Geschichten:Ein neuer Staatsrat - Erlenstammer Grundsatzfrage

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Wieder in Erlenstamm, auf den Zinnen der Burg Freudenstein an einem sonnigen Nachmittag. Die Baronin stand in sich gekehrt auf dem Turm, genoss den Ausblick, den Wind in den Haaren ...

Baldus stiegt zu ihr hinauf: "Hochgeboren, Ihr habt nach mir gerufen."

"Ja, mein treuer Baldus ... ich habe wieder eine besondere Arbeit für Dich."

"Sehr wohl, Hochgeboren. Was besorgt Euch?"

Die Baronin drehte sich um, lächelte ihren Sekretär ungewohnt freundlich an und sprach: "Sorgen? Eigentlich habe ich im Moment nicht viele Sorgen. Das allermeiste ist so, wie es sein sollte. Meine Kinder sind - wieder - wohlbehütet bei mir, Zwerge leben kaum noch in Erlenstamm, die Beziehung zum Höllenwaller, der uns letztmals viel Kummer bereitet hatte, ist so gut, wie sie unter den gegebenen Umständen sein kann, Erlenstamm ist wirtschaftlich und vor allem militärisch erstarkt, steht sogar besser da als je, und das auch dank Alissa und ihren Waldläufern, die in der Baronie zum Rechten sehen. Auch die neuen, unerwartet guten Beziehungen zu den Eychgrasern sind sehr erfreulich ... " sie machte eine kurze Pause.

"Und doch treibt Euch etwas um", bemerkte Baldus.

"Wärst Du mir nicht seit Jahren ein treuer Diener und Berater, würde ich Deine Bemerkung als untragbar bezeichnen ... aber Du kennst mich eben, und das schätze ich. Mich treibt die Ernennung des neuen Staatsrats um."

"Ihr habt Euren Vorschlag platziert."

"Ja, und der dürfte für etwas Wirbel sorgen. Auch wenn er nicht ganz ernst gemeint ist, werde ich dazu stehen. Der Höllenwaller würde dem Reich wohl mehr schaden als uns. Und Du weisst, wie sehr ich diesen Garether Moloch liebe."

"Und, Hochgeboren? Ich verstehe nicht. Wollt Ihr Euren Vorschlag bekräftigen?"

"In gewisser Weise, Baldus. Dass der Vorschlag dieses Schweinepriesters für Aufregung sorgt, ist schon sehr erwünscht. Aber mein ernst gemeinter Vorschlag hat bisher offenbar keinerlei Widerhall gefunden."

"Ich höre, Hochgeboren."

Die Baronin schaute Baldus scharf an und sprach laut und übertrieben artikulierend: "WIR BRAUCHEN KEINEN STAATSRAT! Dieses Amt hat keine andere Funktion als die der Bevormundung des Landadels, und das auch noch auf dessen Kosten! Wir finanzieren mit unseren sauer verdienten, den Bauern, Händlern und Handwerkern mühsam abgepressten Dukaten ein fettes Schwein, das immer fetter wird und auch meint, uns von Amtes wegen schikanieren zu müssen! Wollen wir das? NEIN! Entscheidungen müssen ohnehin dort getroffen werden, wo man weiss, wie der Hase läuft. Nur das ist effizient."

"Hochgeboren. Ihr wollt aber sicher nicht, dass ich Eure genaue Wortwahl wiedergebe ... "

Die Baronin lächelte wieder milde: "Baldus, Du bist so sprachgewandt. Du wirst das, was ich sagen wollte, sicher in eine passende Form bringen. Ich vertraue Dir voll und ganz. - Du kannst ja davon schreiben, dass wir im Reich unsere knappen finanziellen Mittel auf das vordergründig Nötigste beschränken müssen, dass die Grafen und Barone bestens wissen, was in ihren Lehen gut oder eben weniger gut läuft, dass man die wohl ausgedünnte Garether Bürokratie nicht mit zusätzlichen Aufgaben belasten sollte, zumal über sämtliche Belange eines so grossen Reiches kaum eine einzige Person bzw. ein zentrales Amt Bescheid wissen kann, weshalb man ja genau das dezentrale Lehenswesen eingeführt hat, das sich dort bewährt, wo man dem Landadel das Vertrauen entgegenbringt, das ihm auf Grund seiner Stellung gebührt ... immerhin wurden wir ja Kraft Parios Willen dorthin gesetzt, wo wir sind. Blablabla. Schau, dass der Sinn glasklar rüberkommt, aber versuch, ihn diplomatisch zu verpacken."

"Ihr wisst, Hochgeboren, dass dieser Vorschlag noch weniger Aussicht auf Erfolg hat, als der Vorschlag des Höllenwallers."

"Natürlich weiss ich das, Baldus, aber ich hoffe, dass er den Adel in Aufruhr versetzt, in zum Grübeln bringt. Vielleicht merken sie, dass unsere Vorschlag nur auf das Wohl des Reiches abzielt."

Der Sekretarius verbeugte sich und eilte davon. Und schon am nächsten Tag erging das Schreiben an den garetischen Adel.


Autor: Thalionmel

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