gleichfalls an Eure, euch nahestehenden, Garetier und einige ausgewählte Greifenfurter, mit denen ihr Kontakte unterhaltet. Im Dorf Rosshang gibt es ein paar Herbergen und wir können Zelte um den Tjostplatz aufstellen. Adlige die es exklusiver wünschen, müssten sich eigenständig in Wasserburg einquartieren. Eure Familie werden wir im Schloss unterbringen, wo wir einen kleinen Empfang geben."
Beim letzten Satz seufzte die Sturmfelserin. "Meine Familie, ja seht, wen ihr erreichen könnt und wer gewillt ist zu kommen." Korhildas Aussage spielte klar auf den Streit mit ihrem Gatten hin, der ihre Baronie vor kurzem im Streit verlassen hatte.
"Er wird sicher kommen. Ich weiß Euer Streit war heftig, doch so wie ich Euren Gatten einschätze, wird er nicht gegen die Etikette verstoßen und dem Ereignis fernbleiben. Dazu ist das die Gelegenheit für Euren Sohn und seine Frau, Euch den kleinen Trisdhan zu überstellen. Er soll doch in Perricum ausgebildet werden, jetzt wo er Euer Erbe nach Wolfaran ist."
"Ja. Macht es so Damina, aber lasst uns bitte das Thema wechseln. Denkt bitte unbedingt an die Einladung an Ginaya von Alxertis, Fridega von Ispperberg, Gidiane von Waltern und Alrik XII. vom Sturmfels. Ihnen bin ich zu großem Dank verpflichtet und stehe für immer in Deren Schuld. Ich möchte Ihnen gerne privat ein paar Zeilen zum der Einladung schreiben."
"Ich bereite alles vor, möchetet ihr Eurem ehemaligen Knappen auch eine gesonderte Einladung zukommen lassen?"
Korhilda dachte lange nach. "Nein, Damina, besser nicht. Ich erkenne in dem Mann nicht den Knappen den ich einst ausbildete. Er ist ein vollkommener Träumer geworden, jegliche Bodenhaftung hat er verloren. Zieht mit dem Fuchsrudel umher und versteckt seine Aufrührerische Haltung hinter dem Mythos Korgond. Großfürstbewegung wenn ich nicht lache, das ist nichts anderes als Verrat an der Krone. Er soll eine Einladung bekommen, wie jeder andere aus, wie es seinem Stand gebührt. Mehr nicht."
Korhildas Herz schmerzte sehr, wenn sie an Ihren Gatten und ihren Knappen dachte. Sie hatte Schwierigkeiten die Tränen bei den Gedanken zu unterdrücken. Sollte sie Leobrecht auch ein paar Zeilen widmen, oder blieb sie besser stur? Sie war unentschlossen, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Ucurian war in ihren Augen verloren, sie hatte nicht die Kraft sich beiden Problemen zu widmen.
Einladung zur Feierlichkeit
Höret, Höret, Höret!
Von dem sehnlichen Wunsch durchdrungen, die edlen Ritter und Knappen im rondragefälligen Kampfe messen zu lassen, verkünden wir zum 05. Rahja 1042 BF die Austragung eines Ritter- und Knappenturnieres, um die Belehnung ihrer Hochgeboren Korhilda von Sturmfels mit der Baronie Wasserburg feierlich zu begehen.
Mögen sich die edlen Herrschaften in der Tjoste und im Ringstechen messen.
Am Ritterturnier teilnehmen können Jungritter, deren Ritterschlag nicht länger als fünf Götterläufe zurückliegt und die das Alter von 27 Jahren nicht überschritten haben. Auf, dass ihre ehemaligen Schwertväter und edlen Familien stolz auf ihre Sprösslinge sein werden.
Dem Sieger des Ritterturniers winkt ein rassiges Tulamidenross aus der Zucht des Gestüts Aquamarin, dem Sieger des Knappenturniers wird eine edle, bestickte Satteldecke überreicht.
Anschließend zum Turnier laden wir zu einem Empfang in das Schloss Rossgarten.
So die edle Gesandtschaft diesem Ereignis beiwohnen möchte, bitten wir höflichst um eine Rückmeldung.
gegeben im Ingerimm 1042 BF zu Schloss Rossgarten, Baronie Wasserburg
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Irdisch:
Wer seinen Ritter oder Knappen zum Turnier anmelden möchte, schicke mir bitte eine Mail unter coris@gmx.net. Hierzu bitte ich folgende Regeln zu beachten: Rosshanger Lanzenstechen
Weißer Diamant auf rotem Blutstropfen
"Hey Kleiner. Ja Du!" Ein hünenhafter Mann schritt auf den Burschen mit dem langen blonden und lockigen Haar zu.
Trisdhan, der Enkel der neuen Baronin von Wasserburg, war gerade ein paar Stunden in seiner neuen Heimat und inspizierte die Umgebung. Der grobschlächte Mann ängstigte ihn.
"Bist neu hier nicht wahr?" Der Mann trat vor den Jungen, sein langer Schatten bedeckte ihn. Trisdhan nickte scheu wie ein Reh.
"Deine Mutter ist auch neu hier, habe ich gehört?"
Besserwisserisch antwortete der Knabe "Meine Oma, nicht Mutter." Als die zornigen Blicke der zwielichtigen Gestalt ihn trafen, wurde er ganz schnell wieder ruhig.
"Dann teile Deiner Oma mit, dass wir an unseren Forderungen festhalten." Er gab ihr ein Blatt Pergament auf dem ein weißer Diamant auf einem roten Blutstropfen aufgemalt war. "Und sag ihr, du bist ein hübscher Junge und die Pferdezucht ist auch ganz ansehnlich. Wir wollen doch, dass hier niemandem etwas passiert. Hast Du verstanden, Kleiner?"
Trisdhan antwortete nicht mehr, er nahm das Blatt Pergament in die Hand und spurtete, so schnell erkonnte zum Schloss zurück.
Der Mann nickte sich selbst zufrieden zu. Silvana wird ihn sicher loben, für seinen Einsatz.
"Oma, Oma" Trisdhan lief laut rufend zu seiner Großmutter. "Da war ein Mann. Ein Hüne. Der sah ganz böse aus."
Korhilda nahm ihren Enkel beschützend in den Arm und versuchte ihn zu beruhigen. "Schsch... alles ist gut. Ich bin da und werde dich beschützen." Sie strich sanft über sein Haar und hielt ihn ganz fest.
"Er sagte ich soll Dir das Blatt geben und Dir sagen, dass ich ein hübscher Junge bin. Und Du eine tolle Pferdezucht hast. Dass ja niemanden was zustoßen soll. Was meint er damit?" Trisdhan war ganz aufgeregt.
Korhilda schaute sich die Nachricht genauer an und schaute fragend zu Damina, die sich des Schreibens annahm. "Die Dreudwinder Bande. Die Tikaris Schuldscheine, die ihr geerbt habt. Ich denke, es war eine erste Drohung die Schuldzahlungen nicht zu vergessen."
Die Sturmfelserin grübelte. "Bitte eroriere die Zahlungen, die die Dreuwinders von mir erwarten. Wir haben nicht so viel Geld, die Kassen sind bis aufs äußerste strapaziert. Das Turnier können wir wahrscheinlich nicht mehr absagen. Aber ich hörte mein Bundesbruder Nimmgalf lässt es sich nicht nehmen zu kommen. Ich weiß nicht ob er überlesen hat, dass das Turnier nur für Jungritter ist." Beide mussten schallend lachen. "Wie dem auch sei, das Haus Hirschfurten hat Geld und ich werde ihn um Unterstützung bitten."
Familienbande
Korhilda saß auf einer stilvollen Récamière im weißen Gartenpavillion des großen Gartens auf dem Schloss Rossgarten, sie versuchte sich zu entspannen, nachdem sie am Vormittag zusammen mit ihrem Sohn den großen Pferdemarkt in Drosselau eröffnet hatte. Die Gartenanlage war wirklich prachtvoll und schien auch der neuen Baronin zu gefallen. Viel grün und viele verschiedene Rosenzüchtungen. Ein richtiger Unterschied zu dem kahlen Grau, welches den Sturmfels beherrschte.
