Benutzer:Treumunde/BriefspielPerricum
Ein Haus zu ordnen
Verzweigte Äste
Villa Ox, Kaiserstadt Gareth
Vortrefflicher Weingeruch steig aus dem Speisezimmer hervor, indem der Herr des Hauses, den engsten Familienkreis zusammengerufen hatte. Iralda, die während ihres Studiums in St. Ancilla hier lebte, saß am Tisch. Aus Wasserburg reiste ihr Gemahl auf Geheiß des Vaters an. Die junge Leonora, Kanzleirätin für Eich- und Wägewesen, folgte ebenso dem Ruf des alten Ochsen.
Leobrecht ließ es sich nicht nehmen und ploppte das erste kühle Wandlether Wiesenschlösschen auf, währenddessen die Bediensteten die Terrinen mit leckerem Hasenpfeffer füllten.
Gespannt aßen die jungen Ochsen, ohne genau zu wissen, was sie in die Stadtvilla des Hauses gebracht hatte. Weitere Gäste wurden wohl nicht erwartet, denn es waren keine weiteren Teller gedeckt.
Belangloser Tratsch spannte die Jungochsen weiter auf die Folter, eine Tatsache die Leobrecht durchaus genoss.
Nachdem das Oberhaupt zu Ende gespeist hatte, öffnete er sich ein weiteres kühles Bier nach Schlunder Brauart. "Meine Lieben"
Erleichterung war den Dreien anzumerken, endlich wurden sie in Kenntnis gesetzt, was auch immer sie wieder angestellt hatten.
"Ihr fragt Euch sicher, weshalb wir uns hier und heute hier versammelt haben" fuhr der Reichsvogt fort, während sich die Augen der Anwesenden auf ihn fokussierten. "Ich bin nicht mehr der Jüngste..."
"Vater, sag sowas nicht...." fiel ihm Leonora ängstlich ins Wort.
"Keine Angst Liebes, ich habe nicht vor Euch alsbald zu verlassen. Dennoch bin ich nicht mehr der Jüngste und ihr keine kleinen Kinder mehr. Ihr seid zu stattlichen Erwachsenen geworden und es soll nicht mehr an mir sein, Euch wie Halbwüchsige zu behandeln. Wir sind Teile eines Hauses, dessen Baronien in Grafschaften leben, die in Fehde liegen. Dennoch sind wir ein Haus und wir werden uns nicht entzweien. Es ist mir wichtig Euch die Agenda des Hauses Ochs mit auf den Weg zu geben, auf dass das Haus weiter erblühe."
"Warum wir, wo ist Anaxios? Ist er nicht Teil des Hauses?" warf Iralda ein.
"Ja, mein lieber Anaxios. Gewiss ist er Teil des Hauses. Ein ganz wichtiger sogar. Ich möchte es Euch so erklären. Stellt Euch vor, das Haus Ochs ist ein Baum. Eine große starke Steineiche. Anaxios, Viehwiesen und später auch Ruben - das sind unsere Wurzeln, unser Stamm. Sie sollen für Beständigkeit und Unerschütterlichkeit stehen. Sie sollen unseren Stammsitz bewahren und uns eine gute Basis halten. Das habe ich mit Anaxios so vereinbart. Doch ihr, Ihr seid die Äste." Leobrecht fuhr mit seinen Händen einen Baum nach, um es zu veranschaulichen. "Wir haben hier zwei dicke Äste - Bärenau und Wasserburg. Beides unwahrscheinlich kostbare Ländereien, auch wenn sie nach Krieg und Fehde angeschlagen sind. Doch das wird die Zukunft des Hauses sein. Iralda, Wolfaran, von Euch beiden erwarte ich, dass ihr diese Landstriche zurück zu alter Blüte führt. Das soll Eure Lebensaufgabe sein. Bestellt das Feld für Eure Nachkommen. Haltet Euch aus Fehden heraus, seid diplomatisch und nicht angriffslustig."
"Und was ist mit Deinem Wunsch nach Aufstieg, ist die Verlobung und was Du Dir daraus erwartest wieder obsolet?" fragte Wolfaran etwas irritiert.
