Geschichten:Befragung des Auges des Morgens

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Kämpferinnen und Kämpfer in Reih und Glied. Harte Gesichter, Narbengesichter. Die Hände vollführen den Kriegergruss, den Korgruss. Raue Hände zählen blinkendes Gold. Eins, zwei, drei ...

Blutige Axt fährt hernieder. Eine Bäuerin hebt abwehrend die Hand. Eine unbekannter Ritterin galoppiert auf einen kleinen Haufen in Schwarz und Rot zu, als sie von zwei Bolzen aus dem Sattel gefegt wird. Die Sterbende wird an den Füssen gepackt und fortgeschleift. Reiterspeere stoßen von oben herab. Reisende liegen auf der Strasse in ihrem Blut. Pickende Krähen hüpfen dazwischen. Ein älterer Mann, den zerschlissenen Gewändern nach ein Diener der Travia, blickt gefasst auf. Ein schartiger Säbel blitzt. (Blickwechsel:) Vom dämmrigen Grund eines Abhangs oder einer Schlucht geht der Blick nach oben. Geier kreisen als dunklen Schatten vor blauem Himmel. Mit einem Mal zeichnet sich ein dunkel auch der Körper eines Menschen ab. Nach schwungvollem Flug über den Rand folgt er nun Sumus Griff, dreht sich schlaff wie ein Blatt im Strudel, wird schnell größer. Vom Blute glitschige Hände zählen blinkendes Gold. ... vier, fünf, sechs ...

Berittenes Kriegsvolk in schwarz und rot zieht vorbei, den Kopf erhoben. Harte Augen blicken von oben herab. Bauernvolk, von Arbeit und Plackerei gezeichnet, weicht zurück, die Köpfe gebeugt. Ängstliche Augen blicken in den Staub. Gierige Hände zählen geschwind blinkendes Gold. ... sieben, acht, neun ...

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Vom Winde getragen fliegt ein Falke über die Lande die einst Höllenwall geheißen wurden. Sein scharfer Blick gleitet von den Höhen des Walls über die Niffelklamm und den Silva Vetusta zum silbrig glänzenden Silverdorn. Der Ruf des Falken hallt über den See.

Vor dem Einhornsprung haben sich die hohen Herrschaften des Königreiches versammelt. Vor der Felsnadel kniet nackt eine Frau. Ein Mann im gleißenden Ornat eines Praioten legt ihr einen Hermelinmantel um. Ihre langen blonden Haare legen sich sanft über den Mantel. Ein Mann mit Magierstab und Spitzhut überreicht der Frau einen Reif in Form eines Einhorns. Die Frau krönt mit diesem ihr blondes Haar. Der Ruf des Falken hallt über den See.

Hinter der Gekrönten knien acht Frauen und Männer. Die Frau im Hermelinmantel übergibt ihnen die Insignien der Macht. Der Bund ist geschlossen. Der Ruf des Falken hallt über den See.

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Nebel steigen aus der morgendlichen Klamm. Ziegen stieben auseinander, als ein Trupp seltsamer Menschen den Hang erklimmt: Ferkinas. Sie führen schwer beladene Esel mit sich. Auf einem Absatz versammeln sie sich, hoch über einem finsteren Tal, das schroff in die felsigen Schatten gähnt. An der jenseitigen Klamm krallt sich eine Festung in den Stein und starrt aus vielen dunklen Höhlen in den Abgrund.

Menschen verhandeln mit den Ferkinas; Menschen handeln mit den Ferkinas; Menschen handeln mit Menschen. Die Esel wechseln ihre Besitzer, stattdessen führen die Ferkinas nun aneinandergebundene Gestalten die Steige hinan, Ketten rasseln. Aus tränenleeren Augen starren hoffnungslose Verlorene.

