Geschichten:Der uralte Bund - In den Vogtstuben III

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Amtsstube der Seneschallin in den Vogtstuben der Pfalz Randersburg, Ende Hesinde 1043 BF

Es war ein bekanntes Bild, das sich Salix und Yolande offenbarte, als sie gemeinsam mit der Boroni Nurinai die Räumlichkeiten der Seneschall betraten. Vor einem der Erker saß Josline von Eslamsgrund in einem reich verzierten Sessel. Links von ihr hatte wieder die hagere Frau mit dem ordentlichen Kurzhaarschnitt Platz genommen, während die Reichsedle Fredegard von Hauberach rechts von der Seneschallin saß.

Die Seneschallin begrüßte die Ankömmlinge knapp, was diese erwiderten. Wenige Augenblicke später traten die beiden Praiosgeweihten Wilbur von Eichstein und Silvano von Hagenau-Ehrenfeld in Begleitung zweier junger Damen ein.

“Ah mein guter Silvano, Praios zum Grüße, wen hast du uns da mitgebracht?”

“Praios zum Grüße, ich bringe Euch die Ritterin der Mark Josmine von Grevinghoff und die Schlunder Ritterin Madara von Amselhag. Beide wurden… wenn man so will… Zeuge eines furchtbaren Verbrechens.”

“Die Amseln fliegen an diesem winterlichen Morgen wieder sehr tief.” Die Seneschallin kniff ihre Augen zusammen. “Aber gut, berichtet!”

Der Praiosgeweihte wandte sich an die Schlunder Ritterin. “Madara, wenn Ihr so gütig wäret zu berichten.”

Die junge Ritterin trat vor und machte einen Knicks vor der Seneschallin.
“Euer Wohlgeboren. Ihr habt mit meinem Bruder schon den schrecklichen Tod der Geweihten Loderia von Pilperquell erörtern können. Vom nächsten Mord muss ich euch wohl berichten. Nachdem mein Bruder die Kunde von der Ermordung der Geweihten brachte, die besagte Fuchsstatuetten in der Pfalz verteilt hatte, haben wir uns Sorgen um Jolandes Schwertmutter gemacht.“ Die Amselhag nickte Josmine von Grevinghoff mit traurigem Blick zu. „Gwendare von Bergensteen wurde von Loderia scheinbar gedrängt, auch eine Figur zu überbringen. Daher machten wir uns Sorgen, dass der Mörder nun auch hinter ihr her sein könnte und haben uns zur Wacht über die Nacht in ihr Zimmer eingeschlossen. Wir haben das Zimmer verrammelt. Leider wurde unser Wasser vergiftet und Jolande und ich fielen in einen ungewöhnlich tiefen Schlaf, aus dem uns erst das Klopfen der ehrwürdigen Geweihten hier weckte. Gwendare war zugerichtet wie Loderia, nur das ihr die Augen fehlten, dargebracht auf einer Kupferscheibe, um es erneut nach dem Werk eines Schnitters aussehen zu lassen. Wir beiden haben von der grausamen Tat in unserem Zimmer nichts mit bekommen, wurden aber auch sonst nicht weiter behelligt.“ Die Amsel schüttelte sich kurz und strich sich mit dem Finger schnell etwas Feuchtigkeit die sich in ihren Augen gesammelt hatte weg.
Dann straffte sie sich wie ein Wehrheimer Rekrut beim Rapport und fuhr fort. „Wenn ich seine Ehrwürden richtig verstanden habe, konnte bei beiden keine Magie, jedoch eine finstere Karmalkraft bei einer näheren Untersuchung festgestellt werden. Wir haben das Zimmer durchsucht und den Wirt befragt. Neben viel Blut und der Plakette haben wir einen Bekennerbrief unter Gwendares Bett und den aus dem Phextempel gestohlenen Kaiser-Alrik-Ring in einem Versteck in ihrem Schrank gefunden. Ich denke, da wird der Bräutigam und seine Freunde aufatmen. Dass die gute Gwendare zu dem Diebstahl des Rings in der Lage war, glaube ich nicht. Ihr war das Überbringen der Füchse schon sehr unangenehm, wie Ehrwürden bestätigen können. Auch dieser Ring scheint also eine weitere falsche Fährte zu sein, die platziert wurde. Dazu noch der Bekennerbrief unter dem Bett. Das scheinen mir etwas viele Hinweise zu sein. Beim Wirt erfuhren wir, dass jenes Wasser, das uns über den Alptraum in unserem Zimmer schlafen ließ, ein vor wenigen Tagen eingestellter Knecht, der sich Engbert nannte, übergeben habe. Dieser Knecht, den der Wirt als dünn und schlaksig mit braunem Haar beschrieb, ist in der Nacht verschwunden und hat seine Kammer leergeräumt. Das merkwürdige ist, dass Jolande sich im Gegensatz zu mir an kaum etwas von Gestern erinnern kann. Sie hat das Wasser von diesem Engbert laut Wirt bekommen, kann sich aber an nichts mehr erinnern, als habe er sie verhext. Oder geht es wieder?“ Die junge Dame schaute sich zu der Ritterin um.

