Der Konvent zu Natzungen - Die feierliche Eröffnung

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Wohlwollend blickten an diesem Abend die Götter auf ihren güldenen Stühlen zu der mit feinstem Silber gedeckten, aber noch unberührten Tafel herab und schienen die Gästeschar bereits zu erwarten. Das Deckengemälde im großen Speisesaal versammelte auf sauber ausgemalter Fläche die Unsterblichen Zwölf, deren Söhne und Töchter sowie die Größten, die Aventurien je gesehen hat. Geron den Einhändigen, dessen Heldentaten bereist jedem Kind geläufig sind, oder Festo von Aldyra, der den Drachen bezwang, Hlûthar, der einst Siebenstreich geführt und viele mehr, die nicht zu nennen eigentlich von einem frevlerischen Mangel an Ehrfurcht zeigt, hatte ein kunstsinniger Maler mit leuchtenden Farben in das Gewölbe gebannt. Doch soll es hier ja nicht um prunkvolle Deckengemälde gehen, welche die großen Hallen des Schlosses zieren, sondern um die Versammlung, die vier Schritt tiefer bald eröffnet werden sollte. Die letzten Gäste waren am frühen Abend eingetroffen und hatten Quartier bezogen, zum Teil im Schloss selbst, zum Teil in geräumigen Zelten, die zwischen den Gärten und dem Schloss errichtet worden waren. Denn Herberge für eine solche Anzahl von edlen Männern und Frauen, wie sie sich an der langen Tafel versammeln würden, vermochte selbst Nacia nicht zu bieten. Auch das Heerlager am Fuße der Erhebung bot inzwischen kaum mehr Platzt für Neuankömmlinge, lagerten hier doch weit über dreihundert Streiter und der gesamte Tross!

Noch nie hatte der große Speisesaal eine größere Schar Gäste beherbergt, als nun an der hufeisenförmigen Tafel Platz nehmen sollten, Viele Fuhrwerke waren die letzten Tage mit allerlei Materialien und Vorräten beladen angekommen, etliche neue Bedienstete hatte der Hofrat anwerben müssen, um einen reibungslosen Ablauf der Gelage und Zeremonien zu gewährleisten. So mancher, der sich fragte, was das wohl alles koste, beschloss eilig seine Überlegungen in der Gewissheit, dass es sich um ein kleines Vermögen handeln müsse. Doch an verlorene Dukaten dachte Ihre Hochgeboren Maline von Natzungen sicherlich nicht, als sie in Begleitung ihrer Schwester, der überaus anmutigen Rahjada von Natzungen den Festsaal unter Fanfarenhall betrat. Entlang den Wänden hatten sich von der Baronin persönlich ausgesuchte Gardisten postiert, die, mit Plattenpanzer und Hellebarde gewappnet, unbeweglich wie Wachsfiguren dastanden. Die beiden Frauen begaben sich zum Kopfende der Tafel und nahmen ihre Plätze genau in der Mitte der mit weißen Linnen bedeckten Tischreihe ein, ohne jedoch Platz zu nehmen. Hinter Maline und Rahjada wachte der Hauptmann der Natzunger Garde, Zolthan von Arres, persönlich über deren Wohl, Weitere sich im Saale befindende Personen waren der Hofrat und der Cantzler von Natzungen, der Wehrberater ya Gollt, etliche Bedienstete sowie der greise Majordomus Bosjew Ruderow, bereit, die nun eintretenden Herrschaften anzukündigen. Stolz und hocherfreut blickten da beide Frauen zur großen doppelflügligen Tür, als der Majordomus laut die Namen und Titel des Staatsrates und der ihm Nachfolgenden rief. Wieder hoben sich vier bannergeschmückte Fanfaren, als die eben angekündigten Herrschaften die Halle betraten und sich zu den ihnen zugedachten Sitzen begaben.

Linkerhand der Natzungerin saß der Staatsrat von Garetien, Seine wohlgeborene Exzellenz Praiodan von Luring, der Stuhl daneben war für Seine Eminenz Yacuban von Creutz-Hebenstreyt, den Geheime Inquisitionsrat der Ordnung Mittellande vorgesehen.

