Verräter und Getreue - Hühnchen und andere Katastrophen

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Burg Natzungen, 1. Efferd 1033 BF

Müde und erschöpft betrat Voltan von Schwingenfels den Palas von Burg Natzungen. Die Wachen – keine „seiner“ Schwingen, sondern Leute von Baronin Tanira – hatten ihn zwar zuerst ob seines derangierten Zustandes nicht passieren lassen wollen, doch schließlich hatte er ihnen klar gemacht, wer er war und dass er unbedingt mit dem Kronvogt reden musste. Ein Hausdiener führte ihn nun durch das Treppenhaus und die Flure entlang, aber Voltan achtete nicht auf den Weg. Den ganzen langen Ritt von Bugenhog bis hierher hatte er überlegt, wie er es Hadrumir beibringen konnte, aber da gab es einfach nichts zu beschönigen. Kurz: Es war eine Katastrophe. Ludegar hatte ihm zwar sofort nach Erhalt der Fehdeansage der Hutter Ritter eine Nachricht in Feldrungen zukommen lassen, doch er war zu dem Zeitpunkt bei seiner Schwester in Hartsteen gewesen, um über den Verkauf der Ernte zu sprechen und war darum mit zu wenigen Kämpfern und zu spät nach Ebenhain aufgebrochen: Über den Zinnen flatterten bereits die Banner der Windischgrütz und Steinfeldes und er wurde mit Bolzenschüssen empfangen. Über Ludegar war nichts in Erfahrung zu bringen; entweder war er tot oder in Gefangenschaft. Voltan hatte keine andere Möglichkeit gesehen, als sich nach Feldrungen zurückzuziehen. Doch damit nicht genug, in seiner Abwesenheit war das Gut überfallen und gründlich ausgeplündert worden. Alles was nicht niet- und nagelfest gewesen war, hatten die Schurken mitgehen lassen. Auch der Allinger in Kesseling war von der Fehdeansage überrascht worden und hatte von einem Überfall auf seine Weiden berichtet, bei dem ihm ein Gutteil seines Viehs abhanden gekommen war. Voltan war klar, dass Hadrumir wegen der Kämpfe in Natzungen keine Verstärkungen hatte schicken können, so dass er auf sich gestellt geblieben war. Aber mit den wenigen Kämpfern, die er zur Verfügung gehabt hatte, ließ sich Feldrungen nicht lange halten, geschweige denn Ebenhain zurückerobern. Die Situation war in den letzten Tagen immer prekärer geworden, so dass er sich entschlossen hatte, seinen entfernten Vetter doch aufzusuchen.

Die ganze Angelegenheit war schier unglaublich. Der Sieg über die Windischgrützer hätte eigentlich Ruhe und Frieden bringen sollen, was aber in diesen Wochen in Hutt geschah, war das genaue Gegenteil davon. Die Hutter Ritter mussten von allen guten Gaben Hesindes verlassen sein. Oder steckte jemand anderes dahinter? Graf Geismar schied eigentlich aus. Zu fest hatten die kleinen Geschlechter in der Natterndorner Fehde an der Seite des Oberhartsteener Grafen gestanden. War es ein abgekartetes Spiel von Luidor, die Schwingenfelser erst auf seine Seite zu locken, dann zu isolieren und fertig zu machen? Sie mussten verflixt vorsichtig sein. Die Kämpfe gegen die Windischgrützer und in Natzungen in diesem Jahr hatten viel Kraft gekostet. Hatte Hadrumir zu viel gewagt? Doch der loyale Soldat in Voltan gewann wieder die Oberhand und verdrängte die Frage. Jetzt würde es erst einmal darauf ankommen, ein klareres Bild der Lage zu bekommen und zu sichern, was zu sichern war.

