Benutzer:Treumunde/BriefspielPerricum
Wandel in Wasserburg
Ein würdiger Abschluss
Klamme Kassen
Praios 1043 BF, Schloss Rossgarten, Baronie Wasserburg
Tagelang hatten sich Korhilda und Wolfaran in das Arbeitszimmer zurückgezogen. Die Pergamente waren mittlerweile fein sortiert, einen Stapel für jede Angelegenheit. Der Tikaris wäre seine Baronie auch ohne Fehde losgeworden, wenn nicht durch Entlehnung, dann durch die Gläubiger. Wie konnte man nur so über Stand leben und die Dukaten verprassen.
Dem Verwalter, dem Haushofmeister und dem Berater hätte Korhilda die Ohren lang gezogen, wären sie ihre Vertrauten gewesen, wie hatten sie der Verschwendungssucht kein Einhalt gebieten können.
Wolfaran nahm die Kreide in die Hand und schrieb weiter an die großen Schieferntafeln, die sie sich hatten ins Arbeitszimmer bringen lassen. Bis ins kleinste Detail vermerkte er Einnahmen und Ausgaben.
Die Einnahmen wären eigentlich beachtlich, wenn die horrenden Ausgaben diese nicht pulverisieren würden. Welch eine Krux.
Korhilda lief auf und ab. Der Holzboden musste schon furchen haben. Aber sie hatte schlimmere Zeiten erlebt. Sie dachte zurück an die Zeit auf dem Arvepass, da sah die Lage viel Schlimmer aus und war ob des drohenden Feindes im Osten auch gefährlicher. Ihre Gedanken schweiften zum Sturmfels, die Baronie war sicher keine Goldgrube, aber sie hatte sparsam gelebt. Ucurian würde es ihr noch danken, wie gut gebettet er diese, für eine Baronie in der Bergregion, übernehmen würde. Beim Gedanken an Ucurian schmerzte ihr Herz. Was hatte sie als Schwertmutter nur falsch gemacht? War sie zu gutmütig? Hätte sie strenger sein müssen?
Die neue Baronin von Wasserburg konzentrierte sich wieder aufs Wesentliche - ihre geerbten Verbindlichkeiten und anfallenden Rückzahlungsverpflichtungen. Sie hatte die Verwaltung von einer der Besten des Reiches gelernt, von der ehemaligen Reichserzkanzerlin des Reiches und Staatsrätin Garetiens, von Alwene von Gareth. Diese hatte ein unheimliches Gespür für die Geschäftsbücher und Korhilda war nun mehr als erfreut, dieses Wissen in der Kausa Wasserburg anzuwenden.
Die ganzen "kleinen" Diebe, wie Korhilda sie nannte, konnte sie mit dem Geld Nimmgalfs loswerden. Hier war ihr die Umschuldung, zu einem weit angenehmeren Geldgeber, geglückt. Sicher der Hirschfurten würde sein Geld auch mit Zinsen zurück haben wollen, doch er war ein Ehrenmann und kein kleingeistiger Halsabschneider.
Die Dreuwinder Bande machte der Sturmfelserin mehr Sorgen. Sie waren so zwiellichtige Gesellen, da sollte besser keine Rückzahlung ausbleiben. Sie grummelte innerlich immer noch, dass die grobschlächtigen Schläger ihrem Enkel Trisdhan Angst eingejagt hatten. Aber für dumm hielt sie ihre Anführerin Silvana nicht. Sie wird dem Jungen nichts tun, denn dann hätte sie das gesamte Haus Ochs zum Feind. Der Knabe war schließlich ein Ochs und kein Sturmfels. Und im östlichen Garetien und westlichen Perricum sollte es sich eine Bande von Halsabschneidern besser dreimal überlegen, ob sie die in der Region mächtigen Ochsen reizen möchten. Aber die Schuldscheine waren legale Mittel, sie konnte ihnen ihr Geld nicht verweigern.
Weiter hielt sie die Schuldscheine der Stadt Wasserburg, als auch der Söldner aus Morganabad, der Diamantschädelreiter und der "Waage", in der Hand. Sie prustete mehrfach durch. Wie viel Dukaten der Baron den Söldnern in den Rachen geschmissen hatte, war unfassbar.
Einsparungen, ich muss noch mehr kürzen, waren ihre Gedanken. Alle im baubefindlichen Prachtbauten hatte sie schon gestoppt. Doch das reichte ihrer Berechnung nach nicht. Auf die Knappenausbildung wollte sie nicht verzichten. Vor allem auch um der Herrin Rondra zu dienen, deren Tugenden sie in der Fehde so mit Füßen getreten hatte. Die rondragefällige Aufgabe benötigte die Sturmfelserin unbedingt für ihr Seelenheil.
Die Gedanken ihres Sohnes schweiften in Richtung der eigenen Verwaltung. Wolfaran schlug vor, dass sie hier den Rotstift ansetzen, ganz konsequent. Sie brauchten keinen Verwalter, keinen Kämmerer - Posten gestrichen. Darin waren Korhilda und ihr Sohn bestens ausgebildet und solange hier in Wasserburg die "rauhe See" herrschte würden sie sich selber um die Zahlen kümmern, bis die Baronie im "ruhigeren Fahrwasser" angekommen war.
Einen Magier würde sie sich nicht leisten. Sollte sie dennoch einen benötigen, würde sie bei Anaxios um Hilfe fragen. Und zack, Posten gestrichen. Einen Hofgeweihten benötigte sie nicht, dafür gab es angrenzend zum Dorf den kleinen Tsa Tempel. Das müsste genügen. Ein weiterer Posten weniger.
Und so strich die Sturmfelserin einen Posten nach dem Anderen bzw. besetzte zwei Posten mit derselben Person. Sie selber würde als Baronin, Kämmerer und Verwalter agieren, unterstützt von ihrem Ältesten. Damina würde ihre erste Ritterin und die zuständige Person für die Knappenausbildung. Aurentian sollte ihr Zeugmeister und Haushofmeister werden, wäre er nicht beim Eslamsgrunder Turnier verstorben - hier wusste Korhilda noch keine geeignete Lösung. Der gute Amardeon von Lanzenruh, der Leiter des Gestüts, wurde gleichzeitig zum Stallmeister ernannt.
Korhilda dachte an ihre Reiterei. Vor einigen Tagen war Ciarda, die Gattin des ehemaligen Barons aufgetaucht. Sie war nach ihrem Aufenthalt im Kloster längere Zeit auf Reisen gewesen im Norden und hatte jetzt ihre Hilfe angeboten. Als Absolventin der Schule in Baliho und ehemalige Rittmeisterin bei den Grenzreitern des Markgrafen wäre sie sicherlich geeignet, aber viel zahlen würde Korhilda ihr nicht können. Aber andererseits schien das auch gar nicht der Antrieb des vorstellig werden gewesen.
Sobald die Kassen sich wieder füllten, würde sie für Entlastung sorgen. Das könnte aber noch Jahre dauern.
Und sie strichen weiter durch die Ausgaben. Kein Mensch hier vor Ort benötigte exotische Waren aus den entferntesten Ländern. Sie würden sich auf heimische Produkte beschränken. Das war zwar nicht luxuriös, aber die Sturmfelserin liebte es eh bodenständig.
Am Ende des Tages öffneten sie ihr geliebtes Schlunder Wiesenschlösschen und tranken ihren wahrhaft verdienten Gerstensaft von dem Balkon aus, mit besten Blick auf die Darpatauen.
Sie hatten Heute keine Zauberwerk verübt, aber es würde helfen, wenn auch sehr langsam. Korhilda war sich sicher, wenn sie den Sparplan eisern verfolgte würde sie in fünf bis zehn Jahren alle Verbindlichkeiten getilgt haben, auf dass die ihr nachfolgende Generation noch viel Freude an Wasserburg haben würde.
[Ina, metal]
Esche und Kork
Schloss Rossgarten, Baronie Wasserburg
Trisdhan raste voll Freude getragen in die Gemächer seiner Großmutter. Dabei wedelte er mit der neuen Ausgabe der Perricumer Postille.
Wasserbüffel für Wasserburg
Es berichtet für Sie, Calira Bernstein, Redakteurin der Perricumer Postille für die Walllande.
Der Rat der Stadt Wasserburg beschloss am 05. des Monds, eine Immanmannschaft ins Leben zu rufen.
Die Bürger der Stadt hätten viel Leid im Götterlauf 1042 BF über sich ergehen lassen müssen, wie die Ratsmeisterin Arwide Darpathaus mitteilte. Daher beschloss der Rat einstimmig das Volk mit dieser, durchaus beliebten, Sportart zu begeistern.
Vor den Toren der Stadt Wasserburg errichtete der ehemalige Baron Zordian von Tikaris ein kleines Amphitheater. Der Stadtrat beschloss, das Bauprojekt abzuschließen und prüft zurzeit, welche Unterhaltung den Bürgern neben Imman noch dargereicht werden kann.
Vertrauliche Quellen berichten über eine mögliche Austragung von Hunde- und Pferderennen.
Die Immanmannschaft wird in den nächsten drei Monden aufgebaut. Ihre Spieltauglichkeit soll mit Testspielen gegen namenhafte Gegner erprobt werden.
Im Amphitheater zu Wasserburg werden daher die Mannschaften von Vorwärts Vierok, Vulkan Wandleth und Triumph Perricum erwartet.
Das Wasserburger Immanbanner trägt den Namen Wasserbüffel.
Hitzige Diskussionen gab es im Stadtrat über die Farbwahl, in denen das Banner seine Spiele austragen solle. Es wogte hin und her zwischen den Farben der Stadt – blau-weiß – und den Farben der Baronie – schwarz-gelb - .
Es scheint als würde die Stadt mit der Wahl der Farben auch ihre Eigenständig repräsentieren zu wollen und daher werden die Wasserbüffel in einem freundlichen blau-weiß ihre Spiele bestreiten.
Zusätzlich zum bevorstehenden Bauende des Amphitheaters beschloss der Rat der Stadt, die Errichtung einer Immankneipe in Sichtweite des Spielorts. Pächter sind die Familie Darpathaus, deren Vorsitzende die Ratsmeisterin der Stadt ist.
Voll Vorfreude auf das erste Spiel, werde ich Sie, verehrte Leser, in unserem Kurzweyl Teil der Perricumer Postille weiter informieren.
„Omaaaaa“ schrie Trisdhan, während er auf ihren Schoß hüpfte. „Geron „der Brecher“ Müller, Haugmine „Die Sense“ Sensendengler und Dramina „Kopf ab“ Okenheld kommen in die Stadt.“
„Öm äh, wer?“
„Der Brecher von Vorwärts Vierok, die Sense von Vulkan Wandleth und Kopf-ab-Dramina von Triumph Perriucm. Ist das nicht toll?“
„Öm äh, ja? Findest Du es denn toll?“
„Oma ich bin ganz außer Rand und Band. Wasserburg bekommt eine Immanmannschaft.“
„Das ist ja, öhm äh, toll.“
„Gehst Du mit mir ins Stadion?“
„Öm äh, frag Deinen Vater.“
„Papaaaaa…..“ Trisdhan sprang von ihrem Schoß und rannte zu seinem Vater Wolfaran.
Zerrissene Briefe
Etliche Monate, nach der Belehnung von Korhilda
Es ist schon lange her, dass ich mit Dir spielen konnte, das letzte Mal als Oma Hilda ihr Fest zur Belehnung gefeiert hat. Das war toll. Ich werde auch einmal ein Turnierreiter, wenn ich groß bin.
