Geschichten:Familientreffen - Bärenbruder

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Dramatis Personae:

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Baronie Kressenburg

Sebulon konnte seinen Vater und seinen Onkel weder sehen noch hören. Wahrscheinlich waren sie der anderen Spur gefolgt und waren inzwischen meilenweit entfernt. Doch das schreckte ihn nicht, denn er kannte diesen Teil des Waldes so gut wie seine Satteltasche. Dennoch hielt er den Blick aufmerksam abwechselnd auf den Boden und zwischen die dicken Stämme der alten Bäume gerichtet. Den Bogen hielt er gespannt und einen Pfeil hatte er eingelegt, um jederzeit auf ein aufgescheuchtes Wild reagieren zu können. Schon fast eine Stunde folgte er der merkwürdigen Spur die er entdeckt hatte. Auf den ersten Blick sah sie aus wie die Bärenspur der sie schon zuvor den ganzen Tag gefolgt waren, doch hatte er manchmal den Eindruck, als hätte sich dieser Bär längere Strecken auf zwei Beinen fortbewegt. Das war natürlich unmöglich, aber er wollte dem trotzdem auf den Grund gehen.

Langsam wurde es dunkel im Reichsforst. Sebulon wusste, dass er bald würde umkehren müssen um noch vor der völligen Dunkelheit den Gutshof zu erreichen. Außerdem würde er die Spur sowieso bald nicht mehr erkennen können. Gerade als er sich dazu entschloss die Suche für den Tag abzubrechen verlor sich die Spur gänzlich. Verwirrt kniete sich Sebulon auf den Waldboden um im abentlichen Dämmerlicht mehr zu erkennen, doch von einem Schritt auf den nächsten war nichts mehr zu entdecken. Vorsichtig blickte er sich nach allen Seiten um. Nicht nur die Spur war verschwunden, auch der Wald um ihn herum schien mit einem Mal merkwürdig still zu sein. Das einzige Geräusch war das Rascheln seiner Füße im halbverrotteten Laub des Vorherbstes. Die Sinne und Nerven bis auf Äußerste gespannt, nahm er plötzlich eine Bewegung an einem Baum links von sich war und meinte den Schatten eines Bären zu erkennen. Mit einem lauten Schrei warf Sebulon sich herum. Noch in der Drehung hob er den Bogen und ließ den Pfeil fliegen, ohne groß zu zielen und ohne zu erkennen was sich dort bewegt hatte.

Im nächsten Moment sah er zwei Dinge mit denen er nicht gerechnet hatte. Zum einen flog der Pfeil genau mittig auf den Baum zu statt an ihm vorbei, bohrte sich in das feste Holz und blieb zitternd stecken. Sebulon meinte einen Augenblick der Baum hätte sich bewegt, aber das war natürlich Unsinn. Wahrscheinlich hatte er im Schreck einfach daneben geschossen. Zum anderen stand dort plötzlich eine menschliche Gestalt neben dem Baum, eingehüllt in ein Bärenfell, den Kopf des Bären wie eine Kapuze oder Krone tragend. Es war ein Mann, soviel konnte Sebulon erkennen. Er schien noch sehr jung zu sein, obwohl die weise Gelassenheit seines Blickes seine offensichtliche Jugend Lügen zu strafen schien. Kein Schreck, keine Angst, keine Wut war in seinem Gesicht zu lesen. All dies wären für Sebulon verständliche Emotionen gewesen, wenn der vermeintlich tödliche Pfeil plötzlich doch einen halben Schritt weiter im nächsten Baum steckte. Doch statt dessen lächelte der Mann plötzlich so, als hätte er etwas wiedererkannt. Die Regung ging kaum über seine Lippen hinaus und der Blick seiner Augen war starr und fokussiert wie zuvor. Trotzdem veränderte das Lächeln den Mann deutlich. Verblüfft ließ Sebulon den Jagdbogen sinken und versuchte seinen Gegenüber im Dämmerlicht genauer zu erkennen.

„Es tut mir Leid.“ Leise und brüchig war die Stimme des fremden Jünglings, ganz so als würde er sie nicht häufig gebrauchen. Und doch meinte Sebulon etwas darin zu erkennen. Eine Erinnerung aus seiner Kindheit wurde in ihm wach und nahm immer mehr gestalt an, je klarer die Stimme des Unbekannten wurde. „Ich habe versucht meinen Meister davon abzuhalten, aber die Fischteiche waren ihm ein Dorn in der Tatze. Wilde Tiere gehören nicht so eingesperrt meinte er.“ Noch immer stand er reglos dort, während Sebulon kaum den Sinn der Worte verstand sondern nur den Klang der Stimme zu ergründen suchte. „Ihr solltet in nächster Zeit nicht so weit in den Wald gehen. Vor allem nicht allein.“

Die Stimme war anders als in seiner Erinnerung, deutlich tiefer. Dennoch war sich Sebulon sicher. Langsam ging er ein paar Schritt auf den Fremden mit dem Bärenfell zu, kniff die Augen zusammen um im immer schwächer werdenden Licht die Konturen des Gesichts besser erkennen zu können. Mit einem Mal warf dieser den Kopf zur Seite und lauschte in den Wald hinein. Auch Sebulon meinte von Ferne das Brüllen eines Bären zu vernehmen. „Ich muss los. Er ruft nach mir. Ich habe dich vor ihm gewarnt. Sei auf der Hut.“

Im nächsten Augenblick verschwand der Fremde im Schatten des Baumes. Sebulon sprang hinterher, doch sah er nur noch wie ein großer Schatten zwischen den Büschen davon eilte, der irgendwie viel massiger wirkte als der Mensch der ebend noch vor ihm gestanden hatte. Nur das Rascheln von Laub und das Knacken kleiner Zweige war noch einige Sekunden lang zu hören, bevor es wieder absolut still um ihn herum wurde.

„Travian? Aber wie ist das möglich...“

Wie auf ein Kommando setzten die Stimmen des Waldes wieder ein und Sebulon schien es, als wären sie nach der langen Stille unnatürlich laut. Kopfschüttelnd betrachtete er seinen Pfeil der noch immer im Baum neben ihm steckte. Er war sich sicher nicht daneben geschossen zu haben. Dann machte er sich eilig auf den Heimweg, bevor die Dunkelheit gänzlich vom Wald Besitz ergreifen konnte.


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Texte der Hauptreihe:
16. Ing 1032 BF
Bärenbruder
Mutterliebe


Kapitel 3

Schwesterherz
Autor: Keilholtz