Seine Base Danaris kam ihm vor dem Empfangszimmer entgegen und machte dabei einen mindestens ebenso abgehetzten Eindruck wie er selbst. Immerhin trug sie einen Teller mit einem halben Hühnchen darauf und nagte gerade an einer Keule. Angesichts der Mahlzeit bemerkte Voltan, wie leer sein eigener Magen war. Seit dem gestrigen Abend hatte er nichts Richtiges mehr zu sich genommen: „Zum Guße Danaris, Was gibt’s?“

„Zum Gruß, Voltan. Hühnchen“, antwortete sie. Doch als sie sein verdattertes Gesicht bemerkte, schob sie hinterher: „Hinterwalden wurde angegriffen und geplündert. Ich habe mich gerade noch so retten können. Wie mir berichtet wurde, sind Oderik und seine Frau entführt worden.“

„Das klingt übel. Weiß Hadrumir es schon?“

Sie schüttelte den Kopf: „Ich bin gerade erst angekommen, war nur noch schnell in der Küche.“ Sie hielt ihm ein Stück kalten Braten hin, das er beherzt ergriff.

„Das wird ihn sicher nicht freuen.“

„Was? Dass ich das Huhn esse, dass seine liebe Frau vom gestrigen Abendessen übrig gelassen hat?“

„Wieso? Ist sie schon wieder schwanger?“ fragte er abwesend, mittlerweile ganz mit Kauen beschäftigt.

„Keine Ahnung.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Nebenbei, du siehst auch nicht so aus, als hättest du gute Nachrichten.“

Voltan schüttelte den Kopf, schluckte und murmelte: „Es ist einfach zu zäh, kein Wunder dass sie...äh..." Er besann sich und wollte zu einer Erklärung ansetzen, doch wurde er durch die Stimme ihres Familienoberhauptes unterbrochen: „Herein!“

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Mit unbeweglicher Miene hörte sich Hadrumir die Berichte seiner Verwandten an. Er schaute in die Runde. Borstefred von Katterquell und Tanira von Natzungen hatten schweigend die Berichte ebenfalls zur Kenntnis genommen. Hadrumir ballte die Fäuste und er spürte den Zorn aufsteigen. Er hätte gerne alles klein geschlagen, doch wusste er nur zu gut, dass dies der Sache nicht förderlich war. „Dies sind also die Fakten! Das ist ein starkes Stück, was man uns dort präsentiert.“

Tanira ergriff das Wort: „Das ist eine Katastrophe! Wie konnten wir das übersehen?“

Hadrumir spürte einen versteckten Vorwurf in dieser Frage. Er war verantwortlich für die Situation und hatte sie nicht in diesem Ausmaß kommen sehen.

Borstefred donnerte: „Wir müssen sie mit Stumpf und Stiel ausradieren!“

Hadrumir lächelte gequält. „Und womit, treuer Freund? Die Orbetreuer Schwingen sind nur noch ein Schatten ihrer selbst! Wir können uns keine zweite offene Schlacht erlauben!“

Voltan von Schwingenfels konnte nicht glauben, was er da hörte. „Das heißt, Ihr überlasst es uns, mit dieser Bedrohung fertig zu werden? Soll das alles sein, was Ihr zur Größe des Hauses Schwingenfels beitragt?“

„Schweigt!“ zischte Hadrumir. „Ihr vergesst, wer ich bin!“

Voltan lachte zynisch. „Oh ja, ich vergaß, dass Ihr all Eure Ziele erreicht habt! Ihr seid ja Kronvogt zu Puleth!“

Hadrumir bebte vor Zorn. „Wir werden reagieren!“ brachte er mühsam beherrscht hervor. „Doch brauchen wir Zeit! Zeit unsere Kräfte zu Sammeln, dann erst schlagen wir zurück!“

„Und bis dahin lassen wir den Feind gewähren?“

Hadrumir lächelte. „Mitnichten!“ Er schaute zu Tanira. „Jemand hat mich gelehrt, dass Täuschung oftmals besser wirken kann als wahre Stärke! Wir müssen unseren Feinden weismachen, dass wir noch stark sind!“ Mit einem wölfischen Lächeln schaute Hadrumir in die Runde.