In Wasserburg gefällt es mir sehr gut, ich habe mit Alion einen Freund gefunden, mit dem ich viel Zeit verbringe.
Ich glaube Oma braucht auch einen Freund. Weißt Du, Oma weint sehr oft, wenn sie denkt dass keiner zusieht. Sie will nicht, dass ich es mitbekomme, tue ich aber. Ich glaube sie ist traurig, da sie von Dir nichts hört. Sie vermisst Etilian unendlich.
Sie hat Dir viele Briefe geschrieben. Nur hat sie diese zerrissen oder verbrannt. Ich habe alle Schnipsel aufgehoben und so gut es geht zusammen geklebt und meinem Brief beigefügt. Vielleicht kannst Du das nächste Mal, wenn Du in Gareth bist, bei uns vorbeischauen.
Dann kann ich Dir ganz viele tolle Dinge hier in Rossgarten zeigen.Dein Enkel Trisdhan
Leobrecht las die Zeilen und anschließend die verbrannten oder geklebten Papierschnipsel. Sein Blick wanderte auf seinen Papierkorb, wo er seine Briefe an Korhilda hineingeschmissen hatte – ohne sie abzuschicken.
Er vergrub sein Gesicht hinter seinen Händen. Tränen kullerten und tropften auf den Schreibtisch.
Vielleicht war der Zeitraum der Nichtbeachtung zu lange. Er beschloss es war der Zeitpunkt gekommen das Kriegsbeil zu begraben. Etilian und er würden das nächste Schiff zum Festland besteigen.
Ende der Eiszeit
Schloss Rossgarten, Baronie Wasserburg
Korhilda kehrte mit Wolfaran vom Ausritt in die Baronie wieder. Sie bereisten die Junkertümer um sich einen Überblick in ihrer Baronie zu verschaffen. Gegen späten Abend kamen sie zurück und wurden von Damina sogleich begrüßt. „Ihr habt Besuch. Euer Gatte und Euer Sohn Etilian sind im Laufe des heutigen Tages hier angekommen.“
„Geh schon, Mutter, ich kümmer mich um alles Weitere.“ Ermunterte sie Wolfaran.
Die Baronin von Wasserburg ging schweren ins Schloss Rossgarten. Aus dem Aufenthaltszimmer kam eine Amme, die den schlafenden Sprössling der Baronin auf dem Arm trug. Erschöpft war der kleine Mann von der langen Reise.
Korhilda streichelte ihn, aber ohne ihn aufzurütteln. „Soll ich ihn wecken, Herrin?“ Die Baronin schüttelte den Kopf, gab Etilian noch einen Gute Nacht Kuss und ging ins Arbeitszimmer. „Bitte lasst uns allein und stört uns nicht“ wies sie die Bediensteten an.
Die Sturmfelserin durchschritt die Tür und musste schmunzeln. Auch ihr Gatte war eingeschlafen. In einem Ohrensessel sitzend, mit einer Zeitung auf Knien, machte er ein Nickerchen. Die Anreise von den Efferdstränen, als auch das Kleinkind, schienen ihn ermüdet zu haben. Er hörte ihr eintreten nicht.
Viele Gedanken gingen Korhilda durch den Kopf. Minutenlang saß sie neben ihrem schlummernden Gatten.
Wie sollte sie das Gespräch bloß beginnen? In ihr kochte immer noch Wut und Enttäuschung. Gleichfalls liebte sie ihren Gatten über alles. Die Verbundenheit die beide teilten, war ihre größte Stärke.
Da kam ihr eine etwas andere Idee. Sie zog sich aus und entfernte leise die Zeitung aus seiner Hand. Korhilda setzte sich auf den Schoß ihres Mannes, räkelte sich rahjagefällig, öffnete seine Reichsuniform und küsste ihn liebevoll wach.
Leobrecht erwachte langsam und Korhilda spürte wie zwischen ihren Lenden Rahjas Lust in ihm erweckte. „Hilda.“ Sagte er nur, und begann sie zu küssen – ihren Mund, ihren Körper - und ihre Zärtlichkeiten zu erwidern.
Ihre lange Zeit der Abwesenheit wirkte für beide wie ein Aphrodisiakum. Sie huldigten der Göttin der Liebe hingebungsvoll. Ehe sie beide erschöpft, aber glücklich auf dem Schafsfell vorm Kamin zusammengekuschelt liegen blieben.
Sie guckten sich dabei tief in die Augen und liebkosten sich zärtlich. „Lass uns bitte nie wieder so streiten, Leobrecht.“
„Nie wieder, versprochen. Ich liebe und ich brauche Dich, Hilda. Die Zeit ohne Dich war grausam.“ Voll Glücksgefühlen schliefen sie nebeneinander ein.
Am Morgen, Korhildas Kopf lag auf seiner Brust und streichelte ihn besinnlich. Er küsste sanft ihre Stirn. „Liebster, ich möchte mir Dir wegen Wasserburg noch einmal reden, aber bitte ohne zu streiten.“
Leobrecht brummte irgendetwas Unverständliches.
„Ich habe darüber nachgedacht, auch wenn Wasserburg wirklich ein vergiftetes Geschenk, möchte ich das mir gegebene Feld bestellen, um es für unseren Sohn vorzubereiten.“
Er streichelte ihr durchs Haar und versuchte Blickkontakt aufzubauen – ohne zu antworten.
„Liebster, ich kann das nur mit Dir zusammen schaffen. Der Schuldenberg ist immens, aber nichts, was man nicht mit jahrelanger harter Arbeit bewerkstelligen kann. Mit Dir an meiner Seite bin ich stärker. Ich brauche Dich.“, flehte seine Frau.
„Wir werden das zusammen anpacken, wenn wir eine Einheit bleiben, können wir allen Widrigkeiten bestehen.“ Leobrecht wusste, dass er seine Frau ebenso benötigte, wie sie ihn und gleichfalls liebte er sie unendlich, dass er nicht ohne sie sein konnte. Korhilda war Leobrechts Verbündete, durch und durch. Seine Gattin küsste ihn glücklich.
„Ich sehe nur Scherereien aufkommen, die die Einigkeit des Hauses Ochs kosten könnten.“
„Was meinst du? Wolfaran? Ich habe hier meine Entscheidung zu seinen Gunsten getroffen. Ich fühle mich dazu verpflichtet. Es ist keine Entscheidung gegen Leonora, es ist eine Entscheidung für Wolfaran. Ich bin es ihm schuldig. Er ist ein großartiger Junge.“
„Das weiß ich, Liebes. Ich verstehe Deine Entscheidung und werde es akzeptieren, auch wenn mir Leonora lieber gewesen wäre. Dennoch muss ich mich dann auf die Gegebenheiten einstellen. Iralda hat mir gegenüber schon angedeutet, dass sie Probleme damit hat, einem Jungspund wie Ruben zu folgen, sollte er einst Baron von Viehwiesen werden. Wenn Wolfaran auch noch Baron von Wasserburg wird, wird er auch seine Ansprüche erheben, da bin ich mir sicher. Ich möchte nicht, dass sich unsere Familie zerstreitet und das Haus sich spaltet.“
„Dann werden wir uns gemeinsam diesem Problem stellen. Zusammen sind wir stark. Wir müssen sie einen und aufeinander einschwören. Wir zusammen haben schon so viel gemeistert, dann wird uns das auch gelingen.“
Leobrecht begann zärtlich ihre Brüste zu küssen und bestieg sie erneut. Das Frühstück konnte warten, sie waren anderweitig beschäftigt.
Arm wie König Mizirion
Schloss Rossgarten, Baronie Wasserburg
Wolfaran saß hinter dem massiven Eichentisch, schrieb mit Feder und Tinte einige Briefe, die er mit dem Wappen der Baronie Wasserburg siegelte. Zwischendurch zählte er Dukaten ab, die er von einer großen Truhe in mehrere kleinere Kästchen verteilte.
Er schien jede seiner Aktionen zu dokumentieren und auf der großen Schiefertafel zu vermerken. Der Erbbaronet von Wasserburg war so in seiner Arbeit gefangen, dass er den Besuch nicht kommen hörte.
Leobrecht schritt durch die Türzage in das Arbeitszimmer des Schlosses Rossgarten. Mit Wohlwollem schaute er seinem Ältesten zu.
Aus dem hitzigen Jungritter war ein umsichtiger junger Mann geworden. Die Zeit nach der Expedition nach Ongalosch hatte seinen Sohn ruhiger werden lassen. Wolfaran besann sich und auch seine außerehelichen Liebschaften stellte er ein. Als hätte ihm die schweren Zeiten seiner Mutter den Kopf gewaschen und ihn eingenordet. Der Reichsvogt war Stolz auf seinen Sprössling, auch wenn sie nicht immer einer Meinung waren.
Der Blick des alten Ochsen schweifte durch das Fenster in den Garten. Seine Frau genoss ihre Zeit mit dem Nesthäkchen Etilian und ihrem Enkel Trisdhan. Trotz aller Widrigkeiten, Leobrecht war ein gesegneter Mann - gesegnet mit einer wundervollen Familie.
Wolfaran schaute hoch, als er Minuten später seinen Vater erblickte. Er nickte ihm freundlich zu und schmunzelte dabei. Es hatte sich wohl herumgesprochen, dass der Reichsvogt und die Baronin sich recht rahjagefällig wieder vertragen hatten.
"Magst Du mich ins Bilde setzen." Leobrecht blätterte durch die Kassenbücher der Baronie Wasserburg, um von Wolfaran mit einem ellenlangen Monolog über alles in Kenntnis gesetzt zu werden. "Also, wie Du siehst, wir sind arm wie König Mizirion."
"Mizirion III. de Sylphur von Brabak, welch ein Sprichwort, welches ihn immer begleitet. Sei Dir gesagt, während er beinahe sein Leben lang als unfähiger und machtloser Herrscher verschrien wurde, der ständig verschuldet sei, genießt er heute die Erfolge seiner verborgen vorbereiteten Pläne." sinnierte das Oberhaupt des Hauses Ochs.
"Es ist ein Spruch Vater."
"Ich weiß, es scheint mir, als habt ihr alles im Griff. Oder irre ich mich."
"Puh, schwer zu sagen. Ich habe mich mit allen Schuldnern unterhalten und bin sie alle abgereist. Mit im Gepäck hatte ich unser Konzept für die Baronie Wasserburg. Mutter und ich haben recht rigoros alles zusammengestrichen und ausgearbeitet. Wir dürfen nicht alles anhalten, die Baronie muss sich auch noch weiterentwickeln können. Denn das Potential direkt an Reichsstraße und Darpat ist enorm." Wolfaran überreichte seinem Vater ein längeres Pamphlet, welches der Reichsvogt voller Sorgfalt las.
"Und waren die Geldgeber einverstanden?"
"Ja, das Wichtigste, sie erhalten alle ihr Geld. In der Abzahlrate, die ich mit Ihnen vereinbart habe. Ich denke sie haben eingesehen, dass sie ihre Schulden von uns zurückerhalten werden. Wir sind Ehrenleute und verstehen unser Handwerk. Es liegt jedoch noch ein steiniger und langer Weg vor uns."
"Deine Mutter ist eine herausragende Verwalterin und sie hat mir berichetet, dass Du ihr eine große Stütze bist. Und es scheint, als habe ich Dir ein wenig diplomatisches Geschick vererbt."
Ein solches Lob war Wolfaran nicht gewohnt. "Ich weiß Dir wäre Leonora lieber gewesen..." Leobrecht ließ seinen Sohn nicht ausreden. "Es ist, wie es ist. Du wirst Deiner Aufgabe nachkommen, so wie Deine Mutter es sich erwünscht. Ich habe es akzeptiert und es benötigt für mich kein weiteres Aufarbeiten."
