Geschichten:Die Brut der Geißel - Teil 8: Unterschied zwischen den Versionen
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Aktuelle Version vom 23. Januar 2026, 02:28 Uhr
Reto stand stumm vor dem Grab. Zumindest konnte man dies annehmen, wenn man ihn dort im trüben Licht des späten Nachmittags stehen sah. Tatsächlich hielt er eine stumme Zwiesprache mit der Toten. Er wusste, dass sie ihm nicht antworten würde und doch hoffte er, dass er die Zustimmung der Toten finden würde. „Ich habe mein Bestes gegeben, Cerella!“ entfuhr es ihm leise. „Jetzt ist es an der Zeit, dass der Bursche sein Schicksal selbst in die Hand nimmt!“
Lange musste Reto nicht warten. Gernot trat an das Grab heran. „Ich sehe, du hast immer noch das Schwert gegürtet.“ eröffnete Reto das Gespräch. „Habt ihr mich nicht gelehrt, dass es das Recht des Ritters ist, Meister?“ fragte der junge Mann zurück. Reto nickte und fuhr sich mit der Hand durch das lange Haar am Hinterkopf. Grau und alt war er geworden. Jüngere Ritter hatten längst ihren Dienst angetreten und hatten mit dem Feldzug nach Mendena und den anschließenden Kämpfen gegen Helme Haffax ihre eigene Geschichte geschrieben. Reto hingegen war ein Relikt aus einer Zeit davor. Und doch war er hier, während andere schon längst nicht mehr unter ihnen waren. So wie Cerella!
Fragend schaute Gernot ihn an und Reto überlegte, wie er die Worte finden sollte, welche er nun finden musste. „Als ich Knappe bei Baron Praiodan war, da war ich nicht alleine Knappe dort!“ sprach er ruhig. „Ein Mädchen, genauso alt wie ich, war zeitgleich seine Knappin. Anfangs mochte ich sie überhaupt nicht ausstehen, doch eines Tages bemerkte ich, dass mir ganz anders wurde, wenn sie mich aus ihren blauen Augen keck und herausfordernd ansah!“ Gernot schien keine Anstalten zu machen, Retos Erzählung zu kommentieren und so setzte dieser erneut an. „Sie war meine erste Liebe. Doch Praiodan war ein gestrenger Rittervater. Er duldete nicht, dass wir uns anders zugetan waren als seine Knappen. Und so blieben wir nur Reto und Cerella!“ Gernots Augen verrieten seine Überraschung. „Meine Mutter und ihr kanntet euch also sehr gut!“ entfuhr es ihm.
Reto straffte sich. „Das ist wahr! Doch höre erst die ganze Geschichte. Cerella und ich blieben Meister Praiodans Knappen, bis er uns den Ritterschlag erteilte.“ „Und was war mit Eurer Liebe?“ hakte Gernot nach. „Gefühle füreinander kann man nicht einfach abstellen!“ antwortete Reto. „Und doch versuchten Deine Mutter und ich das zu tun, was Meister Praiodan von uns verlangte. Doch nun waren wir Ritter Hartsteens und das bedeutete für jeden von uns andere Aufgaben.“ „Habt ihr sie wiedergesehen?“ fragte der junge Mann nach. Reto schaute betreten zu Boden. „Leider viel zu spät!“ antwortete er leise. „Wieso das?“ „Als ich Deine Mutter wiedersah, war sie verheiratet und unser beider Leben hatte sich in vollkommen unterschiedliche Richtungen entwickelt. Answin, die Orks, das Verschwinden des Kaisers, alles hatte sich geändert. Außerdem hatte ich auf Bestreben meiner Mutter ebenfalls geheiratet.“ Gernot machte eine Handbewegung, welche man als Wegwischen des Gesagten verstehen konnte. Er wirkte sichtlich angespannt. „Ihr spracht davon, dass meine Mutter geheiratet hat! Dieser Mann? Ist er mein Vater?“ fragte er nervös. Reto schluckte. „Ja, das ist er!“ sprach er dann fest und bestimmt.
Reto konnte sehen, dass diese Mitteilung den jungen Mann sichtlich in Aufregung versetzte. „Wie lautet sein Name?“ fragte Gernot. Reto deutete auf Gernots Schulter. „Dieses Mal, welches du auf deiner linken Schulter trägst, verrät dir seinen Namen.“ „Nicht noch mehr Rätsel, Meister!“ forderte Gernot ihn auf und Reto seufzte: „Geron von Eichenblatt ist dein Vater!“ „Was?“ entfuhr es Gernot. Er knickte ein. „Du bist Gernot von Eichenblatt, Sohn von Cerella von Fuhrenhaas und Geron von Eichenblatt, geboren auf Pfalz Zwingzahn am 08. Hesinde im Jahre 1019 nach dem Fall Bosparans!“ Gernot rang um Fassung. „Warum hast du mir das nicht früher gesagt?“ fragte er wispernd. Reto legte dem jungen Mann, welcher nun zitternd vor dem Grab seiner Mutter kniete, eine Hand auf die Schulter. „Ich sagte nichts, weil nicht ein Name dein Schicksal bestimmt, sondern deine Taten!“ „Warum hast du mir das nicht früher gesagt?“ wiederholte Gernot seine Frage. Reto bemerkte, dass den jungen Mann vor ihm die Verzweiflung packte. „Deine Mutter vertraute mir! Sie wünschte, dass ich dir ein guter Lehrmeister sein würde!“ versuchte er zu dem jungen Eichenblatt durchzudringen.
Gernot stand lange schweigend vor dem Grab, die Hände zu Fäusten geballt, als müsse er sich selbst festhalten. Der Name seines Vaters hing wie ein Stein in seiner Brust. Schließlich hob er den Kopf, und seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch.
„Geron von Eichenblatt.“ Er schmeckte die Worte, als wären sie Gift.
„Warum hast du mir das verschwiegen, Reto?“
Keine Wut, kein Geschrei – nur ein brüchiger Versuch, die Welt wieder geradezurücken.
Reto trat neben ihn, langsam, als nähere er sich einem verletzten Tier. „Weil ein Name dich nicht hätte retten können“, sagte er leise. „Und weil ich wollte, dass du wirst, wer du bist – nicht wer er war.“
Gernot lachte bitter auf. „Wer ich bin? Ich weiß es nicht einmal mehr.“
Er fuhr sich über das Gesicht, als wolle er die Wahrheit abwischen. „Bin ich sein Sohn? Oder deiner? Oder gar niemandes?“
Reto legte ihm eine Hand auf die Schulter, schwer wie ein Eid. „Du bist Gernot. Und das reicht.“
Doch Gernot schüttelte den Kopf. „Nicht mehr. Nicht jetzt, da ich weiß, wessen Blut in mir fließt.“
Er sah auf das Grab hinab, als suche er dort eine Antwort, die er nie bekommen würde. „Meine Mutter hat mich vor ihm geschützt. Du hast mich vor ihm geschützt. Aber ich kann nicht ewig vor meinem eigenen Namen davonlaufen.“
Er atmete tief ein, und als er wieder sprach, war seine Stimme fester – nicht ruhig, aber entschlossen.
„Sag mir, Reto…“
Er drehte sich zu ihm, die Augen rot, aber klar.
„Wie lebt man weiter, wenn man plötzlich jemand anderes ist.“