Geschichten:Ein Rapport, ein Staunen und eine Einladung

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Gut gelaunt und geradezu vor Selbstvertrauen strotzend hatte sich Siegerain von Bregelsaum-Berg direkt nach seiner Rückkehr aus Mardramund in der Reichsstadt bei seinem Vorgesetzten, Heermeister Zivko von Zackenberg, melden lassen. Keinesfalls sollte dieser von jemand anderem erfahren, dass die Verhandlungen mit Praiosmar von Hinn zwar gescheitert waren, dies aber ganz und gar dem Landvogt und seinen völlig überzogenen Forderungen zuzuschreiben war. Der Offizier konnte sich ein Schmunzeln bei der Erinnerung an diese denkwürdigen Unterredungen nicht verkneifen, hatte sich der Vogt doch gewissermaßen öffentlich und - was fast noch wichtiger war - auch in den Augen der übrigen perricumer Delegaten mehr oder weniger unmöglich gemacht, weswegen von deren Seite kein etwaiger Widerspruch zu erwarten sein dürfte.
Die Lorbeeren für die entschiedene Ablehnung besagter Forderungen und das ebenso bestimmte Eintreten für die Interessen des Reiches und Perricums hatte der Oberst allein sich selbst zugedacht und hierfür galt es, die Nachricht als erster an passender Stelle zu verkünden und so deren Bewertung zu prägen. Zwar hätte er lieber die Erzielung einer Übereinkunft gemeldet und auch das zuvor so gute Verhältnis zu Praiosmar beibehalten, doch war letzteres ein verschmerzbarer Preis, wenn Siegerain dafür vermitteln konnte, standhaft geblieben zu sein und daher lieber gar kein Abkommen als ein schlechtes Abkommen unterzeichnen mochte.
Er musste nicht allzu lange warten, bis der Heermeister ihn zu einem Gespräch unter vier Augen empfing und die Ausführungen seines Gastes zunächst mit sichtlichem Unglauben, dann mit grimmer Entschlossenheit zur Kenntnis nahm. An passender Stelle erwähnte der Befehliger des Bombardenregiments während seines Rapports auch die übrigen Unterhändler kurz mit ein paar lobenden Worten - um nicht gar zu egoistisch zu wirken - ohne dabei jedoch den Eindruck aufkommen zu lassen, dass diese mehr als nur bloße Erfüllungsgehilfen für ihn bei den Gesprächen gewesen seien. Zum Ende seiner Ausführungen hin überreichte Siegerain seinem Gegenüber eine Dokumentenmappe, die einen ausführlichen Bericht des zuvor Geschilderten enthielt sowie das Original der von Praiosmar aufgestellten Verhandlungsgrundlagen. Zivko überflog letztgenanntes Dokument mit einem irritierten Kopfschütteln, legte es danach in die Mappe zurück und wandte sich wieder seinem Besucher zu.
"Das alles ist - bemerkenswert. Vorsichtig ausgedrückt. Und dieser Hinn wollte Euch tatsächlich während der Gespräche irgendwelche Waffen aus dem Schlund verkaufen?", fragte der Baron mit einer Mischung aus Unglauben und Skepsis.

"Waffen, Belagerungsmaschinen - ach, und Bier. Aber lest, so Ihr mögt, selbst: Der Herr Praiosmar war so frei, mir diverse Handelsangebote und -kataloge mitzugeben. Einen Moment, bitte."
Aus einer mitgebrachten Tasche entnahm der Oberst diverse Stapel Papier und legte sie, auseinandergefächert nach deren Urhebern, vor seinem Vorgesetzten auf den Tisch.
"Ich bitte um Entschuldigung, aber die schiere Masse an Papier passte nicht mehr in die Mappe."
Siegerain rang sichtlich damit, nicht wie ein Honigkuchenpferd von einem Ohr zum anderen zu grinsen.

Baron Zivko starrte mehrere Augenblicke lang mit offenem Munde und beinahe wie paralysiert wirkend auf die Kataloge und Angebote. "Das, das", begann er stammelnd und kopfschüttelnd, "das alles hat man Euch in die Hand gedrückt? Während der offiziellen Gespräche? Vor allen Anwesenden? Durch den Landvogt? Das ist - ich weiß nicht, was ich sagen soll."

