Geschichten:Zwingsteiner Brachenhatz — Briefspielreihe

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Die Brachenhatz des Praiosmar von Hinn

"Wenn ich an unsere Brachenjagd zurück denke, die an jenem kalten Boronsmorgen bei Zwingstein ihren Anfang nehmen sollte, so graust es mich." (Praiosmar von Hinn)

Aus den Schilderungen des Praiosmar von Hinn, über die Ereignisse, die sich bei der Jagd in der Brache, zwischen dem 25. und dem 29. Boron 1042 zugetragen haben sollen.


I. Ansitzjagd mit Suppe

"Dabei fing unser Jagdausflug doch recht vielverheißend an. Wir begannen in den frühen Morgenstunden des 25. Boron im Jahre 1042. Ich wähnte mich gut gewappnet. So weit man sich auf eine Jagd, tief in die Auswüchse der Niederhöllen, vorbereiten kann. Seit der Schlacht von Zwingstein, die damals zweieinhalb Jahre zurück lag, hatte ich es nicht unterlassen, in den gemeinen Gaststuben an der Brache einzukehren, um ein paar Humpen zu leeren, wann immer mich meine Reisen bei der Walstatt vorbei führten. Im Rondra war ich sogar als fahrender Ritter ausgezogen, um die neu besetzten Brachenwachten abzuklappern und ihre Wächter zu begutachten. Meinen Zweitgeborenen, Tiberias, gab ich derweil über den Sommer an eine Hesindeschule des Pentagontempels zu Gareth. Meine abenteuerlichen Erzählungen hatten seine jugendliche Neugierde angespornt. Und so war er mit seinem hügelzwergischen Freund Sgön, nach den Schulstunden emsig gewesen. Sie hatten die Archive der Stadt durchforstet und alte historische Karten und Sagen zusammen getragen. So hatte ich meine Informationen gesammelt und mit alten Legenden, so wie den alten Aufklärungsberichten, die unsere Späher vor der Schlacht von Zwingstein gesammelt hatten abgeglichen. Die Einladung Zerbers zur Brachenhatz kam mir da sehr gelegen. Ich hatte alles in meiner Kladde festgehalten und so fand ich bald ein Ziel und einen Ausgangspunkt für meine Jagd. Wollte ich doch nicht auf gut Glück durch die Brache stolpern, bis mir etwas vor die Lanze lief. Ich war mir sicher, das es einen dunklen Pfuhl geben musste, an dem diese Unkreaturen geschaffen wurden. Einen Quell des Bösen.

Wir hatten also eine kleine Erhebung unweit der Feste Zwingstein ausgesucht. Jenseits des Hügels, war vor zweieinhalb Jahren, eine große Horde der chimerischen Ausgeburten aus der Brache gebrochen und hatte das Land versehrt, bevor sie sich auf unsere Verteidigungslinie stürzte. So hatten die Ungetüme aber, auf ihrem Weg aus der Brache, eine tiefe Schneise im verhexten Wald hinterlassen, der ich zur Quelle dieser Scheußlichkeiten folgen wollte.

Die Leute der Gegend mieden diese Bresche. Den dort sollte ein gerissenes Rudel Schweinehunde auf Beute lauern. In grösserer Zahl hatten sie auch die nahen Höfe und Weiden überfallen. Dann zehrten sie ihre Opfer, gerne noch schreiend, in die Heide, die sich auf der Brachfläche ausgebreitet hatte. Verfolger, die zur Hilfe eilten, lockten sie so im tückischen Gelände ins Verderben.

An dieser Stelle hatte ich also, als kleine Rückendeckung für unseren Jagdausflug in das finstere Herz des Reiches, zur Ansitzjagd geladen. Eine Handvoll erfahrener Jäger hatte sich gefunden, um mich von dort tiefer hinein zu begleiten. Doch wollte ich dem Rudel erst einen Schlag versetzen, der uns den Weg frei machen würde. Denn dort wo ein Jäger sein Territorim abgestreckt hat, wird meist kein Zweiter geduldet. So meine Theorie, mit der ich unser Jagdglück hochkalkulieren wollte. Mein alter Freund Toddie Sohn des Toth hatte das Kommando über das halbe Dutzend Zwerge übernommen, die sich auf dem kleinen Hügel, mit den beiden Wallarmbrüsten und einem Dutzend Schlunder Kurbeln, zur Ansitzjagd eingerichtet hatten. Ich konnte die Schlunder Armbrustmanufaktur überreden, uns mit neusten Waffen aus zustatten, um ihre Vorteile vorzuführen und den Brachenwächtern schmackhaft zu machen.

Verkrüppeltes, winter nacktes Gehölz auf dem Erdhaufen gab etwas Schutz und die beiden Zwergenveteranen Gorm und Griswald schickten sich gerade an, noch ein paar spitze Pfähle um unsere Schanze ins Erdreich zu schlagen. Eine vom morgendlichen Frost gut gekühlte Flasche Schlunder Kräuterbrand machte die Runde, als eine wintermüde Praiosscheibe ihren matten Schein über den ersten Tag unserer Jagd legte und wir wünschten uns Waldmanns Heil und gute Jagd. Meister Emsinger schraubte noch an einer der Wandlether Windenarmbrüsten herum, die wir auf die kränkliche Heide ausgerichtet hatten, die das zerstampfte Land überwuchert hatte. Dort wo zwei Sommer zuvor das wimmelnde Chaos, chimerischer Leiber, aus den finsteren Wäldern gebrochen war und unter einer gierigen Stampede diese Bresche, die nun tief in die Brache reichte, gerissen hatte. Hier und dort lagen noch verfaulende Reste von umgerissenen Bäumen herum oder ragten verkrüppelte Weiden schaurig zwischen den letzten Nebelfetzen dieses kalten Morgens empor. Und wir lagen auf der Lauer, ob sich bald etwas vernehmen oder erspähen ließe.

Mein Sohn Tiberias, sein Freund Sgön und mein treuer Knappe Fredegast hatten eine heiße Suppe von Zwingstein hergebracht und verteilten sie gerade, als das Geblöke los ging. Etwa zwei Dutzend Schritt vor unserer Schanze, hatten wir einen prächtigen Lockvogel angebunden, der anfing den Morgen mit seinem kräftigen Blöcken zu begrüßen. Praioslob war ein ganz besonderes Schaf. Ein ganz besonders dummes Schaf! Und um ganz genau zu sein, war er ein ganz besonders dummer Widder. Welches Schaf würde sonst so ruhig bleiben, wenn man es an einem Strick in die Brache ziehen würde, um dann los zu Blöcken wenn es zu spät war? Das kräftige Tier mit dem Gemüht einer gusseisernen Bratpfanne entstammt der neuen Zuchtlinie Korgonder Goldmähnen. Ich hatte diese besondere Zucht Praischafe bei der Losauktion in Korgond gewonnen und mit dem Schlunder Langohrschaf gekreuzt, das die Hügelzwerge gerne als Tragtier in den Hängen nutzten. Nun stand unser gold gelockter Praioslob dort blökend auf der Heide und verrichtete seine Aufgabe sehr erfolgreich.

Bald schon vernahmen wir aus der Brache ein Bellen, Quicken und Grunzen das ganz absonderlich ineinander überging. Wenig später sahen wir erste Schemen zwischen den Weiden hasten. Wir nahmen unsere Positionen ein und luden die vorgespanten Armbrüste fertig. Die wenigen Ansässigen, die bei unseren Recherchen nach reichlich Hochprozentigem den Mund aufgemacht hatten, sollten recht behalten. Die Schweinehunde kamen im Rudel über diese Bresche, um Beute zu machen. Wir legten an und warteten auf die ersten Ziele.

Nur Meister Emsinger war noch am tüfteln. "Meister Emsinger! Während ihr so freundlich die Wandlether langsam zu spannen!" zischte Toddie ihn an. Darauf hielt der Meistermechanikus in seinem Werkeln kurz inne. Spähte gelassen über seine Zwickelbrille, auf die dunstige Heidelandschaft, über die nun hir, mal dort, dunkle Schemen zu beobachten waren, die sich alle samt, unserem schmackhaften Schaf, in heißhungriger Absicht näherten. Der Meister brummte kurz etwas in seinen fein gestutzten Bart und nestelte weiter an seiner Mechanik. "Sie kommen in Reichweite" vernahm ich Griswalds flüstern von der anderen Wandlether. "Bolzen frei, wenn Ziel erkannt!" gab ich zurück. Und schon, zack, knall, krach, schlug die Sehne zurück und der erste Bolzen flog in die Heide. Nichts. Der Schatten dem das Geschoss galt, war in einer Senke verschwunden, bevor der Bolzen ihn erreichte. Der Nebel war noch zu dicht. Emsige Spanngeräusche von link. Emsingers entspanntes Pfeifen von rechts. Der Nebel lichtete sich etwas und die großen Schweinsköter aus der Brache, waren nun besser zu sehen. Ein halbes Dutzend zotteliger Bestien setzte im gestreckten Sprung über die moorige Heide. "Armbrüste, noch halten! Wandlether, schießen wenn bereit!" gab ich an. Zack, knall, krach, der zweite Bolzen flog in einen Nebelfetzen und ein quicken war zu hören, wie man es kennt, wenn der Metzger im Orte, sich ein Schwein für die Wurst vornahm. Von links und auch von rechts vernahm ich endlich eifrige Spanngeräusche. Da schnellten zwei dieser Kreaturen aus einem Graben in der Nähe. "Armbrüste!" rief ich. Klackklackklackklackklackklackklackklack, war die Antwort. Eines der Biester, halb Warzenschwein, halb wilder Köter, überschlug sich nach dem Sprung und blieb liegen. Das andere Untier torkelte weidwund, von Bolzen gespikt, weiter. Aus einer Nebellohe schoss zur Rechten eine weitere Sau, mit gefletschten Zähnen, auf Praioslob zu. Zack, knall, krach und Meister Emsinger schoss dem Viech im Sprung in den Rachen, so das es hart aufschlug und leblos vor dem standhaften Widder rutschte und vor seinen Hufen zum liegen kam. Grieswald feuerte auf ein viertes Ungetüm, welches durch den langen Bolzen zu Fall kam, sich überschlug, schüttelte, aber weiter preschte. Die Zeit hatte aber gereicht, das die Schützen die bereit liegenden Zweitwaffen aufgenommen hatten. Klackklackklackklackklackklack. Das vorpreschende Monster brach ein. Ebenso ging das weidwund Torkelnde, von weiteren Bolzen getroffen, in die Knie. Mit winselndem Heulen zog sich der Rest des Rudels in den Nebel zurück und ließ die angeschossenen Schweine quickend zurück, so das einige von Uns mit den Saufedern ausrücken mussten. Bald war Ruhe und wir konnten uns der Suppe widmen, bevor sie kalt wurde.

II Über ein winterharsches Feld, von Blut getränkt.

Nach dem Essen war der rechte Zeitpunkt gekommen um auf zu brechen und dem Rudel nach zu setzen. Wir sicherten unsere Ausrüstung, die wir für die nächsten Tage angelegt hatten. Machten unsere letzten Scherze, um uns von der bevorstehenden Gefahr abzulenken und dann lagen die Augen meiner Kameraden auf mir. Zu was für einer absurden Jagdgesellschaft hatte ich mich da verleiten lassen. Nur um Was, außer Tod und Verderben zu finden? Tiberias und Fredegast kümmerten sich um ein kleines Feuerchen und ich umarmte beide zum Abschied und stimmte mit ihnen ein Gebet an. Sgön war unterdessen damit beschäftigt an die Reste aus dem Suppentopf zu komme. Ich verließ das Hügelchen über die abfallende Flanke mit dieser Handvoll Todgeweihten, die so verrückt gewesen waren, mir in diese Unternehmung zu folgten. Praioslob hatte derweil einen Packsattel mit einem Teil unserer Ausrüstung aufgeschnallt bekommen. So rückten wir aus, über die winterharsche Heide, in unser Unglück.