"Gut, ich denke die Geldgeber haben unserem Vorschlag zugestimmt, da es mit einem anderen Baron von Wasserburg sicher nicht besser werden würde. Mutter hat trotz der Fehde noch einen guten Ruf und ihr Wort hat Gewicht."
"Und solltet ihr nicht zahlen können stehen sie sicher bald vor den Toren von Burg Ox."
"Das werden wir verhindern."
Leobrecht ging auf seinen Ältesten zu und legte seine Hand auf seine Schulter. Lange lagen die Blicke der Beiden aufeinander. Ein weiterer Schritt zur Versöhnung war getan, es brauchte keine weiteren Worte.
Dukatenreiter
Grimmiges Gesicht
Dürsten-Darrenfurt, nach "Arm wie König Mizirion"
Auch wenn niemand - außer vielleicht die Götter - einen solchen übergreifenden Einblick hat, konnte man doch nahezu zeitgleich das Schnaufen und Wettern im Markt Hordenberg und der Stadt Morganabad vernehmen.
Dort zogen jeweils die geprellten Anführer der Perricumer Waage, wie auch der Diamantschädelreiter ein grimmes Gesicht und ertranken den Ärger vorerst in Wein, dem Ausschnitt eines Dienstmädchens oder den sehnsuchstvollen Augen eines Botens.
An beiden Orten konnte man das Fluchen hören, welches den Baronen von Wasserburg galt, alt wie neu. Der eine hatte sie verprellt und verhöhnt - hatte er wohl je die Absicht gehabt zu zahlen? Die Andere war eine ebenso hinterlistige Furie, im Deckmantel einer "ehrbaren" Kriegerin. An beiden war weder Fuchs noch Mantikor verloren gegangen. Beide traten den ehrenwerten Kodex und den Weg des guten Goldes mit Füßen.
Besonders die Neue - denn der alte Träumerik, hatte ausgedient, dafür hatte die Bergtrude gesorgt, wie auch immer sie dies genau zugebracht hatte. Aber jetzt war sie und ihr aberdrolliger Ritterssohn hoch zu Ross nicht bereit dafür aufzukommen die Schulden der Baronie an die Mietlinge in Hordenberg und Morganabad zu zahlen. Nein, wie eine feige Ziege, erstarrte sie, fiel zu Boden und markierte eine steife Tote. Berief sich auf noch weitere Schulden an Stadt, Gönnern und teuren Bauvorhaben ihres Vorgängers. Aber zu schade für eine kleines garetisches Ritterturnierchen man sich dennoch nicht.
Billigste Betrügerei, hinter der Fassade der Rechtschaffenheit und einem großen Namen, den man zur Erpressung von Aufschüben nutzte.
Eine Fassade die bröckelig war, die beiden Söldnerfürsten in Hordenberg und Morganabad - sich selbst nicht grau - warteten nur darauf dass eine der - unter diesen Umständen "ausgehandelten" lächerlichen - Zahlungen verspätet käme oder gar ganz ausblieb, dann würden sie sich schon holen was ihnen gebührte, allein schon um das Gesicht vor ihren Leuten zu wahren.
Doch während der eine auf diesen Moment - der sicherlich kommen würde - zu warten vermochte, beschloss der andere, nicht warten zu wollen. Die nächste - jämmerliche - Zahlung würde nicht ankommen...
[Jan]
Blinkende Münzen
Der imposant gerüstete Hauptmann zählte behutsam das Geld auf seinem Tisch, als eine dieser lächerlichen Raten wäre es ein Witz, als genug tuende Sonderzahlung allerdings eine Wohltat. Zumal der Haufen Geld hier diesen überdreisten Erbsenzählern und falschen Feilschern aus Wasserburg einen Schlag versetzen würde.
Denn die blinkenden Münzen auf seinem Tisch waren zwar von den Wasserburgern für die Söldner bestimmt gewesen, doch waren sie hier nie angekommen, ganz offiziell. Denn zuvor hatte ein "grobschlächtiger Haufen von Gesindel" dem Boten der Wasserburger die fällige Rate abgenommen. Der Hauptmann schlug lachend mit der Hand auf den Tisch, der Bote war gar der junge Ochse selbst gewesen, mit nur geringer Bedeckung. So schlecht erging es denen also da im Norden in ihren schönen Schlösschen, dass es an einer rechten Begleitung oder gar an vertrauenswürdigen Botendienern mangelte.
Geschah ihnen recht. Den Jungochsen, der sich zwar tapfer gewehrt hatte, hatten "die Grobschlächtigen" aber dennoch in die Flucht geschlagen, nur sein Geld war zurück geblieben. Und der Hauptmann würde nun einen ordentlichen Bericht an den zuständigen Kadi überbringen lassen, dass die Ochsen ihre Rate versäumt hätten und diese schnellstmöglich, mit Zinsen, nachzahlen müssten, nebst wahrscheinlicher Verwarnung und dem Hinweis, die Söldner würden sich sonst in Wasserburg holen was ihnen gebührte, ertragreiche Dörfer gab es dort zu hauf. Der Hauptmann bleckte die Zähne im Grinsen.
Einziger Wermutstropfen war Midans erneute Schlampigkeit, hatte er sich doch wieder nicht an die Anweisungen gehalten und seine stattliche Bewaffnung geführt, als er sich unter "das Gesindel" gemischt hatte, dazu hatte dieser "Verräter" auch noch die Dreistigkeit besessen ein altes Abzeichen "seiner ehemaligen Kameraden" unter den ihm nun gebührenden Lumpen zu tragen und es sich im Kampf entreißen zu lassen.
So war es auf jeden Fall gewesen, dem Hauptmann gefiel diese Geschichte. Midan hatte schon tatsächlich während der Fehde sehr viel Unmut auf sich gezogen mit schändlichen Dingen die die Ehre der Schädelreiter beschmutzt hatten, eigentlich hatte man ihm noch eine letzte Chance gelassen, dann kamen aber diese Fehler und tatsächlich wieder ein paar unterschlagene Münzen, wie stets. Und so würde es nun heißen, Midan hatte schon nach der Fehde in Schimpf und Schande gehen müssen und war dann zum gemeinen Strauchdieb geworden, tragisch, aber diesem elenden Hund gereichend.
Und als solchen würde man ihn getreten und geschlagen vorführen, den Lügner, Dieb und Verräter. Und Lügner schnitt man die Zunge raus, Dieben brach man die Finger. Natürlich ohne das man das gestohlene Geld hätte wieder auffinden können.
Das würde zwar Gerede geben, aber das gab es immer und es beflügelte letztlich das Geschäft, da man im Gespräch blieb. Davon ab wusste hier im Süden jeder, mit welcher unehrvollen und wenig phexischen Feilscherei man sie übers Ohr gehauen hatte. Die Menschen hier waren keine wohlfeilen, garetischen Wasserburger Rittersleute, mit ihrem Geschwätze und Winkelzügen hinter dem man sich feige verschanzte, hier verstand man das ehrliche Geschäft und den Preis den man dafür zu zahlen hatte. Den doppelten - und das mussten nun sowohl Midan als auch die "Ochsenfelser" spüren.
Kopfgeld
Schloss Rossgarten, Baronie Wasserburg
Wutschnaubend betrat Wolfaran die Eingangshalle des Schloss Rossgartens. Er pfefferte seinen Helm in die Ecke, den sogleich ein Bediensteter aufhob. Das Gesinde versuchte sich ansonsten im Hintergrund zu halten, um nicht selbst in die Schusslinie des wütenden Ochsen zu geraten.
Von dem Lärm aufgeschreckt, betraten Korhilda und Leobrecht über die Wendeltreppe den Raum. Sogleich ging die Baronin von Wasserburg auf ihren Ältesten zu. "Großer, was ist passiert. Geht es Dir gut?"
Wolfarans Waffenrock war vom Kampf gezeichnet - zerrissen und blutig. Schrammen zierten seine Arme und seinen Kopf. Mit dem prüfenden Blick einer Mutter betrachtete ihren Sohn. Ob fünf, fünfzehn oder älter, den fürsorglichen Mutterinstinkt konnte sie wohl nie abstellen.
"Mutter, ich bin kein Kind mehr. Diese Drecksdiebe haben uns einen Hinterhalt gestellt."
Leobrecht ließ sich von den Bediensteten Verbandsmaterial bringen und lotste seinen Sohn erstmal in den Nebenraum. "Setz Dich, Junge. Lass mich erstmal die Verletzungen begutachten und verbinden. Dabei kannst Du in Ruhe berichten. Hauptsache ist, dass Du lebst."
Zornig - mehr auf sich selbst - entledigte sich der Baron von Bärenau seiner blutgetränkten Kleidung. Zum Vorschein kamen mehrere Schnitte, die ihm seine Gegenüber zugefügt hatten. Nicht tief aber tief genug, um schmerzhaft zu sein.
Leobrecht fühlte sich zurück versetzt in die Zeit auf dem Arvepass. Wie oft hatte er Korhilda verbinden müssen, wenn sie wieder in seinem Auftrag die Truppen führte. Oft wurde sie in kleinere Scharmützel hineingezogen und kam mit diversen Verletzungen zurück.
Während der Vater erste Hilfe leistete, kümmerte sich die Mutter um das Seelenheil ihres Jungen. "Erzähl Junge, was ist passiert."
"Auf dem Weg von hier nach Morganabad. Sie kamen aus einem Dickicht und wir haben sie nicht gesehen. Der Hinterhalt war so überraschend für uns, dass wir zwar uns, aber nicht unser Geld retten konnten." Missmutig spuckte der junge Ochse auf den Boden.
"Was Dein Vater sagte, die Hauptsache ist, dass du lebst. Alles andere kann man ersetzen."
"Mutter wir sind pleite. Und Söldner verstehen keinen Spaß, wenn sie ihr Geld nicht erhalten."
"Ich..." wollte Leobrecht einwerfen, wurde jedoch von seinen beiden Liebsten überstimmt. "Nein Vater, das Haus Ochs hat schon zuviel in Bärenau investiert. Dazu die Aufkommende Fehde in Garetien. Nein, wenn wir Dein Geld benötigen sollten, sollten wir schon fast vorm Ertrinken sein. Wir werden uns anderweitig Geld beschaffen."
"Wie Du meinst. Dennoch werde ich als Oberhaupt des Hauses Ochs ein Kopfgeld aussetzen auf die Angreifer meines Sohnes. Du und Leonora ihr seid die Zukunft des Hauses. Euren Verlust könnten wir nicht verkraften."
"Das ist Dein Recht als Oberhaupt, Vater. Ich werde mich an Graf Ingramm wenden und hoffe er kann uns aushelfen, dass wir die Diamantschädelreiter bezahlen können."
"Lass uns zusammen in den Schlund reisen, ich werde Chaliba bitte das Kopfgeld öffentlich zu machen und die Angelegenheit zu regeln. Sie ist eine resolute Nebachotin, sie wird das ganze mit strenger Hand regeln."
"Und dazu hat sie als Vögtin von Viehwiesen die Halsgerichtsbarkeit...." kommentierte Hilda die Entscheidung ihres Mannes.
Münzhandel
Königsstadt Wandleth, am Hofe des Grafen vom Schlund
Mit einem freudigen "Garoschem!" auf den Lippen betrat Wolfaran die Stube der Kämmerer der Grafschaft. Leicht angetrunken von den Bieren, die er mit Graf Ingramm geleert hatte führte ihn sein Weg zum gräflichen Kämmer Gregosch, den er ebenfalls bereits seid frühen Kindheitstagen kannte.
