Geschichten:Ein Schnaps zuviel

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Mit schmerzverzerrtem Gesicht zog sich Hauptmann Oswin von Firunslicht seinen rechten Stiefel an, oder besser gesagt: Er quälte sich in diesen hinein.
Bei einem Treppensturz vor einigen Tagen hatte sich der Offizier den rechten Fuß samt Gelenk übel verstaucht, was ihm insbesondere das Gehen zur Qual machte. Unter normalen Umständen hätte Oswin sich zwecks Genesung für einige Tage beurlauben lassen, aber just morgen stand eine wichtige Besprechung aller Bannerführer des Bombardenregiments mit dessen Kommandeur samt Stab an, ein Termin, den der pflichtbewusste Firunslicht nicht absagen oder seinem Leutnant überlassen wollte. Dass an einen vernünftigen Schlaf ob der Schmerzen nicht zu denken war, machte die Sache nicht besser, im Gegenteil. So hatte Oswin sich entgegen seiner sonstigen Art dazu entschlossen, sich gegen die Schmerzen vor der Versammlung zwei Schnäpse zu genehmigen.

„Gut, dann wäre nun wohl alles geklärt. Ich danke für Ihr Kommen und wünsche eine angenehme Rückreise, respektive einen ruhigen Dienst.“ Nachdem Oberst Siegerain von Bregelsaum-Berg die Zusammenkunft für beendet erklärt hatte, nahmen die Offiziere kurz Haltung an, meldeten sich ab und begannen, den Raum zu verlassen.
„Hauptmann von Firunslicht! Auf ein Wort noch.“
„Ja, Herr Oberst?“
„Ich habe von eurem, hm, Missgeschick vor ein paar Tagen gehört und kann mir gut vorstellen, was für große Schmerzen Ihr haben müsst. Ich kann auch nachvollziehen, dass ihr euch dagegen das eine oder andere ‚geistige Getränk‘ genehmigt. Aber-“
„Verzeiht, Herr Oberst, dass ich Euch ins Wort falle, aber selbstverständlich habe ich nicht mehr getrunken, als mir zuträglich war und denke, mein Verhalten während der Zusammenkunft hat ebenfalls keinen Anlass zur Klage gegeben.“
Siegerain hob beschwichtigend die Hand, bevor er antwortete. „Das habe ich weder angenommen noch behauptet. Im Gegenteil, Eure Ausführungen waren ebenso klar wie präzise. Aber ich konnte den Brannt riechen. Mag sein, dass es nur daran lag, dass Ihr während der Besprechung in meiner Nähe standet und man weiter weg nichts davon bemerkt hat, aber dennoch: Hier sind auch niedere Chargen und sonstige Bedienstete zugegen, denen sowas ebenfalls auffallen und sie in ihrer Beschränktheit zu falschen Schlussfolgerungen verleiten könnte. Nehmt Euch nach Eurer Rückkehr einige Tage frei und kuriert Euch ordentlich aus; ich brauche Offiziere, die jederzeit einen klaren Kopf bewahren können.“ „Jawohl Herr Oberst. Ich versichere Euch, dass sich so etwas nicht wiederholen wird.“
„Gut, das wäre dann alles. Weggetreten.“

Kaum hatte sich Oswin abgemeldet, wandte sich Siegerain an seine Adjutantin, Weibelin Lefke Bruckweiler, die während der gesamten Besprechung sowie des gerade beendeten Wortwechsels hinter ihrem Vorgesetzten gestanden hatte.
„Bruckweiler, sorgt dafür, dass hier schnellstmöglich alles auf Vordermann gebracht wird. Ich selbst werde mich jetzt zu Tisch begeben, bin aber in zwei Stunden wieder zurück.“
„Ja, Herr Oberst. Ich kümmere mich um alles weitere.“ ‚Und noch mehr‘, fügte sie im Gedanken hinzu.

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Am frühen Abend verließ die Weibelin die Kaserne und begab sich in eine der besseren Schänken im Hafen der Reichsstadt. Ihr dortiger Kontakt zahlte gutes Silber für Berichtenswertes aus dem Heer, wozu ein dem Trunke ergebener Offizier nach Meinung der Frau durchaus zählte. Zwar war die Wahrheit weitaus simpler und eigentlich kaum der Rede wert, ließe sich aber für ein paar Taler leicht entsprechend ‚ausschmücken‘.
„Deswegen kommst Du hierher, Soldatin? Weil irgendein Offizier sich vor einer Besprechung ein paar Schnäpse hinter die Binde gekippt hat? Ha, ich war früher auch mal in der Armee und wenn ich daran denke, was sich die Damen und Herren Offiziere damals so alles geleistet haben… Hier sind drei Taler und eine Warnung gibt’s noch gratis obendrauf. Wenn Du beim nächsten Mal nichts wirklich Relevantes zu berichten hast, dann komm besser gar nicht mehr, verstanden?“
Ein unwilliges Schnauben Lefkes war die Antwort.
„Gut. Und nun weggetreten, wie man bei euch so schön sagt.“

„Gibt es sonst noch etwas von deinen ‚Quellen‘ zu berichten?“
„Nichts Relevantes, Euer Exzellenz. Eine Soldatin aus dem Umfeld des Kommandeurs des Bombardenregiments teilte mir gestern Abend mit, dass einer der Hauptleute betrunken an einer wichtigen Besprechung teilgenommen habe.“
„Nur einer? Sind die jetzt plötzlich alle Abstinenzler geworden? Und diese Karikatur von einem Oberst dort ist ohnehin am besten nur in trunkenem Zustande zu ertragen. Sollte die Frau nochmal mit so einem Unsinn zu dir kommen, streiche sie von unserer Liste.“
„Ist bereits vermerkt, Exzellenz.“
„Gut, dann war es das für den Moment. Du kannst gehen. Ach, wie hieß besagter Offizier eigentlich?“
„Oswin von Firunslicht.“, rief der Besucher dem Seneschall zu, bevor er den Raum verließ und die Türe hinter sich schloss.
Zordan erstarrte für einen Augenblick. Sollte es das Schicksal wirklich so gut mit ihm meinen? Rasch nahm er noch einmal die heute früh erhaltene Depesche aus Arvepass zur Hand, in der Aldron von Firunslicht, Oswins Vater, seine Demission als Landvogt erklärt hatte. ‚Was für eine außerordentlich glückliche Fügung der Ereignisse‘, resümierte der Rabicumer kalt lächelnd, während er im Geiste bereits plante, wie er diese jüngsten Entwicklungen zum Vorteil seiner Familie im Allgemeinen und seiner Enkelin Geldana im Besonderen nutzen konnte.


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Texte der Hauptreihe:
21. Pra 1045 BF
Ein Schnaps zuviel
Ein wehmütiger Abschied


Kapitel 2

Autor: Wallbrord