Chronach ui Dun ging bald vorne weg und führte unser verwegenes Trüppchen über die festgestampften Pfade, die sicheren Tritt heuchelten. Der erfahrene Jäger, mit den Sinnen einer Bergkatze, brachte uns gut vornan. Der sehnige Körper des alten Jägers, war bestimmt weit über fünf Dekaden in Wall gestählt worden. Graue Strähnen in seinem wilden Bart und die vom Bergwetter gegerbte Haut, mit den unzähligen Ritualnarben, ließen sein Alter erahnen. Wenn auch die für seines Gleichen unüblich blauen Augen eine Kraft in sich hatten, die manchem Schlunder schon in seiner Jugend verloren ging. Der raue Akzent, der sein gebrochenes Schlundisch untermahlte, deutete seine Abstammung an. Nicht nur seine ungewöhnlichen Augen hatten ihn wohl zum Aussenseiter des alten Volkes werden lassen, welches jenseits der Zähne ihr Stammesgebiet haben mochten. Ich hatte es Anfangs nicht ganz begriffen, als er auftauchte und wie selbstverständlich verkündete, das er uns in die finsteren Wälder von Ash'Grabaal begleiten werde. Als ich genauer nachfragt gab er zur Antwort, ein alter Berglöwe sei zu ihm gekommen und hätte ihm offenbart, das es ihr Schicksal sei, gemeinsam in die Finsterniss zu gehen. Ich tat es damals als okkultes, abergläubisches Gerede der Bergbewohner ab, die an Tiergeister und ähnliche Mächte glauben mochten. Sah aber schnell, das dieser Mann, von Etwas getrieben, sich nicht leicht abwimmeln ließe und trotz seiner fremdartigen Kultur, eine Bereicherung unseres Jagdtrupps sei. Nun war er unser Führer, über dieses winterharsche Heidefeld, dessen purpurnes Kraut unter dem weißen Kleid des frostigen Morgens mahnte, wie viel Blut hier bei der Schlacht vergossen wurde. Sicher lenkte er unsere Schritte zwischen dunklen, öligen Pfuhlen her, in denen sich armdicke Würmer suhlten. Vorbei an bleichen Knochen, die von alten und neuen Opfern kündeten. Achtsamm deutete er uns an, wo wir unseren Fuß nicht setzen sollten. Und dann hielt er wieder inne, um eine gefühlte Ewigkeit in das Moor zu lauschen, das Heidekraut animalisch zu beschnüffeln oder auf einem aufgelesenen Dunghaufen zweifelhafter Herkunft zu kauen.

Dicht auf, folgte Ceridwehn aus dem Hangwald. Die seltsame Jägerin, mit ihren archaischen Hautbildern, hatte mich am Vorabend der Jagd gebeten, nicht den Alberburger mit in die Brache zu nehmen. Sie hatte sich, nach dem was diese Bekenner meinem Alberburg bei Kaiserley angetan hatten, seiner Genesung und Anleitung angenommen. Unter der Folter war etwas in ihm erwacht und er hatte sich verändert. So war ich eigentümlich gewillt, meinen besten Freund und Wegbegleiter auf eine andere Mission zu senden. Hatte ich ihn bei Kaiserley auch schon arg strapaziert, wollte ich ihn nun gerne schonen. Nun schritt sie an seiner statt, mit ihrer mit allerlei Tand und Runen geschmückten Saufeder vor mir und suchte mit wachen Sinnen die Umgebung ab. Auch sie sprach von Zeichen, die sie aus den Runenknochen und dem Gedärm ihrer Beutetiere gelesen hatte. Der alte Witterich, das Orakel aus der Tränenklam, habe ihr letztendlich ihr Schicksal offenbart. So währe ihre Anwesenheit dringend Erforderlich, um das Übel der Brache zu bekämpfen.

Ich hatte meine Schlunder Kurbel auf der Schulter abgelegt und versuchte gleichermaßen die Umgebung, wie meine Leute im Blick zu halten. Hinter mir mühte sich Gilgamosch Brathammer mit unserem Lastenschaf Praioslob ab. Beide wahren von ähnlich schlichter Gemütsruhe. Ich hatte viele getroffen die Dummheit mit Mut verwechselten. Gilgamosch lieferte aber, wenn es darauf ankam. Dann brach aus der stoischen Gelassenheit, in der der massige Zwergenleib ruhte, eine tödliche Präzision, vulkangleich heraus. Das hatte dem Brathammer im Schlund den Nimbus eines großen Monsterjägers eingebracht.

Diesem nicht unangefochtenen Leumund und einer bierseligen Wette, bei der es wohl auch um das Imponieren einer selten schönen Zwergendame ging, war es letztendlich geschuldet, das er und der berühmte Großwildjäger und Gourmet Gurthag Pfannenhauser, sich in unserer von allen guten Geistern verlassenen Jagdgruppe wiederfanden. Der Hügelzwergische Feinschmecker Koch hatte neben seinem kulinarischen Ansehen, einen Ruf zu verteidigen, seine exotischen Tellerkreationen, durch den gekonnten Zuschnitt und der kreativen Zubereitung ambitionierter weidmännischer Erfolge, eine persönliche Note zu geben. Dem Anspruch folgend, dem Brathammer beim Aufzählen seiner Trophäen in nichts nachzustehen, musste er sich nun mit den Gegebenheiten der Brache abfinden. So schlich der hutzelige Hügelzwerg hinter dem Schaf her, hielt mit seiner reich verzierten Armbrust nach Beute ausschau und meckerte dabei, über so manche Unbill unseres Pfades, zwergische Flüche in seinen fein gestutzten Bart.

So warf mir der finstere Hüne, der das Ende unseres Zuges sicherte, des öfteren belustigte bis genervte Blicke zu. Korvinius Tressler war ein Mann, den man gerne dabei hatte wenn es zu Sache ging. Wir hatten uns in der Wildermark bekämpft, verbündet und schätzen gelernt. Nach Zwingstein trafen wir uns wieder. Ich als wundersam erfolgreicher Feldherr, der als Pflichtbesuch die Versehrten im Lazarett aufsuchte. Und er weiterhin als der Söldner, der dort gewesen war, wo es am dreckigsten zu gegangen war. Während der Feldscher sein Bein flickte, erfuhr ich vom Schicksal seiner Gefährtin, die diese Kreaturen in die Brache gerissen hatten. Und zwei Jahre später wusste ich, das er immer noch nach Rache dürstete.

Die Schweinehunde waren, auserhalb der effektiven Reichweite der Windenarmbrüste, bald immer unsere Begleiter. Sie lauerten auf ihre Gelegenheit. Einmal führte uns Chronach zu dicht an einem Tümpel vorbei. Da wurde das Gegrunzbelle lauter und es schien uns, als griffe das Rudel nun an. Ich gemahnte meine Leute zur Umsicht und wies sie so an, das jeder eine Richtung beobachtete. So schaute Gilgamosch in die rechte Richtung, als sich in unserem Rücken ein vieläugiger Wurm, fast zweieinhalb Meter, witternd aus dem schwarzen Pfuhl erhob. Sein Raspelzahn bewährter Schlund gähnte uns hungrig entgegen und sein aalartiger Körper spannte gerade seinen Muskeln an, um auf einen von uns herab zu schießen. Gilgamosch sprang mit seinem fein ziselierten Ornamentschild vor und der Wurm war scheinbar ganz fasziniert von den Windungen und Knoten auf der Metallplatte. Gilgamosch ging seitwärts und der Wurm folgte dem Schild wie gebannt. Tressler schritt heran und schlug dem Wurm mit zwei kräftigen Hieben seines zweihändigen Schlachtschwertes den Kopf ab. So wie der Wurm im Tümpel versank, zog sich die bellende Meute quickend zurück. Hatten diese Fiecher versucht uns in einen Hinterhalt zu locken? Schnell eilten wir weiter und mieden nun die Wurmlöcher in weiterem Abstand.


III Durch einen stille Pfad

Wir waren bald am Ende der Bresche angekommen. Zur Linken, wie zur Rechten, war der finstere Forst nun keine hundert Schritte mehr weit. Dort wo die Flanken des Waldes zusammenliefen, hatten die Schweinehunde einen Pfad getreten, der sich wie ein gierendes Maul vor uns öffnete. Als wolle der Wald selbst uns damit verschlingen. Wir ahnten, das zwischen den alten Baumstümpfen, die um uns aus der Heide ragten, die verbliebenen Schweinehunde lauerten und auf ihre Gelegenheit wartetet. Deswegen gingen wir langsam voran und waren immer darauf bedacht, das sie jeden Moment losstürmen mochten. Die Reichweite der Wallarmbrüste hatten wir unlängst verlassen und auch die Sicht zu unseren Leuten, mochte nicht mehr die Beste sein.

Da gab es ein Getöse im Wald zu unserer Rechten, das selbst die Schweinehunde anfingen zu quicken und davon stoben. Wir hockten uns ab und sahen mit Schrecken wie ein Baum nach dem anderen, in der schattigen Tiefe des Waldes, knackend umgerissen wurde. Über vielleicht hundert Schritt, verschwand einfach eine ganze Reihe Wipfel im Wald und splitterndes Holz und berstende Stämme waren zu vernehmen. Was für ein Ungetüm mochte dort mit solcher Kraft durch den Wald pflügen. Mir schossen die Stachelfanten in den Kopf. Dann erstarb das Geräusch. Wir blieben noch eine Weile still hocken. Doch nichts reget sich mehr. So beschlossen wir weiter zu gehen und dem Schlund in die Tiefen des Waldes zu folgen, bevor sich die Schweinshunde, nach ihrem Schrecken, wieder an uns erinnerten.

Die schwarzen, verdrehten Stämme hatten sich vom breiten Tierpfad regelrecht weg gebogen, so das sich vor uns ein Tunnel aus Bäumen öffnete. In den kahlen Winterästen glitzerte Raureif, wie Kristalle in den Pallastgängen des Firnelfenkönigs. Wir marschierten wachsam gegen einen eisigen Wind an, der uns aus der Tiefe der Brache entgegen wehte. Und doch rührte sich nichts in dieser Vorhalle, die zu Nagrachs verfluchtem Reich führen mochte.

Wir hockten mehrmals auf unserem Marsch ab, um in die Stille des Winterwaldes zu lauschen, ob dort nicht doch ein verdächtiges Geräusch gewesen war. Einmal saßen wir wieder am Rand der Bäume geduckt, weil sich etwas in den Tannen vor uns rührte. Plötzlich schritt tatsächlich ein leibhaftiger Schrat auf den Weg. Ganz unbekümmert stapfte der krumm gewachsene Eichenknecht aus den Tannenhein, kaum einen Steinwurf entfernt von uns. Er wand seinen knorrigen Kopf und sah, aus tief hängenden Augenhöhlen, zu uns herüber. Die tiefe Traurigkeit, die ich meinte, in seinen Augen zu erkennen, erschrak mich damals mehr, als sein Auftauchen. Er schritt einfach weiter in den Wald hinein und ging seiner Wege.