"Garoschem! Ka roboschan hortiman Angroschim! Da schau einer an, Du hier. Wohnst ja jetzt in der Nähe wie ich hörte." Wie bei den Zwergen üblich holte Gregosch erstmal ein paar kühle Schlunder Wiesenschlösschen.
Wolfaran lächelte leicht gequält. Er hatte heute gefühlt mehr Alkohol getrunken, als im ganzen letzten Jahr in Elenvina. Hui anstrengend, dachte er, aber seine Freunde waren so voll Freude ihn wieder zu sehen, dass er ihnen das Anstandsbier ... oder zwei... oder drei ... nicht verwehren wollte.
Mit einem lauten "Baroschem!" knallten ihre Bierkrüge zusammen. "Fortombla hortomosch! Glückwunsch zur Belehnung Deiner Garoschna Korhilda. Und schön Dich wieder in der Nähe zu haben."
"Danke, mein Freund. Ich bin leider wegen einer nicht so schönen Angelegenheit hier." Wolfaran war in Zeitnot, da musste er unfreundlich gleich zum Thema kommen.
"Väterchen Ingramm hat mir schon berichtet. Verprügelt haben sie Dich und Dir Dein Geld geraubt. Nur unehrbares Gesindel außerhalb des Schlundes. Habe ich Dir immer gesagt, mein Freund."
"Ach Gregosch, Du weißt ich wollte nie von hier fort. Wärst Du so lieb und zählst mir die Münzen ab. Damit wir unsere Gläubiger besänftigen können."
"Dein Freund Rogosch ist schon dabei, während Sein Vater gerade den Schuldschein fertigt."
Und noch einer, dachte der junge Ochse. Wasserburg war ein bodenloses Loch. Viel Arbeit lag vor ihnen, die Baronie zu entschulden.
"Und noch was Fläumling. Karoscha und ihre Schlägelschwinger werden das Geld zu den Söldner bringen, auf dass es nicht wieder abhanden kommt."
"Väterchen, ich kann sie mir nicht leisten."
"Karoscha sieht es als Freundschaftsdienst. Du weißt, dass sie eine Lebensschuld bei Deiner Mutter hat, nach den Vorfällen in Ongalosch. Sie sieht es als Teil der Abzahlung ihrer Schuld, die sich nicht mit Münzen bezahlen lässt."
Wolfaran prostete dem gräflichen Kämmerer dankend zu.
"Und ich hörte, Du musstest dem Grafen eine Gegenleistung versprechen."
"Was du alles hörst. Unglaublich das ist hier ja wie bei den Waschweibern am Darpat."
"Wir sind gesellig, da werden schon einmal Informationen ausgetauscht, Fläumling."
"Da magst Du recht haben, Väterchen. Und ja, ich werde dem Grafen hin und wieder zu Diensten sein. Er hat mich als seinen Waffenkenner ausgebildet und so werde ich, wenn es meine Zeit zulässt, für ihn nach seltenen und wertvollen Stücken Ausschau halten."
Die Wilde Rose
nach Wandel in Wasserburg
Das Blut der letzten Linie
Der silbrige Schein des Mondes leuchtete in das Schlafzimmer der Baronin von Wasserburg. Korhilda wachte nachts auf und bemerkte, dass ihr Mann nicht mehr neben ihr lag.
Die Wendeltreppe hinunter schien Kerzenschein hinauf und sie hörte gedämpfte Gesprächsfetzen. Sie zog sich einen Morgenmantel über und stieg die Treppenstufen hinab. Es musste schon wichtig sein, wenn ihr Gatte zu einer solchen ungöttlichen Zeit einen Gast empfing. Im Arbeitszimmer angekommen erblickte sie Alderan von Scheuerlintz. Eine gequälte Begrüßung ging beiden über die Lippen.
In der Wasserburger Fehde hatte Korhilda den Vater Alderans, Malwarth von Grabenhorst, in einem rondragefälligen Duell getötet. Dass sein Sohn bei ihrem Gatten eine Anstellung inne hatte, machte die Situation nicht einfacher.
Leobrecht von Ochs war hingegen ganz vertieft in Unterlagen, die ihm Alderan überbracht hatte, so dass er Korhildas Ankommen ignorierte. „Scheuerlintz, Du bist Dir sicher, dass die Erkenntnisse stimmen.“
„Ja, Herr. Es war wirklich nicht einfach, der Fährte zu folgen. Ich habe in den Unterlagen der alten Residenz geforscht, als auch in den Archiven der markgräflichen Administration. Viel war nicht mehr auszugraben.“
„Aber Du scheinst ja eine Spur gefunden zu haben.“
„Ich konnte schlussfolgern, dass Wallgrin einen jüngeren Bruder namens Isegrein hatte. Dieser hat nach meinen Nachforschungen ins Haus Revennis eingeheiratet. Daraufhin bin ich nach Baburin gereist und habe um Einlass in den Palast der Sterne „gebeten“. Ich musste hierzu ein paar Leute bestechen, meine Auslagen habe ich beigefügt.“
„Sehr gut gemacht, Scheuerlintz, sehr gut. Dein Geld wirst Du zurückerhalten. Was konntest Du herausfinden?“
„Isegrein und seine Frau Mirhiban hatten Kinder. Das ist schon mal positiv.“
„Und was ist negativ?“
„Ich habe jetzt mal angenommen, dass Königshäuser und deren Seitenlinien, mit denen sich die Linie Revennis gekreuzt hat, vielleicht ein wenig zu hoch für Eure Ansprüche sind. Desweiteren konnte ich nicht allen Kindern folgen und weiß bei vielen nicht, was aus ihnen geworden ist.“
Leobrecht schmunzelte. „Scheuerlintz, da hast Du wohl recht. Wir sollten wissen wo unser Platz im Adelsgefüge ist und nicht den Schwalben das Fliegen neiden.“
„Das habe ich angenommen und bin daher einer relativ bedeutungslosen Ahnenlinie gefolgt, über Barbrück, Llanka und Mendlicum führte mich mein Weg nach Palmyrabad. Das dortige Haus Palmyramis war mein Endpunkt.“
„Da bist Du viel herumgekommen, Scheuerlintz. Bitte klär mich auf, was es mit dem Haus Palmyramis auf sich hat. Ich bin da nicht ganz im Bilde, was die aranischen Adelshäuser angeht.“
„Rashpatana al'Kira von Palmyramis ist die Sultana in dem Herrschergebiet.“
„Sultan? Das ist zu hochgegriffen, Scheuerlintz!“
„Ich weiß Herr. Die Familie ist aber recht groß. Ich denke es wird für Euer Haus unmöglich sein in die direkte Blutlinie der Sultana einzuheiraten. Aber die Familie ist weit verzeigt und in den unbedeutenden Nebenlinien sind sie in der Ebene der Beyroun. Also im Rahmen Baron. Das Negative hierbei ist nur, dass das Blut welches ihr wünscht nachzuweisen, immer wässriger wird.“
„Solange noch ein kleines Tröpfchen Blut im Wasser erkennbar ist, ist es ein Versuch wert. Aber ich brauche ein Mädchen. Bei Araniern haben die einen hohen Stellenwert aufgrund des Matriachats, oder irre ich mich?“
„Es gibt dort ein nachrangig geborenes Mädchen, welches aus belanglosen Blutlinie entstammt und die nicht viel Wert in Aranien hat. Guter Name, wenig Einfluss.“
„Hast Du ein bestimmtes Mädchen ins Auge gefasst?“
„Aliyah saba Azizelis von Palmyramis. Ein Achtjähriges, zweitgeborenes Mädel. Mit ihrer Mutter Azizelis saba Emiramis von Palmyramis und ihrem Vater Rohaldor ibn Retoban von Tamaris habe ich ein Treffen mit Euch im Emirat Djeristan am Fuße des Raschtulswalls, der Heimat des Familienzweiges, vereinbart, um alles Weitere zu klären.“
Korhilda räusperte sich. „Was bist du wieder so umtriebig?“
„Hilda, ich erarbeite mir Möglichkeiten.“
„Und was genau, ich ahne es, aber magst Du mich in Kenntnis setzen?“
„Liebes Du weißt, dass ich über meine aranischen Wurzeln als entfernter Nachfahre von Graf Treuholdt vom Darpatbogen“ Korhilda rollte mit den Augen, während Leobrecht weiter fort fuhr. „meinen Anspruch, wie gering er auch sein mag, auf den Grafenthron von Perricum immer im Hinterkopf habe. Jetzt da Du Dich in Wasserburg verwurzelt hast, kam mir die Idee, die Ansprüche des Hauses Ochs weiter zu festigen.“
„Und deshalb ist Alderan durch halb Garetien, Perricum und ganz Aranien gereist?“
„Scheuerlintz ist der Linie von Isegrein vom Darpatbogen gefolgt. Ein Bruder der vorletzten Gräfin aus dem Haus Darpatbogen. Somit konnte er die Blutlinie von Gräfin Korgunde vom Darpatbogen nach Palmyrabad verfolgen. Ich denke ich werde mit dem dortigen Adelshaus in Kontakt treten, um eine Verlobte für Trisdhan zu gewinnen.“
„Damit Trisdhan Deinen Anspruch aufrechterhält und festigt?“
„Genau, Liebes.“
Korhilda hielt von diesen Ansprüchen so ganz und garnichts, welch hanebüchenes Zeug - vor allem so verwässert die Blutline, das kaum jemand daraus einen Anspruch erheben konnte. Aber es war nicht an ihr zu entscheiden, wen ihr Enkel heiraten würde. Das oblag dem Oberhaupt des Hauses Ochs, ihrem Gatten. Und wenn es ihm so wichtig war, würde sie Leobrecht bei der Angelegenheit unterstützen.
Treideln auf dem Barun-Ulah
Flussabwärts auf dem Barun-Ulah, Baronie Weißbarûn
Leobrecht stand am Deck des Flusskahns welcher ihn und Alderan von Scheuerlintz Richtung Aranien transportierte.
„Scheuerlintz, es ist schon lange her, dass ich nach Aranien gereist bin.“
„Herr, wir werden den Barun-Ulah weiter folgen bis Revennis, dann in eine Kutsche umsteigen bis Palmyrabad. Von dort dann weiter nach Djeristan am Fuße des Gebirges.“
„Scheuerlintz, als kleiner Junge bin ich mit meiner Mutter oft auf dem Fluss gen Süden gereist. Von Weißbarun fließt der Barun-Ulah bis Waraqis, der Heimat meiner Mutter.“
„Ismelda von Waraqis war ihr Name, nicht wahr.“
„Ja Scheuerlintz. Das war noch zur Retozeit, als Aranien noch als Fürstentum Teil des Reiches war. Ich habe die Flussfahrten geliebt. Der exotische Duft in den aranischen Märkten, werde ich immer in meiner Erinnerung behalten. Wundervoll war es, als Leomir, Giselda und Wolfaran uns noch begleiteten. Meine Brüder starben viel zu früh.“
„Wart ihr nach dem Tod Euer Mutter noch mal in ihrer Heimat?“
„Nur wenige Male, Scheuerlintz. Meine Mutter hatte all ihren Lebensmut verloren, als mein Vater vom Raschtulswall verschluckt wurde und Leomir auf Maraskan in Retos Heer fiel. Ein paar Reisen habe ich zu meinen Großvater Eloish unternommen. Meine Großmutter Radschaleya verstarb schon vor meiner Geburt. Dann kam der Verrat Sybias und Großvater musste fliehen. Ich habe ihn in Viehwiesen nie wieder so fröhlich erlebt, wie noch auf seinen Ländereien um Waraqis. Er war danach ein gebrochener Mann.“
„Den aranischstämmigen Perricumern, auch Euren entfernten Verwandten aus den Familien Waraqis und Feqzaïl wird es nicht gefallen, was ihr vor habt.
