Benutzer:Orknase/Briefspiel: Unterschied zwischen den Versionen

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Es ist ausdrücklich erlaubt, Rechtschreibfehler sowie Fehler der Zeichensetzung zu korrigieren, genauso wie verloren gegangene Buchstaben richtig zu ergänzen und überzählige einzusammeln - dies gilt auch für meine anderen Texte.
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= [[Drei Krähen und ein Räblein — Briefspielreihe|Drei Krähen und ein Räblein]] =
<!--= Custōsa=-->
== Totgeboren ==
= Mondäuglein =
Ritterherrschaft Praiosborn, Donnerhof, Mitte Efferd 1042, am Morgen
<!--Zfs: Begräbnis-->


== Totenruhe ==
== Gedanken ==
Ritterherrschaft Praiosborn, Ruine Praiosborn, Mitte Efferd 1042
»Zurückzublicken und die eigenen Taten zu beurteilen, ist dem Menschen wohl zutiefst zu eigen. Damit einher geht natürlich die Frage, was man mit dem heutigen Wissen alles hätte ändern können. Hätte man das damals bereits gewusst, hätte man alles zum Besseren wenden können – die Welt wäre eine ganz andere, eine bessere. Ja, dieser Blick zurück. Wie verlockend er doch ist! Wie verheißungsvoll! Und wie töricht zugleich. Wie die Menschen nur glauben können, eine einzige Entscheidung von ihnen hätte den Lauf der Dinge ändern können? Sind sie doch nicht mehr als ein winziger Wassertropfen im sommerlichen Morgendunst. Kaum sichtbar, wenig mehr als ein hauchdünner Schleier, durch den man in die Welt blickt, der kaum etwas verhüllt und der ebenso schnell und abrupt verschwindet, wie er gekommen ist. Das Ende, unausweichlich und unabdingbar. Und obwohl sie sich ihrer eigenen Bestimmung bewusst sind, nämlich der, dass sie alle sterben werden, verhalten sie sich nicht so. Sie geben nicht acht. Sie riskieren. Angetrieben vom Gefühl, dass sie mehr verdient haben. Mehr als andere. Weitaus mehr. Von Hass und Ehrgeiz, Neid und Eifersucht zerfressen, vergessen sie ihre eigene Sterblichkeit und riskieren, das Einzige, das sie wirklich ihr Eigen nennen können: Ihr Leben. Und doch werden die Menschen den Wert des Lebens erst begreifen, wenn sie das Rauschen von Golgaris Schwingen vernommen haben. Bei den meisten ist es jedoch dann schon zu spät. Bei mir allerdings war es anders.«
<!--Zfs: Das Grab wurde geöffnet-->


== Totenwacht ==
Aus dem Vorwort »Vom Preis der Dinge«.
Ritterherrschaft Praiosborn, Ruine Praiosborn, Mitte Efferd 1042
<!--Zfs: Rückgabe des Leichnams, Begräbnis-->


<!--
<!--Aus "Hinter den Schwarzen Tannen"
== Götterdienst ==
Aus dem Vorwort von »Mondäuglein«-->
[...]
 
== Warnung ==
<!-- Interessant, nicht wahr?
 
Aus dem Vorwort der »Chronik von Schwarztannen
Wege der Wächterinnen«-->
 
== Esenfeld ==
 
=== Fremder ===
ZSF01: Ein Fremder kommt nach Esenfeld
 
[[Garetien:Wehrhof Esenfeld|Wehrhof Esenfeld]], Rahja 904 BF
 
»Es ist Zeit«, hob der Fremde an und bedachte die Frau ihm gegenüber aus seinen kalten, blauen Augen voller Abscheu. Der Mann saß hoch zu Ross. Er war ein harter Mann von kräftiger und Statur, dabei ungewöhnlich groß, mit noch immer dichtem schwarzem Haar und einer unfassbar tiefen Stimme. Über einem Kettenhemd trug er einen Wappenrock in Schwarz und Gelb. Ein Schwert in einer kunstvollen Scheide hing an seiner linken Seite. Seine Begleiter waren ebenfalls gerüstet und bewaffnet. Grimmig schauten sie drein. Die Pferde schnaubten. Unruhig drehten sie die Ohren. Das des Bannerträgers tänzelte einige Schritte rückwärts. Das Banner, das zwei schwarze Tannen auf zwei schwarzen Hügeln auf goldenem Grund zeigte, hing trostlos herab. Noch lag eine unerträglich schwüle Hitze über dem Land, doch begannen sich bereits dunkle Wolken am Himmel zu sammeln und einen unheilvollen Schatten auf den Innenhof zu werfen.
 
Während sich die Bediensteten des Wehrhofs dicht an die Gebäude gedrängt hatten, stand nur eine einzige Frau im Innenhof unweit der alten Eiche. Ein alter und ehrwürdiger Baum, der auch heute noch reichlich Blätter an seinen knorrigen und verwachsenen Ästen trug und dem man nachsagte, dass er schon immer an diesem Ort gestanden haben – noch weit vor dem Wehrhof. Eine alte Legende besagt, dass die Unschuldigen unter ihm stets Schutz fänden.
 
»Einen weiteren Götterlauf«, bat die Frau unweit des Baumes mit fester Stimme und nickte, wobei ihr eine Strähne ihres dunkelblonden Haares dabei ins Gesicht fiel. Mit einer eleganten Bewegung strich sie es zurück. Ihre tiefbraunen Rehaugen blickten zu dem Reiter empor. Sanft wirkten ihre Züge. Zurückhaltend. Regelrecht verhuscht. »Nur noch einen. Es wird der letzte sein. Ich bitte dich, [[Garetien:Ardo von Schwarztannen|Ardo]], nur noch dieses eine Mal.«
 
»Nein«, erwiderte der Ritter barsch und ließ seine Rechte durch die Luft schnellen. Seine Augen funkelten zornig. Seine Gesichtszüge waren angespannt. »Nichts da.«
 
»Im Namen der Götter«, hob sie nun an und beugte beide Knie, wie man es nur vor den Göttern tat, ihr Haupt hielt sie dabei gesenkt, »Im Namen der Sturmherrin, ich flehe dich an: Lass mir meine Kinder. Es ist ein einziger weiterer Götterlauf, um den ich dich bitte. Nur einen noch. Danach sind sie dein. Ich schwöre es.« Bei den letzten Worten blickte sie auf. Ihre Blicke trafen sich. »Vor dem Gerechten.« Sie hob ihre Hand, als wollte sie einen Schwur ablegen.
 
Er lachte nur: »Vorbei sind die Zeiten, da der Blick eines scheuen Rehes mich milde stimmte.«
 
»Sie sind noch zu jung«, beharrte sie, »Gibt ihnen noch einen weiteren Götterlauf, Ardo.«
 
»Wozu?«, spie er nur hervor, »Was solltest ausgerechnet du, [[Garetien:Algerte Phexlieb von Schwarztannen|Algerte]], ihnen geben können?« Einen Moment herrschte angespannte Stille. »Außer Lügen und Verrat?«
 
»Die Liebe einer Mutter«, kam ihre Antwort prompt, wobei sie ihre Hände einer Umarmung gleich ausbreitete, »Und wenn eine die Liebe einer Mutter zu ihren Kindern versteht, dann gewiss die Leuin höchst selbst.«
 
»Liebe gewinnt keinen einzigen Kampf, sie macht einen nur...«, er hielt einen Moment inne und blickte sie mit seinen harten Augen an, »... weich.« Er schluckte. »Naive.« Nun nahm er das Kinn ein Stück weiter nach oben. »Dumm.«
 
Erste Regentropfen begannen zu fallen. An der Wange der Hausherrin rann einer herab oder war es doch eine Träne?
 
»Ich habe dich zu lange gewähren lassen. Habe dich beschützt. Habe zu dir gestanden. Aber du...« Er holte Atem. »Die Kinder brauchen endlich ihren Vater!«
 
Nun lachte sie: »Ihren Vater? Ihren VATER?« Ihre Stimme überschlug sich. Leise begann Donner über sie hinwegzugrollen. Er drückte die Lippen fest aufeinander. Hielt die Zügel verkrampft in seinen Händen. »Vor Götterläufen hätten sie dich gebraucht. Vor Götterlaufen, Ardo! Ein jeder hier ist mehr Vater als du es je sei...«
 
Da stieß er seinem Pferd die Haken in die Flanken. Sie erhob sich. Das Tier preschte nach vorne. Zorn funkelte in seinen Augen. Nein, purer Hass. Vielleicht sogar Mordlust. Doch sie blieb stehen. Hielt seinem Blick stand. Reckte ihren Kopf noch ein wenig höher. Sie war stolz auf ihre Kinder. Auf jedes einzelne von ihnen. Niemals würde sie zulassen, dass er sie einfach so ihr wegnahm. Wie lange hatte er sich nicht für seine Kinder interessiert? Sie wich nicht aus. Sie blieb stehen. Und sein Hengst ritt sie einfach nieder. Begrub sie einfach unter sich. Sie hatte noch nicht einmal Zeit zu schreien oder war es das Donnergrollen, dass ihre Schreie übertönte? Reglos blieb sie liegen. Nur ihr Brustkorb hob und senkte sich. Blut quell aus verschiedenen Wunden empor. Der Regen wusch es fort. Und ihre Augen folgten dem Mann, dessen Kinder sie geboren hatte.
 
Er wendete das Pferd. Brachte es zum Stehen. Wieder grollte es. Es begann noch heftiger zu regnen. Er blickt auf die am Boden liegende herab. Sah das Blut. Mächtiger Donner fegte über sie hinweg. Das Banner begann in der aufgekommenen Brise hart zu flackern.
 
»Lasst sie liegen«, befahl er. Und alle gehorchten. Drängten sich noch dichter an die Gebäude. Nicht jedoch etwa aus Angst vor Wind und Wetter. Er war es, vor dem sie sich fürchteten. Und die beiden [[Garetien:Gishelm Rondrawin von Schwarztannen|Kna]][[Garetien:Moribert von Schwarztannen|ben]] begriffen, dass er der gestrenge Herr sein musste, von dem ihnen ihre Mutter immer erzählt, ja vor dem sie eindringlich gewarnt hatte. Er war der Ritter zu Esenfeld. Er war ihr Vater.
 
=== Vater ===
ZSF02: Die beiden Knaben lernen ihren Vater kennen.
 
[[Garetien:Wehrhof Esenfeld|Wehrhof Esenfeld]], Rahja 904 BF
 
Der [[Garetien:Ardo von Schwarztannen|Ritter zu Esenfeld]] stieg vom Pferd. Seine Gefolgsleute taten es ihm gleich. Knechte kamen herbeigeeilt, kümmerten sich um die Tiere, während Regen und Wind über sie hinwegpeitschten. Donner grollte markerschütternd. Wütende Blitze zuckte vom Himmel herab. Erhellten den inzwischen stockfinster gewordenen Innenhof Esenfelds. Die Männer, der Ritter zu Esenfeld allen voran, drängten in das Gebäude hinein. Die Bediensteten wichen zurück. Die beiden Knaben, die noch immer stocksteif unweit der Tür standen, fassten sich unbewusst an den Händen, der kleinere der Knabe drängte sich an seinen größeren Bruder. Beide hatten sie das pechschwarze Haar ihres Vaters und die weichen, tiefbraunen Augen ihrer Mutter. Hinter ihnen stand eine [[Garetien:Waad|junge Frau]] mit leicht dunklerer Haut, grünen Augen und rotblondem Haar. Gerade eben hatten ihre beiden Hände auf den Schultern der Knaben geruht, nun ließ sie sie herab gleiten und wollte sich gerade ins Innere des Hauses zurückziehen, da trat der Hausherr mit festen Schritten entschieden auf die beiden Knaben zu und fixierte sie mit seinen harten kalten blauen Augen.
 
»Was steht ihr noch hier rum?«, blaffte er sie an, »Sorgt dafür, dass meine Männer etwas Vernünftiges zu Essen und Trinken bekommen, so lange Efferd uns zürnt.«
 
Ungläubig blickten die beiden noch immer dicht aneinander gedrängten Knaben, der eine mehr als einen Kopf kleiner als der andere, zu dem Fremden auf. »Rondra«, wisperte der [[Garetien:Moribert von Schwarztannen|Jüngere]]. Die linke Augenbraue des Ritters zuckte steil nach oben, seine Hand schnellte nach hinten und dann nach vorne auf die Wange des Knaben. Der schrie entsetzt auf, drückte sich in die Arme seines großen Bruders. Tränen schossen ihm in die Augen und Blut tropfte aus seiner Nase.
 
»Erhebe noch ein einziges Mal das Wort gegen deinen Vater und du liegst da draußen neben deiner ... «, drohte er mit erhobener Hand. Jene Hand, mit der er den Knaben eben gerade geschlagen hatte. »... Mutter.«
 
»Ja, Hoher Herr«, erwiderte der [[Garetien:Gishelm Rondrawin von Schwarztannen|Ältere]], während er noch immer seinen heftig, schluchzenden Bruder in seinen Armen hielt, »Geht doch schon einmal hinein. Wir werden Euch sogleich bewirten.«
 
Wieder lag der harte und kalte Blick des Mannes auf den beiden Knaben. Und ohne seine Söhne eines weiteren Blickes zu würdigen, ging der Ritter zu Esenfeld an ihnen vorbei und auf die rotblonde Frau zu, die furchterfüllt immer weiter und weiter zurückwich. Ihm folgten seine Männer.
 
»Ich werde dich beschützen, Moribert«, wisperte der größere Knabe, dem noch immer weinenden kleineren zu als die Männer außer Hörweite waren, »Bleib einfach immer hinter mir, dann kann er dir nichts tun.« Er fuhr seinem Bruder über das kurze, schwarze Haar. Die beiden trennten sich. Moribert tropfte noch immer Blut aus der Nase. Der Regen wusch es fort. »Gishelm«, wimmerte der jedoch nur erstickt, »Ist das wirklich unser Vater?« Sein Blick glitt zu der noch immer reglos im Regen liegenden Frau. Ihrer [[Garetien:Algerte Phexlieb von Schwarztannen|Mutter]]. Ihre Augen waren noch immer geöffnet. Hatten die beiden Knaben fixiert. Ihre Lippen bewegten sich tonlos. Gishelm senkte den Blick.
 
=== Bastard ===
ZSF03a: Ein Bastard verdirbt dem Ritter zu Esenfeld die Laune.
 
[[Garetien:Wehrhof Esenfeld|Wehrhof Esenfeld]], Rahja 904 BF
 
[[Garetien:Ardo von Schwarztannen|Ardo von Schwarztannen]] war gerade dabei den Wehrhof wieder in Besitz zu nehmen, da fiel sein Blick auf eine junge Frau. Eine [[Garetien:Waad|junge Frau]], die er noch nie zuvor hier gesehen hatte. Eine sehr hübsche junge Frau mit rotblondem Haar und tiefgrünen Augen und dem verheißungsvollen Hauch von Andersartigkeit. Der Ritter war nicht nur für seine Begierde bekannt, sondern auch dafür, sich zu nehmen, was er glaubte, was ihm zustünde.
 
Mit seinen kalten, blauen Augen fixierte er sie. Ein kalter Schauer lief ihr den Rücken hinab. Sie schluckte schwer und stellte mit zitternden Händen den großen Bierkrug direkt neben ihm ab. Gerade als sie sich zurückziehen wollte, schnellte seine Hand nach vorne und packte sie am Handgelenk. Ein Schrei entrann ihrer Kehle, ihr Herz schlug heftig in ihrer Brust, ihr Atem ging schnell. Sie versuchte ihm ihr Handgelenk zu entwinden, aber er hielt sie nur noch fester. Immer fester.
 
»Schenk mir ein«, befahl er mit kalter Stimme und ließ abrupt ihre Hand los. Sie taumelte nach hinten. Umfasste instinktiv mit der unversehrten Hand ihr schmerzendes Gelenk und begann heftig zu schluchzen. »Schenk mir ein«, wiederholte er mit schneidender Stimme, »SOFORT!«
 
Das Schluchzen verstummte abrupt. Mit gebeugten Haupt trat sie erneut zu ihm heran, nahm mit der unversehrten Hand den Krug und goss zitternd und wimmernd Bier in seinen Becher ein. Und gerade als sie den Krug absetzte, da umfasste er seinen Becher, wandte sich zu ihr um und schüttete ihr den Inhalt ins Gesicht, wobei er mit trockener Stimme sage: »Du hast Bier verschüttet.«
 
Sie schrie auf und zuckte zusammen, taumelte dabei einige Schritte zurück. Inzwischen zitterte sie am ganzen Körper.
 
»Du hast Bier verschüttet«, wiederholte er erneut, »Dein ganzes Kleid ist voll davon.« Seine Gefolgsmänner verstummten. »So etwas dulde ich an meiner Tafel nicht.« Da rappelte sie sich mühsam auf. Den Kopf hielt sie noch immer gesenkt. Das Bier tropfte an ihr herab. Alle Blicke lagen auf ihr. Sie ging rückwärts Richtung Tür. Nur noch wenige Schritte. Bald würde sie diesem Scheusal entkommen sein. Doch dann richtete er erneut das Wort an sie:  »Zieh es aus!«
 
Die Rotblonde versuchte zu entkommen, doch die beiden Getreuen des Ritters unweit der Tür, packten sie einfach. Mit roher Gewalt zerrten sie die Frau zu ihrem Herren. Sie wehrte sich, schlug und trat um sich, doch die Männer waren einfach stärker und nachdem sie sie bei ihrem rotblondem Schopf gepackt hatten, ließ ihre Gegenwehr nach. Vor dem Herrn zu Esenfeld wurde sie bäuchlings zu Boden geworfen.
 
»Es gibt zwei Möglichkeiten«, meinte der Hausherr, erhob sich und trat auf die am Boden liegende zu. Ihr tränennasses Gesicht wandte sie von ihm ab. Sie wusste, was ihr drohte. Und auf Milde zu hoffen, war vergeblich. Ebenso auf Hilfe. »Entweder du tust es selbst oder...«, damit ließ er seinen Blick demonstrativ über seine Begleiter gehen, »... sie werden es tun.« Er hielt einen Moment inne. Und beugte sich zu ihr hinab. »Und nur damit wir uns nicht falsch verstehen«, raunte er ihr zu, »Damit werden sie nicht aufhören.« Sie wimmerte. »Nun? Wie entscheidest du dich?«
 
Wimmernd und zitternd und bibbernd erhob sie sich. Ihr Gesicht von Tränen bedeckt. Und langsam, unter erstickten Schluchzen begann sie ihre Kleidung abzulegen. Und er begutachtete sie eindringlich. Musterte jedes Stück ihres Körpers, bis sein Blick an dem Brandmal an ihrer linken Brust hängen blieb. Eine Hand mit fünf abgespreizten Fingern – das Wappen der Familie Schwarztannen.
 
»Verschwinde!«, angewidert wandte er sich ab, »Verkommener Bastard.«
 
=== Brüder ===
ZSF03b: Der Vater hasst die Mutter der Knaben, doch das war nicht immer so.
 
[[Garetien:Wehrhof Esenfeld|Wehrhof Esenfeld]], Rahja 904 BF
 
Der [[Garetien:Ardo von Schwarztannen|Herr zu Esenfeld]] blieb über Nacht, denn der Zorn Efferds – viele eher Rondras, wenn man dem leisen Wispern der Bediensteten hinter vorgehaltener Hand glaubte – verzog sich nicht so schnell. Lange grollte es bedrohlich. Der Himmel in ein giftiges dunkles Grün getaucht. Und Blitz um Blitz zuckte herab. Einer setzte sogar die große, mächtige Eiche im Innenhof Esenfels in Brand. Erst da erlaubte der Herr, die [[Garetien:Algerte Phexlieb von Schwarztannen|Hausherrin]] endlich fortzuschaffen und das auch nur, weil sie im Weg lag, nicht etwa aus ... Mitleid, wie er wiederholt betonte.
 
Und erst als die Herrschaft schlief, hatte die rotblonde Zofe der Hausherrin es gewagt, nach einem Diener der Herrin Peraine aus Salzungen zu schicken. Indes saß die [[Garetien:Waad|Zofe]] der Verletzten an deren Bett, hielt ihre reglose und kalte Hand in der eigenen und musterte ihr ausdrucksloses, blasses Gesicht. [[Garetien:Moribert von Schwarztannen|Moribert]] krabbelte der Frau mit dem rotblondem Haar und den grünen Augen auf den Schoß und schmiegte sich dicht an sie. Den noch freien Arm legte sie um den Knaben und hauchte ihm anschließend einen Kuss aufs Haar. Gishelm indes trat neben sie an das Bett seiner Mutter.
 
»Ist das wirklich unser Vater?«, hob [[Garetien:Gishelm Rondrawin von Schwarztannen|Gishelm]] hoffnungsvoll an, »Sag, dass er es nicht ist, Waad. Sag es! Bitte!«
 
Sie schluckte schwer und schüttelte traurig ihren Kopf. »Er ist euer Vater.« Ihr Stimme war ganz warm und weich. Gänsehaut jagte Gishelm Rücken hinab. »Ardo von Schwarztannen-Scharfenstein ist euer Vater. Und du, Gishelm , bist sein Erbe.«
 
»Ich will nicht, dass er mein Vater ist!«, entfuhr es dem Knaben da, »Ich will nicht sein Sohn sein. Erst recht nicht sein ...« Ihm fröstelte. »Erbe.«
 
Verständnisvoll nickte Waad.
 
»Kann nicht jemand anders unser Vater ein?«
 
»Nein«, erneut schüttelte sie den Kopf, »Das geht nicht. Ihr seid seine Kinder. Es gibt keine Zweifel. Ihr seid sein Fleisch und Blut. Und das ist es, was zählt.«
 
Einige Tränen liefen dem Knaben über das Gesicht und trotzig erwiderte er: »Ich will das aber nicht. Ich will nicht, dass dieser Mann mein Vater ist. Ich will das nicht.«
 
»Ich weiß, Gishelm, und ich verstehe dich. Sehr gut sogar.«
 
Seit der Geburt der Knaben des jüngeren der beiden Knaben war Waad immerzu um Algerte gewesen. Abends hatte sie mitgeholfen, die Knaben in den Schlaf zu wiegen, ihnen tulamidische Schlaflieder vorgesungen, Geschichten aus ihrer Heimat erzählt, war bei ihren ersten Schritten, ja bei ihren ersten Worten dabei gewesen. Sie hatte gemeinsam mit ihnen Esenfeld entdeckt. War in Bäume geklettert und hatten im Mühlbach geplantscht und im Wald getobt. Und wenn die Beine der Kinder zu schwer waren von den vielen Abenteuern, dann hatten sie sie nach Hause getragen. Abwechselnd natürlich. Sie war immerzu für die Knaben da gewesen. Immer. Jederzeit. Ja, sie war weitaus mehr als eine Zofe. Sie war eine Vertraute. Für die Hausherrin und ihre Kinder.
 
»Hasst er uns?«, riss Gishelm die Rotblonde aus ihren Gedanken. Unruhig verlagerte der Knabe das Gewicht von einem auf das andere Bein. Einen Moment blickte sie auf den Knaben in ihren Armen. Der ruhige und regelmäßige Atem verriet, dass er eingeschlafen war. »Hasst er uns?«, wiederholte der ältere der Knaben.
 
