Geschichten:Schäumende Wasser - Flackernde Lichter

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Reichsstadt Perricum, 1. Efferd 1043 BF

Erschrocken blickte sich Pernula um, blanke Panik hatte die Menschenmenge erfasst. Doch sie konnte den Grund dafür nicht erkennen. Hilfesuchend blickte sie zu Nedime, Caya und Xanjida, in deren Augen sich ebenfalls das kalte Entsetzen widerspiegelte. Vor wenigen Augenblicken noch schlenderten Eltern mit ihren Kindern am Ufer des Darpat entlang oder stromerten durch die Korallengärten. Doch die friedliche Ausgelassenheit wich einer von Panik losgetretenen Welle von Menschenleibern, die nun über die Stadt schwappte.

Viel hatten die vier Knappinnen des Markgrafen nicht mitbekommen, da sie nicht, wie viele andere Schaulustige zum Darpathafen gezogen waren, um der Segnung des Efferd-Hochgeweihten beizuwohnen, sondern in den Korallengärten verblieben waren. Die jungen Frauen waren dem launenhaften Efferd weit weniger verbunden als viele Perricumer. Wie ein unbändiger Fluss der sich mit Gewalt seinen Weg ins Tal suchte, strömten die Menschenmassen in den Park. Was war geschehen?

Ein Stimmengewirr aus Hundert Kehlen sprach mal mit zittriger, mal mit panischer, mal mit fester Stimme von den grauenhaften Ereignissen am Darpat. Es war von unzähligen Wasserleichen die Rede, von übelriechenden Gestank, vom Frevel an den Herrn Efferd. Nicht wenige fürchteten einen Angriff eines dieser grauenerregenden Dämonenarchen. Nach der Haffaxschen Invasion vor nicht all zu langer Zeit saß die Angst noch tief in der Stadtbevölkerung.

Nedime musterte ihre Umgebung. Sie versuchte sich einen Überblick zu verschaffen und dabei das Schreien der panisch Fliehenden und das Weinen der zurückgelassenen oder verloren gegangenen Kinder auszublenden.

„Wo ist die Sturmfels? Wo die Kinderfrau von dem Mädchen?“

„Ich weiß es nicht!“, entgegnete Xanjida, „sie waren direkt vor uns.“

„Da ist Richter Gerben, aber der kleine Edric ist nicht bei ihm.“ Pernulas Stimme bebte zunehmend.

„Die vielen schreienden Kinder … wir müssen was tun!“, beschwor Xanjida.

„Wir können nicht allen helfen, Xanida“, entgegnete Nedime.

„Der Pöbel braucht uns nicht zu kümmern, unsereins ist uns am nächsten!“ Offenkundig hatte sich Pernula schnell wieder gefunden.

„Gut, Sturmfels oder Rauleu?“ Nedime blickte ihre beiden Gefährtinnen eindringlich an.

„Wie meinst du das?“, wollte Xanjida wissen.

„Wir können nicht nach beiden suchen!“

„Ganz klar Rauleu natürlich!“, entschied Pernula eindringlich, „Der kleine Edric ist ein Verwandter meines Gemahls. Außerdem sind die Rauleus unseren Familien sehr wohlgesonnen, was man von der biestigen Sturmfels nicht behaupten kann.“

Die Vier schauten sich kurz an und nickten. Sie liefen zu Egilmar von Gerben und redeten auf ihn ein. Er wusste nicht wo sein Sohn abgeblieben war. Unverzüglich machten sich die Knappinnen des Markgrafen auf die Suche.

In den Korallengärten herrschten chaotische Zustände. Die Söldner der Patrizier und Stadtadligen hatten ihre Mühe ihre Herren vor den angeschwemmten Massen des Pöbels zu schützen, denn, wenn auch viele einfach nur ihr Überleben im Blick hatten, nutze so manch einer die unübersichtlichen Verhältnisse auch um sich zu bereichern. Dort, wo noch vor wenigen Augenblicken die Pfauen Almosen verteilten, versuchte nun die Stadtgarde für Ordnung zu sorgen. Von der Reichsvögtin und ihrer Entourage war nichts zu sehen. Sicherlich wurden sie auf geheimen Wegen schnell in Sicherheit gebracht.

Xanjida bemerkte als erste wie ein zappelnder und schreiender Junge von einem Mann grob festgehalten wurde, während zwei weitere um ihn herum standen.

„Seht, dort drüben, ist er das nicht?“ Caya zeigte in Richtung des Jungen.

„Ja, das ist er, los!“, entgegnete Pernula bestimmt.

Die jungen Frauen liefen zu den drei Männern.

„Ist der Junge nicht eine Nummer zu klein für euch?“ Nedime baute sich vor den Halunken auf. Ihre schwarze Lederkleidung umspielte ihre weiblichen Züge. Ihr langes, schwarzes Haar trug sie offen.

„Ja, sucht euch lieber Spielgefährten in eurem Kaliber!“, pflichtete Pernula zischend bei. Ihr drahtiger Körper nahm eine abwehrende Haltung ein.

Dröhnendes Lachen schallte den Mädchen entgegen, während einer der drei Männer ein Messer zückte.

„Was für drei Püppchen haben wir denn da? Hat eurer Kindermädchen euch aus eurem Puppenhaus raus gelassen? Trollt euch, wir haben hier Geschäfte zu erledigen! Der Mann mit vernarbten Gesicht spuckte angewidert auf den Boden.

„Zu euren Geschäften zählt es also kleine Kinder zu entführen? Wie erbärmlich!“ Xanjidas dunkelbraune Augen funkelten den Mann an.

„Ich bin kein kleiner Junge!“, schrie der sich in den Armen des zweiten Halunken windende Edric noch bevor eine grobe Pranke ihn zum Schweigen brachte.

„So Püppchen, zieht leine oder wir versohlen euch eure gepuderten Ärsche!“ Das Narbengesicht schritt mit gezogenem Messer auf Xanjida zu, die vor Unbehagen schluckte.

Blitzschnelle Bewegungen, ein sauberer Schnitt durch die Kehle, spritzendes Blut, ein leblos zu Boden fallender Körper. Entsetzen lag im blutverschmierten Gesicht der jungen Knappin, während Pernula ihren Dolch wieder senkte.

„Keiner nennt uns Püppchen, keiner bedroht uns oder unsere Familie!“ Die Stimme der Zolipantessa wirkte bedrohlich.

Noch während Pernula sprach, waren Nedime und Caya zu Edric und seinem Peiniger geeilt und hatte diesen mit wenigen beherzten Griffen aus dessen Umklammerung befreit.

„Jetzt seid ihr beiden dran!“ Pernula machte eine herausfordernde Handbewegung, doch die beiden Männer zogen es vor eilig zu verschwinden.

„Geht es dir gut?“, fragte Nedime besorgt den kleinen Edric.

„Ja!“, murmelte dieser, „aber ich bin kein kleiner Junge mehr.“

„Nein, das bist du nicht“, ein Lächeln huschte über Nedimes Gesicht, „du warst sehr tapfer!“

„Komm mit, tapferer Junge aus dem Hause Rauleu, wir bringen dich jetzt zu deinem Vater.“

Noch während sich Xanjida das Blut aus dem Gesicht wischte, flüsterte sie zu ihren drei Gefährtinnen: „Ob die Entführung wohl von langer Hand geplant war, oder nur purer Zufall?“

„Das ist eine gute Frage!“, entgegnete Nedime und auch Pernula nickte zustimmend.


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Texte der Hauptreihe:
Autor: Bega