Ein Greif rät

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Die Nacht lag schwer auf Weihenhorst. Dunkle Wolkenberge schoben sich vor die Sterne und das Madamal, ließen die Pracht von Phexens Mantel nicht erstrahlen. Dunkle Träume hingen über den Landen, plagten die Schlafenden mit Bildern von Dingen, die noch kommen mögen, oder nur ferne Abbilder von Geschehen waren, die nie stattfinden würden. Bishdariel hielt Wacht über die Träumer, doch manchmal teilte er seine Wacht mit anderen.

Der Baron von Greifenhorst bewegte sich unruhig in seinem Bette, doch seine Gemahlin bemerkte von all dem nichts, auch sie war gefangen in dem Reich jenseits unserer Realität. Plötzlich schreckte Otwin hoch! Er hatte gehört wie man seinen Namen gerufen hatte. Er war sich ganz sicher, das dies kein Traumgespinst gewesen war, da hatte ihn jemand gerufen! Ein Gongschlag ertönte und so erkannte der Baron das soeben die erste Praiosstunde ihren Anfang genommen hatte. Ein neuer Tag hatte begonnen. Den Göttern sei Dank.

"Otwin von Greifenhorst!"

Da! Wieder diese Stimme! Fast wie ein Befehl, so erschien ihm die Nennung seines Namens. Unruhig geworden stand er auf und sein Weg führte ihn unbewusst zum Fenster. Der Nachtwind ließ ihn frösteln, denn wenn dieser vom Finsterkamm wehte, brachte er die Kühle aus den verborgenen Tälern und Schluchten mit sich. Etwas war im Wind. Otwin konnte nicht sagen, was es war, doch hatte er das unbestimmte Gefühl das er es eigentlich hätte wissen müssen...

"OTWIN VON GREIFENHORST!"

Die Bäume bogen sich, als mit dem aufbrausendem Wind, die Stimme zu ihm herüber dröhnte. Sie erfüllte das ganze Land, ließ alle Stimmen der Nacht verstummen. Der Baron sah verwirrt zu den Höhen des Finsterkammes. Goldenes Leuchten kündigte den Aufgang des Praiosgestirnes an, doch dies war nicht möglich, nicht in dieser Richtung und es war doch viel zu früh dafür... Wie flüssiges Gold rannen die Strahlen über die Bäume, schlugen die Schatten der Nacht zurück, verdrängten die Dunkelheit. Feuer stieg über die Wipfel, erhellte den Nachthimmel.

Otwin erschauerte. War dies Feuer etwa ein Zeichen der Wachttürme? Kam der Ork? Er griff zu seinem Übergewand, als er in der Bewegung verharrte und nur noch in die Ferne schauen konnte, wo in dem aufgehenden Feuerball etwas erschien. Strahlend und hell erhob sich dort... Ein GREIF!

Feuer umspielte sein Gefieder. Strahlenkranz aus Gold krönte sein Adlerhaupt. Löwenklauen fanden sicheren Halt auf einen Ball aus Feuer. Schwingen aus rotem Gold, so schien es, brachten die Kunde von den Tagen, die auf jede Nacht folgen würden.

"OTWIN VON GREIFENHORST!"

Der Baron sank in die Knie. Hier sah er einen Boten des Götterfürsten. Praios sei gepriesen! Wieder öffnete sich der Schnabel und die Augen des Greifen suchten den Blick des Barons. In diesen Augen lag der Stolz eines Wesen, das die Herrlichkeit der Paradiese erblickt hatte. Weltenstolz, Feuersblick. Herrscher im Glanz der Sonne.

"ES IST ZEIT! NICHTS WIRD VERGESSEN! ERINNERN SOLLT IHR EUCH AN EINEN BUND. FOLGT DEN TRÄNEN DER SONNE! ZÖGERT NICHT! HARRET NICHT! KOMMT ZU MIR!"

