Geschichten:Wissensdurst - Bücherwürmer

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Die Sicht war großartig. Rhys ap Rhiapp blickte über die weite Landschaft hinweg, die sich unterhalb des Klosters Rabenhorst ausbreitete wie ein aufwändig geknüpfter Teppich. Hier oben, direkt unterhalb des hoch aufragenden Nebelsteins, schmiegte sich das Kloster an der Bergflanke an und schaute weit über das Hesindelburger Land hinaus. An schönen Tagen meinte man gar das Schimmern Gareths weit in der Ferne zu erahnen.

Nur mühsam riss sich der schmächtige Mann von dem Anblick los und betrat über den ausgefahrenen Karrenweg die eigentliche Burganlage, an den hoch aufragenden Torflügeln vorbei.

Nachdem er sich bei dem hageren Torwächter ausgewiesen und die ihm aufgetragenen Grüße an den Abt des Klosters, Rabanus Falk von Krähenklamm, ausgerichtet hatte, ging es in der über der gesamten Burg lastenden Stille am Kräuterbeet vorbei in die Schreibstube und von dort vom leisen Knarzen der Schreibfedern gegrüßt, hinunter auf der gewundenen Stiege, die herab in die Klosterbibliothek führte. Beeindruckt blieb der Secretarius der Baronin von Dergelstein stehen, als sich ihm der unterirdische Raum auftat. Direkt vor ihm inmitten des Blickfeldes ragte eine über und über mit Reliefs ausgestaltete Säule zum Kreuzgewölbe herauf. Miniaturisierte Gestalten schienen mit altertümlichen Waffen aufeinander einzuhacken, wobei die Steinränder bereits derartig abgenutzt waren, dass man an den meisten Stellen nur erahnen konnte, um was es sich tatsächlich handeln mochte.

Als man das Kloster Rabenhorst an dieser Stelle errichtet hatte, hatten die zuständigen Bauleute die Ruinen eines uralten Tempels unter wildestem Gestrüpp gefunden und nachdem alle Beteiligten darin überein gekommen waren, dass es sich hierbei zwar um einen historischen, nichtsdestotrotz wohl dem Zwölfgötterpantheon zuzuordnenden Tempel handeln müsste, hatte man die noch vorhandenen Steine und Mauerreste im neuen Gebäude verbaut. Das beeindruckendste Relikt eben jenes Tempels war diese Säule gewesen, wohl ein Teil der uralten Krypta des vorherigen Tempels und so schwer, dass man sie beim besten Willen nicht hatte bewegen können. So hatte man hier an dieser Stelle die vorhandenen Mauern genutzt und ein Archiv geschaffen, um das der Sekretarius die hiesigen Mönche glühend beneidete.

Anerkennend hob er den Blick auf die Abschlusssteine in den hoch gewölbten Rippen der Deckenkonstruktion, dann besah er sich die steinernen Einfassungen, welche - wie auch immer ihr vorheriger Zweck gewesen sein mochte - nun die uralten Pergamentrollen und Folianten beherbergten, die man aus verschiedenen Richtungen an diesem Ort zusammengeführt hatte.

Erst nach einer geraumen Weile fiel sein Blick auf ein zusammengefaltet dasitzendes Männlein in der Kutte eines Ordensbruders der Etilianer, welches einen merkwürdigen Stab über die Seite eines überaus dicken Quartbandes bewegte. Der Stab bestand zur Gänze aus durchsichtigem Material, höchstwahrscheinlich Bergkristall, und war wie ein Prisma geformt. Nur kurz überlegte der Hesindegeweihte, ob er den Gelehrten stören sollte, indes hielt er es für eine Sache der Höflichkeit, den Vertieften auf sich aufmerksam zu machen. So trat er näher an das Stehpult heran, über das sich das Männlein gebeugt hatte. Angemessen leise räusperte sich Rhys, dann redete er den Mann unwillkührlich flüsternd an: "Verzeihung, Euer Gnaden, ich möchte Euch nicht stören, aber..."

Die Gestalt hob den Kopf und blickte Rhys aus Augen an, deren linke Iris seltsam grau schimmerte, als wabere ein Nebel hinter der Pupille. Ein flüchtiger Blick hin zum Buch zeigte dem Sekretarius, dass der Bewrgkristall augenscheinlich dem Zwecke der Vergrößerung diente.

"Genau dies macht ihr gerade." Die Stimme des Alten war wie das Krächzen einer Nebelkrähe, heiser und brückig.

