Geschichten:Die Brut der Geißel - Teil 9

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Der Schlag in ihr Gesicht war brutal. Und der Tritt in ihre Rippe war noch brutaler. Grob hatten die Männer und Frauen sie gepackt und ihr die Rüstung ausgezogen. Einen Sack hatten sie ihr als Kleidungsstück zugeworfen. Gilias Stolz hatte dafür gesorgt, dass sie sich gewehrt hatte, doch gegen die Übermacht der Gegner hatte sie gar keine Chancen gehabt. Die Hände hatte man ihr auf dem Rücken zusammengebunden. Genauso war man mit ihren Füßen verfahren und zu guter Letzt hatte man die beiden Fesselungen mit einem viel zu kurzen Strick miteinander verbunden. Gilia lag jetzt in äußerst unangenehmer Position auf einem Strohlager in einem kleinen Hof, welchen die Soldaten der Luchsgarde requiriert hatten. Der Anführer der Truppe trat nun zu ihr heran und schaute auf sie herab: „Weißt Du, dafür dass Du angeblich so eine gefährliche Strauchdiebin sein sollst, war dieser Auftrag ja fast schon langweilig.“ Er biss kräftig in einen Apfel, welchen er in der Hand hielt. Gilia entschied sich dazu, nicht zu antworten. „Einige von Deinen Leuten haben sich mehr gewehrt als Du!“ stichelte der Mann weiter. Gilias Kopf dröhnte viel zu sehr, als dass sie sich wirklich mit diesem Kerl auseinandersetzen wollte. Solche Typen waren doch alle gleich! Der Baron von Aldenried hatte ihm das Kommando über diese kleine Truppe gegeben. Aus verschiedenen Quellen wusste Gilia, dass der Herr Baron seine Luchsgarde streng führte. Also war dieser Auftrag vermutlich eine der wenigen Gelegenheiten für die Truppe und diesen Kerl diesem strengen Regime zu entgehen. Nach oben buckeln, nach unten treten war bei vielen dieser Truppen örtlicher Machthaber ein gängiges Credo. Zu gern hätte Gilia den Kerl gefragt, was mit ihren Leuten geschehen war, doch hatte sie auf diese Machtspielchen keine Lust. Daher beschloss sie, weiter zu schweigen. Gelangweilt ging der Anführer der Truppe nach draußen. Gilia blieb allein im Halbdunkel des Raumes zurück.

Das Feuer knackte leise, während die Männer der Luchsgarde ihre Becher kreisen ließen. Gernot saß etwas abseits, die Hände über den Flammen, doch die Wärme erreichte ihn nicht. Sein Blick blieb starr, als würde er im Tanz der Funken eine Antwort suchen. Und seine Gedanken schweiften zurück in eine andere Zeit. Nach seinem Ritterschlag war er nicht bei seinem Rittervater und dessen Familie geblieben. Seine Gedanken hellten sich normalerweise immer auf, wenn er an Elvena und Irmegunde dachte, doch blieben seine Gedanken weiterhin trübe. Verschiedenen Dienstherren hatte er seine Dienste angeboten, bis er schließlich als Gernot Eichwald Anstellung bei der Luchsgarde des Barons von Aldenried gefunden hatte.

Ein dumpfes Geräusch aus dem Hof ließ ihn aufhorchen. Schritte, ein kurzes Knurren, dann das Schlagen einer Tür. Er wusste, wer dort lag. Die Gefangene. Die Raubritterin. Gilia von Eichenblatt. Seine Schwester. „Hund!“ hatte sie ihn gerufen, als sie sie hierhergebracht hatten. War er wirklich nur ein Werkzeug fremder Herren?

Er erhob sich langsam, als wolle er sich selbst nicht eingestehen, was ihn trieb. Der Wachposten am Eingang nickte ihm respektvoll zu, ließ ihn passieren. „Sei vorsichtig“, murmelte er, „die Frau hat mehr Biss als man denkt.“

Im Halbdunkel des Raumes roch es nach Stroh und kaltem Schweiß. Gilia lag gefesselt auf der Seite, der Sack hing lose an ihrem Körper, ihr Gesicht war von Blut und Staub gezeichnet. Doch ihre Augen – klar, wach, funkelnd – richteten sich sofort auf ihn.

„Euch Hunden reicht es offenbar nicht, mich gefangen zu setzen!“ Ihre Stimme war rau, aber voller Trotz.

Gernot blieb stehen, das Feuer draußen war nur noch ein fernes Glimmen. Wie das schwache Band zwischen uns, dachte er. „Ich bin Soldat der Luchsgarde,“ antwortete er stockend, „und ich tue, was mir befohlen wird.“

Ein kurzes, hartes Lachen entfuhr ihr. „Befehle. Immer nur Befehle. Weiß so jemand wie du überhaupt, wer er ist?“

Die Worte trafen ihn wie ein Schlag. Er wollte etwas erwidern, doch sein Blick fiel auf die Fesseln, die ihre Hände und Füße zusammenhielten. Zu kurz, zu eng, fast schon grausam. „Ich bin Gernot von Eichenblatt!“ hauchte er schließlich, kaum wahrnehmbar.

„Das ist nicht möglich!“ zischte sie zurück. „Mein Bruder starb schon vor Jahren!“ Doch innerlich spürte sie einen Riss in ihrer Gewissheit. Seine Augen wirkten vertraut – zu vertraut.

Gernot wusste nicht, was er erwidern sollte. Und so öffnete er langsam und vorsichtig sein Hemd. Im wenigen Lichtschein, welcher hier hereinfiel, hielt er seine Schulter ins Licht. Gilia konnte deutlich das Muttermal in Form eines Eichenblatts erkennen.

„Schöne Scheiße!“ entfuhr es ihr. „Und dann folgst du den Befehlen solcher Hunde?“ Ihre Stimme bebte zwischen Wut und Zweifel. „Deine Mutter war Cerella. Ich habe sie gekannt. Und dein Vater…“ Sie lächelte kalt, doch in ihren Augen lag Unsicherheit. „Den Namen musst du dir selbst ins Herz schneiden.“

Gernot spürte, wie ihm der Atem stockte. Alles, was Reto ihm am Grab gesagt hatte, hallte plötzlich in diesem Raum wider.

„Warum schweigst du?“ fragte sie leise, fast mitleidig. „Weil du weißt, dass du nicht anders bist als ich. Blut ist Blut.“

Die Worte trafen ihn hart. Er wich einen Schritt zurück, doch sein Blick blieb an ihr hängen.

„Ich bin nicht wie du,“ brachte er mühsam hervor.

„Dann beweise es,“ flüsterte sie. „Oder befreie mich.“

Gernot sah ihre Fesseln, sah das Blut an ihrem Gesicht – und spürte, wie sein Herz gegen die Ketten seiner Pflicht schlug.



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Texte der Hauptreihe:
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K2. Teil 2
K3. Teil 3
K4. Teil 4
K5. Teil 5
K6. Teil 6
K7. Teil 7
K8. Teil 8
K9. Teil 9
4. Tra 1045 BF 20:00:00 Uhr
Teil 9
Teil 8


Kapitel 9