Geschichten:Greif und Leuin - Fünf Augen

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Burg Angareth, Markgräflich Arvepass, 15. Ingerimm 1045 BF

Junkobald von Elenvina fuhr sich über das kahle Haupt, wobei er jede Narbe, Wulst oder sonstige Veränderung an seiner Kopfhaut spürte. Er konnte schon lange nicht mehr jedes Geschehnis aufzählen, dem er die Veränderung an seiner Haut zu verdanken hatte. Der Mann mittleren Alters hatte unzählige Kämpfe im Namen Praios’ ausgetragen. Früher brannte er darauf, die zwölfgöttliche Ordnung mit Feuer und Stahl zu verbreiten, er war überzeugt davon gewesen, dass nur mit Härte Dere gereinigt werden konnte. Doch mit den Jahren, vor allem während seines Einsatzes in den schwarzen Landen, hatte er auch andere Wege gesehen.

Sicher, an Dämonenpaktierer war jedes Wort verschwendet, doch den einfachen Menschen waren gute Worte und eine helfende Hand, manches Mal mehr Wert als die strafende Faust. Immer öfter erwischte er sich dabei, mit den Lehren der Braniborier zu liebäugeln. Dass er mit diesen Gedanken sicherlich den Argwohn einiger der alten Kämpen auf sich ziehen würde, wusste der Ritter. So war es kein Wunder, dass er diese Ansichten hinter dem Berg hielt, vor allem vor Praiodora von Beilunk, welche er als Traditionalistin kennengelernt hatte und zu deren Schutz er hierher mitgekommen war.

Junkobald seufzte etwas und schüttelte den Kopf. Die Praiotin war ein Fanatiker durch und durch. Wer konnte es ihr verübeln? In Beilunk hatte sie miterlebt, wie Fürst-Illuminata Gwidûhenna von Faldahon die Schergen der dunklen Mächte allein mit ihrem Vertrauen in Praios zurückhielt. Praiodora würde sich nicht ändern, doch um seine Knappin Lechmin machte er sich aufrichtig Sorgen.

Er erkannte viel von sich in jungen Jahren in ihr wieder. Ein brennendes Feuer der Liebe zu Praios hatte sie in den Orden eintreten lassen. In Auraleth wurde ihr Grundlegendes vermittelt und wäre sie dort geblieben, wäre sicherlich eine gemäßigte Bannstrahlerin aus ihr geworden. Doch seit sie mit Praiodora unterwegs war, steigerte sie sich immer mehr in ihre Zuneigung zu Praios herein. Als Geweihte aus Beilunk stand die Donatores Lumini für das hohe Ideal, zu welchem Lechmin strebte. Er selbst konnte nur versuchen, dass das Mädchen nicht in ihrem Eifer verbrannte.

Er goss sich etwas Wein in den hölzernen Becher und dachte mit einem Schmunzeln an die vergangenen Stunden zurück. Der Landvogt, Bärfried von Hardenstatt, war in den frühen Morgenstunden von seiner Reise zurückgekehrt. Was Praiodora selbstredend nicht entgangen war, weshalb sie die Gunst der Stunde nutzen wollte und eine Unterredung mit seiner Hochgeboren ersuchte. Der Einäugige hatte zwar anklingen lassen, dass er nur einen kurzen Halt in der Burg machen wollte, zeigte sich nichtsdestotrotz einverstanden.

Zum Missfallen der Praiotin war dies jedoch kein Gespräch unter drei Augen gewesen. Ihre Hochwürden Celissa von der Firunsfeste war ebenfalls eingeladen, diesem Gespräch beizuwohnen. Der Landvogt hatte es wohl für eine gute Idee gehalten, beide Vertreterinnen der Kirchen gleichzeitig zu empfangen. Ein wohlwollender Beobachter würde darin den Versuch sehen, zu verdeutlichen, dass beide Kirchen im Auge des Vogts gleichbedeutend waren. Junkobald hatte allerdings den Verdacht, dass der Adlige sich nicht lange aufhalten lassen wollte.

Was auch immer seine Beweggründe waren, das Ergebnis war eine Praiotin, die ihren Gott und damit sich als vorrangig sah und sich durch das Handeln des Adligen vor den Kopf gestoßen fühlte. Zu Junkobalds Überraschung hatte sie ihren Missmut allerdings nicht gegen Bärfried, sondern gegen die Geweihte der Sturmleuin gerichtet, mit der sie sich einen verbalen Schlagabtausch lieferte bis der Hausherr schlichtend eingriff und die Wogen oberflächlich glätten konnte.

Er setzte ein erneutes Treffen mit der Praios-Geweihten für die abendliche Stunde an und versprach der Rondra-Geweihten auf dem Rückweg seiner anstehenden Reise in Burg Leuenfels vorbeizukommen. Celissa als auch Praiodora zeigten sich zufrieden und zogen sich in ihre entsprechenden Gemächer zurück, wobei es die Jüngere der beiden nicht unterlassen konnte, der Älteren einen bösen Blick zuzuwerfen.

Junkobald hatte sich unterdessen in eine der Mannschaftsmessen zurückgezogen, dort entging er den neugierigen Fragen der anderen Bannstrahler. Das einzige, dass die einfachen Gardisten ihm schenkten, waren etwas Freiraum (zu groß war ihr Respekt gegenüber dem Veteranen) und verstohlene Blicke. Das wollte er genießen, solange er noch konnte. Wenn erstmal die Runde machen würde, dass er damals in der Winterschlacht hier am Pass teilgenommen hatte, würden auch die einfachen Soldaten ihn mit Fragen löchern wollen.


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Texte der Hauptreihe:
15. Ing 1045 BF
Fünf Augen
Ankunft der Sonne


Kapitel 3

Der Bund
Autor: Vlad