Später, wir müssen bestimmt über eine Stunde gegangen sein, wenn nicht sogar Zwei. Und der Weg führte beständig bergab und wand sich dabei langsam nach recht. Da vernahmen wir ein Summen zu unsere rechten Seite. Wieder spähten wir in alle Richtungen in den Wald, nach dem was uns nun bevorstand. Und erst erkannten wir Es, in den zwielichtigen Schatten des tieferen Waldes nicht. Aber dann war es uns, als nährten sich die Schatten, so wie sich das Summen nährte. Insekten im Winter? Aber wir waren vorbereitet. Als uns klar wurde welcher Natur diese schwarze Wolke, die auf uns zuschoss, sein mochte, eilten wir, die Rauchfackeln heraus zu holen und zu zünden. Als der summende Schwarm auf uns einstürzte, quoll bereits dicker beißender Rauch aus den Harzfackeln. Wir stellten uns schnell im Kreis zusammen und schlossen unsere Winterkleidung, so gut es ging. Mein Schwiegervater, hatte den Effeckt vor Jahren zufällig bei seinen alchemistischen Versuchen entdeckt, hinter das Rezept, für Krolls Kräuterbonbons zu kommen. Vorausschauend hatte er Uns, neben anderen Alchemistika, ein paar der Hartzfackeln mit gegeben. Die fetten schwarzen Insekten versuchten auf uns zu landen. Wahren aber zu orientierungslos, um in die ohnehin kaum vorhandenen Lücken, unserer dicht geschlossenen Kleidung zu klettern. Und den dicken Stoff und die Rüstteile, vermochten sie auch nicht zu durchstechen. So harten wir einfach aus und der Schwarm zog bald weiter. Und auch wir gingen weiter in die Brache und machten bald den Ersten, der alten Ritualplätze aus.

Das Ziel das ich anstrebte, konnte laut meinen Aufzeichnungen, die sich größtenteils auf die Aufklärungsbereichte von Hauptmann Ingar von Drôlenhorst-Birkenbruch und Ritter Barduron von Sennenberg-Ruchin stützten, nicht mehr weit sein. Beide hatten die Orte, an denen der Feind vor der Schlacht versuchte, Gotongie Dämonen zu beschwören, gut beschrieben. Ich vermutete das diese Ritualplätze sich um eine größere, zusammenhängenden Anlage gruppierten. Dort wähnte ich eine der Quellen, an denen Chimären, in großer Zahl geschaffen worden waren. Und so wollte ich dort meine Beute machen und viel mehr noch, etwas über die finstere Macht erfahren, die uns als Geißel, im Herzen des Reiches bedrohte. Der weiter abfallende Weg führte uns nun, in immer engeren Windungen, wie in einer großen Spirale, hinab in ein finsteres Tal.


IV Das finstere Tal.

Als wir den Grund des finsteren Tals erreichten, benötigten wir unsere Fackel, obwohl es noch Tag sein muste. Hier Unten, hatten uralte Bäume halt, auf noch älterem Mauerwerk eines Ruinenfeldes gefunden, das sich halb versunken, aus dem zerklüfteten Boden vor uns erhob. Die Wurzeln schienen mit dem Fels verschmolzen und waren tief in die Klüfte zwischen den Steinen gekrochen. Der kalte Hauch Nagrachs, war einer unangenehmen Schwüle gewichen, die uns in unserer Winterkleidung zu schaffen machte. Ceridwen wies uns bald auf die Unmengen an seltsamen schwarzen Raupen hin, die wie Praiostagsprozessionen gleich, in unendlichen Reihen, an den umstehenden Stämmen der verdrehten Bäume marschierten und dabei seltsame Glypfen zu bilden schienen. Wir teilten uns in Zwei Gruppen und sicherten uns mit je einem Seil, bevor wir begannen über die schiefen Stämme und Wurzeln zu klettern, die sich wie Brücken über die eingestürzten, tiefreichenden, versunkenen Etagen streckten.

Aus der Tiefe des Waldes oder vielleicht sogar aus einem dort verborgenen Spalt in Agrimoth Domäne, war ein für den Boronmond ungewöhnlich warmer Wind aufgekommen. So war der Winterwald bald einem Gewirr aus düstern Totholz gewichen, das keine Blätter trug. Der faulig, warme Luftzug, erfaste die langen blutroten Härchen, die das an den Stämmen tanzende Gewürm bedeckte. Die ganze Luft war erfüllt von den kleinen Nesseln. Bald schon bemerkte ich das Husten meiner Gefährten und wie sie versuchten sich zu kratzen. Hatten wir angesichts der Schwüle doch unsere Kleider gelockert. Und auch ich verspürte ein unangenehmes Verlangen, mich an den Hautstellen, die ich nicht gut mit Stoff und Rüstung gegen die Unbilden der Brache abgedeckt hatte, zu jucken. Bald steigerte sich das Verlangen sogar, zu einem kaum zu bändigen Drang, sich die Haut abzuschälen. Wir mussten endlich einen Weg nach unten finden. Die Luft war kaum noch atem bar und brannte wie Feuer in der Lunge. Urplötzlich glommen die Wurmzeichen, die die Prozessionen des Geziefers bildeten, allesamt auf und um uns prangten Unheil verkündende Zeichen in purpurnem Licht.

Wir suchten mit Eile einen geeigneten Abstieg. Um uns herum rissen die Raupen auf und wie Feuerzünglein loderten kleine Flügelchen hervor. Kleine Leiber von unheiligem Feuer bedeckten bald, wie ein rotes Blütenmeer, den vorher toten Wald. Chronach und Ceridwen, die unsere Seilschaften führten, suchten hektisch nach einem Abstieg. An geeigneter Stelle, nahmen wir die Beile und Haumesser zur Hand und legten einen Durchschlupf nach unten zwischen dem Wurzelwerk frei. Ceridwen und Cronach kletterten als Vorhut voran in die Tiefe und gaben bald Zeichen ihnen zu folgen. Doch erst musten wir mit vereinten Kräften unser Lastenschaf, den Packsattel und unsere Rücksäcke abseilen, während um uns herum immer mehr Feuerfalter in die Luft stiegen und einen wilden Tanz begannen. Wir brachten uns mit unseren Seilen in die unteren Etagen, der weit im Erdreich verzeigten Anlage, in vermeidliche Sicherheit, kurz bevor das Inferno der feurigen Schmetterlinge, die sich nun alle zugleich in die Luft erhoben, über uns los brach. Der feurige Tanz der kleinen Falter steigerte sich zu einem Feuersturm über unseren Köpfen, der uns die Luft zum Atmen raubte. Die letzten Schritte ließen wir uns, nach Atem ringend, in die Tiefe fallen. Eilig zogen wir uns gegenseitig in die Höhlengänge, die sich zwischen den Wurzeln und Mauern wanden. Das Feuerspektakel, das über uns tobte, vertrieb scheinbar auch alles andere Getier, das hier unten und in dem Wurzelwerk über uns hauste. Chronach führte uns bald schnellen Schrittes in den tunnel artigen Gewölben, die weit unter die Wurzeln, des über Jahrhunderte auf diesen Gemäuern gewucherten Waldes führten. Unser Führer gebärdete sich dabei wie ein Raubtier, das die Fährte aufgenommen hatte und erinnerte mich daran, das Wir die Jäger hier unten waren. Gekommen um Beute zu machen!

V: In finsteren Tiefen

Wir verließen auf unserer Hatz bald das Gebiet das vom Feuersturm betroffen war. Die Mauern, die wir unter dem Wurzeldach durcheilten, mochten einst ein vergessener Vorort Gareths gewesen sein, der sich zerborsten, immer tiefer unter dem verfluchten Wald wand. Wir hielten erst inne, als wir einen gepflasterten Platz erreichten, der wie eine nach oben geöffnete Höhle wirkte und den Blick auf die Sterne frei gab. Waren wir so lange gelaufen? Die Wurzeln, die bisher eine fast gänzlich geschlossene Decke über antike Straßen und Gebäudereste bildeten, hatten den Platz vor uns nicht überwuchert und wanden sich hier steil an den Fassaden alter Villen hinab. Ein leuchtendes Moos wuchs auf dem Wurzelholz, das aus den Trümmern der umstehenden Grbäudereste quoll und hüllte alles in ein schwach, grünliches Licht. Den Platz verließen einst vier Wege, von denen der zu unserer Linken, durch überwucherte Trümmer eines auf die Straße gestürzten Hauses blockiert wurde. Wir schlichen vorsichtig durch ein von mächtigen, schwarzen Wurzeln gesäumtes Portal, in das Innere einer der Villen am Platz. Bis auf ein einst imposantes Vestibül, das die Fassadenmauer stützte, war die gesamte untere Etage von den Trümmer der oberen Etagen begraben. Dicke, von pelzigem Leuchtmoosen bedeckte Wurzelstränge, reichten von oben aus dem Wald kommend, über die rückwärtige Hangseite und waren über die Trümmerberge der hinteren Haushälfte, in ein Atrium hinter der Vorhalle gekrochen. Zur Rechten konnten wir eine einst imposante Treppe erklimmen, die im Bogen, auf einen annähernd dreieckigen, letzten Teil, der sonst geborstenen Decke der Etage führte, der noch an der Innenseite der Fassade hing. Durch die Fensterbögen auf zwei Seiten der Plattform, hatten wir einen guten Blick auf den Vorplatz und den Weg, den wir gekommen waren. Über die Abbruchkannte nach innen, konnten wir in das von Trümmern, Wurzeln und Moos übersäte, grün leuchtendes Atrium im Erdgeschoss blicken. Zeit ein Lager aufzuschlagen.

Ceridwen behandelte unsere juckenden Pusteln mit einer Paste aus ihren Gürteltaschen. Gilgamosch schlug mit seiner Axt trockenes Wurzelholz und bereitet ein Feuerchen auf dem Mosaikfußboden der einst prunkvollen Vorhalle. So das Pfanne bald ein kleines Mahl aus unseren Vorräten bereiten konnte, nach dem er sich um Praioslob gekümmert hatte. Der Widder knabberte an dem Moosen im Atrium und ich hoffte nur, das der dumme Bock nicht anfing zu leuchten. Cronach hatte sich zur Meditation in eine Ecke zurück gezogen, in der noch ein Rest eines gemauerten Kamines empor ragte. So das es an Tressler und mir blieb, abwechselnd die erste Wache auf unserem erhöhten Unterschlupf zu halten. Wir bekamen etwas Ruhe und eine deftiges Mahlzeit aus dem Proviant das wir mit führten. Ceridwen ließ es sich nicht nehmen noch ein paar Schutzzeichen mit Kreide an Wände und Boden zu zeichnen. Die Leute aus dem Hangwald waren da etwas urtümlich und selbst die Zwerge hatten nach den ersten Eindrücken der Brache kaum etwas dagegen. Es war ruhig auf dem Platz und auch im Wald über und regte sich nichts. Scheinbar war alles vor dem Feuersturm geflohen. Ich studierte nebenbei noch etwas in der kleinen Kladde mit meinen Aufzeichnungen, die ich zusammen getragen hatte und machte eine paar Notizen. Unsere erste Nacht in der Brache verlief bis dahin ruhig und ich war froh als mich Gilgamosch ablöste und ich die Augen ein wenig schließen konnte.

