Das Ende gewisser Kastanien

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Cumrat/Almada Unlängst gab es in den Salons und Stuben des garetischen Adels ein heiteres Thema, das – obwohl das Dahinsiechen einiger blühender Bäume betreffend – Barone, Edle und Gemeine gleichermaßen erfreute: Die Kastanien vor dem Portal des Oktogons auf der Pfalz Cumrat waren abgestorben.

Wir erinnern uns: Die Garetier exercierten eine endlose Discussion, ob und wie das letzte und höchste Tor der Kaiserpfalz zu gestalten sei, nachdem einem spitzfindigen Geist aufgefallen war, dass jede der anderen Provinzen zwar ein weit niedrigeres Tor ausgestalten durfte, diese niedrigeren aber auf beiden Seiten, wohingegen das garetische Tor als Eingang zum wuchtigen oktogonalen Pallas der Pfalz nur eine Seite aufwies, die zu schmücken wäre. Die Lösung dieses ehrenrührigen Dilemmas war – so einfach wie genial –, die ganze Praiosflanke des oberen Wehrbereichs zu verzieren, und das außerordentlich selbstbewusst. Man entschied sich für eine weitausgreifende und alles umfassende Darstellung im Reliefstil: Da gibt es Szenen der Garether Aufstände gegen Bosparan, der Ersten Dämonenschlacht, des ersten Zuges der Oger und der Schlacht auf den Silkwiesen wider die Schwarzpelze sowie des Großen Hoftages von 1014 BF. Hoch oben schließlich vor der vollständigen Reihe der (offiziellen) Herrscher des Mittelreiches ein Bild aus besseren Tagen: Reichbehüter Brin nebst Gattin Emer, die Prinzessinnen Yppolita und Rohaja sowie der junge Prinz Selindian Hal.

Doch – o Not! – sprossen feine maraskanische Kastanien unmittelbar vor der kunstvoll behauenen Wand (eine gemeinschaftliche Arbeit menschlicher und zwergischer Steinmetze aus dem Schlund und Perricum) und gediehen in der almadanischen Sonne, die das Völkchen dorten über Gebühr verwöhnt, derart prächtig, dass sie nach kurzer Zeit bereits das Relief nicht nur überschatteten, sondern ganz und gar verdeckten! Der kurze almadanische Winter, der einen vagen Blick durch die abgelaubten Äste zuließ, war in Gareth ein nur schwacher Trost.

Und da der sprichwörtliche Stolz des garetischen Adels, der nicht unbeträchtliche Summen in das hochgemute Project investiert hatte, reichlich beleidigt war und die Freude über die gelungene (Selbst-)Darstellung geknickt, verwundert es wenig, dass die Stimmung nunmehr ausgelassen und heiter ist, kommt das Gespräch auf die “armen, kränkelnden Bäumchen”; und das Gespräch klommt darauf, da sind sich die garetischen Gesprächspartner einig ...

Wie geschah es aber nun? Innert einer Woche nur waren die Kastanien im Frühling letzten Jahres braun geworden, hatten sodann ihre Blätter verloren und standen ganz kahl. Est witzelten die Almadaner darüber, dass die Bäume an der garetischen Mauer offenbar kränkelten, doch dann – als die erste dürren Zeige saft- und kraftlos durch den trockenen Sommerhauch abgeweht wurden – war klar, dass den Kastanien nicht mehr zu helfen war. Die maladen Stämme wurden gefällt, so dass der Blick auf das prächtige Relief der Garetier nunmehr unverschandelt prangen konnte. Der Boden vor dem Relief indes erwies sich als offenbar vergiftet, so dass nurmehr hartlaubiger und genügsamer Lavendel gedeihen konnte – eine Spende im Übrigen des Barons von Gallstein aus dem garetischen Eslamsgrund, der meinte, mit “galligem und schwefeligem Boden” kenne er sich aus.

Einige vermeinten sich zu erinnern, dass eben jener Baron, der so viel über giftigen Boden wusste, im Frühling noch auf Cumrat verweilte, nachdem die Einweihung der Pfalz celebriert worden war, aber ob da ein Zusammenhang besteht, ist eine garstige Unterstellung, die nur den übereifrigen Spöttern einfällt. In jedem Fall freut sich der Garetier nun wieder sehr über die stolze Pfalz, deren Kolossalität durch das garetische Tor gekrönt wird.

Barnemund von Plitzenberg