Kein leichter Ritt

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Vulpershain, Anfang Efferd 1042 BF

Regen hatte eingesetzt und es war grau und windig um sie herum, ein früher Vorbote des baldigen Herbstes, während Aldur und Wilbur auf dem Rückweg von der Junkerin zu Brachental zurück nach Sumerau ritten. Ein Großteil des Rittes bisher war schweigend verlaufen, von gelegentlichen Gehässigkeiten und Sticheleien einmal abgesehen. Das Wetter fing die Stimmung der beiden Brüder sehr gut ein.

“Das war ja ein ganz wunderbarer Besuch, viel besser hätte es ja fast gar nicht laufen können”, sagte Aldur schließlich mit einem trockenen Unterton, als sie sich dem Ort näherten.

“Fürwahr ein Paradebeispiel an Diplomatie und höfischem Austausch, da hast du recht. Diese gekonnte Zurschaustellung der Ignoranz hat sie vermutlich über viele Jahre hinweg kultiviert, nach allem, was ich über die Dame im Vorfeld erfahren habe”, antwortete der Praiosgeweihte daraufhin.

“Eine schöne Umschreibung für das intrigante Luder. Das der Besuch nicht einfach werden würde, war mir vorab schon klar. Die Dame scheint sich aber zumindest fürs Erste in den Kopf gesetzt zu haben, uns nicht zu mögen. Gut, damit muss ich für den Anfang leben. Wir sollten nur darauf achten, sie uns nicht aktiv zum Feind zu machen. Momentan kann sie uns nicht leiden und begegnet uns - nur - mit Ablehnung, doch wenn wir sie provozieren und sie zu unserem Feind machen, könnte daraus eine gefährliche Situation entstehen, wenn sie aktiv gegen uns arbeitet.”

“Solch Analysen aus deinem Mund klingen ungewohnt, aber ich denke, dass du den Nagel auf den Kopf triffst. Sie mag uns nicht, das ist klar. Aber sie hasst uns nicht unbedingt. Solange sie uns nicht aktiv behindert und versucht, uns Knüppel zwischen die Beine zu werfen, könnten wir damit sicher leben. Sie als richtigen Feind zu haben dürfte hingegen unsere Situation deutlich erschweren. Die Dame ist ein intrigantes Luder, aber sie hat viele Verbindungen. Du solltest darauf achten, es dir nicht gleich am Anfang mit allen zu verscherzen. Den einen oder anderen Verbündeten können wir sicher auch noch brauchen”, stichelte Wilbur.

“Ach wirklich? Ich dachte, mit einem Praiosgeweihten an meiner Seite wären alle meine Probleme gelöst. Vielleicht sollte ich die Dame beim nächsten Mal alleine besuchen - dein Vortrag über praiosgegebene Pflichten schien ihr nicht gefallen zu haben. Irgendwie hatte ich mir sowas ja schon vorher gedacht, habe aber vergessen, meinen Maulkorb einzupacken”, frotzelte Aldur zurück. “Aber du hast - leider - recht. Also, haken wir diesen Besuch als ‘war notwendig, aber nicht unbedingt wiederholungsbedürftig’ ab. Wir werden unsere Aufgabe auch ohne sie erfüllen, das war von vornherein klar. Über die Zeit hinweg werden wir sehen, ob sich das Verhältnis bessert. Solange es nicht drastisch schlimmer wird…”

“Wenn du die Wahrheit nicht verträgst, solltest du nicht mit einem Praiosgeweihten sprechen. Meine Aufgabe ist es nicht, gemütlich und nett zu sein, sondern die Tugenden des Götterfürsten zu vertreten. Was das Thema angeht, schien die Dame wirklich empfindlich zu sein. Dabei habe ich nur eine Ermahnung der göttergefälligen Ordnung und der damit einhergehenden Rechte UND Pflchten ausgesprochen”, erwiderte Wilbur ernst. Dann sah er seinen Bruder an: “Aber wie du schon sagst: Den Besuch haben wir auf uns genommen, soll hinterher niemand sagen, dass wir unhöfliche Nachbarn wären. Und mehr braucht man momentan nicht von uns zu erwarten im Hinblick auf die Dame. Als nächstes kannst du jetzt die Briefe an die anderen Nachbarn schreiben, zumindest die direkten.”

“Sehe ich auch so. Wir haben unsere Schuldigkeit getan in Anbetracht der Frau Junkerin. Und jetzt hoffe ich, dass wir bald ankommen und mit ein bisschen Glück gibt es noch etwas ordentliches zu essen. Traviagefällig war der Aufenthalt bei ihro Wohlgeboren nicht gerade, ich habe schon besser gegessen und gespeist.”

“Das wohl. Ich freue mich auf ein ordentliches Mahl. Dort im Dorf, da müssen wir acht geben. Die Untertanen müssen wir auf unsere Seite bekommen, das ist wichtig. Dazu musst du dir auf jeden Fall etwas überlegen.”

Aldur murrte nur - er war froh, dass sie mittlerweile bei ihrer temporären Unterkunft, dem Krayenhof, angelangt waren, auch wenn der Hausherr und Wirt sie bisher nicht unbedingt in sein Herz geschlossen hatte. Mit etwas Glück gab es noch etwas zu essen...