Geschichten:Grauen am Darpat - Nächtliche Streifzüge

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Dramatis Personae

Anrüchige Geschäfte

Stadt Gnitzenkuhl – Herberge „Zum Alten Speicher“– Ingerimm 1032 BF

Während auf der Burg das weitere Vorgehen besprochen wurde, saß Kor’win allein in einem mit heißem Wasser gefüllten Badezuber in seinem Zimmer der Herberge. Entspannt ließ er die Arme aus dem Zuber baumeln, während er den Kopf in den Nacken gelegt hatte und ab und zu an einer Wasserpfeife zog. Lange hatte er die Annehmlichkeiten eines wohltuenden Bades nicht mehr in Anspruch nehmen können, und genoss dies daher um so mehr, zumal er für später auch noch einen Barbier bestellt hatte, der seine wilde Frisur wieder kürzen und seinen Bart wieder sauber stutzen sollte. Ansonsten würde man ihn vielleicht noch für einen Wilden halten. Die Wärme tat seinen Muskeln gut. Kor’win war nicht mehr der Jüngste, doch war sein Körper noch so gut in Form, dass er es mit fast jedem jüngeren Krieger noch aufnehmen konnte. Lediglich die vielen Narben – besonders jene Striemen, die einmal quer über seine behaarte Brust ging und die ihm einst ein Berglöwe beigebracht hatte war recht auffällig – zeigten, dass er schon einiges erlebt haben musste.

Betrübt sah er daher auf, als nach einem kurzen Klopfen Kain – der nicht erst eine Antwort seines Mentors abgewartet hatte - direkt ins Zimmer getreten war. Der junge Nebachote hatte sein Bad bereits hinter sich, nahm einen Stuhl, drehte ihn so, dass er sich an dessen Lehen aufstützen konnte und setzte sich Kor’win gegenüber. Dieser versuchte erst noch den Jüngeren zu ignorieren, doch als jener anfing ohne Unterbrechungen zu berichten, was er in der Stadt alles erfahren hatte, was ihnen bei ihren Vorhaben weiterhelfen konnte, gab er das Unterfangen brummig auf und richtete seine Aufmerksamkeit auf Kain. Schwierig war es zunächst nur, das Wichtige von den Mädchengeschichten zu trennen.

„Also fassä isch zusammän.“ Brummte Kor’win schließlich. „Die Jäger vom Platz hab’än das Wäsen noch nicht gestellt.“ Kain nickte zustimmend. „Sie wollän wiedär zurick nach Sabadonn.“ Erneut nickte Kain zustimmend. „Gäshla selbst hat ainige Adeligä versammelt um däm Wesen auf die Spur zu kommän?“ Wieder folgte ein Nicken. „Abär niemand weiß genau wuo äs zu findän ist.“ Es folgte schon das Nicken. „Und där Mar‘olum Marnion han Kel´zen Tell befindät sich bei ihnen.“ Kain nickte. Fast genervt klatschte Kor’win die Hände ins Wasser, so dass es heftig aufspritzte. „Ich wustä ja, dass die Kel´zen Tells alläs Spinnär und mehr Ferkinas oder wenigstäns mehr Baburen als Nebachotän sind, aber duass är freiwillig sich zu Gäshla begibt…..?“ Wie als könnte er dies nicht glauben, schüttelte der Nebachote den Kopf.

„Wuas während wir jetzt tun?“ Fragte der Jüngere nach. „Na wohl? Ärst wärde ich zuendä baden. Morgen frieh dann, wirst Du Dich zu dem Mar‘olum begebän und ihm mittailän, dass wir hier sind und är sich gärne uns anschließän kann, so är mag und Ärfolg bei der Jagd haben will. Danach wirst Du alles netige besorgen, dass wir uns in der Nacht auf die Lauer legän werden. Und zwar an einär der Stellän, wo es zuletzt gesähen wurde. Ich wärde zusähen, duass unsäre Nätze geflickt oder ersätzt werden. Auch benetigän wir mehr Saile und Pfeilä und där Tabak gähen auch langsam zu naige.“

***

Nachdem der Ältere seine Körperpflege zu seiner Zufriedenheit beendet hatte, und der Jüngere die noch ausstehenden Besorgungen in Auftrag gegeben hatte, setzte man sich zum gemeinsamen Mahl in den gut besuchten Schankraum des Gasthauses. `Der Alte Speicher` war eines der besten Häuser im schmucken Gnitzenkuhl. Wie der Wirt, wohlgemerkt ungefragt, zum Besten gab, handelte es sich hier nicht wirklich um den alten Kornspeicher der Stadt, sondern nur die Grundmauern desselben wurden beim Bau dieses traviagefälligen Gebäudes genutzt. Sehr zum Verdruss der beiden hungrigen Nebachoten nötigte der pausbäckige Eboräus ihnen noch mehr Wissen um ihre Unterkunft auf. Sie hörten sich geduldig an, welcher der hiesigen Handwerker für die Schnitzereien an der Vertäfelung und der Decke zuständig war, und welcher sich um die wenigen aber durchaus kunstfertig eingesetzten Butzenfenster verdient gemacht hatte. Gerade wollte er sich über die Möblierung der Räumlichkeiten auslassen, als seine nicht mehr taufrische Gemahlin Elene mit dampfenden Schüsseln an den Tisch kam.

„Es reicht dann mal wieder Ebo! Sonst wird mir das Essen noch kalt. Kümmer’ dich lieber um die Gäste am Fenster, die verdursten sonst noch!“ Ihr Ton war keinesfalls barsch gewesen, eher liebevoll mahnend. Kaum war er weggetreten, lächelte sie die Nebachoten an und erntete für ihr Einschreiten dankbare Blicke. „Ich hoffe ihr verzeiht ihm seine Geschwätzigkeit, aber er liebt unseren kleinen Speicher, wie eines seiner 5 Kinder.“ Sie wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab, und wünschte ihnen einen guten Appetit, als sich die Tür zum Schankraum erneut öffnete.

Ein großer, stattlicher blonder Mann trat herein, und blickte sich um. In Seiner Begleitung befanden sich noch drei weitere Burschen. Sein Haar trug er kurz. Kinn und Schnurrbart waren akkurat gestutzt. Auffällig waren seine blauen Augen. Ein Adliger ohne Zweifel, wie sie an der Kleidung erkannten. Die anderen mochten entweder Adlige oder reiche Sprösslinge von Kaufleuten und Händlern sein. Einzig die Tatsache, dass diese Begleiter sicher alle jünger waren, als ihr Anführer war ihnen gemein. Nach einem kurzen Nicken zum Wirt ging er zielstrebig auf eine Tür zu, die zu einem Hinterzimmer führte. Feixend folgten ihm seine Kameraden. Als er sie öffnete, konnten die beiden Nebachoten einen Blick erhaschen auf die Person, die sich dort bereits aufhielt. Ein Kaufmann könnte es gewesen sein, der bereits an einem Tisch saß, und sich erhob, als der Mann eintrat. „Quanion von Isenbrunn…!“ Schnell schloß sich die Tür, und die Wirtin verließ die beiden mit einer gemurmelten Entschuldigung. Ihr Gesicht hatte sich beim Eintreten des Mannes deutlich verdunkelt.