VI. Aufgeschreckt.

Ich kann nicht sagen wie lang ich eingedöst war. Als mich Ceridwen leise weckte, fielen ein paar Schneeflocken durch das Loch im Wald zu uns herein. Ich bemerkte im grünen Mooslicht, den besorgten Blick der Jägerin, der dem finsteren Geäst der Bäume galt, die den oberen Hang um den alten Platz seit Jahrhunderten säumten. Die Äste warfen schaurige Schatten auf die Trümmer um uns, während der Schnee in dicken Flocken hinein fiel. Da wahren merkwürdige Geräusche. Ein Klicken und Trippeln überall um uns und über uns. Wir verteilten uns, so das wir die Engpässe gut abdecken konnten und den Vorplatz und das Atrium im Blick hatten. Plötzlich war Ceridwen wieder neben mir und hauchte mir alte Worte ins Ohr. Wobei sie kurz über meine Augen strich. Und dann sah ich die krabbelnden Schrecken aufglimmen. Vielarmige Schatten die sich in den Ästen über uns in Position brachten oder in den erhöhten Wurzeln des Waldes lauerten. Ich riss mich zusammen und schoss so gleich auf einen der unförmigen Leiber, die sich im Geäst über uns verbarg. Der Körper von der Größe eines fetten Menschen platzte auf, als der Bolzen ihn durchschlug und ein spinnenartiges, verdrehtes Etwas fiel zwischen uns und zuckte noch einen Moment mit seinen neun Beinen. Ich kann sie sehen!,flüsterte ich Tressler zu und reichte ihm meine Schlunder Kurbel. Er begriff schnell und gab mir seine Armbrust, die er geladen im Anschlag hielt, aber für sich kein Ziel ausmachen konnte. Sogleich fing er an die Verschossenen zu spannen. Ich suchte eine weiter Spinnenkreatur und schoss eine herunter, die sich gerade aus einem überhängenden Baum in das Atrium abseilte. Praioslob sprang unter dem herabfallenden Leib aus dem Atrium heraus. Pfanne erledigte mit seiner Armbrust ein Biest, dessen schwarzer Leib sich gut auf dem grünen Leuchtmoos abzeichnete, als es unserem treuen Widder im Atrium nachsetzte. Schnell tauschte ich wieder die Waffe mit Tressler, der im flinken laden sehr geübt war. Ich nagelte mit dem Bolzen eine Spinne an die dicke Wurzel, die sie gerade herunter klettern wollte. Ein Viech, das mehr einem Knäuel aus Beinen und Tentakeln glich, schwang sich unter der Treppe hervor. Praioslob rammte das Hindernis auf seinem Fluchtweg mit seinem Gehörn aus dem Weg. Das Knäul flog in das Feuer neben der Treppe und vollführte in der aufstobenden Glut einen hektischen Tanz mit seinen Arm, Bein und Tentakel Gewirr, bis es brennend aus der Villa stob. Gilgamosch, der die Treppe oben sicherte, ließ den Bock passieren, aber eine aus dem Glutregen nachfolgende Spinne tödlich auf seinen Wurmspieß auflaufen. Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, wie der Ferkina auf einen Mauerrest, der sich über uns erhob, gesprungen war um mit seiner, mit eingeknüpften Raubtierzähnen und Feuersteinspilttern verstärkten, Neunschwänzigen Peitsche über uns zu wirbeln. Zwei Spinnen erwischte er beim abseilen und schickte er in die Tiefe. "Vorplatz!" brüllte Tressler neben mir. Er legte nun selber an und schoss durch den Fensterbogen hinter dem er saß. Wir nahm die Spinnenhorde unter Beschuss, die über den grün erleuchteten Vorplatz in unsere Richtung schwärmte. Pfanne schoss weiter in Richtung Atrium und bekam Hilfe von Chronach, der dazu übergegangen war, zielsicher große Trümmersteine von der Mauer zu werfen. Deformierte Leiber krochen, auf oft überzähligen Gliedmaßen, die teilweise tierisch oder sogar abscheulich menschlich wirkten, aus Löchern und Spalten hervor und wuselten über den Platz auf uns zu. Da erbebte ein Brüllen wie Donnerhall über den Platz. Die Spinnen nahmen reiß aus und verstreuten sich in alle Richtungen.


VII. Beute!

ER kommt! Verkündete unser Ferkinajäger verheißungsvoll von Oben, als eine Schwärze sich aus einem der Zuwege auf den Platz ergoss und das grünliche Licht unter schattenhaften Schwaden erstickte und das Sternenlicht verdunkelte. Ein tiefes Grollen brachte die Steine um uns zum vibrieren. Selbst mit meinen magisch erweiterten Sinnen, sah ich seine schattenhafte Silhouette nur schwach glimmen, als Er den Platz betrat. Der Jäger hatte seine Jäger gefunden!

Ich winkte die Anderen zu uns an die Fassadenfenster, hinter denen wir uns duckten. Gilgamosch drückte sich an die Wand beim Treppenabsatz um weiter unseren Rücken zu decken. Und Praioslob zog sich in den Schatten der Ecke zurück. Dann nahm uns die heranbrandende Finsterniss die Sicht und unterdrückte alles Leuchten und auch den Schein des Feuers unter uns. Der Schrecken schlich lauernd über den Platz und witterte nach Beute. Ich vermochte nur zu hoffen, das die Tinktur des Jagdmeisters, die unseren Geruch überdeckte noch wirkte. Meinen Blick mochte ich jedoch nicht abwenden, da ich selbst die Entdeckung weniger fürchtete, als den Gedanken, als der Einzige der magisch sehen konnte, diesen Jäger aus dem Blick zu verlieren. Unsere drei Kurbeln waren bald wieder geladen. Doch fehlte durch die beeinträchtigte Sicht die Möglichkeit eine koordinierten Salve abzugeben. Ich fing an ein Gebet still zu rezitieren, welches mein Bruder gerne nutzte um sich zu fokussieren. Ich brachte ganz langsam die Schlunder Kurbel in Positzion und ziehlte ausgiebig auf die rot glimmenden Konturen der gewaltigen Löwengestalt, die zwischen den Trümmern des Platzes her schlich. Ich schoss als das Monster seinen Kopf zur anderen Seite ab wand. Und hörte mit Schrecken, wie der Bolzen gegen Stein schlug. Die Silhouette des Raubtieres ruckte in unsere Richtung. Dann machte der Jäger im Dunkeln einen Satz in die Mitte des Platzes, wo das Geräusch her kam und riss dort mit Wucht etwas um. Steine polterten. Ohnmächtig ließ ich mich in den Schutz der Mauer sinken. Ich hatte die Säulen auf dem Vorplatz vergessen. Die Magie die mir Ceridwen eingeflüstert hatte, machte nur Leben sichtbar. Nicht aber die Trümmer und Säulen. Meinen ersten Schuss hatte ich verschossen. Ich krabbelte im Schutz der Mauer zum nächsten Fenster, an dem Tressler noch einen gespannten Bolzen bereit hielt. Ich klopfte auf seine Schulter und wir tauschten die Waffen. Ich spähte durch das Fenster und mir fiel ein Stein vom Herzen, als ich das Rot der Aureole wieder fand, das den Jäger markierte. Die Kreatur hatte eine Spinne aus ihrem Versteck gezehrt, unweit der Stelle an der der Bolzen auf ein Hindernis geschlagen war. Mit wenigen Hieben war die Kreatur verkrüppelt. Nun fing die Raubkatze an mit der Beute zu spielen. Ihr Pech war mein Glück. Ich bekam die Gelegenheit für einen weiteren Schuss. Ich muste sorgfältiger einkalkulieren wo unbelebte Hindernisse auf dem Platz standen, die ich nicht sehen konnte. So beobachtete ich das Spiel der Katze mit ihrer Beute ein wenig. Doch dann vernahm ich Ceridwens Stimme hinter mir. Sie flüsterte mir zu, das sie meine Sicht nicht mehr lange aufrecht halten könne. Vielleicht gehöre ich zu denjenigen, die wenn man ihnen zu viel Zeit einräumt, einfach zu viele Dafürs und Dagegen abwägt und so den rechten Moment verpassen. Manchmal muss man einfach abdrücken und sehen was passiert. Und so flog mein Bolzen los. Der Mantikor hatte gerade seiner Beute ein weiteres Bein ausgerissen und ich hatte so auf seinen Nacken angelegt. Wie ich vermutete, hatte das Biest bei seinem herum tollen mit der Spinne alle Hindernisse auf der Flugbahn selber um gerissen. Der Wutschrei der über den Platz donnerte kündete vom Treffer. Mit einem mal brach die grüne Lumineszenz wieder durch. Wurde aber sofort wieder von der unnatürliche Finsternis zerhackte und ließ uns in einem blitzartigen Wechsel von Schwarz und Grün zurück, so das unsere Bewegungen merkwürdig abgerissen erschienen. Wir suchten bei diesem Geflacker von Grün und Schwarz vergeblich nach dem Montikor. Konnten ihn aber nicht mehr ausmachen.

Wo war die Bestie hin? Wir luden nach und ich verteilte alle sechs Augenpaare auf verschiedene Richtungen. Meine magische Sicht war fort und die Angst kroch in mir hoch. Ein angeschossenes Raubtier konnte gefährlicher sein. Wir spähten in das Flackerlicht und Pfannes scharfe Augen fanden ihn. Er schrie uns die Richtungsangabe zu. Aber da brach das Ungetüm schon aus der gegenüberliegenden Villa und schoss im Zickzacksprung auf uns zu. Wir feuerten unsere Armbrüste ab. Der schwarze Raubtierschemen raste so schnell auf uns zu und änderte nach jedem Sprung seine Richtung, so das alle Bolzen im Flackerlicht fehl gingen. Lediglich Ceridwen konnte mit einem ihrem Wurfspeere einen Treffer landen, der den Ansturm des Schreckens aber in keinster weise bremste. Mit dem Speer im Nacken sprang der Kollos ab bevor ich meinen Spieß greifen konnte. Ich sah wie das Löwenhaupt auf mich zu flog. Wie seine Pranken sich reckten, um mich zu morden. Wie sich sein schwarzes Maul öffnete, um mich zu verschlingen.

Dann rammte mich Tressler mit seiner Schulter vom Fenster weg und besaß die Kühnheit noch zwei Wurfbeile die er vom Rücken riss, dem Tier entgegen zu schleudern. Eine törichte Kühnheit. Ich sah im fallen wie der Löwenkopf durch das Fenster schoss und seine Fänge sich in Corvinius gepanzerte Seite fraßen, bevor er sich vor dem Angriff weg drehen konnte. Die Masse des Gegners krachte gegen die alte Fassadenmauer und brachte sie zum einsturz. Das Maul riss Tressler unter der Lawine fallender Steine, die sich über uns ergoss, nach draußen. In der Staubwolke die alles fraß, stürzte ich durch den brechenden Boden nach unten, rutschte aus dem Gebäude und schlug hart auf.

