Geschichten:Sommer auf Rosskuppe - Die Seelen des Marstalls

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Breitenau

Markgräflicher Marstall in der Baronie Hexenhain

Mitte Ingerimm 1033 BF

Dramatis Personae

Zu Ardo gewandt begann Urion, die wichtigsten Bewohner des Marstalls vorzustellen: „So da hätten wir zunächst unsere vorübergehenden militärischen Gäste, den Kommandanten der 2. Schwadron Markgräfliches Grenzreiterregiment Leutnant Praioslob von Bärwitz, der mit seiner Schwadron in der Nähe biwakiert. Die Zweite schließt gerade ihre Ausbildung zu Pferde ab. Im Winterbiwak waren sie im letzten Winter.“ Der Leutnant erhob sich von seinem Platz und salutierte, ein wenig zu steif, wie Ardo fand.

„Die „Mutter der Schwadron“ ist Weibel Helmbrecht von Jungingen, ein alter Haudegen und Überlebender der Schlacht von Wehrheim. Er hat sich damals mit mir zurück nach Greifenfurt durchgeschlagen.“ Ein älterer Mann, dem man die Schlachten seines Lebens ansah erhob sich und salutierte ebenfalls.

„Und dann wäre da noch der Bannerträger der Zwoten, Fähnrich Eberhelm von Ährenfeld. Er ist der zweite Sohn des Ritters Diethardt von Ährenfeld. Dessen Gut liegt einen Tagesritt praioswärts und ist ein Hexenhainer Lehen.“ Auch der Fähnrich tat es seinen Kameraden gleich und salutierte höflich.

„Und nun zu den Urgesteinen des Marstalls, den guten Geistern, wie Renzi zu sagen pflegt. Da wäre zunächst mein Schreiber und Verwalter Rudebrecht von Jungsalm.“ Er wies auf einen Endfünfziger mit langen schlohweißen Haaren die zu einem Zopf gebunden waren. Er trug einen imposanten Kaiser-Alrik-Bart und grüßte Ardo. „Sein Sohn ist übrigens einer der Zureiter hier und nebenbei bringe ich dem Jungen noch das kriegerische Handwerk bei, schließlich ist er von Stand.“

Im Anschluss wies Urion auf die beiden Angroschim. „Wenn dein Pferd mal ein Eisen locker hat, wende dich vertrauensvoll an den freundlichen alten Artog hier.“ Der Zwerg grummelte etwas Unverständliches in seinen Bart. „Neben meiner verstorbenen Mutter ist es diesem Prachtexemplar des kleinen Volkes“, wieder murmelte Artog etwas, drohte rot anzulaufen und löschte mit einem großen Zug dunklen Ferdokers, “ist es zu verdanken, dass den Schwarzpelzen nicht die ganze Zucht in die Hände gefallen ist. Für die Familie von Reiffenberg aber viel wichtiger ist die Tatsache, dass wir Kinder ihm unser Leben verdanken. Neben ihm sitzt seine Frau Rangrascha, die als Weibelin in der 19. Hexenhainer Landwehrschützenkompanie ihren Dienst verrichtet."

Artog erhob sich und ergriff das Wort: „Nun, werter Hochgeboren Ardo von Kressenburg, seid Willkommen auf dem Marstall und habt Dank für die Begrüßung in der Sprache unserer Ahnen. Und nehmt euch vor dem Jungspund neben Euch in Acht, er pflegt, typisch für das große Volk, immer so maßlos zu übertreiben.“ Er hob den Bierkrug und prostete Ardo zu.

Urion schmunzelte und setzte dann fort: „So denn, neben Artog und Rangrascha finden sich der Sattler Werbrecht Hundsgrab und der Zimmermann Thurin Asleifsson, der eine eine Exiltobrier, der andere einer der „gefürchteten Thorwaler“, der aber genauso wenig das Meer vermisst, wie ich.

Als nächstes mein Vormann und Erster Zureiter Alrik Blauweiler.“ Urion wies auf einen Mann, vom Aussehen her in den Zwanzigern, „du findest in der Markgraftschaft Greifenfurt und darüber hinaus wahrscheinlich keinen besseren Reiter. Er ist für den Tagesablauf zuständig und berät mich in Fragen der Zucht, der Ausbildung und des Futters."

„Und zu allerletzt aber am Wichtigsten, weil sie mit ihren Künsten Leib und Seele zusammenhalten, Odo und Cella Brechlin, Koch und Köchin auf dem Marstall.“ Das Paar war kurz zuvor unbemerkt in den Raum getreten. „Als ich meine Renzi kennengelernt habe, ging die Liebe wohl zuerst durch den Magen. Wenn die Drei über Rezepten grübeln weißt du nie, was am Abend auf den Tisch kommt, aber es war bisher immer reichlich und gut.“ Renzi stubste Urion heftig in die Seite, so dass er kurz inne halten musste. „ Es ist guter Brauch, dass wir vor dem Nachtisch auf das Wohl der Köche trinken.“

Ardo hatte den Gruß der Grenzreiter militärisch erwidert und auch für die anderen Gäste ein wohlwollendes Wort der Begrüßung gefunden. Um Urion nicht zu unterbrechen, sparte er sich lange Worte. Mit einer Mischung aus stiller Freude und Neid registrierte er das vertraute Miteinander des Gastgeberpaares und wand seine Aufmerksamkeit schnell der Küchentür zu, die gerade wieder geöffnet wurde.

