Geschichten:Greifenzug

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Das Ende des Greifenzugs

Ein Augenzeugenbericht von der schrecklichen Schlacht wurde uns aus dem Perricumer Kloster der heiligen Noiona überbracht. Ehrenhauptmann Drachmar von Wagenhalt übermittelte diesen Bericht an die Schwestern und Brüdern des Klosters, welchen diese wortgetreu niederschrieben, um der Welt zu berichten. Nur wenige Tage später verstarb der Hauptmann in folge der Krankheiten, die ihn bei dem Kontakt mit dem Heerwurm befallen hatten.

»Als wir den Arvepass erreicht hatten, war dieser bereits von einer größeren Einheit darpatischer Truppen befreit worden. Obwohl sie knapp 400 Mann Verluste bei der Rückeroberung und Sicherung des Passes erleiden mussten, standen sie treu und wacker dem Reiche da und murrten nicht ob ihrer schweren Lage.

Die Kämpfer und Reiter unseres Greifenzugs waren ob dieses Sieges - und nicht zuletzt ob all der freudigen Paraden in Gareth, Rommilys und Perricum- aufgestachelt, nichts und niemand schien uns mehr den Sieg nehmen zu können. Gar zwei Erhabene - der Bote des Lichts und das Schwert der Schwerter - hatten den Zug gesegnet, unser Mut war ungebrochen, und mit jeden Tag wuchs die Lust zu kämpfen. Gleich, als wir von der Sicherung des Passes erfuhren, schickten wir einen Boten an den Reichsmarschall Leomar, und seine Exzellenz ließ nicht lange mit der Antwort warten: Uns wurde die Ehre zuteil, Über den Pass in das Altzoller Gebiet einzufallen, und dort von hinten den Endlosen Heerwurm anzugreifen und ihn zu zerschlagen, bevor dieser den Schwarzen Horden an der Trollpforte Entsatz leisten konnte. Ach, hätten wir gewusst, was uns erwartete, ich weiß nicht, ob wir dann in dieser Schnelligkeit unsere Sachen gepackt, die Pferde gesattelt hätten! Zugleich zogen wir los, keine drei Stunden nach Verlesung der Nachricht Seiner Exzellenz Leomar waren wir und ein kleiner Tross bereit, in die Schwarzen Lande einzufallen, und nach langen Jahren der Defensive endlich einen Angriff zu wagen.

Der Zug Über den Pass war einfach, im Hochsommer ist der Arvepass stets frei und auf langen Strecken ohne Schwierigkeiten passierbar. Bald erreichten wir die alte Landgrafschaft des Golambes von Gareth-Streitzig und unsere Späher durchzogen das Gebiet. Dank der detaillierten Begriffe des Reichsmarschalls gelang es uns recht bald, den Endlosen Heerwurm ausfindig zu machen. Unsere Späher brachten uns - so schien es zunächst - Überaus Überzogene Berichte Über den Heerwurm, das er in der Tat endlos sei, von der einen Seite des düsteren Horizonts bis zur anderen reichend, und sie vermochten nicht eine Zahl zu nennen, wie viele wohl dort waren. Auch berichteten sie von den Veränderungen im Land, von den hungrigen und gefährlichen Wölfen und viel schrecklicheren Bestien, bis hin zu niederen Dämonen, welche frei durch die Landschaft streifen sollten.

An einem Überaus verregneten und nebligen Tag, wir waren nunmehr seit einer halben Woche auf den Zug durch das hügelige Gebiet, erreichten wir schließlich den Feind. Keine Wachen oder weitere Regimenter begleiteten den Heerwurm, doch als wir ihn sahen, wussten wir warum. Unsere Boten hatten durchaus recht gehabt, doch, so hofften wir, mag dies an den schlechten Sichtbedingungen liegen, die an diesem Tag herrschten: soweit das Auge reichte, von Osten nach Westen, zog sich die dunkle, wimmelnde Schlange von Kämpfern des Feindes, und wir warteten auf Befehle der Obristen, versuchten unsere Pferde zu beruhigen, die ob der unheiligen Feinde wieherten und schnaubten. Die Obristen hatten sich nach kurzer Beratung entschlossen, wie der Angriff geführt werden sollte, und verteilten die Befehle. Ich erkannte ihre Strategie, die sehr darauf bedacht war, sich nicht umschließen zu lassen, und im Vertrauen auf die Obristen und die Götter hoben wir alle unsere gesegneten Waffen, die daraufhin matt aufblitzten an diesem düsteren Tag, und wir gingen in Kampfposition.

