Geschichten:Das Orakel des Einhorns

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Immer noch halten die Worte des Hochgeweihten des Schlunder Heiligtums in Thorins Geist wieder. ‘Du bist dazu auserkoren ihn zu richten.’
Konnte das wirklich wahr sein, entsprach dies dem Willen des Weltenerbauers? Zweifel, nicht an der Deutung seines Traumes durch den Kleriker, sondern vielmehr an sich selbst schlichen sich in Thorins Bewusstsein. Er war doch kein Krieger der altehrwürdigen Schule des Drachenkampfes zu Xorlosch. Sie wüssten was zu tun ist, wie sie einen Geschuppten jagen, stellen und schließlich auch erlegen konnten, aber er?
Thorin seufzte schwer. Es half nichts, es war sein Schicksal, nicht das eines anderen. Angrosch würde ihm darüber hinaus ewig zürnen und ihm den Weg in die Hallen seiner Ahnen verwehren, wenn er diesen ihm bestimmten Pfad ausschlagen würde. Skeptisch richtete der Zwerg seinen Blick auf den Sakralbau vor sich.

Der Name "Nandus-Tempel Sankta Niobara zu Dornensee in Eslamsgrund" war an sich schon dazu geneigt, Kopfschmerzen zu bereiten. Das "zu Dornensee" rührte aber offenbar daher, dass der Tempel einmal in Dornensee gestanden hatte, dort, wie im restlichen Garetien war der Nandus-Glaube aber inzwischen verboten. Eslamsgrund als Reichsstadt aber unterstand allein kaiserlichem Recht und die hatte die Kirche nicht verboten. So in etwa zumindest hatte Thorin die Rechtslage verstanden, die man ihm unterwegs nach Eslamsgrund auf Nachfrage geschildert hatte. Wieso und weshalb fragte der Zwerg erst gar nicht. Menschen und Logik, dass passte ohnehin in den seltensten Fällen zusammen.
Jedenfalls befand sich der Tempel des Nandus nun in der Schule der Heyl- und Heimatkunde, einem Bau, der weniger an einen Tempel erinnerte, denn tatsächlich an eine Lehranstalt, was aber an sich kein schlechtes Gesamtbild bot, wollten die Geweihten des Nandus doch Wissen für jedermann zugänglich machen. Doch diese Gedanke lenkten ihn schon wieder von dem eigentlichen Grund seines Besuchs ab.

Thorin seufzte abermals, straffte sich und schritt dann die breiten Stufen hin zum Gebäude hinauf. Nun war er schon einmal nach Eslamsgrund gekommen, jetzt konnte er auch mit dem Priester des Nandus sprechen, so wie er es geplant hatte. Was hatte er schon zu verlieren?
Der Zwerg hoffte dabei nur inständig, dass sich die Geweihten nicht als sogenannte Gelehrte herausstellten, die immer und ständig in Rätseln sprechen mussten. Nichts bei Angroschs gigantischen Klöten hasste er inbrünstiger.
Zunächst traf der Zwerg auf einen noch recht jungen Novizen, dem er artig sein Begehr vortug. Dieser ließ ihn dann etwa ein halbes Stundenglas in einem Vorraum des Allerheiligsten schmoren, bis er Thorin schließlich zu einem großen, hageren Mann, der wohl über siebzig Sommer gesehen haben musste, führte. Roban Nando Elmenbarth erwartete den Sohn des Thorgrimm in einem nüchtern eingerichtetes Arbeitszimmer. Der Vorsteher des Tempels, denn um diesen handelte es sich bei dem Mann mit dem äußerst kümmerlichen Kinnbart, brachte ihn schließlich in den Keller, als er sich den Inhalt von Thorins Traum geduldig angehört hatte.An dieser Stelle aber wurde die Geschichte grotesk. Ein hagerer Mann, der offenbar tulamidischen Wurzeln entstammte, war dort liegend auf ein großes Wagenrad arretiert.
Der Hochgeweihte stellte den schwarzhaarigen Südländer als Marwan Nandrash Alfessir vor- das Einhorn. Thorins unsicherer Blick bei dieser seltsamen Ergänzung des Namens überging der Nando Elmenbarth. Der Zwerg indes konnte sich beim besten willen nicht vorstellen, was diese anzügliche Bemerkung zu bedeuten hatte. War es eine Schmähung?
Der festgesetzte Kleriker aber, dem Thorin kurz darauf seine ganze Geschichte erzählte, schien sehr verständnisvoll und zugänglich zu sein, auch wenn er schwach und apathisch wirkte. Und dennoch, Thorin hatte tatsächlich das Gefühl ernst genommen zu werden. Von so manchem Priester der Menschengötter war er eher gewohnt herablassend behandelt zu werden. Hier aber schien man gewillt ihm zu helfen. Naja, zumindest schien dieser ‘Gefangene’ es tun zu wollen.
Als Thorin dann geendet und auch alle interessiert gestellten Rückfragen des Geweihten, die mit brüchiger, stark akzentuierten Stimme vorgetragen wurden, beantwortet hatte, verdrehte dieser wie aus dem Nichts, ohne daß Thorin eine Vorwarnung erhalten hätte, die Augen. Nur noch das weiße war zu sehen. Stocksteif wie ein Brett lag er da, als seine Lippen sich zu bewegen begannen und eine wispernde Stimme mit fremder Zunge verkündete:

Der stille Bach zum tosenden Orkan sich wandelt,
Wenn das faule Wasser mischt sich mit dem reinen.
Der dunkle Drache im Geheimen handelt,
Wenn im Wall sich Hass und Streit vereinen.


Nur kurz wehrten jene, seltsam anmutenden Momente, in denen Thorin das Gefühl hatte die Luft würde knistern, ja, als spüre er einen Druck unbekannter Herkunft auf seinem Brustkorb.
Hektisch nach Atem ringend und sich gegen seine Fesseln wehrend kam der Geweihte wieder zu sich. Einige Herzschläge blickte er sich orientierungslos um, bis er wieder ins hier und jetzt gefunden hatte. Thorin indes starrte ihn an und kriegte kein Wort heraus. Er wusste nur zu gut, was dies zu bedeuten hatte. Der Kleriker musste eine Vision seines Gottes erhalten haben, war SEIN Sprachrohr geworden.
Der Drache, der Bach, die verderbende Saat des Geschuppten, die sich ausbreitete. Dies Orakel verkündete exakt das, was sein eigener Traum beinhaltet hatte, was sein Bruder am Schlund ihm daraus gedeutet hatte. Es bestätigte alles. Jedweder Zweifel war nun ausgeräumt. Doch wo sollte er ansetzen, sein Schicksal beim Schopfe zu ziehen, so sagten es die Menschen doch oder?
Immer noch unschlüssig stand der Sohn des Thorgrimm wenig später wieder außerhalb des Nandustempels, dem Haus eines Gottes der Menschen, der dem Zwergen zuvor vollkommen fremd gewesen war und der ihm nun einen Fingerzeig gegeben hatte, als zwei in noble, wallende Gewänder gekleidete Männer, sich angeregt unterhaltend, die Treppen des Sakralbaus herab stiegen. Am Fuße des Sockels jenes Bauwerks angekommen, blieben sie stehen und führten ihre Unterhaltung fort, störten sich nicht daran, dass ein in Vollkette gerüsteter Zwerg unweit von ihnen stand.
In ihrem Gespräch ging es um ein gar schreckliches Ereignis, dass sie wiederholt Höllensturz nannten. Im Raschtulswall - an dieser Stelle wurde Thorin hellhörig, wäre eine ganze Festungsanlage regelrecht explodiert und ihre Bruchstücke eine Bergflanken hinab ins Tal gerauscht. Die Helburg, um die es sich handeln würde- gehandelt hatte, existiere nun nicht mehr, ebenso wie das gesamte Adelsgeschlecht, welches zuvor die Baronie am Fuße des Raschtulswall beherrscht hatte.
Aufgeregt überschlugen sich die Gedanken des Zwergen. Der Raschtulswall- das musste es sein. Einen so großer Zufall konnte es nicht geben. Sein Traum, der Orakelspruch und der Höllensturz, dies musste miteinander zusammenhängen. Gerade wollte er noch die Frage nach der Lage jener Baronie an die beiden Fremden richten, da waren diese plötzlich und wie von… Geisterhand verschwunden. Ihm fröstelte. Was nur bei den Mauern von Ôkdragosch ging hier vor sich?
Eiligen Schrittes ließ Thorin den Tempel hinter sich. Er würde herausfinden wo Höllenwall lag. Nun hatte er ein Ziel.