Um sie herum herrschte ein reges Treiben. Die Baronin genoss es ihren jüngeren Enkelkindern zuzuschauen wie sie spielten, zusammen waren sie mit ihrem Vater Wolfaran angereist. Wolfaran, der seinen Posten als Kanzleirat aufgegeben hatte, würde nun dauerhaft an ihrer Seite verbleiben. Eine Tatsache, die die neubelehnte Baronin, sehr freute. Auf Leonora musste sie bei den Feierlichkeiten leider verzichten, war sie er gerade ihrem Bruder als Kanzleirätin für Eich- und Wägewesen gefolgt. Da war eine prompte Abwesenheit nicht einzugestehen.
Alecha wurde zusammen mit Anaxios und seiner Familie erwartet. Sie würden sicher bald ankommen. Ihre Schwiegertochter Iralda musste dieser Festivität leider fernbleiben, da sie wichtige Prüfungen im Rechtsseminar absolvieren musste. Sie fehlte genauso wie Korhildas größeren Enkelkinder, sowie der kleine Firunian, ein Bastards von Wolfaran, die an ihren Höfen verblieben.
Während Trisdhan und Idamil und Thion, den kleinen Leowyn ärgerten, fuhr eine größere Kutsche vor. Hinausstiegen ihr Nesthäkchen Kathaya, sowie ihr Gatte Leobrecht. Hintendran die Amme mit dem kleinen Etilian, der bei seinem Vater wohnte - zur Sicherheit. Die, ohnehin sprunghafte, Kathaya rannte voll Vorfreude zu ihrer Mutter. Leobrecht schlenderte langsam hinterher. Sein Blick war immer noch mürrisch.
Er hellte jedoch auf, als Trisdhan, Idamil, Thion und Leowyn ihn vor Freude ansprangen. Da war wieder das milde Lächeln, welches er zu gerne als Familienmensch verteilte. Nachdem die Rasselbande ihren Großvater fast umgeworfen hatten, zogen sie auch schon spielend und kreischend weiter.
Wolfarans Blick zu seinem Vater war ebenfalls von großer Skepsis geprägt, ihre Meinungsverschiedenheit bezüglich der Kanzleiratssache war noch zu präsent, dennoch bemühte er sich freundschaftlichen Kontakt herzustellen, in dem er Klein Storko auf den Boden setzte. Das Kleinkind taumelte, noch ziemlich unsicher auf den Beinen, Richtung seines Großvaters. Leobrecht kniete sich hin und forderte den Kleinen Mann auf zu ihm zu laufen. Was mit mehrmaligen Stolpern und Hinfallen auch gelang.
Freudig warf er den Jungen mehrmals in die Höh, was er mit einem jauchzen quittierte. Mit Storko auf dem Arm begrüßte er seinen Sohn und seine noch im Stubenwagen liegenden jüngsten Enkel Hardane und Aldare.
Anschließend trafen sich Korhildas und Leobrechts Blick und dieser blieb aneinander hängen. So richtig wusste keiner was er sagen sollte. Wolfaran spürte das Knistern und kommandierte den Rest der Familie gekonnt ab - ab in Richtung Pferdezucht.
Leobrecht setzte sich neben seine Frau und seufzte, während die Amme ihr den kleinen Etilian in den Schoß gab. Korhilda herzte ihren Sohn und nahm die Hand ihres Gatten, sagte aber auch nichts weiter. Der Streit hatte einiges an Porzellan zerbrochen.
Sie hatten sich seit der hitzigen Nacht in Wasserburg nicht mehr gesehen und auch nicht miteinander kommuniziert. Sie bemühten sich vor den Kindern eine heile Welt zu verbreiten, aber es brodelte in beiden. Leobrecht war immer noch wütend auf seine Frau und ebendiese war maßlos enttäuscht von ihrem Gatten.
Die beiden Eheleute würden die Feierlichkeit überstehen - irgendwie die Etikette wahren.
Es lebe die Ritterlichkeit
(nach den Feierlichkeiten zur Belehnung) Praios 1043 BF, Dorf Rosshang, Baronie Wasserburg
Korhilda spazierte mit Damina und Wolfaran über eine große freie Fläche nördlich des Dorfes Rosshang. An dem Ort, an dem bereits die kleine Feierlichkeit zu Korhildas Belehnung stattgefunden hatte.
"Damina, ich habe mir zum Ziel gesetzt in Wasserburg, mich mehr der Knappenausbildung zu widmen. Die Fehde, in der ich mich wahrlich nicht immer ritterlich verhalten habe, hat mir deutlich aufgezeigt, dass die Notwendigkeit besteht die Rittertugenden wieder präsenter zu zeigen und vor allem sie weiter an die nächste Generation zu geben."
"Euer Hochgeboren, im muss euch leider beipflichten. Als Leidtragender Lehensnehmer war ich, wie die Ritter und Junker um mich herum, den Fehdehandlungen der befehdenden Barone gänzlich ausgesetzt. Eure Streiter und auch die Söldner aus Morganabad nahmen es mit ritterlichem Tugenden nicht sehr genau." In Daminas Stimme klang Hoffnung auf Besserung mit, aber auch Frust über die Fehde des letzten Götterlaufes.
"Wisst ihr, Damina, ich habe meine Knappschaft bei Alwene von Gareth absolviert. Sie nahm mich vor allem im Bereich Verwaltung unter ihre Fittiche. Die kriegerische Ausbildung übernahm Linara von Hausen-Hartweil."
"Ah, eine begnadete Lanzenreiterin, wie ihr Bruder." warf Damina ein.
"Och ja, sie und ihr Bruder Linnert - das waren noch Zeiten." Korhilda erinnerte sich an das Geschwisterpaar, welches sich im steten Zweikampf auf dem Tjostfeld gegenüberstand. "Ach, wären die Kriegszeiten nicht gewesen, ich denke ich hätte mich in vielen Siegeslisten von Turnieren verewigen können. So hatte ich "mein Jahr" in 1030 BF, dazu noch ein paar unbedeutendere Turniersiege. Einzig beim Kaiserturnier 1041 BF konnte ich nochmal glänzen, unter die letzten 10 habe ich es geschafft."
Korhilda schwelgte in Erinnerungen. "Ich möchte hier angrenzend an das Dorf eine Tjostbahn errichten. Und ein Parcours für das Ringstechen."
Korhilda deutete auf die vor ihnen liegende Wiese, während Damina die Ideen auf dem Plan verfolgte.
"Ich möchte hier alljährlich ein Ritterturnier ausrichten. Aber nur für Jungritter, deren Ritterschlag nicht länger als fünf Götterläufe zurück liegt. Dazu noch ein Ringstechen für die Knappen. Es soll aber nicht nur die Fertigkeit auf dem Tjostfeld in die Wertung einfließen. Ich möchte, dass jeder sofort disqualifiziert wird, der um diese Veranstaltung herum sich nicht ritterlich verhält. Ich erwarte, dass sich die Jungspunde im Dorf, in den Herbergen und in den Tavernen benehmen."
"Nicht ritterlich ist hier in Perricum ein weitläufiger Begriff. Die östlichen Perricumer definieren ihn anders als die Westlichen."
"Wir werden uns an den Rittertugenden orientieren, die im Vertrag von Mantrash'Mor als Anlage beigefügt wurden. Ich würde im Rahja anschließend an das Fest der Freuden und den Pferdemarkt in Drosselau 1043 BF mit dem Turnier starten."
"Rosshanger Lanzen- und Ringstechen das klingt doch sicherlich gut." schlug Damina vor. "Der Sieger der Tjoste erhält ein Pferd vom Gestüt Aquamarin, der Sieger des Ringstechens eine edle Pferdedecke."
"Vorschläge angenommen. Bitte Damina, ich möchte dass du und Aurentian die Knappenausbildung in Wasserburg übernehmt. Ich würde mir wünschen, dass wir ein paar mehr Pagen und Knappen aufnehmen und sie in ritterlichem Auftreten und Gebaren schulen."
"Wohl an. Ich muss sagen, der Bau einer Tjostbahn für Lanzenstechen und Ringstechen sagt mir mehr zu als der Bau von protzigen Schlössern."