“Meine Erinnerungen sind noch etwas im Nebel”, entgegnete die Greifenfurter Ritterin. “Ich erinnere mich dunkel daran, Wein und Wasser aus der Schankstube geholt zu haben.”

„Vielleicht hat diese Amnesie etwas mit der dunklen Macht, die Ehrwürden festgestellt haben, zu tun. Eventuell kann jemand von ihnen Jolande später helfen und dieses Rätsel entschlüsseln.“ Madara musterte kurz die Borongeweihte.

Nurinai ni Rían legte den Kopf abschätzend von der einen zur anderen Seite. Wenn sie Gelegenheit hatte, dann würde sie gewiss sehen, was sie tun konnte...

“Derzeit denkt der Wirt übrigens, dass eine Vergiftung Frau Bergensteen nur mit einem Unwohlsein an ihr Bett gefesselt hat und er nicht stören soll, bis ein Medicus eingetroffen ist. Wir dachten, dass ein paar Stunden Diskretion wünschenswert sind. Ihr solltet aber dringend jemanden zu dem Zimmer schicken, um ihren Tod, vielleicht ja auch ihren natürlichen Tod, wenn das gewünscht wird, feststellen zu lassen, auf dass ihr Zimmer dann gründlich gereinigt wird und wir sie würdig bestatten können, bevor noch jemand auf eine Mordserie stößt und die Kunde davon verbreitet.”
Nun nickte die Borongeweihte.

„Weiter möchte ich in aller Kürze noch beitragen, das jener Engbert eine Verbindung zu einer Magd hat, die uns auf die Spur zu eurer Köchin Elene von Erlenfall gebracht hat. Da wir einen Koch in Eure Küche empfohlen hatten, sollte der Herr Pfannenwender sich einmal umhören und wurde prompt beschuldigt, seine eigene Suppe vergiftet zu haben. Bei allem Respekt für Eure Lage und Verständnis für die Notwendigkeit, den Herrn Pfannenwender in Gewahrsam zu nehmen bis die Situation geklärt ist: Zu dem ihm vorgeworfen Anschlag ist der gute Mann viel zu ehrgeizig und die Ausführung der Tat viel zu dilettantisch. Das verwendete Gift hätte jeder in der Küche einbringen können und eine Immunität weist doch viel zu offensichtlich in die Richtung des Angroscho. Die Suppe hätte es nie an der Vorkostung vorbei auf den Tisch geschafft und dann diese Inszenierung mit den bereitstehenden Wächtern. Viel eher reiht es sich in die anderen falschen Spuren ein, die mit ähnlich dilettantischem Verstand gelegt wurden und die Zwietracht am Hofe schüren sollen. So stellt sich doch kein hochgelobter Koch mit einem Empfehlungsschreiben meiner Familie vor, um dann ein Gift in seine eigene Suppe zu geben, gegen das er selber immun ist, auf dass danach alle Finger auf ihn oder meine Familie weisen. Ihr hattet sicher Gelegenheit, ihn ausgiebig zu befragen. Sofern Ihr keinen Beweis habt, dass der Angroschim sein eigenes Essen vergiftet hat, bitten wir gnädigst um seine sofortige Verlegung in eine angemessene Unterkunft, in der er bis zur Aufklärung dieser Inszenierung verbleiben wird. Und ich würde mich gerne von seinem Befinden überzeugen, wenn Ihr erlaubt. Meine Familie hinterlegt gerne eine angemessene Kaution für ihn und unterstützt euch gerne weiter bei der Aufklärung eurer Probleme. Vorausgesetzt, Ihr seid bereit, uns euer Vertrauen zu schenken. Wir haben uns eh schon zu tief in diesen Fall verstrickt, auch wenn wir damit scheinbar nun in den Fokus der Täter geraten sind. Weiter soll ich Euch mit gebührendem Respekt darauf hinweisen, dringend aufzuklären, was in eurer Küche los ist, aus der die hohen Gäste bewirtschaftet werden, bevor noch mehr Unglücke geschehen. In der Pfalz wird schon in gewissen Kreisen über die Küche und über das Regime der Frau Erlenfall gesprochen. Auch wenn mir als auswärtige Ritterin bestimmt nicht zusteht, Euch zu beraten, so wird das ja nicht in eurem Interesse sein. Ich danke Euch vielmals für euer Ohr. Ihr habt dann sicher noch Fragen?” Die Ritterin machte einen Knicks und sah in die Runde.