Eine Bewegung an der Tür ließ erneut ihre Köpfe herum gehen. Leise und zaghaft hatte sich die Tür geöffnet und eine kleine, zierliche Frau mit langem schwarzem Haar betrat den Raum. Mit ihr wurde ein angenehmer Geruch herein getragen, der an Rosen und Gewürze erinnerte. Angetan war sie in einen blauen Mantel, der sie völlig einhüllte. Einzig die zierlichen Füße steckten in für die Jahreszeit völlig unpassende Sandaletten. Sicher war sie nicht älter als 17 Götterläufe dennoch sah sie aus, als wüsste sie sehr wohl ihre Reize einzusetzen. Die Wangen waren gerötet und die ohnehin schon geheimnisvoll wirkenden Augen waren schwarz umrandet. Suchend blickte sie sich um. Kain wollte sich schon erheben und auf das Mädchen zugehen, wurde von einer kräftigen, älteren Hand wieder zurück auf seinen Stuhl gedrückt. „Heutä nicht!“ Raunte Kor’win den jüngeren Nebachoten an und widmete sich dann wieder seinem Essen.

Eboräus ging freundlich lächelnd zu ihr, und wechselte einige Worte, die jedoch nicht zu verstehen waren. Die Mimik und die Gesten ließen darauf schließen, dass sie jemanden suchte. Der Wirt wies deutlich unglücklich auf die Tür zum Nebenraum. Er hielt sie sogar noch kurz zurück, doch die junge Frau schüttelte ihn ab, wobei sacht ein Klingeln und Klimpern zu hören war. Mit geschmeidigen Bewegungen verschwand auch sie im Nebenraum. Aufgeregt rutschte Kain auf seinem Stuhl hin und her. Was mochte das Mädchen bei diesen Männern wohl wollen? Ein Seitenblick auf Kor’win machte ihm jedoch deutlich, dass von seiner Seite heute Abend keine Unterstützung zu erwarten konnte. Der ältere Nebachote würde es wohl vorziehen den Abend in Ruhe ausklingen zu lassen, um sich am nächsten Morgen recht früh auf die Jagd zu begeben. Also zählte er innerlich bis 12 und erhob sich dann gemächlich. „Muß mal.“ Raunte er Kor’win zu und begab sich dann nach draußen. Einige Gasthäuser hatten extra kleine Donnerbalken irgendwo auf dem Gelände errichtet, wo man halbwegs in Ruhe seinem dringenden Bedürfnis nachkommen konnte, doch hatte Kain auch kein Problem damit sein Wasser an irgendeinem Misthaufen abzuschlagen, solange dieser Misthaufen keinem Heiligen geweiht war, wie er schmunzelnd dachte.

Als er sich schließlich erleichtert hatte, ging er – fast beiläufig auf die Rückseite des Hauses, dorthin, wo er ein Fenster für den besagten Hinterraum vermutete. Eventuell konnte er ja etwas herausfinden

Es gab nur ein kleines Fenster in den Hof. Der Ausschnitt, der sich ihm bot war daher sehr klein. Er sah auf den Rücken eines der jungen Männer. Immer, wenn dieser sich bewegte, konnte er an ihm vorbei einen Blick auf den großen Tisch erhaschen, an dem dieser Adlige, und ein älterer Mann gerade in ein angeregtes, ja fast erhitztes Gespräch vertieft waren. Die Gesten deuteten an, dass man sich gegenseitig etwas vorrechnete, und auf die Argumente des jeweils anderen in typischem Händlergebaren regierte, und stattdessen versuchte, seinen eigenen Vorteil heraus zu schlagen. Die Verhandlungen wogten hin und her, so dass Kain sich eigentlich schon gelangweilt wieder unbemerkt zurückziehen wollte, als auf einmal die junge Frau ins Blickfeld seines Fensters trat. Sie begann langsam sich ihres Mantels zu entledigen, scheinbar um sich für einen Tanz auszurüsten. Mit auffälligen Gesten setzte sie ihren Fuß unweit des Händlers auf einen Hocker und band sich Schellenkränze um die zierlichen Fesseln. Dem in die Jahre gekommenen Mann fielen fast die Augen aus dem Kopf, bei dem Anblick auf die verlockenden Beine, und den großzügigen Einblick, der sich ihm hier bot. An seiner Seite grinste der blonde Mann hämisch und fragte ihn beiläufig etwas.

Kurz darauf schlug der Mann scheinbar in den Handel ein, und ein Schriftstück wurde von einem dieser Burschen aufgesetzt, derweil die Frau mit ihrer Darbietung begann. Sie trug einen für Zahori Frauen typischen Rock. Unten weit gebauscht und mehrlagig. Oben ein Oberteil, welches den Bauchnabel frei ließ, und die Brüste nur halb und sehr straff bedeckte. Sie nahm zuerst eine Flöte zur Hand und begann nach einer einschmeichelnden Melodie, die bis zu ihm drang, ein Lied über Leidenschaft und die Liebe zu singen.

Bei diesem Anblick erinnerte sich Kain daran, dass er diesmal recht lange mit Kor’win unterwegs gewesen ist und daher schon lange nicht mehr die wärmende Nähe einer Frau gespürt hatte. Oh wie gerne würde er jetzt mit den anderen Männern dort herinnen tauschen und gemeinsam mit der jungen Frau in dieser Nacht Radscha opfern. Der Händler, oder dass dieser gerade gezielt über das Ohr gehauen wurde, interessierte ihn recht wenig. Er hatte nur Augen für das Mädchen. Und erst diese Melodie. Langsam aber stetig reckte sich in dem jungen Nebachoten die Leidenschaft. Wie konnte er nur an diese Göttin herankommen?

Wie es der Zufall so wollte, entschied sich der Mann, der vor dem Fenster saß sich derart zu positionieren, dass dem in Wallung geratenen Mann völlig die Sicht auf die Frau seiner Begierde genommen wurde. Auch ihre Stimme war verklungen. Trist und einsam stand er im wenig zu heimeligen Gedanken anmutenden Hof, und der Gestank und der Dreck desselben veranlassten ihn seine Schritte wieder nach drinnen zu lenken. Diese Blume der Nacht musste er unbedingt für sich gewinnen, nur wie? Wie erwartet erntete er keineswegs freundliche Blicke von seinem Begleiter- zu dessen Leidwesen, hatte sich der Wirt genötigt gesehen ihm Gesellschaft zu leisten, da er ihn so lange alleine gelassen hatte. Glücklicherweise trollte sich der gutmütige Mann schnell, sobald sich Kain gesetzt hatte.