Die Schwingen bewegten sich, ließen alles unter dem aufkommenden Wind verbrennen. Feuersturm legte sich über die Lande und in diesem Schein aus Gold getaucht, näherte sich der Greif dem Fenster des Barons. Sein Adlerhaupt ruckte vor, bis Otwin nur noch die Hand ausstrecken hätte müssen, um es zu berühren, doch er konnte sich nicht rühren, sah zu der Gestalt hinauf, die dort über den Zinnen der Burg schwebte, inmitten eines Meeres aus flüssigem Gold. Es war, als würde hier die Sonne aufgehen, direkt hier auf dem Burghof. Kein Schatten war mehr zu sehen, alles war erhellt. Selbst die Verliese unten im Berg, konnte der Baron sehen. Überall drang der Schein des Boten des Götterfürsten hinein. Tief brannte sich das Feuer in die Seele des Barons, erleuchtete sein Inneres, bis er endlich die Botschaft verstand, die im Wind zu ihm gedrungen war. Er nickte und der Greif senkte sein mächtiges Haupt.

Augen, welche die Ewigkeit gesehen hatten, ruhten auf der Gestalt des Barons. Atem der Zeit streifte ihn. Fassungslos sah er nun, wie sich dort im Auge des Greifen etwas sammelte. Golden, zähflüssig, die Strahlen der Sonne darin gefangen. Der Greif weinte! Er weinte eine goldene Träne! Aus dem Lid heraus rann diese Flüssigkeit, sammelte sich zu einem Tropfen. Lief über das Gefieder des Adlers, rann hinab, bis es kurz an seinem Schnabel verharrte um dann auf den Fenstersimm herab zu fallen.

"FOLGET DEM PFAD DER SONNE, DER DURCH TRÄNEN GEWIESEN WIRD!"

Das Licht wurde heller, gleissender, bis selbst die geschlossenen Augenlider diese Helligkeit nicht mehr zurückhalten konnten und die Augen dahinter zu Staub verdampften. Nichts blieb überig, ausser der reinen Seele...

Otwin atmete schwer. Seine Hände hatten sich um das Holz des Fensterrahmens gekrallt. Sein Blick glitt nicht mehr zum Finsterkamm, wo die Bäume ihr ewiges Lied im Winde sangen. Er blickte hinab auf den Fenstersimms und dort lag golden, ein Tropfen aus Bernstein. Ein Leuchten war darin, pulsierend und schwach, aber wahrnehmbar. Otwin nickte, ergriff den Stein und barg ihn an seinem Herzen. Schnell musste er nun machen. Die Nacht war noch jung, doch er wusste das er nicht auf den Aufgang des Tages warten konnte. Der Greif hatte keine Zweifel gelassen, er musste sofort aufbrechen!

So schritt er von seinem Raum in Weihenhorst in die Nacht hinein. Begleitet von den guten Wünschen seiner liebenden Gemahlin und geführt durch den Stein in seiner Hand.

Die Burg war in Nebel gehüllt, der vom Boden her aufgestiegen war und dieser graue Schleier verbarg den Baron, hüllte ihn und die Burg ein, dämpfte alle Geräusche. Otwin erschien es, als würde alles Leben in Weihenhorst erloschen sein, nur eine Lichtquelle gab es und diese befand sich in seinen Händen. Dieses beständige Auf und Ab im Inneren des Bernsteins beruhigte den Baron. Auch ging ein wenig Wärme von dem Tropfen aus, so das es dem Greifenhorster erschien als würde er etwas Lebendiges mit sich tragen, als wäre er nicht allein in dieser seltsamen Nachtwelt. Plötzlich erklang ein Geräusch, Licht fiel auf den Baron und traf den Stein in seiner Hand, dessen Leuchten nun plötzlich heller erschien als zuvor. Aus dem Nebel schälte sich eine Gestalt. Phexian vom Silbernen Tann, Baron von Hesindelburg trat vor Otwin und auch in der Hand des Hesindelburges konnte man einen Tropfen aus Bernstein erkennen, dessen Strahlen sich nun mit demjenigen des Greifenhorsters vereinte. Zusammen schritten sie weiter durch Dunkelheit und Nebel, gelangten zum Haupttor. Keine Wache kam ihnen entgegen, kein Rufen befahl ihnen Halt zu machen. Ruhig pulsierten die Steine im Gleichtakt. Wie Herzen aus Licht...