"Mir auch Damina, unsere Kassen sind zwar arg strapaziert, wenn nicht gar leer, aber ein bisschen Umarbeiten von Wiesen zu Reitbahnen sollte nicht so teuer sein und mit unseren Kräften vor Ort umsetzbar sein. Hinzu kommt, dass die Jungritter, Knappen und Knappenväter sicher bereits zum Fest der Freuden in Drosselau und dem dazugehörenden Pferdemarkt anreisen werden. Der Markt Drosselau wird sicher von den Angereisten provitieren und das Dorf Rosshang, wo die Leute unterkommen werden, ebenfalls. So sollte das Ereignis im Nachgang wieder Geld in unsere Kassen spülen können. Nennen wir es eine sinnvolle Investition."
Klamme Kassen
Tagelang hatten sich Korhilda und Wolfaran in das Arbeitszimmer zurückgezogen. Die Pergamente waren mittlerweile fein sortiert, einen Stapel für jede Angelegenheit. Der Tikaris wäre seine Baronie auch ohne Fehde losgeworden, wenn nicht durch Entlehnung, dann durch die Gläubiger. Wie konnte man nur so über Stand leben und die Dukaten verprassen.
Dem Verwalter, dem Haushofmeister und dem Berater hätte Korhilda die Ohren lang gezogen, wären sie ihre Vertrauten gewesen, wie hatten sie der Verschwendungssucht kein Einhalt gebieten können.
Wolfaran nahm die Kreide in die Hand und schrieb weiter an die großen Schieferntafeln, die sie sich hatten ins Arbeitszimmer bringen lassen. Bis ins kleinste Detail vermerkte er Einnahmen und Ausgaben.
Die Einnahmen wären eigentlich beachtlich, wenn die horrenden Ausgaben diese nicht pulverisieren würden. Welch eine Krux.
Korhilda lief auf und ab. Der Holzboden musste schon furchen haben. Aber sie hatte schlimmere Zeiten erlebt. Sie dachte zurück an die Zeit auf dem Arvepass, da sah die Lage viel Schlimmer aus und war ob des drohenden Feindes im Osten auch gefährlicher. Ihre Gedanken schweiften zum Sturmfels, die Baronie war sicher keine Goldgrube, aber sie hatte sparsam gelebt. Ucurian würde es ihr noch danken, wie gut gebettet er diese, für eine Baronie in der Bergregion, übernehmen würde. Beim Gedanken an Ucurian schmerzte ihr Herz. Was hatte sie als Schwertmutter nur falsch gemacht? War sie zu gutmütig? Hätte sie strenger sein müssen?
Die neue Baronin von Wasserburg konzentrierte sich wieder aufs Wesentliche - ihre geerbten Verbindlichkeiten und anfallenden Rückzahlungsverpflichtungen. Sie hatte die Verwaltung von einer der Besten des Reiches gelernt, von der ehemaligen Reichserzkanzerlin des Reiches und Staatsrätin Garetiens, von Alwene von Gareth. Diese hatte ein unheimliches Gespür für die Geschäftsbücher und Korhilda war nun mehr als erfreut, dieses Wissen in der Kausa Wasserburg anzuwenden.
Die ganzen "kleinen" Diebe, wie Korhilda sie nannte, konnte sie mit dem Geld Nimmgalfs loswerden. Hier war ihr die Umschuldung, zu einem weit angenehmeren Geldgeber, geglückt. Sicher der Hirschfurten würde sein Geld auch mit Zinsen zurück haben wollen, doch er war ein Ehrenmann und kein kleingeistiger Halsabschneider.
Die Dreuwinder Bande machte der Sturmfelserin mehr Sorgen. Sie waren so zwiellichtige Gesellen, da sollte besser keine Rückzahlung ausbleiben. Sie grummelte innerlich immer noch, dass die grobschlächtigen Schläger ihrem Enkel Trisdhan Angst eingejagt hatten. Aber für dumm hielt sie ihre Anführerin Silvana nicht. Sie wird dem Jungen nichts tun, denn dann hätte sie das gesamte Haus Ochs zum Feind. Der Knabe war schließlich ein Ochs und kein Sturmfels. Und im östlichen Garetien und westlichen Perricum sollte es sich eine Bande von Halsabschneidern besser dreimal überlegen, ob sie die in der Region mächtigen Ochsen reizen möchten. Aber die Schuldscheine waren legale Mittel, sie konnte ihnen ihr Geld nicht verweigern.
Weiter hielt sie die Schuldscheine der Stadt Wasserburg, als auch der Söldner aus Morganabad, der Diamantschädelreiter und der "Waage", in der Hand. Sie prustete mehrfach durch. Wie viel Dukaten der Baron den Söldnern in den Rachen geschmissen hatte, war unfassbar.
Einsparungen, ich muss noch mehr kürzen, waren ihre Gedanken. Alle im baubefindlichen Prachtbauten hatte sie schon gestoppt. Doch das reichte ihrer Berechnung nach nicht. Auf die Knappenausbildung wollte sie nicht verzichten. Vor allem auch um der Herrin Rondra zu dienen, deren Tugenden sie in der Fehde so mit Füßen getreten hatte. Die rondragefällige Aufgabe benötigte die Sturmfelserin unbedingt für ihr Seelenheil.
Die Gedanken ihres Sohnes schweiften in Richtung der eigenen Verwaltung. Wolfaran schlug vor, dass sie hier den Rotstift ansetzen, ganz konsequent. Sie brauchten keinen Verwalter, keinen Kämmerer - Posten gestrichen. Darin waren Korhilda und ihr Sohn bestens ausgebildet und solange hier in Wasserburg die "rauhe See" herrschte würden sie sich selber um die Zahlen kümmern, bis die Baronie im "ruhigeren Fahrwasser" angekommen war.
Einen Magier würde sie sich nicht leisten. Sollte sie dennoch einen benötigen, würde sie bei Anaxios um Hilfe fragen. Und zack, Posten gestrichen. Einen Hofgeweihten benötigte sie nicht, dafür gab es angrenzend zum Dorf den kleinen Tsa Tempel. Das müsste genügen. Ein weiterer Posten weniger.
Und so strich die Sturmfelserin einen Posten nach dem Anderen bzw. besetzte zwei Posten mit derselben Person. Sie selber würde als Baronin, Kämmerer und Verwalter agieren, unterstützt von ihrem Ältesten. Dramina würde ihre erste Ritterin und die zuständige Person für die Knappenausbildung. Aurentian würde ihr Zeugmeister und Haushofmeister werden. Der gute Amardeon von Lanzenruh, der Leiter des Gestüts, wurde gleichzeitig zum Stallmeister ernannt.
Korhilda dachte an ihre Reiterei. Vor einigen Tagen war Ciarda, die Gattin des ehemaligen Barons aufgetaucht. Sie war nach ihrem Aufenthalt im Kloster längere Zeit auf Reisen gewesen im Norden und hatte jetzt ihre Hilfe angeboten. Als Absolventin der Schule in Baliho und ehemalige Rittmeisterin bei den Grenzreitern des Markgrafen wäre sie sicherlich geeignet, aber viel zahlen würde Korhilda ihr nicht können. Aber andererseits schien das auch gar nicht der Antrieb des vorstellig werden gewesen.
Sobald die Kassen sich wieder füllten, würde sie für Entlastung sorgen. Das könnte aber noch Jahre dauern.
Und sie strichen weiter durch die Ausgaben. Kein Mensch hier vor Ort benötigte exotische Waren aus den entferntesten Ländern. Sie würden sich auf heimische Produkte beschränken. Das war zwar nicht luxuriös, aber die Sturmfelserin liebte es eh bodenständig.
Am Ende des Tages öffneten sie ihr geliebtes Schlunder Wiesenschlösschen und tranken ihren wahrhaft verdienten Gerstensaft von dem Balkon aus, mit besten Blick auf die Darpatauen.
Sie hatten Heute keine Zauberwerk verübt, aber es würde helfen, wenn auch sehr langsam. Korhilda war sich sicher, wenn sie den Sparplan eisern verfogte würde sie in fünf bis zehn Jahren alle Verbindlichkeiten getilgt haben, auf dass die ihr nachfolgende Generation noch viel Freude an Wasserburg haben würde.
