Geschichten:Das Einfordern einer alten Gefälligkeit

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Baronie Syrrenholt, Burg Zankenblatt, etwa 9 Monde vor der Schlacht um Mendena

Nebelschwaden umhüllten die alte Feste Zankenblatt, die zur späten Stunde unter dem bleichen Schein des Madamals wie ausgestorben erschien. Nur aus einem der Fenster im zweiten Obergeschoss des herrschaftlichen Palas drangen schwache Lichtstreifen zwischen den geschlossenen Fensterläden hervor. Hier studierte Erlan von Zankenblatt, der Herr dieser stolzen Feste, verschiedene Auflistungen und Schriftstücke, die sich überwiegend mit den Vorbereitungen zum bevorstehenden Heerzug gen Haffax befassten. Derart in die Lektüre der Unterlagen vertieft, nahm er den leichten Luftzug nicht wahr, der die schweren Damastvorhänge unmerklich zum Schwingen anregte.

"Der Moment ist gekommen!" - eine leise, fast gehauchte Stimme, riss Erlan aus seinen Gedanken.

"Wer da? Erkläre er sich, Mann!" Erlans Hand wanderte zu einem kleinen Glöckchen, das auf seinem schweren Eichentisch griffbereit stand. Doch noch ehe er seinen Leibdiener herbei rufen konnte, trat eine dunkle Gestalt aus dem Schatten hinter den Vorhängen hervor. Die Person war grau gewandet und bewegte sich mit eleganter Gelassenheit einen weiteren Schritt auf den Baron zu. Eine dunkle Kapuze ließ das Antlitz des Eindringlings weiterhin im Verborgenen. Die unbekannte Gestalt hob ihre rechte Hand, deren grauer Handschuh einen Fuchskopf zierte und ihn als einen Hochgeweihten der Phexkirche auszeichnete.

"Nennt mich Gillian, Euer Hochgebohren! Gillian aus Gareth."

Erlan entspannte sich. Er kannte jenen, der sich Gillian nannte - oder vielmehr jenen Namen, denn er war sich nicht sicher, ob sich hinter dem Namen "Gillian aus Gareth" nicht doch gänzlich unterschiedliche Personen verbargen. Gillian aus Gareth war ein Geweihter des listigen Gottes und bewohnte - wohl eher: beanspruchte - einige Räumlichkeiten im alten Westturm der Feste Zankenblatt. So war jene Person demnach ein Mitbewohner, der sich jedoch nur äußerst spärlich zeigte.

"Ihr?" der Baron lehnte sich erleichtert zurück.

"PHExens Gunst sei mit Euch!" verneigte sich der Graugewandete

"Seine Sterne erleuchten auch Eure Wege!" erwiderte der Baron, ehe er mit einer kurzen Handbewegung dem Ankömmling einen bequemen Sessel anbot. Erlan goss sich, und dem Geweihten etwas Rotwein in zwei Pokale, ehe er beiläufig fortfuhr: "Was meint Ihr damit, dass der Moment gekommen sei?"

"Der Listige fordert SEInen Gefallen ein, den Ihr IHM noch schuldet!"

Etwas verunsichert richtete sich der Baron nun in seinem Sessel auf. Ehe er etwa erwidern konnte, stellte der der Geweihte nüchtern fest: "Ihr zieht gen Haffax!"

"So ist es! Als Reichsforster Ritteroberst habe ich das Kommando über die gräflichen Rittersleut! Wir werden den Erzverräter ins Perlenmeer treiben und Mendena befreien!"

"Genau dies macht Euch für unser Anliegen geeignet! Ihr habt die Befehlsgewalt über einen kleinen aber nicht unerheblichen Anteil des garetischen Heerzuges und könnt diesen einsetzen, wo und wie es euch beliebt"

Mit einer unscheinbaren Geste faltetet Gillian darauf eine kleine Karte auf dem Schreibtisch aus. Das Pergament zeigte in groben Strichen eine mittelgroße Stadt. Es handelte sich um eine skizzenhafte Darstellung Mendenas. Erlan von Zankenblatt betrachtete aufmerksam die einzelnen Details und verglich sie mit den ihm vorliegenden Unterlagen. Es schien, als habe der unbekannte Zeichner sein Augenmerk auf die strategisch wichtigen Punkte der Stadt gelegt: Sowohl die Gräben und Wehrmauern, die gar vereinzelt Notizen über die Stärken verschiedener Mauerbereiche aufwiesen, als auch die Stellungen einzelner Geschütze und Depots waren hervorgehoben, während die Häuser und Gassen nur dünn skizziert waren. Auffallend waren zudem einige Gebäude, die mit je einem Fuchskopf markiert waren.

