Geschichten:Schäumende Wasser - Wer suchet, der findet

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Sichlingen, Haselhain, Ende Hesinde 1043 BF


Nach dem erneuten Vortrag der Haimamuda über die Abenteuer der nebachotischen Kapitänin und ihrem „Zauberkompass“ sowie weiteren Recherchen und Korrespondenzen war sich Miran sicher: Zumindest der Kompass – oder Südweiser – existierte tatsächlich und ruhte nun in einem Schiffswrack einige Meilen westlich des Marktfleckens Vellberg in Küstennähe. Nun galt es rasch zu handeln, bevor noch jemand anderes dieselben Schlüsse zu ziehen vermochte und an seiner statt den Ruhm der Entdeckung dieses Artefakts für sich beanspruchen konnte! Miran ließ daher umgehend nach seinem Sekretär rufen.

Aslan, ich habe eine besondere Aufgabe für Dich, die ich außer Dir niemand sonst anvertrauen kann“, begann der Gelehrte das Gespräch mit einer Schmeichelei. „Du wirst gleich morgen früh zum Ort Vellberg, gelegen in der gleichnamigen Baronie im Norden der Markgrafschaft, aufbrechen. Dort wirst Du ein Fischerboot mieten und ein paar Männer und Frauen anheuern, die sich auf das Tauchen verstehen. Einige Meilen weiter im Westen sollen sie unter Wasser nach einem Schiffswrack suchen. Alles, was die Fischer dort finden, können sie behalten; mich interessiert nur ein Kompass oder Südweiser, den Du im Falle eines Erfolgs dann umgehend zu mir bringen wirst. Bist Du so gut und tust mir diesen Gefallen? Lange Reisen sind doch für mich leider viel zu strapaziös, vor allem bei dieser Witterung.“

,Dabei schiene mir das Wasser ganz Dein Element zu sein, Du alte Echse.‘, antwortete Aslan im Geiste. ‚Und ein Auftrag, den Du nur mir anvertrauen kannst, pah!‘ Eine Reise durch die halbe Provinz in ein Dorf voller Hinterwäldler, um irgendein Ding zu finden, von dem keiner wusste, ob es überhaupt existierte, geschweige denn, dort lag, wo dieses Reptil es vermutete, gehörte so ziemlich zu den letzten Dingen, wonach Aslan der Sinn stand. Vor allem bei diesen winterlichen Temperaturen! Wie sollte er da die Leute davon überzeugen, in der unruhigen See für ihn Tauchgänge zu unternehmen?
Mit einem breiten Lächeln und einer kurzen Verbeugung erwiderte der Sekretär mit seidenweicher Stimme: „Ich danke für Euer Vertrauen und werde alles in meiner Macht stehende unternehmen, um mich dessen als würdig zu erweisen“. ‚Muss ich ja wohl, wenn ich diesen angenehmen Posten behalten will‘, fügte er im Gedanken noch lakonisch hinzu.

„Ausgezeichnet, mein Lieber, ausgezeichnet! Hier hast Du eine Karte der dortigen Gewässer samt möglichen Fundorten, eine Geldkatze mit ausreichend Mitteln für Deine Mission und einige Zeichnungen, anhand derer Du das Zielobjekt identifizieren können solltest. Und um ganz sicher zu gehen halte es an ein Stück Eisen, auf das es eine starke Anziehungskraft haben sollte - zumindest wurde es mir so berichtet. Ach ja, denk´ Dir unterwegs eine ebenso gute wie plausible Geschichte für diese schlichten Gemüter im Norden aus, damit sie nicht argwöhnisch werden und den Fund womöglich gar für sich selbst behalten wollen. Und sei es nur, um den Preis hochzutreiben.“

Innerlich stöhnte Aslan auf. Das war heute nicht sein Tag und die nächsten würden es vermutlich ebenfalls nicht werden.

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Gut zwei Wochen später kehrte der Sekretär - völlig durchgefroren - zu seinem Herrn zurück und ließ sich diesem umgehend melden.

„Ah, Aslan, mein Bester! War Deine Reise erfolgreich?“

„Ja, das war sie in der Tat.“ Wortlos überreichte er Miran einen tellergroßen Gegenstand, welcher in ein Leinentuch eingeschlagen war. ,Auch wenn die kalten, dunklen Fluten einigen der Taucher das Leben gekostet haben - wenn es denn mal nur die Kälte war, die ihnen zum Verhängnis wurde...‘

Mit vor Aufregung zitternden Fingern öffnete der Mann das Tuch, welches den Blick auf einen archaisch aussehenden und mit seltsamen Verzierungen oder Schriftzeichen versehenen Südweiser freigab.
„Phantastisch, wirklich phantastisch! Du kannst gehen, Aslan. Ach, das restliche Geld kannst Du dort auf die Kommode legen.“

„Wollt Ihr nicht noch einen Bericht über meine-“

„Nein, nein; für derlei Belanglosigkeiten habe ich weder Zeit noch Muße.“

„Wie ihr wünscht“, antwortete der Sekretär äußerlich ungerührt. Mit einer kurzen Verbeugung verließ er den Raum, beim Hinausgehen die fast leere Geldkatze auf die Kommode ablegend.
Draußen angekommen, ließ er seinem Mienenspiel und seinen Gedanken freien Lauf.
‚Klar, warum sollte Dich Mistkerl auch interessieren, dass ich fast in einem eiskalten Sturm ertrunken oder beinahe an Seekrankheit, Langeweile und der Beschränktheit der Einheimischen dort oben zugrunde gegangen wäre? Ganz zu schweigen von den armen Schluckern, die das Wagnis tatsächlich eingingen, im Hesinde auf Tauchgang zu gehen. Ihre Augen drückten danach eine große unbeschreibliche Tiefe aus. Zumindest bei denen die lebend aus selbiger zurückkehrten. Aber solche Banalitäten interessieren den gelehrten Herren natürlich nicht.‘ Dann brach sich ein breites Grinsen auf Aslans Antlitz Bahn. ‚Naja, immerhin konnte ich mir auf Deine Kosten noch einen schönen Tag in Perricum machen; das hatte ich mir nach den Strapazen auch bitter verdient.‘


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Texte der Hauptreihe:
Ende Hes 1043 BF
Wer suchet, der findet
Der Fingerzeig


Kapitel 53

Die Wogen sprechen nicht
Autor: Wallbrord