VIII. Aus Trümmern erhoben, im Kampf zerstoben.

Ich erwachte aus einem Moment der Besinnungslosigkeit, als neben mir, der Steinhaufen gerade zu explodierte und sich das Monster, mit seinem triumphierenden Gebrüll, aus den Trümmern der Fassade erhob. Ich schützte mich immer noch vor den herumfliegenden Steinbrocken, als das Ungetüm über mich her schritt. Im Maul den schreienden Tressler mit schleifend, den es an der Hüfte verbissen, aus dem Schutt gerissen hatte. Ich reckte meinen Arm empor um Corvinius Hände zu greifen. Doch kraftlos vermochte ich den Freund nicht zu halten als sich unsere Hände zum Abscheid streiften. Die Raubkatze schenkte mir unter den Trümmern und all dem Staub, keine Aufmerksamkeit und so sah ich unseren Gegner, in quälender Langsamkeit aus allernächster Nähe. Größer als ein Auerochse, aber mindestens genau so muskulös, wie der beste Zuchtstier des Hauses Ox. Das vernarbte nachtschwarze Fell aus dem hier und dort Knochendornen oder ganze Knochenpartien herauswucherten. Mir schlug ein Geruch nach faulem Ass, modernden Wald und metallischem Blut entgegen, das ich nur so würgen musste. Er hatte keine Fledermausflügel, wie ich es schon mal bei einem Manticor gesehen hatte. Dieser hatte dafür eine Mähne aus wallender Schwärze die alles Licht fraß. So finster, das schwarze Tentakeln nach allem Licht der Umgebung zu schlingen schienen. Doch ein Bolzenschaft schaute aus dem Fell am Hals heraus. Mein erster Treffer musste die finstere Magie der Schattenmähne beschädigt haben. Daher vermute ich, wirbelten die Schatten diffus wie schwarze Flammen in zu starkem Wind umher und erzeugten dieses Flackerlicht. In meiner Verzweiflung fand ich wieder Kräfte. Wälzte mich zwischen seinen Hinterläufen hoch und rammte zwei Ogerfänger, die ich mit führte, in beide Oberschenkel der Hinterläufe. Das Untier machte vor Schmerz fauchend einen Satz nach vorne. Sein kräftiger Skorpionsschwanz traf mich dabei hart im Rücken und schleuderte mich auf den Schutthaufen. Ich hatte mühe mich schnell wieder auf die Beine zu stemmen. Mein Gegner hatte den schreienden Tressler fallen lassen und drehte sich ruckartig zu mir um, um mich mit ohrenbetäubenden Gebrüll zu schrecken. Blitzschnell wirbelte der Mantikor herum und schlug mit dem Schwanz nach mir. Ich hatte eher mit einem Sprung gerechnet und konnte nur unzureichend ausweichen. Der Schlag schleuderte mich gegen Mauerreste und raubte mir den Atem. Benommen und auf Knien, war ich leichte Beute für den Sprungangriff, zu dem der Mantikor nun ansetzte. Da schnellte Brathammer mit seinem Wurmspieß hinter einer Trümmermauer hervor und konnte das Hinterbein mit einem zusätzlich unter der Klinge angebrachten Sichelhacken erwischen. Mit einem Ruck, in den er sein vollen Körpergewichtes legte, brachte er das Raubtier vorm Absprung zum straucheln. Die Katze wand sich aus dem Haltegriff und rollte in einer Staubwolke über das Trümmerfeld ab. "Meiner!" schrie Pfanne von oben aus dem Trümmerhaufen und schoss aus den Resten der ersten Etage einen Bolzen in die Flanke. Der Mantikor schleuderte herum und pflegte Brathammer, der mit seinem Spieß nachsetzte, mit einem Hieb seines Chitinschwanzes von den Füßen. So gleich fixierte er mich nun und rannte brüllend auf mich zu. Ich suchte, bar einer vernünftigen Waffe mit der ich seinen Ansturm stoppen vermochte, mein Heil in der Flucht und rollte mich durch die Reste des ehemaligen Einganges, nach Innen, in die Vorhalle. Ich kroch so schnell ich es vermochte unter den Trümmern der ehemaligen Decke her und weiter hinein. Doch ich war nicht das Ziel. Das Monster wollte mich nur verscheuchen und setzte hinter mir zum Sprung an. Ich hörte über mir die Schreie und robbte, so schnell ich es vermochte, weiter zur Treppe. Zog mich hoch, rannte hinauf und zog die Streitaxt vom Rücken. Die Raubkatze hatte Pfanne nach seinem Schuss angesprungen und unter sich begraben. Nun riss sie an seinem linken Unterarm, der in dem mächtigen Maul steckte, das man die Knochen gar fürchterlich knacken hörte. Doch der Zwerg hatte ein großes Fleischermesser aus dem Messerset, das er um den Bauch trug, gerissen. Vor Schmerz und Wut schreiend stach er wild auf das Löwengesicht ein. Ich kam hinter der Kreatur heraus, rollte unter dem umher peitschenden Schwanz her und trieb ihr meine Streitaxt mit kräftigen Hieben in Hals und Flanke, so das sie von dem Zwerg am Boden ablassen musste. Ich trieb das Tier mit weiteren Schlägen meines wie ihm Wahn geführten Ausfalls zurück. Bis ein Prankenhieb mir fast die Waffe aus der Hand riss und ich einer zweiten Pranke ausweichen musste. Ich war in meiner Rage voll in die Finte gestolpert.

Unter dem stechende Schmerz in meinem Bein, brach ich zusammen. Der Skorpionstachel ragte aus meinem Oberschenkel und ich sah wie die Giftdrüse pumpte. Chronach ui Duns riesiges Haumesser zerschlug den Schwanz des Mantikors. Der Ferkina, der Staub grau aus dem Nichts gekommen schien, sprang mit löwengleichem Brüllen an mir vorbei und nahm mit Runensteinaxt und Haumesser den Kampf weiter auf. Mir schwanden bereits die Sinne als der Mantikor von wirbelnden Schlägen aus dem Gebäude getrieben wurde. Ich muss es auf das Gift, das durch meine Adern brannte schieben, das es den Anschein hatte, das der Mann aus den Bergen, nun selber fast Löwengestaltig war, als er im Jagdrausch dem Mantikor nach sprang und ich ihn das letzte mal sah. Ceridwen war über mir. Hielt meinen Kopf. Ich hörte ihre Stimme mir diese merkwürdigen Worte einflüstern. "Tressler?" fragte ich sie. Doch sie schüttelte zur Antwort nur den Kopf. Immer ferner hörte ich ihr wispern. Der Höllenschmerz brannte mich aus. Und dann verlor ich immer wieder das Bewusstsein und badete in unermesslichen Schmerzen.

IX. Reißaus, im Wahn meiner Erinnerungen.

Ich erwachte und wurde von hektisch Gefährten durch dunkle Gänge gezogen. Ich erwachte und mir wurde von ängstlichen Gefährten, im Versteck der Mund zu gehalten. Ich erwachte und wurde von erschöpften Gefährten durch finsteren Dickicht gezogen.

Als ich wieder zu mier kam, brannte mir jeder Muskel im Leib. Ich sah meine Leute wie sie an schwarze, dicke Mauern gelehnt, in verschiedene Richtungen nach draußen spähten. Nur Ceridwen sass vor mir und hielt mit beiden Händen meinen Kopf. Sie sah mich mit ihren grünen Hexenaugen an und flüsterte mir ihre Worte der Macht ein. Ich schrie den Schmerz aus und von jenseits der Mauern, die uns im Rund umgaben, kam das donnernde Fauchen des Montikors als Antwort. Er war noch da. Ich spürte sein Gift in mir und wie eine nieder höllische Kälte sich in meinem Leib breit machte. Nur Ceridwens Augen hielten mich, so glaube ich, im Diesseits. Sonst wäre meine Seele vom Venom verbrannt und in der Brache verloren gegangen. Da ich in meinem Hochmut davon ausging, das ich schon für einiges an Aufsehen auf Dere und somit eventuell auch in Alveran gesorgt hatte, kam mir das zu schade vor. Und so erwachte mir mein Kampfeswillen und der Ansporn meine Stellung wieder einmal zu halten.

Mein Blut kochte und mein Herz wollte mir jeden Moment vor Anstrengung zerspringen. Mein Verstand versetzte mich wieder in die Schlacht von Zwingstein und ich gab Befehle aus, um meine Truppen umzugruppieren und sandte Reserven nach vorne. Gegen das Gezücht das Uns verschlingen wollte. Ich hatte viele schreckliche Details aus der Schlacht verdrängt, die mir jetzt ins Bewusstsein schossen. Die grausamen Kreaturen zerfetzten die Leiber, rissen Gliedmaßen ab und fraßen überwältigte Kämpfer bei lebendigem Leib. Die Schreie der Sterbenden vermischten sich mit meinen Schmerzensschreien und dann brandete das Getöse des Mantikors wieder über allem. Ich verlor meine Sinne zwischen Alptraum und Wirklichkeit und die Schlacht tobte endlos lange. Ich musste nur durchhalten bis die Garethier ausrückten. Ich muss einige male noch aufgewacht sein und sah doch halb im Wahn die Schlacht toben. Drei Harpyien krächzten voll Vorfreude und kreisten, in Erwartung unseres baldigen Asses über uns. Doch dann erbebte der Boden unter dem donnernden Ansturm der Stachelphanten und meine Reihen barsten. Die gigantischen Chimären stürmten auf den Feldherrenhügel zu. Ich nahm meine Lanze auf und rief die letzten Verteidiger zusammen. Mein Herz mochte jeden Moment zerbersten, als die dornigen Giganten auf unser Häuflein Lanzen traf. "Halten!" rief ich über die Schreie der Sterbenden aus und schreckte aus meiner Wahnvorstellung hoch.

Die Mauer an der ich lehnte erbebte, als sich etwas mit Wucht gegen sie warf. Ich sah Gilgamosch hektisch an der Seiten des Turmes mit der Armbrust agieren. Ceridwen schleuderte einen schweren Mauerstein in die finstere Tiefe, jenseits der Mauer. Ich zog mich mit schmerzenden Gliedern hoch. "Wir müssen die Stellung halten!" stöhnte ich aus meiner trockenen Kehle. "Hinn ist wieder wach!" vernahm ich Pfannes Stimme. Er lehnte mir gegenüber und hielt seinen verbundenen Armstumpf. "Sehr erfreut euch wieder bei uns zu haben", begrüßte er mich, mit einem, unserer Situation trotzendem Lachen in den Backen. "Eure Jagdtrophäe ist immer noch da draußen und möchte gerne mit euch zu ende spielen" spöttelte er. Er mochte seine Hand, aber nicht seinen Schlunder Humor verloren haben. Ich erfuhr, in einer kurzen Zusammenfassung, das wir uns schon zwei Tage in dieser alten Turmruine verkrochen. Cronach war nicht mehr aufgetaucht. Hatte der Kreatur aber scheinbar im Zweikampf ordentlich zugesetzt und unsere Flucht ermöglicht. Die Anderen wollten seine Todesschreie über Stunden vernommen haben. Ceridwen hatte einige Mühen gehabt, uns einigermaßen wieder zusammen zuflicken und dabei unsere Heilmittel nahezu erschöpft. In der Nacht zuvor hatte uns der Mantikor wieder aufgespürt. Verkrüppelt lauerte das Monster seit dem, im finsteren Dornendickicht um den Turm. Seit sich die Nacht über uns legte, griff er uns mit neuen Kräften immer wieder an und schien die Mauern zu testen. Der Zwerg versicherte mir das dieses finstere Mauerwerk, aus riesigen Steinblöcken gefügt, auch nach Jahrhunderten noch sehr stabil sei. Wir hatten noch zwei Schlunder Kurbeln, nach dem Gilgamosch es geschafft hatte, einen Mechanismus wieder zu reparieren. Aber uns gingen die Bolzen aus. Und die Harpyen lauerten schon über uns. So hatten meine Gefährten entschlossen Bolzen zu sparen. Sollte sich der zornige Mantikor doch an den Mauern abarbeiten, die Ceridwen mit ihren Zauberzeichen versehen hatte. Trotzig stimmte Gurtag ein altes, zwergisches Drachentöterlied an und wir stimmten alle, so gut wie es unser Rogulan zuließ, mit ein und übersangen die Schrecknisse jenseits der Mauer.