„Wuo bist Du gewäsen?“ Blaffte Kor’win den jüngeren Nebachoten mit halblauter Stimme an, so dass der Wirt ihn nicht weiter hören konnte. „Där Kärl rädet mir beide Ohrän und noch mähr ab.“

Kain zuckte entschuldigend mit den Achseln. „Irgendetwuas war im Ässen. Es hat eben längär gedauert.“

Einige Zeit später, Kain hatte sich schon damit zufrieden gegeben, nur von dieser Göttin zu träumen, öffnete sich die Tür, und laut und völlig ungehobelt stolperten die jungen Burschen, der Händler in deren Mitte aus dem Nebenzimmer heraus. Der Kaufmann konnte kaum noch geradeaus blicken. Kein Wunder- wenn er sich nur in Erinnerung rief, wie viele Humpen Bier und Brände dort hinein getragen worden waren. Dann, kurz darauf, folgten der Adlige…dieser von Isenbrunn, und die Zahori. Er hatte ihr vertraulich die Arme um die Schultern gelegt, und zog sie Besitz ergreifend an sich. Sie lächelte ihn an. Täuschte er sich, oder rümpfte sie die Nase, als der Mann sich ihr nun näherte und etwas zuraunte.

„Sollen wir noch…Baronin…bestimmt eine Freude…wir Zwei zusammen?“ Sie überlegte kurz. Dabei trafen sich seine und ihre Blicke. Er fühlte sich einer kurzen Musterung unterzogen, doch dann drehte sie sich wieder dem Blonden zu.

„Sischärr, isch tanze auch gernä auf der Feierr der Barroninn!“ Schon legte der Mann seine Hand bestimmt auf ihre Hüfte und dirigierte sie aus dem Schankraum hinaus ins Freie. Ein letztes Klingen ihres Schellenkranzes erklang, bevor die Tür laut ins Schloß fiel.

Kain gab einen würgenden Laut von sich, hielt sich den Magen und wollte den beiden schon nach auf den Hof eilen, doch hielt ihn erneut eine kräftige Hand zurück. Kor’win hatte längst durchschaut, um was es Kain ging. Jedoch erinnerte der ältere Nebachote sich daran, dass auch er einst jung gewesen war und Kain schließlich nur ein Mann war. „Isch will kainen Ärger haben. Und morgen frieh bist Du bei Morgängrauen wiedär da, ist das klar?“


Kain grinste bei diesen Worten und nickte seinem Mentor dankend zu. Voller Tatendrang eilte er diesem von Milbenbrunn, Isenlung, na eben dem Kerl mit dem bildschönen Mädchen hinterher. Diese sollte noch in dieser Nacht sein werden. Zum Namenlosen mit diesem Hinkelbrunn oder wie immer der Adelsspross heißen mochte. Die Bauchschmerzen waren ebenso „vergessen“ wie die ermahnenden Worte Kor’wins.

***

Grinsend hatte er zugesehen, wie die beiden in mächtigen Schlangenlinien dem Weg folgten, der so wusste er inzwischen geradewegs zum Baronssitz führte.

Normalerweise hätte er dem Kerl einfach das Mädchen, diese wunderbare Stute entrissen, aber sollte es tatsächlich so sein, dass sie noch vor der Marbena tanzen sollte, wäre das sicher nicht im Sinne seines Begleiters. So folgte er ihnen schließlich in gebührendem Abstand. Sein Geist war inzwischen völlig klar, und er stellte fest, dass es mit seiner Manneskraft wie immer zum besten gestellt war, wohingegen dieser bleichgesichitge Adlige die Gabe, die sich ihm hier darbot gar nicht mehr richtig würdigen konnte. Mißbilligend kämpfte er erneut mit sich, als jedoch schon die Toranlage der Burg in Sichtweite kam. Er hielt sich im Schatten und beobachtete, wie nach einem kurzen Wortwechsel das Tor geöffnet wurde. Ratlos lehnte er sich an einen Baum, den er als Deckung auserkoren hatte. Was würde er nun tun? Warten? Gedankenverloren begann er mit dem Wechselgeld aus dem Schankraum zu spielen, als ihm eine Idee kam. Er warf die Münze hoch und fing sie geschickt wieder auf. Würde sie mit der Prägung nach oben schauen, würde er warten, ansonsten, nach unten ins kalte Bett zurück schleichen. Gespannt blickte er in seine Handfläche. Fast erleichtert stellte er fest- die Prägung war zu sehen. Er würde warten! Allerdings dehnte er seine Ansichten etwas aus und schaute sich vorsichtig um. Gab es eventuell eine Möglichkeit leise und ungesehen in die Burg zu gelangen?


Verletztes Ehrgefühl- eine Frage des rechten Zeitpunktes

[Burg Gnitzenkuhl] – Ingerimm 1032 BF

Leomara stand mit scheinbar ungerührter Miene vor dem Raum, in dem Hochwürden untergebracht worden war. Nachdem sie Praiowyn zu ihm geschickt hatte, um ihn zu unterrichten was geschehen war, und zu befragen ob er der Richter in dieser Sache sein wollte, hatte er sie zu sich bestellt. Doch nicht nur sie. Auch der Kelsensteiner Junker stand unweit von ihr vor dem Raum.

Nachdem sie sich in der Küche gestärkt hatte war sie schweren Herzens erst einmal zu Geshla gegangen, die sie partout nicht aus dem Thronsaal begleiten wollte, sondern, die darauf bestand, dass sie ihr dort berichtete was vorgefallen war. Wenigstens hatte sie sich dazu herab gelassen, ein wenig abseits mit ihr zu sprechen. „DU hast dich wieder einmal nicht beherrschen können! Das wird dir noch einmal dein Verhängnis werden, wenn du das nicht in den Griff bekommst.“ Raunte ihr Geshla zu. Deutlich lauter, und damit für alle hörbar meinte sie scheinbar erbost. „Sicher, ihr tatet recht daran ihn zu fordern. Morgen zur Praiosstunde? Ich werde zugegen sein.“ Dann hatte sie sie entlassen, nur um sogleich von Praiowyn zum Geweihten der Sturmesgleichen gebracht zu werden.

Sie versuchte den Mann an ihrer Seite völlig zu ignorieren, und stattdessen zu überlegen, was sie wohl für eine Taktik am morgigen Tag verfolgen sollte.

Marnion schaute auf die Wand vor ihm und hing düsteren Gedanken nach. Er war es nicht gewöhnt zu kämpfen ohne zu töten. Sicher er war ein geübter Kämpfer, aber was wenn seine Hand fehlte und die hübsche Ritterin entstellte wie es der Knappe Unswin war. Absichtlich zu verlieren kam auch nicht in Frage, damit würde er sowohl ihre Ehre als auch die seine beschmutzen. Die Arroganz und Dekadenz der Garethi gegenüber seinesgleichen bedurfte einer Antwort, doch hatte es Leomara wohl am wenigsten verdient, wie wäre wohl ihre Begegnung unter anderen Umständen ausgegangen? Müßig darüber nachzudenken. Sie waren an dem Platz gestellt den ihnen die Götter zugedacht hatten.

