Geschichten:Eine Frage der Ehre - Teil 1

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Eine Frage der Ehre – Panem et Circenses

Dramatis personae:


Eslamsgrund, 1. Ingerimm 1033 BF: Es war ein lauer Frühlingstag. Hunderte, ja tausende von Schaulustigen hatten sich versammelt, um dem Eröffnungsturnier der neuen Turniersaison beizuwohnen, in den Trubel einzutauchen, ihren Favoriten zuzujubeln und die unbeliebten Kämpen auszubuhen. Rund um den Tjostenplatz hatten sich wahre Menschenscharen versammelt, die Holztribüne am Südrand schien aus allen Nähten zu platzen, nicht ein einziger Platz war noch frei. Vor allem die Ankündigung im Vorfeld, dass die namhaftesten Streiter des Reiches, darunter auch viele weitgerühmte Mitglieder der beiden großen Ritterbünde, hier antreten und ihr Können an der Lanze miteinander messen würden, hatte die Menschen herbeigelockt. Viele Garether Bürger hatten extra darum die Reise in die südliche Grafschaft Eslamsgrund angetreten. Selbst aus ferneren Städten wie Greifenfurt, Rommilys oder Angbar waren Schaulustige angereist. Lediglich aus Almada war aufgrund der immer schwieriger werdenden politischen Lage niemand unter den Gästen anzutreffen.

Die Tjoste war zu diesem Zeitpunkt bereits weit fortgeschritten. Gerade wurden noch die Trümmerstücke der zweiten Halbfinalbegegnung der Tjoste von emsigen Helfern aufgesammelt, als erneut Fanfarenschall erklang. Mit würdevollen Schritten trat der Turnierherold auf den Platz und verkündete mit fester Stimme:

„HÖRET, HÖRET!“ Als sich der Lärmpegel etwas gelegt hatte, fuhr der Herold fort: „Hochverehrtes Publikum, verehrte Gäste von Nah und Fern, freuet Euch auf das in etwa zwei Stundengläsern auszutragende Finale des Turniers von Eslamsgrund, wenn es zu folgender Begegnung kommt: Baron Nimmgalf von Hirschfurten von den Pfortenrittern tritt an gegen Baron Eslam von Brendiltal von den Pulethanern. Als besondere Bedingung wird die Finalbegegnung in gegenseitigem Einvernehmen nach pervalschen Regeln ausgetragen.“

Jubel erscholl, als die Namen der beiden Streiter erklangen. Natürlich wusste man es längst: der Pfortenritter aus Leidenschaft würde gegen den Kriegsherren der Nebachoten anreiten. Hatte man jemals ein spannenderes Finale gesehen? Mit großer Spannung freute sich Jung und Alt auf das verheißungsvolle Finale.

* * *

„AUUU! Vorsichtiger massieren! Die Stelle schmerzt ungemein!“ Nimmgalf lag bäuchlings auf einer Pritsche in seinem Turnierzelt, nur mit einem wollenen Tuch bedeckt. Die junge Frau namens Alina Donfstengel, die gerade seinen geschundenen Rücken und die Schultern massierte, die bereits an einigen Stellen eine leicht bläuliche Färbung angenommen hatten, hielt einen Moment inne. Dann machte sie etwas vorsichtiger weiter mit ihren kräftigen Daumen die malträtierten Stellen zu kneten und wieder geschmeidig zu machen.

Nimmgalfs Knappe Merowin, der einzige Sohn des beim Heerzug wider die Finsternis gefallenen Adhumar von Rosshagen, saß in der Ecke des Zeltes und polierte gerade die Schulterplatten von Nimmgalfs Gestechsrüstung. Noch etliche weitere Teile warteten darauf von ihm poliert und zum Glänzen gebracht zu werden. Der Aufschrei seines Herrn ließ auch ihn einen Moment innehalten. Nimmgalf bemerkte dies: „Schön weiter machen, Merowin! Ein Lanzengang noch, dann ist der Sieg endlich mein!“ Der erst 13-jährige Junge tat, wie ihm geheißen.

