Geschichten:Sternguckerin – Storchenbiss

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Stadt Schwarztannen, im Tsa 1043 BF

In der Abgeschiedenheit dieses Raumes und meiner Göttin so nahe, erhielt ich meine Weihe. Ein Moment dem ich entgegengefiebert, aber der mich dann doch recht kalt erwischt hatte. Später erfuhr ich, dass Hochwürden zuvor Perainidane die Weihe erteilt hatte. Danach sah man ihn geraume Zeit erst einmal nicht mehr. Er war sehr erschöpft, hieß es nur. Zwei Novizen die Weihe kurz nacheinander zu erteilen, das sei in der Regel gar nicht möglich, doch die Herrin Peraine habe es so gewollte und nur weil es ihr Wille gewesen war, habe Hochwürden dies überhaupt vollbringen können.

Viel änderte sich durch meine Weihe nicht. Ich tat noch immer dieselben Dinge, die ich auch als Novizin getan hatte, ich ging noch immer denselben Aufgaben nach, denen ich auch als Novizin nachgegangen war. Und doch gab es Veränderungen. Ich hatte die einfache grüne Kutte der Novizen gegen eine Robe der Geweihten getauscht. Mir gebührte nun die Anrede Euer Gnaden, auch wenn alle lediglich Schwester Lindegard sagten. Doch eines, eines das änderte sich dann doch: Die Kraft meiner Herrin war in mir geweckt worden. Sie war, da war ich überzeugt, schon immer in mir gewesen, doch erst die Weihe hatte sie erweckt und nun, nun konnte ich sie auch nutzen. Bisher hatte ich das jedoch noch nicht getan, ihre Kraft sollte nur dann eingesetzt werden, wenn es ihrer wirklich bedurfte.

Es war inzwischen Tsa geworden und ich war gerade auf dem Rückweg von einer sehr schweren Geburt zurück in den Tempel, die Mutter hatte ich zusammen mit der alten Hebamme Hild, die ich noch immer als meine Lehrmeisterin bezeichnete, retten können, für das Ungeborene war es bereits zu spät gewesen, als in der Ferne ein feiner, heller Ton erklang. Er wehte von Burg Scharfenstein herüber. Wenige Augenblicke darauf stimmte die Feuerglocke der Stadt mit ein. Doch der klassische Ausruf „Feuer“ fehlte, stattdessen riefen die Büttel: „Zu den Waffen! Bürger, zu den Waffen!“ Da wusste ich, dass es passiert war.

Seit Hesinde belauerten sich Waldsteiner und Reichsforster an den Grenzen der beiden Grafschaften. Von der Stadtmauer aus wollten die Stadtwachen, die man im letzten Mond bereits verdoppelt hatte, immer wieder die Waldsteiner erspäht haben, wie sie sich an der Grenze der Grafschaften herumtrieben und wohl auskundschafteten, wo sie am Besten einfallen konnten. Man hatte in Schwarztannen jene Kräfte zusammengezogen, die nicht in die Kämpfe mit der Kaisermark oder Hartsteen verwickelt waren, das waren allerdings nicht viele, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass man am anderen Ende der Grafschaft auch noch Eslamsgrund im Nacken sitzen hatte. Verschärft wurde das ganze in Schwarztannen noch durch den Umstand, dass im Hesinde der Baron Raulfried Haltreu von Schwarztannen – Boron sei seiner Seele gnädig – bei der Vertreibung der Kaisermärker aus Gräflich Rubreth und der Baronie Syrrenholt gefallen war. Auch seinem Bruder Raulbrand Ughelm von Schwarztannen war es so ergangen. Gerade der Tod des Barons war so vollkommen unerwartet gekommen, dass seine Nachfolge noch nicht einmal geregelt war. Aber wer dachte auch schon daran, dass Golgari einen bald holen kam? Es war sein Bruder Raulbrin Reto von Schwarztannen, der seit diesem Tag zusammen mit seiner Mutter Enria von Schwarztannen Scharfenstein hielt.

Wenig später, da war ich gerade im Tempel angekommen, verbreitet sich die Kunde, das etwas zu Füßen der Waldsteiner Weidburg, aber im Gebiet des Reichsforstes, vorgefallen war. Hochwürden Immenhort schickte Perainidane von Erlenfall zusammen mit Schwester Theria um dort jene Leben zu retten, die es noch zu retten gab, ganz gleich auf welcher Seite. Zum Abschied schloss ich meine Glaubensschwester in die Arme und raunte ihr mit Tränen in den Augen ins Ohr: „Halt dich bloß von Golgari fern, Perainidane!“

Sie lachte und erwiderte: „Der Storchenbiss in meinem Nacken reicht mir, Lindegard, einen von Golgari brauche ich nicht auch noch.“


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Tsa 1043 BF
Storchenbiss
Schneeglöckchen


Kapitel 3

Luringan
Autor: Orknase