Wahrscheinlich hatte die Wahrsagerin in Perricum doch Recht, die er in seiner Knappenzeit aufsuchte. Sie hatte ihn kreischend aus ihrem Zelt geworfen und erklärt, das er Tod und Verderben über all jene bringen würde die mit ihm zu schaffen hätten. Damals hatte er darüber gelacht. Doch hatte er nicht die meisten seiner Sippe in den Tod geführt? Hatte er nicht seine eigene Frau auf dem Gewissen? War er nicht manchmal plötzlich wieder dort an jenen düsteren Orten? Er zwang sich mit eiserner Disziplin zur Ruhe als er ein verräterisches Zittern seiner Hand bemerkte. Was er getan hatte, das tat er zum Wohl aller und die Götter würden seine Richter sein. Er atmete gleichmäßig und leerte seinen Geist, wie er es gelernt hatte, bis sich die Tür öffnete.

Unswin hatte Leomara begleitet, hatte er sich doch erboten ihr bei dem Duell zur Seite zu stehen. Es war wirklich zu schade, dass er den Junker nicht selber hatte fordern dürfen. Am Thronsaal hatte er draußen gewartet, hatte er doch kein Verlangen gehabt der Baronin so kurz nach seiner gesellschaftlichen Entgleisung wieder unter die Augen zu treten. Doch hatte er Leomara ohne zu zögern zu seinen Ordensbrüdern begleitet. In Gedanken formulierte er bereits seine Bitte, mit der er hoffte zumindest vor seinem Herrn und Rondra den Fehler vom Abendessen zu bereinigen. Betont ruhig lehnte er an der Wand vor dem Quartier des Geweihten, die Arme vor der Brust verschränkt und stand somit zwischen den beiden Kontrahenten des morgigen Duells.

Leomara klopfte an die Tür zu seiner Hochwürden Gemach. Sie musste nicht lange warten, als ein kurzes ‚herein’ von drinnen zu vernehmen war. Das Zimmer selbst war – wie von dem Geweihten gewünscht - recht einfach gehalten. Lediglich eine kleine Löwenstatuette, die auf einer Truhe aufgestellt war und vor der etwas Räucherwerk brannte verzierte den Raum ,in dem ansonsten nur noch ein einfaches Bett, sowie ein Schemel vor einem einfachen Tisch stand. Auf dem Tisch lagen, sauber zusammengelegt und von der Dienerschaft gereinigt, der Umhang des Zornesritters, sowie sein Helm und eine Satteltasche. Ein Rondrakamm lag ebenfalls auf der Truhe, noch vor dem Räucherwerk. Das Schwert war zu lang für die Truhe, so dass es an beiden Seiten etwas über stand. Alexis stand vor dem Schrein, den er selbst hatte aufgebaut und den er auf Reisen mit sich führte um vor ihm den Tag, im stillen Gebet zu begrüßen und zu verabschieden. Außer dem Umhang und dem Helm war der geweihte ansonsten im vollen Ornat gekleidet. Während seine Linke ruhige auf dem Schwertgriff ruhte, ballte er seine Rechte immer wieder zur Faust. Sein Gesicht schien die Ruhe selbst zu sein, doch machten die Augen deutlich, dass tief in ihm er ein Grollen verbarg.

„Euer Wohlgeboren, hohe Dame!“ Alexis begrüßte die beiden höflich und hieß sie eintreten, während Unswin vor der Tür warten sollten. „Wir wollen nicht gestört werden, Bruder!“

Als Unswin die Tür von außen schloss, musterte Alexis zunächst Leomara und dann Marnion. Es dauerte eine Weile, bis er schließlich seine Stimme wieder erhob. „Praiowyn hat mir mitgeteilt, dass Ihr Euch duellieren wollt und dass ich Richter und Zeuge zugleich sein soll. Nun denn, bevor ich Euch eine Antwort gebe, möchte ich hören, welche Tat so schrecklich ist, dass sie augenscheinlich gesühnt werden soll, welche Tat Rondra beleidigt hat, auf dass ihre geheiligte Waffe gezogen werden soll und welche Tat es rechtfertig, dass Ihr diese vor der wichtigen Aufgabe stellt, die uns bevorsteht und bei derer eurer beiden Kräften benötigt werden?“

Da Leomara diejenige war, die zuerst die Forderung ausgesprochen hatte fühlte sie sich in der Pflicht dem Geweihten zu antworten. In Anbetracht seiner klerikalen Ernsthaftigkeit, verpuffte ihre eben noch so gewaltige Wut zu einem schwachen Glosen in einem Hinterstübchen ihres sonst so hitzigen Gemütes. Doch nun stand sie hier, und musste Rede und Antwort stehen, sie schalt sich innerlich wegen ihrer mangelnden Selbstbeherrschung. An einem anderen Tag, hätte sie den Junker vermutlich einfach nur ausgelacht, oder sogar aus der Burg geworfen. Doch heute war ein schlechter Tag gewesen. Mit einem kurzen Seitenblick wollte sie sich eben vergewissern, dass sie dem Kombattanten nicht ins Wort fiel, als der auch schon ansetzte zu antworten.

Marnion wollte Leomara die Peinlichkeit ersparen, seine Bemerkung zu wiederholen und antwortete ohne zu Zögern. „Euer Gnaden, ich machte eine anzügliche Bemerkung, so dass sich die Rittsfrau genötigt sah Ihre Ehre zu verteidigen. Es gab zwischen uns zuvor einige Spannungen, die wohl in meiner Herkunft und der Tatsache begründet liegen, dass ich ein Nebachote bin. Diese gipfelten darin, dass die Hohe Dame vor aller Ohren andeutete, ich wäre womöglich ein Aufrührer und Reichsverräter. Daraufhin beschloss ich zu erproben, ob die Hohe Dame von Isenbrunn nicht nur eine scharfe Zunge, sondern auch den dazu passenden Mut besitzt.“

Leomara musste tief durchatmen ob der stark verkürzten Darstellung des Sachverhaltes, der schließlich zu ihrer Forderung geführt hatte. „Es mag sein, das ein Duell im Schlammringen der Entstehung des Ehrenhändels angemessener wäre, doch sind wir Personen von Stand und hofften auf diese Weise wieder zu einem dem angemessenen Umgang miteinander zu kommen.”

Angespannt rekapitulierte sie im Geiste den Verlauf des Abends, bevor sie nach einem prüfenden Blick auf den Geweihten nun ihrerseits gedachte einiges zur Sprache zu Bringen. „Ich… es war sicher keine wohl überdachte Tat hier und jetzt eine Forderung auszusprechen, doch Wohlgeboren von Kelsenstein hatte bereits den ganzen Abend mit seiner Sicht über die Ordnung Deres dafür gesorgt, dass nicht nur ich, sondern auch andere Anwesende ehrlich schockiert waren über die Zustände, die scheinbar in Wasserburg und insbesondere auf des Junkers Gut herrschen müssen. Ein Freudenfest, wenn die Baronin stirbt, wo hat es denn so etwas schon gegeben, und dann noch seine Ausdrucksweise…der Vergleich mit dem Blut…und dann noch das offene Bekenntnis der Verweigerung des Lehnseides, was soll man erst davon halten?“

Nun kam der eigentlich entscheidende Teil. Peinlich berührt senkte sie kurz den Kopf. Sie holte noch einmal tief Luft, bevor sie fortfuhr. „Ich habe mich weitestgehend all seinen Äußerungen gegenüber enthalten, da ich dachte, dass Anstand und Travias Gebote es verbieten diesem Gast entsprechend zu erwidern was man von dieser Sicht der Dinge hält. Und ich kann Euch sagen, das ist mir wirklich nicht leicht gefallen. Doch dann trafen wir uns zufällig hier auf den Fluren der Burg wieder, und er unterstellte mir, dass…dass euer Edelknappe Unswin sozusagen…“ Ihr wurde heiß, und sie war sich deutlich ihrer neu aufgetretenen Röte auf den Wangen bewusst. „Er unterstellte mir, das ich auf dem Weg zu meinem Nachtisch sei…eurem Edelknappen Unswin.“

Ihre Stimme klang hohl als sie weiter sprach. „Er wünschte mir, dass dieser noch andere Qualitäten besäße als nur vorlaut zu sein, damit ich am Ende auch…zufrieden wäre.“ Stur starrte sie den Geweihten an, und war unglaublich froh, dass Unswin vor der Tür geblieben war, so blieb ihm wenigstens diese Peinlichkeit erspart.