„Wohl wahr, Scheuerlintz, wohl war. Du sagst dass die Linie des Blutes vom Darpatbogen einzig nach Aranien führt. Dann muss ich in den sauren Apfel beißen und den Unmut auf mich und mein Haus auf uns einprasseln lassen. Mir wäre auch lieber gewesen, du hättest das Blut in Perricum oder nach Garetien folgen können. So ist es, wie es ist.“
Unter Palmen
Stadt Revennis, Aranien
Leobrecht von Ochs naschte die frischen Arangen, die süßen Datteln und den aranischen Schlauchwein. Zusammen mit seinem Adjutanten Alderan von Scheuerlintz hatte er erfolgreiche Verhandlungen mit der Seitenlinie des Hauses Palmyramis geführt.
Zum Ausklang, bevor die Reise sie zurück nach Perricum bringen würde, kehrten sie in die Schenke am Tabakmarkt ein, wo der Reichsvogt vorher Pfeifenkraut für Alderan und sich erworben hatte.
Zigarre rauchend genossen sie den Sonnenuntergang. „Scheuerlintz, jetzt weiß ich, was ich über meine aranischen Reisen vergessen hatte. Es ist hier viel zu warm. Die Tränen sind ja schon ein riesen Unterschied zum Schlund und zum Arvepass. Aber das Klima hier, ist nichts für alte Ochsen.“
Alderan schmunzelte. „Ich finde es hier sehr angenehm. In meiner Zeit an der Zorganer Schreiberschule habe ich mich daran gewöhnt. An die Wärme, an den Wein und an die Schlemmereien.“
„Scheuerlintz, Du hast gute Arbeit geleistet.“
„Danke Herr, ich denke meine diplomatische Ausbildung in Mulzibers Gefolge trägt ihre Früchte. Er hat mir vor seinem Tod, Boron habe den guten seelig, anempfohlen mich in Aranien weiterzubilden. Ich wusste gar nicht, dass ihr des aranischen Tulamidya mächtig seid.“
Leobrecht qualmte weiter an seiner Zigarre. „Scheuerlintz, mächtig ist wohl ziemlich übertrieben. Ich kann ein paar Floskeln und Wortfetzen. Meine aranische Mutter sprach mit mir oft in ihrer Sprache, da sie verstarb als ich zwölf Götterläufe alt war, habe ich vieles davon vergessen und verlernt.“
„Herr, ich hoffe das Mädchen sagt euch zu.“
„Scheuerlintz, es ist ein sehr nettes Mädchen. Zurückhaltend und verspielt, aber das darf man in dem Alter auch sein. Der Katzentick wird sich hoffentlich im Alter erledigen. Ich bin froh, dass Du die Familie überzeugen konntet, dass dort wo wir herkommen später geheiratet wird.“
„So ganz erfolgreich war meine Überzeugungskraft auch nicht, ich konnte nur ein paar Jahre gewinnen. In Aranien wird sind frühe Kindshochzeiten an der Tagesordnung. Da war Euer Wunsch nach Verlobung und späterer Heirat für den Kulturkreis unüblich.“
„Ein Ehebund mit zwölf Götterläufen ist auf jeden Fall eher nach meinem Geschmack, als jetzt mit acht Jahren. Wir können Aliyah ganz behutsam auf einen Wechsel nach Wasserburg vorbereiten. Du wirst mein Verbindungsglied in dieser Hinsicht sein. Ich möchte, dass Du ihren Werdegang verfolgst und sie auf ein Leben im Perricumer Adel vorbereitest.“
„Ja, Herr. Ich denke auch, dass es dem Mädchen einfacher fällt wenn sie nach und nach mehr Zeit in Perricum verbringt. Gut schien es dem Mädchen gefallen zu haben, dass ihre Schwertmutter bei ihr bleibt. Ich werde mir alle Mühe geben, ihr alles beizubringen, was sie in ihrer zukünftigen Stellung benötigt.“
„Scheuerlintz, das war ein guter Einfall von Euch. Jetzt hoffe ich nur, dass Trisdhan und Aliyah irgendwann zueinander finden und sich eine gewisse Zuneigung entwickelt. Bei meiner letzten Verheiratung von Leonora und Ardor hat das leider nicht funktioniert.“
„Herr, Adelige müssen sich nicht lieben, sie müssen sich nur respektieren.“
„Ja, Scheuerlintz. Aus eigener Erfahrung kann ich Dir sagen, mit Liebe ist es einfacher und angenehmer.“
Bei gutem aranischen Schlauchwein ließen sie den Tag ausklingen und bestiegen am nächsten Morgen wieder das Flussschiff gen Norden.
Denken in Generationen
Die Sonne schien hell über Schloss Rossgarten, die Hitze ließ jedoch jegliches Treiben fast zum Erliegen kommen.
Korhilda lag auf einer stilvollen Récamière unter einem weißgekälkten Paviliion mitten im groß angelegten Rosengarten. Die Baronin verbrachte hier viele Momente. Die Nachwirkungen der Fehde hatten nicht verschwindende Spuren hinterlassen.
Obwohl schon so viel Zeit zurücklag fühlte sie sich immer mal wieder geschwächt und der Zwist in der Familie, so er auch nun ausgestanden war, würde immer in ihren Gedanken bleiben.
Zu ihr gesellte sich ihr Sohn Wolfaran, der kaltes Gurkenwasser mitbrachte. „Zurück aus Gareth? Ich hoffe Du hattest eine gute Reise.“
„Trisdhan hat sich sehr darüber gefreut und ich glaube Iralda ebenfalls über unseren Besuch. Sie hat nur bald wieder Prüfungen am Rechtsseminar und war daher eng angebunden. So viel Freude auch mitschwang, wir waren das fünfte Rad am Wagen und ich hatte das Gefühl sie zu sehr einzuschränken.“
„Setz Dich und trink ein Glas mit mir. Du weißt wie sehr sie in dem Studium aufgeht. Es wird ja nicht ewig dauern, dann hat sie es abgeschlossen und ihr könnt wieder mit Zeit miteinander verbringen. Sehe es aus ihrer Sicht, ein hesindegefälliger Freidenker, der in ein Ritter Kostüm gezwängt wurde – weil sie es zu dem Zeitpunkt musste. Jetzt Jahre später kann sie das Gewand ablegen und zu ihrem eigenen selbst zurückfinden.“
„So habe ich es noch nicht betrachtet. Ich werde nach den Prüfungen wieder zu ihr Reisen, von Wasserburg ist der Weg nicht so weit. Wenn Du nichts dagegen hast? Wie ich hörte war Vater in Rossgarten.“
„Das ist das Schöne an Wasserburg – alle von Ost nach West müssen an uns vorbei. Deinen Vater sehe ich nun viel regelmäßiger. Das letzte Mal war er kurz angebunden, von der Aranieren hast Du gehört?“
„Vater hat mir einen Brief hinterlassen. Eine Aranierin, warum so weit entfernt suchen? Warum verknüpfen wir uns nicht mit dem Perriucmer Adel? Warum kein Waltern?“
„Leonora hat einen Waltern geheiratet, dazu ist mit Aleidis nur ein passendes Mädchen in der Familie. Und da sie einst Baronin werden wird, ist die Familie Waltern keine Option.“
„Aber andere Perricumer um uns weiter zu vernetzen?“
„Deinem Vater war wichtig der Blutlinie des Hauses vom Darpatbogen zu folgen. Und er glaubt diese in Aliyah gefunden zu haben. Er wäre der Linie auch ins Ewige Eis oder Riesland gefolgt, seien wir also froh, dass es Aranien geworden ist.“
„Wir stoßen damit den aranischstämmigen Familien in Perricum hier vor den Kopf, aber ich denke das nimmt er in Kauf.“
Korhilda nickte. „Versuche es aus der Sicht Deines Vaters zu betrachten. Er denkt nicht kurzfristig in Jahren, sondern langfristig in Generationen. So sind die alten großen Häuser, das musst Du noch verinnerlichen.“
„Ich weiß nicht ganz was Du meinst.“
„Unsere Markgrafschaft. Wer weiß was mit ihr passiert, wenn unser Markgraf kinderlos bleibt. Ja, eine Markgrafschaft ist kein Erblehen, doch falls die Kaiserin der Ehe noch Kinder gebären wird, dann wird eines der Kinder dem Markgrafen folgen. Die beiden sind jetzt seit 1037 BF verheiratet und keine Kinder in Sicht. Die Kaiserin wird nicht jünger.“
„Du meinst Vater spekuliert auf das Szenario, dass aus der Verbindung Rohaja und Rondrigan keine Kinder entstehen?“
„Denke doch einfach mal in die Richtung. Was passiert wenn der Markgraf im hohen Alter stirbt und sie keine Erben haben. Wer folgt dann in der Markgrafschaft? Perricum ist aus meiner Sicht nur zur Markgrafschaft erhoben worden, damit die Kaiserin Rondrigan heiraten kann. Einen Graf zu heiraten wäre zu weit unter ihrem Stand gewesen.“
„Ein Markgraf hingegen zu akzeptieren.“
„Belehnt Rohaja dann Perricum weiter als Markgrafschaft ist das Haus Ochs raus aus dem Spiel, aber wer sagt nicht, dass sie es wieder degradiert zu einer, dann wahrscheinlich eher zwei, Grafschaften und zurück ans Königreich Garetien bindet. Wen würde sie dann zum Grafenhaus erheben? Die letzten dreißig Götterläufe haben so viele Umwälzungen ergeben, dass ein solches Szenario nicht komplett unwahrscheinlich ist.“
„Bei all den Gedankenspielen… wenn Rohaja keine Kinder gebärt, haben wir im Reich ein ganz anderes Problem. Ihre Schwester Yppolita hat auch keine Kinder. Was geschieht mit dem Greifenthron?“
„Genau, warum bringt das Fuchsrudel den jungen Sigman in Position. Umso älter Rohaja wird, desto mehr Strömungen wird es innerhalb des Adels geben. Fraktionen die versuchen werden nach oben zu schwimmen.“
„Vater hält von den Strömungen nicht viel, und hat mir angewiesen mich raus zu halten.“
„Das Haus Ochs ist reichstreu, das war es schon immer. Jetzt, wo vor allem Du und Iralda, für das Kinderreichtum gesorgt haben, ist Dein Vater umtriebig und möchte das Feld bestellen und das Haus Ochs in eine gute Position bringen.“
„Die Reto- und Halzeit hat dem Haus viel Ruhm eingebracht, aber auch viele Todesfälle.“
„In der heutigen Zeit hat sich Dein Vater, aber vor allem Bunsenhold, einen guten Ruf erarbeitet. Letzteres wurmt Deinen Vater sehr. Du warst jetzt Jahre in der Reichsadministration und Leonora macht sich dort gerade einen Namen. Ich denke das Umfeld der Kaiserin, kann durchaus wieder positiv vom Haus Ochs berichten.“
„Ich hoffe und nicht nur über Todesfälle in diversen Schlachten. Wir sind auf einem guten Weg, da gebe ich Vater recht. Doch der Weg ist noch lang und steinig.“
„Denke in Generationen nicht in Jahren.“
Szenenspiele
Gut Rossgarten, Baronie Wasserburg
Trisdhan und Alion, die Burschen wie immer unzertrennlich, lagen im Heuboden über den Ställen von Gut Rossgarten.