»Nein«, versicherte sie sanftmütig, »Nein, er hasst euch nicht. Nicht seine Söhne. Seine Erben. Nein, gewiss nicht. Ich denke sogar...« Sie hielt einen Moment inne. Wirkte angespannt.
»... dass er euch liebt. Auf seine... hm... eigene Art.« Waad zog ihre Augenbrauen nach oben. »Sicherlich. Er liebt euch. Da bin ich sicher.«
 
Doch Gishelm beruhigte das nicht: »Hasst er ... hasst er Mutter?«
 
Waad konnte nicht anders, sie konnte nur nicken. Und dann, nach einem erschreckend langen Augenblick, in dem sie schwieg und die Hausherrin ernst betrachtete, hauchte sie so leise, dass es gerade so zu verstehen war: »Es war nicht immer so, Gishelm. Er war nicht immer so. Sie waren einander sehr zugetan. Ungleich, doch irgendwie glücklich. Doch dann ist Algerte etwas Schreckliches passiert. Etwas Entsetzliches.«
 
Gänsehaut erfasste den gesamten Körper des Knaben. So hatte er Waad noch nie sprechen hören. So voller Grauen. Und weil sie nicht mehr sagte, wusste der Knabe, dass es etwas wirklich Schreckliches gewesen sein muss.
 
=== Geweihte ===
ZSF04: Eine Geweihte der Peraine kommt (unerwartet) nach Esenfeld.
 
[[Garetien:Wehrhof Esenfeld|Wehrhof Esenfeld]], Rahja 904 BF
 
Wenig nach dem Morgengrauen traf eine [[Garetien:Peralina Tempeltreu|Geweihte der Herrin Peraine]] aus Salzungen ein. Zwar missfiel ihr Erscheinen dem Hausherren zutiefst, aber er wusste sehr wohl, dass man einen Diener der Zwölfe nicht ohne weiteres abwies. Und so tat er das, was von ihm erwartet wurde.
 
»Peraine mit Euch, Euer Hochwürden« grüßte er sie demütig und beugte ganz leicht sein Haupt. Mit einer einladenden Geste bat er sie in das Gebäude hinein. »Habt Dank für Euer Kommen, auch wenn es nicht notwendig gewesen wäre, dass ihr persönlich erscheint.«
 
Die ältere Geweihte nickte sanftmütig. Eine Strähne ihres kurzen, grauen Haares fiel ihr ins Gesicht. Sie strich es sich wieder zurück. »Sorgte Euch nicht, Hochgeboren. Wie ein jeder von uns, bin auch ich nur eine Dienerin und deswegen diene ich«, erwiderte sie und fügte unnötigerweise noch hinzu: »So wie auch Ihr nur ein Diener unter dem Angesicht der Götter seid.«
 
Ardo von Schwarztannen blickte die Geweihte schweigend und nahezu reglos an. In seinen Augen funkelte Zorn. Unangenehme Stille breitete sich aus.
 
»Seid doch so gut«, ergriff die Geweihte nun wieder das Wort, »und bringt mich zu Eurer werten Gattin, damit ich sie mir ansehen kann.«
 
Der Hausherr nickte nur mürrisch, bot der Hochgeweihten seinen Arm an und schritt mit ihr voran. Und während sie miteinander gingen, wollte sie von ihm wissen: »Ist meine gute Freundin Algerte wieder einmal gestürzt, Hochgeboren?«
 
»Ein bedauerlicher Unfall«, erwiderte er ihr trocken und vermied es sie anzusehen, »Wieder einmal, Hochwürden.«


„Du hättest wirklich zu Hause bleiben sollen“, hob [[Garetien:Nurinai ni Rian|Nurinai]] tadelnd an, als [[Garetien:Mirya Rosna|Mirya]] etwas zurückfiel, „In deinem Bett. So wie ich es dir gesagt habe.
»Hm«, machte die Geweihte da nur und legte die Finger ihrer freien Hand an ihr Kinn, »Meine gute Freundin ist seit damals einfach nicht mehr sie selbst.« Sie seufzte schwer und schaute betrübt drein. »Armes Kind.« Sie hielt einen Moment inne. »Phex sei Dank hat sie Eure beiden Söhne an ihrer Seite. Sie liebt sie sehr. Vor allem, da...« Sie verstummte.


„Ich weiß“, erwiderte sie atemlos und ziemlich blass um die Nase, „aber ich konnte es meiner [[Garetien:Nella Rosna|Tochter]] nicht abschlagen. Sie hat so viel durchgemacht. Sie hat es verdient, dass ich auch mal etwas für sie tue...“
Der Hausherr schwieg.


Darauf wusste Nurinai nichts zu sagen. Braucht sie auch nicht, Mirya wollte reden, dass spürte sie.
»Vermutlich werdet Ihr nicht lange bleiben, Hochgeboren?«, fuhr sie fort.


„Sie hält sehr viel von Euch, Euer Gnaden, überaus viel. Ihr solltest sie mal reden hören!“, sie rang sich ein Lächeln ab, „Ihr wisst alles. Ihr könnt alles. Ihr helft jedem, egal ob Mensch oder Tier. Ihr seid immer da, wenn man Euch braucht. Ihr verurteilt nicht. Ihr nehmt die Menschen, so wie sie sind - Unvollkommen. Ihr...
»Ich bedauere, aber Ihr habt recht«, erwiderte er ihr, »Ich bin nur gekommen, um meine Söhne zu holen.«


„Nella ist noch jung“, relativierte Nurinai, „Wenn man jung ist, erscheinen einem Menschen manchmal größer als sie sind, weil man selbst so klein und unbedeutend ist.
Die Geweihte blieb abrupt stehen und schaute ihn lange, ohne ein einziges Wort zu sagen, an. Stoisch hielt er ihren Blick.


„Ja“, sie nickte und ihre Stimme wurde plötzlich ganz leise, „Ihr seid ein guter Mensch. Ein sehr Guter. Ihr habt das alles hier... einfach nicht verdient!“
»Hochwürden«, ergriff er nun das Wort, »Ich muss mich jetzt nun wirklich empfehlen. Mein Bruder erwartet mich dringend auf Burg Scharfenstein.«


„Es geht nicht darum, was man verdient hat oder was nicht. Es geht darum, dass mein Herr mich aus einem bestimmten Grund hierher geschickt hat. Ich frage nicht aus welchem, er kennt ihn und das genügt mir.“
»Ich verstehe«, damit löste sie sich aus seinem Arm, »Werdet Ihr beide Knaben mit Euch nehmen?«


„Euer Herr, Euer Gnaden, hat uns hier genauso im Stich gelassen, wie alle seine zwölfgöttlichen Geschwister. Sie alle haben uns verlassen und uns dem ausgesetzt, was aus der..., ihre Stimme brach, „Wir haben so lange nach ihnen gerufen. Wir haben gebetet und gefleht. So lange. So unglaublich lange.“ Tränen glitzerten in ihren Augen. „Aber wir wurden nicht erhört. Wir blieben allein. Sie haben uns verlassen.
»Sicherlich. Es ist Zeit, dass sie das Leben am Hofe kennenlernen.«


Nurinai nickte verständnisvoll.
»Auch Moribert? Er scheint mir noch recht jung.«


„Wir mussten uns irgendwie... irgendwie selber helfen“, sie zuckte etwas hilflos mit ihren Schultern, „Das versteht Ihr doch...?“
»Beide«, entgegnete er ihr nur mit unnachgiebigem Blick, »Tut, was Eure Herrin von Euch verlangt. Ich muss tun, was mein Herr von mir verlangt. Peraine mit Euch, Hochwürden.« Damit wollte er sich verabschiedete, wandte sich jedoch noch einmal um: »Sag, wer genau hat denn nach Euch geschickt?« Ein grausames Lächeln legte sich über seine Lippen. Sie zog die Augenbrauen belehrend nach oben und entgegnete lediglich: »Meine Herrin.«


Erneut nickte sie.
=== Gefehlte ===
ZF05: Die Geweihte der Herrin Peraine sieht einen Ausweg.


„Was hätten wir auch sonst tun sollen? Es war ja niemand da. Es hat doch niemanden gekümmert, solange wir unseren Verpflichtungen gegenüber unseren Herren nachgekommen sind. Und die hohen Herren in Gareth...“ Sie lachte. „Die interessieren sich doch nicht für Leute wie uns, für normale Leute. Da muss man schon adelig sein...“
[[Garetien:Wehrhof Esenfeld|Wehrhof Esenfeld]], Rahja 904 BF


„Glaub mir, auch das reicht nicht aus. Adelige gibt es so viele wie Vögel am Himmel“, hob nun Nurinai an, „Und das meine Schwester nun Reichsritterin zu Praiosborn ist, das hat nichts damit zu tun, das sie es verdient hat oder das sie hier gebraucht wird oder das ihr hier jemand braucht, der sich diesem Schrecken annimmt, sondern damit, das man etwas zwischen diesen Hohen Herren und der Finsternis hat. Etwas, dass sie einem vom Hals hält. Das sich um die Probleme kümmert und deswegen und nur deswegen hat man diese Lehen an Menschen gegeben, die entbehrlich für die da oben sind. Um es kurz zu machen: Von denen interessiert sich keiner für uns!“
»Was ist genau vorgefallen?«, wollte die Geweihte von der rotblonde Zofe wissen, als sie am Bett der Verletzten stand und auf den blutigen Verband um deren Kopf blickte.


„Dann haben wir ja etwas gemeinsam“, stellte Mirya nüchtern fest. Dann wandte sie erneut an und flehte: „Euer Gnaden, Ihr müsst gehen! Bitte! Geht so lange Ihr es noch könnt!“
Die junge Frau schauten betreten drein und blickten zu Boden. Kein Wort verließ ihre zitternden Lippen. Sie wusste, dass ein jedes Wort ihr das Leben nur noch schwerer machte. Der Hausherr, nachdem er ihre wahre Herkunft erfahren hatte, war sicher nicht gut auf sie zu sprechen. Bisher hatte sie jede Begegnung mit ihm vermeiden können. Dafür hatte ihre Herrin gesorgt. Und sie war froh darüber gewesen, aber nun? Nun würde sie seinen Demütigungen und Grausamkeiten schutzlos ausgeliefert sein. Sie hatte genug Geschichten gehört. Waad wusste sehr gut, zu was er fähig war, selbst wenn nur ein Bruchteil der Gerüchte stimmte. Jede noch so kleine Verfehlung würde der Hausherr hart bestrafen. Und jede ihrer Verfehlungen war auch eine Verfehlung der Hausherrin, seiner Frau.


„Ich kann nicht. Ihr braucht mich. Ihr alle!“, erwiderte diese nur, „Wer soll sich um euch kümmern, euch beistehen, euch zuhören oder euch die zwölf Götter wieder nahe bringen, wenn nicht ich?“
Die Geweihte seufzte.  


Sie schüttelte nur den Kopf: „Warum begreift Ihr das denn nicht? Die Götter haben diesen Ort verlassen. Endgültig verlassen. Sie kehren nicht zurück.“
»War er es?«, wollte sie nach Abreise des Hausherren mit strengem Blick wissen, »Hat er sie so zugerichtet? Mal wieder?«


„Sie können nicht zurückkehren“, stimmte die Geweihte da zu, „Denn sie waren nie fort. Sie waren immer da. Doch du blickst nur zurück und sieht nur die eine einzige Fußspur in der Erde hinter dir. Nur eine einzige und da fragst du dich, wo sie da waren, die Götter. Und du fragst zurecht. Doch schau dir deine Fußsohlen an! Schau sie dir ganz genau an! Kein Krümel Erde hängt daran, denn es waren die Götter und die Götter allein, die dich diesen langen und entbehrungsreichen Weg getragen haben.
Die Zofe schauten auf die Füße der Geweihten. Kein einziges Wort kam über ihre Lippen.


Einen Augenblick herrschte schweigen zwischen den beiden Frauen. Dann schüttelte Mirya langsam ihren Kopf: „Ihr versteht nicht. Ihr müsst gehen. Ihr müsst!“ Sie biss sich auf die Lippen, ließ ihren Blick zur Seite schweifen und erklärte: „Es beginnt alles damit, dass man nachts immer wieder erwacht. Man weiß nicht warum. Es gibt keinen Grund. Man erwacht dann immer häufiger. Irgendwann kommen die Träume. Schreckliche Träume. Träume von Tod und Verderben. Von verwesenden Leichen. Man hört sie rufen, schreien, obwohl sie tot sind. Zu Beginn sind es Fremde, doch dann werden es Freunde und irgendwann sind es die Eltern, Geschwister, die eigenen Kinder, diejenigen die man am meisten liebt. Man kann nicht mehr schlafen.“ Sie holte Atem. „Und dann, dann sieht man sie bei Tag. Sieht wie die Maden in ihnen krabbeln, wie sie in ihnen wühlen, wie sie sie auffressen. Bei den Augen, da fangen sie an.“ Sie deutete auf ihre eigenen Augen. „Und langsam, ganz langsam zehrt die Brache den eigenen Verstand auf und man fällt immer mehr und mehr dem Wahnsinn anheim, bis man nur noch einen einzigen Ausweg kennt - den Tod!“
»Bei Peraine!«, seufzte sie. »Schon gut«, sie winkte ab, »Ich habe schon verstanden. Es ist ja nicht so, als wäre ich das erste Mal hier.« Nachdenklich begann sie ihre Schläfe zu massieren. »Warum nur, Algerte? Warum nur?« Sie prüfte ihre Atmung. Ihre Reflexe. Zog die Augenlider nach oben. Da begann sie mit gekonnten Fingergriffen den Verband um den Kopf der Hausherrin zu lösen, die Wunde in Augenschein zu nehmen, sie zu säubern, zu nähen und neu zu verbinden. So kümmerte sie sich um alle Wunden. Die Zofe ging ihr dabei zur Hand. »War sie die ganze Zeit über bewusstlos?«


Nurinai hörte aufmerksam zu.
Waad nickte stumm.


„Ihr wärt nicht die Erste, der das widerfährt! Wärt nicht die Erste, die in den Praiosborn geht und dort für immer bleibt.
»Das ist vielleicht kein gutes Zeichen«, erklärte sie. Die Rotblonde blickten zu ihr. Die Geweihte wusch sich die Hände. Trocknete sie an einem Tuch. »Wir werden abwarten müssen. Ich werde bleiben. Den Beistand der Herrin Peraine erbitten. Aber ich habe kein gutes Gefühl dabei. Ich .... « Sie schluckte. »Ich habe Angst, dass...«


„Ist das...“, hob Nurinai zaghaft an, „... schon einmal passiert? Hier passiert?“
»Was solle ich denn tun, Peralina?«, wandte sich Waad sichtlich verzweifelt an die Geweihte.


Darauf gab Mirya keine Antwort, stattdessen sagte sie: „Ihr könnt mir noch so oft sagen, dass Ihr nicht unter diesen Träumen leidet. Ich glaube Euch nicht. Ich sehe es Euch an. Damals habe ich es ihr auch angesehen.
»Du?«, sie schüttelte den Kopf, »Du tust alles, was in deiner Macht steht. Dies jedoch...« Sie deutet mit einer Geste um sich herum. »... steht nicht in deiner Macht.« Energisch nickte sie. »Es ist an der Zeit, dass sie endlich Schutz bei den Zwölfen sucht.« Mit ernster Miene betrachtete sie die Zofe. »Unter ihrem Schutz wird er es nicht wagen, Hand an sie zu legen, ganz gleich, wie viel Schuld sie zuvor auf sich geladen hat. Die Götter werden schützend ihre Hand über sie halten. In jedem Kloster, in jedem ihrer Tempel wäre sie sicher.«


„Ihr?“, fragte die Geweihte und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass es sehr wohl stimmte, was sie sagte. Zuerst war sie immer wieder nachts erwacht, dann waren die Träume gekommen. „Wovon sprichst du? Von wem sprichst du?“
»Eingesperrt wäre sie«, meldete sich Waad zu Wort, »Könnte diesen Ort nie wieder verlassen, ohne seinen Zorn zu spüren zu bekommen. Und das schlimmer als jemals zuvor. Nie wieder ihre Söhne sehen.«


„Wisst Ihr was mit der letzten Geweihten hier passiert ist?“
»Leben muss bewahrt werden. Um jeden Preis. So lehrt es meine Herrin. Und genau das gilt auch für Algerte.« Sie hielt einen Moment inne. »Ihr Tod nutzt nur einem.«


Nurinai wartete auf die Antwort.
Die junge Frau nickten betrübt.


„Eines nachts hat sie es nicht mehr ertragen und ist in den Praiosborn gegangen. Dort hat sie ihr Leben gelassen.
»Aber welcher Tempel würde ihr Schutz gewähren?«, warf Waad ein, »Ganz Schwarztannen weiß was damals geschehen ist. Die Menschen haben sich die Mäuler über sie zerrissen. Noch heute...« Ihre zitternde Stimme brach.


Nun schüttelte die Geweihte ihren Kopf: „Man hätte nach ihr gesucht. Geweihte verschwinden nicht so einfach, schon gar nicht unbemerkt!“
Peralina zuckte mit den Schultern: »Bis heute kann ich nicht sagen, wem ich wirklich glauben schenken kann.« Sie leckte über ihre Lippen. »Das Urteil war jedoch eindeutig.« Nun nickte sie. »Es gibt nur eine Kirche, die hier in der Baronie einen Tempel ihr eigen nennt und wenig auf die Ereignisse auf Dere gibt. Nur eine.«


„Hier an der Brache?“, Mirya lachte, „Hier sucht keiner nach einem! Wenn man verschwindet, dann hat sich die Brache denjenigen einverleibt. Und wer ist schon so lebensmüde und geht in die Brache um nach jemanden zu suche, der sehr wahrscheinlich bereits nicht mehr am Leben ist?“ Fragend sah sie die Geweihte an.
== Weißer Rabe ==


== Eine Krähe ruft ==
=== Dunkelheit ===
{{Brief
ZFS: Langsam kommt Algerte wieder zu Bewusstsein, doch noch umfängt sie Dunkelheit.
|Adressat=An die Prätorin des Tempels unserer gütigen Etilia in Kammhütten, Greifenpass
Werte Líadáin,


|Text=als Du mir ''Marbhán'' geschenkt hast, da dachte ich, dass ich sie nie brauchen würde. Damals glaubte ich, dass sie nur eine Geste Deines Vertrauens in mich und eine Anerkennung meiner Fähigkeiten sei. Heute frage ich mich manchmal, ob Du nicht etwas geahnt hast.
[[Garetien:Tempel des Weißen Raben zu Hexenmühle|Tempel des Weißen Raben]] zu Hexenmühle, Rahja 904 BF


Wie dem auch sei: Ich habe ''Marbhán'' einsetzen müsse. Es war eine schwere Geburt. Die Mutter lag seit Tagen in den Wehen, das Ungeborene jedoch steckte fest. Als ich eintraf, war es bereits nicht mehr am Leben. Es war schrecklich, Líadáin! So schrecklich! Genauso schrecklich wie damals. Doch die heilige Etilia stand mir bei und die göttliche Kraft unseres Herren hat mich die ganze Zeit erfüllt.
Als [[Garetien:Algerte Phexlieb von Schwarztannen|sie]] erwachte war es still um sie herum. Still und dunkel. Die Luft war von Weihrauch erfüllt. Sie versuchte sich zu orientieren. Zu begreifen wo sie war. Aber sie wusste es nicht. Es war zu dunkel. Sie versuchte aufzustehen, aber ihre Glieder waren so unendlich schwer. So versuchte sie ihren Kopf zu heben, doch auch das schaffte sie nicht. Schmerzerfüllt sank sie zurück in das weiche Kissen und atmete angestrengt ein und aus. Ihr Kopf schmerzte. Sie biss die Zähne zusammen. Und erst da bemerkte sie: Sie war nicht allein.


Das Schrecklichste war jedoch nicht, dass ich das Ungeborene auf diese Art und Weise habe holen müssen, sondern das es kein normal geartetes menschliches Wesen zu sein schien: Seine Gliedmaßen waren miteinander und ineinander verwachsen, dazu noch verkrüppelt, deren Anzahl lag ohnehin über denen gewöhnlicher menschlicher Wesen, Finger- und Fußnägel erinnerten eher an Krallen, die Augen an die einer Raubkatze, die Zähne waren bereits alle vollständig durchgebrochen, standen in zwei Reihen und waren messerscharf, der Rücken war eröffnet, sodass die Lunge zu sehen war, das Herz lag außerhalb der Brust. Allgemein erschien es mir mehr Tier als Mensch zu sein, nicht zuletzt, weil seine Haut mit einem dichten, dunklen Flaum überzogen war. So etwas, habe ich noch nie gesehen.
Sie lag in einem Bett, das begriff sie jetzt. Und an ihrem Bett, da saß jemand. Auf der Bettkante saß jemand. Eine Gestalt. Dunkel zeichneten sich ihre Umrisse gegen die sie umgebende Finsternis ab. Ein Schatten. Mehr nicht. Ohne Gesicht. Bestehend aus Dunkelheit. Aus Finsternis. Doch sie hatte keine Angst. Keine Furcht.


Es war auch nicht das einzige Kind, dass missgestaltet war. Ich war noch bei einer weiteren Geburt zugegen. Auch dieses Ungeborene war bei meiner Ankunft bereits tot. Da es aber noch Zeit gehabt hätte, dadurch noch nicht voll entwickelt war und deswegen noch recht klein, konnte es auf normalen Wege geboren werden. Die Unreifezeichen waren deutlich, die der Missbildung jedoch auch.
Der Schatten beugte sich über sie. Eine Hand oder vielleicht doch eher ein Flügel streifte über ihre Stirn. Ganz weich und anschmiegsam. Da wurden ihre Lieder so schwer, dass sie einfach zufielen. Der Schmerz wich zurück. Und ihr Bewusstsein auch.


An einen Zufall glaube ich nicht, da auch der Praiosborn immer wieder missgebildete Fische hervorbringt, bin ich überzeugt, dass es etwas mit der Brache zu tun hat, mit der sich die Menschen hier auf eine seltsame Art und Weise arrangiert zu haben scheinen. Man hütet hier ein Geheimnis, dass man bisher nicht einmal mir anvertraut hat und was sollte das für eines sein, wenn nicht ein niederhöllisches?
»Dem Raben gebührt, was des Raben ist«, raunte eine leise, leicht krächzende Stimme, »Und noch bist du noch nicht ganz sein


Das Schlimmste jedoch, das Allerschlimmste ist, dass jemand das erste Ungeborene ausgegraben hat, nachdem ich es auf dem Boronanger begraben hatte. Líadáin, hast Du das schon einmal erlebt? Jemand ist des Nachts auf den Boronanger geschlichen, hat dort das eingesegnete Grab geöffnet und alle Einzelteile ausgegraben und mitgenommen. Ailsa hat mit der Inquisition gedroht, falls die Überreste nicht binnen Tagesfrist wieder da sind. Sie sind wieder aufgetaucht. Seitdem überantworte ich die Toten dem Feuer.
=== Vergessen ===
ZFS: Der Herr des Vergessens hat Algerte ein ganz besonderes Geschenkt gemacht.