Während den Ausführungen beider Adeligen verzog Alexis keine Miene. Als Leomara schließlich geendet hatte, schien es so, als würde der Rondrageweihte einen Augenblick nachdenken. “Über die Vorkommnisse in Wasserburg vermag ich nichts zu sagen, da dies Sache des Adels und nicht des Klerus ist. Jedoch frage ich mich, ob dies Eure Aufgabe ist von Isenbrunn oder seine Hochgeboren von Wasserburg, bzw. die des Markgrafen? Wie dem auch sei. Es ist leicht für jeden nach der Waffe zu schreien und sich auf seine Ehre zu berufen, um sich schlagen zu können. Dies vermag ein jeder. Der Rondrageweihte, ebenso wie der Ritter, aber auch wie ein Söldner oder Frischling von der Kriegerakademie.“

Alexis hielt kurz inne und schaute Leomara dabei in die Augen. „Den rechten Augenblick dafür jedoch zu finden, das gelingt nur Wenigen.“ Lauter und deutlich aufgebrachter fuhr er fort. „Ihr Euer Wohlgeboren bezieht Euch auf Euren Stand und dass es sich für den Adel nicht geziemt im Schlamm zu suhlen. Nach allem was ich jetzt jedoch gehört habe, verdient Ihr es nicht, dass man Euch mit dem Schwert die Ehre gibt. Vielmehr scheint Ihr ein Flegel zu sein, der seine Erziehung in Perricum vergessen hat und der in meinen Augen lediglich eine Tracht Prügel verdient, auf dass er sich wieder erinnere, was es heißt das Gebot der Gastfreundschaft zu respektieren. Andererseits...“ Alexis schien kurz seine Worte abzuwägen.

„Die Forderung nach einem Duell wurde ausgesprochen und kann daher auch nur von einer der betroffenen Partei zurückgezogen werden. Da ich nicht davon ausgehe, dass dem vorerst so sein wird, sage ich folgendes: Ihr könnt Euch natürlich jetzt und sofort schlagen. Dann aber so wie es sich für Menschen gehört, die sich nicht beherrschen können, ohne Waffen, schon gar nicht mit dem der Herrin Rondra heiligen Waffe. Geht hinaus, dorthin, wo euch keiner sieht.“ Alexis musterte beide kurz und wartete ab, ob sie etwas erwidern würden. Als dem nicht so war, fuhr er etwas versöhnlich fort. „Oder Ihr zeigt, dass Ihr es würdig seid, dass man Euch mit dem Schwert gegenübertritt und dass die Leuin Euch dabei beobachtet. In diesem Fall werdet Ihr Eure persönlichen Belange verschieben, Euch gegenseitig mit dem Respekt behandeln, den Ihr selbst erwartet und zunächst die Aufgabe die vor uns liegt – nämlich das Auffinden und ggf. Beseitigen des Wesens aus dem Darpat – bewältigen.“ Erneut hielt der Geweihte kurz inne, um seien Worte wirken zu lassen. „Im letzten Fall werde ich gerne als Richter und Zeuge zugegen sein und Euch meinen Segen für diesen Kampf geben.“

Der Kelsensteiner hörte sich die Schelte des Geweihten mit versteinerter Mine an. Es überraschte ihn nicht, dass der Rondraritter kein gutes Wort für ihn fand. Schließlich hatte er sich unziemlich verhalten und auch noch dessen Knappen Unswin benutzt um Leomara auf ihren Mut zu prüfen. Das lies sich nicht mehr ändern. Doch für den Zeitpunkt ihres Aufeinandertreffens sollte das nicht gelten. In der ersten Hitze war ihm schon der nächste Tag wie eine Ewigkeit erschienen. Natürlich wäre es Torheit wenn sich die offenbar hitzigsten Kämpfer vor einer Gefahr gegenseitig schwächen würden. Marnion neigte kurz sein Haupt vor dem Geweihten und drehte sich dann zu Leomara um. „Euer Wohlgeboren von Isenbrunn, eingedenk des eben Vernommenen bitte ich Euch, unser Aufeinandertreffen zu verschieben bis wir die Angelegenheit mit dem Untier im Darpat geklärt haben. Ich hoffe dass Euch dies als Satisfication noch ausreichend erscheint.”

Alexis wunderte sich über das Verhalten des Junkers, ließ sich äußerlich aber nichts über seine Gedanken anmerken. War dieser Nebachote hier wirklich derjenige, der noch vor Kurzem beim Essen so vorlaut und unverschämt gewesen war?

Unruhig wechselte die Rittfrau ihr Standbein und beäugte Marnion von Kelsenstein misstrauisch. Sie versuchte in seiner Miene zu lesen, ob er es ernst meinte. Wäre er kein Nebachote, eigentlich ein stattlicher Mann musste sie dabei feststellen. Dann maß sie ihn mit zweifelnden Blicken. Sie schien sich was diesen Adligen anging, mit irgendetwas im Unklaren zu sein. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass der Junker es schaffen würde sie mit dem nötigen Respekt zu behandeln. Andererseits, war sie sich sicher, dass ihr das gelingen würde? Es gelang ihr eben noch ein Schmunzeln zu unterdrücken, allerdings konnte ihrem Gegenüber kaum der Schalk in den Augen Leomaras entgangen sein. Stattdessen antwortete sie schnell.

„Sicher Wohlgeboren, wir werden erst dieses Untier erlegen, und dann werden wir uns in einem rondragefälligen Zweikampf messen. Es würde mir eine Ehre sein, wenn ihr als Zeuge und Richter fungieren würdet.“ Hier drehte sie sich wieder dem Geweihten zu. Ihr wurde mit einem Mal bewusst wie spät es vermutlich schon war, und was der morgige Tag noch an Arbeit bringen würde. Alexis hatte schon Recht, es gab wahrlich genug anderes zu tun, was ihre ganze Kraft brauchen würde. Momentan stand ihr der Sinn nur noch danach so schnell wie möglich in ein Bett zu kommen. Da sie wusste, dass ihres hier auf der Burg vergeben war, musste sie noch auf das elterliche Gut reiten, und auf keinen Fall wollte sie dies in Begleitung ihres Vaters tun. Inständig hoffte sie auf eine baldige Erlösung aus jeglicher Gesellschaft, damit sie nicht noch einmal diese Geschichte wiederholen musste. Ein Ritt durch die einsame Landschaft war da genau das richtige für ihre derzeitige Verfassung.