Rechterhand der Dame Rahjada nahmen Seine Edelhochgeboren Ugo von Mühlingen, der Gaugraf zu Retogau, und Ihre Hochwohlgeboren Thuronia von Quintian-Quandt, die Gräfin von Hartsteen, Platz. Hinter diese Herrschaften postierten sich zusätzlich zu den Gardisten und Hauptleuten noch vier Bannstrahler, um den Staatsrat und seine Begleitung mit ihrem Leben zu schützen.

Nun betraten in lockerer Abfolge, jeweils angekündigt vom Majordomus und begleitet von Fanfarenstößen, alle anderen Gäste die Halle und begaben sich zu ihren Plätzen. Den Anfang machte die Bärenauer Fraktion, der das Protokoll die ersten neun Sitze an der linken Tafel zugedacht hatte. Es traten ein: Baron Brander von Bärenau nebst seiner Schwester Ceres von Bärenau-Hardenquell, deren Gemahl Kilian von Hardenquell, die Edlen Tybalt von Bärenau zu Lilienmoor und Cordovan von und zu Praiosburg, die Edle Luca von Tankredslohe, die Herren Lechdan Aarsteener von Eisingen, Balian von Ibelstein auf Alfenweiher und Falk von Hagenbronn.

Hernach erschien die stolze Uslenrieder Fraktion im Saal und besetzte die ersten acht Sitze der rechten Tafel, direkt gegenüber den Bärenauern. Es waren dies: Seine Hochgeboren Wulf von Streitzig zur Greifenklaue nebst Gemahlin Sinya Phexiane von Aschenfeld-Streitzig zur Greifenklaue, Schwertschwester Rondrina von Streitzig, Seine Hochgeboren Baron Radulf von Hirschfurten, Ihre Wohlgeboren Derya von Erpelsberg sowie die Herren Ralbert und Garwin von Streitzig.

Ihnen folgte der Reichsvogt von Kaiserlich Sertis, Seine Hochgeboren Odilbert von Hartsteen, und der Baron Nimmgalf von Hirschfurten zu Leihenbutt, welche den Uslenriedern wohlwollen gegenüberstanden und somit die Plätze in deren unmittelbarer Nachbarschaft einnahmen. Der eine oder andere befürchtete bereits, dem greisen Majordomus werde bald die Luft zum Atmen ausgehen, denn er stand, angestrengt durch den nötigen Kraftaufwand, jedes einzelne Wort laut und deutlich seiner Stimme entlocken zu müssen, mit hochrotem Kopfe da und verlas ohne Unterbrechung die Namen der Eintretenden., Weithin vernehmbar hallte es durch das Gemäuer: Ihro Edelhochgeboren Ginaya von Luring-Gareth, Burggräfin zu Kaiserlich Alriksmark; Ihro Hochgeboren Alwene von Mohnfeld, Landvogtin zu Rubreth; Dero Hochgeboren Grotjan von Ebelried-Stretzig, Baron von Dergelquell (der zwar kein Adliger Garetiens war, doch wegen des unseligen Zwistes mit dem Uslenrieder zur Vermittlung geladen wurde).

Ihro Hochgeboren Efferdane von Gareth, Baronin von Rabensbrück; Dero Hochgeboren Denkhart von Zweifelfels, Baron von Zweiflingen; Dero Hochgeboren Albur von Mersingen, Kronvogt von Dornensee, in Begleitung seiner Gemahlin Ceriane; Dero Hochgeboren Cordovan Limpurg, Baron von Gallstein, in Begleitung der Herren Radumar Donnergrimm von Beornspfort und Refardeon Wertimol; Dero Hochgeboren Baron Haduwulf von Falkenstein; Dero Hochgeboren Erlan von Zankenblatt, Baron zu Syrrenholt; Dero Hochgeboren Alrik von Sturmfels, Baron von Sturmfels, in Begleitung der Herren Robur und Cyberian von Sturmfels; Dero Hochgeboren Gorbon, Baron von Zagbar.