Die Ereignisse haben mich ratlos gemacht. Die Menschen reden einfach nicht und egal was ich versuche, ich kann ihr Schweigen nicht brechen. All die Geduld und das Verständnis, das ich ihnen versucht habe entgegenzubringen, haben mich bisher nicht weiter gebracht. Ich weiß einfach nicht, wie ich dem Ganzen hier noch begegnen soll. Was würdest Du tun?
[[Garetien:Tempel des Weißen Raben zu Hexenmühle|Tempel des Weißen Raben]] zu Hexenmühle, Rahja 904 BF


Ich möchte Dich auch noch um einen weiteren Rat bitten, denn eine Frage quält mich ganz besonders: Wenn ein solches Kind jemals lebend zur Welt kommen sollte, was soll ich tun?
Immer wieder erwachte sie. Und immer wieder sank sie in die Bewusstlosigkeit zurück. Aber mehr und mehr nahm sie die Welt um sich herum wahr. Geweihte des Schweigsamen kamen, wuschen ihren kraftlosen Körper, wechselten die Verbände, flößten ihr Brühe ein. Sie sprachen kaum, beantworteten ihre Fragen nur spärlich, beteten aber für sie und mit ihr, meist schweigend. Und so seltsam sie das auch zu Beginn fand, so erfüllten sie die Gebete mehr und mehr.


|Absender=Hochachtungsvoll
Irgendwann jedoch kam eine Geweihte der Herrin Peraine. Eine ältere Frau mit grauem Haar. Ein leichter Geruch nach Knoblauch lag in der Luft. Vermischte sich mit dem Weihrauch. Die Geweihte setzte sich an ihr Bett, nahm ihre Hand und blickte sie lange an.
[[Garetien:Nurinai ni Rian|Nurinai ni Rían]]
}}


== Eine Krähe antwortet ==
»Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, dass du noch am Leben bist«, eine einzelne Träne rollte der Geweihten die Wange hinab. Sie wischte sie nicht fort. Sie tropfte auf ihre Robe und hinterließ einen kleinen nassen Fleck. »Nie zuvor habe ich jemanden gesehen, der so etwas überlebt hat! Nie hätte ich gedacht, dass du das überlebst. Nie! Vermutlich ist es einzig und allein der guten Pflege von...«
{{Brief
|Adressat=An die Dienerin des Raben Nurinai ni Rían in Praiosborn, Kaiserlich Brachenwacht, Garetien
Werte [[Garetien:Nurinai ni Rian|Nurinai]],


|Text=unser Herr hatte einen Grund Dich und Deine Schwestern nach Praiosborn zu führen. Nun scheinst Du auf den Grund gestoßen zu sein und auch auf Deine Aufgabe, denn das es eine geben wird, das hat Bishdariel Dir in Deinen Träumen eröffnet. Und so wie er Dir einen Traum schickte, hat er auch mir einen geschickt und da wusste ich, dass es an der Zeit war Dir das geeignete Werkzeug an die Hand zu geben. Über das Wissen verfügst Du schon lange, dass Du auch kundig in der Anwendung bist, hast Du als meine Schülerin unter Beweis gestellt, nur das Instrument an sich, hat Dir gefehlt. Marbhán wird Dir treue Dienste leisten.
»Wo bin ich, hob die Verwundete an.


Die von Dir beschriebenen Ereignisse sind höchst besorgniserregend. Auf der einen Seite, weil ich vermute, dass Fälle von missgebildeten oder nicht lebensfähigen Kindern nicht neu sind, gleiches gilt für Fehl-, Früh- und Totgeburten. Auf der anderen Seite, weil es mir höchstes Unbehagen bereitet, dass es dort Personen gibt, die eingesegnete Gräber öffnen und die Begrabenen aus der geweihten Erde entnehmen. Das ist ein Frevel wider unseres Herrn!
»Im Schoß des Ewigen«, erklärte die Geweihte und blickte gütig auf die Frau hinab. In ihren alten Augen lag Wärme und Zuversicht. »In einem seiner Tempel. In Hexenmühle.«


Was Dein weiteres Vorgehen betrifft, so rate ich Dir: Halte Dich an die Frauen! Sie werden der Schlüssel sein. Denn die Frauen sind es, die missgebildete Kinder zur Welt bringen. Sie sind es, die tote Kinder zur Welt bringen. Sie sind es, die Fehlgeburten erleiden. Sie sind es, die besonders unter der Situation zu leiden haben und so werden sie es sein, die zuerst reden werden. Gedulde Dich noch ein wenig, Nurinai, doch sei unnachgiebig. Wenn sie Dir vertrauen, weil Du ihnen in ihren schwersten Stunden beigestanden hast, dann werden sie zuerst Rat bei Dir suchen und sich schlussendlich Dir offenbaren. So lange musst Du die Zeit nutzen: Höre zu, beobachte, damit Du ihnen, wenn sie sich Dir mitteilen, einen echten Ausweg bieten kannst. Hast Du sie überzeugt, werden die Frauen die Männer überzeugen.  
»Boron«, langsam nickte sie, »Was ... was ist passiert?«


Ich möchte Dir auch noch Deine letzte Frage beantworten: Der Rabe erhält, was des Rabens ist. Vergiss das nicht.
»Du warst dem Tod sehr nahe«, erklärte die Geweihte, »Sehr nahe. Aber Golgari, so sagten uns seine Diener, fand deine Zeit noch nicht gekommen. Und so kämpften wir um dein Leben. Und sie halfen dabei.«


|Absender=Hochachtungsvoll
»Hm«, machte die Verletzte nachdenklich und versuchte sich aufzusetzen. Die Geweihte half ihr. Schob ihr ein Kissen in den Rücken. Und setzte sich dann wieder. »Und was ... was ist passiert?«
Líadáin ni Rían
Hüterin des Rabens im Tempel unserer gütigen Etilia
}}
-->


= [[Die Würfel sind gefallen — Briefspielreihe|Die Würfel sind gefallen]] =
»Ein Unglück«, erklärte sie schlicht und so als würde das einfach alles erklären und irgendwie tat es das auch.
== (...) ==
(...)


= [[Der Götter Werk und Yolandes Beitrag — Briefspielreihe|Der Götter Werk und Yolandes Beitrag]] =
»Dann bin ich wohl beim Klettern gestürzt«, schloss sie, »Sollte wohl besser aufpassen.« Sie nickte. »Warum nicht ein Tempel des Herrn Phex? Warum ... Boron?«
== Lehrstunden (Dritter Teil) ==
[[Garetien:Schloss Dryadenstein|Schloss Dryadenstein]], 17. Ingerimm 1042


(...)
Verwundert blickte die Geweihte sie da nun an: »Ich ... ich glaube, ich verstehe nicht.«


<!--
»Es ist mein Zweitname. Mein Vater gab ihn mir, weil ich im Phex und dann auch noch am Tag des Glücks geboren wurde. Meine Mutter hielt das erst für einen Scherz.« Sie lachte kurz auf, wobei sie schmerzerfüllt das Gesicht verzerrte. »Wie ... wie geht es ihr?«
== Auftrag ==
[[Garetien:Esmeria_Darando_della_Tenna|Esmeria Darando della Tenna]]
== Befleckt ==
-->


= [[Schwarz, Schwärzer, Schwarztannen — Briefspielreihe|Schwarz, Schwärzer, Schwarztannen]] =
»Das... das... ist mir nicht bekannt«, erwiderte die Geweihte kopfschüttelnd, »Aber warum Phex
== Antrag ==
[[Garetien:Burg Scharfenstein|Burg Scharfenstein]], Ende Phex 1043


(...)
»Weil ich dort im Noviziat bin.«


= [[Rotes Haar — Briefspielreihe|Rotes Haar]] =
Die Peraine-Geweihte riss ungläubig die Augen auf. »Noviziat?«, entfuhr es ihr wenig darauf und gerade in jenem Moment, dass gesprochen hatte, setzte eine Art Erkenntnis ein. »Kennst du ... deinen Namen?«
== Schäferstündchen ==


== Kuckuckskind? ==
Die Versehrte lachte: »Algerte Phexlieb von Waldfang. Und wer seid Ihr?«


== Leomar ==
»Erinnerst du dich denn nicht an mich?«


== Stolzer Vater ==
Sie zog die Stirn kraus. Musterte die Geweihte kritisch: »Kennen wir uns?«


== Blut von meinem Blut ==
»Ich bin Peralina Tempeltreu«, stellte sie sich vor, aber Algerte schüttelte nur Kopf. Peralina nickte noch nachdenklicher. »Kannst du mir sagen, wer der Kaiser des Mittelreiches ist?«


== Blut von deinem Blut ==
»[[Valpo|Valpo von Almada]] natürlich.«


== Um Leben und Tod ==
=== Schutz ===
[[Garetien:Dorf Donnerhof|Donnerhof]], 12. Peraine 1043
ZFS: Obwohl sie keine Gefangene ist, wird ihr dringend davon abgeraten, den Tempel zu verlassen. Schutz kann Algerte nur hier gewährt werden.
<!--Zwischen Lonán und Lares kommt zu einem erbitterten Kampf um Leben und Tod.-->


(...)
[[Garetien:Tempel des Weißen Raben zu Hexenmühle|Tempel des Weißen Raben]] zu Hexenmühle, Rahja 904 BF


== Die Alte Dame ==
»Wer ist der Kaiser?«, wollte Algerte von der Geweihten wissen, nachdem diese sich um ihre Wunde gekümmert und auf die Kante ihres Bettes gesetzt hatte um zu beten.
[[Garetien:Burg Scharfenstein|Burg Scharfenstein]], 18. Peraine 1043
<!--Nella erreicht Burg Scharfenstein. Für die Alte Dame jedoch endet der Weg hier.-->


„Ein Reiter nähert sich eilig Scharfenstein aus Richtung Schwarztannen“, meldet ein Gardist.
Die Geweihte hob langsam ihren Kopf, schob mit einer eleganten Bewegung die Kapuze ihrer schwarzen Robe zurück und offenbarte ihr rotes Haar. Sie hob ihren Blick. Jung wirkte ihr Gesicht. Doch ihre blau-grünen Augen offenbarten, dass sie nicht mehr so jung sein konnte. Andächtig faltete sie ihre Hände und legte diese in ihren Schoß.  


[[Garetien:Yolande von Pranteln|Yolande von Raukenfels]] blickte ihn vielsagend an und seufzte: „Sehr wahrscheinlich ein Botenreiter, nicht wahr?
»Hm«, machte Algerte, »Was ist aus [[Valpo|Valpo von Almada]] geworden?«


„Welcher Botenreiter wird von zwei freilaufenden Ponys begleitet?“
»Seine Zeit war gekommen.«


„Zwei freilaufende Ponys?“, wiederholte sie irritiert.
»Wie du das sagst«, stutzte die Adelige und schüttelte den Kopf.


„Ja!“, bestätigte er, „Zwei freilaufende Ponys! Zottelige, weiße Biester. So was habe ich noch nie gesehen. Vielleicht Zwergenponys...“
»Vor Boron sind alle gleich.«


„Zwei weiße freilaufende Ponys“, überlegte die Vögtin, „Und das Pferd des Reiters?
»Aber dann muss es doch jemanden geben, der ihm nachfolgt?«


Nun winkte der Gardist ab: „Sieht mir nach einer alten Mähre aus. Welcher Botenreiter reitet auf einem klapperdürren alten Ga... ?“
»Es gibt viele«, erwiderte die Geweihte ruhig, »und doch keinen einzigen.«


„Nella!, entfuhr es ihr schlussendlich entschieden, „Es ist Nella! Lasst sie ein. Öffnet die Tore. Lasst sie passieren!“
»Dann wäre das Reich doch ohne Herren! Aber du sagt das so, als würde es dich nicht ... nicht im geringsten kümmern?«


{{Trenner Garetien}}
»Es kümmert den Ewigen nicht«, erklärte sie langsam nickend, »Und damit kümmert es auch mich nicht. Dem Ewigen schert vieles nicht. Ihm ist gleich, was für Titel wir uns geben, welche Länder wir beanspruchen oder auch nur was wir besitzen. Vor ihm sind wir alle gleich. Ein jeder von uns.« Sie hielt einen Moment inne. »Eines Tages werden wir ihm alle gegenüber treten. Uns alle ereilt dasselbe Schicksal.«


Vor ihr öffnete sich das erste Tor und auch das zweite öffnete sich ganz ohne ihr Zutun. So ritt sie bis in die Hauptburg hindurch und die Alte Dame blieb erst stehen als...
Algerte schwieg einen Moment, ehe sie wissen wollte: »Und wie lange war ich ohne Bewusstsein, dass ich den Tod eines Kaisers und seine fehlende Nachfolge nicht mitbekommen habe?«


„[[Garetien:Nella Rosna|Nella]]!“, rief eine ihr wohlbekannte Stimme, „Nella!“
Nun schüttelte die Geweihte ihren Kopf: »Nur wenige Tage, doch hat mein Herr dir seine Gnade des Vergessens zu teil werden lassen. Oder...« Und ein Lächeln legte sich über ihre Lippen.  »... war es vielleicht sein ihm sehr verbundener Bruder?«


„Frau von Raukenfels“, erwiderte das Mädchen da erstickt und sofort begannen Tränen über ihr Gesicht zu laufen.
Einen winzigen Augenblick nur lag Erstaunen im Blick der Adeligen, dann jedoch kam der schmerzerfüllte Gesichtsausdruck zurück. Die Geweihte lächelte immer noch. Dieses Mal noch etwas vielsagender und freundlicher als Algerte das eine Dienerin des Schweigsamen zugetraut hätte. Und wenn sie es recht bedachte, war die Geweihte auch viel zu hübsch für den Dienst an solch einem Herrn. Außerdem hatte sie rotes Haar.


Yolande eilte auf die Reiterin zu. Die Hunde begrüßten sie stürmisch, ließen sie nach ein paar ausgiebigen Streicheleinheiten passieren, während sie die anderen auf Distanz hielten. Als sie dann endlich neben der Alten Dame zum Stehen kam und zu Nella hinaufblickte, durchlief ein Zittern das Pferd, dann gaben zuerst die Hinterbein nach, kurz darauf folgten die Vorderbeine. Da wusste Yolande bereits, dass das Tier nie wieder aufstehen würde...
»Du bist nicht die einzige, die es meinen Dienst hier unpassend findet«, kommentierte sie und zog eine Augenbraue nach oben, »Aber alles hat einen Grund. Doch nicht immer ist er für uns Menschen ersichtlich.«


Voller Verzweiflung blickte Nella sie an. Ungläubig. Ihre kastanienbraunen Augen nicht nur voller Tränen, sondern auch voller Entsetzen und Fassungslosigkeit. Und so voller Angst. Schreckliche Angst.
»Wie lange wird es dauern, bis ich in den Tempel meines Herren zurückkehren kann?«


Die Raukenfelserin half ihr von der Alten Dame. Erst da bemerkte sie, dass das Mädchen ein Kind auf ihre Brust geschnürt trug. Mit einer Hand hielt Nella das Köpfchen ihres [[Garetien:Leomar Rosna|Brüderchens]] fest und schaute Yolande weinend an.
Ihre Gegenüber holte angestrengt Atem: »Verlasse den Tempel des Ewigen nicht, Algerte. Niemals!« Plötzlich wirkte sie sehr ernst. »Der Ewige schützt dich. Er gibt auf dich acht. Aber er kann das nur in seinem Schoß tun. Du musst wissen, die Welt dort draußen ist gefährlich. Auch wir gehen nur hinaus, wenn uns sein Ruf ereilt. Und meist vermeide ich auch das. Hier drinnen...« Sie deutete im viel zu kleinen Zimmer herum. Es gab lediglich ein schmales Bett mit einer Kleidertruhe an dessen Fußende, ein kleines Nachtkäschen und einen dreibeinigen Hocker. »... sind wir sicher. Dort draußen nicht.«


„Nella“, hob die Vögtin sanft an, „Die Zeit der Alten Dame ist gekommen.
»Dann ... dann bin ich eine Geisel? Ihr haltet mich hier fest?«


Da schrie das Mädchen vor Schmerz und Verzweiflung auf und warf sich schützend über den Hals ihres Pferd. Es war ein Schrei, der Yolande nicht nur durch Mark und Bein drang, sondern ihr auch die Tränen in die Augen trieb. Und nicht genug damit: Ihre Hunde fielen mit ihr ein. Ihr herzzerreißendes Heulen erfüllte Scharfenstein.
Die Geweihte schüttelte den Kopf. »Keineswegs. Du kannst den Tempel jederzeit verlassen. Aber dort draußen, bist du auf dich alleine gestellt. Dies sei dir bewusst.« Damit erhob sie sich und wollte bereits das Zimmer verlassen als Algerte noch einmal das Wort ergriff: »Wie ist dein Name?«
Dann wurde es still. Unerträglich still. Leichter Nieselregen setzte ein. Die Hunde kamen an Nellas Seite. Stupsten sie an, versuchten sich an sie zu schmiegen und ihr damit Halt zu geben. Sie fiepten leise. Verunsichert. Ängstlich.


Yolande schluckte und strich dem Mädchen sanft durch ihr leicht feuchtes Haar: „Manchmal ist das einzige, was wir für unsere geliebten Pferde tun können, sie von ihrem Leid zu erlösen...
»[[Gareiten:Etilinae Tempeltreu|Etilinae]]«, sie wandte sich zu der anderen um, »Er machte ihn mir zum Geschenk. Wirst auch du sein Geschenk annehmen?«


Da hob Nella ihren Kopf und schaute Yolande mit ihren kastanienbraunen Augen lange an. Noch immer weinte sie. Der Regen wurde stärker, vermischte sich mit ihren Tränen. Dann nickte sie langsam. Ganz langsam.
=== Rote Rabe ===
ZFS:


Die Alte Dame schnaubte ein letztes Mal. Erschöpft. Müde. Nella schmiegte sich an ihren Hals, mit der einen Hand umfasste sie ihn, die andere Hand lag noch immer am Köpfchen ihres Bruders. Ihr Blick lag auf Yolande. Der Regen verschlimmerte sich noch einmal.
»Etilinae«, hob die Tempelvorsteherin mit andächtiger und ruhiger Stimme an, schaute aber nicht auf, sondern blickte in ihren Becher mit dem roten, würzigen und schweren Weines, »Welche Kunde bringt meine rote Rabe?«


„Rahja“, wisperte Yolande leise, „Bitte verzeih mir...
»Er hat ihr Vergessen geschenkt«, hob Etilinae bestätigend an, »Ganz wie Peralina es sagte. Zwar weiß sie, wer sie ist, aber scheint sie sich nicht an ihre Zeit in Schwarztannen erinnern zu können, erst recht nicht an ihre jüngste Vergangenheit. Nicht an ihren Mann, nicht an ihre Kinder, nicht an...«


== Rotes Haar ==
Erschreckend langsam winkte die alte Geweihte ab. Ihr langes Haar war gänzlich weiß. Ihr Gesicht von Falten durchzogen.
[[Garetien:Burg Scharfenstein|Burg Scharfenstein]], 18. Peraine 1043
<!--Die drei Schwestern machen einige äußerst interessante Entdeckungen, nicht alle werden freudig aufgenommen.-->


„Und was...“ [[Garetien:Drego von Altjachtern|Drego von Altjachtern]] gesellte sich zu [[Garetien:Ailsa ni Rian|Ailsa]], legte den Arm um ihre Taille und blickte mit ihr zum Fenster in den Hof hinaus. Das Pferd hatte man mittlerweile fortgebracht, das Blut war geblieben. Der Regen hatte es nicht nur verdünnt, sondern auch großflächig verteilt. „... ist denn nun vorgefallen? In Praiosborn?“
»Ein Segen, rote Rabe«, meinte sie da, »und auch ein Fluch.« Bedeutungsschwer nickte sie. »Während sich ganz Schwarztannen erinnert, hat sie vergessen.«


Die Reichsritterin zuckte mit den Schultern: „Das wissen wir noch nicht. Bisher hat [[Garetien:Nella Rosna|Nella]] noch nicht geredet.“ Draußen nieselte es noch immer. „[[Garetien:Meara ni Rian|Meara]] hat sie in eine heiße Wanne gesteckt und dann ins Bett, sie ist wohl sofort eingeschlafen. Wir werden also warten müssen...“
Etilinae nickte: »Was ... sollen wir tun, weiße Rabe?«


Er hauchte ihr einen liebevollen Kuss auf die Stirn und stellte fest: „Euch liegt wohl sehr viel an ihr.
Streng blickte sie die junge Geweihte an: »Unserem Herren dienen.« Sie legte die Hände in ihren Schoß. »Unsere Kirche, Etilinae, steht über den Dingen. Sie beteiligt sich nur so an den derischen Belangen, wie es für ihre weitere Existenz notwendig ist. Und so sollten auch wir es handhaben. Was auch immer geschehen ist, ist geschehen. Urteile wurden gesprochen. Taten wurden gesühnt. Uns jedoch darf es nicht kümmern. Wir dienen dem Schweigsamen. Wir haben alle anderen Bande gelöst. Unsere Namen abgelegt. Um nur für jene da zu sein, die unserer Hilfe bedürfen. Wer einen seiner Tempel aufsucht, der muss keine Rechenschaft über das ablegen, was hinter ihm liegt. Unser Herr blickt nicht zurück. Es ist nicht seine Art. Er nimmt an. Und so müssen auch wir sie annehmen, so wie sie ist, weil es auch unser Herr das tut.«


„Das tut es“, erwiderte Ailsa kehlig, „Sie ist die einzige wirklich Verbündete, die wir in Praiosborn haben. Die Einzige...“ Das war freilich nicht alles, aber über den Rest schwieg sie sich lieber aus. „Für ihren Bruder [[Garetien:Leomar Rosna|Leomar]] wird hoffentlich bald eine Amme gefunden. Er ist erst einen halben Götterlauf alt...
«Ihr sagt das so, als wüsste ich all das nicht...«


Der Baron nickte und zog sie noch etwas enger an sich: „Es wird sich jemand finden, Orknäschen, ganz gewiss.
»Ich wollte dir nur in Erinnerung rufen, wem du dienst.«


„Ich hoffe, du hast recht. Ich hoffe es wirklich sehr“, noch immer blickte sie zum Fenster hinaus, „Doch eines verstehe ich nicht: Woher hat sie dieses Pferd?“
»Dem Schweigsamen?«, erwiderte sie, doch ihre Stimme war leise und brüchig, mehr fragend als antwortend.


Fragend blickte sie Drego an.
»Dem Schweigsamen!«, bestätigte sie, »Erinnere dich immer daran, Etilinae. Deswegen obliegt es auch dir, für sie zu sorgen und ihr Schutz zu gewähren. Ein Aufeinandertreffen muss auf jeden Fall verhindert werden. Auf jeden Fall!«


„Wie meinst Du das?“
»Ich verstehe«, erwiderte sie.