Der Rondrageweihte drehte sich zum Schrein um, damit niemand sein Lächeln sehen konnte. Vielleicht gab es für beide ja doch noch Hoffnung in seinen Augen. Er machte das Zeichen Rondras vor dem Schrein und drehte sich wieder zu den beiden anderen um, seine Gesichtszüge dabei wieder im Griff habend. „So soll es denn so sein. Begebt Euch nun zur Ruhe und schickt mir bitte Bruder Unswin herein. Möge der Herr Boron über Euren Schlaf wachen.“


Verletztes Ehrgefühl- eine Frage des rechten Maßes


Dem Edelknappen war nichts anderes übrig geblieben als der Anweisung des Rondrageweihten Folge zu leisten. Nun tigerte er unruhig vor der geschlossenen Kammertür auf und ab. Zu gerne hätte er gewusst was Seine Gnaden den beiden für das morgige Duell mit auf den Weg gab. Sicherlich würde Unswin rechtzeitig alles erfahren, doch wurmte es ihn ausgeschlossen worden zu sein. Ob es mit seinem Fehlverhalten bei Tisch zusammenhing? Vielleicht. Vielleicht wollte er die Kombattanten auch nur ungestört alleine sprechen. Bis er dafür gebüßt hatte, würde er mit dem reservierten Verhalten seiner Ordensbrüder leben müssen. Tief in Gedanken schritt er weiter den Gang entlang, die Augen immer auf die Kammertür fixiert.

Endlich, nach einer Ewigkeit wie ihm schien, öffnete sich die Tür der Kammer und die beiden Streiter verließen nacheinander den Raum. Leomara wirkte erschöpft, aber deutlich gelöster als noch kurz zuvor. Sie wandte sich auch sogleich an ihn: „Geht nur hinein Unswin, ihr werdet schon erwartet. Ich werde mich hier noch einen Moment unterhalten, und auf euch warten. Mich interessiert doch, was er euch mit auf den Weg gibt.“ Sie lächelte ihn beruhigt an. Jetzt blieb nur zu hoffen, dass der Geweihte ihm nichts von den Sticheleien des Kelsensteiner Junkers verriet, sonst würde das Ganze womöglich wieder außer Kontrolle geraten.

Die entspannte Ruhe die die beiden Kontrahenten nach ihrem Besuch in der Kammer ausstrahlten war für Unswin etwas befremdlich. Er verbeugte sich wortlos vor Leomara, ignorierte den Kelsensteiner und begab sich in die Kammer des Geweihten. Als die Tür geschlossen war drehte er sich zu seinem Ordensbruder um und kniete sich vor ihm nieder. „Euer Gnaden, Ihr habt mich rufen lassen.“

Der Geweihte schien den Novizen zunächst nicht bemerkt zu haben. Erst als dieser ihn ansprach, dreht er sich zu ihm um. „Ah Unswin, kommt erhebt Euch!“ Während er sprach, gürtete er sein Schwertgehänge. „Was haltet Ihr von dem heutigen Tag?“ Sollte Unswin mit einer weiteren Ermahnung bezüglich seines Verhaltens beim Essen gerechnet haben, so hatte er sich getäuscht.

Unswin war ehrlich überrascht, dass die Begrüßung deutlich weniger streng ausfiel als er befürchtet hatte. Offensichtlich hatten sich seine beiden Ordensoberen bereits zuvor abgesprochen und seines Herrn Alfreds Zurechtweisung stellte den Standpunkt beider dar. Die Erleichterung war Unswin wohl noch anzusehen, als er sich wie befohlen eilig wieder erhob um dem Geweihten wie gewünscht zu antworten. Da die Frage für ihn überraschend kam, räusperte sich der Edelknappe noch kurz um seine Gedanken zu ordnen bevor er etwas erwiderte.

„Nun, die Spurensuche erwies sich als weniger ergiebig als wir es uns erhofft hatten. Eine relativ frische Spur hätte uns, hätte mir, eigentlich mehr verraten müssen. So wissen wir noch immer nicht um was es sich eigentlich handelt. Die Befragung der Monsterjäger in der Stadt war auch nur wenig hilfreich, da sie uns nicht schlauer gemacht hat als wir es vorher waren. Ob die Besprechung vorhin wirklich etwas gebracht hat können wir auch erst später bewerten, wenn wir wissen ob die eingebrachten Vorschläge Erfolg zeigen oder nicht. Wenn ich so frei sein darf, so habe ich nicht den Eindruck, dass ihre Hochwohlgeboren die Baronin den Erfolg der Jagd und somit die Sicherheit ihrer Untertanen, als ihr obersten Ziel ansieht. Immerhin wurde sich auf eine Vorgehensweise geeinigt. Trotzdem bleibe ich skeptisch, da wir meiner Meinung nach noch immer nicht genug über das Monster wissen. Mein Herr Alfred würde wahrscheinlich sagen, dass das Wissen um die Stärken und Schwächen des Gegners jedoch das wichtigste Element im Kampf ist. Wir sind also nach wie vor im Nachteil. Sollten wir durch einen glücklichen Zufall doch auf der Untier treffen müssen wir auch auf der Schlimmste vorbereitet sein, da wir nicht mit Sicherheit sagen können was uns erwartet.“

Nach seiner erschöpfenden Antwort schwieg Unswin und wartete darauf, ob seine Gnaden ihn irgendwo verbessern würde. Doch ging dieser sofort zum nächsten Thema über, eines das Unswin deutlich unangenehmer war.

„Was denkt Ihr über die hohe Dame von Isenbrunn und den Junker von Kelsenburg? Sprecht offen!“

Ein kurzes Schweigen machte deutlich, dass der Edelknappe mit dieser Wendung des Gesprächs noch weniger gerechnet hatte als mit dem Beginn. Er hatte angenommen, dass alles Wichtige das Duell betreffend bereits geklärt worden wäre. „Die edle Dame von Isenbrunn ist in meinen Augen eine aufrechte Ritterin, edel im Gebaren und sich dabei nicht zu schade für das Wohl und Wehe der Baronie im wahrsten Sinne durch den Dreck zu kriechen. Ich weiß, dass so ein Verhalten einer Dame von Stand nicht überall als schicklich betrachtet wird. Aber ich kann dafür nur großen Respekt empfinden, da meine Erziehung und mein Denken über die Pflichten eines Ritters in dieselbe Richtung gehen.“ Wieder räusperte sich der Edelknappe um seine Gedanken zu sortieren. Er war sich nicht sicher, ob er ohne die nötige Überlegung wirklich die richtigen Worte für das Folgende finden würde. „Was hingegen den Junker von Kelsenstein angeht, so bin ich mir nicht sicher ob ich sein Verhalten und sein Denken mit gutem Gewissen noch als den Göttern gefällig bezeichnen kann. Ohne Frage entstammt er einem Volksstamm, welcher die Verehrung der Zwölfe auf andere Weise praktiziert als ich dies aus meiner Heimat gewohnt bin. Trotzdem bleibt es in meinen Augen ein Frevel wider Praios auf welche Art der Herr Junker seine Pflichten und Taten auf Dere zu beschreiben pflegt. Ich maße mir nicht an darüber wie ein Geweihter des Höchsten zu urteilen. Doch kann ich es nicht gut heißen, sondern bestenfalls um des höheren Auftrags Willen tolerieren.“ Langsam und tief atmete Unswin durch um sich nicht in Rage zu reden bevor er zum ende kam. „Wäre ich nicht an den Orden gebunden und zudem als vollwertiger Ritter dazu berechtigt, so hätte ich noch bei Tisch eine Forderung gegen den Junker sprechen wollen.“ Unswins Blick lag offen auf dem Gesicht des Rondrageweihten und versuchte zu erkunden was dieser von seinen Gedanken halten möge.