„Puh, echt, Du heiratest?“ Der nebachotische Junge war baff.
„Verlobt war ich schon mal.“ Trisdhan zerrupfte während des Gesprächs ein paar Strohhalme.
„Echt? Du veräppelst mich.“ Alion wollte dem keinen Glauben schenken.
„Gilia Ardare von Zweifelfels war ihr Name. Sie verstarb jedoch drei Monate, nachdem unsere Verlobung bekannt gemacht wurde.“
„Oh, tut mir leid.“
„Ähm ja, danke… aber ich kannte sie kaum. Tut mir natürlich trotzdem leid, dass sie gestorben ist.“
„Und wie war Dein erstes Treffen mit der Aranierin?“
Trisdhan zuckte mit dem Schultern. „Weiß nicht, ist halt ein Mädchen.“
„Und was mag sie so?“
„Weiß nicht, ich glaube sie steht auf Katzen. Sie hat sogar eine mit hierhin auf die Reise mitgenommen. Und sie mag Pferde, das ist schon mal gut. Mit Imman kann sie nichts anfangen, und schien sie auch nicht zu begeistern. Sie tanz wohl gerne – ich hasse tanzen.“
„Mädchen halt. Konntest Du dich mit ihr unterhalten?“
„Sie spricht unsere Sprache, Vater meinte, ich würde alsbald einen Aranischlehrer erhalten.“
„Ist ja fast wie nebachotisch. Das bringe ich Dir dann weiter bei. Musstest Du sie küssen.“
„Ihhhh, ne. Das ist doch widerlich.“
„Papa sagt immer, wenn ich älter bin, verstehe ich das Ganze Liebesding. Was immer er damit meint.“
Schloss Rossgarten, Baronie Wasserburg
Aliyah saß auf dem Rasen des Rosengartens und streichelte ihre Aranierkatze Nala. Neben ihr saß ihre Schwertmeisterin Isha al’Shaya.
„Und Kleines, wie gefällt es Dir hier?“
„Es ist so anders. Irgendwie kühl – die Leute und das Wetter.“
Isha strich ihrer Schülerin sanft durchs Haar. „Ich werde an Deiner Seite bleiben, dass wird immer ein Stück Heimat bei Dir bleiben.“
Nala maunzte.
„Der Junge ist aber ganz süß. Meinst Du er färbt sich die Haare? Die sind so blond.“
„Nein, ich denke das ist seine natürliche Haarfarbe. Aber ich gebe Dir recht, er ist „süß“. Aus ihm wird sicher einmal ein stattlicher, bildhübscher Mann. Die Herrin Radscha hat ihn mit Schönheit gesegnet.“
„Könntest Du mir ein Bild von ihm zeichnen? Meine Geschwister haben mich getriezt, dass ich in den Norden verheiratet werde. Sie waren so gemein zu mir. Jetzt will ich, vor allem Sabia und Sefira, ärgern. Mein Auserwählter ist viel anmutiger als der ihre.“
„Kann ich machen, Kleines.“ Isha schmunzelte innerlich.
„Schön finde ich, dass ich auch weiterhin einen Blick auf den Raschtulswall habe. Hier sieht es zwar anders aus, aber der Blick nach oben ist fast derselbe.“
„Wir werden uns hier schon einleben. In der ersten Zeit pendeln wir zwischen hier und Deiner Aranischen Heimat. Mit zwölf wirst Du den Bund der Ehe eingehen und komplett nach Wasserburg umziehen. Der Herr des Hauses hat Euren Eltern aber versichert, dass ihr immer mal wieder den Weg in die Heimat antreten könnt.“
„Ich glaube die Ochsen sind sehr nett. Darf ich meinen Namen behalten? Weil…. Ochs ist wirklich ein wahrhaft grausamer Nachname. So plump, grob und bäuerlich.“
„Ja Liebes, Du behältst Deinen aranischen Namen. Nur deine Kinder, so Du irgendwann Mutter werden wirst, werden den Namen Ochs tragen.“
„Alle meine Kinder, auch die Mädchen?“
„Ja, so sind hier die Sitten.“
Aliyah verzog angewidert das Gesicht. „Meine Kinder werden wie ein Onqach heißen? Ihhh, das ist abscheulich.“
„Ich verstehe Deinen Unmut, Alderan wird uns beiden mit den hiesigen Sitten und Bräuchen bekannt machen. Vielleicht wird es dann einfacher für uns.“
Zeichen der Alveransleuin
Bußquesten für Korhilda
Die Bußqueste
In der Höhle des Löwen
Tempelwacht
Auszüge aus der Tempelchronik des Rondra-Tempels Donnerhall der Stadt Wasserburg
geschrieben vom Tempelvorsteher Dorian von Hengisford
- 01. Rondra 1043 BF
- Korhilda von Sturmfels, gekleidet in ein Büßergewand, tritt ihren Dienst als Tempelwache an. Im Rahmen ihrer Bußqueste habe ich den Mond Rondra ausgewählt. Der heilige Monat der Göttin soll die Baronin ihre Tugenden lehren und ihr, ihr Fehlverhalten aufzeigen. Zur Wacht forderte ich die Baronin auf eine einmonatige Fastenzeit einzulegen. Der Körper und der Geist sollen sich reinwaschen.
- 03. Rondra 1043 BF
- Ein unbarmherzig heißer Tag. Heißer als in allen Tempelaufzeichnungen. Die Alveransleuin prüft die Büßerin.
- 04. Rondra 1043 BF
- Die Vorbereitungen auf das Schwertfest sind im vollen Gange. Büßerin Halara habe ich zur Aufgabe gemacht die beiden Rondrastatuen im Altarraum auf Hochglanz zu polieren und das Beiwerk zu schmücken.
- 05. Rondra 1043 BF
- Tag des Schwurs. Viele Besucher strömen dieses Jahr zur Morgenandacht. Obwohl ich an ihren Glauben hoffen sollten, düngt mir dass es viele Schaulustige sind, die die Baronin im Büßergewand sehen möchten. Es ärgert mich, zeigt aber die unverholene Vergnügungssucht, die hier in den Perricumer Landen vorherrscht. Nach der Andacht ziehe ich mich zur Meditation zurück. Zur Abendandacht erhebe ich meine Knappin Audora von Drosselpfort ins Noviziat. Sie war mir einst anvertraut worden, als ich noch ein normaler Ritter war. Ihr starker Rondraglaube lässt mich hoffen, dass sie einst eine starke Geweihte der Alveransleuin sein wird.
- 06. Rondra 1043 BF
- Wir konnten eine beträchtliche Summe einnehmen. Auch wenn es der Vergügungssucht der Wasserburger geschuldet ist, werden wir das Geld sinnvoll anlegen. Ich denke darüber nach eine neue Statue beim hiesigen Steinmetz in Auftrag zu geben. Die genaue Einnahmesumme habe ich im Kassenbuch vermerkt.
- 11. Rondra 1043 BF
- Wir beginnen mit den Vorbereitungen zum Schwertfest. Audora kümmert sich um die Organisation. Nach und nach treffen Gläubige und Geweihte ein, die ein Dach über dem Kopf suchen. Büßerin Halara kümmert sich um die Unterbringung.
- 15. Rondra 1043 BF
- Wie die Tradition uns auffordert, beginnen wir den Tag bei der Morgenandacht mit der rituellen Opferung eines Schafes. Gegen Mittag beginnt das Schwertfest. Im rondragefälligen Zweikampf messen sich die ehrenvollen Krieger und reisenden Geweihten, die zur Einkehr in unseren Tempel gekommen sind. Ich habe die Baronin von Wasserburg aufgefordert sich sechs Duellen zu stellen. Sie konnte allesamt der Leuin zum Wohlgefallen ehrenhaft gewinnen.
- 16. Rondra 1043 BF
- Zweiter Tag des Schwertfestes. Wir setzen den rondragefälligen Zweikampf fort. Euer Hochwürden Maia von Drosselpfort fordert mich auf bezüglich der Sturmfels Milde walten zu lassen, ich seie zu hart in meinen Prüfungen. Die Tsageweihte zu Rossgarten und ich geraten in einen lautstarken Disput. Doch ich habe meine Entscheidung getroffen, die Herrin will es so. Erneut fordere ich die Baronin auf, den ehrenvollen Zweikampf zu zelebrieren.. Auch die heutigen Duelle kann sie für sich entscheiden. Die Donnernde scheint es gut mit ihr zu wollen. Obwohl ihr die linke Hand fehlt, weiß die Baronin ihr Schwert erfolgreich zu führen.
- 17. Rondra 1043 BF
- Ich weiß, das Schwertfest ist ein Fest für die Menschen, diese Schaulustigen, die nur wegen der Sturmfels gekommen sind, widern mich jedoch an. Die Tempeleinnahmen waren höher als an jedem anderen Schwertfest zuvor. Einnahmen sind im Kassenbuch vermerkt. Wenn die Menschen doch nur wegen der Göttin gekommen wären.
- 18. Rondra 1043 BF
- Ruhe ist eingekehrt. Die Teilnehmer des Schwertfestes sind wieder abgereist.
- 24. Rondra 1043 BF
- Audora ist vertieft in die rondragefällige Ausbildung. Sie macht mich stolz.
- 28. Rondra 1043 BF
- Heute wurden mir die Zeichungen für eine neue Statue überbracht. Ich kann mich nicht entscheiden, für welche ich mich entscheiden soll. Die heilige Ardare, Geron den Einhändigen oder Leomar von Baburin. Ich werde in mich gehen und eine Entscheidung treffen. Die Zeit eilt nicht.
- 30. Rondra 1043 BF
- Die Tempelwache der Baronin von Wasserburg geht zu Ende. Mit eisernem Willen hat sie ihre Wacht abgehalten. Wegen der Hitze war ich fast gewillt, die Fastenzeit abzubrechen. Aber das wäre das falsche Signal. Die Herrin wollte sie prüfen und die Baronin hat Stand gehalten. Ihr purer Wille beeindruckt mich. Sie scheint ihre Buße Ernst zu meinen.
Es lebe die Ritterlichkeit
Efferd oder später, 1043 BF, Dorf Rosshang, Baronie Wasserburg
Korhilda spazierte mit Damina und Wolfaran über eine große freie Fläche nördlich des Dorfes Rosshang. An dem Ort, an dem bereits die kleine Tjoste zur Feierlichkeit zu Korhildas Belehnung stattgefunden hatte.
"Damina, ich habe mir zum Ziel gesetzt in Wasserburg, mich mehr der Knappenausbildung zu widmen. Die Fehde, in der ich mich wahrlich nicht immer ritterlich verhalten habe und auch die Ansprache von Hochwürden von Hengisford, haben mir deutlich aufgezeigt, dass die Notwendigkeit besteht die Rittertugenden wieder präsenter zu zeigen und vor allem sie weiter an die nächste Generation zu geben."
"Euer Hochgeboren, im muss euch leider beipflichten. Als Leidtragender Lehensnehmer war ich, wie die Ritter und Junker um mich herum, den Fehdehandlungen der befehdenden Barone gänzlich ausgesetzt. Eure Streiter und auch die Söldner aus Morganabad nahmen es mit ritterlichem Tugenden nicht sehr genau." In Daminas Stimme klang Hoffnung auf Besserung mit, aber auch Frust über die Fehde des letzten Götterlaufes.