Fredegard hatte den Ausführungen Madaras äußerlich ungerührt gelauscht; innerlich war sie jedoch sehr ungehalten, ja beinahe zornig. Was spielten diese tatsächlichen oder vorgeblichen Schnitter hier nur für ein Spiel? Mit ihrem närrischen Treiben sorgten sie nur für unnötiges Aufsehen und gefährdeten so die Pläne der Perricumerin, die genau solches zu vermeiden gedachte! Auf einen Kommentar zum Bericht der Ritterin verzichtete die vormalige Baronin jedoch zumindest vorerst; zum einen war nicht sie, sondern die Seneschallin angesprochen und zum anderen wollte die Adlige erst noch die Reaktionen der übrigen Anwesenden - insbesondere der Gastgeberin - abwarten.

Salix hatte ebenfalls den Ausführungen der Amsel aufmerksam gelauscht. Abermals ein brutaler Mord dieser Schnitter, wie unnötig - in so vielerlei Hinsicht. Interessiert blickte er zur Seneschallin, wie würde sie auf diesen Schwall an Informationen reagieren? Vor allem nach einem so offenen Angriff gegen ihre Küchenverwalterin? Ansonsten blieb er still, wenngleich ihn das Schreiben interessierte.

Yolande und Nurinai tauschten einige vielsagende Blicke aus. Und warteten, ob die Seneschallin das Wort erheben würde.

Als Madara den Kaiser-Alrik-Ring ansprach, entgleisten der dürren Dame neben der Seneschallin für einen Augenblick die ansonsten wie versteinert wirkenden Gesichtszüge, doch fing sie sich schnell wieder. Die Seneschallin hatte dem Gezwitscher der Amsel ungerührt und ohne auch nur einmal mit einer Wimper zu zucken zugehört.

An die Greifenfurter Ritterin gerichtet, erhob die Eslamsgrunderin ihre Stimme, die dabei fast schon mütterlich klang. „Hohe Dame von Grevinghoff, es betrübt mich, vom Tod Eurer Schwertmutter zu hören. Möge ihre Seele ihren Weg in eines der zwölfgöttlichen Paradiese gefunden haben.“
Anschließend blickte die Seneschallin zur jungen Schlunderin. „Welch Gezwitscher der Amsel dringt an meine Ohren. Geheimnisvolle Erpressung, niederträchtige Vergiftung und gar abscheulicher Mord – und immer ist eine Amsel nicht weit. Ihr Amseln scheint mir sehr umtriebig zu sein. Doch frage ich mich, was für ein Spiel hier gespielt wird. Ihr beschuldigt eine weit geachtete Geweihte der Frau Hesinde mit untadeligen Leumund, die obendrein selber Opfer eines grausamen Mordes wurde, eine Ritterin gedrängt, um nicht zu sagen erpresst zu haben, diese ominösen Fuchsstatuetten zu verteilen. Dann finde ich in meiner Küche einen Agenten aus Eurem Nest, der meine Küchenmeisterin heimtückisch vergiftet. Nur einem Wunder des Gleißenden ist es wohl zu verdanken, dass sie noch auf Dere weilt. Nun bringt Ihr mir Kunde von einem weiteren abscheulichen Mord, wieder auf götterlästerlich-obskure Art verübt und wieder flattern die Amseln am Ort des Gemetzels umher. Mehr noch, Ihr ward just in dem verschlossenen Zimmer, in dem die Tat geschah, was Euch in den Kreis der Tatverdächtigen zieht.“

Die Stimme der Seneschallin wurde eindringlicher.