Zunächst war der Gesichtsausdruck des Geweihten recht offen gewesen. Zustimmend nickte er bei Unswins Ausführungen über die Ritterin. Als der Novize jedoch seine Gedanken über den Junker äußerte, verdunkelte sich die Miene Alexis. Als der Edelknappe geendet hatte, fragte der Geweihte gleich nach. „Lassen wir die Ansichten einmal so wie sie sind und diskutieren wir später einmal darüber. Doch sag mir, was weißt Du denn über die Nebachoten? Was weißt Du über ihre Kultur, über ihren Glauben, ihre Stärken und Schwächen? Über ihre Art zu leben, zu lieben und zu sterben?“ Eine kurze Pause folgte, bevor der Geweihte fortfuhr. „Es ist leicht eine Forderung auszusprechen oder jemanden zu verdammen, nur weil man andere Ansichten hat.“

Die Fragen des Geweihten hatten Unswin nachdenklich werden lassen. Nur mit Mühe gelang es ihm dem forschenden Blick stand zu halten und Alexis weiterhin anzublicken. Er wusste, dass es mehr als eine Wahrheit gab, doch war es Unswin schon immer schwer gefallen Dinge zu akzeptieren die nicht in sein Weltbild passten. Die Nebachoten gehörten ohne Frage zu diesen Dingen. „Ich gebe zu, ich weiß nicht sonderlich viel über dieses Volk. Sie verehren als oberste Gottheit Kor, den Gott der Söldner, nachdem die Herrin Rondra ihnen vor vielen Jahren ihre Gunst verweigerte. Sie besitzen ohne Frage Mut, sind nach allem was ich gehört habe wilde Kämpfer und haben ihren eigenen Begriff von Ehre.“ Unsicher und nach einem kurzen Zögern fuhr der Edelknappe fort. „Es mag sein, dass seine Wohlgeboren von Kelsenstein ein besonders, konservativer Vertreter seines Volksstammes ist. Ich kann und will mir auch nicht vorstellen, dass dieses gesamte Volk Praios’ Gesetze dermaßen mit Füßen tritt.“ Mit einem kurzen Durchatmen und sichererer Stimme wiederholte er, was er seit seiner Jugend in den Praiostagspredigten gehört hatte. „Zuunterst kommen die Bauern, die Unfreien und die Freien. Sie ernähren ihre Herren und sind ihnen unbedingten gehorsam schuldig. Dann kommen die Ritter und Junker die ihren Baronen dienen und über denen stehen die Grafen und Herzöge und sie alle sind der Kaiserin ergeben.“

Plötzlich kam es Unswin etwas vermessen vor einem Geweihten aus einer Predigt zu rezitieren und dabei vielleicht belehrend zu wirken. Deutlich kleinlauter schloss er seine Rede. „Natürlich gibt es im Reich Rauls des Großen viele regionale Unterschiede in der Verehrung der Zwölfe. Jedoch lässt sich das Verhalten den Kelsensteiners in meinen Augen damit nicht rechtfertigen. Natürlich kann ich die Wege und den Willen der Zwölfe nicht annähernd so gut verstehen wie einer ihrer Diener, doch widerspricht sein Gebaren allem was ich über die Pflichten eines Ritters gelernt habe.“ Deutlich verwirrt sah der Knappe den Geweihten an. Sein Blick schien förmlich um eine Erklärung zu betteln, hatte er doch in seinen Augen alles richtig gemacht.

„Unswin.“ Fast gütig klang der Ton des Geweihten. „Lassen wir einmal außer Acht, was seine Wohlgeboren getan, oder nicht getan hat oder was Ihr oder ich darüber denken. Lasst uns das Volk der Nebachoten besser verstehen, damit auch ein Marnion von Kelsenstein uns besser verstehen mag.“ Erneut legte der Geweihte eine Pause ein. „Wisst Ihr, gleich zu Anfang habt Ihr bereits einen Irrtum begangen. Das Volk der Babur Nebachosja wie sie sich selbst nennen, sieht nicht Kor als den höchsten Gott an, wissen sie doch, dass der Fürst der Zwölfe nach wie vor Praios ist, sondern ehren sie noch immer Rondra. Allerdings sind sie der Ansicht, dass sie nicht würdig sind, die Leuin direkt zu verehren, mussten sie doch einst gefehlt haben, auf dass sie sich gegen sie wand und Nebachot gegen die Bosparanier fiel. Vielmehr beten sie noch immer zu ihr, nur eben mit dem Umweg über Kor, den Sohn Rondras.“ Erneut folgte eine Pause, in der Alexis Unswins Mimik beobachtete. „Ich werde morgen früh mit Bruder Alfred sprechen, der für Euch verantwortlich ist. Doch wenn er einverstanden ist, so wünsche ich, dass Ihr, wann immer eure sonstigen Pflichten für den Orden es zulassen die Nebachoten studiert und Euer Wissen für den Orden zusammentragt. Findet heraus was sie denken, wie ihre Geschichte lautet, was ihre Motive sind. Versteht, wie sie den Tag begehen und wieso sie es tun.“

Der Knappe war über diese Aufgabe absolut nicht begeistert, auch wenn man dies aus seinem Gesicht nur schwer ablesen konnte. Trotzdem hielt es Unswin nicht für angemessen dem Geweihten zu widersprechen sondern neigte nur gehorsam sein Haupt. „Wenn Ihr dies für angemessen haltet, wird Herr Alfred Euch sicherlich zustimmen. Ich werde also wie Ihr es wünscht Augen und Ohren offen halten und mich bei Gelegenheit mit den hiesigen Gebräuchen vertraut machen. Ich bin sicher, dass sich daraus etwas lernen lässt, wenn ich auch noch nicht weiß was es sein wird.“ Ruhig blieb er stehe und blickte den Geweihten fragend an ob er noch weitere Aufgaben für ihn haben würde. „Gut!“ Und damit schien diese Angelegenheit für Alexis vom Tisch zu sein und Unswin war entlassen. „Ach eine Sache noch. Ich habe vergessen mir einen Krug Wasser ans Bett bringen zu lassen. Seid so gut und bringt mir noch einen, bevor Ihr Euch zu Bett begebt.“ „Sehr wohl Euer Gnaden. Ich werde das sofort für Euch erledigen.“ Mit einer weiteren knappen Verbeugung verabschiedete sich Unswin.