„So weit ich weiß, hat ihre Familie nur zwei Ackergäule, aber ein Reitpferd?“
»Bist du dir sicher?«, die Frage lag schwer im Raum, »Eure Kinder sind vom selben Ast des Baumes, obgleich von unterschiedlichen Zweigen. Und dein Sohn liegt noch näher am Stamm als ihre


„Ich glaube...“, [[Garetien:Yolande von Pranteln|Yolande von Raukenfels]] trat zu ihnen, „... dass ich diesen Umstand aufklären kann.“
»Ich habe mich und meinen Sohn im Dienste des Herrn Boron gestellt. Ist es nicht Beweis genug, dass ich mein altes selbst abgelegt habe?«


„Du?“, entfuhr es [[Garetien:Nurinai ni Rian|Nurinai]], die mit Yolande zu ihnen getreten war, sichtlich verwundert, „Was hast Du denn damit zu tun?“
»Ein Kuckuck bleibt ein Kuckuck, ganz gleich, ob der Rabe ihn in seinem Nest für einen Raben hält.«


„Also“, druckste die Vögtin herum, „Nun... ''Narzisschen''... Ich...“
»Ich habe meinen Namen abgelegt!«, beteuerte die Angesprochene, »Meine Familie zurückgelassen!«


Drego und Ailsa tauschten vielsagende Blicke aus.
»Auch ein neues Federkleid macht aus einem Kuckuck noch keinen Raben, rote Rabe.«


„Du hast ihr doch nicht etwa das Pferd... GEKAUFT?“, kam Nurinai ihr recht schnell auf die Spur, wollte es aber noch nicht so recht glauben.
Etilinae seufzte schwer, senkte ihr Haupt und ließ die Schultern hängen: »Was soll ich tun? Was erwartet Ihr von mir?«


„Geschenkt, ''Narzisschen'', ich hab es ihr geschenkt“, gestand nun die Raukenfelserin indirekt ein.
»Dein Sohn darf den Tempel nicht verlassen. Niemals. Sein Leben hängt davon ab.«


„Du hast... hast ihr das Pferd GESCHENKT?“, entfuhr es ihr sichtlich verwirrt, „Warum?
Die Mutter schluckte schwer, nickte und raunte: »Ich weiß. Ich habe dem zugestimmt. Besser ein Leben in einem Tempel als kein Leben, nicht wahr?«


Das brachte die Vögtin sichtlich in Erklärungsnot: „Weil... weil... weil... Das zu erklären würde nun wirklich zu weit führen, ''Narzisschen''.“
Die weiße Rabe nickte. »Und dann ist da noch die Sache mit deinem Bruder«, seufzte die Hochgeweihte und tippte sich nachdenklich gegen das Kinn, »Es scheint, als hätten die derischen Belange uns eingeholt, rote Rabe. Wie sollen wir uns heraushalten, wenn wir mittendrin stecken? Es könnte bald zu gefährlich für euch hier werden. Die Wahrheit ist wie der Kuckuck im Nest. Sobald man ihn als solchen erkannt hat, stellt sich die Frage: Zieht man ihn weiter groß oder wirft ihn hinaus?«


„Zu weit?“, zischte die Geweihte da, „Zu weit? Was heißt hier denn zu weit?“
Die Rothaarige biss sich auf die Lippen.


„Ach“, trat nun auch [[Garetien:Scanlail ni Rian|Scanlail]] zu ihnen in die kleine Nische am Fenster, „Hier versteckt ihr euch also. Wird das ein Familientreffen? Ihr hättet mir wohl auch Bescheid geben können...“ Sie blickte zu ihren beiden Schwestern. „Streitet ihr etwa wieder? Wer hat angefangen? Soll ich raten?“
»Gut, rote Rabe«, kommentiert die Hochgeweihte nachdenklich, »Ich muss darüber nachdenken. Ich muss... Ach, noch eines. «


„Yolande hat Nella das Pferd gekauft“, petzte Ailsa da ohne Umschweife.
Etilinae blickte auf.


„Der Gaul, dessen Blut im ganzen Burghof verteilt ist? Da draußen sieht es aus wie auf einem Schlachtfeld!“
»Dein rotes Haar geziemt sich für eine der Dienerinnen des Schweigsamen nicht. Es ist an der Zeit, dass du dich von ihm trennst. Selbes gilt für deinen Sohn.«


„Genau der“, bestätigte die Reichsritterin nickend.
=== Weiße Rabe ===
ZSF:


„Ach“, machte die Skladin da mit überspitzter Verwunderung und blickte die Raukenfelserin an, „Na sieh mal einer an. Und jetzt ist unsere Totengräberin wohl beleidigt?“
Bruder Bishdarian brachte Algerte am nächsten Tag in den Garten. Er war ein großer und kräftiger Mann mit kahlgeschorenem Haupt und einem viel zu freundlichen Lächeln, der sie mit spielerischer Leichtigkeit auf eine der im Schatten stehenden Bänke bugsierte und sich schweigend neben sie setzte. Es war ein lauer, warmer Morgen. Vögel sangen leise. Algerte lauschte ihnen aufmerksam.


„Ich bin keine Totengräberin!“, protestierte nun die Geweihte und stampfte energisch mit ihrem Fuß auf, „Wie oft denn noch?“
Noch nie hatte sie einen Boron-Tempel mit einem Garten gesehen. Zumindest nicht mit so einem. Die Bäume waren alt und ehrwürdig und spendeten mit ihren niedrigen, aber stark belaubten Kronen bestehend aus verkrüppelten und gewundenen Ästen reichlich Schatten. Darunter gab es Büsche und Sträucher. Blumen fanden sich nicht. Dafür jedoch Kräuter. Dazwischen schlängelte sich ein kleines, leise plätscherndes Bächlein umher, über das eine viel zu massive Brücke aus Bruchstein führte. Woher der Strom kam, war Algerte ebenso unklar, wie wohin er ging. Dazwischen erkannte sie immer wieder mehr oder weniger verwitterte und mit Moos bewachsene Darstellungen von Raben. Mal hingen sie von Bäumen herab. Andere standen auf hohen, schmalen Sockeln oder versteckten sich in den Gebüschen. Einer lugte gar aus dem kleinen Bächlein heraus, die Schwingen zum Flug erhoben. Doch eines hatten sie alle gemein: Sie waren allesamt weiß. Doch es gab noch mehr zu sehen. Es gab hier auch Tiere. Auch diese waren weiß. Alle. Ein weißes Mäuschen huschte durch das Gebüsch. Weiße Vögel sangen leise in den Bäumen. Ein weißes Eichhörnchen eilte flink über die Grasfläche und kletterte in einen der Bäume hinauf. Und irgendwann, als sie sich satt gesehen hatte, blickte sie den Geweihten fragend an.


„Gut“, winkte die Skaldin ab, „Sie ist beleidigt.
»Der Garten war schon immer hier«, erwiderte er ruhig als habe er ihren Blick auf ihm gespürt, »Schon vor dem Tempel.«


„Ich bin...“, zischte Nurinai weiter, „... keine Totengräberin!“
Mit diesen Worten erhob er sich, schritt beinahe geräuschlos unter dem Baum heraus, nahm einen Handschuh von seinem Gürtel, zog ihn über seine linke Hand, streckte diese aus und sagte: »Sowie die Tiere auch. Vor allem jedoch seines.«


„Ach“, seufzte nun Scanlail, „Die alte Leier schon wieder!“
Da flog ein riesiger, schneeweißer Vogel auf ihn zu, landete auf seinem Handschuh und schaute Algerte interessiert aus seinen hellblauen Augen an. Es war ein Rabe. Und er krächzte: »Krâwa. Krâwa. Bin da. Bin da.«


„Ich bin keine...“
Und während Algerte noch ein kalter Schauer den Rücken hinunterjagte, erhob sich der Rabe wieder und flog davon.


„Ja, ja“, wiegelte ihre Schwester wieder ab, „Ich kann es einfach nicht mehr hören! Und da heißt es immer ich sei eine Mimose.
=== Träume ===
ZSF: Immer wieder plagen Algerte Träume.


„Bist Du ja auch“, mischte sich nun Ailsa ein, „Noch schlimmer als die ''blühende Narzisse''.
»Dieser Tempel wird so lange dem Schweigsamen gehören, wie seine Geschöpfe hier Zuflucht suchen«, erklärte Bishdarian ihr, nachdem er sich wieder neben sie gesetzt hatte.


„Das ist ja wohl einen unverschämte Frechheit! Mich mit einer Totengräberin zu verlgeichen. Und Du willst meine Schwester sein?
»Aber ... seid nicht auch ihr seine Geschöpfe?«, wandte Algerte da ein.


„Von wollen war nie die Rede..., gab die Reichsritterin zurück.
Da schaute er sie an, seine Hände ruhten noch immer gefaltete in seinen Schoß, nickte anerkennend und meinte: »Eine äußerst kluge Feststellung. Und ja, du hast recht, auch wir sind seine Geschöpfe. Wir alle. Wir, die hier dienen und auch jene, die hier Zuflucht suchen.«


„Das... das... das... das muss ich mir wirklich nicht bieten lassen. Mir reicht's. Macht euern Scheiß doch allein. Ich... ich... ich lasse mir das nicht mehr länger gefallen“, damit drehte sie sich um und ging davon, „Ach ja, falls es irgendjemand hier noch interessiert: Der kleine Leomar hat eine Amme gefunden. Eine ganz passable Frau. Allerdings hätte Blasius sie beim ersten Aufeinandertreffen fast aufgefressen...“ Ihre Stimme war schon fast verklungen. „Im Übrigen ist der Amme etwas an dem Kind aufgefallen. Etwas markantes. Leomar hat rotes Haar. Feuerrotes Haar.
»So wie ich«, raunte Algerte.


== Ein Brief ==
»So wie du«, bestätigte er nickend.
[[Garetien:Ritterherrschaft Praiosborn|Ritterherrschaft Praiosborn]], [[Garetien:Burg Praiosborn|Praiosborn]], gegeben im Peraine 1043 BF
<!--Lonan bittet Nurinai sich beider Kinder anzunehmen.-->


{{Brief
»Und wovor schützt der Tempel jene, die Zuflucht suchen? Solche, wie ich eine bin?«
|Adressat= An Ihro Gnaden [[Garetien:Nurinai ni Rian|Nurinai ni Rían]],
|Text= [[Garetien:Leomar Rosna|Leomar]] ist mein Sohn. Sein rotes Haar lässt daran keinerlei Zweifel. Ich hoffe sehr, dass Ihr mir eines Tages verzeihen könnt, dass ich ein Verhältnis mit seiner Mutter begonnen habe. Ihr habt mich davor gewarnt, vor den Konsequenzen gewarnt, ich habe nicht auf Euch gehört. Dass sie es darauf anlegte, ein Kind zu empfangen, daran habe ich nicht gedacht. Meine Vaterschaft hat sie darüber hinaus stets bestritten.


All das jedoch ist bedeutungslos: [[Garetien:Mirya Rosna|Mirya]] ist tot. [[Garetien:Lares Rosna|Lares]] ist ebenfalls tot. [[Garetien:Nella Rosna|Nella]] ist Voll- und Leomar Halbwaise. Beide Kinder brauchen ein richtiges Zuhause und ich fürchte, dass ich das weder Leomar geschweige denn beiden je bieten können werde. Eine Trennung der beiden Geschwister kommt jedoch kaum in Frage, Nella liebt ihren kleinen Bruder viel zu sehr. Sorgen mache ich mir gerade um das Seelenheil der Kinder. Bitte sprecht den Geburtssegen für meinen Sohn, falls dies noch nicht geschehen sein sollte. Reichen wird das wahrscheinlich nicht. Vermutlich haben die dunklen Mächte aus der Brache bei seiner Entstehung und Geburt auch ihren Anteil gehabt.
»Vor jeglichem derischem Gräuel und Übel«, kam die Antwort prompt, »Hier sind wir nur unserem Herrn verpflichtet und keinem, mag er auch noch so adelig sein oder aber noch so einen guten Namen haben, sind wir Rechenschaft schuldig. Keinem.«


Ich möchte nun Euch, Ihro Gnaden, innigst darum bitten, Euch beider Kinder anzunehmen. Nicht nur, dass ich ihre zerbrechlichen Kinderseelen bei Euch in den besten Händen weiß, Eure Verbindung zu Nella ist überaus stark. Das Mädchen vertraut Euch, fühlt sich bei Euch sicher und geborgen. Selbes wünsche ich mir auch für meinen Sohn.
»Weist du, wer ich bin?«, wolle sie da wissen, »Was mit mit mir geschehen ist?«


Bitte sorgt für die beiden Kinder, als wären es Eure eigenen.
Er wandte seinen Blick ab. Langsam und andächtig nickte er. »Ich kenne dich. Ich kenne deinen Namen. Ich kenne deine ... Geschichte. Jeder in ganz Schwarztannen kennt dich, Algerte. Jeder kennt deinen Namen. Jeder kennt deine Geschichte.«


|Absender= Für ein freies Albernia!
»Habe ich kein Recht zu erfahren ... ?«


[[Garetien:Lonan Walsh|Lonán Walsh]]
»Unser Herr hat dir Vergessen geschenkt«, wandte er sich nun mit ungewohnt scharfem Ton an sie, »Willst du sein Geschenk etwa in den Staub treten? Glaubst du denn, du stündest über den Göttern? Über ihren Entscheidungen sogar?«
}}


== Mutter ==
Mit großen Augen starrte sie ihn an.
[[Garetien:Burg Scharfenstein|Burg Scharfenstein]], Peraine 1043
<!--Nella hat an Nurinai eine weitreichende Bitte.-->


„Ihro Gnaden“, hob [[Garetien:Meara ni Rian|Meara ni Rían]] da an und fügte eilig hinzu, weil sie die Geweihte bereits im Nachthemd vorfand: „Verzeiht die späte Störung.“ Die Zofe schob das Mädchen weiter in den Raum hinein. „[[Garetien:Nella Rosna|Nella]] möchte Euch etwas fragen.
»Er hat dir einen Neuanfang geschenkt. Ein neues, ein anderes Leben«, führte er weiter aus, »All das was dir widerfahren ist, ist nun fort. An nichts kannst du dich mehr erinnern. Für dich ist es so, als wäre es nie geschehen. Und glaube mir, unser Herr hat an dir eine gute Tat getan. Eine sehr gute.«


Das Kind blickte die Geweihte mit ihren großen, kastanienbraunen Augen an. Nurinai erwiderte ihren Blick.
Ein schmerzhafter, kalter Schauder jagte ihren Rücken hinab, als würde sich ihr Körper an etwas erinnern, an das ihr Kopf sich nicht erinnerte. »Wenn er nicht will, dass ich mich erinnere, warum schickt er mir dann Träume?«, wollte sie von ihm wissen. Ihre Stimme nicht mehr als ein Windhauch.


Weil das Mädchen aber keinen Ton von sich gab, schob die Zofe sie noch etwas weiter in den Raum hinein.
»Berichte mir von deinen Träumen!«, forderte er sie auf.


„Ich... ich...“, begann das Mädchen da plötzlich zu stammeln, „Kann ich... ich bei Euch... schlafen?“ Sie schluckte. „Vielleicht?“ Flehend blickte Nella die Geweihte an. „Wenn‘s geht. Also wenn nicht, dann...
»Ich bin von gesichtslosen, gleißenden Gestalten umringt. Sie schreien mich an, doch ich kann sie nicht verstehen. Ich frage nach, bitte um Aufklärung, doch sie schreien nur noch lauter. Ihre Stimmen sind so laut, dass ich vor Schmerzen weine. In meinen Armen liegt ein Neugeborenes mit feuerrotem Haar. Ich drücke es...«


„Natürlich“, versicherte [[Garetien:Nurinai ni Rian|Nurinai]] da nickend, „Natürlich geht das.“
»Wie das von Schwester Etilinae und ihrem Sohn?«


{{Trenner Garetien}}
»Ihr Sohn?«


„Ihro Gnaden?“, hob Nella da nach einiger Zeit leise an. Nurinai hielt sie im Arm, sie spürte ihren warmen Atem in ihrem Nacken.
»Ja, der Knabe, der sich um die Tiere hier im Garten kümmert und der auch das ein oder andere Mal an deinem Bett saß. Sein Name ist Bayrin, in Anlehnung an jenen Namen, bei dem die Tulamiden unseren Herrn anrufen. Er teilt mit einer Mutter sein feuerrotes Haar.«


„Hm?“, macht die Geweihte da.
»Jetzt wo du es sagst«, fiel es ihr auf, »Es ist genauso feuerrot. Genauso.«


„Wo ist denn... die [[Garetien:Yolande von Pranteln|Frau von Raukenfels]]?
»Hm«, macht er sichtlich nachdenklich und legte die Hand an sein Kinn, »Geht der Traum weiter?«


Nurinai sog scharf die Luft ein: „Wie... wie meinst du das?“
»Ja. Sie reißen mir das Kind aus den Armen. Nehmen es mir weg. Obwohl ich sie nicht verstehen kann, weiß ich doch, dass ich es nie wieder sehen werde.« Sie schluckte schwer, fühlte nahende Tränen in ihren Augen und wusste doch nicht warum. »An dieser Stelle schrecke ich immer aus dem Schlaf und weine. Ich weine, bis ich keine Tränen mehr habe.«


„Ihr habt euch doch lieb. Warum schlaft ihr dann nicht in einem Bett?“
»Schwester Etilinae berichtete davon.«


„Weil... weil...“, die Geweihte wusste nicht so recht, was sie sagen sollte, „Weil... Sie hat zu tun.“
»Was .... was bedeutet dieser Traum?«


„Zu tun?“
»Du vermischst Altes mit Neuem. Bekanntem mit Unbekanntem. Schönem mit Grässlichem«, meinte er da, »Versuche anzunehmen, dass du vergessen hast und höre auf nach etwas zu suchen, was du nicht finden wirst.« Nun erhob er sich, blickte sie jedoch nicht an, sondern schaute scheinbar in die Ferne. »Obgleich jeder deinen Namen und auch deine Geschichte kennt, kennen nur die wenigsten dein Gesicht. Gehe hinaus in die Welt, wenn es dich hinauszieht. Doch meide Schwarztannen, die Adeligen und jene Kirchen, die ihnen nahestehen. Wisse, Algerte, dass du dir mächtige Feinde gemacht hast. Sie werden nicht aufhören dir nach dem Leben zu trachten.«


„Sie ist doch Vögtin, Nella.
Algerte stand der Mund offen. Jemand trachtete ihr nach dem Leben? Ihr?


„Hm“, machte diese da nur, „Und da hat sie auch nachts zu tun?“
Bishdarian wandte sich um, zog die Stirn in Falten und erklärte kopfschüttelnd: »So habe ich auch geschaut, als ich Schwester Etilinae mit ihrem geschorenen Haupt zum ersten Mal gesehen habe. Beinahe hätte ich sie gar nicht erkannt.«


„Was weiß denn ich?“, erwiderte Nurinai etwas ungehalten, „Von den Aufgaben eines Vogtes weiß ich wenig.
Und Algerte begriff.


„Aber...“, das Kind zögerte, „Aber... Ihr seid nicht böse auf sie?“
=== Geheimnis ===
ZFS:


„Warum sollte ich?“
Im Praios war Algerte wieder so weit genesen, dass sie aufstehen und umhergehen konnte. Unter den wachsamen Augen von Geweihten und Novizen, Mägden und Knechten erkundete sie den Tempel. Bald jedoch war er ihr zu klein. Vor allem jedoch zu ruhig. Selbst die Schritte der Geweihten waren kaum zu vernehmen. Sehnsuchtsvoll dachte sie an ihr Noviziat im Phex-Tempel zurück. Dort war es niemals so leise gewesen. Es hatte ein stetes Kommen und Gehen gegeben, ständiges Gemurmel und immerzu hatte ihr Lehrmeister eine Aufgabe für sie gehabt. Manchmal hatte sie nur gelauscht, andere Male hatte sie Informationen und später Dinge ausgetauscht oder beschafft. Lächelnd dachte sie zurück.


„Na, wegen der Alten Dame.
So zog es sie in den Garten. Seltsam. Noch nie hatte sie einen Boron-Tempel mit einem Garten gesehen. Zumindest nicht mit so einem. Die Bäume waren alt und ehrwürdig und spendeten mit ihren niedrigen, aber stark belaubten Kronen bestehend aus verkrüppelten und gewundenen Ästen reichlich Schatten. Darunter gab es Büsche und Sträucher. Blumen fanden sich nicht. Dafür jedoch Kräuter. Manche rochen gar nicht, andere rochen sehr stark und intensiv. Dazwischen schlängelte sich ein kleineres, leise plätscherndes Bächlein umher, über das eine viel zu massive Brücke aus Bruchstein führte. Woher der Strom kam, war ebenso unklar, wie wohin er ging. Dazwischen fanden sich immer mehr oder weniger verwitterte und mit Moos bewachsene Darstellungen von Raben. Mal hingen sie von Bäumen herab. Andere standen auf hohen, schmalen Sockeln oder versteckten sich in den Gebüschen. Einer lugte gar aus dem kleinen Bächlein heraus, die Schwingen zum Flug erhoben. Doch eines hatten sie alle gemein: Sie waren allesamt weiß. Nun, sie befand sich auch im Tempel des weißen Raben. Und alle Tier, von ihm so einige hier gab, waren ebenso weiß. Weiße Mäuschen, die durch das Gebüsch huschten. Weißen Vögel, die leise in den Bäumen sangen. Ein weißes Eichhörnchen, das seinen Kobel in einer der Kronen hatte und blitzschnell über die Grasflächen huschte. Natürlich war auch immer wieder ein weißer Rabe zu sehen. Das Tier schien gut mit der Tempelvorsteherin bekannt zu sein. Algerte sah sie oftmals in stiller Zwiesprache vereint. Ein Anblick, der ihr am ganzen Körper eine Gänsehaut verschaffte.


Nurinai schwieg sich dazu aus.
Es gab noch etwas, das ihr ins Auge fiel. Viel eher jemand. Ein Knabe mit feuerrotem Haar. Nein, eher feuerroten Stoppeln. Er trug die Tracht eines Novizen, musste also im passenden Alter sein und kümmerte sich um die Tiere im Garten. Manchmal spielte er auch mit ihnen, als gäbe es keine anderen Kinder hier. Dabei gab es andere. Eines Tages setzte er sich neben sie auf die Bank unter einen der Bäume und schwieg. Er saß eine ganze Zeit so da und schwieg. Doch irgendwann wurde er unruhig.


„Dann seid Ihr ihr also doch böse“, stellte Nella da fest, „Das solltet Ihr nicht. Sie wollte Euch nur helfen!“
»Bleibst du noch lange hier sitzen, Algerte?«, wollte der Knabe wissen und vermied es, sie anzusehen.


„In dem sie dir ein Pferd schenkt und mir nichts davon sagt?
Die Adelige lächelte sanft: »Warum fragst du?«


„Indem sie Euch bei meiner Ausbildung hilft. Ihr könnt auch nicht alles alleine machen.
»Du weißt doch, ich kümmere mich um die Tiere hier im Garten«, nun nickt er so, als würde das einfach alles erklären und blickte sie aus seinen tiefblauen Augen an. Algerte schüttelte sich. An irgendjemand erinnerte sie der Knabe, doch sie konnte sich nicht erinnern, an wen.


„Mit einem Pferd?
»Wie heißt du?«


„Ja, denn mit der Alten Dame bin ich nach [[Garetien:Schloss Dryadenstein|Schloss Dryadenstein]] zu der Frau von Pranteln geritten.
»[[Garetien:Bayrin Tempeltreu|Bayrin]].« Und weil Algerte so seltsam guckte, fügte der Knabe seufzend hinzu: »In Anlehung an Barun, wie mein Herr auch in den Tulamidenlanden genannt wird.«


„Zu...“, Nurinai stockte, „... [[Garetien:Helidora von Pranteln|Helidora von Pranteln]], der Edlen auf den Vulperauen?
»Ah?«, machte sie da nur, »Aber deine Mutter ist doch Etilinae, nicht wahr?«


„Ja“, stimmte das Mädchen ihr zu, „Genau zu der. Zuerst musste ich das Knicksen üben und auch, wie ich mich angemessen vorstelle. Höfisches Benehmen ist der Frau von Pranteln nämlich seeehr wichtig.“ Sie nickte energisch, was Nurinai natürlich nicht sehen konnte. „Sie hat auch Titulaturen mit mir geübt, genauso wie Heraldik, aber ich kann mir noch nicht alles merken, das ist ja auch ganz schön viel. Ich habe dort auch das Reiten gelernt und wie man ein Pferd richtig versorgt...
Nun lachte der Knabe, fuhr sich durch seine roten Stoppeln und frotzelte: »Scharfsinnige Algerte.«


Die Geweihte schwieg.
Da musste auch Algerte lachen. »Keine Sorge, ich werde dich nicht stören«, beteuerte sie, »Oder habe ich das jemals zuvor?«


„Die Frau von Raukenfels wollte Euch nur helfen. Es sollte eine Überraschung werden“, das Mädchen seufzte, „Die habe ich ihr jetzt verdorben...
»Nein, aber...«, hob er an und verstummte sofort wieder. Algerte sah, dass er etwas zu verbergen hatte. Angestrengt dachte der Knabe nach und biss sich dabei auf die Unterlippe. Seine Unruhe nahm zu. Algerte beobachtete aufmerksam. So, wie sie es gelernt hatte. Dann seufzte er plötzlich schwer.