„Als Krönung der Anmaßung wollt Ihr mir erklären, wie ich mein Amt zu führen habe. Welch unerhörte Frechheit sondergleichen. Und was Euren Koch betrifft, so hat ihn wohl das Gewissen geplagt. Am heutigen Morgen in aller Früh wurde er erhängt in seiner Zelle gefunden.“

Vor Entsetzen schnellte die zitternde Hand der jungen Ritterin vor ihren Mund und ihr schmerzvoller Blick eilte Halt suchend zu Silvano herüber. Madara zwinkerte die aufkommende Tränenflut aus ihren geröteten Augen und schloss kurz die Lieder, um sich zu sammeln. Dann schaute sie mit glasigem Blick zur Senneschallin und erhob ihre vor Trauer nun bebende Stimme.
„Es steht mir eigentlich bestimmt nicht zu, Euch zu belehren. Doch anstatt ein Fest zu genießen, muss man als euer Gast Angst um sein Leben haben. Ihr habt einen ehrenwerten Angroscho, der mit einer schriftlichen Empfehlung meiner Familie in eure Dienste trat, in euren Gewahrsam genommen und ihn eines Giftanschlages in eurer Küche bezichtigt, ohne einen Beweis dafür vorlegen zu können. Und nun wollt Ihr sein Gewissen und seinen Leumund weiter missbrauchen und seine Ermordung in eurer Obhut übergehen? Von Heimtücke kann mit einem Empfehlungsschreiben, bereitstehenden Wachen und euren Indizien wohl kaum die Rede sein! Dieser brillante Mann hätte sich wegen so einer haltlosen Beschuldigung nie umgebracht und somit lastet nun ein weiterer heimtückisch inszenierter Mord an dieser Pfalz, nachdem schon eine ehrwürdige Hesindegeweihte auf brutale Weise hier einer dunklen Macht geopfert wurde, vor der sie scheinbar so eine Angst hatte, dass sie sich gezwungen sah, diese Füchse in die Obhut vertrauensvoller Menschen zu spielen, bevor ihr schreckliches Schicksal sie ereilte. Derselben Angst, mit der ich mich erdreiste, Euch zu fragen, warum Ihr Euch von so wenig plausiblen Ablenkungsmanövern in die Irre leiten lasst und scheinbar kaum Jemand auf die Idee gekommen ist, dass der Mörder der Spur der Füchse folgt. Während in eurem Kerker und dieser Pfalz unbehelligt Mörder ein und ausgehen können, wollt Ihr nun mit euren Andeutungen doch wohl nicht auch noch meine Familie als euren Sündenbock hinstellen, solange Ihr wie schon beim unbescholtenen Herrn Pfannenwender keine stichhaltigen Beweise vorlegen könnt. Ich habe mich mit diesen beiden Ritterinen in ein Zimmer eingeschlossen, um Gwendares und Jolandes Leben zu schützen, da wir in dieser Pfalz Angst haben müssen. Und wenn Ihr meint, ich Maße mir etwas an, so gedeiht diese Anmaßung aus der Furcht davor, was diese Mordserie um diese ominösen Füchse für einen immensen Schaden an dieser heiligen Hochzeit anrichten kann, wenn es nicht bald gelingt, aufzudecken was in dieser Pfalz vor sich geht. Und auch wenn es Euch erzürnen wird, so habe ich als Ritterin die Pflicht und Schuldigkeit, mein Wohl unter das der Kaiserfamilie zu stellen. Und so flattern wir durch diese Pfalz und lesen die Spuren auf, die Ihr achtlos liegen last und bemühen alles in unserer Macht, um Euch bei eurer Pflicht zu unterstützen.“ Die Augen der Ritterin ertranken fast in Tränen während sie redete. Dann kniete sie vor der Seneschallin nieder und beugte ihr Haupt. „Ich werde mich für meine Anmaßung bei Euch trotzdem entschuldigen. Aber ich schweige angesichts der ernsten Lage nicht und verlange, dass Ihr eure Anschuldigungen gegen meine Familie und vor allem gegen den ehrwürdigen Herrn Pfannenwender aufschiebt, bis Ihr triftige Beweise vorbringen könnt. Und wenn Ihr wirklich glaubt, dass meine Familie anstatt des Reiches Wohl eine Intrige hinter unserem Wappen spinnt, so biete ich mich als Pfand an, wenn ich meine Bewacher angesichts des ungeklärten Todes in eurer Zelle selber wählen darf.“