"Von den zwei dicken Ästen wachsen viele kleine Äste. Sie sollen, Tsa sei Dank, unsere kleinen Ochsen sein. Sie sollen ausströmen in das glorreiche Mittelreich und sich verzahnen. Sie sollen Kontakte, Freundschaften und Allianzen knüpfen. Das Feld soll vorbereitet werden für die nächsten Ernten. Es muss langsam und stetig ertragreich sein, so dass wir es irgendwann schaffen die Baumkrone zu erklimmen. Leonora, Du Liebes, bitte verzweige Dich weiter in der Reichskanzlei. Umso mehr sich der hiesige Adel streitet, desto besser ist es Freunde außerhalb zu haben."
Leonora nickte und fragte dennoch irritiert "Was meinst Du mit Baumkrone, Vater?"
"Ein Ast wird hochsteigen. Ob er schon die Krone in dieser Generation erreicht, ist ungewiss, die Baumkrone ist zurzeit noch außer Sichtweite. Aber ihr alle zusammen sollt diesem Ast beim Wachsen helfen. Ich habe Trisdhan mit einer aranischen Adligen verlobt und sie werden den Bund der Ehe einstmals eingehen. Aus Ihnen wird die Saat entspringen die auf beiden Seiten eine Verbindung zum ausgestorbenen Grafenhaus vom Darpatbogen in ihrer Blutlinie trägt. Haltet ihre Linie hoch in allen Ehren. Streut immer mehr die Information der alten Blutlinie. Denn steter Tropfen hüllt den Stein. Je mehr diese Information in den Ohren des Adels hängen bleibt, desto mehr wird es zu einer Art Gewissheit. Es wird die Zeit kommen, da werden die Adelsfamilien diesen Tatbestand als gegeben akzeptieren und verinnerlichen. Vielleicht erst in der übernächsten Generation, aber beharrlich verbreitete Informationen bleiben in den Gedanken heften. Dabei helfen wird uns die Tatsache, dass das Haus Ochs in Zukunft die Geschicke über die Baronie Wasserburg leiten wird. Und in ebenjenem Wasserburg liegt der Darpatbogen. Die Schleife des Flusses, der dem Adelshaus seinen Namen gab."
"Wolltest Du nicht mit mir Deine Politik betreiben?" warf Wolfaran ein.
"Das war zuerst meine Intention, mein Junge. Doch die Gegebenheiten erfordern behutsameres Vorgehen. Wir Ochsen haben seit der Retozeit viel Ruhm gewonnen und viele Ochsen verloren. In der Rohajazeit scheint unser Stern zu steigen, obwohl die Kaiserin selbst kaum Verwendung für unsere Dienste hat. Drei Erblehen sind unser und wir haben uns einen guten Ruf am Kaiserhof und in der Reichskanzlei erarbeitet. Sicher auch Neid und Missgunst auf uns gezogen. Doch Rohajas Regierungszeit ist nicht so stabil, wie die ihrer sagenumwobenen Ahnen. Um jedoch weiter aufzusteigen und nicht bodenlos zu Fallen beim Griff zu den Sternen, müssen wir behutsamer vorgehen. Wir sind eines der alten Häuser, es war falsch von mir so kurzfristig so viel zu erstreben. Generationen von Ochs liegen vor uns und wenn unsere Nachfahren einstmals in der Geschichte zurück blicken, sollen sie erkennen, dass unsere Äste aus dem Baum zu neuen Trieben ausgeschlagen sind."
Wolfaran kraulte sich durch seinen Vollbart und sinnierte vor sich hin. "Wenn Du möchtest, dass ich mich auf Wasserburg konzentriere, um für Trisdhan und seine Linie das Feld zu bestellen, dann benötigen wir Freunde, Verbündete, die an des Markgrafen Ohr sind. Was uns noch fehlt sind die Verbindungen in Perricum, vor allem an den Markgrafenhof. Wir müssen unsere Stellung verbessern."
"Ja das sollten wir tun. In Perricum wird uns das jedoch schwerer fallen, als in Garetien oder in der Reichsadministration. Da besitzen wir ein großes gespanntes Spinnennetz. In Perricum haben wir vereinzelte Freunde und viele Feinde. Und vor allem viele Strömungen die nach Macht streben." Leobrecht sah in die Augen seiner Sprösslinge und fühlte sich auf einem guten Weg.
