Die Spur der Bekenner – Praios Wille

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Waldsteiner Grafenhof, Anfang Rahja 1041 BF

Es war später Abend, die sommerliche Wärme verlor aber nur langsam an Kraft, so dass es draußen noch angenehm warm war. Die junge Frau schlenderte gelassen durch die weitläufige Parkanlage des gräflichen Anwesens. Fackeln erleuchteten mehr schlecht als recht die Umgebung, aber das war es, was sie fast jeden Abend hierher zog. Hier in der Dunkelheit war man mit seinen Gedanken alleine, konnte den Kopf frei bekommen. Denn es gab etwas, was die junge Frau auf dem Herzen hatte. Vor einigen Tagen hatte sie einen Brief bekommen, zwar ohne Absender, aber sie wusste genau von wem er war, auch wenn er anders zu sein schien. Denn er erhielt keine Anklage, keinen Frevel gegen sie – denn da gab es nichts. Sie hatte ihr Leben lang treu nach den Geboten der 12e gelebt, die Ehre ihrer Familie hoch gehalten, loyal ihren Dienstherren gedient und war respektvoll mit Untergebenen umgegangen. Der Brief erhielt vielmehr eine Forderung, eine Forderung die sie bei den Göttern Willen nicht erfüllen wollte, konnte.

So schlenderte sie weiter, Gedanken verloren und merkte nicht, wie um sie herum die Fackeln erloschen. Dunkelheit nahm Besitz von den sonst so hellen und farbenfrohen Grün. Vor der Statue der ersten Waldsteiner Gräfin blieb sie stehen. Als sie sich zu gehen umwandte, stand eine Gestalt in einer weiten, weißen Kutte vor hier. Die Kapuze weit ins Gesicht gezogen. Eine kehlige Frauenstimme sprach sie an.

„Du hast dich Praios Willen widersetzt. Das macht auch dich zur Frevlerin. Schande über dich!“

„Ich werde nicht das Werkzeug von Ketzern, bei Praios!“ Die junge Frau spie ihre Worte voller Kraft hinaus.

„Du bist bereits das Werkzeug des Gleißenden. Du sollst für den Moment verschont werden, denn der Herr hat Großes mit dir vor.“

„Ich werde mich nicht fügen!“ Die junge Frau schlug ein Praioszeichen vor ihrer Brust.

„Am nächsten Praiostag wirst du einen Namen auf deiner Bettstatt auffinden. Praios hat dich erwählt diesen Frevler seiner gerechten Strafe zuzuführen.“

Die junge Frau wollte energisch etwas erwidern, doch die andere Frauenstimme kam ihr zuvor.

„Du wirst dich fügen, das Seelenheil deines Sohnes ist dir doch wichtig.“

„Was habt ihr mit meinem Sohn gemacht?“ Die stimme klang auf einmal verzweifelt, die Stärke war gewichen.

„Er ist an einem sicheren Ort – noch.“

Die Person in der weißen Kutte verschwand in der Dunkelheit und ließ eine auf die Knie fallende jung Frau zurück.