Die Boron-Geweihte seufzte schwer und raunte ihrer Liebsten zu: “Mir ist ganz schlecht.”
“Ja”, erwiderte die Ritterin da nickend, “Ich weiß Narzisschen, ich weiß. Mir irgendwie auch…”

“Soso, Euer zwergischer Hilfskoch wurde also umgebracht, werte Ritterin. Ein Hilfskoch, der sich in dem von mir auf Bitten unserer Gastgeberin”, die Altbaronin nickte kurz der Seneschallin zu, “geführten Verhör selbst als Hufschmied bezeichnete und erst im weiteren Verlauf der Befragung damit herausrückte, eigentlich seit Jahren der Leibkoch der Familie Amselhag zu sein und dem aufgetragen worden sei, sich in die Schlossküche respektive bei der Küchenmeisterin einzuschleichen, um irgendwelche ‘Agenten’ nicht näher bezeichneter Provenienz aufzuspüren. Die Details sind im Verhörprotokoll, welches natürlich vor Zeugen erstellt und von diesen gegengezeichnet wurde, nachzulesen. Jetzt stellt sich mir zunächst folgende Frage, werte Rittersfrau,” Fredegards Stimme hatte einen leicht spöttischen Tonfall, der im weiteren Verlauf ihrer Ausführungen jedoch zunehmend an Schärfe gewann, angenommen: “Hat der Mann dort im Auftrag der ‘Amseln’ gehandelt, oder dies nur vorgegeben? Im ersteren Fall finde ich es doch, sagen wir, höchst eigentümlich, dass Ihr einfach so im Haus Eures Gastgebers Spitzel platziert, die nach irgendwelchen Spionen Ausschau halten sollen. Und wenn Ihr da offenbar schon einen Verdacht gehabt haben solltet: Warum hat sich Eure Familie nicht direkt an Frau Josline damit gewandt, sondern eine solche Scharade veranstaltet? Und die Behauptung, der Angroscho wäre viel zu ehrgeizig und der Giftanschlag in der Küche viel zu dilettantisch vorgetragen gewesen, überzeugt zumindest mich nicht im geringsten. Er wäre nicht der Erste, dessen Ehrgeiz seine Fähigkeiten weit überstiege oder letztere deutlich überschätzte. Und das verwendete Gift, Tulmadron, steht auf dem Index Wehrheimium; seine Beschaffung ist damit wohl ebenso schwierig wie teuer. Außer für einen Zwergen wohlgemerkt, welcher zudem - welch glücklicher Zufall - gegen dieses Mittel immun ist. Aber alles nur Zufälle, wir Ihr sagt. Doch spinnen wir Eure kleine Geschichte noch ein wenig weiter: Um den Giftanschlag Eurem Bediensteten unterschieben zu können, um Euch damit zu treffen, hätte der tatsächliche Täter ja wissen müssen, dass der Zwerg eigentlich in den Diensten Eurer Familie steht; dagegen spricht jedoch der Umstand, dass außer dem Toten und Euch doch wohl kein Außenstehender davon gewusst haben dürfte, richtig? Wer sich als Spion betätigt, pflegt dies gemeinhin nur selten Dritten mitzuteilen, wäre dies sowohl seinem Auftrag als auch seinem eigenen Wohlergehen doch wohl eher abträglich. Zumindest verhält es sich in meiner al´anfanischen Heimat so. Und wer soll denn der oder die ‘große Unbekannte’ sein, der tatsächlich hinter alledem stecken und unter anderem Euren Koch erst einen Giftanschlag untergeschoben und ihn dann ermordet haben soll? Da muss ja jemand außerordentlich viel Zeit, Geld und Mühe aufwenden, nur um die Familie Amselhag zu kompromittieren. Aber weiter: Warum bringt dieser Jemand den Zwergen nach” die Adlige betonte das letzte Wort ganz besonders “dessen Befragung um? Zu welchem Behufe? Und wie soll dieser Mord, für den es nicht den geringsten Anhaltspunkt, geschweige denn Beweis gibt, überhaupt vonstatten gegangen sein? Ihr stellt hier Behauptungen auf, ohne hierfür auch nur im Ansatz schlüssige Begründungen, Argumente oder gar Fakten vorzulegen. Non sequitur! Ich habe da eine ganz andere Vermutung, die ich natürlich auch nicht beweisen kann, aber zumindest in Einklang mit der Sachlage steht: Vielleicht hat es Euer Koch nicht mehr ausgehalten, als er erkannte, dass er ausgespielt hatte und wollte sich mit seinem Freitod einen Prozess und die darauf folgende Schande für seine Sippe ersparen?
Mit Blick auf die Seneschallin schloss die Perricumerin mit fast schon sanfter Stimme: “Verzeiht, meine Teure, diesen Sermon, aber derlei haltlose Behauptungen mochte ich nicht unwidersprochen hier im Raume stehen lassen.”