"Wisst ihr, Damina, ich habe meine Knappschaft bei Alwene von Gareth absolviert. Sie nahm mich vor allem im Bereich Verwaltung unter ihre Fittiche. Die kriegerische Ausbildung übernahm Linara von Hausen-Hartweil."
"Ah, eine begnadete Lanzenreiterin, wie ihr Bruder." warf Damina ein.
"Och ja, sie und ihr Bruder Linnert - das waren noch Zeiten." Korhilda erinnerte sich an das Geschwisterpaar, welches sich im steten Zweikampf auf dem Tjostfeld gegenüberstand. "Ach, wären die Kriegszeiten nicht gewesen, ich denke ich hätte mich in vielen Siegeslisten von Turnieren verewigen können. So hatte ich "mein Jahr" in 1030 BF, dazu noch ein paar unbedeutendere Turniersiege. Einzig beim Kaiserturnier 1041 BF konnte ich nochmal glänzen, unter die letzten 10 habe ich es geschafft."
Korhilda schwelgte in Erinnerungen. "Ich möchte hier angrenzend an das Dorf dauerhaft eine Tjostbahn errichten. Und ein Parcours für das Ringstechen."
Korhilda deutete auf die vor ihnen liegende Wiese, während Damina die Ideen auf dem Plan verfolgte.
"Ich möchte hier alljährlich ein Ritterturnier ausrichten unter den gleichen Bedingungen wie das Turnier zur Belehnung. Dazu ebenfalls jährlich ein Ringstechen für die Knappen. Es soll aber nicht nur die Fertigkeit auf dem Tjostfeld in die Wertung einfließen. Ich möchte, dass jeder sofort disqualifiziert wird, der um diese Veranstaltung herum sich nicht ritterlich verhält. Ich erwarte, dass sich die Jungspunde im Dorf, in den Herbergen und in den Tavernen benehmen."
"Nicht ritterlich ist hier in Perricum ein weitläufiger Begriff. Die östlichen Perricumer definieren ihn anders als die Westlichen."
"Wir werden uns an den Rittertugenden orientieren, die im Vertrag von Mantrash'Mor als Anlage beigefügt wurden. Ich würde im Rahja verbleiben, aber anschließend an das Fest der Freuden und den Pferdemarkt in Drosselau."
"Rosshanger Lanzen- und Ringstechen das klingt doch sicherlich gut." schlug Damina vor. "Die Gewinne behalten wir bei. Der Sieger der Tjoste erhält ein Pferd vom Gestüt Aquamarin, der Sieger des Ringstechens eine edle Pferdedecke."
"Vorschläge angenommen. Bitte Damina, ich möchte dass du Dich vorrangigst um die Knappenausbildung in Wasserburg kümmerst. Ich würde mir wünschen, dass wir ein paar mehr Pagen und Knappen aufnehmen und sie in ritterlichem Auftreten und Gebaren schulen."
"Wohl an. Ich muss sagen, der Bau einer Tjostbahn für Lanzenstechen und Ringstechen sagt mir mehr zu als der Bau von protzigen Schlössern."
"Mir auch Damina, unsere Kassen sind zwar arg strapaziert, wenn nicht gar leer, aber ein bisschen Umarbeiten von Wiesen zu Reitbahnen sollte nicht so teuer sein und mit unseren Kräften vor Ort umsetzbar sein. Hinzu kommt, dass die Jungritter, Knappen und Knappenväter sicher bereits zum Fest der Freuden in Drosselau und dem dazugehörenden Pferdemarkt anreisen werden. Der Markt Drosselau wird sicher von den Angereisten provitieren und das Dorf Rosshang, wo die Leute unterkommen werden, ebenfalls. So sollte das Ereignis im Nachgang wieder Geld in unsere Kassen spülen können. Nennen wir es eine sinnvolle Investition."
Stein auf Stein
Euer Hochwürden
Im Namen der ewig jungen Göttin muss ich eine Protestnote einreichen. Ich weiß, wir haben das Thema bereits diskutiert und waren unterschiedlicher Ansicht. Dennoch fühle ich mich zutiefst dazu bewegt, erneut auf diesen Missstand hinzuweisen.
Korhilda von Sturmfels hat in der Fehde gefrevelt, da sind wir uns einig. Ich muss jedoch massiv gegen Eure Bußquesten protestieren.
Ihr verlangt fast unmenschliches von der Baronin. Erst lasst ihr sie bei brütender Hitze als Tempelwache - ohne Essen und Trinken. Dann fordert ihr sie auf in ehrenvollen Duellen zu streiten. Alles schön und gut, das habe ich toleriert.
Aber meint ihr nicht, dass ihr mit Euer neuen Forderung über das Ziel hinausgeschossen seid.
Einen Schrein mit eigenen Händen zu erbauen? Meint ihr das Ernst. Ich sehe die Baronin Tag für Tag gen Steinbruch ziehen und die Steine zu schlagen und zu behauen.
Euch ist bewusst, dass sie nur eine Hand besitzt und ich kann Euch mitteilen, dass sie ihre Aufgabe nur unter schwersten Bedingungen ausüben kann. Wie soll sie denn Hammer und Meißel gleichzeitig führen oder den Wagen vernünftig lenken vom Steinbruch zur Schreinstelle.
Ich habe ihr Hilfe angeboten, denn etwas Neues zu erschaffen - dazu gehört auch ein Schrein - gefällt der Herrin Tsa.
Leider lehnte Euer Hochgeboren meine Unterstützung ab.
Daher bitte ich Euch inständig Eure Queste zu überdenken und der Baronin Hilfe zu kommen zu lassen.
mit tsagefälligen Grüßen
Maia von Drosselpfort
Dorian schüttelte den Kopf. "Ach, Maia, wir werden wohl niemals einer Meinung sein." Unbeantwortet und ohne weitere Aktion legte er das Schreiben beiseite.
Donnersturmfelder von Baburin
Aus dem Reisetagebuch ihrer Hochgeboren Korhilda von Sturmfels, Baronin zu Wasserburg
- Tag 1
- Heute beginne ich meine Wallfahrt gen Baburin. Gekleidet im Büßergewand und ohne Bedeckung reise ich im Morgengrauen ab. Einzig mein Schwert dient mir aus Schutz. Noch vor den Mittagsstunden passiere ich die Stadt Wasserburg. Die Menschen in meiner Baronie beäugen mich genau. Ich folge dem Darpatweg. Da ich ungern in Burg Auenwehr unter dem Dach der Truppen des Landjunkers nächtigen möchte, lege ich einen strammen Marsch hin. In den späten Abendstunden erreiche ich das Dorf Moosgrund. Ich komme bei einer Fischerfamilie unter und helfe dabei die Netze für den nächsten Fangtag vorzubereiten.
- Tag 2
- Früh morgens helfe ich die Fischerboote zu beladen und ziehe anschließend weiter. Daria, die alte Frau des Hauses, versorgt mich mit Stullen für den Weg. Ich kehre zurück auf den Darpatweg und reise weiter gen Osten. Auf dem Darpatweg angekommen werde ich Zeuge einer unschönen Szene. Ein reisender Kaufmann wird von zwielichtigen Gesellen bedroht, ich beschließe sofort einzugreifen. Die pöbelnden Gesellen erheben ihre Faust gegen mich. Ich stelle mich ihnen zum Kampfe, mein Schwert wohlwollend in der Scheide lassend. Sie sind in der Übermacht und hätten mich wahrscheinlich kurz und klein geschlagen, wenn nicht die Büttel eingegriffen hätten. Als die Schläger ihr Kommen erblickten, suchten sie das Weite. Der Händler bat an mich mitzunehmen, ich lehnte jedoch ab. Er half mir und verband meine Platzwunden, anschließend trennten sich unsere Weg. Ich folgte weiter meinem heutigen Ziel Gnitzenkuhl. Gen Nachmittag passiere ich die Stadttore. Die Leute sind sehr freundlich und ich kann bei einem Grobschmied unterkommen - Halmar sein Name. Die letzten Stunden des Tages helfe ich ihm in seiner Werkstatt. Ich bediene die Esse und leiste Hilfstätigkeiten. Nach getaner Abend lädt mich der Schmied zu einem Umtrunk ein. Der Gnitzer ist durchaus köstlich. Müde und erschöpft kann ich auf einer Decke in der Schmiede das Nachtlager aufschlagen.
- Tag 3
- Man sollte nicht zuviel trinken, wenn man früh aufstehen möchte. Wie dem auch sei, ich laufe mir den Kater aus den Beinen. Von Gnitzenkuhl reise ich weiter gen Osten, ehe ich den Darpatweg südlich verlasse um Richtung Haselhain weiterzulaufen. Wie auch am ersten Tagen folgen mir die Blicke des Volkes. Einige beäugen mich mürrisch - mein Fehlverhalten in der Fehde hat sich auch nach hierhin rumgesprochen. Andere folgen mir interessiert, ein paar wenige sogar ehrfurchtsvoll. Letzteres habe ich nicht verdient. Ich bin kein Heiland, sondern befinde mich auf einer Bußqueste. Am Nachmittag passiere ich die Stadt Haselhain. Ich bin besser voran gekommen, als ich dachte und ziehe daher noch ein Stundenglas weiter.
- Tag 4
- Ich ziehe weiter und reise gen Darrenfurt. Die Landschaft hier ist ausgesprochen ansehnlich und mit reichhaltigen Feldern bedeckt. Eine Transportwagen hat einen Radbruch und ist in einen Graben gerutscht. Ich stelle meine Hände helfend zur Verfügung und hiefe ihn aus dem Dreck. Der Ochse ist wahrlich störrisch, der den Karren zieht. Anschließend erreiche ich Darrenfurt. Eigentlich wollte ich noch weiter reisen, doch mir steckt die Müdigkeit in den Knochen, daher beschließe ich ein Nachtlager zu finden. Eine ärmlich gekleidete Gauklerin tritt auf dem Marktplatz auf. Die Vorstellung ist grottenschlecht, da die Ärmste vor Hunger kaum stehen kann. Ich gebe ihr von meinem Brot und biete ihr an, nach Rossgarten zu ziehen. Vielleicht kann ich sie dort aufpäppeln lassen, wenn ich wieder zurück bin. Ich kehre im hiesigen Rondratempel ein und nehme an der Abendandacht teil, anschließend helfe ich bei der Tempelarbeit.
- Tag 5
- Ich passiere die Grenze zu Aranien. Die Leute sprechen hier ein Gemisch aus Garethi und Tulamidya. Letzteres beherrsche ich nur in Bruchstücken. Eine Tagesreise entfernt von Baburin kehre ich ein. Alida und Damian, zwei Bauern, weisen mir einen Schlafplatz in der Scheune.
- Tag 6
- Früh morgens stehe ich auf und helfe einige Stunden bei der Feldarbeit. Anschließend ziehe ich weiter. Am Nachmittag erreiche ich die Tore Baburins. Ich ziehe an denu den im Norden liegenden Donnersturmfeldern vorbei, auf denen das erste Donnersturmrennen stattfand. Ich begebe mich zum Rondratempel und beäuge mit Erstaunen das älteste erhaltene Standbild der Kriegsgöttin, die Sechsarmige Rondra. Eine wirkliche Meisterarbeit der Steinmerte. Der Dreitempel der Rondra zu Baburin ist wahrlich das spirituelle Herz aller rondragläubigen Tulamiden. Gleichzeitig wohl eine der heiligsten Stätten der Göttin. Äußerlich erinnert der Tempel an die Rüstung eines gefallenen Giganten. Im Inneren stehen Schreine von Famerlor und Kor sowie die Sechsarmige Rondra. Das Schwert der Schwerter, Bibernell Aelânbaburq ay Baburin, empfängt mich und nimmt mir die Beichte ab. Sie erlaubt mir auf den Donnersturmfeldern Buße zu tun. Zwei mal zwei Tage, der Herrin Rondra zum Wohlgefallen.