Die Tore ließen sich ohne Mühen öffnen. Kein Riegel, kein Schloß das sie hielt. Nebel bedeckte das Dorf, welches sich nun ihrem Blick hätte erschließen müssen. Ein weiterer Lichtstrahl traf sie und noch ein Sucher trat an heran. Sie stellten keine großen Fragen. Alles war richtig und die Steine wiesen ihnen den Weg. Wann immer sie stehenblieben und nicht wussten wohin sie sich zu wenden hatten, brach aus den Tropfen ein Lichtstrahl und erhellte so den Pfad, den sie nehmen sollten, auch wenn kein von Menschenhand angelegter Weg zu erkennen war. Beruhigend pulsierten die Steine und das auf und ab in ihrem Innern erschien den Adeligen wirklich wie das langsame, ruhige Schlagen eines Herzens. Schließlich aber wurden die Steine dunkel, mitten im dichten Forst. Schon griff Sorge nach den Geistern der versammelten Adelsgesellschaft, da aber löste sich aus dem Gebüsch ein weiterer Strahl und der letzte ihres Bundes trat hervor.

Sofort entfachte das Feuer der Steine wieder, wieder ein Stück heller als vorher und gemeinsam beschritten sie den letzten Teil ihrer Reise. Geleitet durch die Tränen der Sonne.

Sie waren ihr Wegweiser durch den Wald. Wo kein Pfad ihrem Auge sich öffnete, ließen die Tränen in ihrer Gemeinsamkeit ganze Wege offenbar werden. Weiter und weiter führte sie ihr Weg in den Finsterkamm, hinauf zu den bewaldeten Höhen. Dichter Forst. Geheimnissvoll. Was mochte sich alles hier verbergen? Wie viele Menschenleben würde es brauchen um ihn in all seinen Winkeln zu erforschen? War dies überhaupt möglich? Felsen säumten nun ihren Weg. Die hohen Tannen wichen, beugten sich dem stetig wehendem Wind. Bald schon waren Krüppelkiefer und Ginsterstrauch das einzige hohe Gewächs, welches ihren Weg flankierte. Immer noch stiegen sie hinauf. Längst hatten sie auch keine Luft mehr zum Reden. Ihr Weg war wichtiger.

Keiner von ihnen konnte sagen, wo sie sich befanden. Tief im Finsterkamm. Einiges kam ihnen bekannt vor, doch genauso viel hatten sie nie zuvor gesehen. Allen aber war klar, das sie niemals im Leben während so kurzer Zeit eine solche Strecke hätten schaffen können, besonders ohne Pferde.

Schließlich standen sie auf einem Plateau. Ihr Blick fiel weit in die Lande Greifenfurts und zur anderen Seite in die Ebenen der Sveltlande. Hohe Berge um sie herum. Verloren in einem Meer aus Tannen. Die Nacht begann zu weichen, während sie warteten. Zuerst nur eine sanfte Andeutung von Helligkeit im dunklen Blau, dann jedoch brachen die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne ihre Bahn über den Horizont. Praios Antlitz erhob sich über das Land. Rauschen füllte die Luft. Sie erhoben nicht den Blick, ohne ein Wort sanken alle zusammen auf die Knie. Die Tropfen aus Bernstein leuchteten nun hell wie die Sonne, pulsierten in ihren Händen, wie schlagende Herzen aus Gold.

Machtvoll senkte sich die Gestalt aus dem Blau des Himmels herab. Er war ein Herrscher Zoll für Zoll. Seine Schwingen bedeckten fast die gesamte Breite der Steinplatte und doch spürten die Männer nur den Hauch, wurden nicht einmal berührt. Löwentatzen und Adlerklauen berührten den Felsen. Muskeln unter dem Fell des Löwen spielten ein majestätisches Spiel. Golden und Rot glänzte das Gefieder des Alders. Feuerräder als Augen sahen zu den Menschen hinab.