"Nun," versuchte es der Geweihte ein weiteres Mal, "mein Name ist Rhys ap Rhiapp und ich bin auf der Suche nach einem ganz bestimmten Buch, welches ich unendlich gerne einsehen würde, interessiert mich doch sehr, wie sich die dort verzeichneten Geschichten von denen in einer Schrift unterscheiden, welche ich unter geheimnisvollen Umständen vor gar nicht allzulanger Zeit erhielt."

Auf dem Gesicht des Bibliothekars breitete sich die typische Neugier des Wissenschaftlers aus, während zugleich ein nachdenklicher Ausdruck die Stirn umschattete.

"Und es handelt sich um das in dieser Bibliothek befindliche Exemplar des Schattenschnitzers wage ich zu behaupten."

Rhys blieb die Spucke weg. "Woher wisst ihr...?"

Sein Gegenüber lächelte ein wenig, dann wandte er sich um und trat zu einem der steinernen Bücherregale, um aus diesem einen in altersdunkles Leder geschlagenen Quartband zu entnehmen.

"Den letzten Besucher empfing ich hier unten vor nicht einmal acht Tagen. Ein Nandusgeweihter hatte sich, wie es schien, in den Finsterkamm verirrt und war so auf unser Kloster gestoßen. Interessiert an allem, was mit Bildung zu tun hat, wie es ihre Art ist, fackelte er nicht lange und ersuchte um eine Besichtigung von Schreibstube und Archiv. Und hier angekommen wollte er gar nicht mehr gehen, angesichts der alten Schriften und vor allem angesichts der Säule, welche es ihm augenscheinlich ganz besonders angetan hatte. Er erbat sich, Pauszeichnungen anfertigen zu dürfen und die Geschichte der Säule zu erfahren. Ich verwies ihn auf genau jenes Buch, nach dem Ihr mich gerade gefragt habt, Euer Gnaden."

"Ein Zufall."

"Die Zeit hat mich gelehrt, dass es keine Zufälle gibt. Wie dem auch sei. Ich gewann den Eindruck, er fand nicht das, was er suchte."

Aud den fragenden Blick Rhys hin huschte ein weiteres Mal ein kleines Lächeln über das Gesicht des Mannes, dann fuhr er fort: "Er blätterte das Buch erst langsam, dann immer schneller durch, ohne sich Notizen zu machen. Und letztlich dauerte sein Besuch nicht viel länger. Kurz fragte er noch, ob ich weitere Erkenntnisse bezüglich der Säule habe, was ich allerdings verneinen musste, dann verließ er augenscheinlich ein wenig frustriert Archiv und Kloster in der Richtung, aus der er gekommen war."

Rhys hatte mit wachsender Verwirrung zugehört. Schließlich brach es aus ihm heraus: "Woher wissen Sie, dass er in der selben Richtung verschwand? Sie sind ihm doch sicherlich nicht gefolgt." Dass er sich vor allem nicht vorstellen konnte, dass dieser Mann in der Lage gewesen wäre, dem Verschwindenden mit dem Blick zu folgen, behielt er für sich.

Sein Gegenüber sah ihn schmunzelnd an: "Euer Gnaden, meint Ihr wirklich, nur weil dies ein Kloster des schweigenden Herren ist, würden sich hier Ereignisse nicht weitertragen und Geheimnisse bewahren lassen? Wir leben hier weit ab von aller Zerstreuung der großen Städte, da ist man dankbar für alles, was geschieht. Eure Ankunft, zum Beispiel, war den Brüdern in den Türmen bereits bekannt, bevor Ihr überhaupt den Bergpfad verlassen hattet. Und da Ihr seid, was ihr zeigt," der Blick des Etilianers glitt beredt über Rhyss Robe, "war ebenso klar, dass es nur eine Frage von Herzschlägen sein würde, bis Ihr Eure Schritte hier hinab lenken würdet."

Rhys nickte verstehend. Auch wenn Dergelstein mitnichten ein so einsamer Ort wie dieser war, war der Weg der Informationsverbreitung hier wie dort gleich. "Und was steht in diesem Folianten über die Säule?", wollte er wissen.

"Da müsst Ihr selber lesen. Ich für meinen Teil habe zu tun." Und mit dieser endgültigen Feststellung trat der Bibliothekar wieder zurück hinter sein Stehtpult und ließ Rhys mit dem alten Folianten und einem gerüttelten Maß an Neugier zurück.



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6. Hes 1036 BF
Bücherwürmer
Bildungskanon


Kapitel 2

Bildungsbürgertum
Autor: Wertlingen