Die Amsel schaute auf und sah die alte Dame irritiert an und dann zur Senneschallin und weiter in die Runde. "Wieso Hufschmied? Was habt Ihr da für ein stümperhaftes Verhör geführt und wer war Zeuge der Befragung? Wen habt Ihr denn nun verhaftet? Ihr werdet ja doch wohl nicht einen Hufschmied in eurer Küche angestellt haben um eure Gäste zu bewirten. Der Herr Pfannenwender hat sich mit einem Empfehlungsschreiben als Koch bei eurer Küche beworben und eure Küchenmeisterin hat ihn ja kaum ohne in die Küche gelassen. Daher wird der gesamten Küche ja wohl bekannt gewesen sein das dort ein Koch und kein Hufschmied kocht. Das Schreiben wird ja irgendwo sein. Warum mein Bruder euch gestern nicht von seinem Agenten-Verdacht erzählt hat, kann ich nicht sagen. Vielleicht habt ihr ihm ja gestern nicht richtig zugehört und lieber eure einfachen Erklärungen vorgetragen, ohne sie beweisen zu können. Eure Theorien vom Einschleichen sind also wieder genauso haltlos wie eure Behauptung im Schlund gebe es Tulmadron. Aber mit Giften werdet Ihr Euch als Al'Anfanerin bestimmt besser auskennen als ich. Und zu eurer bequemen Vermutung mit dem Freitod: Wenn diese Ritterin sich kaum erinnern kann, gestern das Wasser und den Wein geholt zu haben, vermute ich nun einmal, das den Übeltätern Beherrschungsmagie oder Ähnliches zur Verfügung steht und dass dieser Täter Zugang zu eurem Kerker hat. Man munkelt am Hof, dass auch Ihr ein weitreichenden Netz an Augen in der Pfalz habt. Warum entgeht Euch eigentlich so viel und warum sucht Ihr immer nach so einfachen Lösungen, wenn das Problem doch recht komplex erscheint. Wie mein Bruder gestern schon andeutete, scheint Ihr sehr an einer pflichtgeschuldeten Vertuschung interessiert zu sein wann immer Ihr sprecht, Frau Hauberach.”