Dero Wohlgeboren Junker Eberhelm von Eychgras, in Begleitung der Herren Angrond von Eychgras und Ragosal von Greifenstolz (für Königlich Halhof); Herr Udbert von Eslamsgrund-Illgeney im Grund (für Gräflich Eslamsgrund).

Als letzte traten schließlich noch die zahlreichen Berater der Herrschaften ein und begaben sich an eigens für sie hergerichtete Tische., Die vom Hofrat sorgsam ausgeklügelte Tischordnung spielte dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle, galt es doch, diverse Hofzauberer, Geweihte der Hesinde, Zwerge und sogar einen Thorwaler an drei kleinen Tafeln geschickt zu verteilen.

Nun, da jeder seinen Platz eingenommen hatte, erhob sich Maline von Natzungen, um den versammelten Adel im Namen Travias zu begrüßen und sich die ihr erwiesen Gunst in Form kostbarer gastgeschenke zu bedanken. Jene Gastgeschenke waren inmitten der Gesellschaft auf einem großen Tische aufgestellt worden, wobei nur einige hier genannt seien: Der Uslenrieder Baron verehrte der Gastgeberin gleich drei Geschenke, was angesichts der gespannten Lage zischen beiden Häusern so manchen verwunderte. Es waren dies ein Paar exquisiter wildlederner Handschuhe weinroter Färbung, in welche jeweils ein Kettenhandschuh eingearbeitet worden war (dieses Mitbringsel verselbständigte sich später im Sprachgebrauch einige Adliger als der ›Fehdehandschuh‹), ein meisterlich gearbeitetes nivesisches Jagdmesser sowie ein Fass Uslenrieder Rotbier. Vom Bärenauer stammte ein kostbarer, mit Edelsteinen besetzter Goldpokal, der das Natzunger Hauswappen in Gold und eingelassenem Silber zeigte., Baron Gorbon von Zagbar hatte einen großen funkelnden Rubin aus den Steinbrüchen von Zagbar mitgebracht, der sicherlich ein Vermölgen wert war. Ebenfalls einem Fürsten würdig erschien das Geschenk der Burggräfin Ginaya von Luring-Gareth, nämlich ein beinerner Bogen elfischer Herkunft, über und über mit geschnitzten Blüten und Blättern verziert, Wie gesagt, nur einige kostbare Exponate.

Nach dieser Dankesrede begrüßte Ihre Hochgeboren nochmals Seine Exzellenz, den Staatsrat, sowie Seine Eminenz Yacuban von Creutz-Hebenstreyt und stellte heraus, welch große Ehre es für die hier Anwesenden sei, sie in ihrer Mitte zu haben.

Daraufhin erhob sich auch der Staatsrat von seinem Stuhle, dankte der Baronin und lobte den praiosgefälligen und gerechten Zorn der Anwesenden, in der Hoffnung, dass sich ihr Tatendrang bald zu einer schlagkräftigen Einheit formen werde, die frevlerische Brut zu Waldfang endlich ihrer Bestimmung zuzuführen: dem Tod auf dem Scheiterhaufen! Nun war es der Baron Brander von Bärenau, die offizielle Eröffnungsrede zu halten, die der geneigte Leser zu Beginn dieses Berichtes zur Kenntnis nehmen konnte. Als er geendet hatte, gab der Haushofmeister das Zeichen, nun die Speisen aufzutragen. Etliche Bedienstete trugen erlesenste Köstlichkeiten herbei, so dass sich bald die Tafel unter der schweren Last zu biegen drohte. Die Kelche wurden mit süffigen Weinen aus Aranien und dem lieblichen Almada gefüllt und fünf Musici unterhielten die Speisenden mit ihrer Kunst.