„Ich mag Überraschungen nicht!“, erklärte sie entschieden, „Ich kann sie nicht leiden.
»Algerte«, flötete der Knabe nun, »Du weißt doch sicher, warum der Schweigsame so heißt, nicht wahr? Und was das für seine Diener bedeutet, oder?« Er blickte sie aus seinen tiefblauen Augen an. Ganz klar waren sie. Beinahe so klar, wie der Himmel über ihr. »Und auch für seine Gäste?«


„Ich auch nicht“, stimmte Nella ihr zu, „Ich mag sie auch nicht.
»Ich kann ein Geheimnis bewahren«, erwiderte sie ihm, »wenn du auch eines bewahren kannst.« Damit hielt sie ihm ihre Hand hin.


Eine Zeit lang war es dann still zwischen den beiden, Schlaf fanden sie aber noch nicht.
Mit großen Augen musterte er zuerst ihre dargebotene Hand an und schaute ihr dann in die Augen. »Gut«, erklärte er und schlug ein. »Gut«, stimmte sie zu.


„Ihro Gnaden Nurinai?“, hob da Nella erneut an. Ihre Stimme sehr ernst.
Der Knabe zog seine Hand zurück, steckte sie seine Novizenrobe, holte etwas heraus, ließ sich auf die Knie sinken und säuselte: »Schneepfötchen. Schneepfötchen.«


„Hm?“, fragte die Geweihte in die Nacht herein.
Und dann schälte sich etwas aus einem in der Nähe befindlichen Gebüsch heraus. Weiß war es. Hatte eine schlanke, spitze Schnauze, aufrechte, dreieckige Ohren und eisblaue Augen.  


„Könnt Ihr nicht unsere Mutter sein[[Garetien:Leomar Rosna|?]]“
Algerte stockte der Atem.


== Familie ==
=== Schneepfötchen ===
[[Garetien:Burg Scharfenstein|Burg Scharfenstein]], Peraine 1043
ZFS:
<!--Nurinai adoptiert Nella und ihren kleinen Bruder Leomar.-->


[[Garetien:Nella Rosna|Nella]] guckte [[Garetien:Nurinai ni Rian|Nurinai]] an. Nurinai guckte Nella an.
Auf leisen Pfoten tapste der weiße Fuchs eilig auf den Knaben zu und fraß aus seiner geöffneten Hand. Er war dabei so ruhig und zutraulich. Algerte stand der Mund offen. Eine Gänsehaut lief ihren Rücken hinab. Sie schüttelte sich.


„Und das... das...“, stammelte das Mädchen, „Was... was heißt das denn?“
Nachdem der Fuchs sein Mahl beendet hatte, setzte er sich vor den Knaben und wirkte dabei wie ein zutraulicher Hund. Die Adelige ließ sich neben den Rothaarigen auf den Boden sinken.


„Das du adelig wirst“, erklärte die Geweihte da sanftmütig, „Du und dein [[Garetien:Leomar Rosna|Bruder]].
»Schneepfötchen«, raunte sie atemlos und glaubte, dieses Namen nicht zum ersten Mal gehört zu haben. »Und Schneepfötchen ist dein ... Geheimnis?«


„Hm“, machte Nella da und Falten bildeten sich auf ihrer Stirn, „Ich weiß doch gar nicht, wie das geht.“ Hilfesuchend blickte sie die [[Garetien:Yolande von Pranteln|Raukenfelserin]] an. „Das mit dem adelig sein.“
»Ja«, hauchte der Knabe ganz leise, »Sie ist mein Geheimnis.« Nun schluckte er schwer. »Sie könnte den weißen Raben fangen. Und das... das darf nicht passieren!« Mit vor Schreck geweiteten Augen schaute er sie an. »Niemals! Verstehst du?«


„Ach, das ist leicht“, winkte da Yolande ab, „Ganz leicht.
Sie nickte stumm.


„Du gehörst dann nicht nur zu uns, sondern du bist ein Mitglied unserer Familie“, führte Nurinai aus, „Eine [[Garetien:Familie Rian|Rían]]. Eine echte Rían. Und hast fortan eine große Familie im Rücken auf die du dich immer verlassen kannst.
»Hochwürden darf es nicht wissen«, fuhr er fort, »Sie würde ihn hier nicht dulden. Keinen einzigen Tag. Deswegen muss es geheim bleiben. Unser Geheimnis.«


„Hm“, machte Nella da erneut, „Und was wird... wird aus...“ Sie schluckte. „... [[Garetien:Mirya Rosna|Mutter]]?
»Unser Geheimnis«, bestätigte sie nickend, »Wie lange ist sie schon hier?«


„Mirya wird immer eure Mutter bleiben“, versicherte Nurinai, „Sie hat euch empfangen, ausgetragen und geboren, für euch gesorgt und euch geliebt. Daran wird sich nichts ändern.
»Noch nicht lange«, meinte der Knabe, »Und ich füttere sie immer. Damit sie nicht hungrig ist. Damit sie keinen Grund hat den weißen Raben zu fangen. Verstehst du?«


Sie hielt einen Moment inne. „Sie wird eure Mutter bleiben. Für immer. Und nichts und niemand wird daran je etwas ändern.
»Klug von dir«, kommentierte sie, »Weiß du, ich glaube nicht, dass sie den weißen Raben fangen wird. Füchse sind überaus klug. Ein ausgewachsener Rabe ist eine schwer zu fangende Beute, da ist es wesentlich einfacher, dir aus der Hand zu fressen.« Sie hielt einen Moment inne. »Obwohl Schneepfötchen ihn sicher fangen könnte, wenn sie wollte.«


„Leomar...“, sie seufzte schwer, „Leomar wird sich aber nicht an sie erinnern...
Er blicke sie an, seine Augen noch größer als zuvor und nickte bestätigend: »Schneepfötchen könnte, doch ich weiß, dass sie den weißen Raben nicht fangen wird.«


„Aber du kannst dich an sie erinnern“, gab Yolande zu bedenken, „Und das weit besser als es jemand von uns könnte. Du wirst ihm von ihr erzählen. Ihm erklären, wer sie war und wie sie war.
Ein kalter Schauer jagte ihr den Rücken hinab: »Du weist ...


Nella nickte nachdenklich, äußerst nachdenklich: „Wenn ich sie nicht vergesse...“
Der Knabe nickte: »Schneepfötchen ist auf der Suche nach ihrer Freundin.«


„Seine Mutter vergisst man nicht“, versuchte die Geweihte zu beruhigen, „Ich war so alt wie du, als ich mein Noviziat antrat und mein Zuhause verließ und damit auch meine Eltern.
»Ihrer Freundin?«, echote sie ungläubig.


„Ich hab aber Angst, sie zu vergessen“, hilfesuchend blickte sie Nurinai an, „Große Angst. Sehr große.
»Ja«, erneut nickte er, »Ihre Freundin Mondäuglein.«


„Das verstehe ich gut“, sie strich dem Mädchen durchs Haar, „Sehr gut sogar. Aber die Angst ist ein schlechter Lehrmeister, Nella. Sie lähmt uns, unser Denken, unser Leben und macht uns vollkommen handlungsunfähig.
»Und woher weißt du von ... Mondäuglein?«


„''Narzisschen'' hat recht“, pflichtet Yolande ihr da bei, „Du bist so mutig und tapfer und so stark! Nella, wenn du sie nicht vergessen willst, dann wirst du sie auch nicht vergessen. Ich bin mir da sicher und Nurinai...“ Sie blickte zu ihr hinüber. „... auch.
Der Knabe zuckte mit den Schultern: »Ich habe davon geträumt. Über mir funkelnde Sterne, aber unter dem Sternenhimmel war es nicht. Zwar kommt man hinein, aber nicht durch eine Tür. Dieser Ort ist gut bewacht, aber Wachen gibt es nicht. Dort wurde ich erwartet. Mondäuglein stand im Schatten. Ich rief sie beim Namen. Schneepfötchen war bei mir.«


„Ich kann mir nicht so recht vorstellen, eine andere Mutter zu haben“, gestand Nella da beschämt ein, „Ich will auch keine andere Mutter...“
Einen Moment war es still zwischen den beiden.


„Das brauchst du auch nicht“, versprach Nurinai, „Zwischen uns kann alles so bleiben wie es ist. Ich kann weiterhin Ihro Gnaden Nurinai für dich sein.“
»Bayrin«, hauchte sie dann atemlos, »Ich bin Mondäuglein.«


„Hm“, machte Nella da, „Aber es wird doch nicht alles so bleiben, wie es ist?“
Der Knabe schaute sie an. Ein Grinsen legte sich über seine Lippen. »Ich weiß.«


„Du wirst von jenem Zeitpunkt an Nella ni Rían sein und dein Bruder Leomar ui Rían. Formal betrachtet seid ihr dann meine Kinder. Damit seid ihr beide adelig und habt die ganzen damit verbundenen Rechte und Pflichten“, erklärte Nurinai, „So kann deinem Bruder eine ritterliche Ausbildung zuteil werden. Jedoch...“ Sie hielt einen Moment inne. „… wird sich die Praios-Kirche das einiges kosten lassen...“
== Blauer Affe ==


„Davon kannst du ausgehen“, lachte die Raukenfelserin da, „Deren Tempel in Schwarztannen ist ziemlich heruntergekommen...
=== (...) ===
ZFS:


„Herunter... gekommen?“, spottete Nurinai amüsiert, „Es regnet doch nicht etwa zur goldenen Kuppel rein?“
<!--
[[Garetien:Esmeria_Darando_della_Tenna|Esmeria Darando della Tenna]]
-->
<!--
= Fische im Netz =
== Bedenkzeit ==
[[Garetien:Burg Scharfenstein|Burg Scharfenstein]]


Yolande winkte ab: „Sie mussten sogar goldenen Eimer aufstellen...
[[Garetien:Leudane von Leuenberg|Sie]] bat sich Bedenkzeit aus. [[Garetien:Drego von Altjachtern|Baron Drego]] verstand. Er schien wirklich ein netter Mensch zu sein und darüber hinaus über ein gutes Herz zu verfügen und dennoch, dennoch nahm sie es ihm übel, dass er sie nicht einfach so gehen lassen wollte. Dabei verstand sie ihn. Wenn sie all die Sehnsucht nach meiner Heimat beiseite schob, dann verstand sie ihn. Er konnte sie nicht einfach gehen lassen. Nicht einfach so. Und sie konnte ihm nicht einfach Gefolgschaft schwören. Nicht einfach so.
-->
<!--
= [[Albtraumgestalt — Briefspielreihe‎|Albtraumgestalt]] =
== Einhornfrau ==
'''[[Garetien:Ritterherrschaft Praiosborn|See Praiosborn]], Praios 1045'''


= Krähe und Leuin =
== Aufbruch ==
(...)
(...)
= [[Der Raller treu — Briefspielreihe|Der Raller treu]] =
== Verschwunden ==
'''[[Garetien:Markt Rallingen|Markt Rallingen]], im Travia 1044 BF'''
= [[Zeit zu sterben — Briefspielreihe|Zeit zu sterben]] =
== [[Geschichten:Zeit zu sterben – Prolog|Prolog]] ==
'''[[Greifenfurt:Junkertum Haselbusch|Junkertum Haselbusch]], Efferd 1044 BF'''
Es war ein winziger Augenblick, ein Moment nicht länger als ein Atemzug, ein Wimpernschlag oder gar ein Herzschlag nur der Unachtsamkeit, des Zögerns, des Nachdenkens, des Verweilens, des Müßigganges oder auch nur der Neugierde der das Leben vom Tod trennte. Und so wie es so manchem Menschen auf Dere erging, erging es auch dem Hasen, der unerwartet meinen Weg kreuzte oder kreuzte ich den seinen? Er zögerte zu lange. Schaute mich zu lange an. Dachte zu lange nach. Verweilte zu lange. Da packte ihn der vom Himmel herabstürzende Habicht mit seinen kräftigen, gelben Krallen und hielt ihn fest. Das Tier kämpfte und schrie verzweifelt um sein Leben, doch der Habicht hielt es fest. Es sprang und tobte, doch unerbittlich hielt der Habicht es fest.
Und einen winzigen Augenblick später tauchte ein Hund auf. Ein brauner, alter, etwas zotteliger Hund. Auch er verharrte. Zögerte. Schaute [[Greifenfurt:Marbodane von Haselbusch|mich]] an. Interessiert. Neugierig. Er dachte nach. Er dachte angestrengt nach. Schnupperte. Ob er mich kannte? Und einen winzigen Augenblick später tauchte eine [[Greifenfurt:Tessia von Haselbusch|Frau]] auf, eilte an die Seite des Habichts, kniete sich nieder, packte den Hasen und machte ihm den Garaus, wobei sie die Bauchdecke des Tieres mit seinem Eberfänger öffnete um dem Habicht seinen Anteil zu geben. Gierig fiel der Vogel über die Eingeweide der Beute her.
So war er, mein [[Boron-Kirche|Herr]], Gebieter über Schlaf und Tod. Unablässig und unerbittlich schickte er seine Diener aus. Und nun hatte er mich hierher geschickt: Nach [[Greifenfurt:Burg Haselbusch|Hause]]...
== [[Geschichten:Zeit zu sterben – Wiedersehen|Wiedersehen]] ==
'''[[Greifenfurt:Junkertum Haselbusch|Junkertum Haselbusch]], Efferd 1044 BF'''
Blut tropfte von der schimmernden Klinge des Eberfängers. Die Frau richtete sich auf und erst da fiel ihr Blick auf mich. Einen Moment verharrte auch sie, zögerte, dachte nach. Ob sie sich wohl fragte, warum ihr Hund nicht gebellt hatte?
„Dela?“, Tessia von Haselbusch musterte mich, „Nein! Marbo... [[Greifenfurt:Marbodane von Haselbusch|Marbodane]]?“
Langsam nickte ich. Gemächlich trottete der Hund auf mich zu.
„Ich... ich hätte dich fast nicht erkannt“, erklärte sie etwas verwundert, „Du... du hast dich verändert und doch...“ Sie legte ihren Kopf etwas zur Seite und musterte ihre Gegenüber. „... bist du irgendwie dieselbe geblieben.“ Etwas verwundert zuckte sie mit den Schultern. „Lediglich älter bist du geworden. Ja...“ Ein verschmitztes Lächeln legte sich über ihre Wangen. „... älter.“
Ich erwiderte ihr Lächeln: „Älter bin ich geworden, [[Greifenfurt:Tessia von Haselbusch|Tessia]].“ Der Hund – besser gesagt eine Hündin – war nun ganz nahe bei mir. Interessiert roch sie an mir, leckte mir über den Handrücken, ehe sie sich vor mir ins Gras warf, mir ihren nackten Bauch entgegen reckte um von mir gestreichelt zu werden. „Aber Irmi...“, ich ging in die Knie und kraulte das Tier ausgiebig, „Irmi hat mich erkannt.“
„Ja...“, die Jägerin säuberte eilig ihren Eberfänger und steckte ihn zurück in die Scheide, „Es verwundert mich. Sie ist alt geworden, Marbodane. Ich meine, wie lange ist es her, dass du nicht mehr hier warst?“ Unwissend zuckte sie mit den Schultern. „Ich hatte nicht erwartet, dass sie dich nach all den Götterläufen noch erkennt. Sie erkennt ja geradeso noch [[Greifenfurt:Dankwart von Haselbusch|Dankwart]] und mich, aber dich?“ Fragend blickte sie ihre Gegenüber an.
„Tiere haben ein Gespür für den Tod“, wusste ich, „Das sagt man auch uns nach oder viel mehr unserem [[Boron-Kirche|Herrn]]...“
„Dann bist du gekommen, weil... ?“, die Frau schluckte schwer, „... jemand von uns sterben wird?“
Ich nickte.
== [[Geschichten:Zeit zu sterben – Erinnerung|Erinnerung]] ==
'''[[Greifenfurt:Junkertum Haselbusch|Junkertum Haselbusch]], Efferd 1044 BF'''
[[Greifenfurt:Tessia von Haselbusch|Tessia]] schluckte schwer und versuchte sich an einem Lächeln während sie mir kehlig erklärte: „Sterben müssen wir alle eines Tages, nicht wahr?“
„So ist es“, erwiderte ich und sah in ihren Augen die Angst, die Angst jemanden den sie von Herzen liebte zu verlieren. Ich kannte diese Angst nur zu gut, zwar nicht von mir selbst, aber von jenen Menschen, denen ich begegnete. Mein [[Boron-Kirche|Herr]] war bei den meisten gefürchtet, so nahm er ihnen doch das Liebste. Und obgleich er doch auch der Herr über den Schlaf und auch über die Träume war, so dachte kaum jemand an diese Aspekte wenn er meiner ansichtig wurde...
„Nun gut“, schloss die Junkersgemahlin sichtlich ernst, „Dann wollen wir mal auf die [[Greifenfurt:Burg Haselburg|Haselburg]] gehen. Ich würde gerne sagen, dass [[Greifenfurt:Dankwart von Haselbusch|Dankwart]] sich freuen wird, dich zu sehen, [[Greifenfurt:Marbodane von Haselbusch|Marbodane]], aber ich fürchte, dass das nicht der Wahrheit entspricht...“
Verständnisvoll nickte ich: „Ich weiß, Tessia, ich weiß. Er grollt mir noch immer...“
„Tief in seinem Herzen weiß er wohl, dass du keine Schuld trägst“, nun klang ihre Stimme bitter, „Aber...“ Regelrecht hilflos zuckte sie nun mit den Schultern. „Schon bevor wir dich und deine [[Greifenfurt:Daria von Haselbusch|Schwester]] nach dem Tod eures [[Greifenfurt:Dankraul von Haselbusch|Vaters]] auf der Haselburg aufgenommen haben, haben wir Kinder verloren. Das letzte kurz bevor du dein Noviziat begonnen hast...“ Damals hatte es meinem Oheim gereicht. Er hatte meine Anwesenheit einfach nicht mehr ertragen. So hatte er mich fortgeschickt. Ein Noviziat in der Boron-Kirche war ihm passend erschienen, schließlich hatte ich stets gewusst, wann jemand stirbt, eine seltsame Gabe, die nicht nur ihn verängstigt hatte. Zu jenem Zeitpunkt hatte man mir meinen heutigen Namen gegeben: Marbodane. „... danach hat uns [[Tsa-Kirche|Tsa]] diese zweifelhafte Gnade nicht mehr zuteil werden lassen.“
„Bist du traurig darüber?“
„Ich weißt nicht recht“, meinte sie da unsicher, „Irgendwie schon und irgendwie auch nicht. Ich... ich weiß es einfach nicht. Ich meine...“ Wieder zuckte sie mit den Schultern. „Dankwart und ich haben immerhin Lechdan und das ist mehr als manche andere haben. Ich will auch nicht undankbar sein, aber... aber manchmal frage ich mich schon, warum ausgerechnet uns das passieren musste...“ Etwas fragend blickte sie die Geweihte an.
„Darauf kann ich dir keine zufriedenstellende Antwort geben“, erwiderte ich leise seufzend, „Aber vielleicht ist euch das passiert, weil ihr das ertragen konntet, jemand anders wäre vermutlich daran zerbrochen...“
Tessia schwieg sich dazu aus, aber an ihrer Reaktion sah ich deutlich, dass sie meine Worte nicht richtig an sich heranlassen konnte und auch gar nicht wollte.
Wenige Augenblicke als die Haselburg – eher ein befestigtes Haus als eine Burg – vor uns auftauchte, wollte sie sehr ernst von mir wissen: „Ist es [[Greifenfurt:Lechdan von Haselbusch|Lechdan]]? Wird er sterben?“
Ich schüttelte den Kopf: „Es ist jemand hier. Hier auf der Haselburg.“
Seltsamerweise schien sie erleichtert. Vermutlich lag es einfach daran, dass die größte Sorge meines Oheims stets jene gewesen war, auch noch Lechdan zu verlieren. Er war eben ihr einziges Kind und der designierte Erbe. Aus diesem Grund hatte mein Oheim mich auch fortgeschickt, ganz so als könnte er damit verhindern, dass es weitere Tote gäbe...
== [[Geschichten:Zeit zu sterben – Mutter|Mutter]] ==
'''[[Greifenfurt:Junkertum Haselbusch|Junkertum Haselbusch]], Efferd 1044 BF'''
„Wie geht es...“, [[Greifenfurt:Tessia von Haselbusch|Tessia]] stockte einen Moment während sie ihren Habicht in die Voliere brachte, entschied sich dann aber ihre Frage zu Ende zu formulieren, „... deiner [[Greifenfurt:Korgunde von Korbronn|Mutter]]?“
Es dauerte entsetzlich lange, bis ich eingestand: „Ich habe sie schon sehr lange nicht mehr gesehen. Sehr lange.“
„Hm“, machte die Haselbuscherin da, „Ist sie denn nicht mehr... im... im [[Greifenfurt:Kloster Rabenhorst|Kloster]]?“
„Das Kloster ist groß“, erwiderte ich ihr da, „Vielleicht ist sie noch da, vielleicht aber auch nicht.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht.“ Dann hielt ich einen Moment inne. „Abgesehen davon war ich auch nicht sonderlich oft im Kloster, eigentlich war ich nur dann da, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Das war nicht oft. Die meiste Zeit war ich unterwegs. Manchmal glaube ich, dass das die Absicht meiner Lehrmeisterin war. Sie wollte mich nicht zu sehr mit der Vergangenheit konfrontieren...“
„Schade“, kommentierte die Junkerin seufzend, „Schade ist es trotzdem. Sie ist immerhin deine Mutter.“
„Ja“, entfuhr es mir kehlig, „Das schon, aber... sie könnte mir ohnehin nichts erzählen. Sie hat... hat vor geraumer Zeit eine Schweigegelübde abgelegt...“
„WAS?“, entfuhr es der Älteren vollkommen fassungslos als sie die Voliere wieder verließ, „Warum?“
Wieder zuckte ich mit den Schultern: „Auch das weiß ich nicht. Meine Lehrmeisterin hat es mir gesagt. Vor meiner Weihe. Zu dieser Zeit hatte ich nämlich überlegt sie aufzusuchen und nach... nach [[Greifenfurt:Dankraul von Haselbusch|meinem Vater]] zu fragen. Aber...“ Meine Stimme brach. Über meinen Vater wusste ich kaum etwas. Er war seit langem tot. Ich hatte ihn nie kennengelernt. Selbst meine ältere Schwester [[Greifenfurt:Daria von Haselbusch|Daria]] konnte sich kaum an ihn erinnern. „... dafür war es zu spät.“ Ich versuchte mich an einem Lächeln, denn ich spürte den mitleidigen Blick meiner Base auf mir Ruhen. „Als sie es mir sagte, hatte sie Tränen in den Augen. So wie du jetzt...“
„Ach, [[Greifenfurt:Marbodane von Haselbusch|Marbodane]]“, schniefte sie, „Ich hatte so gehofft, dass sie dir irgendwann alles erklären könnte, denn ich...“ Sie schluckte schwer. „... ich weiß nicht, ob es [[Greifenfurt:Dankwart von Haselbusch|Dankwart]] je tun wird und ich selbst weiß zu wenig. Und... und wenn er es nicht tut dann... dann...“ Tessia zuckte sichtlich hilflos mit den Schultern. „... dann wird es für ewig im Dunkeln liegen.“
„Und du?“, wollte ich zaghaft wissen, „Weißt du nichts?“
Tessia schaute zu Marbodane auf. Die [[Boron-Kirche|Boron]]-Geweihte war inzwischen etwas größer als ihre Base. „Ich weiß nur das, was man sich darüber erzählt. Was man sich hier darüber erzählt“, erwiderte sie mit rauer Stimme und zuckte sogleich entschuldigend mit den Schultern, „Ich weiß nichts darüber, was wirklich war, denn man erzählt sich viel, auch Dinge, die nicht wahr sind und da ich nicht weiß, was war...“ Sie hielt inne. „Was soll ich dir da erzählen?“
= Das dritte Kind =
== Albträume ==
'''[[Garetien:Burg Scharfenstein|Burg Scharfenstein]], Firun 1045 BF'''
''Im Zimmer war es nahezu finster, obgleich draußen die Praiosscheibe hoch am Himmel stand. Die Luft war stickig und muffig, es roch nach kaltem Schweiß und nach Blut. Einige Kerzen versuchten die düstere Stimmung mit ihrem diesigen Licht zu vertreiben und vermochte es doch einfach nicht. Es war still. Entsetzlich still. Totenstill. [[Garetien:Ailsa ni Rian|Ailsa]] lag ruhig auf dem Bett, nahezu reglos.''
''„Ist es... ist es... tot?“, wisperte er leise der [[Garetien:Lindegard Tempeltreu|Hofkaplanin]] neben ihm zu.''
''„Ja“, hauchte sie fast tonlos und nickte zaghaft, „[[Garetien:Ederlinde Etilia von Altjachtern|Es]] ist tot und... und Eure Gattin...“ Erleichtert seufzte [[Garetien:Drego von Altjachtern|Baron Drego]]. Erleichtert, weil er sich nun nicht mehr entscheiden musste, wie er mit einem Kind umgehen sollte, dass doch nicht seines war. Die Götter hatte ein einsehen gehabt und ihn von dieser Entscheidung freigesprochen. „Die Götter haben weise entschieden“, schloss er und nickte ernst.''
''Die Peraine-Geweihte blickte ihn fassungslos an und schüttelte ihren Kopf. Mit anklagender Stimme erklärte sie: „Hochgeboren, wie könnt Ihr von einer weisen Entscheidung der Götter sprechen? Es war Eure Entscheidung! Eure allein! Und dadurch das Ihr nichts entschieden habt und untätig wart haben die Götter nun ihre weise Entscheidung gefällt das Ungeborene nicht allein übers Nirgendmeer zu schicken.“''
''Ein kalter Schauer ergriff von ihm Besitz, seine Hände begannen zu zittern, ungläubig schüttelte er seinen Kopf, dann stürzte er an das Bett seiner Liebsten nur um...''
{{Trenner Garetien}}
... schweißgebadet und schreiend zu erwachen. Drego von Altjachtern setzte sich auf und rang um Atem und noch mehr um Fassung. Kaum einen Wimpernschlag nachdem er von diesem entsetzlichen Traum aus dem Schlaf gerissen worden war, klopfte es an der Tür und [[Garetien:Jast Helmbald von Schwippingen|Jast]] trat herein: „Hochgeboren, braucht Ihr etwas?“
„Wo ist ''Orknäschen''?“, wollte er wissen.
„Ähm“, der Knappe schien einen Moment irritiert, „Ihr habt sie am Morgen nach Esenfeld zu meiner [[Garetien:Rondrara von Treleneck|Mutter]] bringen lassen, Hochgeboren.“
„Ja“, stimmte Baron Drego ihm tonlos zu, „Dann... dann... dann bringt mir Schwester Lindegard. Sofort.“
„Ja“, erwiderte der Knappe da, „Sehr wohl.“
Doch nach einiger Zeit kam er ohne die Geweihten zurück: „Schwester Lindegard ist nach [[Garetien:Wehrhof Esenfeld|Esenfeld]] zu Eurer Gattin aufgebrochen. Meine Mutter hat nach ihr geschickt.“
„Dann... dann bring mir Euer Gnaden Rían“, verlangte er.
„Welche?“
Er verdrehte die Augen: „Euer Gnaden [[Garetien:Elerea ni Rian|Elerea ni Rian]].“
„Hält sich derzeit wahrscheinlich in ihrem [[Garetien:Tempel zu Ehren der Heiligen Thalionmel zu Schwarztannen|Heimattempel]] in Schwarztannen auf“, konnte er nur vermuten, „Auf Scharfenstein ist sie jedenfalls nicht. Doch zu dieser nachtschlafenden Zeit sind die Stadttore [[Garetien:Stadt Schwarztannen|Schwarztannens]] geschlossen. Soll ich Euer Gnaden [[Garetien:Nurinai ni Rian|Nurinai ni Rían]] wecken?“
„Nein“, entschied er, „Nein. Es wird auch so gehen. Gehen müssen. Ich möchte beten, geh jetzt.“
== Bitte ==
Gegeben im Tsa 1045, Esenfeld
{{Brief
|Adressat=An Euer Hochgeboren [[Garetien:Drego von Altjachtern|Drego von Altjachtern]], Baron zu [[Garetien:Baronie Schwarztannen|Schwarztannen]], [[Garetien:Burg Scharfenstein|Burg Scharfenstein]]<br/><br/>
Liebster Drego,
|Text=so gerne ich unsere Kinder auch sehe und sie um mich habe, so sehr muss ich Dich nun darum bitten, sie nicht mehr zu mir bringen zu lassen. Nicht nur, dass der Weg für sie aufgrund ihres Alters doch recht beschwerlich ist, sondern ich kann mich derzeit auch nicht richtig um sie kümmern. Sie lernen gerade die Welt zu entdecken und ich bin ihnen dabei mehr Last als Hilfe. Abgesehen davon ist es mein Wunsch, dass sie sich nicht so an mich erinnern. Trotz der Ruhe und Pflege die mir hier zuteilt wird bessert mein Zustand sich leider bisher nicht. Ich bete zu den Göttern, dass sie mir beistehen. Mehr bleibt mir nicht zu tun. Die Zeit wird zeigen, ob die Götter mich erhören werden. Bis dahin gib gut auf unsere Kinder acht.
|Absender=[[Garetien:Ailsa ni Rian|Ailsa ni Rían]]<br/>Reichsritterin zu Praiosborn
}}