- Tag 7 bis 10
- Ich leiste Buße an den Donnersturmfeldern. Sie tragen auch den Namen Platz der 222 Schreine. Zuforderst kümmere ich mich um die Schreine der Göttin, ihren Heiligen und ihren Halbgöttern. Welch erhabener Ort.
Fauchende Raubkatze
Aus dem Kulturteil der Perricumer Postille
es berichtet Calira Bernstein, Redakteurin für die Walllande
Verehrte Leserschaft,
wie in den vorherigen Ausgaben berichten wir ausführlich über die zwei mal drei heiligen Bußquesten der Herrin Rondra, die der Geweihte der Stadt Wasserburg, Dorian von Hengisford, der Büßerin Korhilda von Sturmfels auferlegt hat.
Die Baronin von Sturmfels konnte bereits ehrenvoll die Tempelwacht, die zwei mal sechs Duelle, den Bau eines Rondraschreins und die Pilgerreise zu den Donnersturmfelder absolvieren. Der Alveransleuin zum Wohlgefallen, bestand Hochgeboren von Sturmfels jede ihrer Prüfungen mit Bravour.
Aus verlässlicher Quelle wurde uns mitgeteilt, dass der Geweihte für die Baronin bereits eine neue Queste ausgesprochen hat. So war es uns möglich uns an die Fersen der Baronin zu heften - wir haben keine Kosten und Mühen gescheut.
Der Listige Herr Phex war uns hold und wir konnten auf leisen Pfaden folgen, während Hochwürden Dorian von Hengisford mit Hocheboren Korhilda von Sturmfels in die abgelegenen Gebirgszüge des Wasserburger Massivs zog.
Wir sind uns sicher, dass wir ungesehen folgen konnten. Nach einigen Stunden des Wanderns wurden wir Zuschauer eines Schauspiels, welches wir der veerhten Leserschaft - also Ihnen - mitteilen möchten.
In einem abgelegenen Gebirgstal schlugen sie ihr Nachtlager auf, während beide unter Anleitung des Geweihten zur Donnernden beteten. Es dauerte nicht lange, als eine stattliche Berglöwin mit grauem Fell und graubrauenen Streifen sich der Szenerie näherte.
Ihre Hochgeboren von Sturmfels legte den Schwertgurt ab und trat dem heiligen Tier der Göttin Rondra ohne Waffen und Rüstungen entgegen.
Veehrte Leser, der Kampf war so erhaben, dass ich kaum Worte finden kann, diesen zu beschreiben. Daher ersehen sie auf der nächsten Seite eine bebilderte Abfolge des Kampfes, damit Sie sich alle den heroischen Kampf vorstellen können. Wahrhaft episch, sage ich Ihnen.
Die Baronin hatte es sichtlich schwer gegen die Berglöwin anzukämpfen. Man bedenke, dass der Baronin eine Hand fehlt. Selbst ein gesunder Krieger würde schon in Schwierigkeiten geraten, wenn er es mit einer echten einzigartigen Berglöwin aufnehmen würde.
Die Berglöwin fuhr ihre Krallen aus und zerfetzte regelrecht das Büßergewand der Baronin zu Wasserburg. Ein ums andere Mal warf das heilige Tier der Herrin Rondra die Baronin zu Boden und fuhr ihre Reißzähne in den Leib der Sturmfels. Doch verehrte Leser, die Baronin stand immer wieder auf.
Sie selbst kämpfte wie eine Löwin, verbissen und unaufhörlich. Als hätte die Alvansleuin genug Tapferkeit gesehen, sendete sie der Baronin genug Mut und Standhaftigkeit, um mit letzer Kraft die Berglöwin zu Boden zu ringen.
Dorian von Henigisford, der den Kampf sehr genau beobachtete, schritt ein und beendete das Kräftemessen. Die Sturmfels hatte auch diese Queste bestanden.
Die Berglöwin zog ab, während die von Bissen und Krallenspuren gezeichnete Sturmfels zusammen mit dem Geweihten in ein Gebet versank.
Ein zweifaches, rondragefälliges Hoch auf unsere Baronin! Hoch! Hoch!
Donner und Sturm
Dorian von Hengisford hatte diesen Tag für die nächste Prüfung erwählt. Die Donnernde tobte. Es donnerte und blitzte als er mit Korhilda die Anhöhen am Rande des Walls betrat. Ein paar Schaulustige folgten ihnen.
Da stand sie nun, allein in der Höhe mitten im tobenden Sturm.
Gebannt schauten die Anwesenden dem Schauspiel zu. Wolfaran zitterte innerlich vor Angst.
Blitze zuckten und der Donner trieb den Sturm voran. Sturm und Donner tobten. Blitze zuckten. Ein heller Lichtbogen löste sich aus den schwarzen Wolken und stürzte hinab.
Mit voller Wucht fuhr der Funkenschlag in Korhildas Leib und schmiss sie regelrecht zu Boden. Regungslos blieb sie liegen. Minutenlang.
Allen Anwesenden stockte der Atem.
Völlig benommen wurde Korhilda von dem prasselnden Regen wachgeküsst. Sie lag auf dem Boden und blickte in den tiefschwarzen Himmel. Ihr Oberkörper brannte, als wäre heißes Feuer über sie ergossen worden. Sie spürte weder Arme noch Beine.
Tief atmete sie durch. Langsam spürte sie ein Kribbeln in der rechten Hand. Nach und nach konnte sie nicht nur die Fingerspitzen, sondern auch die Hand und den Arm bewegen. Auch in ihren Füßen kehrte das Gefühl zurück. Von Schmerz geplagt richtete sie sich auf.
Klapprig wie ein alter Greis richtete sie sich auf. Ein Raunen ging durch die Anwesenden.
Korhilda taumelte in Richtung des Rondrageweihten und blieb vor ihm stehen. "Heute nicht"
Er blickte zu ihr. "Heute nicht. Der Zorn der göttlichen Leuin ist gestillt. Eure Buße ist getan."
Korhilda lag seit Tagen in ihrem Bett. Die Baronin war zu müde um aufzustehen. Sie konnte sich kaum an den Tag auf den Anhöhen am Wall erinnern. Große Gedächtnislücken verhinderten ihre Erinnerung an den Tag der Prüfung.
Sie wusste auch nicht mehr, wie sie es hier nach Schloss Rossgarten geschafft hatte. Auch die Erinnerungen an die letzten Tagen waren mehr als schwammig. Der Blitz, der sie durchfuhr, hatte wirklich durchschlagende Wirkung.
Die Alveransleuin, die Herrin über Donner und Sturm hatte sie für Ewigkeiten gezeichnet. Die Verbrennungen an ihrem Körper sahen aus wie ein verästelter Baum. Sie taten nicht weh, aber sie würden alle Zeit verkünden, dass sie dem Blitz widerstanden hatte. Das Brennen in ihrem Oberkörper ließ langsam nach.
Neben ihrem Bett saß Maia, die Tsageweihte der Schlosskapelle. Sie wechselte die Verbände an der linken Hand.
Korhilda schloss die Augen um sich noch auszuruhen. Linke Hand dachte sie, warum linke Hand. Ihre Augen öffneten sich schlagartig und sie blickte auf ihren Stumpf. An diesem wuchs eine Hand nach. Im Moment noch so klein wie die Hand eines Kleinkindes.
Maia lächelte sanft und salbte dabei die Hand mit Pflanzenkernöl. Nachdem sie den Verband neu angelegt hatte, malte aus einem Gemisch aus Asche und Pflanzensaft das Zeichen Tsas auf die alte Verwundung.
"Maia, Maia..." stammelte die Sturmfelserin. Sie konnte ihre Gefühle nicht in Worte fassen.
"Genug des Leides, genug der Selbstgeißelung. Es ist Zeit für den Neuanfang. Euer Blick sollte sich nach vorne richten und nicht zurück. Ruht Euch aus, ich komme morgen wieder."
Eine Heldin wider Willen
Halara, die nun seit ihrem Verrat Tempeldienst im Rondra-Tempel Donnerhall in Wasserburg leistete, las aufmerksam den Artikel in der Perricumer Postille. Calira Bernstein hatte über den Wasserburger Funkenschlag, wie sie es nannte, berichtet. Die Scriptorin musste wahrlich Gefallen an der Sturmfelserin gefunden, sie berichtete über alle Questen in voller Ausführlichkeit.. Halara kam es fast so vor, als würde sie aus der Baronin eine rondragefällige Helden erschaffen, so einseitig war die Berichterstattung. Oder war Korhilda von Sturmfels das vielleicht sogar wirklich?
Was immer sich Dorian bei seinen Prüfungen gedacht hatte, Halara war sich sicher er hatte seiner Familie keinen Gefallen getan. Sie wusste um den Anspruch, den die Hengisford auf Wasserburg erhoben, mit jeder bestandenen Prüfung wurde es unwahrscheinlicher, dass sie die Sturmfels loswerden würden. Vor allem da dieser Schreiberling alles wie Heldentaten aussahen ließ.
Halara war es im Endeffekt egal, wer Wasserburg beherrschte, da die Familie ihres Mannes sie verstoßen hatte.
Das Volk, bei denen das Leid der Fehde wie ein Nebelband langsam zu zerfließen begann, ließen sich sicher von den Schreiberlingen der Perricumer Postille beeinflussen, so sie denn des Lesens mächtig waren.
Korhilda und Leobrecht genossen die Zweisamkeit. Ihr Kopf lag eng angeschmiegt auf seiner Brust, während sie diese sanft mit ihrer linkern Hand streichelte. Dank Tsas wundersamer Erneuerung ein ungewohntes, fast vergessenes Gefühl.
"Hast Du die Artikel in der Postille gelesen? Warum können Sie mich nicht in Ruhe lassen?"
"Sie scheinen Interesse an Dir gefunden zu haben. Wahrscheinlich verkauft sich die Auflage besser, wenn von Helden berichtet wird."
"Helden, Leobrecht, was für ein Wort. Ich bin keine Heldin, ich bin eine Büßerin."
"Das ist aber nicht das, was das Bürgertum will. Das einfache Volk benötigt Helden, Streiter für Recht und Gesetz. Der Haffax Feldzug hat noch viele offene Wunden hinterlassen. Es ist für sie einfacher, wenn es in ihrem Verständnis jemanden gibt, der sie beschützt. Einen glorreichen Beschützer halt."
"Das soll ich werden? Ich habe in der Fehde viel Leid verteilt und bin alles, nur nicht dass, was sie von mir erwarten."
"Sie wünschen sich einen heroischen, rondragefälligen Streiter. Diese Bernstein hat Dich dazu gemacht in ihren Geschichten und für das Volk ist die einfache Wahrheit leichter zu akzeptieren. Der Adel weiß diese Artikel schon einzuschätzen, sie werden nicht alles glauben, was irgendein dahergelaufener Schreiberling mal zu Papier gebracht hat."
"Hm. Dann muss ich das akzeptieren, am Besten ignoriere ich es. Hast Du schon gehört im Theater der Stadt Wasserburg läuft ein neues Stück an. Kordana und Leomar. Unsere Lebensgeschichte unter anderem Namen."
"Sie mögen Dich, Hilda. Akzeptiere es, du kannst es nicht ändern."