"Ich bin Garafan! Sendbote des Fürsten aller Fürsten!"

Seine Stimme erfüllte ihre Herzen, ließ ihre Seele erstrahlen. Alles Dunkel fiel von ihnen ab. Es gab kein Leid in der Nähe dieses Wesens... "Greifenland! Greifenwacht! Wir vergessen nichts und Wacht wird gehalten. Doch ihr Sterblichen vergesst schnell. Ich bin hier und bin nie gegangen.

Als das Land jung war, sah es der Fürst der Fürsten und befand es für gut. SEINEN Boten sandte er aus, befahl dreimal SEINE Hilfe für diejenigen die einst kommen würden. Ewig SEIN Wort. Ewig SEINE Wahrheit. Einer von uns stand an eurer Seite, als die blutigen Schatten sich erhoben. Einer kam zu Hilfe, als die Schatten zurückkehrten im Sturm der roten Scheibe. Einer wird kommen, wenn die Not am grössten ist und der Ruf erschallt. Erweist euch als würdig, oder vergeht. Ich bin hier um zu wachen und zu erinnern! Eint euch unter dem Zeichen das wir euch senden. Eint euch zu einem Bund der Wacht. Wir sind hier und werden nicht gehen."

Garafan senkte sein Haupt, sah zu einem jeden der hier Versammelten und plötzlich hatten sie das Gefühl den Greifen lächeln zu sehen. Er strahlte solch eine Güte und Wärme aus, das Tränen der Freude an ihren Wangen herabliefen. Sie waren nicht allein!

"Sagt ihnen das wir hier sind. Sagt allen das wir Wacht halten! Wir aber werden euch nicht helfen können, wenn Streit eure Herzen entzweit. All unsere Wacht ist zum Scheitern verurteilt, wenn ihr euch entfremdet. Wir halten Wacht mit euch, über euch, für euch. Schatten erheben sich, doch das Licht in euren Herzen darf nicht untergehen. Sollte es erlöschen, dann wird unsere Wacht enden, dann wird das Land verloren sein. Findet euch unter dem Zeichen der Wacht! Haltet es hoch! Eint euch! EURE ZEIT MENSCHENKINDER! NUTZT SIE!"

Garafan breitete seine Schwingen wieder aus, präsentierte seine gefiederte Brust. Die Tropfen aus Bernstein pulsierten im Gleichklang mit dem Schlag des Herzens unter dem Gefieder des Greifen. Alle Strahlen richteten sie auf des Greifen Brust und dort in Höhe seines Herzens begannen sich rotgoldene Federn zu verschieben, gaben den Blick frei. Das überderische Gleißen blendete ihre Augen. Als letztes erkannten sie das Herz des Greifen offen vor ihnen liegen. Rotes Leben, gehüllt in Gold. Sie sahen wie ein Gegenstand, von der Größe des Greifenherzens sich löste und zu Boden fiel. Der Greif richtete sich zu seiner vollen Größe auf, ließ seinen Ruf voller Macht erklingen, der in den Bergen widerhallte. Sonnenschein schloß die Wunde. Greifenland ...

Dann erhob sich Garafan mit nur einem Schlag seiner Schwingen und glitt hinauf in das weite Himmelszelt. Noch lange sahen sie ihm nach, sahen wie der goldene Glanz kleiner und kleiner wurde, bis nur noch ein schwer auszumachender Punkt zu sehen war und dann auch dieser verschwand. Der Bote des Götterfürsten hatte sie verlassen und doch waren sie nicht allein. Dort wo Garafan gestanden hatte, fanden sie sein Zeichen. Ein Zeichen der Wacht. Einen Schild!

Rot die Grundfarbe und golden darauf drei Greifen. Zeichen der Wacht. Zeichen der Einheit. Es war Zeit zu gehn und dies Zeichen den anderen zu bringen.

Texte der Hauptreihe:
K1. Ein Greif rät
4. Phe 1027 BF
Ein Greif rät

Kapitel 1

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