=Weitere Ideen=
=Weitere Ideen=
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*Iwo und Iwana
*Iwo und Iwana
*Die Krähe und ihr falsches Täubchen
*Die Krähe und ihr falsches Täubchen
*Hühnerbeinchen für Drego
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Aktuelle Version vom 15. Januar 2026, 20:37 Uhr

Hier entstehen meine Briefspieltexte und werden sorgsam verwahrt, bis ich weiß, wohin sie sollen.
Es ist ausdrücklich erlaubt, Rechtschreibfehler sowie Fehler der Zeichensetzung zu korrigieren, genauso wie verloren gegangene Buchstaben richtig zu ergänzen und überzählige einzusammeln - dies gilt auch für meine anderen Texte.

Mondäuglein

Gedanken

»Zurückzublicken und die eigenen Taten zu beurteilen, ist dem Menschen wohl zutiefst zu eigen. Damit einher geht natürlich die Frage, was man mit dem heutigen Wissen alles hätte ändern können. Hätte man das damals bereits gewusst, hätte man alles zum Besseren wenden können – die Welt wäre eine ganz andere, eine bessere. Ja, dieser Blick zurück. Wie verlockend er doch ist! Wie verheißungsvoll! Und wie töricht zugleich. Wie die Menschen nur glauben können, eine einzige Entscheidung von ihnen hätte den Lauf der Dinge ändern können? Sind sie doch nicht mehr als ein winziger Wassertropfen im sommerlichen Morgendunst. Kaum sichtbar, wenig mehr als ein hauchdünner Schleier, durch den man in die Welt blickt, der kaum etwas verhüllt und der ebenso schnell und abrupt verschwindet, wie er gekommen ist. Das Ende, unausweichlich und unabdingbar. Und obwohl sie sich ihrer eigenen Bestimmung bewusst sind, nämlich der, dass sie alle sterben werden, verhalten sie sich nicht so. Sie geben nicht acht. Sie riskieren. Angetrieben vom Gefühl, dass sie mehr verdient haben. Mehr als andere. Weitaus mehr. Von Hass und Ehrgeiz, Neid und Eifersucht zerfressen, vergessen sie ihre eigene Sterblichkeit und riskieren, das Einzige, das sie wirklich ihr Eigen nennen können: Ihr Leben. Und doch werden die Menschen den Wert des Lebens erst begreifen, wenn sie das Rauschen von Golgaris Schwingen vernommen haben. Bei den meisten ist es jedoch dann schon zu spät. Bei mir allerdings war es anders.«

Aus dem Vorwort »Vom Preis der Dinge«.


Esenfeld

Fremder

ZSF01: Ein Fremder kommt nach Esenfeld

Wehrhof Esenfeld, Rahja 904 BF

»Es ist Zeit«, hob der Fremde an und bedachte die Frau ihm gegenüber aus seinen kalten, blauen Augen voller Abscheu. Der Mann saß hoch zu Ross. Er war ein harter Mann von kräftiger und Statur, dabei ungewöhnlich groß, mit noch immer dichtem schwarzem Haar und einer unfassbar tiefen Stimme. Über einem Kettenhemd trug er einen Wappenrock in Schwarz und Gelb. Ein Schwert in einer kunstvollen Scheide hing an seiner linken Seite. Seine Begleiter waren ebenfalls gerüstet und bewaffnet. Grimmig schauten sie drein. Die Pferde schnaubten. Unruhig drehten sie die Ohren. Das des Bannerträgers tänzelte einige Schritte rückwärts. Das Banner, das zwei schwarze Tannen auf zwei schwarzen Hügeln auf goldenem Grund zeigte, hing trostlos herab. Noch lag eine unerträglich schwüle Hitze über dem Land, doch begannen sich bereits dunkle Wolken am Himmel zu sammeln und einen unheilvollen Schatten auf den Innenhof zu werfen.

Während sich die Bediensteten des Wehrhofs dicht an die Gebäude gedrängt hatten, stand nur eine einzige Frau im Innenhof unweit der alten Eiche. Ein alter und ehrwürdiger Baum, der auch heute noch reichlich Blätter an seinen knorrigen und verwachsenen Ästen trug und dem man nachsagte, dass er schon immer an diesem Ort gestanden haben – noch weit vor dem Wehrhof. Eine alte Legende besagt, dass die Unschuldigen unter ihm stets Schutz fänden.

»Einen weiteren Götterlauf«, bat die Frau unweit des Baumes mit fester Stimme und nickte, wobei ihr eine Strähne ihres dunkelblonden Haares dabei ins Gesicht fiel. Mit einer eleganten Bewegung strich sie es zurück. Ihre tiefbraunen Rehaugen blickten zu dem Reiter empor. Sanft wirkten ihre Züge. Zurückhaltend. Regelrecht verhuscht. »Nur noch einen. Es wird der letzte sein. Ich bitte dich, Ardo, nur noch dieses eine Mal.«

»Nein«, erwiderte der Ritter barsch und ließ seine Rechte durch die Luft schnellen. Seine Augen funkelten zornig. Seine Gesichtszüge waren angespannt. »Nichts da.«

»Im Namen der Götter«, hob sie nun an und beugte beide Knie, wie man es nur vor den Göttern tat, ihr Haupt hielt sie dabei gesenkt, »Im Namen der Sturmherrin, ich flehe dich an: Lass mir meine Kinder. Es ist ein einziger weiterer Götterlauf, um den ich dich bitte. Nur einen noch. Danach sind sie dein. Ich schwöre es.« Bei den letzten Worten blickte sie auf. Ihre Blicke trafen sich. »Vor dem Gerechten.« Sie hob ihre Hand, als wollte sie einen Schwur ablegen.

Er lachte nur: »Vorbei sind die Zeiten, da der Blick eines scheuen Rehes mich milde stimmte.«

»Sie sind noch zu jung«, beharrte sie, »Gibt ihnen noch einen weiteren Götterlauf, Ardo.«

»Wozu?«, spie er nur hervor, »Was solltest ausgerechnet du, Algerte, ihnen geben können?« Einen Moment herrschte angespannte Stille. »Außer Lügen und Verrat?«

»Die Liebe einer Mutter«, kam ihre Antwort prompt, wobei sie ihre Hände einer Umarmung gleich ausbreitete, »Und wenn eine die Liebe einer Mutter zu ihren Kindern versteht, dann gewiss die Leuin höchst selbst.«

»Liebe gewinnt keinen einzigen Kampf, sie macht einen nur...«, er hielt einen Moment inne und blickte sie mit seinen harten Augen an, »... weich.« Er schluckte. »Naive.« Nun nahm er das Kinn ein Stück weiter nach oben. »Dumm.«

Erste Regentropfen begannen zu fallen. An der Wange der Hausherrin rann einer herab oder war es doch eine Träne?

»Ich habe dich zu lange gewähren lassen. Habe dich beschützt. Habe zu dir gestanden. Aber du...« Er holte Atem. »Die Kinder brauchen endlich ihren Vater!«

Nun lachte sie: »Ihren Vater? Ihren VATER?« Ihre Stimme überschlug sich. Leise begann Donner über sie hinwegzugrollen. Er drückte die Lippen fest aufeinander. Hielt die Zügel verkrampft in seinen Händen. »Vor Götterläufen hätten sie dich gebraucht. Vor Götterlaufen, Ardo! Ein jeder hier ist mehr Vater als du es je sei...«

Da stieß er seinem Pferd die Haken in die Flanken. Sie erhob sich. Das Tier preschte nach vorne. Zorn funkelte in seinen Augen. Nein, purer Hass. Vielleicht sogar Mordlust. Doch sie blieb stehen. Hielt seinem Blick stand. Reckte ihren Kopf noch ein wenig höher. Sie war stolz auf ihre Kinder. Auf jedes einzelne von ihnen. Niemals würde sie zulassen, dass er sie einfach so ihr wegnahm. Wie lange hatte er sich nicht für seine Kinder interessiert? Sie wich nicht aus. Sie blieb stehen. Und sein Hengst ritt sie einfach nieder. Begrub sie einfach unter sich. Sie hatte noch nicht einmal Zeit zu schreien oder war es das Donnergrollen, dass ihre Schreie übertönte? Reglos blieb sie liegen. Nur ihr Brustkorb hob und senkte sich. Blut quell aus verschiedenen Wunden empor. Der Regen wusch es fort. Und ihre Augen folgten dem Mann, dessen Kinder sie geboren hatte.

Er wendete das Pferd. Brachte es zum Stehen. Wieder grollte es. Es begann noch heftiger zu regnen. Er blickt auf die am Boden liegende herab. Sah das Blut. Mächtiger Donner fegte über sie hinweg. Das Banner begann in der aufgekommenen Brise hart zu flackern.

»Lasst sie liegen«, befahl er. Und alle gehorchten. Drängten sich noch dichter an die Gebäude. Nicht jedoch etwa aus Angst vor Wind und Wetter. Er war es, vor dem sie sich fürchteten. Und die beiden Knaben begriffen, dass er der gestrenge Herr sein musste, von dem ihnen ihre Mutter immer erzählt, ja vor dem sie eindringlich gewarnt hatte. Er war der Ritter zu Esenfeld. Er war ihr Vater.

Vater

ZSF02: Die beiden Knaben lernen ihren Vater kennen.

Wehrhof Esenfeld, Rahja 904 BF

Der Ritter zu Esenfeld stieg vom Pferd. Seine Gefolgsleute taten es ihm gleich. Knechte kamen herbeigeeilt, kümmerten sich um die Tiere, während Regen und Wind über sie hinwegpeitschten. Donner grollte markerschütternd. Wütende Blitze zuckte vom Himmel herab. Erhellten den inzwischen stockfinster gewordenen Innenhof Esenfelds. Die Männer, der Ritter zu Esenfeld allen voran, drängten in das Gebäude hinein. Die Bediensteten wichen zurück. Die beiden Knaben, die noch immer stocksteif unweit der Tür standen, fassten sich unbewusst an den Händen, der kleinere der Knabe drängte sich an seinen größeren Bruder. Beide hatten sie das pechschwarze Haar ihres Vaters und die weichen, tiefbraunen Augen ihrer Mutter. Hinter ihnen stand eine junge Frau mit leicht dunklerer Haut, grünen Augen und rotblondem Haar. Gerade eben hatten ihre beiden Hände auf den Schultern der Knaben geruht, nun ließ sie sie herab gleiten und wollte sich gerade ins Innere des Hauses zurückziehen, da trat der Hausherr mit festen Schritten entschieden auf die beiden Knaben zu und fixierte sie mit seinen harten kalten blauen Augen.

»Was steht ihr noch hier rum?«, blaffte er sie an, »Sorgt dafür, dass meine Männer etwas Vernünftiges zu Essen und Trinken bekommen, so lange Efferd uns zürnt.« 

Ungläubig blickten die beiden noch immer dicht aneinander gedrängten Knaben, der eine mehr als einen Kopf kleiner als der andere, zu dem Fremden auf. »Rondra«, wisperte der Jüngere. Die linke Augenbraue des Ritters zuckte steil nach oben, seine Hand schnellte nach hinten und dann nach vorne auf die Wange des Knaben. Der schrie entsetzt auf, drückte sich in die Arme seines großen Bruders. Tränen schossen ihm in die Augen und Blut tropfte aus seiner Nase.

»Erhebe noch ein einziges Mal das Wort gegen deinen Vater und du liegst da draußen neben deiner ... «, drohte er mit erhobener Hand. Jene Hand, mit der er den Knaben eben gerade geschlagen hatte. »... Mutter.« 

»Ja, Hoher Herr«, erwiderte der Ältere, während er noch immer seinen heftig, schluchzenden Bruder in seinen Armen hielt, »Geht doch schon einmal hinein. Wir werden Euch sogleich bewirten.«

Wieder lag der harte und kalte Blick des Mannes auf den beiden Knaben. Und ohne seine Söhne eines weiteren Blickes zu würdigen, ging der Ritter zu Esenfeld an ihnen vorbei und auf die rotblonde Frau zu, die furchterfüllt immer weiter und weiter zurückwich. Ihm folgten seine Männer.

»Ich werde dich beschützen, Moribert«, wisperte der größere Knabe, dem noch immer weinenden kleineren zu als die Männer außer Hörweite waren, »Bleib einfach immer hinter mir, dann kann er dir nichts tun.« Er fuhr seinem Bruder über das kurze, schwarze Haar. Die beiden trennten sich. Moribert tropfte noch immer Blut aus der Nase. Der Regen wusch es fort. »Gishelm«, wimmerte der jedoch nur erstickt, »Ist das wirklich unser Vater?« Sein Blick glitt zu der noch immer reglos im Regen liegenden Frau. Ihrer Mutter. Ihre Augen waren noch immer geöffnet. Hatten die beiden Knaben fixiert. Ihre Lippen bewegten sich tonlos. Gishelm senkte den Blick.

Bastard

ZSF03a: Ein Bastard verdirbt dem Ritter zu Esenfeld die Laune.

Wehrhof Esenfeld, Rahja 904 BF

Ardo von Schwarztannen war gerade dabei den Wehrhof wieder in Besitz zu nehmen, da fiel sein Blick auf eine junge Frau. Eine junge Frau, die er noch nie zuvor hier gesehen hatte. Eine sehr hübsche junge Frau mit rotblondem Haar und tiefgrünen Augen und dem verheißungsvollen Hauch von Andersartigkeit. Der Ritter war nicht nur für seine Begierde bekannt, sondern auch dafür, sich zu nehmen, was er glaubte, was ihm zustünde.

Mit seinen kalten, blauen Augen fixierte er sie. Ein kalter Schauer lief ihr den Rücken hinab. Sie schluckte schwer und stellte mit zitternden Händen den großen Bierkrug direkt neben ihm ab. Gerade als sie sich zurückziehen wollte, schnellte seine Hand nach vorne und packte sie am Handgelenk. Ein Schrei entrann ihrer Kehle, ihr Herz schlug heftig in ihrer Brust, ihr Atem ging schnell. Sie versuchte ihm ihr Handgelenk zu entwinden, aber er hielt sie nur noch fester. Immer fester.

»Schenk mir ein«, befahl er mit kalter Stimme und ließ abrupt ihre Hand los. Sie taumelte nach hinten. Umfasste instinktiv mit der unversehrten Hand ihr schmerzendes Gelenk und begann heftig zu schluchzen. »Schenk mir ein«, wiederholte er mit schneidender Stimme, »SOFORT!«

Das Schluchzen verstummte abrupt. Mit gebeugten Haupt trat sie erneut zu ihm heran, nahm mit der unversehrten Hand den Krug und goss zitternd und wimmernd Bier in seinen Becher ein. Und gerade als sie den Krug absetzte, da umfasste er seinen Becher, wandte sich zu ihr um und schüttete ihr den Inhalt ins Gesicht, wobei er mit trockener Stimme sage: »Du hast Bier verschüttet.«

Sie schrie auf und zuckte zusammen, taumelte dabei einige Schritte zurück. Inzwischen zitterte sie am ganzen Körper.

»Du hast Bier verschüttet«, wiederholte er erneut, »Dein ganzes Kleid ist voll davon.« Seine Gefolgsmänner verstummten. »So etwas dulde ich an meiner Tafel nicht.« Da rappelte sie sich mühsam auf. Den Kopf hielt sie noch immer gesenkt. Das Bier tropfte an ihr herab. Alle Blicke lagen auf ihr. Sie ging rückwärts Richtung Tür. Nur noch wenige Schritte. Bald würde sie diesem Scheusal entkommen sein. Doch dann richtete er erneut das Wort an sie: »Zieh es aus!« 

Die Rotblonde versuchte zu entkommen, doch die beiden Getreuen des Ritters unweit der Tür, packten sie einfach. Mit roher Gewalt zerrten sie die Frau zu ihrem Herren. Sie wehrte sich, schlug und trat um sich, doch die Männer waren einfach stärker und nachdem sie sie bei ihrem rotblondem Schopf gepackt hatten, ließ ihre Gegenwehr nach. Vor dem Herrn zu Esenfeld wurde sie bäuchlings zu Boden geworfen.

»Es gibt zwei Möglichkeiten«, meinte der Hausherr, erhob sich und trat auf die am Boden liegende zu. Ihr tränennasses Gesicht wandte sie von ihm ab. Sie wusste, was ihr drohte. Und auf Milde zu hoffen, war vergeblich. Ebenso auf Hilfe. »Entweder du tust es selbst oder...«, damit ließ er seinen Blick demonstrativ über seine Begleiter gehen, »... sie werden es tun.« Er hielt einen Moment inne. Und beugte sich zu ihr hinab. »Und nur damit wir uns nicht falsch verstehen«, raunte er ihr zu, »Damit werden sie nicht aufhören.« Sie wimmerte. »Nun? Wie entscheidest du dich?«

Wimmernd und zitternd und bibbernd erhob sie sich. Ihr Gesicht von Tränen bedeckt. Und langsam, unter erstickten Schluchzen begann sie ihre Kleidung abzulegen. Und er begutachtete sie eindringlich. Musterte jedes Stück ihres Körpers, bis sein Blick an dem Brandmal an ihrer linken Brust hängen blieb. Eine Hand mit fünf abgespreizten Fingern – das Wappen der Familie Schwarztannen.