Der Befehliger des Bombardenregiments konnte die Reaktion seines Vorgesetzten sehr gut nachvollziehen, war es ihm damals doch ähnlich ergangen. "Genau so hat es sich zugetragen, Exzellenz.", erwiderte er gesammelt auf dessen Fragen, während er sich überlegte, ob Zivko wohl viel fassungsloser hätte dreinschauen können, wenn man ihm stattdessen mitgeteilt hätte, dass seine Burg gerade abgebrannt sei. Vermutlich nicht.

"Und was soll ich jetzt mit diesem Wust an Handelsofferten machen?"

"Nun, der nächste Winter kommt bestimmt", entgegnete Siegerain trocken und blickte ostentativ zum Kamin herüber.

"Hm, sicherlich nicht die schlechteste Idee." Der Baron schwieg für einen kurzen Moment nachdenklich. "Aber ich denke, dass sich dafür eine bessere Verwendung finden dürfte.
Und ich getraue mich eigentlich kaum zu fragen: Gab es sonst, abseits der eigentlichen, ähm, 'Verhandlungen', noch irgendetwas von Belang?"

"Nun ja, da war noch dieser Zwerg von den Gräflich Schlunder Bombarden. Der führte sich auf, als wäre er Teil und nicht nur Zaungast der Gespräche und als deren Scheitern abzusehen war, verließ er unter lautstarkem Gezeter den Saal. Das wäre bis hierhin ja lediglich putzig gewesen, aber bei seinem Abgang tat er unmissverständlich kund, dass er den bisherigen Verlauf der Gespräche baldmöglichst unter anderem dem Hochkönig der Angroschim hinterbringen wolle."

"Was?!" Zivkos gerade erst mühevoll geglättete Gesichtszüge entgleisten erneut. "Der Kerl ist Kommandeur einer gräflich-schlunder Militäreinheit, nimmt als Gast ohne jedes Verhandlungsmandat an den Unterredungen teil und droht bei seinem Abgang damit, dem Herrscher eines fremden Reiches - Genug! Das ist eine Sache, mit der sich seine Erlaucht befassen soll. Und hiermit beschließe ich um meiner eigenen geistigen Gesundheit willen, dass ich weiß, dass ich nunmehr genug zu alledem weiß, um zu wissen, dass ich mehr hierzu nicht wissen will.
Nun zu Euch: Ausgezeichnet, mein lieber Siegerain, wirklich ausgezeichnet! Ihr habt zwar keine Übereinkunft erzielen können - was unter den, hm, höchst ungewöhnlichen Umständen auch vollkommen absurd gewesen wäre, zu erwarten - aber ihr habt dabei bemerkenswerte Haltung und Größe in der schlunder Fremde an den Tag gelegt und so allen Anwesenden in Madramund gezeigt, dass sich das Reich und die Markgrafschaft weder etwas diktieren lassen noch gar wie garetische Markweiber herumschachern. Ich denke, seine Erlaucht wird dies ebenso sehen, wenn ich ihn in Kürze hierüber in Kenntnis setze. Ihr habt Euch - wieder einmal, muss ich sagen - aufs beste bewährt. Eure außerordentlichen Verdienste werde ich selbstverständlich auch dem Markgrafen gegenüber erwähnen."

"Zu gütig, Euer Exzellenz", aber Euer Lob und Eure Wertschätzung sind mir Dank genug", erwiderte der Oberst beflissen.

Zivko hielt für einen kurzen Moment leicht nachdenklich wirkend inne, bevor er fortfuhr:
"Eure Bescheidenheit ehrt Euch. Aber da wäre noch etwas, das ich gerne mit Euch bespräche; etwas von eher privaterer Natur, bei dem Ihr mir vielleicht ebenfalls helfen könntet. Wenn es Euch recht ist, lasst uns doch nachher bei einem gemeinsamen Abendessen darüber sprechen.

'Und ob mir das recht ist!', frohlockte Siegerain innerlich, der in dieser unerwarteten Einladung eine weitere gute Gelegenheit für sich und sein Fortkommen sah. Deutlich ruhiger und beinahe demütig formulierte er hingegen seine Antwort.
"Ich danke für die Einladung und nehme sie natürlich gerne an."

"Fein. Dann zur siebten Stunde im "Kaiser Reto". Aber nun habe ich genug Eurer wertvollen Zeit beansprucht. Ich denke, Ihr habt noch genug zu tun, so wie auch meiner noch einiges an Arbeit harrt."

"In der Tat, Euer Exzellenz. Dann bis zum Abend."
Hatte er das Arbeitszimmer seines Vorgesetzten schon mit einem Ausdruck großer Zufriedenheit betreten, so verließ er es nun beinahe berstend vor Selbstbewusstsein.