[Ina, metal]
In der Höhle des Löwen
Im Kaminzimmer von Burg Klauenstein, Junkertum Sturmquell, Baronie Wasserburg
Das Kaminfeuer loderte während Devon mit seinem Bruder Dorian einen gemütlichen Abend bei einen Rote und Weiße Kamele Spiel einlegten. Auf ein bißchen Kurzweil wollte auch der Rondrageweihte Dorian nicht verzichten, wenn auch andere Aufgaben Vorrang hatten.
Die Stimmung auf Burg Klauenstein war bedrückt, die Fehde, der Verrat von Halara hatten Spuren im Gemüt des Junkers hinterlassen.
Devon zog ein weißes Kamel in eine aussichtsreiche Postion, dachte er zumindest. "Ich muss mit Dir über Garin reden. Du weißt, sein magisches Erbe." "Ausbrennen?", entgegnete Dorian. "Darüber habe ich nachgedacht, ernsthaft, auch darüber das magische Erbe verkümmern zu lassen. Mit beiden Entscheidungen bin ich nicht glücklich."
"Bist du mit einem ausgebildeten Magier glücklicher?", Dorian schlug das weiße Kamel mit einem gekonnten Schachzug. "Nein, bin ich auch nicht, dass ist ja die Krux. Die weise Herrin Hesinde wird sich schon was dabei gedacht haben, weshalb sie meinem kleinen Garin diese Bürde auferlegt."
"Die Herrin der Weisheit ist manchmal unergründlich, nicht so standhaft und edel wie ihre Schwester Rondra."
"Ich werde Garin von Amalion von Wallertrutz ausbilden lassen. Dann wird er zwar ein Magier, ich kann mit wahrhaftig besserers vorstellen, aber ihm wird zumindest die Ausbildung in Wasserburg zu Teil, auf dass er die heimischen Gebräuche erlernt." Devon war nicht annähernd glücklich mit seiner Entscheidung, aber auch Ausbrennen oder Verkümmern der magischen Begabung sagte ihm nicht zu. Es war eine Entscheidung zwischen Duglumspest und Gliederfäule.
Dorian druckste herum, während er seine Kamele in Stellung brachte. "Ich habe seid kurzem einen Gast in meinem Tempel. Ich weiß nicht, ob Du schon davon gehört hast?"
Devons Mine verfinsterte sich. "Ja, es wurde mir zugetragen."
"Halara bat mich darum, dass sie im Rondratempel Donnerhall, Buße tun darf. Sie bereut ihren Verrat."
Der Junker von Sturmquell goss sich darauf erst mal einen Schluck Brand ein und trank ihn postwendend aus. "Ich dachte, sie liebt mich und ist mir treu ergeben. Und dann öffnet sie beim erstbesten Zeitpunkt die Tore für Gidiane und ihre Truppen. Hintergangen hat sie mich."
"Ich weiß und dieses Verhalten ist nicht zu entschuldigen. Dennoch lasse ich ihr die Möglichkeit Buße zu tun. Ein jeder sollte sein Fehlverhalten reflektieren können und um Gnade des Gottes bitten. Vielleicht bin ich zu milde, das ist mein Manko."
"Oder Du tust es für die Familie. Ich kann ihr zurzeit nicht unter die Augen treten. So wütend, so enttäuscht bin ich. Aber ich habe die Hoffnung, dass die Zeit meine Wunden heilt oder ich zumindest vergeben kann. Auch für unsere Kinder, sie lieben und brauchen ihre Mutter. Ich liebe sie immer noch, deshalb ist es auch so schwer für mich."
"Wenn Du möchtest, werde ich Dich auf dem Laufenden halten. Wenn nicht, sag es mir bitte. Zusätzlich zu Deiner Frau habe ich noch einen anderen Gast. Sie kommt wöchentlich zur Rondramesse und möchte ebenfalls Buße tun."
"Sie, ich kann es mir denken. Soviel Buße kann sie in einem Leben garnicht ableisten." schmollte der Junker.
"Ja sie, die neue Baronin. Sie hat die Werte der Ehrevollen Rondra mit Füßen getreten während der Fehde. Ich verlange von ihr ein rondragefälliges Verhalten und gebe ihr Aufgaben zur Buße. Ich spüre, dass es ihr leid tut, wie die Fehde außer Kontrolle geraten ist, doch sie sollte nie vergessen wie viel Leid und Schmerz sie über, nun ihre, Lande gebracht hat."
"Dorian, manchmal frage ich mich, warum du kein Tsageweihter geworden bist. Du bist und bleist ein Menschenfreund." Beide mussten herzhaft lachen. "Ich bin wahrlich kein Politiker und ich möchte auch keiner werden. Doch die Sturmfels ist eine größere Gefahr für die Familienambitionen als noch der Tikaris. Ach was solls, lass uns weiter spielen und den Abend genießen. Kein Wort mehr über meine Frau und die neue Baronin."
Devon setzte seine Kamele in Postion, um gleich von Dorian geschlagen zu werden. "Ha, gewonnen. Noch eine Partie?"
Zerrissene Briefe
Etliche Monate, nach der Belehnung von Korhilda
Es ist schon lange her, dass ich mit Dir spielen konnte, das letzte Mal als Oma Hilda ihr Fest zur Belehnung gefeiert hat. Das war toll. Ich werde auch einmal ein Turnierreiter, wenn ich groß bin.
In Wasserburg gefällt es mir sehr gut, ich habe mit Alion einen Freund gefunden, mit dem ich viel Zeit verbringe.
Ich glaube Oma braucht auch einen Freund. Weißt Du, Oma weint sehr oft, wenn sie denkt dass keiner zusieht. Sie will nicht, dass ich es mitbekomme, tue ich aber. Ich glaube sie ist traurig, da sie von Dir nichts hört. Sie vermisst Etilian unendlich.
Sie hat Dir viele Briefe geschrieben. Nur hat sie diese zerrissen oder verbrannt. Ich habe alle Schnipsel aufgehoben und so gut es geht zusammen geklebt und meinem Brief beigefügt. Vielleicht kannst Du das nächste Mal, wenn Du in Gareth bist, bei uns vorbeischauen.
Dann kann ich Dir ganz viele tolle Dinge hier in Rossgarten zeigen.Dein Enkel Trisdhan
Leobrecht las die Zeilen und anschließend die verbrannten oder geklebten Papierschnipsel. Sein Blick wanderte auf seinen Papierkorb, wo er seine Briefe an Korhilda hineingeschmissen hatte – ohne sie abzuschicken.
Er vergrub sein Gesicht hinter seinen Händen. Tränen kullerten und tropften auf den Schreibtisch.
Vielleicht war der Zeitraum der Nichtbeachtung zu lange. Er beschloss es war der Zeitpunkt gekommen das Kriegsbeil zu begraben. Etilian und er würden das nächste Schiff zum Festland besteigen.
Ende der Eiszeit
Schloss Rossgarten, Baronie Wasserburg
Korhilda kehrte mit Wolfaran vom Ausritt in die Baronie wieder. Sie bereisten die Junkertümer um sich einen Überblick in ihrer Baronie zu verschaffen. Gegen späten Abend kamen sie zurück und wurden von Damina sogleich begrüßt. „Ihr habt Besuch. Euer Gatte und Euer Sohn Etilian sind im Laufe des heutigen Tages hier angekommen.“
„Geh schon, Mutter, ich kümmer mich um alles Weitere.“ Ermunterte sie Wolfaran.
Die Baronin von Wasserburg ging schweren ins Schloss Rossgarten. Aus dem Aufenthaltszimmer kam eine Amme, die den schlafenden Sprössling der Baronin auf dem Arm trug. Erschöpft war der kleine Mann von der langen Reise.
Korhilda streichelte ihn, aber ohne ihn aufzurütteln. „Soll ich ihn wecken, Herrin?“ Die Baronin schüttelte den Kopf, gab Etilian noch einen Gute Nacht Kuss und ging ins Arbeitszimmer. „Bitte lasst uns allein und stört uns nicht“ wies sie die Bediensteten an.