Nach drei Stunden wurden die Reste der Speisen abgetragen und die Gesellschaft ging dazu über, sich in gelassener Konversation fernab der anstehenden Beratungen näher kennen zu lernen. Da sah man die Frau Maline angeregt mit dem Staatsrate und seiner Delegation diskutieren, Baron Brander sich mit dem umstrittenen Baron von Dergelquell unterhalten, Baron Cordovan Limpurg von Gallstein einen Kelch mit Seiner Hochgeboren Gorbon, Sohn des Gorsch, heben oder die Herren Falkenstein, Eychgras, Greifenstolz und Dornensee in heiterer Runde parlieren. Die Uslenrieder zogen es vor, unter sich zu bleiben und nur selten erblickte man einen der anderen Gäste unter ihnen. Am häufigsten war es Baron Brander, der zwischen verschiedenen Parteien pendelte und wohl bereits eine Grundlage für den kommenden Disput vorzubereiten suchte.

Ermüdet von der teils langen Anreise zogen sich bald die ersten Gäste in ihre Gemächer oder Quartiere vor dem Schloss zurück, so dass nur noch eine verkleinerte Gesellschaft den zum Tanze aufspielenden Musici Folge leistete. Eiligst wurden Paare gebildet, die Positionen eingenommen und bei einsetzender Musik den höfischen Ritualen Genüge getan: Da sah man unter anderem Vogt Albur zärtlich seine schmale und zerbrechlich anmutende Frau Ceriane (augenscheinlich eine Halbelfe) in den Armen haltend, die Burggräfin Ginaya, wie sie an der Seite des Barons von Gallstein schritt, oder Ihre Hochgeboren Maline, die sich zum sichtlichen Missfallen des Uslenrieders den Baron von Leihenbutt zum Tanzpartner erwählt hatte,

Nach wenigen Tänzen jedoch beschloss man, dass es für heute genug sei, denn der morgige Praioslauf würde anstrengend genug werden. So begaben sich denn auch die letzten Gäste in ihre Nachtquartiere und der Majordomus befahl, die Kerzen zu löschen.

Alarm!

Gerade hatten die letzten Adelsleute die Tür hinter sich geschlossen, als die laute Stimme des Barons Wulf jene wieder aus ihren Zimmern stürzen ließ und andere aus ihren Träumen riss. Schnell waren Wachen herbei und zum Gemach des Uslenrieders geeilt, wie nun auch Maline und Brander sowie Efferdane von Gareth eintrafen., Im Zimmer stand Baron Wulf, mit einem Arm auf eine große Blutlache weisend, welche unter dem Bett hervorkam, mit dem anderen seine kreidebleiche Gemahlin festhaltend. Zwei Wachen machten sich sogleich daran, die Ursache des Blutes festzustellen und zogen unter den Augen der Anwesenden den leblosen Leib eines Manns hervor. Es stellte sich heraus, dass der Tote der Uslenrieder Leibgardist Hardubal Brandtstetter sei, der just mit einem sauberen Schnitt durch die Kehle über den Yaquir befördert worden war. Sofort ordnete Baronin Maline an, das Schloss gründlich zu durchsuchen und die Wachen am Tor zu verstärken, während Baron Wulf über diesen Zwischenfall derart in Rage verfiel, dass er seine Gastgeberin mit einer Schimpfsalve sondergleichen bedachte und drohte, diesen unsicheren Ort sofort zu verlassen. Die Natzungerin schien dieser Wutausbruch jedoch relativ kalt zu lassen, hatte sie doch trotz der umfassenden Sicherheitsvorkehrungen insgeheim mit solchen Zwischenfällen gerechnet und war nun darauf bedacht, den Schaden zu begrenzen und den Kreis der Zeugen klein zu halten. Als nach zwei Stunden intensiver Suche im Schloss sowie im park nicht ein einziger Anhaltspunkt über den Sattentäter gefunden wurde und Baron Wulf inzwischen hatte beruhigt werden können, ließ Maline vor jedem Gemach eines Gastes zusätzlich einen Gardisten postieren und erklärte, die Suche werde anderntags fortgesetzt.

So kehrte denn nach wenigen Stunden wieder Ruhe ein im Schloss Nacia, doch fiel es denen, die Zeuge dieses grausamen Mordes geworden waren, schwer, wider in des dunklen Gottes Reich der Träume einzutreten.