Kamingespräche
Villa Ox, Kaiserstadt Gareth
Das Feuer im Kamin loderte währenddessen sich Wolfaran in den Ohrensessel schwang. Auf den kleinen Tisch zwischen ihm und seinem Vater stelle er eine Flasche Torbelsteiner und zwei Zinnpinnchen. "Männerabend"
"Wohl an" Leobrecht kramte eine hölzerne Kiste hervor. "Ich habe heute einen Abstecher auf den Al'Anfaner Markt gemacht"
Wolfaran nahm sich eine Zigarre aus bestem Mohacca Kraut heraus und roch genussvoll daran. "Die Damen haben sich zurück gezogen. Iralda schreibt zurzeit eine Abhandlung über den Codex von Münz- und Wägerecht. Eine Thematik die Leo natürlich brennend interessiert. Seid Iralda an dieser Rechtsschule studiert, hat sie kaum noch einen Kopf für andere Dinge. Auch nicht für mich..."
"Das wird sich geben, Junge. So sind die Frauen, machen einfach was sie wollen. Bleibt mehr für uns" Der alte Ochse zündete sich die Zigarre an und nahm einen tiefen Zug.
Wie immer musste sich sein Sohn zuerst das Husten unterdrücken, ehe er den Tabak genießen konnte. "Oh ja. Iralda, Mutter.... sie sind ihr eigener Herr."
Nach einem guten Schluck des Schlunder Schnapses. "Wohl wahr unsere Frauen sind eigenständiger als wir es vielleicht wünschen."
"Du hast Mutter immer noch nicht verziehen oder?"
"Deine Mutter ist eine wundervolle Frau. Mit ihrer Treue zum Markgrafen hadere ich noch ein wenig, da ich mit ihm fremdle. Aber wer soll es ihr verdenken, er hat sie zur Baronin gemacht und ihr Aufstieg ist auch Perricum zu verdanken. Ich muss mich damit arrangieren. Auch wenn es mich sehr ärgert, dass sich der Paligan sicher sehr darüber freut, dass die Frau des Ochsen ihm eine treue Vasallin ist."
"Aber so unklug war die Entscheidung ja nicht. Mit Mutter in Wasserburg hat er eine sichere Landesgrenze. Sollte die Fehde in die Perricumer Lande schwappen, würde Mutter sicher versuchen, diese schon in Viehwiesen in Zusammenarbeit mit Anaxios aufzuhalten."
"Sie würde aber niemals Perricumer Truppen auf garetisches Gebiet führen. Da sie aber ein Kind des Walls ist und Wege kennt, die ich niemals als einen Pfad erkennen würde, würde ihr bei Bedarf sicher etwas einfallen. Bei der Thematik. Bitte mach einen Halt in Ochsenfeld, wenn Du zurück zu Deiner Mutter reist. Dort sind ein paar Geschenke. Nur bitte transportiere diese versteckt."
"Soll ich schmuggeln? Ich würde schon gerne wissen, was ich transportiere."
"Nur ein paar Schlunder Kurbeln. Zur Verteidigung, sollte die Fehde auf ihre Ländereien schwappen.
"Aha,,, jetzt ergibt es Sinn, ihre Planungen bezüglich einiger Gräben. Solltest Du nicht als Reichsvogt neutral bleiben."
"Ich ... ich habe damit nichts zu tun.... zumindest niemals offiziell."
Wolfaran schmunzelte und wechselte besser das Thema. "Wie kommt's, dass Du uns an den Entscheidungen teilhaben lässt."
"Ihr habt mir doch gezeigt, dass wenn ihr nicht eingebunden werdet, ihr eigenständige Entscheidungen trefft. Das ist nicht gut für unser Haus. Und es zeigte mir, dass ihr gewollt seid die Bürde auf Euren Schultern zu satteln. Ich will nicht, dass es dem Haus Ochs ergeht, wie so vielen Häusern, wenn ihr Oberhaupt mal nicht mehr da sein sollte. Ich möchte den Weg für weitere erfolgreiche Zeiten ebnen. Stabile Zeiten für die Ochsen."
"Es freut mich Vater. Ich weiß der Hitzkopf treibt mich noch an und ich ja dem roten Tuch nach wie ein wilder Stier. Dennoch bin ich gewillt meinen Anteil zu tragen. Wie möchten wir weiter verfahren? Wir sollten uns auf Perricum konzentrieren und unser Spinnennetz weiter weben."
"Wir müssen unsere Freunde besser in Szene setzen. An einflussreichere Positionen manövrieren. Hilda ist in der Armee hoch eingesetzt. Ich möchte sie aber nicht in die Bedrängnis bringen, sich zwischen meinen Wünschen und dem des Markgrafen entscheiden zu müssen. Das bin ich ihr schuldig. Bleibt mir am Ohr des Markgrafen nur die Sturmfels am Markgrafenhof. Das ist zu wenig."
(...)