Benutzer:Robert O./Briefspiel: Unterschied zwischen den Versionen

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==Unruhige Zeiten==
==Das Erbe der Pfortensteiner==
===Ideensammlung Fortsetzung===
- Ludolf von Pfortenstein bittet seinen Onkel Rondradan darum in die Rondra-Kirche eintreten zu dürfen, um das Vermächtnis seines Vaters fortzusetzen <br>
- Rondradan verspricht es ihm, bittet ihn aber um Geduld, bis er die Erbfolge von Pfortenstein und Olbershag entsprechend geklärt hat<br>
- die Vögtin Ysinthe von Pfortenstein bekommt das Junkertum Olbershag als Lehen in Aussicht gestellt, wenn ihre Tochter als alleinige Erbin der Purgation unterzogen wird und bei Rondradan Knappin wird<br>
- Rondradan unterstützt Felian von Perainsgarten bzw. Lechmin von Rallerspfort bei der Zurückerlangung der Baronswürde von Rallerspfort, wofür er im Gegenzug wieder als Junker von Pfortenstein eingesetzt wird<br>
- Ritterin Olmerga von Pfortenstein bleibt Vögtin zu Pfortenstein, solange Rondradan Landvogt von grfl. Rubreth ist
 
==Erweiterte Wegelagerei==
===Kapitel 1===
===Kapitel 1===
11. Ingerimm 1042 BF, Stadt Kressenburg
Wulfhelm und Gerion waren den zwei Kressenburger Ochsenkarren einiges voraus, während Ingmar die Nachhut übernommen hatte. Die Greifenfurter erwarteten nicht wirklich hier im ritterlichen Herzen des Reiches auf Probleme zu stoßen, aber ihre wertvolle Fracht aus verhütteten Metallen für die Luringer Spiegelmacherzunft ließ sie vorsichtig bleiben. Das sollte sich bald unerwartet zu ihrem Vorteil erweisen.
 
Gerade erst hatten die Ritter den Grenzstein zwischen den Baronien Rallerspfort und Randersburg hinter sich gelassen. An dieser Stelle zog sich ein Ausläufer des Reichsforstes bis fast an die Handelsstraße heran und verbarg den weiteren Verlauf des Weges. Hinter einer Wegbiegung bot sich ihnen plötzlich ein überraschendes Bild. Ein Handelskarren hielt nur wenige Dutzend Schritte vor ihnen mitten auf dem Weg, umringt von einer Gruppe bewaffneter, recht verlumpt daherkommender Gestalten. Eine mit einem Schwert bewaffnete Person in leichtem Lederzeug hatte sich direkt vor dem Ochsengespann aufgebaut, um ihm den Weg zu versperren. Drei Gestalten waren gerade dabei die Säcke auf der Ladefläche zu durchwühlen. Der Kutscher hatte indes abwehrend die Hände gehoben, während er offensichtlich von einer verwegen dreinschauenden Frau mit einer leichten Armbrust bedroht wurde. Ein großer grobschlächtiger Mann der schräg hinter dem Wagen stand, erblickte die Neuankömmlinge fast sofort und rief seinen Spießgesellen eine laute Warnung zu.
 
Fast gleichzeitig reagierte die überraschte Räuberbande. Die leichte gerüstete Person dreht sich nur kurz um, wobei sie für die Greifenfurter als Frau mittleren Alters erkennbar wurde, und wandte sich augenblicklich zur Flucht in den nahen Wald. Die Räuberin mit der Armbrust gab aus der Drehung einen ungezielten Schuss in Richtung der Ritter ab und folgte, ohne sich weiter umzublicken. Ein bärtiger Geselle mit einem Jagdbogen stob hinter dem Wagen hervor in die entgegengesetzte Richtung davon und schlug sich in die Büsche, gefolgt von dem Hünen, der den Warnruf ausgestoßen hatte. Auch die drei Plünderer auf dem Wagen gaben Fersengeld. Der letzte jedoch blieb mit dem Fuß an der Karrenwand hängen, stürzte kopfüber auf den Pfad und blieb regungslos liegen.
 