Mit einem süffisanten Lächeln entgegnete Fredegard: “Hach, womit sich Al´Anfanerinnen auskennen oder nicht, überlasst besser diesen oder ihren Nachkommen; Vielleicht sprecht Ihr bei einer Audienz mal Ihre Kaiserliche Majestät oder ihren erlauchten Gemahl oder noch besser Altkaiserin Alara darauf an… Und ihr hört offensichtlich auch nicht gut zu: Ich habe nie behauptet, dass es im Schlund Tulmadron gäbe! Ebenso wenig, wie Ihr mit Gewissheit behaupten könnt, dass es dort nicht zu erwerben wäre. Aber diese Diskussion ist müßig, da verbotene Gifte, deren Besitz allein schon mit schwersten Strafen belegt wird, im Allgemeinen nicht offen angeboten und verkauft zu werden pflegen.
Ihr lehnt Euch übrigens mit der Kritik an dem von mir geführten Verhör erneut weit aus dem Fenster, junge Dame.” Die Stimme der Perricumerin hatte nun einen tadelnden Unterton angenommen. “Ihr wart nicht einmal dabei, wisst aber natürlich mit absoluter Gewissheit, dass es von mir ‘stümperhaft’ geführt wurde. Dann müssen Herr Salix und Frau Yolande”, Fredegard nickte den Genannten kurz zu, “ebensolche ‘Stümper’ sein, denn sie waren beide bei der Befragung zugegen und haben deren Protokollierung auch als zutreffend bezeugt. Und nur um etwaige Missverständnisse von vornherein zu vermeiden: Euer Koch wurde tatsächlich nur befragt, nicht aber einem scharfen oder gar hochnotpeinlichen Verhör unterzogen. Vielleicht gestattet unsere Gastgeberin Euch ja, einen Blick auf das Protokoll zu werfen, damit Ihr überhaupt wisst, worüber wir hier reden.
Und was meint Ihr mit ‘pflichtschuldiger Vertuschung?’ Mit Ausnahme der Seneschallin und Herrn Salix kannte ich bei meiner Ankunft hier niemanden und habe auch sonst keine engeren Beziehungen nach Garetien. Zudem war mir Eure Familie bis zu den jüngsten Ereignissen nicht einmal dem Namen nach bekannt! Warum also sollte ich in dieser Sache parteiisch oder gar voreingenommen sein? Oder wollt Ihr etwa unterstellen, dass die werte Frau Josline hier versucht - höchst praiosungefällig - etwas unter den Teppich zu kehren und ich ihr lediglich aus alter Verbundenheit heraus dabei helfe? Und irgendwelche auch nur im Ansatz belastbare Indizien, von Beweisen ganz zu schweigen, dass Euer spionierender Koch ermordet wurde, habt Ihr immer noch nicht vorgelegt. Nur kühne Behauptungen und noch kühnere Theorien! Aber ich wiederhole mich.”
Nun wandte sich die Altbaronin an die Seneschallin: “Damit es nicht wieder heißt, Du, ich oder gar wir beide würden da irgendwas vertuschen: Lasst doch die junge Rittersfrau hier einen Blick - einen gründlichen Blick - auf die Leiche ihres Bediensteten werfen! Wenn er ermordet wurde, so wird es da doch sicher irgendwelche Verletzungen oder sonstige Anhaltspunkte geben, die diesen Vorwurf untermauern.”

“Was Ihr meint schuldig zu sein weiß ich nicht. Mir fällt nur eure Bemühtheit auf. Das Gift hätte also doch jeder Kriminelle beschaffen können und ist nicht, wie Ihr gerade angedeutet habt, in jeder Hosentasche eines Zwerges zu finden. Da unser Koch bei diesen dürftigen Spuren in eurem Gewahrsein umgekommen ist, möchte ich das Protokoll gerne lesen und seine Leiche sehen. Ich kann mir nicht erklären, wieso er sich als Hufschmied in eurer Küche ausgegeben hat oder sich dann aufhängen sollte, da Ihr scheinbar keinen Beweise außer ein Gift, das jeder besorgen kann, für seine Schuld vorbringen könnt. Aber ich kann mir auch die Erinnerungslücke Jolandes nicht erklären.” Madara schaute zu Jolande und dann zu dem Herrn Salix und zu der Dame Yolande herauf. “Hat sich unser Koch denn sonst irgendwie merkwürdig benommen?”

“Dunkel erinnern kann ich mich schon, es ist nur eben etwas verschwommen und noch noch nicht alles frei vom Nebel der Nacht”, antwortete die Greifenfurter Ritterin. “Aber Madara… hast du mich vergiftet und meine Schwertmutter… .” Jolande konnte nicht weiter sprechen und begann zu zittern, sodass Silvano sie in den Arm nahm, um sie zu beruhigen.

“Allen Anwesenden steht es frei, das Verhörprotokoll einzusehen und die Leiche des Zwerges, im Beisein Ihrer Gnaden Rian sowie eines Praiosgeweihten”, der Blick der Seneschallin wanderte zu Silvano und Wilbur, “eingehend zu untersuchen.”