X. Belagert

Bis in die Brache, das erste Morgenlicht dämmerte, gingen die Angriffe weiter. Raubten uns den Schlaf und sollten uns, wenn schon nicht das Mauerwerk, zermürben. Eingenickt war ich dann trotzdem. Und erwachte in neuen Schrecken. Ich sah in die gebrochenen Augen Gurthags und wusste das Pfanne uns in den Morgenstunden verlassen haben musste. Ich rappelte mich auf und rief Ceridwen und Gilgamosch. Wir konnten erst keine offensichtliche Todesursache feststellen. Ceridwen hatte ihr bestes getan, um den vom Kampf ramponierten Gefährten zu versorgen. Und so schnell stirbt ein Zwerg nicht. Erst als wir versuchten ihn zu bewegen und sein Leib sich nicht von der Mauer lösen ließ, an der er sich zur Nachtruhe gelehnt hatte, erkannten wir welches Grauen ihn geholt hatte. Mit Gilgamoschs Hilfe versuchte ich Pfannes Leib von der Mauer zu ziehen. Wir mussten uns mit den Beinen gegen die Mauer stemmen, um seinen Oberkörper zur Hälfte von der Wand zu reißen. Ein knotiges Klettergewächs war über die Mauer gewuchert und hatte sich, scheinbar im Schlaf, durch Lücken in seiner Rüstung, durch Nähte seiner Gewänder und durch das Fleisch in seinem Rücken gebohrt. Wir hatten Mühe mit Haumessern die blutigen Triebe, die sich um sein Rückgrad wanden, zu lösen, bis wir ihn auf den Bauch liegend vor uns hatten. Im offenen Rücken und an der Wand wanden sich die abgetrennten Schlingwurzeln und suchten einander, bis wir sie ausbrannten. Oder gierten sie nur nach neuem Fleisch, das sie aussaugen konnten. Wieder hatte die Brache sich einen von uns geholt. "Fleisch!" krächzten die drei Harpyien, die aus den Bäumen wieder aufgestiegen waren, um über uns, dem Verderben Geweihten, zu kreisen. "Fleisch!"

Fleisch wollten wir ihnen geben. Wir standen bis zur Hüfte in dem modrigen Schlamm, der die untere Etage des Turmes bis zur Hälfte füllte. Während Gilgamosch und ich, mit den Armbrüsten vergeblich auf einen guten Schuss gewartet hatten, um unsere Wut zu stillen, hatte Ceridwen den Zwergenleib in unserer Mitte weiter geöffnet und mit seinem Blut ein magisches Zeichen um die Leiche gezeichnet. Pfannes Seele mochte verloren sein. So sollte uns Lebenden wenigstens sein Fleisch zu einem Racheakt reichen. Der Hunger der Harpyen steigerte sich durch das Blutzeichen bald zur blinden Fleischgier. Wir hatten uns in die halb versunkenen untere Etage zurückgezogen und lauerten. Bald hörten wir wie spitze Klauen und Schnäbel gierig an Fleisch rissen. Die alchemistischen Zünder, die mein Schwiegervater uns überlassen hatte, würden bald schaden nehmen. Die Flüssigkeiten sich mischen und dann...

... dann krachte es über uns auch schon infernalisch und die Vogelweiber kreischten auf. Brathammer stürmte mit der Armbrust im Anschlag und einem Kampfschrei auf den Lippen die Treppe hinauf und schoss gleich einer kreischenden Bestie, die sich aus dem schwellenden Bränden um uns erheben wollte, in die Brust. Ich stürmte hinterher, in das Nachglimmen unserer feurigen Verpuffung. Wir hatten einen der Granatäpfel, die wir mit uns führten, aber aufgrund der Enge der Kämpfe, bis jetzt nicht recht einsetzten konnten, in den offenen Leib unseres Gefährten gestopft und den Turm mit unserem verbliebenen Lampenöl getränkt. Die magisch geweckte Gier hatte die gehässigen Assfresserinnen ins verderben gelockt. Ich legte sofort auf eine zweite Harpye an, die mit verkohltem Federkleid an der Wand des Turmes strampelte. Das Kreischen der dritten Wilddrude, die sich, mit noch glimmenden Schwingen, in die Luft erhob, ließ mich aber auf diese umschwenken. Ich riss die Schlunder Kurbel hoch und schoss der Trude in ihren fetten Wanst, so das ihr Gekröse herausplatzte. Erst klatschten die feuchten Darmschlingen auf den Stein. Dann schlug schwer ihr herabfallender Körper auf der Turmmauer auf, um dann weiter in die Teife zu stürzen. Gilgamosch hatte sich mit seiner Zwergenskraja auf die verliebene, versenkte Kreatur gestürzt, um sie mit kräftigen Hieben zu zerlegen. Das sengende Fleisch und das Brandöl stanken bestialisch um uns herum, das uns bald die Augen trähnten. Pfannes gesprengter Körper war derart verkohlt, das ich hoffte, der Brache nicht viel von Ihm überlassen zu haben. So sprach ich ein Gebet des Feurigen Gottes zu seinen Ehren. "Selbst im Tode noch mit Feuer gegen den Feind! Siehst du Uns, wie unsere Wut brennt und den Feind versenkt!" Schrie ich damals, mehr zu meinem Trost, einen guten Mann verloren zu haben und in dieser feindliche Wildnis verloren gewesen zu sein.

XI.Wahnesmut

"Entschuldigt das ich kurz unterbreche. Ich muss einen Schluck trinken, ehe ich fortfahre. Verzeit das Zittern meiner Hände. Aber was ich euch jetzt berichten werde, lässt mein Verstand nur in Fragmenten zu. Ihr werdet mich für Verrückt halten und einen Lügner nennen. Selbst für mich sind die Bruchstückhaften Erinnerungen so unglaubwürdig, das ich es auf einen kurzzeitigen Wahnsinn schieben muss, der mich nach unserer zeit im Turm ergriffen haben muss. Aber last mich fortfahren."

Ob es das Gift des Mantikors war, das noch in meinen Adern kroch, eine Überdosierung der Heilmittel, mit denen Ceridwen uns aufgeputscht hatte oder der erfolgreiche Schlag gegen die Harpyen. Vielleicht war es auch nur die Verzweiflungstat von Eingeschossenen, die nicht länger auf den Tod warten wollten und das Nahen der nächsten Nacht fürchteten. Wir nahmen auf, was uns blieb und stellten uns vor dem Turm unserem Gegner. Wir Drei, Rücken an Rücken, riefen unsere Forderung in den verfluchten Wald.

Doch die schwarzen Bäume schwiegen. Wir brüllten unsere Wut aus und schrien nach der Mordkatze. Doch der Mantikor ließ sich nicht zum letzten Kampf locken. Wir sangen das alte Lied vom Heiligen Rondred im Senneberg . Und der Brache war es egal. So standen wir dort eine ganze Weile verloren und ratlos vor der schwellenden, schwarzen Turmruine. Der Feind verhöhnte uns und ließ uns zappeln.

Da rief mich Ceridwen. Sie war an die schwarzen Mauern getreten und hatte die Ranken untersucht, die den Turm hoch gekrochen waren. Sie waren in einer fast geraden Linie aus dem Wald gewuchert und ich erkannte was sie meinte. Zu gerade. Zu gerichtet war die Ranke, die in Pfannes Leib gekrochen war, aus dem Wald gewachsen. Wir hatten eine Spur. Ein neues Ziel für unseren Zorn.

Wir waren nicht länger zum Warten verdammt und folgten lebensmüde dem Strang aus knotigem Holz zwischen die finsteren Tannen. Wir entzündeten Fackeln gegen die finsteren Schatten zwischen dem Gehölz und suchten unsere Spur, die sich manchmal verzweigte und wieder zusammen wuchs. Aber stetig aus einer Richtung gewuchert war. Die Hälfte der Stämme an denen wir vorbei schlichen, waren abgestorbene Stümpfe, die von Moderfäule befallen waren. Ein Geflecht von schwefelgelbem Schleimpilz spannte sich, wie giftige Spinnenfäden zwischen Ästen und war merkwürdig am vibrieren. Wie Muskelzuckungen. Knochen vom Kleintieren, Großtieren und auch Menschenartig, bedeckten den toten Boden, über den wir schritten. Der widerspenstige Dickicht verschluckte die letzten Sonnenstrahlen des Tages.


Das laute Brechen eines Stammes zu unserer Linken ließ uns aufschrecken. Der Feind eröffnete mit einem mächtigen Baum, den er unter Getöse zu fall brachte, so das wir auseinander springen mussten, um nicht erschlagen zu werden. Unter dem Regen aus gesplitterten Ästen, Zapfen und Tannennadeln, der auf uns herab prasselte, sprang der schwarze Schatten, über den gefällten Baum, auf mich zu. Ich rollte unter dem Sprungangriff und gleich weiter, unter dem noch bebenden Stamm her. So entging ich mit knapper Not seinen Pranken. Ich schnellte mit der gespanten Armbrust hoch, den noch zitternden Stamm zwischen uns. Und schoss auf das Untier, das sich gerade zu mir umwand. So traf ich nur den hinteren linken Oberschenkel und der Bolzen blieb in knorrigem Holz einfach stecken.

Da war kein Fleisch, kein nachtschwarzes Fell mehr, in das der Bolzen eindringen konnte. Der ganze Hinterleib der Kreatur, dort wo auch meine Ogerfänger noch in den Schenkeln steckten, war seit unserer letzten Begegnung, auf unnatürlicher Weise, verholzt. Der Bolzen hatte den mohagonieschwarzen Oberschenkel, wie ein Holzscheit, fast gespalten. Was dem Viech nichts auszumachen schien. Sein halb abgetrennter Scorpionsschwanz, war von mächtigen Dornenranken umwuchert, die aus dem verholztem Rückgrad wuchsen, sich am verstümmelten Stumpf entlang wanden und nun, wie die neunschwänzige Peitsche Chronachs, über seinem Haupt peitschten. Die Dornenranken schossen auf mich zu und umschlangen die Armbrust und meine Unterarme. Ein schmerzhafter Ruck, riss mir die Arme auf und die Schusswaffe aus den Händen. Die Schlunder Kurbel flog davon und zerschellte an einem Stamm. Ich wurde aus der Schreckensstarre gerissen, in der mich dieser ungeheuerliche Anblick fesselte, als drei barbarische Hangwälderinnen gleichzeitig an meiner rechten Schulter vorbei ,auf den Stamm sprangen und mit einem Kraftschrei ihren Wurfspeer warfen. Der Mantikor hatte gerade zum Sprung auf mich angesetzt. Wich aber lieber, angesichts der plötzlichen Überzahl, zur Seite aus. Trotzdem traf ihn ein Runenspeer an der Flanke. Bei dem Versuch auszuweichen war das Monster direkt vor das Nadelholz Geäst am Ende des Baumstammes geraten, aus dem nun ein Brathammer, mit angelegter Armbrust hervor lugte und dem keifenden Löwenmaul einen Bolzen, aus aller nächster Nähe, in den Rachen schoss. Der Bolzen kam, durch die Wucht gebrochen, am linken Kaumuskel wieder zur hälfte heraus. Die Kreatur zuckte unter dem Schuss zurück und Brathammer verschwand wieder im Tannengrün. Knarzend sprang die Raubkatze, mit ihren hölzernen Beinen ab, um wie eine Furie unter die Hangwälderinnen zu fahren. Die Drei, wichen mit einem synchronen Rückwärts Salto, gekonnt nach hinten aus und landeten lauernd in der Hocke auf den Waldboden. Ich war während dessen, beim zurückweichen über einen Seitenast gestolpert und lag nun halb unter den Seitenästen. Der Mantikor setzte in seiner tobenden Wut, mit einem Sprung, den lauernden Jägerinnen nach. Die dreifache Ceridwen riss ihren Stoßspeer empor und ließ den Mantikor auflaufen. Durch die mittlere Frau biss der Kopf des Ungeheuers einfach durch. Die Linke rammte ihren Speer, tief unter den Hals, in den Leib. Wurde aber von einem Schwanzhieb der Dornenranken, blutig zurück geschlagen. Die rechte Ceridwen wurde von dem massigen Leib, der sich nach dem schmerzhaften Stoß der Linken Jägerin seitwärts abrollte, überrollt und zerquetscht. Ich befreite mich aus den Ästen und stürmte mit meiner Streitaxt auf das Monster zu. Auch Brathammer war an meiner Seite und fing einen wirbelnden Hieb der Dornenpeitsche mit seinem Ornamentschild ab. Wir droschen auf das Untier ein, bis es durch das Unterholz davon stob. Brathammer ließ mit seinem Spieß nicht ab und setzte nach. Ich suchte derweil nach Ceridwen. Mit blutendem Oberkörper und von Dornen zerfetzten Gesicht, erhob sie sich aus einem nahen Gebüsch, in das der wuchtige Hieb der Dornenranken sie geschleudert hatte. Ihre Doppelgängerinnen waren verschwunden. Sie griff mit beiden Händen in einen ihrer Gürtelbeutel und strich sich eine weiße Paste über ihr Gesicht, was sie verwegen aussehen ließ, aber sogleich die Blutungen stoppte. Sie packte ihren blutigen Speer, während sie alte Worte der Macht sprach. Ich half ihr hoch. Wir klopften uns kurz auf den Rücken und folgten Gilgamoschs blökendem Jagdschrei, tiefer in den Wald.