Doch einer blickt sich um, schüttelt mit einem letzten Gefühl – Zorn – die Faust gegen die Festung. Er trägt ein ausgeblichenes Wams in altem Rosa. Sein ehedem rundes Gesicht ist eingefallen, der Schädel kahl, der Bart fransig. Doch unverwechselbar bleibt er der totgeglaubte Kastellan der Grafenburg.

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Zwischen den schwarzen und roten Vorhängen öffnet sich die Kapelle der Festung: Zwei goldene Greifen tragen einen Altarstein aus Raschtulswaller Marmor. Solch ein schwerer Stein und doch so filigrane Statuetten. Aber alles ist verstaubt, die Kerzen wurden lange nicht entzündet, der Altar wohl lange vergessen.

Und eben jener Staub wir plötzlich aufgewirbelt, als die Erde bebt. Ein letzter Blick durch die Vorhänge, dann stürzt der Altarstein in die Tiefe.

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Tiefe Dunkelheit ruht über einer ebenen Fläche, unterbrochen durch schemenhafte Halbkreise… Boronräder. Ein alter, gebeugter Mann schlurft über den Anger, zieht einen Spaten kraftlos hinter sich her, beobachtet von einem Augenpaar am Rand eines mächtigen Busches. Nun hält der Mann inne und beginnt vorsichtig, den Spaten in ein noch jungfräuliches Areal zu versenken, während es im Hintergrund raschelt. Verwirrt hebt die Gestalt, die dem Beobachtenden den Rücken zuwendet, den Kopf, da zischt – schneller als eine Fledermaus – ein dünner, metallisch glänzender Schemen vorbei und wie in Zeitlupe fällt der Schädel des Mannes seitlich ins Gras.

An anderer Stelle liegt unter einem Bett ein halbwüchsiges Kind, in der einen Hand eine fadenscheinig geliebte Stoffpuppe, in der anderen Hand einen Langdolch, einen Dergelsteiner Bachenzahn, die weit aufgerissenen Augen nach oben gerichtet, der Blick irre vor Angst. Man sieht von hinten eine Frau, in einfache, bäuerliche Kleidung gewandet, das Haar wirr und strähnig um den Kopf, als sei sie gerade eben aus dem Bett hochgefahren, anscheinend die Mutter, die sich vorbeugt, wohl um das Kind in den Arm zu nehmen, sieht, wie sich dessen Gesicht in einem Schrei des Entsetzens verzieht, wie das Mädchen ausholt und die Waffe ein ums andere Mal in die eigene Mutter schlägt, bis sich deren Nachthemd dunkelrot verfärbt.

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Wasser plätschert, sickert, perlt heraus aus einem Stein, inmitten einer tiefen dunklen Höhle von einer flackernden Fackel beleuchtet. Es pulsiert ruhig und gleichmäßig wie von einem Herzschlag getrieben.

Ein Wind kommt auf, die Fackel beginnt stark zu flackern. Ein Brausen und ein Tosen, das von den Wänden der Höhle wie schrille Schreie widerhallt. Das Kreischen steigert sich bis ins unermessliche schmerzhafte. Mit einem Schlag verlöscht die Fackel und taucht die Quelle in tiefste Dunkelheit. Der Lärm hebt noch einmal an und verebbt dann langsam. Das hohe Schrillen wandelt sich in ein tiefes Brummen und Sausen. Dann Stille. Nur das leise Plätschern der Quelle bleibt. Aber langsam verwandelt sich das Plätschern in ein unverständliches Murmeln und Flüstern tausender Stimmen.

Und mit einem Mal glimmt der Stein. Das Quellwasser leuchtet in einem sanften und leichten purpurnen Licht, das fast liebevoll aus der Tiefe der Erde hervorquillt. Wie Ströme purpurnen Blutes rinnt das Wasser hinab und taucht die Höhle in ein unheimliches Leuchten. In purpurnen Schlieren verliert sich das Glimmen in der Dunkelheit, in der das Wasser verschwindet.


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Texte der Hauptreihe:
k.A.
Befragung des Auges des Morgens

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