“Was den Zwergen angeht”, fuhr die Seneschallin fort, “so wurde das Gift in der Suppe nachgewiesen und sämtliche Küchenhilfen haben ausgesagt, nicht in die Nähe selbiger gekommen zu sein, da dies Euer Koch nicht wünschte. Auch haben sie ausgesagt, dass aus unbekanntem Munde Stimmung gegen die Küchenmeisterin gemacht wurde. An seiner Leiche sind keinerlei Spuren von Fremdeinwirkung, das habe ich bereits untersuchen lassen, aber bitte, davon können sich selbstverständlich alle Anwesenden selber überzeugen. Während Ihr nur Vermutungen und Verleumdungen zwitschert, die alleine Euch schon in den Kerker bringen würden, sprechen die Indizien klar gegen Euch und Eure Amseln. Dass ich Euch noch nicht in den Kerker geworfen habe, habt Ihr einzig und allein Bruder Silvano zu verdanken.”

“Verzeiht”, bat Nurinai da mit lauterer Stimme als gewöhnlich und hoffte, sich so Gehör verschaffen zu können, “Ich denke, es ist im Moment nicht angebracht, dererlei… hm... Nettigkeiten… auszutauschen, wo doch bald eine bedeutender Bund geschlossen werden soll, der in großer Gefahr scheint. Überhitzte Gemüter sind da wenig hilfreich. Ihr sagtet, werte Frau von Amselhag, etwas über den Kaiser-Alrik-Ring?”

Der Blick der hageren Dame neben der Seneschallin streift kurz Salix und blieb dann starr auf die Amsel gerichtet. “Ihr verliert Euch in Anschuldigungen, die mir wie Verschleierungen erscheinen.” Die Dame rümpfte pikiert ihre Nase. “Aber ich gebe Ihrer Gnaden recht… der Kaiser-Alrik-Ring, Ihr habt Ihn?”

Die Amsel suchte ihre Fassung "Er fand sich im Schrank der Verstorbenen versteckt, der ich so einen Diebstahl nicht zutraue. Verzeiht mir die Frage, ihr wurdet nicht vorgestellt. Und ihr seid?"

“Hofmarschallin Perainka Adersin von Dunkelsfarn”, sprach die Dame mit nach oben zuckender Augenbraue. “Redet, habt Ihr den Ring?”

Die Ritterin schaute erst zu Jolande und dann zu den beiden Geweihten.

“Den Ring habe ich an mich genommen”, entgegnete Silvano mit einem Räuspern. Er fischte dabei aus seiner Tasche einen goldenen Herrenring mit einem funkelnden Rubin und präsentierte diesen den Anwesenden.

Salix, der bislang lediglich daneben stand und den Leuten die ihn anschauten oder seinen Namen nannten ein freundliches Lächeln und kurzes Nicken schenkte, blickte zu der Ritterin und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. “Mein Beileid zu eurem Verlust, Euer Wohlgeboren”. Dann wandte er sich zum Geweihten mit dem Ring. Ohne jemanden bestimmten anzublicken, sprach er mit Neugier in der Stimme: “Verzeiht, das muss wohl an mir vorbeigegangen sein. Besäße wohl jemand die Güte, mir zu erläutern, was es mit diesem auf sich hat?”.

“Das würde mich auch sehr interessieren” meldete sich Wilbur zu Wort, der den Streitereien bisher wortlos, teils auch kopfschüttelnd, zugehört und dabei die Anwesenden sorgfältig gemustert hatte. “Vielleicht könntet Ihr uns darüber ins Bild setzen, was es mit dem Ring auf sich hat, Ihr scheint ihn zu kennen. Und vielleicht schaffen wir das auch, ohne dass wir uns an die Gurgel gehen und weitere Fehden ausgerufen werden. Es gilt, zwei Morde aufzuklären. Die Toten haben nichts davon, wenn wir uneins sind. Praios hat Euch nicht ohne Grund auf Eure Positionen gesetzt. Herrscht und handelt, wie es Eure Pflicht ist vor dem Götterfürsten. Zwist und Streit helfen einzig dem Mörder”, richtet er seine mahnenden Worte an die Anwesenden. Mit etwas sanfterer Stimme fuhr er fort: “Also, berichtet bitte über die Hintergründe des Rings. Und dann lasst uns noch einmal zusammentragen, was wir bereits wissen.”


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In den Vogtstuben III
Die Pfalz erwacht


Kapitel 24

In den Vogtstuben IV
Traumsequenzen


Kapitel 13

In den Vogtstuben IV