Die Sturmfelserin durchschritt die Tür und musste schmunzeln. Auch ihr Gatte war eingeschlafen. In einem Ohrensessel sitzend, mit einer Zeitung auf Knien, machte er ein Nickerchen. Die Anreise von den Efferdstränen, als auch das Kleinkind, schienen ihn ermüdet zu haben. Er hörte ihr eintreten nicht.
Viele Gedanken gingen Korhilda durch den Kopf. Minutenlang saß sie neben ihrem schlummernden Gatten.
Wie sollte sie das Gespräch bloß beginnen? In ihr kochte immer noch Wut und Enttäuschung. Gleichfalls liebte sie ihren Gatten über alles. Die Verbundenheit die beide teilten, war ihre größte Stärke.
Da kam ihr eine etwas andere Idee. Sie zog sich aus und entfernte leise die Zeitung aus seiner Hand. Korhilda setzte sich auf den Schoß ihres Mannes, räkelte sich rahjagefällig, öffnete seine Reichsuniform und küsste ihn liebevoll wach.
Leobrecht erwachte langsam und Korhilda spürte wie zwischen ihren Lenden Rahjas Lust in ihm erweckte. „Hilda.“ Sagte er nur, und begann sie zu küssen – ihren Mund, ihren Körper - und ihre Zärtlichkeiten zu erwidern.
Ihre lange Zeit der Abwesenheit wirkte für beide wie ein Aphrodisiakum. Sie huldigten der Göttin der Liebe hingebungsvoll. Ehe sie beide erschöpft, aber glücklich auf dem Schafsfell vorm Kamin zusammengekuschelt liegen blieben.
Sie guckten sich dabei tief in die Augen und liebkosten sich zärtlich. „Lass uns bitte nie wieder so streiten, Leobrecht.“
„Nie wieder, versprochen. Ich liebe und ich brauche Dich, Hilda. Die Zeit ohne Dich war grausam.“ Voll Glücksgefühlen schliefen sie nebeneinander ein.
Am Morgen, Korhildas Kopf lag auf seiner Brust und streichelte ihn besinnlich. Er küsste sanft ihre Stirn. „Liebster, ich möchte mir Dir wegen Wasserburg noch einmal reden, aber bitte ohne zu streiten.“
Leobrecht brummte irgendetwas Unverständliches.
„Ich habe darüber nachgedacht, auch wenn Wasserburg wirklich ein vergiftetes Geschenk, möchte ich das mir gegebene Feld bestellen, um es für unseren Sohn vorzubereiten.“
Er streichelte ihr durchs Haar und versuchte Blickkontakt aufzubauen – ohne zu antworten.
„Liebster, ich kann das nur mit Dir zusammen schaffen. Der Schuldenberg ist immens, aber nichts, was man nicht mit jahrelanger harter Arbeit bewerkstelligen kann. Mit Dir an meiner Seite bin ich stärker. Ich brauche Dich.“, flehte seine Frau.
„Wir werden das zusammen anpacken, wenn wir eine Einheit bleiben, können wir allen Widrigkeiten bestehen.“ Leobrecht wusste, dass er seine Frau ebenso benötigte, wie sie ihn und gleichfalls liebte er sie unendlich, dass er nicht ohne sie sein konnte. Korhilda war Leobrechts Verbündete, durch und durch. Seine Gattin küsste ihn glücklich.
„Ich sehe nur Scherereien aufkommen, die die Einigkeit des Hauses Ochs kosten könnten.“
„Was meinst du? Wolfaran? Ich habe hier meine Entscheidung zu seinen Gunsten getroffen. Ich fühle mich dazu verpflichtet. Es ist keine Entscheidung gegen Leonora, es ist eine Entscheidung für Wolfaran. Ich bin es ihm schuldig. Er ist ein großartiger Junge.“
„Das weiß ich, Liebes. Ich verstehe Deine Entscheidung und werde es akzeptieren, auch wenn mir Leonora lieber gewesen wäre. Dennoch muss ich mich dann auf die Gegebenheiten einstellen. Iralda hat mir gegenüber schon angedeutet, dass sie Probleme damit hat, einem Jungspund wie Ruben zu folgen, sollte er einst Baron von Viehwiesen werden. Wenn Wolfaran auch noch Baron von Wasserburg wird, wird er auch seine Ansprüche erheben, da bin ich mir sicher. Ich möchte nicht, dass sich unsere Familie zerstreitet und das Haus sich spaltet.“
„Dann werden wir uns gemeinsam diesem Problem stellen. Zusammen sind wir stark. Wir müssen sie einen und aufeinander einschwören. Wir zusammen haben schon so viel gemeistert, dann wird uns das auch gelingen.“
Leobrecht begann zärtlich ihre Brüste zu küssen und bestieg sie erneut. Das Frühstück konnte warten, sie waren anderweitig beschäftigt.
Arm wie König Mizirion
Schloss Rossgarten, Baronie Wasserburg
Wolfaran saß hinter dem massiven Eichentisch, schrieb mit Feder und Tinte einige Briefe, die er mit dem Wappen der Baronie Wasserburg siegelte. Zwischendurch zählte er Dukaten ab, die er von einer großen Truhe in mehrere kleinere Kästchen verteilte.
Er schien jede seiner Aktionen zu dokumentieren und auf der großen Schiefertafel zu vermerken. Der Erbbaronet von Wasserburg war so in seiner Arbeit gefangen, dass er den Besuch nicht kommen hörte.
Leobrecht schritt durch die Türzage in das Arbeitszimmer des Schlosses Rossgarten. Mit Wohlwollem schaute er seinem Ältesten zu.
Aus dem hitzigen Jungritter war ein umsichtiger junger Mann geworden. Die Zeit nach der Expedition nach Ongalosch hatte seinen Sohn ruhiger werden lassen. Wolfaran besann sich und auch seine außerehelichen Liebschaften stellte er ein. Als hätte ihm die schweren Zeiten seiner Mutter den Kopf gewaschen und ihn eingenordet. Der Reichsvogt war Stolz auf seinen Sprössling, auch wenn sie nicht immer einer Meinung waren.
Der Blick des alten Ochsen schweifte durch das Fenster in den Garten. Seine Frau genoss ihre Zeit mit dem Nesthäkchen Etilian und ihrem Enkel Trisdhan. Trotz aller Widrigkeiten, Leobrecht war ein gesegneter Mann - gesegnet mit einer wundervollen Familie.
Wolfaran schaute hoch, als er Minuten später seinen Vater erblickte. Er nickte ihm freundlich zu und schmunzelte dabei. Es hatte sich wohl herumgesprochen, dass der Reichsvogt und die Baronin sich recht rahjagefällig wieder vertragen hatten.
"Magst Du mich ins Bilde setzen." Leobrecht blätterte durch die Kassenbücher der Baronie Wasserburg, um von Wolfaran mit einem ellenlangen Monolog über alles in Kenntnis gesetzt zu werden. "Also, wie Du siehst, wir sind arm wie König Mizirion."
"Mizirion III. de Sylphur von Brabak, welch ein Sprichwort, welches ihn immer begleitet. Sei Dir gesagt, während er beinahe sein Leben lang als unfähiger und machtloser Herrscher verschrien wurde, der ständig verschuldet sei, genießt er heute die Erfolge seiner verborgen vorbereiteten Pläne." sinnierte das Oberhaupt des Hauses Ochs.
"Es ist ein Spruch Vater."
"Ich weiß, es scheint mir, als habt ihr alles im Griff. Oder irre ich mich."
"Puh, schwer zu sagen. Ich habe mich mit allen Schuldnern unterhalten und bin sie alle abgereist. Mit im Gepäck hatte ich unser Konzept für die Baronie Wasserburg. Mutter und ich haben recht rigoros alles zusammengestrichen und ausgearbeitet. Wir dürfen nicht alles anhalten, die Baronie muss sich auch noch weiterentwickeln können. Denn das Potential direkt an Reichsstraße und Darpat ist enorm." Wolfaran überreichte seinem Vater ein längeres Pamphlet, welches der Reichsvogt voller Sorgfalt las.
"Und waren die Geldgeber einverstanden?"