Konnte ich am Anfang noch erkennen, wie sich unsere Truppen aufteilten, war dies auch nur kurz nach Beginn der Schlacht nicht mehr möglich, ich schwäre es Euch! Keiner dürfte in der Lage gewesen sein, das Gemetzel zu Überblicken, als wir in Kontakt kamen, denn wo die einen in die Reihen des Heerwurms einbrachen, blieben die anderen stehen, die Augen vor Schrecken geöffnet und verdreht, denn einen solchem Gegner standen wir noch nie gegenüber. Nie, nie werde ich diese Bilder vergessen! Glaubt mir, ich habe einige Schlachten erlebt, auch gegen die Orken habe ich gefochten, doch noch nie sah ich etwas derart Furchtbares. Der Endlose Heerwurm bestand aus Untoten, und dies war uns auch vorher gesagt worden, doch wie können einen Worte auf etwas Derartiges vorbereiten?

Mein Banner und ich ritten geradewegs auf eine Einheit zu, welche wohl früher ein kleines Dorf gewesen sein muss. Männer und Frauen, offensichtlich einst einfache Bauern, mit Knüppeln oder gar Sensen bewaffnet, standen da, und empfingen unsere Hiebe. Unsere Klingen zerschnitten die untoten Leiber wie Brot, doch aus jeder Wunde schossen Strahlen ekelhaftesten Gestanks. Überhaupt war der ganze Zug von einer geradezu sichtbaren Wolke von Verwesungsgestank Übergeben, welches wir im Hochsommer zwar erwarten hätten können, woran aber niemand dachte. Manch einer der Unseren musste sich mitten in dem Getümmel Übergeben, kaum noch in der Lage, sich selbst zu verteidigen, geschweige denn den Angriff zu unterstützen. Die Leichenteile der Untoten flogen nach jedem Hieb durch die Luft, einige wilde Attacken meiner Mitstreiter ließen Arme und Hände auf meine Rüstung auftreffen, und einmal gar flog ein blonder Kopf vorbei. Die stinkende Luft war erfüllt von grün schimmernden Fliegen, die auch auf uns flogen, uns bissen, und stark im Kampf behinderten.

Mutig fochten wir. Immer wieder war ein Choral der Praiospriester zu vernehmen, und wir spürten unseren Mut zurückkehren und die Feinde weichen. Doch welch Graus! Kaum hatten wir die erste Reihe Überwunden, mussten wir mit Schrecken feststellen, was sich hinter den untoten Bauern verborgen hatte - Kinder, ebenso untot wie diejenigen, die einst ihre Eltern waren! Nicht nur einer von uns ließ sein Schwert sinken, unfähig Kinder anzugreifen, doch als diese anfingen, unsere Pferde zu beißen, und mit ihren zartem Händchen nutzlos gegen unsere Beine zu schlagen und zu kratzen, erkannten wir die Notwendigkeit. Ich erblickte die Weibelin, die vor blankem Entsetzen zu nichts mehr in der Lage war, und wie sie zwei Jungen und ein nicht sechsjähriges, dreckiges Kind von ihrem Rappen zogen und unter sich und einigen weiteren Angreifern begruben. Oh Travia sei ihrer milden Seele gnädig! In meinen von dem Gestank brennenden Augen schossen Tränen der Verzweiflung hoch. Nur weil meine kleine Duridanya nicht hier lebte, sondern in Vierok, nur deswegen musste ich nicht mein Schwert durch ihren Leib ziehen, ihn zerfetzen wie eine jener Strohpuppen, mit denen sie spielt... In dem Moment kam mir der Gedanke, dass die Weibelin aus dem tobrischen stammte, doch wollte, konnte ich gar nicht daran denken, ob das nicht vielleicht ihre eigenen Kinder waren, die kleinen Eslam und Rondred, und wie hieß noch mal ihre Tochter? Um sie zu rächen, war sie mitgezogen... nein, nein, das ist völlig unsäglich! Das würden die Götter nie zulassen! Das wäre zu grausam...