Erkenntnisse über Zeit und Maß der Dinge

Als der Edelknappe die Tür hinter sich geschlossen hatte, drehte sich die Isenbrunnerin zu Marnion von Kelsenstein um. „Ich hoffe, dass die folgenden Tage uns Hesindes Weisheit und Phexens Glück bescheren mögen, auf dass wir schnell dieses Untier stellen können, denn auf diesen Kampf gegen euch habe ich nur ungern verzichtet.“ Ein feines Lächeln machte sich breit und sie sagte das ohne Groll in der Stimme, sondern er hatte eher den Eindruck, dass sie ihn nun eher als Gegner ansah, den es zu besiegen galt. Völlig unbefangen begann sie das Haarnetz zu lösen, und sich das Haar wieder zu lockern. Diese Geste ließ ahnen, dass sie sich nun schon deutlich wohler fühlte. „Ich denke, wir sehen uns dann am morgen am Hafen Wohlgeboren?“

Der Kelsensteiner lächelte sie offen und ehrlich erfreut an. „Mögen uns die Götter hold sein, auf das wir bald die Gelegenheit haben, unsere Klingen zu kreuzen. Ich freue mich darauf, euch morgen wieder sehen zu dürfen.” Immer noch lächelnd verbeugte sich Marnion noch vor seiner zukünftigen Kontrahentin bevor er sich auf den Weg zurück zu seinem Quartier machte. Insgeheim hatte er sich nach der Auseinandersetzung vorgenommen ihr bis zum Duell aus dem Weg zu gehen um sie nicht noch mehr zu reizen. Umso erfreuter war er über ihren Sinneswandel. Wenn die Götter Ihnen gewogen wären, könnten sie beide Seite an Seite kämpfen. Womöglich könnte das helfen Leomaras Vorbehalte gegenüber seiner Herkunft und seiner Person abzubauen. Er hoffte wirklich, dass es sich um ein gar fürchterliches Untier handeln würde. Das bräuchte es, um den immer noch zwischen ihnen liegenden Graben zu überbrücken. Marnion schalt sich einen Narren. Was er dachte ergab keinen Sinn. Der Nebachote änderte seinen Weg, hinaus in die frische Brise um Körper und Geist durch nächtliche Schwertübungen zur Ruhe zu bringen.


***


Unswin verließ die Kammer des Geweihten und schreckte ein wenig auf als er Leomara im Schein einer Fackel im Gang stehen sah. Der Unmut über seine neue Strafe, denn als solches sah er die Idee seines Ordensbruders an, hatte ihn völlig vergessen lassen, dass die Ritterin auf ihn hatte warten wollen. “Edle, ähem, edle Dame. Verzeiht wenn ich euch habe warten lassen. Ihro Gnaden hatte noch einige Fragen und eine Aufgabe für mich.“ Er blickte Leomara mit einem unsicheren Lächeln an. „Ihr wolltet noch mit mir sprechen?“

„Nunja, ich bin neugierig!“ Sie lächelte ihn an. „Aber ich bin müde, und ich muss noch nach Hause reiten. Ich denke es wäre klüger, meine Neugier zu zügeln und auf morgen zu verschieben. Die Lust auf einen Ritt ist mir inzwischen auch fast abhanden gekommen, ich könnte fast auf der Stelle einschlafen.“ Entschuldigend sah sie den Edelknappen an.

„So oder so solltet Ihr heute nicht mehr hinaus reiten. Mag der Weg auch kurz sein, wir wissen nicht wo das Monster als nächstes zuschlagen wird.“ Nachdenklich strich er sich über das Kinn. „Vielleicht, so Ihr denn damit Vorlieb nehmen wollt, kann ich Euch meine Kammer anbieten? Sie ist nicht groß und für einen einfachen Knappen angemessen, aber wenn Ihr nur ein Bett sucht, so kann es wohl genügen. Ich selbst werde auf Befehl meines Herrn Alfred die Kapelle aufsuchen und im Gebet an die Herrin Rondra um Vergebung für mein Fehlverhalten am heutigen Tag bitten. Ich würde dann dafür Sorge tragen, dass Ihr am Morgen rechtzeitig geweckt werdet.“

Sie wusste, er hatte die Kammer ihres Knappen erhalten, das Bett war also sauber. Aber sollte sie dieses Angebot annehmen? Zweifelnd sah sie ihn an. Sicher, der Weg zum Gut würde ein Stück am Darpat entlang führen, aber das würde sie normalerweise nicht abhalten. Sie musterte ihn. Er blickte sie völlig ohne Argwohn und vor allem ohne diese nebachotische Zweideutigkeit an, die sie jetzt vermutlich in den Wahnsinn getrieben hätte. Müde grübelte sie über seinen Vorschlag nach. Bis sie ihr Pferd gesattelt hätte, sie wusste nicht, wo man den Knappen untergebracht hatte, und nach Kaltengrundt geritten war, wo sie sicher erst einen Knecht wecken müsste damit der sich um ihr Pferd kümmerte… Heute schien sich einfach alles gegen sie verschworen zu haben, und insbesondere gegen ihr Bedürfnis endlich zu ruhen. Daher rang sie sich zu einer Entscheidung durch, fast froh über die Auflagen des Zornesritters.

„Danke vielmals für euer Angebot Unswin, ich würde es in der Tat gerne annehmen. Ich muss ohnehin sehr früh zum Hafen. Nun muss ich zunächst zur Baronin und ihr miteilen, dass wir das Duell verschoben haben auf einen unbestimmten Zeitpunkt nach der Jagd nach dem Untier…“ Sie seufzte tief auf. „Ich wünsche euch eine lehrreiche Zeit an unserem kleinen Schrein. Hinter dem Bildnis ist übrigens eine Decke, falls ihr etwas für eure Knie benötigt.“ Sie blinzelte ihm verschwörerisch zu, drehte sich um, und ging zurück zu Baronin Geshla, um sie über die neuesten Entwicklungen zu unterrichten.

Unswin blickte der Ritterin noch einen Moment hinterher, bis sie um die nächste Biegung im Gang verschwunden war. Er hatte nicht vor sich seine auferlegte Strafe zu erleichtern. Er woltle sich Rondra würdig erweisen, da durfte er sich von schmerzenden Knien nicht bezwingen lassen. Dennoch war er Leomara dankbar, dass sie auf diese Weise an ihn gedacht hatte. Mit dieser kleinen Aufmunterung im Kopf machte er sich dann auch eilig auf den Weg zur Küche um für Alexis den gewünschten Wasserkrug zu holen, bevor er sich schließlich zur Kapelle begab.



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Texte der Hauptreihe:
29. Ing 1032 BF zur nächtlichen Rahjastunde
Nächtliche Streifzüge
Im Schatten der Nacht


Kapitel 19

Schellenklang in der Nacht
Autor: Alex N., Christian K., Rafael K., David L., Nicole R., Marcus F., Robert O.