"Ja, das Wichtigste, sie erhalten alle ihr Geld. In der Abzahlrate, die ich mit Ihnen vereinbart habe. Ich denke sie haben eingesehen, dass sie ihre Schulden von uns zurückerhalten werden. Wir sind Ehrenleute und verstehen unser Handwerk. Es liegt jedoch noch ein steiniger und langer Weg vor uns."
"Deine Mutter ist eine herausragende Verwalterin und sie hat mir berichetet, dass Du ihr eine große Stütze bist. Und es scheint, als habe ich Dir ein wenig diplomatisches Geschick vererbt."
Ein solches Lob war Wolfaran nicht gewohnt. "Ich weiß Dir wäre Leonora lieber gewesen..." Leobrecht ließ seinen Sohn nicht ausreden. "Es ist, wie es ist. Du wirst Deiner Aufgabe nachkommen, so wie Deine Mutter es sich erwünscht. Ich habe es akzeptiert und es benötigt für mich kein weiteres Aufarbeiten."
"Gut, ich denke die Geldgeber haben unserem Vorschlag zugestimmt, da es mit einem anderen Baron von Wasserburg sicher nicht besser werden würde. Mutter hat trotz der Fehde noch einen guten Ruf und ihr Wort hat Gewicht."
"Und solltet ihr nicht zahlen können stehen sie sicher bald vor den Toren von Burg Ox."
"Das werden wir verhindern."
Leobrecht ging auf seinen Ältesten zu und legte seine Hand auf seine Schulter. Lange lagen die Blicke der Beiden aufeinander. Ein weiterer Schritt zur Versöhnung war getan, es brauchte keine weiteren Worte.
Wandel in Wasserburg - Dukatenreiter
Dürsten-Darrenfurt, nach "Arm wie König Mizirion"
Auch wenn niemand - außer vielleicht die Götter - einen solchen übergreifenden Einblick hat, konnte man doch nahezu zeitgleich das Schnaufen und Wettern im Markt Hordenberg und der Stadt Morganabad vernehmen. Dort zogen jeweils die geprellten Anführer der Perricumer Waage, wie auch der Diamantschädelreiter ein grimmes Gesicht und ertranken den Ärger vorerst in Wein, dem Ausschnitt eines Dienstmädchens oder den sehnsuchstvollen Augen eines Botens.
An beiden Orten konnte man das Fluchen hören, welches den Baronen von Wasserburg galt, alt wie neu. Der eine hatte sie verprellt und verhöhnt - hatte er wohl je die Absicht gehabt zu zahlen? Die andere war eine ebenso hinterlistige Furie, im Deckmantel einer "ehrbaren" Kriegerin. An beiden war weder Fuchs noch Mantikor verloren gegangen. Beide traten den ehrenwerten Kodex und den Weg des guten Goldes mit Füßen.
Besonders die neue - denn der alte Träumerik, hatte ausgedient, dafür hatte die Bergtrude gesorgt, wie auch immer sie dies genau zugebracht hatte. Aber jetzt war sie und ihr aberdrolliger Ritterssohn hoch zu Roß nicht bereit dafür aufzukommen die Schulden der Baronie an die Mietlinge in Hordenberg und Morganabad zu zahlen. Nein, wie eine feige Ziege, erstarrte sie, fiel zu Boden und markierte eine steife Tote. Berief sich auf noch weitere Schulden an Stadt, Gönnern und teuren Bauvorhaben ihres Vorgängers. Aber zu schade für eine kleines garetisches Ritterturnierchen und eine Rossschau war man sich dennoch nicht. Billigste Betrügerei, hinter der Fassade der Rechtschaffenheit und einem großen Namen, den man zur Erpressung von Aufschüben nutzte.
Eine Fassade die brökelig war, die beiden Söldnerfürsten in Hordenberg und Morganabad - sich selbst nicht grau - warteten nur darauf dass eine der - unter diesen Umständen "ausgehandelten" lächerlichen - Zahlungen verspätet käme oder gar ganz ausblieb, dann würden sie sich schon holen was ihnen gebührte, allein schon um das Gesicht vor ihren Leuten zu wahren.
Doch während der eine auf diesen Moment - der sicherlich kommen würde - zu warten vermochte, beschloss der andere, nicht warten zu wollen. Die nächste - jämmerliche - Zahlung würde nicht ankommen...
[Jan]
Die Wilde Rose
nach Wandel in Wasserburg
Das Blut der letzten Linie
Der silbrige Schein des Mondes leuchtete in das Schlafzimmer der Baronin von Wasserburg. Korhilda wachte nachts auf und bemerkte, dass ihr Mann nicht mehr neben ihr lag.
Die Wendeltreppe hinunter schien Kerzenschein hinauf und sie hörte gedämpfte Gesprächsfetzen. Sie zog sich einen Morgenmantel über und stieg die Treppenstufen hinab. Es musste schon wichtig sein, wenn ihr Gatte zu einer solchen ungöttlichen Zeit einen Gast empfing. Im Arbeitszimmer angekommen erblickte sie Alderan von Scheuerlintz. Eine gequälte Begrüßung ging beiden über die Lippen.
In der Wasserburger Fehde hatte Korhilda den Vater Alderans, Malwarth von Grabenhorst, in einem rondragefälligen Duell getötet. Dass sein Sohn bei ihrem Gatten eine Anstellung inne hatte, machte die Situation nicht einfacher.
Leobrecht von Ochs war hingegen ganz vertieft in Unterlagen, die ihm Alderan überbracht hatte, so dass er Korhildas Ankommen ignorierte. „Scheuerlintz, Du bist Dir sicher, dass die Erkenntnisse stimmen.“
„Ja, Herr. Es war wirklich nicht einfach, der Fährte zu folgen. Ich habe in den Unterlagen der alten Residenz geforscht, als auch in den Archiven der markgräflichen Administration. Viel war nicht mehr auszugraben.“
„Aber Du scheinst ja eine Spur gefunden zu haben.“
„Ich konnte schlussfolgern, dass Wallgrin einen jüngeren Bruder namens Isegrein hatte. Dieser hat nach meinen Nachforschungen ins Haus Revennis eingeheiratet. Daraufhin bin ich nach Baburin gereist und habe um Einlass in den Palast der Sterne „gebeten“. Ich musste hierzu ein paar Leute bestechen, meine Auslagen habe ich beigefügt.“
„Sehr gut gemacht, Scheuerlintz, sehr gut. Dein Geld wirst Du zurückerhalten. Was konntest Du herausfinden?“
„Isegrein und seine Frau Mirhiban hatten Kinder. Das ist schon mal positiv.“
„Und was ist negativ?“
„Ich habe jetzt mal angenommen, dass Königshäuser und deren Seitenlinien, mit denen sich die Linie Revennis gekreuzt hat, vielleicht ein wenig zu hoch für Eure Ansprüche sind. Desweiteren konnte ich nicht allen Kindern folgen und weiß bei vielen nicht, was aus ihnen geworden ist.“
Leobrecht schmunzelte. „Scheuerlintz, da hast Du wohl recht. Wir sollten wissen wo unser Platz im Adelsgefüge ist und nicht den Schwalben das Fliegen neiden.“
„Das habe ich angenommen und bin daher einer relativ bedeutungslosen Ahnenlinie gefolgt, über Barbrück, Llanka und Mendlicum führte mich mein Weg nach Palmyrabad. Das dortige Haus Palmyramis war mein Endpunkt.“
„Da bist Du viel herumgekommen, Scheuerlintz. Bitte klär mich auf, was es mit dem Haus Palmyramis auf sich hat. Ich bin da nicht ganz im Bilde, was die aranischen Adelshäuser angeht.“
„Rashpatana al'Kira von Palmyramis ist die Sultana in dem Herrschergebiet.“
„Sultan? Das ist zu hochgegriffen, Scheuerlintz!“
„Ich weiß Herr. Die Familie ist aber recht groß. Ich denke es wird für Euer Haus unmöglich sein in die direkte Blutlinie der Sultana einzuheiraten. Aber die Familie ist weit verzeigt und in den unbedeutenden Nebenlinien sind sie in der Ebene der Beyroun. Also im Rahmen Baron. Das Negative hierbei ist nur, dass das Blut welches ihr wünscht nachzuweisen, immer wässriger wird.“
„Solange noch ein kleines Tröpfchen Blut im Wasser erkennbar ist, ist es ein Versuch wert. Aber ich brauche ein Mädchen. Bei Araniern haben die einen hohen Stellenwert aufgrund des Matriachats, oder irre ich mich?“
„Es gibt dort ein nachrangig geborenes Mädchen, welches aus belanglosen Blutlinie entstammt und die nicht viel Wert in Aranien hat. Guter Name, wenig Einfluss.“