"Diese Karte ist von unschätzbarem Wert für unseren Sturm auf die Hauptstadt des Erzverräters!" stellte der Baron anerkennend fest.

Gillian zeigte keine Regung sondern wies mit knappen Gesten auf die einzelnen Fuchs-Markierungen:

"Seht diese Stellen dort! Sobald der Sturm auf die Stadt Mendena erfolgreich verläuft und ihr die Mauern genommen habt, erwartet die Kirche des alveranischen Fuchses von euch, dass ihr eure Ritter umgehend aus dem allgemeinen Sturm herausnehmt und diese Häuser unter Zuhilfenahme eurer gesamten Rittersleute sichert - koste es was es wolle!" die letzten Worte sprach der Grauling mit betont langsamer Stimme aus.

"Was soll das heißen? Ich kann doch nicht während eines laufenden Angriffs die eigenen Truppen schwächen, indem ich einen Teil von ihnen abziehe, um unbedeutende Häuser zu umstellen!" erbost leerte der Baron seinen Weinkelch.

Unbeirrt ob dieses Wutausbruchs fuhr Gillian mit seinen Instruktionen fort: "Weiterhin fordert die Gemeinschaft der Mondschatten, dass ihr jedweden, der sich anschickt, besagte Örtlichkeiten zu verlassen, standrechtlich erschlagen lasst - sei es Mann, Frau oder Kind! Ihr dürft keine Gnade kennen noch zeigen!"

Dem Baron verschlug es den Atem. Sprachlos starrte er von der Karte zu der Kapuze, unter der sich noch immer das unbekannte Gesicht verborgen hielt. Sollte er mit einer raschen Bewegung seinen Gegenüber demaskieren? Mit bebender Stimme und stolz erhobenem Haupt erwiderte der Baron: "Wie kommt die Kirche des alveranischen Fuchses zu der Annahme, dass Wir, Erlan von Zankenblatt, Baron zu Syrrenholt und Ritter der Bruderschaft der Trollpfortensieger, eine solche gnadenlose Bluttat vollführen werden?"

"Weil wir um eure einstigen rigorosen Maßnahmen wissen - und weil Ihr es IHM schuldet!"

Erlan war bewusst, dass der Geweihte ihm genau so viel mitgeteilt hatte, wie er zu sagen bereit war. Ein Nachfragen über die weiteren Hintergründe erübrigte sich demnach. Nach langem Zögern willigte der Baron, der nur ungern an den von ihm einst verfassten Erlass erinnert wurde, ein: "Ich bin bereit, meine Schuld zu begleichen!"

Mit einem kurzes Nicken gab Gillian zu verstehen, dass ihm sehr wohl bewusst war, welch schwere Bürde er damit dem stets aus ritterlichen Idealen handelnden Baron auferlegte. Mit einer fließenden Bewegung ließ der Mondschatten unvermittelt eine kleine Prise glitzernden Staubes auf das Haupt des Barons rieseln: "Phex wird die SEInen erkennen und bewahren! Er wird SEIn Glück geben den Wagenden! Er wird SEIne Widersachern verwirren und deren Wege in Nebel hüllen! Dies gibt der Dieb der Götter und Gott der Diebe SEInen Getreuen! Dies sei auch Dir, Bruder Erlan, stets gewiss!"

Noch ehe der überraschte Baron erkannte, dass ihm so eben eine heilige Liturgie zuteil geworden war, verschwand der unbekannte Besucher in den Schatten und ließ neben dem Stadtplan noch einen zutiefst aufgewühlten Ritteroberst zurück, der in dieser Nacht keine weiteren Truppenaufstellungen und Strategiepläne mehr studieren mochte.



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Texte der Hauptreihe:
22. Eff 1039 BF zur nächtlichen Rahjastunde
Das Einfordern einer alten Gefälligkeit


Prolog 11


Kapitel 1

Kommandantur
Autor: C.J.