»Verschwinde!«, angewidert wandte er sich ab, »Verkommener Bastard.«

Brüder

ZSF03b: Der Vater hasst die Mutter der Knaben, doch das war nicht immer so.

Wehrhof Esenfeld, Rahja 904 BF

Der Herr zu Esenfeld blieb über Nacht, denn der Zorn Efferds – viele eher Rondras, wenn man dem leisen Wispern der Bediensteten hinter vorgehaltener Hand glaubte – verzog sich nicht so schnell. Lange grollte es bedrohlich. Der Himmel in ein giftiges dunkles Grün getaucht. Und Blitz um Blitz zuckte herab. Einer setzte sogar die große, mächtige Eiche im Innenhof Esenfels in Brand. Erst da erlaubte der Herr, die Hausherrin endlich fortzuschaffen und das auch nur, weil sie im Weg lag, nicht etwa aus ... Mitleid, wie er wiederholt betonte.

Und erst als die Herrschaft schlief, hatte die rotblonde Zofe der Hausherrin es gewagt, nach einem Diener der Herrin Peraine aus Salzungen zu schicken. Indes saß die Zofe der Verletzten an deren Bett, hielt ihre reglose und kalte Hand in der eigenen und musterte ihr ausdrucksloses, blasses Gesicht. Moribert krabbelte der Frau mit dem rotblondem Haar und den grünen Augen auf den Schoß und schmiegte sich dicht an sie. Den noch freien Arm legte sie um den Knaben und hauchte ihm anschließend einen Kuss aufs Haar. Gishelm indes trat neben sie an das Bett seiner Mutter.

»Ist das wirklich unser Vater?«, hob Gishelm hoffnungsvoll an, »Sag, dass er es nicht ist, Waad. Sag es! Bitte!«

Sie schluckte schwer und schüttelte traurig ihren Kopf. »Er ist euer Vater.« Ihr Stimme war ganz warm und weich. Gänsehaut jagte Gishelm Rücken hinab. »Ardo von Schwarztannen-Scharfenstein ist euer Vater. Und du, Gishelm , bist sein Erbe.«

»Ich will nicht, dass er mein Vater ist!«, entfuhr es dem Knaben da, »Ich will nicht sein Sohn sein. Erst recht nicht sein ...« Ihm fröstelte. »Erbe.«

Verständnisvoll nickte Waad.

»Kann nicht jemand anders unser Vater ein?«

»Nein«, erneut schüttelte sie den Kopf, »Das geht nicht. Ihr seid seine Kinder. Es gibt keine Zweifel. Ihr seid sein Fleisch und Blut. Und das ist es, was zählt.«

Einige Tränen liefen dem Knaben über das Gesicht und trotzig erwiderte er: »Ich will das aber nicht. Ich will nicht, dass dieser Mann mein Vater ist. Ich will das nicht.«

»Ich weiß, Gishelm, und ich verstehe dich. Sehr gut sogar.« 

Seit der Geburt der Knaben des jüngeren der beiden Knaben war Waad immerzu um Algerte gewesen. Abends hatte sie mitgeholfen, die Knaben in den Schlaf zu wiegen, ihnen tulamidische Schlaflieder vorgesungen, Geschichten aus ihrer Heimat erzählt, war bei ihren ersten Schritten, ja bei ihren ersten Worten dabei gewesen. Sie hatte gemeinsam mit ihnen Esenfeld entdeckt. War in Bäume geklettert und hatten im Mühlbach geplantscht und im Wald getobt. Und wenn die Beine der Kinder zu schwer waren von den vielen Abenteuern, dann hatten sie sie nach Hause getragen. Abwechselnd natürlich. Sie war immerzu für die Knaben da gewesen. Immer. Jederzeit. Ja, sie war weitaus mehr als eine Zofe. Sie war eine Vertraute. Für die Hausherrin und ihre Kinder.

»Hasst er uns?«, riss Gishelm die Rotblonde aus ihren Gedanken. Unruhig verlagerte der Knabe das Gewicht von einem auf das andere Bein. Einen Moment blickte sie auf den Knaben in ihren Armen. Der ruhige und regelmäßige Atem verriet, dass er eingeschlafen war. »Hasst er uns?«, wiederholte der ältere der Knaben.

»Nein«, versicherte sie sanftmütig, »Nein, er hasst euch nicht. Nicht seine Söhne. Seine Erben. Nein, gewiss nicht. Ich denke sogar...« Sie hielt einen Moment inne. Wirkte angespannt. »... dass er euch liebt. Auf seine... hm... eigene Art.« Waad zog ihre Augenbrauen nach oben. »Sicherlich. Er liebt euch. Da bin ich sicher.«

Doch Gishelm beruhigte das nicht: »Hasst er ... hasst er Mutter?«

Waad konnte nicht anders, sie konnte nur nicken. Und dann, nach einem erschreckend langen Augenblick, in dem sie schwieg und die Hausherrin ernst betrachtete, hauchte sie so leise, dass es gerade so zu verstehen war: »Es war nicht immer so, Gishelm. Er war nicht immer so. Sie waren einander sehr zugetan. Ungleich, doch irgendwie glücklich. Doch dann ist Algerte etwas Schreckliches passiert. Etwas Entsetzliches.«

Gänsehaut erfasste den gesamten Körper des Knaben. So hatte er Waad noch nie sprechen hören. So voller Grauen. Und weil sie nicht mehr sagte, wusste der Knabe, dass es etwas wirklich Schreckliches gewesen sein muss.

Geweihte

ZSF04: Eine Geweihte der Peraine kommt (unerwartet) nach Esenfeld.

Wehrhof Esenfeld, Rahja 904 BF

Wenig nach dem Morgengrauen traf eine Geweihte der Herrin Peraine aus Salzungen ein. Zwar missfiel ihr Erscheinen dem Hausherren zutiefst, aber er wusste sehr wohl, dass man einen Diener der Zwölfe nicht ohne weiteres abwies. Und so tat er das, was von ihm erwartet wurde.

»Peraine mit Euch, Euer Hochwürden« grüßte er sie demütig und beugte ganz leicht sein Haupt. Mit einer einladenden Geste bat er sie in das Gebäude hinein. »Habt Dank für Euer Kommen, auch wenn es nicht notwendig gewesen wäre, dass ihr persönlich erscheint.« 

Die ältere Geweihte nickte sanftmütig. Eine Strähne ihres kurzen, grauen Haares fiel ihr ins Gesicht. Sie strich es sich wieder zurück. »Sorgte Euch nicht, Hochgeboren. Wie ein jeder von uns, bin auch ich nur eine Dienerin und deswegen diene ich«, erwiderte sie und fügte unnötigerweise noch hinzu: »So wie auch Ihr nur ein Diener unter dem Angesicht der Götter seid.« 

Ardo von Schwarztannen blickte die Geweihte schweigend und nahezu reglos an. In seinen Augen funkelte Zorn. Unangenehme Stille breitete sich aus.

»Seid doch so gut«, ergriff die Geweihte nun wieder das Wort, »und bringt mich zu Eurer werten Gattin, damit ich sie mir ansehen kann.«

Der Hausherr nickte nur mürrisch, bot der Hochgeweihten seinen Arm an und schritt mit ihr voran. Und während sie miteinander gingen, wollte sie von ihm wissen: »Ist meine gute Freundin Algerte wieder einmal gestürzt, Hochgeboren?«

»Ein bedauerlicher Unfall«, erwiderte er ihr trocken und vermied es sie anzusehen, »Wieder einmal, Hochwürden.«

»Hm«, machte die Geweihte da nur und legte die Finger ihrer freien Hand an ihr Kinn, »Meine gute Freundin ist seit damals einfach nicht mehr sie selbst.« Sie seufzte schwer und schaute betrübt drein. »Armes Kind.« Sie hielt einen Moment inne. »Phex sei Dank hat sie Eure beiden Söhne an ihrer Seite. Sie liebt sie sehr. Vor allem, da...« Sie verstummte.

Der Hausherr schwieg.

»Vermutlich werdet Ihr nicht lange bleiben, Hochgeboren?«, fuhr sie fort.

»Ich bedauere, aber Ihr habt recht«, erwiderte er ihr, »Ich bin nur gekommen, um meine Söhne zu holen.«

Die Geweihte blieb abrupt stehen und schaute ihn lange, ohne ein einziges Wort zu sagen, an. Stoisch hielt er ihren Blick.

»Hochwürden«, ergriff er nun das Wort, »Ich muss mich jetzt nun wirklich empfehlen. Mein Bruder erwartet mich dringend auf Burg Scharfenstein.«

»Ich verstehe«, damit löste sie sich aus seinem Arm, »Werdet Ihr beide Knaben mit Euch nehmen?«

»Sicherlich. Es ist Zeit, dass sie das Leben am Hofe kennenlernen.«

»Auch Moribert? Er scheint mir noch recht jung.«

»Beide«, entgegnete er ihr nur mit unnachgiebigem Blick, »Tut, was Eure Herrin von Euch verlangt. Ich muss tun, was mein Herr von mir verlangt. Peraine mit Euch, Hochwürden.« Damit wollte er sich verabschiedete, wandte sich jedoch noch einmal um: »Sag, wer genau hat denn nach Euch geschickt?« Ein grausames Lächeln legte sich über seine Lippen. Sie zog die Augenbrauen belehrend nach oben und entgegnete lediglich: »Meine Herrin.«

Gefehlte

ZF05: Die Geweihte der Herrin Peraine sieht einen Ausweg.

Wehrhof Esenfeld, Rahja 904 BF

»Was ist genau vorgefallen?«, wollte die Geweihte von der rotblonde Zofe wissen, als sie am Bett der Verletzten stand und auf den blutigen Verband um deren Kopf blickte.

Die junge Frau schauten betreten drein und blickten zu Boden. Kein Wort verließ ihre zitternden Lippen. Sie wusste, dass ein jedes Wort ihr das Leben nur noch schwerer machte. Der Hausherr, nachdem er ihre wahre Herkunft erfahren hatte, war sicher nicht gut auf sie zu sprechen. Bisher hatte sie jede Begegnung mit ihm vermeiden können. Dafür hatte ihre Herrin gesorgt. Und sie war froh darüber gewesen, aber nun? Nun würde sie seinen Demütigungen und Grausamkeiten schutzlos ausgeliefert sein. Sie hatte genug Geschichten gehört. Waad wusste sehr gut, zu was er fähig war, selbst wenn nur ein Bruchteil der Gerüchte stimmte. Jede noch so kleine Verfehlung würde der Hausherr hart bestrafen. Und jede ihrer Verfehlungen war auch eine Verfehlung der Hausherrin, seiner Frau.

Die Geweihte seufzte.

»War er es?«, wollte sie nach Abreise des Hausherren mit strengem Blick wissen, »Hat er sie so zugerichtet? Mal wieder?«

Die Zofe schauten auf die Füße der Geweihten. Kein einziges Wort kam über ihre Lippen.

»Bei Peraine!«, seufzte sie. »Schon gut«, sie winkte ab, »Ich habe schon verstanden. Es ist ja nicht so, als wäre ich das erste Mal hier.« Nachdenklich begann sie ihre Schläfe zu massieren. »Warum nur, Algerte? Warum nur?« Sie prüfte ihre Atmung. Ihre Reflexe. Zog die Augenlider nach oben. Da begann sie mit gekonnten Fingergriffen den Verband um den Kopf der Hausherrin zu lösen, die Wunde in Augenschein zu nehmen, sie zu säubern, zu nähen und neu zu verbinden. So kümmerte sie sich um alle Wunden. Die Zofe ging ihr dabei zur Hand. »War sie die ganze Zeit über bewusstlos?«

Waad nickte stumm.

»Das ist vielleicht kein gutes Zeichen«, erklärte sie. Die Rotblonde blickten zu ihr. Die Geweihte wusch sich die Hände. Trocknete sie an einem Tuch. »Wir werden abwarten müssen. Ich werde bleiben. Den Beistand der Herrin Peraine erbitten. Aber ich habe kein gutes Gefühl dabei. Ich .... « Sie schluckte. »Ich habe Angst, dass...«

»Was solle ich denn tun, Peralina?«, wandte sich Waad sichtlich verzweifelt an die Geweihte.

»Du?«, sie schüttelte den Kopf, »Du tust alles, was in deiner Macht steht. Dies jedoch...« Sie deutet mit einer Geste um sich herum. »... steht nicht in deiner Macht.« Energisch nickte sie. »Es ist an der Zeit, dass sie endlich Schutz bei den Zwölfen sucht.« Mit ernster Miene betrachtete sie die Zofe. »Unter ihrem Schutz wird er es nicht wagen, Hand an sie zu legen, ganz gleich, wie viel Schuld sie zuvor auf sich geladen hat. Die Götter werden schützend ihre Hand über sie halten. In jedem Kloster, in jedem ihrer Tempel wäre sie sicher.«

»Eingesperrt wäre sie«, meldete sich Waad zu Wort, »Könnte diesen Ort nie wieder verlassen, ohne seinen Zorn zu spüren zu bekommen. Und das schlimmer als jemals zuvor. Nie wieder ihre Söhne sehen.«

»Leben muss bewahrt werden. Um jeden Preis. So lehrt es meine Herrin. Und genau das gilt auch für Algerte.« Sie hielt einen Moment inne. »Ihr Tod nutzt nur einem.«

Die junge Frau nickten betrübt.

»Aber welcher Tempel würde ihr Schutz gewähren?«, warf Waad ein, »Ganz Schwarztannen weiß was damals geschehen ist. Die Menschen haben sich die Mäuler über sie zerrissen. Noch heute...« Ihre zitternde Stimme brach.

Peralina zuckte mit den Schultern: »Bis heute kann ich nicht sagen, wem ich wirklich glauben schenken kann.« Sie leckte über ihre Lippen. »Das Urteil war jedoch eindeutig.« Nun nickte sie. »Es gibt nur eine Kirche, die hier in der Baronie einen Tempel ihr eigen nennt und wenig auf die Ereignisse auf Dere gibt. Nur eine.«

Weißer Rabe

Dunkelheit

ZFS: Langsam kommt Algerte wieder zu Bewusstsein, doch noch umfängt sie Dunkelheit.

Tempel des Weißen Raben zu Hexenmühle, Rahja 904 BF

Als sie erwachte war es still um sie herum. Still und dunkel. Die Luft war von Weihrauch erfüllt. Sie versuchte sich zu orientieren. Zu begreifen wo sie war. Aber sie wusste es nicht. Es war zu dunkel. Sie versuchte aufzustehen, aber ihre Glieder waren so unendlich schwer. So versuchte sie ihren Kopf zu heben, doch auch das schaffte sie nicht. Schmerzerfüllt sank sie zurück in das weiche Kissen und atmete angestrengt ein und aus. Ihr Kopf schmerzte. Sie biss die Zähne zusammen. Und erst da bemerkte sie: Sie war nicht allein.

Sie lag in einem Bett, das begriff sie jetzt. Und an ihrem Bett, da saß jemand. Auf der Bettkante saß jemand. Eine Gestalt. Dunkel zeichneten sich ihre Umrisse gegen die sie umgebende Finsternis ab. Ein Schatten. Mehr nicht. Ohne Gesicht. Bestehend aus Dunkelheit. Aus Finsternis. Doch sie hatte keine Angst. Keine Furcht.

Der Schatten beugte sich über sie. Eine Hand oder vielleicht doch eher ein Flügel streifte über ihre Stirn. Ganz weich und anschmiegsam. Da wurden ihre Lieder so schwer, dass sie einfach zufielen. Der Schmerz wich zurück. Und ihr Bewusstsein auch.

»Dem Raben gebührt, was des Raben ist«, raunte eine leise, leicht krächzende Stimme, »Und noch bist du noch nicht ganz sein.«

Vergessen

ZFS: Der Herr des Vergessens hat Algerte ein ganz besonderes Geschenkt gemacht.

Tempel des Weißen Raben zu Hexenmühle, Rahja 904 BF

Immer wieder erwachte sie. Und immer wieder sank sie in die Bewusstlosigkeit zurück. Aber mehr und mehr nahm sie die Welt um sich herum wahr. Geweihte des Schweigsamen kamen, wuschen ihren kraftlosen Körper, wechselten die Verbände, flößten ihr Brühe ein. Sie sprachen kaum, beantworteten ihre Fragen nur spärlich, beteten aber für sie und mit ihr, meist schweigend. Und so seltsam sie das auch zu Beginn fand, so erfüllten sie die Gebete mehr und mehr.

Irgendwann jedoch kam eine Geweihte der Herrin Peraine. Eine ältere Frau mit grauem Haar. Ein leichter Geruch nach Knoblauch lag in der Luft. Vermischte sich mit dem Weihrauch. Die Geweihte setzte sich an ihr Bett, nahm ihre Hand und blickte sie lange an.

»Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, dass du noch am Leben bist«, eine einzelne Träne rollte der Geweihten die Wange hinab. Sie wischte sie nicht fort. Sie tropfte auf ihre Robe und hinterließ einen kleinen nassen Fleck. »Nie zuvor habe ich jemanden gesehen, der so etwas überlebt hat! Nie hätte ich gedacht, dass du das überlebst. Nie! Vermutlich ist es einzig und allein der guten Pflege von...«

»Wo bin ich?«, hob die Verwundete an.

»Im Schoß des Ewigen«, erklärte die Geweihte und blickte gütig auf die Frau hinab. In ihren alten Augen lag Wärme und Zuversicht. »In einem seiner Tempel. In Hexenmühle.«

»Boron«, langsam nickte sie, »Was ... was ist passiert?«

»Du warst dem Tod sehr nahe«, erklärte die Geweihte, »Sehr nahe. Aber Golgari, so sagten uns seine Diener, fand deine Zeit noch nicht gekommen. Und so kämpften wir um dein Leben. Und sie halfen dabei.«

»Hm«, machte die Verletzte nachdenklich und versuchte sich aufzusetzen. Die Geweihte half ihr. Schob ihr ein Kissen in den Rücken. Und setzte sich dann wieder. »Und was ... was ist passiert?« 

»Ein Unglück«, erklärte sie schlicht und so als würde das einfach alles erklären und irgendwie tat es das auch.

»Dann bin ich wohl beim Klettern gestürzt«, schloss sie, »Sollte wohl besser aufpassen.« Sie nickte. »Warum nicht ein Tempel des Herrn Phex? Warum ... Boron?«

Verwundert blickte die Geweihte sie da nun an: »Ich ... ich glaube, ich verstehe nicht.«

»Es ist mein Zweitname. Mein Vater gab ihn mir, weil ich im Phex und dann auch noch am Tag des Glücks geboren wurde. Meine Mutter hielt das erst für einen Scherz.« Sie lachte kurz auf, wobei sie schmerzerfüllt das Gesicht verzerrte. »Wie ... wie geht es ihr?«

»Das... das... ist mir nicht bekannt«, erwiderte die Geweihte kopfschüttelnd, »Aber warum Phex?«

»Weil ich dort im Noviziat bin.«

Die Peraine-Geweihte riss ungläubig die Augen auf. »Noviziat?«, entfuhr es ihr wenig darauf und gerade in jenem Moment, dass gesprochen hatte, setzte eine Art Erkenntnis ein. »Kennst du ... deinen Namen?«

Die Versehrte lachte: »Algerte Phexlieb von Waldfang. Und wer seid Ihr?«

»Erinnerst du dich denn nicht an mich?«

Sie zog die Stirn kraus. Musterte die Geweihte kritisch: »Kennen wir uns?«

»Ich bin Peralina Tempeltreu«, stellte sie sich vor, aber Algerte schüttelte nur Kopf. Peralina nickte noch nachdenklicher. »Kannst du mir sagen, wer der Kaiser des Mittelreiches ist?«

»Valpo von Almada natürlich.«

Schutz

ZFS: Obwohl sie keine Gefangene ist, wird ihr dringend davon abgeraten, den Tempel zu verlassen. Schutz kann Algerte nur hier gewährt werden.

Tempel des Weißen Raben zu Hexenmühle, Rahja 904 BF

»Wer ist der Kaiser?«, wollte Algerte von der Geweihten wissen, nachdem diese sich um ihre Wunde gekümmert und auf die Kante ihres Bettes gesetzt hatte um zu beten.

Die Geweihte hob langsam ihren Kopf, schob mit einer eleganten Bewegung die Kapuze ihrer schwarzen Robe zurück und offenbarte ihr rotes Haar. Sie hob ihren Blick. Jung wirkte ihr Gesicht. Doch ihre blau-grünen Augen offenbarten, dass sie nicht mehr so jung sein konnte. Andächtig faltete sie ihre Hände und legte diese in ihren Schoß.

»Hm«, machte Algerte, »Was ist aus Valpo von Almada geworden?«

»Seine Zeit war gekommen.«

»Wie du das sagst«, stutzte die Adelige und schüttelte den Kopf.

»Vor Boron sind alle gleich.«

»Aber dann muss es doch jemanden geben, der ihm nachfolgt?«

»Es gibt viele«, erwiderte die Geweihte ruhig, »und doch keinen einzigen.«

»Dann wäre das Reich doch ohne Herren! Aber du sagt das so, als würde es dich nicht ... nicht im geringsten kümmern?«

»Es kümmert den Ewigen nicht«, erklärte sie langsam nickend, »Und damit kümmert es auch mich nicht. Dem Ewigen schert vieles nicht. Ihm ist gleich, was für Titel wir uns geben, welche Länder wir beanspruchen oder auch nur was wir besitzen. Vor ihm sind wir alle gleich. Ein jeder von uns.« Sie hielt einen Moment inne. »Eines Tages werden wir ihm alle gegenüber treten. Uns alle ereilt dasselbe Schicksal.«

Algerte schwieg einen Moment, ehe sie wissen wollte: »Und wie lange war ich ohne Bewusstsein, dass ich den Tod eines Kaisers und seine fehlende Nachfolge nicht mitbekommen habe?«

Nun schüttelte die Geweihte ihren Kopf: »Nur wenige Tage, doch hat mein Herr dir seine Gnade des Vergessens zu teil werden lassen. Oder...« Und ein Lächeln legte sich über ihre Lippen.  »... war es vielleicht sein ihm sehr verbundener Bruder?«

Einen winzigen Augenblick nur lag Erstaunen im Blick der Adeligen, dann jedoch kam der schmerzerfüllte Gesichtsausdruck zurück. Die Geweihte lächelte immer noch. Dieses Mal noch etwas vielsagender und freundlicher als Algerte das eine Dienerin des Schweigsamen zugetraut hätte. Und wenn sie es recht bedachte, war die Geweihte auch viel zu hübsch für den Dienst an solch einem Herrn. Außerdem hatte sie rotes Haar.