„Hast Du ein bestimmtes Mädchen ins Auge gefasst?“
„Aliyah saba Azizelis von Palmyramis. Ein Achtjähriges, zweitgeborenes Mädel. Mit ihrer Mutter Azizelis saba Emiramis von Palmyramis und ihrem Vater Rohaldor ibn Retoban von Tamaris habe ich ein Treffen mit Euch im Emirat Djeristan am Fuße des Raschtulswalls, der Heimat des Familienzweiges, vereinbart, um alles Weitere zu klären.“
Korhilda räusperte sich. „Was bist du wieder so umtriebig?“
„Hilda, ich erarbeite mir Möglichkeiten.“
„Und was genau, ich ahne es, aber magst Du mich in Kenntnis setzen?“
„Liebes Du weißt, dass ich über meine aranischen Wurzeln als entfernter Nachfahre von Graf Treuholdt vom Darpatbogen“ Korhilda rollte mit den Augen, während Leobrecht weiter fort fuhr. „meinen Anspruch, wie gering er auch sein mag, auf den Grafenthron von Perricum immer im Hinterkopf habe. Jetzt da Du Dich in Wasserburg verwurzelt hast, kam mir die Idee, die Ansprüche des Hauses Ochs weiter zu festigen.“
„Und deshalb ist Alderan durch halb Garetien, Perricum und ganz Aranien gereist?“
„Scheuerlintz ist der Linie von Isegrein vom Darpatbogen gefolgt. Ein Bruder der vorletzten Gräfin aus dem Haus Darpatbogen. Somit konnte er die Blutlinie von Gräfin Korgunde vom Darpatbogen nach Palmyrabad verfolgen. Ich denke ich werde mit dem dortigen Adelshaus in Kontakt treten, um eine Verlobte für Trisdhan zu gewinnen.“
„Damit Trisdhan Deinen Anspruch aufrechterhält und festigt?“
„Genau, Liebes.“
Korhilda hielt von diesen Ansprüchen so ganz und garnichts, welch hanebüchenes Zeug - vor allem so verwässert die Blutline, das kaum jemand daraus einen Anspruch erheben konnte. Aber es war nicht an ihr zu entscheiden, wen ihr Enkel heiraten würde. Das oblag dem Oberhaupt des Hauses Ochs, ihrem Gatten. Und wenn es ihm so wichtig war, würde sie Leobrecht bei der Angelegenheit unterstützen.
Treideln auf dem Barun-Ulah
Flussabwärts auf dem Barun-Ulah, Baronie Weißbarûn
Leobrecht stand am Deck des Flusskahns welcher ihn und Alderan von Scheuerlintz Richtung Aranien transportierte.
„Scheuerlintz, es ist schon lange her, dass ich nach Aranien gereist bin.“
„Herr, wir werden den Barun-Ulah weiter folgen bis Revennis, dann in eine Kutsche umsteigen bis Palmyrabad. Von dort dann weiter nach Djeristan am Fuße des Gebirges.“
„Scheuerlintz, als kleiner Junge bin ich mit meiner Mutter oft auf dem Fluss gen Süden gereist. Von Weißbarun fließt der Barun-Ulah bis Waraqis, der Heimat meiner Mutter.“
„Ismelda von Waraqis war ihr Name, nicht wahr.“
„Ja Scheuerlintz. Das war noch zur Retozeit, als Aranien noch als Fürstentum Teil des Reiches war. Ich habe die Flussfahrten geliebt. Der exotische Duft in den aranischen Märkten, werde ich immer in meiner Erinnerung behalten. Wundervoll war es, als Leomir, Giselda und Wolfaran uns noch begleiteten. Meine Brüder starben viel zu früh.“
„Wart ihr nach dem Tod Euer Mutter noch mal in ihrer Heimat?“
„Nur wenige Male, Scheuerlintz. Meine Mutter hatte all ihren Lebensmut verloren, als mein Vater vom Raschtulswall verschluckt wurde und Leomir auf Maraskan in Retos Heer fiel. Ein paar Reisen habe ich zu meinen Großvater Eloish unternommen. Meine Großmutter Radschaleya verstarb schon vor meiner Geburt. Dann kam der Verrat Sybias und Großvater musste fliehen. Ich habe ihn in Viehwiesen nie wieder so fröhlich erlebt, wie noch auf seinen Ländereien um Waraqis. Er war danach ein gebrochener Mann.“
„Den aranischstämmigen Perricumern, auch Euren Vorfahren aus den Familien Waraqis und Feqzaïl wird es nicht gefallen, was ihr vor habt.
„Wohl wahr, Scheuerlintz, wohl war. Du sagst dass die Linie des Blutes vom Darpatbogen einzig nach Aranien führt. Dann muss ich in den sauren Apfel beißen und den Unmut auf mich und mein Haus auf uns einprasseln lassen. Mir wäre auch lieber gewesen, du hättest das Blut in Perricum oder nach Garetien folgen können. So ist es, wie es ist.“
Unter Palmen
Stadt Revennis, Aranien
Leobrecht von Ochs naschte die frischen Arangen, die süßen Datteln und den aranischen Schlauchwein. Zusammen mit seinem Adjutanten Alderan von Scheuerlintz hatte er erfolgreiche Verhandlungen mit der Seitenlinie des Hauses Palmyramis geführt.
Zum Ausklang, bevor die Reise sie zurück nach Perricum bringen würde, kehrten sie in die Schenke am Tabakmarkt ein, wo der Reichsvogt vorher Pfeifenkraut für Alderan und sich erworben hatte.
Zigarre rauchend genossen sie den Sonnenuntergang. „Scheuerlintz, jetzt weiß ich, was ich über meine aranischen Reisen vergessen hatte. Es ist hier viel zu warm. Die Tränen sind ja schon ein riesen Unterschied zum Schlund und zum Arvepass. Aber das Klima hier, ist nichts für alte Ochsen.“
Alderan schmunzelte. „Ich finde es hier sehr angenehm. In meiner Zeit an der Zorganer Schreiberschule habe ich mich daran gewöhnt. An die Wärme, an den Wein und an die Schlemmereien.“
„Scheuerlintz, Du hast gute Arbeit geleistet.“
„Danke Herr, ich denke meine diplomatische Ausbildung in Mulzibers Gefolge trägt ihre Früchte. Er hat mir vor seinem Tod, Boron habe den guten seelig, anempfohlen mich in Aranien weiterzubilden. Ich wusste gar nicht, dass ihr des aranischen Tulamidya mächtig seid.“
Leobrecht qualmte weiter an seiner Zigarre. „Scheuerlintz, mächtig ist wohl ziemlich übertrieben. Ich kann ein paar Floskeln und Wortfetzen. Meine aranische Mutter sprach mit mir oft in ihrer Sprache, da sie verstarb als ich zwölf Götterläufe alt war, habe ich vieles davon vergessen und verlernt.“
„Herr, ich hoffe das Mädchen sagt euch zu.“
„Scheuerlintz, es ist ein sehr nettes Mädchen. Zurückhaltend und verspielt, aber das darf man in dem Alter auch sein. Der Katzentick wird sich hoffentlich im Alter erledigen. Ich bin froh, dass Du die Familie überzeugen konntet, dass dort wo wir herkommen später geheiratet wird.“
„So ganz erfolgreich war meine Überzeugungskraft auch nicht, ich konnte nur ein paar Jahre gewinnen. In Aranien wird sind frühe Kindshochzeiten an der Tagesordnung. Da war Euer Wunsch nach Verlobung und späterer Heirat für den Kulturkreis unüblich.“
„Ein Ehebund mit zwölf Götterläufen ist auf jeden Fall eher nach meinem Geschmack, als jetzt mit acht Jahren. Wir können Aliyah ganz behutsam auf einen Wechsel nach Wasserburg vorbereiten. Du wirst mein Verbindungsglied in dieser Hinsicht sein. Ich möchte, dass Du ihren Werdegang verfolgst und sie auf ein Leben im Perricumer Adel vorbereitest.“
„Ja, Herr. Ich denke auch, dass es dem Mädchen einfacher fällt wenn sie nach und nach mehr Zeit in Perricum verbringt. Gut schien es dem Mädchen gefallen zu haben, dass ihre Schwertmutter bei ihr bleibt. Ich werde mir alle Mühe geben, ihr alles beizubringen, was sie in ihrer zukünftigen Stellung benötigt.“
„Scheuerlintz, das war ein guter Einfall von Euch. Jetzt hoffe ich nur, dass Trisdhan und Aliyah irgendwann zueinander finden und sich eine gewisse Zuneigung entwickelt. Bei meiner letzten Verheiratung von Leonora und Ardor hat das leider nicht funktioniert.“
„Herr, Adelige müssen sich nicht lieben, sie müssen sich nur respektieren.“
„Ja, Scheuerlintz. Aus eigener Erfahrung kann ich Dir sagen, mit Liebe ist es einfacher und angenehmer.“
Bei gutem aranischen Schlauchwein ließen sie den Tag ausklingen und bestiegen am nächsten Morgen wieder das Flussschiff gen Norden.