XII Das Finstere Herz des Waldes

Wir folgten dem Jagdruf des Zwergen, der scheinbar im Zickzack vor uns durch das Unterholz brach und von der wunden Kreatur nicht ablassen wollte. Dann wurde es plötzlich still. Wir eilten weiter in die Richtung, aus der wir unseren Zwergenkrieger das letzte mal vernommen hatten. Über einen Abhang, rutschten wir auf einen verborgenen Hohlweg, der sich vor uns im Dickicht auftat. Gilgamosch lehnte an einem verdrehten Stamm und lugte verstohlen in den Weg hinnein. Wir pirschten, in der Deckung einiger Krüppelbäume, zu ihm herüber und wagten auch einen Blick.

Der Hohlweg war von deformierten Bäumen gesäumt, die wie die Säulengänge einer nieder höllischen Kathedrale, auf einen mächtigen schwarzen Stamm zu führten, der aus mehreren verdrehten Bäumen zu bestehen schien. Unter kräftigen Wurzeln, die in Bögen grotesk aus der Erde ragten, wucherten Dornenranken und umrankten im Würgegriff, alle umstehenden Bäume. Die schwarzen Äste des gewaltigen Unbaums reckten sich, wie schaurige Tentakeln gleich, dem Nachtgestirn entgegen, als wolten sie die fernen Himmelslichter anbeten oder aber aus dem Sternenwall reißen. Der Chimärenleu war auf halben Wege zusammengebrochen und seine finstere Blutspur tränkte den schwarzen Moderboden.

Ceridwen zischte zornig ihre Zaubersprache und schluckte rasch eine grünlich glühende Flüssigkeit aus einer Phiole. Wohl um ihre Kräfte zu stärken. Die Wundpaste war auf ihrem zerschlagenen Gesicht zu einer weißen Maske verkrustet und verlieh der Rothaarige nun das raubtierhafte Äußere, einer archaischen Jägerin vergangener Kulturen. Auch Gilgamosch nahm schnell noch einen Schluck aus seinem Flachmann. Wir traten auf den Weg hinaus und näherten uns vorsichtig unserer Beute.

Der finstere Alptraumleib hob und senkte sich noch unter den letzte Atemzügen, als wir uns links und rechts des Weges näherten. Dann erkannten wir die Gesichter in den Stämmen, unter denen wir uns anschlichen. Klein und verdreht, mit langen Nasen und spitzen Zähnen. Gnomenfratzen, von kunstfertiger Hand eines wahnsinnigen Genies aus der Rinde modelliert oder doch eher durch irre Hexerei gewuchert, grinsten uns, in hölzerner Starre, aber sonst recht lebensecht, aus den Baumrinden an. In dieser bizarren Umgebung wurde mir, so kurz vor dem finalem Stoß, recht mulmig zu mute. Gilgamosch war an einen der Stämme am Wegesrand heran getreten und betastete die Holzarbeiten. Vor uns bebte die sterbenden Unkreatur, unter ihren letzten, schnaufenden Atemzügen. Ceridwen und ich hoben unsere Spieße und traten näher an das Ungetüm heran.

Dutzende hölzerne Mäuler rissen gellend auf und kreischten einen infernalischen Todesschrei in den verhexten Forst, als unsere Lanzen im Montikorblut ertranken. Der schwarze Schrecken war erlegt. Der schwarze Wald war erwacht.

Das Geschrei ging uns durch Mark und Bein. Wir ließen unsere Lanzen, die wir tief in unsere Beute gerammt hatten, stecken und stellten uns Rücken an Rücken. Ich zog meine Streitaxt und Ceridwen ihr großes Haumesser. Gilgamosch hatte seine Hand schnell von einem kreischenden Koboldskopf weg gezogen. Doch der gerade noch starre Bosnickel, riss sich nun, in recht lebhafter Tobsucht, von der Borke mit der er verwachsen schien und biss in die knollige Nase des zurückweichenden Zwerges. Der ließ Schild und Spieß fallen und zehrte schreiend an seinem Peiniger, bis er dessen Holzärmchen abgerissen in den Händen hielt. Was nicht dazu führte das der Holzkopf seinen Biss löste. Ceridwen sprang herbei und ergriff die Holzpuppe im Nacken. Ein Zauberwort und das Püpplein schrie in ihrem Griff auf, so das es die Nase frei geben musste. Ceridwen riss den keifenden Holzbold empor und beschrie ihn mit Zauberworten. Der Zwerg fluchte und rieb sich seine Richknolle. Da sprang schon ein weiters Dutzend dieser frechen Holzbolde aus den nahen Bäumen heran. Gilgamosch war so gleich Einer in den Rücken gesprungen, der nun von Hinten, an seinen üppigen, roten Bartzöpfen riss. Doch der Zwerg machte geistesgegenwärtig eine Hechtrolle vorwärts, die man ihm bei seiner Masse gar nicht zu getraut hätte. Eine Gnomenhorde, die Holzmesser und Knüppel schwingend auf uns zu stürmte, kegelte er auf seinem Weg mit seiner Körperfülle einfach um. Dabei zerbarst auch gleich der Gnom im Nacken, während seine Ärmchen als Zierrat im Bart hängen blieben. Bevor die anderen ledierten Gnome wieder aufstehen konnten, war Brathammer auf den Beinen und zerschlug sie mit Rabenschnabel und Zwergenskraja zu Kleinholz. Ich wehrte mit Hieben und Tritten eine Gruppe von der anderen Seite ab und verschaffte so Ceridwen Zeit. Die stemmte immer noch die kreischende Puppe in die Luft und brüllte weitere Zauberwort, bis der Holzkerl anfing, unter Gezeter, wieder auszutreiben. Sie warf den sprießenden Holzling, mit all ihrem Zorn auf eine weitere Schar, die den Hohlweg entlang stürmte. Die Holzbolde wurden von dem wild um sich wuchernden Holzkerl umgerissen und von den Ranken ein gesponnen. Immer mehr dieser fiesen Fratze rissen ihre Leiber aus den umstehenden Bäumen, aus denen sie gewachsen schienen. Und wir zerschlugen sie, Rücken an Rücken kämfend. Zwischen dem verreckten Mantikor und dem wuchernden Knäuel hatten wir zu zwei Seiten etwas Deckung. Doch die meisten Fieslinge kletterten nun nach oben in die Kronen. Dort rissen sie lange Dornen, wie kleine Messerchen, aus den Ästen und warfen sie auf uns. Eher lästig als gefährlich, nahm ich das fallen gelassene Ornamentschild zur Deckung auf. Da stapfte ein mächtiger Stamm auf das wuchernde Rankenknäul und zerrieb die darin gefangenen Gnome unter seinen Wurzeln. Ein schreckliches Zerbild eines Waldschrates hatte sich aus dem Wald gelöst, um uns den Gar aus zu machen. Wir brachten uns mit einem Sprung über den leblosen Mantikorleib aus der Reichweite des finsteren Moderschrats. Der war noch immer damit beschäftigt, das wuchernde Rankenkneul, das Ceriden erschaffen hatte, zu zertreten. Schnell zog ich unsere letzten beiden Granatäpfel hervor und verband sie mit Schnüren. Gilgamosch wehrte mit kräftigen Hieben, ein paar Gnome ab. Ceridwen flüsterte hinter mir wie der Wind in den Hangwäldern und zog dann kurz, mit magischen Kräften, an den Ästen eines nahen Krüppelbaumes, um ihn so gleich wieder los zu lassen. Die Holzbande, die uns aus den Ästen bewarf, wurde durch die zurückschnellenden Äste heraus geschleudert und gab ruhe.

"Er kommt!"schrie Ceridwen, der die Erschöpfung ihrer Kräfte deutlich ins Gesicht geschrieben stand. Ich verließ unsere Deckung und schleuderte die Tongugel am Seil über meinem Kopf. Der Finsterschrat brach im vorbei gehen gerade einen großen Ast aus einem Baum und schwang ihn als Knüppel. Dann warf ich die beiden verbundenen Kugeln ab. Und traf. Durch die Gewichte an beiden Enden, wickelte sich das Seil um die Hüfte des Schrates. Wir sprangen hinter den mächtigen Katzenleib in Deckung und warteten die beiden Detonationen ab. Als wir wieder aufsahen, war der Schrat niedergestreckt und hatte nicht nur seine Beine verloren. Er brannte am unteren Ende und auf dem Rücken. Trotzdem zog sich der Baumschrat mit den Armen voran, auf uns zu und in seinen Augen glomm Mordlust.

Der Zwerg, der uns bis dahin den Rücken gedeckt hatte, sprang als erstes los, tanzte auf dem Schrat und zertrümmerte den verkrüppelten Baum unter einen Hieben. Da waren wir einen Moment unachtsam. Und so erwischten Dornenranken, die von Hinten an uns heran gekrochen waren, Ceridwen und rissen sie fort. Ihre Beine waren umschlungen und sie schrie, als sich die Dornen in ihr Fleisch bohrten. Sie wurde über den Moderboden zu der mächtigen schwarzen Eiche gezerrt, aus deren Borke nun dutzende Augen, gierend auf uns starrten. Ich rief nach Gilgamosch und wir eilten Ceridwen nach und zerschlugen Bosnickel und Dornenranken auf unserem Weg. Aber wir waren nicht schnell genug. Überall brach der Boden auf und Wurzeln schlugen nach uns oder versuchten uns zu umschlingen. Ceridwen wurde von den Ranken an ihren Beinen in die Höhe gezehrt und schlug Kopfüber hängend, mit ihrem Haumesser um sich. Sie versuchte sich so gut es ihr möglich war gegen die Wurzelruten zu wehren, die nach ihr peitschten und nach ihr griffen. Bald waren ihre Arme umschlungen, so das ihre Gegenwehr nicht mehr möglich war. Wir hatte uns durch das Pandämonium fast zu ihr durch gekämpft, als sich die Dornenranken und die Wurzeltentakeln, die sie an Beinen und Armen umschlungen hatten strafften. Ceridwen wurde in der Luft zerrissen. Ihr warmes Blut spritzte uns entgegen und ihr Schrei brannte sich für immer in meine Nachtträume.

Gilgamosch hackte sich wie wild, im Kampfrausch weiter voran. Arbeitete sich immer weiter an Ceridwens Torso heran, der von den Ranken weiter und weiter gezogen wurde. Wie ein Fisch der der Angel folgt, schlug sich der Zwergenkämpfer voran in sein Verderben .