Die Choräle wurden lauter, und die Untoten begannen zurückzuweichen, doch nur, um deren besten Kämpfern Platz zu lassen, Reitern, auf Pferde, beiderlei verflucht wie alle des Heerwurms. Durch die durchgebissenen Rippen der Rösser sah ich Ratten zischen, die das faulende Fleisch abnagten, während die Reiter mit ihren rostigen Säbeln auf uns einschlugen. Sie hatten sich tatsächlich in dem Pferd niedergelassen und labten sich an dessen Innereien. Offensichtlich begannen sie mich als einen Feind zu betrachten, der ihr Schlaraffenland angriff, und bald waren sie durch die Rippen hinaus geglitten und sprangen mich fauchend an. Eine grub ihre Zähne tief in meine Hand, die andere konnte ich gerade noch abwehren. Nein, Hesinde sei mir lieb, Boron lass mich vergessen! Maden, zwei Daumen fette Maden, die durch die Wangen des Leichnams brechen, den ich angreife, und der einst eine junge, blonde Frau war. Die fette schleimige Spur Über ihr Gesicht, und wie sie langsam in ihrem Augen verschwindet, nur noch ein Loch zurücklassend, wo eben noch ein Auge war.

Noch nie war eine Schlacht so leise wie diese, stellte ich fest. Der Gegner kreischte nicht, schrie nicht, und unsere Praiospriester verstummten Stimme für Stimme. Nur das Hauen und Stechen war zu vernehmen, die Entsetzens- und Todesschreie der Unseren, doch der Feind war still. Neben mir fiel einer unserer Infanteristen zu Boden, ich sah, er hatte sich an einer Fliege verschluckt, konnte sich nicht weiter verteidigen, als sich einer jener tobrischen Schäferhunde, die für ihre Freundlichkeit gegenüber dem Menschen bekannt sind, auf ihn stürzte, seine blanken Zähne in dessen Kehle grub. Seine halbe Seite war aufgerissen, Fleischstücke hingen von den Läuten des Hundes herab, wurden durch den Boden gezogen. Nur das Summen der Fliegen, dieses nervenzerreißende Summen, lag ständig in der Luft.

Das schwarze des Feindes und unser rotes Blut vermengten sich im Regen, tränkten den felsigen Boden, weichten ihn langsam auf, so dass unsere Pferde noch weniger von Nutzen waren. Irgendwann verlor ich jedes Gefühl für die Zeit, mein einziger Gedanke galt es, dem Leichnam vor mir das Schwert durch den Körper zu jagen, ich achtete nicht mehr auf Taktik oder Rückzugsmählichkeiten, erst - es war bereits Abend - als plötzlich Korporalin Fenya vor mir stand erwachte ich aus meiner Lethargie. Gütige Götter! Ihr Wappenrock war zerfetzt, ihr ruhendes Herz lag offen vor mir, zerrissen durch die Krallen eines der Angreifer. Sie war auferstanden und kämpfte nun gegen uns. Verzweifelt, ungläubig ließ ich mein Pferd steigen, wich zur Seite aus, und davon. Nein, gegen meine eigene Untergebene... ich achtete nur einen Moment nicht auf den Ritt, als mein Pferd in der Panik einen falschen Tritt setzte. Ich hörte das Knacken des Knochens, ein Geräusch, das mir an diesen Tag vertrauter schien als das Lachen meines Kindes. Ich konnte mich gerade zur Seite rollen, ohne von meinem treuen Pferd begraben zu werden. Ein kurzer Blick zurück, um zu erfahren, was geschehen war - oh Götter, ich hätte es lieber lassen sollen! Warum nur könnt ihr so etwas zulassen! Gute Frau Tsa, warum gewährt ihr Kindern das Leben, um es ihnen derart wegzunehmen! Es war sicher keine fünf Gitterläufe alt, und mein Ross hatte auf dessen Brust getreten es zerspringen lassen ... bitte, tätet mich! Lasst mich vergessen! Die Bilder verfolgen mich! Wie kann man kleine Kinder... Ich erblickte die Geweihten des Praios. Sie hatten damit begonnen, die Gefallenen des Gegners wie auch die unseren zu segnen und dem Feuer zu Übergeben, auf das sie nicht wieder auferstehen konnten. Die lauten Choräle haben sie durch leise Gebete an des Praios' Bruder Boron ersetzt, auf dass die Untoten, kaum geschlagen, nicht weiter kämpfen.

