Geschichten:Im Tal der Pferde - Die Prozession II

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Baronie Herdentor, Stadt Brendiltal, am späten Nachmittag des 29. Travia

Der gleißende Fürst hatte ihnen noch etwas Zeit geschenkt, in der sie den Weg bis hier her noch in seinem Lichte schreiten durften. Abt Sulman von Greifenwacht dankte seinem Herrn, dem Götterfürst, dafür. Denn natürlich hatte die reinigende und demütige Prozession sich verzögert. Nach der einleitenden Predigt, zu weiteren Chorälen, und noch vor Verlassen des Klosters hatte sich Sonnenbaron Martok von Brendiltal seiner einfachen Sandalen entledigt, um den steinigen Bergspfad bar jedes Schuhwerks bis nach Brendiltal zurück zulegen. Das war mehr als man ihm abverlangt hatte, ein gutes Zeichen, hoffte Sulman, jedoch, verlangsamte es den Zug auch ein wenig, weil es ihm nicht wenige gleich taten und sich dabei blutige Sohlen liefen. Zudem hatten sich ab Haransruh zunehmend mehr Fromme dem Zug an diesem heiligen Tage angeschloßen, in dessen Mitte der Baron als einer von vielen Pilgern teilnahm.

Am Fuße der Salzberge angekommen hatte man eine weitere Predigt gehalten, während Martok sich dem skeptischen und ab und an auch leise spöttelndem Volk als einfacher Götterdiener und Ritualhelfer präsentiert hatte. Das einfache Gewand voller Dreck, die Sohlen blutig, doch der Kranz aus Gilbornskraut stets tadellos auf dem Haupte tragend, den Blick häufiger gen, immer tieferstehenden, Praiosmal gerichtet als auf die weltliche Fassade seiner Ländereien. Demütig und doch voller Stolz hatte er für Sulman und die Klosterpriester den Gong geschlagen, den er den Großteil des Weges bisher getragen hatte. Hatte ihnen den Sud aus praiosheiligen Pflanzen gereicht und sich wie die meisten weiteren Pilger von ihnen damit salben lassen. Während seine Familie, aber noch viel mehr einige Wachen, immer auf Abstand zum Zug verharrten und der Wiedergeburt des Martok von Brendiltal mit offensichtlich gemischten Gefühlen geschaut hatten.
Angezogen aus derlei vielen Gründen, hatten sich noch viele weitere Gilbornspilger ab dort angeschlossen, wohl auch um das Schauspiel um den Baron zu verfolgen, den und dessen Familie man so ganz anders kannte.

Doch der Sonnenbaron nutzte dieses Schauspiel nicht etwa zur eitlen Inszenierung allein, das erkannte Sulman, vielmehr sah er in seinem entrückten Blick wie fern dieser dem Geschehen schon längst war, wie auch seine Wahrnehmung frei war von weltlichen Eindrücken an diesem Tag. Voller Hingabe und Ehrfurcht war er als einer unter vielen im Zug dann auch vor die Tore der gräflichen Stadt Brendiltal gezogen, die seine Familie so lange mit unangenehm harter Hand für sich vereinnahmt hatte. Weshalb die alten neuen Machthaber der Stadt, die Bürger, dem Baron auch nicht sonderlich wohlwollend gegenüberstanden, doch dieser wollte sich nicht um das Gebaren der Stadtherren scheren, dass sich ihnen an Tor und Mauern bat, vielmehr ging er ohne große Anstalten, völlig lakonisch, dazu über den Praioten nach alter Sitte die Hände und Füße zu waschen, so dass sie symbolisch gereinigt die Stadt als Herberge für die Nacht betreten konnten um dort am Platze vor dem Praios-Tempel eine Predigt in den letzten Sonnenstrahlen des Tages zu halten, dort wo Martoks Vater damals die Verräter hatte verbrennen lassen. Der obersten Stadtherrin - Madalena Feqzaïl - schien dieses passive Verhalten des Barons gar nicht zu passen. Doch, nahezu bar jeder Reaktion auf ihre kleinen Sticheleien, hatte sie keine Handhabe oder andere Wahl als die fromme Prozession einziehen zu lassen, wenn sie sich nicht den Unmut Praios', seiner Kirche und der etlichen Pilger zuziehen wollte.

Sulman selbst stieg auf die kleine Empore am Gebetsplatz vor dem Tempel, der in seiner Beschaffenheit den Lichthöfen des Klosters nicht unähnlich war. Aus Anerkennung hatte er den Pilger Martok gebeten an seine Seite zu treten, doch - mit einem fernen Blick - hatte dieser abgelehnt um nun beinahe am Rand zu stehen, den letzten Sonnenstrahlen auf seinem Gesicht nachspürend. Die Erhabenheit und Größe dieses Augenblicks dieser Handlung veranlasste den Abt und Hochgeweihten zu einer spontanen Änderung und so begann er seine Predigt mit einer einfachen Geste und den ruhigen Worten: "Seht her, Brendiltaler, seht her, Herdentorer. Seht her und werdet Zeuge von Wahrhaftigkeit...".
Der Sonnenbaron bemerkte garnicht wie sich etliche hundert Augen auf ihn richteten, nicht wenige voller Zorn, ob dieses für sie vermeintlich falschen Spiels. Dabei entglitt dem Sonnenbaron ungesehen ein kleines Tiegelchen, aus dem noch der letzte Rest glitzernden Staubs rieselte. Und in seinen Augen brach sich das Licht der untergehenden Sonne und in ihm tobte ein Gewirr aus Eindrücken und Gedanken, sein Plan war aufgegangen, er war tatsächlich vollständig ins Licht gegangen...

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(Auch wenn die Umsetzung anders geplant war, als das nun vorliegende Ergebnis.)