Drei Krähen und ein Räblein – Eine Novizin

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Ritterherrschaft Praiosborn, Donnerhof, Frühling 1042

Am Morgen fand Nella das weiße Lamm tot im Stall. Es war eiskalt, lag da wie ein Schwan, Kopf und Hals nach oben gereckt. Auch das schwarze Lamm kränkelte und die Mutter der beiden, konnte gar nicht mehr aufstehen und das obwohl ihre Gnaden Nurinai vor zwei Praiosläufen da gewesen war und getan hatte, was in ihrer Macht gewesen war. Doch Schlappi, die gute Schlappi, konnte einfach nicht mehr aufstehen. So sehr sie es auch wollte. Da holte Nella erneut die Geweihte. Als diese kam war auch das schwarze Lamm tot.

„Ich kann nichts mehr für deine Schlappi tun, Nella“, hob die Geweihte an. Sie hatte das Schaf erneut angeschaut, obwohl ihr klar gewesen war, dass es vergeblich sein würde. Es war vergeblich. Sie hatte es für Nella getan. Dem Tier jedoch war nicht mehr zu helfen: Es lag auf der Seite, kam einfach nicht mehr hoch, selbst wenn man es auf die Beine stellte, klappten diese sofort weg.

„Doch“, beharrte Nella nickend und fuhr mit trauriger Stimme fort: „Wisst Ihr, dass Problem ist, sie will ja aufstehen. Sie will nach draußen, zu den anderen Schafen. Aber sie kann nicht aufstehen. Sie kommt nicht einmal mit den Vorderläufen hoch. Dabei will sie so sehr.“ Tränen glitzerten in ihren Augen. „Das geht so nicht weiter!“

Nun verstand Nurinai, nickte und fragte: „Frisst sie denn?“

Eifrig nickte die junge Schäferin.

„Was frisst sie denn am Liebsten?“

„Einen Apfel, den schneide ich ihr immer klein, den mag Schlappi, soll ich einen klein schneiden?“

Die Geweihte nickte, da holte Nella einen Apfel, schnitt diesen klein und Nurinai tropfte auf jedes der Stücke etwas aus einem kleinen Fläschen.

„Wird es weh tun?“, wollte Nella wissen.

„Nein, es wird nicht weh tun. Sie wird sehr müde werden, einschlafen und nie wieder aufwachen.“

„Das ist gut!“, nickte die Schäferin und hielt ihrer treuen Schlappi die Apfelstücken direkt vors Maul und wie ein Pferd fraß das Schaf aus der Hand seiner Besitzerin. Danach setzte sich Nella neben ihr Schaf und Schlappi bettete ihren Kopf auf ihren Schoß, als wüsste sie, dass es nun vorbei war, dass sie in wenigen Augenblicken ihren Lämmern folgen würde. Nella weinte leise. Dicke Tränen kullerte über ihr Gesicht. Mit Nachdruck fuhr sie ihrer Schlappi über den Kopf.

Mit ruhiger, ein wenig zitternder Stimme fragte sie: „Wir verbrennen sie, ja? Sie und ihre Lämmer?“

„Ja“, antwortete Nurinai mit warmer Stimme, „Das tun wir.“

Schlappi starb schnell. Schneller als Nurinai erwartet hatte. Vermutlich war sie bereits sehr schwach gewesen.

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Seite an Seite standen Nurinai und Nella da und schauten in die Flammen. Es roch nach verbranntem Fleisch, Horn und der Wolle, die nicht richtig brannte, sondern nur vor sich hinglomm und langsam verkohlte.

„Schlappi war ein gutes Schaf“, erklärte Nella leise. Sie hatte zwar aufgehört zu weinen, aber Tränen glitzerten noch immer in ihren Augen. „Hat sich immer gut um ihre Lämmer gekümmert. Es waren immer große Lämmer. Schöne, große Lämmer. Außerdem war sie so lieb. Ist immer zu mir gekommen. Sie war ein gutes Schaf.“

„Und sie hieß Schlappi, weil...?“

„Wegen den Ohren! Sie hatte Schlappohren. Solche Ohren hatte nur Schlappi.“

Einen Moment kehrte Stille ein.

„Glaubt Ihr, dass Tiere eine Seele haben?“

„Ja, auch sie sind Geschöpfe der Götter. So wie wir alle.“

„Und glaubt Ihr, dass auch sie in eines der zwölfgöttlichen Paradiese kommen?“

„Ganz gewiss kehren auch ihre Seelen zu den Göttern zurück, denn von den Göttern kommen sie und was von den Göttern kommt, kehrt auch zu ihnen zurück.“

Einige Augenblicke lauschten sie den knisternden Flammen.

„Ihro Gnaden Nurinai, wenn ich zwölf bin, dann will ich Geweihte werden. So wie Ihr. Weil Ihr auf alles eine Antwort habt. Und...“, sie hielt einen Moment inne, „... weil Ihr allen helft. Menschen und Tieren. Meiner Mutter, mir, Schlappi. Ja, selbst Zwei-Finger-Alrik habt ihr geholfen!“

Nurinai schmunzelte ein wenig: „Das freut mich zu hören, Nella. Hast du dir schon überlegt, welcher Gottheit du dienen möchtest?“

„Boron“, erwiderte das Mädchen, „Und ich möchte, dass Ihr mich als Novizin ausbildet!“

In Nurinais Augen glitzerten Tränen. Sie schloss das Mädchen in die Arme: „Der Rabe erhält, was des Rabens ist, Nella. Und wenn du es bist, die er zum Dienst in seinem Namen beruft, dann werde ich dich gerne bis zur Weihe und auch darüber hinaus begleiten.“