Geschichten:Gähnende Leere

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Neunfinger gähnte. Die Rückreise vom Kloster Leuenfried war ermüdend gewesen. So wie die ganze Veranstaltung.
Schlichtung. Pah. Travia mochte das gefallen, aber Rondra doch nicht und sicher nicht Kor.
Mit Vergnügen hatte Neunfinger die Kampfhandlungen des letzten Götterlaufes gesehen. Viele Schlachten waren geschlagen worden, viel Blut war geflossen. Doch nun war der Zwist vorbei, Ruhe kehrte ein ins Reich.
Er gähnte erneut.
Das war schlecht für das Reliquiengeschäft. Wer kaufte schon korgefällige Reliquien wenn kein Kampf drohte?
Nur noch wenige Meilen, dann war er wieder in Byderisch. Hoffentlich war seinen Korgonern nicht langweilig gewesen in seiner Abwesenheit. Er grinste. Doch das Grinsen verschwand umgehend, als er sah, dass die Korgoner gerüstet neben ihrem Pferden auf dem Dorfplatz warteten, während er in das Dorf einritt.
„Was ist geschehen?“, rief er.
„Höllenwall ist untergegangen.“, antwortete einer.
„Was?“
„Gestern abend kam ein Bote. Zu Fuß. Er sagte, die Helburg sei zerstört, die Stadt Höllenwall abgebrannt.“
„Die Helburg kann nicht zerstört werden. Das ist Unsinn.“
Die Männer sagten nichts, drehten sich um.
Aus dem Hintergrund hinkte ein Mann nach vorn. Seine Kleidung war zerrissen und schmutzig.
„Kor zum Gruße, Hauptmann“, sagte dieser leise. Neunfinger erkannte ihn, er war einer der Söldner, die in Höllenwall lebten und auf Aufträge warteten.
„Was hast du gesehen?“, fragte er.
„Ich war mit einigen Männern gerade in Höllenwall. Wir wollten trinken und Spaß haben“, er senkte den Kopf.
„Weiter“, brummte Neunfinger ungeduldig.
„Plötzlich gab es einen lauten Knall. Wir stürmten aus der Schenke und da war es.“
„Was?“, brüllte Neunfinger.
„Purpurnes Licht war über den Bergen. Wie eine Lanze stieß es in den Himmel. Und es war ein Geschrei in der Luft. Unheilig, sage ich nur.“ Der Mann schlug ein Schutzzeichen vor seiner Brust. Einige taten es ihm nach.
Neunfinger sprang vom Pferd, packte den Mann am Hemd.
„Was … ist … passiert?“, seine Stimme war drohend leise geworden.
„Die Stadt fing an zu brennen. Wir halfen, doch am morgen war alles verbrannt. Und dann sahen wir, dass die Helburg fort war. Einfach weg.“
Neunfinger stiess den Mann von sich. Das konnte nicht sein.
„Wann war das?“, fragte er leise.
„Am letzten der Namenlosen Tage.“
Neunfinger schloss die Augen. Das verhiess nichts Gutes.
Was mochte nur geschehen sein?
Malepartus war der Schlichtung ferngeblieben. Das war ungewöhnlich, aber nicht besorgniserregend. Doch nun sollte alles was er in den letzten Jahrzehnten aufgebaut hatte zerstört sein? Durch purpurnes Licht am Letzten der Namenlosen Tage?
„Wir reiten nach Höllenwall“, rief er laut.
Verhaltener Jubel war die Antwort.
„Oder zu dem was noch davon übrig ist“, flüsterte er.