Eine Magd verteilte kleine Becher mit eine Brand und Urion brachte einen Toast auf die Gäste und die Köche aus. Danach trugen die Mägde Bratäpfel mit karamellisiertem Rübensirup auf.

Der Rittmeister nickte seinem Freund zu: „Manchmal habe ich das Gefühl, die Leute freuen sich, wenn Besuch kommt, denn sonst gibt es eine nicht ganz so üppige Speisenfolge, aber abends wird hier immer gemeinsam gegessen.“

„Das wiederum kann ich völlig nachvollziehen. Seit ich zum Baron erhoben wurde vermisse ich sehr oft die Gesellschaft beim Abendessen. Meine Schwester ist in Hundsgrab beim Pechackerner als Pagin, mein Vater und die Großeltern haben auf unserem Rittergut zu tun. Mir fehlt ganz eindeutig die Frau im Haus.“ Leicht säuerlich verzog er die Lippen bevor er fortfuhr.

„Natürlich habe ich Mechthild und meinen Vogt, doch sie hat bei Tisch zu schweigen und meinem guten Phexian würde ich bei dieser Gelegenheit manchmal lieber aus dem Weg gehen, lässt er doch auch bei Tisch nicht von seinen Zahlen und Rechnungen ab. Zwar verdanke ich ihm und den vielen Handwerkern der Angroschim den Wohlstand meines Lehens, aber sooft ich da bin, überfällt er mich sprichwörtlich mit Fragen, über die ich als Baron zu entscheiden habe obgleich er den besseren Überblick hat. Nun war ich drei Monde außer Haus und kaum zwei Tage daheim bevor mich die Straße wieder hatte. Manchmal kommt mir schon der Gedanke, dass ich mehr Zeit mit der Verwaltung Kressenburgs verbringen müsste um Praios’ Auftrag gerecht zu werden.“

Bevor er weiter sprach, nahm er einen letzten Bissen vom Bratapfel, kaute schnell und spülte mit einem großen Schluck Zwergenbier nach. „Aber ich will hier nicht schwermütig werden. Das Essen ist gut und ich bin mir sicher deine Leute schuften hart genug, um sich ein solches Festmahl ab und an zu verdienen.“

„Ja du hast recht, Ardo, sie schuften hart. Jeder von Ihnen hat beim Wiederaufbau des Marstalls mit geholfen. Erst vor zwei Jahren haben wir die Arbeiten an der Außenmauer beendet. Die meisten von Ihnen haben der Göttin ihren Blutzoll in den Befreiungskriegen gezahlt und einige wenige sogar für Kaiser und Reich vor der Trollpforte und vor Wehrheim gekämpft. Ich versuche Ihnen ein strenger und gerechter Herr zu sein. Dazu gehört es halt auch, dass man nicht nur fordert, sondern auch travia- und perainegfällig gibt.“ Urion blickte ernst.

„Und was die Verwaltung deines Lehens angeht, es fiel auch mir anfangs schwer mich einzuarbeiten. Glaub mir, dass braucht Zeit und Geduld. Du bringst die besten Anlagen mit und solltest den Rat deines Vogtes beherzigen. Wenn ich mich nicht irre, war er vorher Verwalter des Lehens. Was ich dir aber raten kann, teile deine Zeit genau ein. Es gibt Zeiten des Verwaltens und Zeiten des gepflegten Beisammenseins. Und wer beim Essen über die Geschäfte redet, verliert den Geschmack für das Essen. Ich gebe zu, du warst in der letzten Zeit sehr viel unterwegs und kann dir versichern, dass das auch bei mir nachgelassen hat, seit ich erhoben wurde. Aber die Zeiten wandeln sich. Du bist noch jung und wenn du erst einmal eine Frau und Kinder hast, wirst du anders denken. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass eine Dame des Hauses, welche zugleich noch kriegerisch und standesgemäß erzogen und ausgebildet ist, dir bei der Verwaltung die wesentliche Stütze sein kann. Wenn natürlich die Pflicht ruft, muss jeder folgen, dann ist es an der Zeit seinem Vogt oder Burgsaß zu vertrauen. Und ich denke dein Vogt hat bereits bewiesen, dass ihm zu trauen ist.“

Nach diesen Worten nahm Urion einen tiefen Schluck aus seinem Krug und lächelte Ardo an. „Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen und dein Vertrauen auf PRAIOS Ratschluss und Führung ist lobenswert. Ferner fordere ich dich stattdessen auf, mir von deinem Trübsal zu berichten, denn wem sonst, außer einem guten Freund, kannst du dich anvertrauen und Rat einholen. Etwa deinem Lehensherren, dem Meister der Mark? Jenen dürften deine Sorgen nicht interessieren, er hat eigene genug.“

„So lass uns nun diese Tafel aufheben und ins Kaminzimmer wechseln, damit du uns über die Geschehnisse in Mark und Reich berichten kannst."