»Du bist nicht die einzige, die es meinen Dienst hier unpassend findet«, kommentierte sie und zog eine Augenbraue nach oben, »Aber alles hat einen Grund. Doch nicht immer ist er für uns Menschen ersichtlich.«

»Wie lange wird es dauern, bis ich in den Tempel meines Herren zurückkehren kann?«

Ihre Gegenüber holte angestrengt Atem: »Verlasse den Tempel des Ewigen nicht, Algerte. Niemals!« Plötzlich wirkte sie sehr ernst. »Der Ewige schützt dich. Er gibt auf dich acht. Aber er kann das nur in seinem Schoß tun. Du musst wissen, die Welt dort draußen ist gefährlich. Auch wir gehen nur hinaus, wenn uns sein Ruf ereilt. Und meist vermeide ich auch das. Hier drinnen...« Sie deutete im viel zu kleinen Zimmer herum. Es gab lediglich ein schmales Bett mit einer Kleidertruhe an dessen Fußende, ein kleines Nachtkäschen und einen dreibeinigen Hocker. »... sind wir sicher. Dort draußen nicht.«

»Dann ... dann bin ich eine Geisel? Ihr haltet mich hier fest?«

Die Geweihte schüttelte den Kopf. »Keineswegs. Du kannst den Tempel jederzeit verlassen. Aber dort draußen, bist du auf dich alleine gestellt. Dies sei dir bewusst.« Damit erhob sie sich und wollte bereits das Zimmer verlassen als Algerte noch einmal das Wort ergriff: »Wie ist dein Name?«

»Etilinae«, sie wandte sich zu der anderen um, »Er machte ihn mir zum Geschenk. Wirst auch du sein Geschenk annehmen?«

Rote Rabe

ZFS:

»Etilinae«, hob die Tempelvorsteherin mit andächtiger und ruhiger Stimme an, schaute aber nicht auf, sondern blickte in ihren Becher mit dem roten, würzigen und schweren Weines, »Welche Kunde bringt meine rote Rabe?«

»Er hat ihr Vergessen geschenkt«, hob Etilinae bestätigend an, »Ganz wie Peralina es sagte. Zwar weiß sie, wer sie ist, aber scheint sie sich nicht an ihre Zeit in Schwarztannen erinnern zu können, erst recht nicht an ihre jüngste Vergangenheit. Nicht an ihren Mann, nicht an ihre Kinder, nicht an...«

Erschreckend langsam winkte die alte Geweihte ab. Ihr langes Haar war gänzlich weiß. Ihr Gesicht von Falten durchzogen.

»Ein Segen, rote Rabe«, meinte sie da, »und auch ein Fluch.« Bedeutungsschwer nickte sie. »Während sich ganz Schwarztannen erinnert, hat sie vergessen.«

Etilinae nickte: »Was ... sollen wir tun, weiße Rabe?«

Streng blickte sie die junge Geweihte an: »Unserem Herren dienen.« Sie legte die Hände in ihren Schoß. »Unsere Kirche, Etilinae, steht über den Dingen. Sie beteiligt sich nur so an den derischen Belangen, wie es für ihre weitere Existenz notwendig ist. Und so sollten auch wir es handhaben. Was auch immer geschehen ist, ist geschehen. Urteile wurden gesprochen. Taten wurden gesühnt. Uns jedoch darf es nicht kümmern. Wir dienen dem Schweigsamen. Wir haben alle anderen Bande gelöst. Unsere Namen abgelegt. Um nur für jene da zu sein, die unserer Hilfe bedürfen. Wer einen seiner Tempel aufsucht, der muss keine Rechenschaft über das ablegen, was hinter ihm liegt. Unser Herr blickt nicht zurück. Es ist nicht seine Art. Er nimmt an. Und so müssen auch wir sie annehmen, so wie sie ist, weil es auch unser Herr das tut.«

«Ihr sagt das so, als wüsste ich all das nicht...«

»Ich wollte dir nur in Erinnerung rufen, wem du dienst.«

»Dem Schweigsamen?«, erwiderte sie, doch ihre Stimme war leise und brüchig, mehr fragend als antwortend.

»Dem Schweigsamen!«, bestätigte sie, »Erinnere dich immer daran, Etilinae. Deswegen obliegt es auch dir, für sie zu sorgen und ihr Schutz zu gewähren. Ein Aufeinandertreffen muss auf jeden Fall verhindert werden. Auf jeden Fall!«

»Ich verstehe«, erwiderte sie.

»Bist du dir sicher?«, die Frage lag schwer im Raum, »Eure Kinder sind vom selben Ast des Baumes, obgleich von unterschiedlichen Zweigen. Und dein Sohn liegt noch näher am Stamm als ihre.«

»Ich habe mich und meinen Sohn im Dienste des Herrn Boron gestellt. Ist es nicht Beweis genug, dass ich mein altes selbst abgelegt habe?«

»Ein Kuckuck bleibt ein Kuckuck, ganz gleich, ob der Rabe ihn in seinem Nest für einen Raben hält.«

»Ich habe meinen Namen abgelegt!«, beteuerte die Angesprochene, »Meine Familie zurückgelassen!«

»Auch ein neues Federkleid macht aus einem Kuckuck noch keinen Raben, rote Rabe.«

Etilinae seufzte schwer, senkte ihr Haupt und ließ die Schultern hängen: »Was soll ich tun? Was erwartet Ihr von mir?«

»Dein Sohn darf den Tempel nicht verlassen. Niemals. Sein Leben hängt davon ab.«

Die Mutter schluckte schwer, nickte und raunte: »Ich weiß. Ich habe dem zugestimmt. Besser ein Leben in einem Tempel als kein Leben, nicht wahr?«

Die weiße Rabe nickte. »Und dann ist da noch die Sache mit deinem Bruder«, seufzte die Hochgeweihte und tippte sich nachdenklich gegen das Kinn, »Es scheint, als hätten die derischen Belange uns eingeholt, rote Rabe. Wie sollen wir uns heraushalten, wenn wir mittendrin stecken? Es könnte bald zu gefährlich für euch hier werden. Die Wahrheit ist wie der Kuckuck im Nest. Sobald man ihn als solchen erkannt hat, stellt sich die Frage: Zieht man ihn weiter groß oder wirft ihn hinaus?«

Die Rothaarige biss sich auf die Lippen.

»Gut, rote Rabe«, kommentiert die Hochgeweihte nachdenklich, »Ich muss darüber nachdenken. Ich muss... Ach, noch eines. «

Etilinae blickte auf.

»Dein rotes Haar geziemt sich für eine der Dienerinnen des Schweigsamen nicht. Es ist an der Zeit, dass du dich von ihm trennst. Selbes gilt für deinen Sohn.«

Weiße Rabe

ZSF:

Bruder Bishdarian brachte Algerte am nächsten Tag in den Garten. Er war ein großer und kräftiger Mann mit kahlgeschorenem Haupt und einem viel zu freundlichen Lächeln, der sie mit spielerischer Leichtigkeit auf eine der im Schatten stehenden Bänke bugsierte und sich schweigend neben sie setzte. Es war ein lauer, warmer Morgen. Vögel sangen leise. Algerte lauschte ihnen aufmerksam.

Noch nie hatte sie einen Boron-Tempel mit einem Garten gesehen. Zumindest nicht mit so einem. Die Bäume waren alt und ehrwürdig und spendeten mit ihren niedrigen, aber stark belaubten Kronen bestehend aus verkrüppelten und gewundenen Ästen reichlich Schatten. Darunter gab es Büsche und Sträucher. Blumen fanden sich nicht. Dafür jedoch Kräuter. Dazwischen schlängelte sich ein kleines, leise plätscherndes Bächlein umher, über das eine viel zu massive Brücke aus Bruchstein führte. Woher der Strom kam, war Algerte ebenso unklar, wie wohin er ging. Dazwischen erkannte sie immer wieder mehr oder weniger verwitterte und mit Moos bewachsene Darstellungen von Raben. Mal hingen sie von Bäumen herab. Andere standen auf hohen, schmalen Sockeln oder versteckten sich in den Gebüschen. Einer lugte gar aus dem kleinen Bächlein heraus, die Schwingen zum Flug erhoben. Doch eines hatten sie alle gemein: Sie waren allesamt weiß. Doch es gab noch mehr zu sehen. Es gab hier auch Tiere. Auch diese waren weiß. Alle. Ein weißes Mäuschen huschte durch das Gebüsch. Weiße Vögel sangen leise in den Bäumen. Ein weißes Eichhörnchen eilte flink über die Grasfläche und kletterte in einen der Bäume hinauf. Und irgendwann, als sie sich satt gesehen hatte, blickte sie den Geweihten fragend an.

»Der Garten war schon immer hier«, erwiderte er ruhig als habe er ihren Blick auf ihm gespürt, »Schon vor dem Tempel.« 

Mit diesen Worten erhob er sich, schritt beinahe geräuschlos unter dem Baum heraus, nahm einen Handschuh von seinem Gürtel, zog ihn über seine linke Hand, streckte diese aus und sagte: »Sowie die Tiere auch. Vor allem jedoch seines.«

Da flog ein riesiger, schneeweißer Vogel auf ihn zu, landete auf seinem Handschuh und schaute Algerte interessiert aus seinen hellblauen Augen an. Es war ein Rabe. Und er krächzte: »Krâwa. Krâwa. Bin da. Bin da.«

Und während Algerte noch ein kalter Schauer den Rücken hinunterjagte, erhob sich der Rabe wieder und flog davon.

Träume

ZSF: Immer wieder plagen Algerte Träume.

»Dieser Tempel wird so lange dem Schweigsamen gehören, wie seine Geschöpfe hier Zuflucht suchen«, erklärte Bishdarian ihr, nachdem er sich wieder neben sie gesetzt hatte.

»Aber ... seid nicht auch ihr seine Geschöpfe?«, wandte Algerte da ein.

Da schaute er sie an, seine Hände ruhten noch immer gefaltete in seinen Schoß, nickte anerkennend und meinte: »Eine äußerst kluge Feststellung. Und ja, du hast recht, auch wir sind seine Geschöpfe. Wir alle. Wir, die hier dienen und auch jene, die hier Zuflucht suchen.«

»So wie ich«, raunte Algerte.

»So wie du«, bestätigte er nickend.

»Und wovor schützt der Tempel jene, die Zuflucht suchen? Solche, wie ich eine bin?«

»Vor jeglichem derischem Gräuel und Übel«, kam die Antwort prompt, »Hier sind wir nur unserem Herrn verpflichtet und keinem, mag er auch noch so adelig sein oder aber noch so einen guten Namen haben, sind wir Rechenschaft schuldig. Keinem.«

»Weist du, wer ich bin?«, wolle sie da wissen, »Was mit mit mir geschehen ist?«

Er wandte seinen Blick ab. Langsam und andächtig nickte er. »Ich kenne dich. Ich kenne deinen Namen. Ich kenne deine ... Geschichte. Jeder in ganz Schwarztannen kennt dich, Algerte. Jeder kennt deinen Namen. Jeder kennt deine Geschichte.« 

»Habe ich kein Recht zu erfahren ... ?«

»Unser Herr hat dir Vergessen geschenkt«, wandte er sich nun mit ungewohnt scharfem Ton an sie, »Willst du sein Geschenk etwa in den Staub treten? Glaubst du denn, du stündest über den Göttern? Über ihren Entscheidungen sogar?«

Mit großen Augen starrte sie ihn an.

»Er hat dir einen Neuanfang geschenkt. Ein neues, ein anderes Leben«, führte er weiter aus, »All das was dir widerfahren ist, ist nun fort. An nichts kannst du dich mehr erinnern. Für dich ist es so, als wäre es nie geschehen. Und glaube mir, unser Herr hat an dir eine gute Tat getan. Eine sehr gute.«

Ein schmerzhafter, kalter Schauder jagte ihren Rücken hinab, als würde sich ihr Körper an etwas erinnern, an das ihr Kopf sich nicht erinnerte. »Wenn er nicht will, dass ich mich erinnere, warum schickt er mir dann Träume?«, wollte sie von ihm wissen. Ihre Stimme nicht mehr als ein Windhauch.

»Berichte mir von deinen Träumen!«, forderte er sie auf.

»Ich bin von gesichtslosen, gleißenden Gestalten umringt. Sie schreien mich an, doch ich kann sie nicht verstehen. Ich frage nach, bitte um Aufklärung, doch sie schreien nur noch lauter. Ihre Stimmen sind so laut, dass ich vor Schmerzen weine. In meinen Armen liegt ein Neugeborenes mit feuerrotem Haar. Ich drücke es...«

»Wie das von Schwester Etilinae und ihrem Sohn?«

»Ihr Sohn?«

»Ja, der Knabe, der sich um die Tiere hier im Garten kümmert und der auch das ein oder andere Mal an deinem Bett saß. Sein Name ist Bayrin, in Anlehnung an jenen Namen, bei dem die Tulamiden unseren Herrn anrufen. Er teilt mit einer Mutter sein feuerrotes Haar.«

»Jetzt wo du es sagst«, fiel es ihr auf, »Es ist genauso feuerrot. Genauso.«

»Hm«, macht er sichtlich nachdenklich und legte die Hand an sein Kinn, »Geht der Traum weiter?«

»Ja. Sie reißen mir das Kind aus den Armen. Nehmen es mir weg. Obwohl ich sie nicht verstehen kann, weiß ich doch, dass ich es nie wieder sehen werde.« Sie schluckte schwer, fühlte nahende Tränen in ihren Augen und wusste doch nicht warum. »An dieser Stelle schrecke ich immer aus dem Schlaf und weine. Ich weine, bis ich keine Tränen mehr habe.«

»Schwester Etilinae berichtete davon.«

»Was .... was bedeutet dieser Traum?«

»Du vermischst Altes mit Neuem. Bekanntem mit Unbekanntem. Schönem mit Grässlichem«, meinte er da, »Versuche anzunehmen, dass du vergessen hast und höre auf nach etwas zu suchen, was du nicht finden wirst.« Nun erhob er sich, blickte sie jedoch nicht an, sondern schaute scheinbar in die Ferne. »Obgleich jeder deinen Namen und auch deine Geschichte kennt, kennen nur die wenigsten dein Gesicht. Gehe hinaus in die Welt, wenn es dich hinauszieht. Doch meide Schwarztannen, die Adeligen und jene Kirchen, die ihnen nahestehen. Wisse, Algerte, dass du dir mächtige Feinde gemacht hast. Sie werden nicht aufhören dir nach dem Leben zu trachten.«

Algerte stand der Mund offen. Jemand trachtete ihr nach dem Leben? Ihr?

Bishdarian wandte sich um, zog die Stirn in Falten und erklärte kopfschüttelnd: »So habe ich auch geschaut, als ich Schwester Etilinae mit ihrem geschorenen Haupt zum ersten Mal gesehen habe. Beinahe hätte ich sie gar nicht erkannt.«

Und Algerte begriff.

Geheimnis

ZFS:

Im Praios war Algerte wieder so weit genesen, dass sie aufstehen und umhergehen konnte. Unter den wachsamen Augen von Geweihten und Novizen, Mägden und Knechten erkundete sie den Tempel. Bald jedoch war er ihr zu klein. Vor allem jedoch zu ruhig. Selbst die Schritte der Geweihten waren kaum zu vernehmen. Sehnsuchtsvoll dachte sie an ihr Noviziat im Phex-Tempel zurück. Dort war es niemals so leise gewesen. Es hatte ein stetes Kommen und Gehen gegeben, ständiges Gemurmel und immerzu hatte ihr Lehrmeister eine Aufgabe für sie gehabt. Manchmal hatte sie nur gelauscht, andere Male hatte sie Informationen und später Dinge ausgetauscht oder beschafft. Lächelnd dachte sie zurück.

So zog es sie in den Garten. Seltsam. Noch nie hatte sie einen Boron-Tempel mit einem Garten gesehen. Zumindest nicht mit so einem. Die Bäume waren alt und ehrwürdig und spendeten mit ihren niedrigen, aber stark belaubten Kronen bestehend aus verkrüppelten und gewundenen Ästen reichlich Schatten. Darunter gab es Büsche und Sträucher. Blumen fanden sich nicht. Dafür jedoch Kräuter. Manche rochen gar nicht, andere rochen sehr stark und intensiv. Dazwischen schlängelte sich ein kleineres, leise plätscherndes Bächlein umher, über das eine viel zu massive Brücke aus Bruchstein führte. Woher der Strom kam, war ebenso unklar, wie wohin er ging. Dazwischen fanden sich immer mehr oder weniger verwitterte und mit Moos bewachsene Darstellungen von Raben. Mal hingen sie von Bäumen herab. Andere standen auf hohen, schmalen Sockeln oder versteckten sich in den Gebüschen. Einer lugte gar aus dem kleinen Bächlein heraus, die Schwingen zum Flug erhoben. Doch eines hatten sie alle gemein: Sie waren allesamt weiß. Nun, sie befand sich auch im Tempel des weißen Raben. Und alle Tier, von ihm so einige hier gab, waren ebenso weiß. Weiße Mäuschen, die durch das Gebüsch huschten. Weißen Vögel, die leise in den Bäumen sangen. Ein weißes Eichhörnchen, das seinen Kobel in einer der Kronen hatte und blitzschnell über die Grasflächen huschte. Natürlich war auch immer wieder ein weißer Rabe zu sehen. Das Tier schien gut mit der Tempelvorsteherin bekannt zu sein. Algerte sah sie oftmals in stiller Zwiesprache vereint. Ein Anblick, der ihr am ganzen Körper eine Gänsehaut verschaffte.

Es gab noch etwas, das ihr ins Auge fiel. Viel eher jemand. Ein Knabe mit feuerrotem Haar. Nein, eher feuerroten Stoppeln. Er trug die Tracht eines Novizen, musste also im passenden Alter sein und kümmerte sich um die Tiere im Garten. Manchmal spielte er auch mit ihnen, als gäbe es keine anderen Kinder hier. Dabei gab es andere. Eines Tages setzte er sich neben sie auf die Bank unter einen der Bäume und schwieg. Er saß eine ganze Zeit so da und schwieg. Doch irgendwann wurde er unruhig.

»Bleibst du noch lange hier sitzen, Algerte?«, wollte der Knabe wissen und vermied es, sie anzusehen.

Die Adelige lächelte sanft: »Warum fragst du?«

»Du weißt doch, ich kümmere mich um die Tiere hier im Garten«, nun nickt er so, als würde das einfach alles erklären und blickte sie aus seinen tiefblauen Augen an. Algerte schüttelte sich. An irgendjemand erinnerte sie der Knabe, doch sie konnte sich nicht erinnern, an wen.

»Wie heißt du?«

»Bayrin.« Und weil Algerte so seltsam guckte, fügte der Knabe seufzend hinzu: »In Anlehung an Barun, wie mein Herr auch in den Tulamidenlanden genannt wird.«

»Ah?«, machte sie da nur, »Aber deine Mutter ist doch Etilinae, nicht wahr?«

Nun lachte der Knabe, fuhr sich durch seine roten Stoppeln und frotzelte: »Scharfsinnige Algerte.«

Da musste auch Algerte lachen. »Keine Sorge, ich werde dich nicht stören«, beteuerte sie, »Oder habe ich das jemals zuvor?«

»Nein, aber...«, hob er an und verstummte sofort wieder. Algerte sah, dass er etwas zu verbergen hatte. Angestrengt dachte der Knabe nach und biss sich dabei auf die Unterlippe. Seine Unruhe nahm zu. Algerte beobachtete aufmerksam. So, wie sie es gelernt hatte. Dann seufzte er plötzlich schwer.

»Algerte«, flötete der Knabe nun, »Du weißt doch sicher, warum der Schweigsame so heißt, nicht wahr? Und was das für seine Diener bedeutet, oder?« Er blickte sie aus seinen tiefblauen Augen an. Ganz klar waren sie. Beinahe so klar, wie der Himmel über ihr. »Und auch für seine Gäste?«

»Ich kann ein Geheimnis bewahren«, erwiderte sie ihm, »wenn du auch eines bewahren kannst.« Damit hielt sie ihm ihre Hand hin.

Mit großen Augen musterte er zuerst ihre dargebotene Hand an und schaute ihr dann in die Augen. »Gut«, erklärte er und schlug ein. »Gut«, stimmte sie zu.

Der Knabe zog seine Hand zurück, steckte sie seine Novizenrobe, holte etwas heraus, ließ sich auf die Knie sinken und säuselte: »Schneepfötchen. Schneepfötchen.«

Und dann schälte sich etwas aus einem in der Nähe befindlichen Gebüsch heraus. Weiß war es. Hatte eine schlanke, spitze Schnauze, aufrechte, dreieckige Ohren und eisblaue Augen.

Algerte stockte der Atem.

Schneepfötchen

ZFS:

Auf leisen Pfoten tapste der weiße Fuchs eilig auf den Knaben zu und fraß aus seiner geöffneten Hand. Er war dabei so ruhig und zutraulich. Algerte stand der Mund offen. Eine Gänsehaut lief ihren Rücken hinab. Sie schüttelte sich.

Nachdem der Fuchs sein Mahl beendet hatte, setzte er sich vor den Knaben und wirkte dabei wie ein zutraulicher Hund. Die Adelige ließ sich neben den Rothaarigen auf den Boden sinken.

»Schneepfötchen«, raunte sie atemlos und glaubte, dieses Namen nicht zum ersten Mal gehört zu haben. »Und Schneepfötchen ist dein ... Geheimnis?«

»Ja«, hauchte der Knabe ganz leise, »Sie ist mein Geheimnis.« Nun schluckte er schwer. »Sie könnte den weißen Raben fangen. Und das... das darf nicht passieren!« Mit vor Schreck geweiteten Augen schaute er sie an. »Niemals! Verstehst du?«

Sie nickte stumm.

»Hochwürden darf es nicht wissen«, fuhr er fort, »Sie würde ihn hier nicht dulden. Keinen einzigen Tag. Deswegen muss es geheim bleiben. Unser Geheimnis.«

»Unser Geheimnis«, bestätigte sie nickend, »Wie lange ist sie schon hier?«

»Noch nicht lange«, meinte der Knabe, »Und ich füttere sie immer. Damit sie nicht hungrig ist. Damit sie keinen Grund hat den weißen Raben zu fangen. Verstehst du?«

»Klug von dir«, kommentierte sie, »Weiß du, ich glaube nicht, dass sie den weißen Raben fangen wird. Füchse sind überaus klug. Ein ausgewachsener Rabe ist eine schwer zu fangende Beute, da ist es wesentlich einfacher, dir aus der Hand zu fressen.« Sie hielt einen Moment inne. »Obwohl Schneepfötchen ihn sicher fangen könnte, wenn sie wollte.«

Er blicke sie an, seine Augen noch größer als zuvor und nickte bestätigend: »Schneepfötchen könnte, doch ich weiß, dass sie den weißen Raben nicht fangen wird.«

Ein kalter Schauer jagte ihr den Rücken hinab: »Du weist ... ?«

Der Knabe nickte: »Schneepfötchen ist auf der Suche nach ihrer Freundin.«

»Ihrer Freundin?«, echote sie ungläubig.

»Ja«, erneut nickte er, »Ihre Freundin Mondäuglein.«

»Und woher weißt du von ... Mondäuglein?«

Der Knabe zuckte mit den Schultern: »Ich habe davon geträumt. Über mir funkelnde Sterne, aber unter dem Sternenhimmel war es nicht. Zwar kommt man hinein, aber nicht durch eine Tür. Dieser Ort ist gut bewacht, aber Wachen gibt es nicht. Dort wurde ich erwartet. Mondäuglein stand im Schatten. Ich rief sie beim Namen. Schneepfötchen war bei mir.«

Einen Moment war es still zwischen den beiden.

»Bayrin«, hauchte sie dann atemlos, »Ich bin Mondäuglein.«

Der Knabe schaute sie an. Ein Grinsen legte sich über seine Lippen. »Ich weiß.«

Blauer Affe

(...)

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