Das Feuer erlaubte es uns, in der ansetzenden Nacht weiter die Schlacht zu führen, doch der beißende Geruch brennenden Fleisches und verwesender Leichname erfüllte die Luft. Und kaum, dass die Nacht angebrochen war, bemerkten wir wie plötzlich einige der Leichname zusammenzuckten und auf uns zu stürmten, mit einer Behändigkeit, die ich unmöglich glauben konnte. Die Magier hatten uns gewarnt, dass in die Untoten ein Nephazz einfahren könnte, und nun weiß ich, was das bedeutet. Mit ungebrochener Kraft schlugen die Leichen auf uns ein, doch wir waren müde von der langen Schlacht, und ließen uns mehr und mehr zurückfallen. Wir umringten das große Feuer, welches von den Geweihten geschürt und mit weiteren Leichen genährt wurde.

Ich weiß nicht wie, und ich weiß auch nicht wann, doch als bereits der Morgen dämmerte, wurde von einem der Pferde neben mir der Reiter in die Menge der Untoten gezogen, und ich sattelte mich auf das nunmehr freie Pferd. Ohne einen Blick zu meinen Kampfgewährten zu machen ritt ich los, über die Leichname hinweg. Ein grauenvolles Knacken und Knochenbersten war das unter mir, doch in diesem Moment hatte ich mich für Tod oder Flucht entschieden. Irgendwie, ich weiß nicht warum, doch es war sicherlich nicht die Hilfe der Götter - denn warum sollten sie einem feigen Soldaten bei der Flucht helfen, aber nicht einem mutigen gesegneten Zug in der Schlacht? - war ich durch die Linie gebrochen und ritt von dannen, den langen Weg zurück, von dem ich hergelangte.

Das nächste, woran ich mich erinnere, ist es hier aufgewacht zu sein. Ich weiß nicht, was mit den anderen geschehen, ich weiß es nicht, ich weiß bloß, dass ich geflohen bin, vor dem Feind, und ich werde für diese Feigheit sterben müssen. Bitte, erläst mich... tätet mich... nimmt mir die Erinnerung!"

Das weitere Schicksal des Greifenzugs ist tatsächlich nicht Überliefert. Wir hoffen sehr, dass es weitere Überlebende gibt, die auch wieder in die zwälfgöttlichen Lande zurückfinden. So schrecklich und verlustreich die Schlacht auch war, Seine Exzellenz Reichsmarschall Leomar vom Berg Überreichte einem jeden Teilnehmer des Greifenzugs posthum den Greifenstern in Silber am Rotgoldenem Band und erklärte es zu einem grandiosen Sieg. Wäre der Endlose Heerwurm nicht aufgehalten und stark geschwächt worden, hätte die Dritte Dämonenschlacht womöglich nicht zum Sieg über den Dämonenmeister führen können.


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