Ich wehrte wie in Trance Rankenhiebe ab und wich Wurzeln aus, die aus der Erde schossen. Ich sah, wie eine dicke Baumwurzel, die über einen mächtigen Felsstein gewuchert war, diesen einfach in das Blätterdach hoch riss. Ich rief noch warnend "Gilgamosch!" Der auch sogleich kampfbereit zu der schwarzen Eiche herum fuhr. Aber zu einem "über dir" kam ich nicht mehr. Aus dem Blätterdach sauste der Steinbrocken herab und zertrümmerte Gilgamosch Brathammer. Die Wurzelklaue hob den Steinblock, an dem noch seine Gewebereste, in langen roten Fäden hingen und schlug erneut zu, und erneut und erneut. Der gepanzerte Zergenkörper wurde vor mir zerstampft, seine Knochen zermahlen und seine Überreste von weiteren Hieben in den fauligen Boden eingearbeitet.

Dann traf mich etwas am Helm. Der Schaller wurde mir fast vom Kopf gerissen. Ich landete benommen am modrigen Boden und musste kraftlos über mich ergehen lassen, das die Ranken nach mir griffen und mich zu der schwarzen Eiche zogen. Der Waldboden roch metallisch nach Blut und faulig nach Verwesung. In einer Wurzelhöhle des Dämonenbaumes riss ein gieriges Maul auf, das danach gierte, mich zu verschlingen. Meine Waffe hatte ich verloren und meine Finger fanden in dem weichen Boden keinen Halt. Schritt um Schritt näherte ich mich der Pforte in die Niederhöllen. Den um nichts anderes, muss es sich bei diesem Schlund des Grauens gehandelt haben. Verzweifelt krallte ich mich in die Erde und zerwühlte sie, auf meiner Suche nach Halt. Meine Finger schlossen sich um etwas Hartes. Ein verrosteter Dreikant, etwas mehr als einen Spann lang, der schon lange in der Erde gelegen haben musste. Ich wurde über geborstene Steinplatten geschliffen und fand für einen Moment Halt an einer Steinplatte, die aus dem Boden vor der Eiche ragte. Meine Beine mussten schon in der dämonischen Maulgrotte gebaumelt haben, aus der die Ranken, die mich gepackt hatten, wie Zungen sprossen und mich hineinziehen wollten. Ich wand mich um und starrte in ein großes gelbes Auge über dem Maul, das mich gierig beglotzte. Ich setzte alles auf eine Karte. Ich stieß mich ab und rammte den uralten Dreikantnagel in das Sinnesorgan dieses nieder höllischen Gewächses, das so ekelhaft aus Deres Leib wucherte. Das Brüllen des erbebenden Dämonenbaumes brandete durch den Wald. Mir platzte eitrige Flüssigkeit entgegen und ich wurde von einer Druckwelle erfast, die mich weg schleuderte.

Benommen nahm ich das Wüten des Unbaumes wahr. Wie seine Tentakeläste zornig über mir durch die Luft peitschten und alles zerschlugen. Ich kroch, unter Aufbringung meiner letzten Kräfte, unter eine Steinplatte, die von einem geborstenen Sarkophag herabgerutscht war. Die dicke Reliefplatte versprach einzig etwas Schutz gegen das Toben des Dämonenbaumes. Und vor den suchenden Blicken, der geschwulstartigen Augen, die seine Äste wie Pocken befallen hatten. Ich zog mich in die finstere Ruhestätte, die unter den schwarzen Wurzeln verborgen lag und sog den erdigen Humusgeruch auf, der hier aus der Graberde strömte. Benommen vom schweren Duft und am Ende meiner Kräfte, schwanden mir die Sinne, während über der schützenden Erzplatte, das nieder höllische Pandämonium tobte. Mir war bald als sacke ich durch den weichen Erdboden. Als würde mich Dere schützend in sich aufnehmen und mich vor den Schrecken der Brache verbergen. Ich sackte durch warme Erde in den Schoss der Erdmutter und ein Gefühl der Geborgenheit breitete sich aus.

XIII In Uthars finsterem Tann

Als ich auf, von Tannennadeln gedecktem Waldboden erwachte, umgab mich eine Finsterniss, die mehr einem Abhanden sein von allem Sein glich. Mich umgaben unzählige Stämme von Nadelbäumen, in diesem dusteren Tann. Aber trotzdem drängte sich das Nichts zwischen den Stämmen auf. Ein Blöcken ließ die Stille zerbersten und ein diffuses Licht waberte über Felsbrocken, die zu einer schroffen Felsklippe zusammen geschoben, den Finstertannicht an einer Seite begrenzten. In der Lichtaureole, die auf dem Felshang tanzte, stand die Silhouette eines mir wohl bekannten Schafswidders,der mir weiter, warnend zu blökte. Eine aufkeimende Furcht trieb mich der Felsbarriere entgegen. Ich beschleunigte bald meine Schritte, als ich gewahr wurde, das in dieses Nichts zwischen den Stämmen, dornige Dämonenranken krochen und rasant wuchernd nach mir gierten. Ich rannte mit neu gefundenen Kräften auf die Barriere zu und erklomm sie, bevor mich die Ranken umzingeln konnten. Ein imposanter Recke, der neben Praioslob in die alveranische Aureole getreten war, reichte mir auf dem letzten Meter seine Hand. Ich dachte im ersten Moment, das es mein Vater war, der als Geist mir gesandt, mich durch Uthars Tor begleiten sollte. Er zog mich zu sich empor und wies mir, mit einer Geste, ihm zu folgen, als er sich zum gehen abwandte. Ich blickte nicht zurück und folgte. Nein meines Vaters Züge waren es nicht, wenn auch ähnlich.

Wir wandelten über einen Pfad, an dem die Schatten von Bäumen, im alveranischen Licht, dessen Ursprung ich nicht ergründen vermochte, Spalier standen. Ich vermag nur noch Bruchstückhaft wiederzugeben, was wir auf unserem Weg aus der Brache besprachen. Es sickert tröpfchenweise in meine Träume und manchmal sogar, bei wachem Verstand, in mein Bewusstsein. Leider nichts das ich recht zu nennen vermag. Ich ahne dann nur, das alles mit dem Anbrechen einer Zeitenwende zu tun hat. Das Fallen der Sterne lässt den Alten vom Berg lachen. Korgond rief die Mächtigen zur Macht. Gewiss wird die Leuin bald Blut und Ehre für ihren Thron fordern und doch darf die Wacht nicht wanken. Die Brache ist erwacht und wird das Herz verschlingen, wenn die Wächter sich verführen lassen. Mantikor Gift und Natternvenom werden mich versengen. Die Amseln fliegen wieder. Das Schlafenden will erwachen!

Ich mochte bis zum Ende unseres Weges nicht nach seinem Namen fragen. War es doch nicht wichtig, wer dieser Heroe vergangener Tage war. Ob der Geist eines rondrianischen Kriegers oder gar einer ihrer Alveraniare selbst mich führte, war belanglos. Er brachte Prioslob und mich an den Rand der Bresche, an der wir unsere Jagd begonnen hatten und klopfte mir väterlich auf die Schultern. Dann war er verschwunden. Ich drehte mich um und erschrak vor den nahen Bäumen, die die kränkliche Heide säumten. Ich spürte wie die finsteren Mächte in der Brache lauerten und nach meiner Seele gierten. Ich wand mich um und rannte. Rannte wie von Sinnen. Hörte bald die Schweinshunde hinter mir kläfquicken, spürte die Dornenranken nach mir gieren und vernahm das Klagen meiner toten Gefährten aus den tiefen der finsteren Wälder. Ich sprang über dunkle Pfuhle und rutschte in modrige Senken. Praioslob stob an mir vorbei und wies mir einen sicheren Pfad. Der kalte Morgennebel brannte in meiner Lunge und mein Herz sprang mir bald aus der Brust. Angst hetzte mich im Morgengrauen eines neuen Tages über die verfluchten Heide. Ich erreichte unseren kleinen Hügel und fand unsere Stellung verlassen vor. Hatte ich doch angewiesen, nicht länger als nötig dort in der Kälte auszuharren. Ich wand mich um und sah nichts. Nur das Heidemoor, verwoben in morgendlichen Nebelfetzen. Lediglich meine Ängste narrten meinen gemarterten Geist. Zur Wehr hielt ich einen langen, verrosteten Dreikantnagel umklammert, den ich langsam sinken ließ. Ich erblickte die dunklen Mauern Zwingsteins in der Ferne. Und ich rannte los. Ich rannte die ganze Strecke. Und ich renne noch heute, wenn ich die Augen schließe."

"Wehe mir, wenn mich die Schrecken der Brache einholen."

Praiosmar von Hinn


Zeitplan:

Ende Travia 1042 Einladung zur Jagd in der Brache. 24. Boron bis 1. Hesinde Chimärenhatz bei Zwingstein. 23.Am Abend: ein Fest für die Jäger 24. Morgens: Ansitzjagd - der Auszug in die Bresche – Die Ruinen – Flucht zum schwarzen Turm 25.: Verletzt im Turm – Nacht: Mantikor lauert 26.Tag: Belagert – Nacht: Mantikor bestürmt die Mauer, Hinn erwacht. 26.-27.: IX. Reißaus im Wahn meiner Erinnerungen 28.: X. Belagerung in einer Ruine der schwarzen Türme 29.: Im Morgengrauen Flucht zur Burg Zwingstein

Die Jäger: I: Chronach ui Dun: Ferkina Kundschafter. Stoßspeer, Neunschwänzige mit eingeflochtenen Raubtierzähnen, archaische Runensteinaxt , riesen Haumesser.

II: Ceridwen vom Hangwald, wilde Jägerin aus dem Hangwald mit Saufeder, verhexten Wurfspeeren und ein Runen verziertes Haumesser.

III: Praiosmar von Hinn, Schlunder Kurbel, Lanze, Streitaxt und edles Haumesser.

IV: Gilgamosch Brathammer: üppig in Statur, mit imposantem Rotbart, schlunder Monsterjäger, Schuppenpanzer, Wurmspieß/Hackenspieß, Ornamentschild, Rabenschnabel, Skraja und Vieles mehr.

X: Prailob, das dümmste Schaf des Schlundes. stoischer, Korgonder Goldmähnen Schafswidder. Packtaschen mit Krams.

V: Gurthag Pfannhauser, Hügelzwergen Großwildjäger und schlunder Gourmetkoch, Schlunder Kurbel,Wurmbeil, Klingenset.

VI: Korvinius Tressler, Söldner, der noch eine Rechnung zu begleichen hat, mit Schlunder Kurbel, Wurfbeilen und Bastardschwert.


Die Begleiter, bei der Ansitzjagd:

Tiberias von Amselhag Hinns Sohn(16) Akuluth zu St. Anschilla

Fredegast von Elron Hinns Knappe(13)

Toddie Sohn des Toth, Brillantzwergischer Veteran und Händler

Meister Etosch Emsinger, Hügelzwergen Mechanicus

Gorm und Griswald, Hügelzwergische Veteranen

Sgön, Hügelzergischer Freund von Tiberias und Fredegast



 Wappen Mittelreich.svg  Wappen Koenigreich Garetien.svg   Wappen Kaisermark Gareth.svg   Wappen Kaiserlich Gerbaldsmark.svg   Wappen Brachenwaechter.svg   Wappen Junkertum Zwingstein.svg  
 Burg.svg
 
25. Bor 1042 BF
Die Brachenhatz des Praiosmar von Hinn
Rahja und ein Pferd mehr


Kapitel 67

Autor: Amselhag