Denken in Generationen
Die Sonne schien hell über Schloss Rossgarten, die Hitze ließ jedoch jegliches Treiben fast zum Erliegen kommen.
Korhilda lag auf einer stilvollen Récamière unter einem weißgekälkten Paviliion mitten im groß angelegten Rosengarten. Die Baronin verbrachte hier viele Momente. Die Nachwirkungen der Fehde hatten nicht verschwindende Spuren hinterlassen.
Obwohl schon so viel Zeit zurücklag fühlte sie sich immer mal wieder geschwächt und der Zwist in der Familie, so er auch nun ausgestanden war, würde immer in ihren Gedanken bleiben.
Zu ihr gesellte sich ihr Sohn Wolfaran, der kaltes Gurkenwasser mitbrachte. „Zurück aus Gareth? Ich hoffe Du hattest eine gute Reise.“
„Trisdhan hat sich sehr darüber gefreut und ich glaube Iralda ebenfalls über unseren Besuch. Sie hat nur bald wieder Prüfungen am Rechtsseminar und war daher eng angebunden. So viel Freude auch mitschwang, wir waren das fünfte Rad am Wagen und ich hatte das Gefühl sie zu sehr einzuschränken.“
„Setz Dich und trink ein Glas mit mir. Du weißt wie sehr sie in dem Studium aufgeht. Es wird ja nicht ewig dauern, dann hat sie es abgeschlossen und ihr könnt wieder mit Zeit miteinander verbringen. Sehe es aus ihrer Sicht, ein hesindegefälliger Freidenker, der in ein Ritter Kostüm gezwängt wurde – weil sie es zu dem Zeitpunkt musste. Jetzt Jahre später kann sie das Gewand ablegen und zu ihrem eigenen selbst zurückfinden.“
„So habe ich es noch nicht betrachtet. Ich werde nach den Prüfungen wieder zu ihr Reisen, von Wasserburg ist der Weg nicht so weit. Wenn Du nichts dagegen hast? Wie ich hörte war Vater in Rossgarten.“
„Das ist das Schöne an Wasserburg – alle von Ost nach West müssen an uns vorbei. Deinen Vater sehe ich nun viel regelmäßiger. Das letzte Mal war er kurz angebunden, von der Aranieren hast Du gehört?“
„Vater hat mir einen Brief hinterlassen. Eine Aranierin, warum so weit entfernt suchen? Warum verknüpfen wir uns nicht mit dem Perriucmer Adel? Warum kein Waltern?“
„Leonora hat einen Waltern geheiratet, dazu ist mit Aleidis nur ein passendes Mädchen in der Familie. Und da sie einst Baronin werden wird, ist die Familie Waltern keine Option.“
„Aber andere Perricumer um uns weiter zu vernetzen?“
„Deinem Vater war wichtig der Blutlinie des Hauses vom Darpatbogen zu folgen. Und er glaubt diese in Aliyah gefunden zu haben. Er wäre der Linie auch ins Ewige Eis oder Riesland gefolgt, seien wir also froh, dass es Aranien geworden ist.“
„Wir stoßen damit den aranischstämmigen Familien in Perricum hier vor den Kopf, aber ich denke das nimmt er in Kauf.“
Korhilda nickte. „Versuche es aus der Sicht Deines Vaters zu betrachten. Er denkt nicht kurzfristig in Jahren, sondern langfristig in Generationen. So sind die alten großen Häuser, das musst Du noch verinnerlichen.“
„Ich weiß nicht ganz was Du meinst.“
„Unsere Markgrafschaft. Wer weiß was mit ihr passiert, wenn unser Markgraf kinderlos bleibt. Ja, eine Markgrafschaft ist kein Erblehen, doch falls die Kaiserin der Ehe noch Kinder gebären wird, dann wird eines der Kinder dem Markgrafen folgen. Die beiden sind jetzt seit 1037 BF verheiratet und keine Kinder in Sicht. Die Kaiserin wird nicht jünger.“
„Du meinst Vater spekuliert auf das Szenario, dass aus der Verbindung Rohaja und Rondrigan keine Kinder entstehen?“
„Denke doch einfach mal in die Richtung. Was passiert wenn der Markgraf im hohen Alter stirbt und sie keine Erben haben. Wer folgt dann in der Markgrafschaft? Perricum ist aus meiner Sicht nur zur Markgrafschaft erhoben worden, damit die Kaiserin Rondrigan heiraten kann. Einen Graf zu heiraten wäre zu weit unter ihrem Stand gewesen.“
„Ein Markgraf hingegen zu akzeptieren.“
„Belehnt Rohaja dann Perricum weiter als Markgrafschaft ist das Haus Ochs raus aus dem Spiel, aber wer sagt nicht, dass sie es wieder degradiert zu einer, dann wahrscheinlich eher zwei, Grafschaften und zurück ans Königreich Garetien bindet. Wen würde sie dann zum Grafenhaus erheben? Die letzten dreißig Götterläufe haben so viele Umwälzungen ergeben, dass ein solches Szenario nicht komplett unwahrscheinlich ist.“
„Bei all den Gedankenspielen… wenn Rohaja keine Kinder gebärt, haben wir im Reich ein ganz anderes Problem. Ihre Schwester Yppolita hat auch keine Kinder. Was geschieht mit dem Greifenthron?“
„Genau, warum bringt das Fuchsrudel den jungen Sigman in Position. Umso älter Rohaja wird, desto mehr Strömungen wird es innerhalb des Adels geben. Fraktionen die versuchen werden nach oben zu schwimmen.“
„Vater hält von den Strömungen nicht viel, und hat mir angewiesen mich raus zu halten.“
„Das Haus Ochs ist reichstreu, das war es schon immer. Jetzt, wo vor allem Du und Iralda, für das Kinderreichtum gesorgt haben, ist Dein Vater umtriebig und möchte das Feld bestellen und das Haus Ochs in eine gute Position bringen.“
„Die Reto- und Halzeit hat dem Haus viel Ruhm eingebracht, aber auch viele Todesfälle.“
„In der heutigen Zeit hat sich Dein Vater, aber vor allem Bunsenhold, einen guten Ruf erarbeitet. Letzteres wurmt Deinen Vater sehr. Du warst jetzt Jahre in der Reichsadministration und Leonora macht sich dort gerade einen Namen. Ich denke das Umfeld der Kaiserin, kann durchaus wieder positiv vom Haus Ochs berichten.“
„Ich hoffe und nicht nur über Todesfälle in diversen Schlachten. Wir sind auf einem guten Weg, da gebe ich Vater recht. Doch der Weg ist noch lang und steinig.“
„Denke in Generationen nicht in Jahren.“