Brennende Häuser - Wie die Fliege

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In einem schattigen Winkel im Garten der Alten Residenz. Ein paar Steinblöcke, die wie Baumstümpfe behauen waren, lagen auf einem Haufen, Efeu überwucherte sie. Die Sonne ging gerade unter, und das goldene Licht der Abendsonne tauchte die Szene in ein sattes, dunkles Sommergrün.

»Da seid Ihr endlich!« Schroeckh sprang auf. Er hatte vorher sich auf diesem Haufen niedergelassen und sah in seinem grünen Wams aus wie eine Schmeißfliege, die aufgescheucht worden ist.

»Was heißt hier endlich? Ihr habt nur die Hälfte der Vorstellung erlebt, Schneck. Ich habe mir den ganzen Rest anhören müssen. Die Kaiserin ist ziemlich erzürnt. Und der Kanzler ist es auch. Er hat mir noch ein ganzes Stundenglas vorgerechnet, dass die Lage im Königreich ganz offenbar völlig aus den Fugen geraten ist. Euch hätte er das erklären sollen, Schroeckh, denn Ihr seid der Staatsrat.« Der Neuankömmling begutachtete den Haufen. Die Blöcke kannte er gut. Er hatte nicht gewusst, dass Schroeckh sie an den Rand des Gartens hatte schaffen lassen.

»Ja, aber ich bin doch nur Staatsrat, weil Ihr ...«

»Ganz genau«, zischte der andere, »und Ihr bleibt es auch nur, weil ich ... Wenn Ihr versteht, was ich meine. Die Familie eines kaiserlichen Pfalzgrafen gemeuchelt, er selbst schon halb übers Nirgendmeer, im Jahr davor: Ermordung eines Pfalzgrafen in Eslamsgrund. Versteht Ihr, Schroeckh: Es sind der Kaiserin Leute, die hier sterben. Das gefällt Ihr nicht. Sie fragt sich: Was tun die Garetier eigentlich dagegen?«

»Ja, aber das war doch der Bugenhog! Habt Ihr selbst gesagt!«

»Schroeckh, Ihr seid jämmerlich. Ja, der Spendenvogt geht auf Bugenhogs Konto. Aber Breitenhain wohl k... Moment, Schroeckh. Darüber muss ich nachdenken.« Stille kehrte ein. Eine Nachtigall begann zu singen. Während er elegante Edelmann nachdachte, versuchte der Staatsrat das gleiche. Völlige Stille breitete sich in ihm aus, nur der Gesang der Nachtigall blieb. Erst nach einiger Zeit erwachte er wieder aus der Versunkenheit.

»... deshalb, Schroeckh, bleibt es wahrscheinlich, dass die Gefolgsleute Geismars die Tat begangen haben. Aber eben nur wahrscheinlich. Hört Ihr mir überhaupt zu?«

»Gewiss, Hoch...«, stammelte der Staatsrat, das Barett wie ein Bittsteller in der Hand, doch der andere schnitt ihm das Wort ab: »Also gut. Nur wahrscheinlich. Ich werde meine Leute schicken, das zu untersuchen. Sicher ist sicher.«

»Und was tu ich derweil?«

»Ihr werdet das Zedernkabinett informieren und Euch anstrengen, die Besucher Breitenhains zu fassen. Der Kaiserin könnt Ihr guten Willen beweisen, indem Ihr ein paar garetische Söldlinge nach Sertis schickt, die Kaiserlichen zu unterstützen. Und dann müsst Ihr Euch endlich um die Fehde kümmern.«

»Ich?«, rief Schroeckh fast erschrocken aus.

»Ja, Ihr. Luidor von Hartsteen ist verschwunden, weshalb die ganze Familie außer Kontrolle ist. Ich prophezeie Euch: Jetzt geht’s richtig los. Und ich möchte nicht, dass meine Interessen in Hartsteen gänzlich vor die Hunde gehen.«

»Ihr habt auch Interessen in Hartsteen?«

»Natürlich, Schneck. Ich habe Interessen an ganz Garetien. Glaubt Ihr, ich sei nur auf Gareth beschränkt? Es steht zu viel auf dem Spiel, um die Geschicke des Königreiches Dilettanten zu überlassen.« Und dann murmelte er mehr zu sich selbst: »Die Geschicke des Reiches hingegen sind nicht in der Hand von Dilettanten, aber in den falschen Händen ...«

»Was soll ich denn jetzt tun?«

»Ihr reist zu Geismar von Quintian-Quandt und konfrontiert ihn mit dem Vorwurf, Meuchler nach Breitenhain geschickt zu haben. Dann ermahnt Ihr ihn, Ruhe zu bewahren und sich auf das Gesetz zu verlassen. Und schließlich richtet Ihr ihm von der Kaiserin aus, dass sie genug hat. Sie ist zwar noch nicht entschlossen, sich in der Grafenfrage zu entscheiden, aber ihr wird klar, dass sie es bald tun muss. Und da sieht es besser aus für den Krämer, wenn er kein Kinderblut an den Fingern hat. Verstanden?«

»Na ja, ich .. ja«, stammelte Schroeckh.

»Gut. Nehmt Euch ruhig Verstärkung mit.«

»Den Blutigen Ugo und die Goldene Lanze?«

»Nein, Schroeckh. Nicht Verstärkung im Sinne von Gewalt, sondern Verstärkung im Sinne von Geist und Intellekt. Nehmt Helmar von Hirschfurten mit oder Oldebor von Weyringhaus

Damit drehte sich der Edelmann und schritt im Schatten der Alten Residenz aus dem Garten. Der Gärtner sah ihn und zog die Mütze, als er sich verbeugte, doch sonst sah ihn niemand. Horbald von Schroeckh hingegen setzte sich erneut auf den Haufen und schrieb mit Kohle auf Pergament, was ihm aufgetragen worden war:

›Untersuchung Breitenhain‹
›ein Banner Königliche Sertis‹
›Einberufung Zedernkabinett‹
›Untersuchung Mörder Breitenhain‹
›Reise nach Hartsteen, Hirschfurten oder Weyringhaus mitnehmen‹

Die Nachtigall sang wieder, und Horbald von Schroeckh wäre beinahe wieder träumerisch versunken. Aber er nahm sich einen Ruck und verließ den Garten. Es war ein harter Tag gewesen, denn selten genug wird man erst von seiner Kaiserin zusammengestaucht und dann vom Reichserzkanzler angebrüllt. Und zu allem Überfluss dann noch die enervierenden Gespräche mit Ihm. Wäre er doch nur in Puleth geblieben, dann hätte er nur mit Varena zu tun gehabt!