Geschichten:Aller Anfang - Duell der Blicke

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Gareth

Er wendet seinen Blick nicht ab. Streng schwingen sich die Augenbrauen nach oben – sie zeugen sowohl vom Ausdruck seines Willens als auch von der Missbilligung dessen, was er sieht. Sehen muss. Über den Brauen wölbt sich die Stirn gerade dem Haaransatz entgegen. Eine Stirn von kaiserlicher Eleganz und Würde, geteilt durch eine scharfe Falte, die erneut seinen Willen und seine Neigung zur impulsiven Tat anzeigt. Waagerechte Falten des verzweifelten Nachdenkens, der Überforderung mit der Welt sind nicht zu sehen. Die Augen funkeln klar und klug unter diesen Brauen. Die Nase strebt gerade und keck gen Süden auf den Mund, in dessen Gestalt sich Sinnlichkeit und aufgeworfener Stolz um die Vorherrschaft streiten. Der Bart ist wohlgestutzt von einem Könner seines Fachs. Keinen Augenblick wendet er den Blick ab von dem, was er sehen muss: zwei degenerierte Sprösslinge einer ehedem stolzen Sippe. Verfettet, verweichlicht, versoffen, versumpft. Wie sehr widern sie ihn an, diese zwei Amöben eines Erbes, das ihnen nicht gehören darf, weil sie es nur zersetzen. Sie mit ihrer Blindheit für die Schmeichler und Speichellecker, die falschen Galane und süßen-derben Ohrenbläser. Er mit seiner dümmlichen Hurerei, versessen auf die Erfüllung seiner Lust, nur seiner Lust – beide schamlos, sinnlos, nur nicht harmlos. Fest umklammert seine harte Hand den Griff seines Schwertes. Ein Tuzakmesser, gefertigt in den Tagen seines Exils zu einem Zweck: diesen beiden zu zeigen, wo der Weg hinaus ist.

Doch sie lassen sich nicht beirren. Sie verlieren keinen Moment ihre gute Laune, sondern werfen ihrem Gegenüber geradezu spöttische Blicke zu. Sie lächelt kokett und süßlich – das mag ihrem Alter nicht angemessen sein, doch ist sie gewöhnt an ihren Erfolg. Was macht die Attraktivität eines Menschen aus? Sein Äußeres allein? Oder nicht auch Bildung und Herkunft? Humor und Gefälligkeit? Großzügigkeit und Aufmerksamkeit? Davon hat sie viel, sehr viel. Und Macht. Die hat er auch, der seine Hand auf ihre Schulter legt und seine volle Unterlippe vorschiebt. Selbstgewissheit und Selbstverliebtheit beherrschen sein in sich ruhendes Auftreten. Dennoch ist beiden deutlich anzusehen, dass die Jahre der Zügellosigkeit ihren Tribut fordern. Und seien sie noch so sehr mit Diadem geschmückt oder mit exotischen Federn geschmückt.

Er weiß und die beiden wissen es: So kann es nicht weitergehen. Einer muss die Situation ändern, die Dinge in die Hand nehmen. Sollen das etwa die verweichlichten Geschwister sein? Die beiden, die schon zu viele Jahre die Substanz des Kaisertums ausgehöhlt haben, die Macht der Familie geschmälert, den Namen des Hauses zum Gespött gemacht haben? Oder soll er es sein, der auf Recht und Gesetz nichts gibt, sich Herrschaft und Thron aneignet, in seiner Sippe geradezu frevelhaft die den Stammbaum manipuliert, schlimmer als die Pulether Apfelbauern? Der sich dem kaiserlichen Wort widersetzt und sich selbst an die höchste Position bringt? Er oder sie beide?

„ich mach das!“, rief Alrik. „Ich nehm Bardo und Cella, nimm Du Reto.“

„Ist gut“, antwortete Selinde und packte das großformatige Portrait des Kaisers an seinem goldenen Rahmen rechts und links und hob es an. Hinter Alrik trug sie das Gemälde den Gang entlang, in dem beide Bilder so lange einander gegenüber gestanden hatten.

„Da sind ja die Kaiserzwillinge und Kaiser Reto. Husch, die sollen rechtzeitig in seine neue Residenz. Der künftige Großfürst hätte sie gern pünktlich“, begrüßte Reto von Aimar-Gor mehr die Bilder als ihre Träger.

„Neue Residenz?“, fragte Selinde, die bis gestern noch im zerfallenden Haushalt des verstorbenen Markvogtes als Dienerin gearbeitet hatte, „die ist doch eine Ruine.“

„Unsinn, nicht die Garether Neue Residenz, sondern Schloss Auenwacht. Soll schön prächtig werden. Nein: Wird es, denn ich soll immerhin dem Haushalt vorstehen. Und jetzt nicht lang quatschen: in die Decke da einwickeln und auf den Wagen zu Hal, Brin und Emer. Ihr wollte doch die Kaiser nicht warten lassen, oder?“

„Doch“, rief Ulfried aus dem Gang und trat heraus. „Der Cantzler meinte, der hier soll auch noch mit. Mit diesen Worten präsentierte er das großformatige Portrait Answins von Rabenmund.