Die Zeltbahn am Eingang wurde beiseite gezogen, und herein trat Ederlinde von Luring. Sie und Nimmgalf waren nun schon seit anderthalb Götterläufen vermählt, und inzwischen wölbte sich ihr Bauch deutlich nach vorne. Bald schon würde ein neues Mitglied der Häuser Luring und Hirschfurten das Licht der Welt erblicken.

„Nimmgalf!“ Mit einer Mischung aus Entrüstung und Sorge fuhr sie ihren Ehemann an. „Ist es wahr, was der Herold verkündet hat? Du willst gegen diesen Eslam von Brendiltal mit der Kriegslanze antreten? DAS IST WAHNSINN!“

Nimmgalf stöhnte auf. Alina hatte wieder eine Stelle an der Schulter erwischt, die kurz zuvor noch eine schmerzhafte Begegnung mit einer gegnerischen Lanze gemacht hatte.

„Unnnnnggg. Ja … ja, genau! Mit der Kriegslanze. Aber jetzt ist nicht der Zeitpunkt das zu diskutieren!“ Nimmgalf drehte barsch den Kopf weg.

Ederlinde standen Tränen in den Augen. Ihre Stimme zitterte: „Wie konntest Du dich nur auf so einen Leichtsinn einlassen? Du bringst dich ja in Lebensgefahr! Dieser Nebachote ist ein furchtbarer …“

„Ein furchtbarer Schlächter, ja! Einer, der es verdient hat, seine Grenzen aufgezeigt zu bekommen, Ederlinde!“ fuhr Nimmgalf hoch, nur um gleich wieder zusammenzuzucken als erneuter Schmerz ihn durchbohrte. „ER ist einer der treibenden Kräfte hinter der Fehde. ER war maßgeblich daran beteiligt, als die Pulethaner Leihenbutt angezündet haben. ER hätte den armen Erlan damals beinahe zum Krüppel gemacht, und heute wird ER für all das bezahlen! Glaub mir, niemand weiß besser als ich, was es heißt mit echten Lanzen anzureiten. Und ja, in der Vergangenheit bin ich bisweilen daran gescheitert. Aber diesmal wird der Sieg mir gehören! Ich werde die Pulethaner dahin schicken, wo sie hingehören: in den Staub! Und Eslam ist da keine Ausnahme. Gerade er nicht. Dann werden sie einsehen müssen, dass man sich einen Nimmgalf von Hirschfurten nicht ungestraft zum Feind macht!“

Ederlinde wischte sich eine Träne fort. „Diese entsetzliche Fehde. Die wird dich irgendwann noch umbringen. Soll unser Kind denn ohne Vater aufwachsen?“

Nimmgalf seufzte. Etwas sanfter entgegnete er: „Nein, natürlich nicht. Ederlinde, sei unbesorgt, ich weiß genau worauf ich mich da eingelassen habe. Ich werde nicht scheitern, verstehst du? Ich habe das Gefühl, heute ist der Tag, an dem sich das Blatt in der Fehde wenden könnte. Doch ich muss mich dieser Herausforderung stellen. Es geht nicht nur um ihn oder mich oder um die Fehde an sich. Es ist eine Frage der Ehre!“

„Du zahlst einen hohen Preis für diese Ehre, Nimmgalf! Hoffentlich wirst Du deine Entscheidung nicht bereuen. Die Götter mit Dir.“ Dann verließ sie das Zelt.

Merowin hatte das ganze Schauspiel verfolgt und darüber ganz das Polieren vergessen. „Mach weiter, Junge!“ herrschte Nimmgalf ihn an, während er sich weiter massieren ließ. „In einem Stundenmaß muss ich wieder aufsatteln. Bis dahin muss die Rüstung glänzen, hörst Du?“ Der Junge nickte brav und machte sich emsig erneut ans Werk.



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1. Ing 1031 BF zur morgendlichen Perainestunde
Panem et Circenses


Kapitel 1

Im Nebachotenzelt
Autor: IBa