Wulfhelm und Gerion hatten indes ihren Pferden die Sporen gegeben und zogen beim Anritt mit geübten Griffen die Schwerter blank. So schnell sie auch waren, konnten sie doch nicht mehr verhindern, dass sich der Rest der Bande ins Unterholz absetzte. Am Handelskarren angekommen sprang Gerion behände aus dem Sattel, um den am Boden liegenden Räuber keine Gelegenheit zur Flucht zu geben, während der Keilholtzer wachsam in Richtung des Waldes sicherte.
 
„Schade, aus diesem hier werden wir nichts mehr rausbekommen.“ Der Sturmfelser entspannte sich und blickte nun auch in Richtung Unterholz, während er mit seinem ehemaligen Schwertvaters sprach. „Der hat sich beim Sturz den Hals gebrochen.“
 
„So ein Pech aber auch“, kommentierte der Wildermarkveteran lakonisch. „Dabei hätte ich zu gerne erfahren, wo sich der Bau dieses Gesindels befindet.“ Er wartete noch ein paar Augenblicke, um sich davon zu überzeugen, dass die übrigen Räuber tatsächlich Fersengeld gegeben hatten, und sah sich dann nach dem verängstigten Kutscher um.
 
„Phex sei gepriesen, Hohe Herren! Ihr kamt gerade zur rechten Zeit.“ Mit zitternden Händen kauerte er sich auf den Kutschbock und nestelte an einem Trinkschlauch, den er in der Aufregung nicht aufbekam. Gerion kam ihm zu Hilfe, schnupperte kurz daran und lächelte, als er den typischen Geruch eines Gerstengebräus wahrnahm. „Seid bedankt, Herr. Ich dachte mein letztes Stündlein hätte geschlagen!“
 
„Das haben wir ja nun erfolgreich verhindern können.“ Wulfhelm hatte sein Pferd einmal im Kreis geführt und dann neben den Karren gelenkt, um mit dem Kutscher zu sprechen. „Aber sag, kamen dir diese Gestalten irgendwie bekannt vor? Oder hat es in der Gegend früher schon einmal Überfälle gegeben? So eine Bande taucht ja nicht aus dem Nichts auf. Da sie nicht beritten waren, müssen sie eigentlich irgendwo in der Nähe einen Unterschlupf haben.“
 
„Ich wünschte ich hätte darauf eine Antwort, Herr.“ Der Händler nahm noch einen Schluck und überlegte angestrengt. „Natürlich hört man immer wieder von Überfällen. Davor ist man auf der Straße nie gefeit. In den letzten Götterläufen hat es tatsächlich einige Karren in dieser Gegend erwischt. Mal auf dieser Route hier, mal auf der hinter Hornbach nach Waldstein. Aber es war nie so schlimm, dass sich die hohen Herrschaften in Randersburg, Camdenburg oder Rallerau groß damit beschäftigt hätten.“
 
„Was es für diejenigen die überfallen werden natürlich nicht weniger schlimm macht“, warf Gerion spitzzüngig ein.
 
„Da habt Ihr vollkommen Recht, Herr“, pflichtete der Händler aus ganzen Herzen bei. „Aber sagt, was verschafft mir das Glück, dass Aves Euch just zu meiner Rettung schickte?“
 
„Wir sind auf der Durchreise nach Luring.“ Wulfhelm blickte sich um und in diesem Moment erschien das erste Kressenburger Ochsengespann an der Wegbiegung. „Sind den ganzen Weg aus Greifenfurt über den Elfenpfad durch den Wald gekommen, deswegen die große Bedeckung. Sag, der nächste Ort ist doch nicht mehr weit entfernt, oder?“
 
„In Richtung Luring. Nein, nur etwas mehr als zwei Meilen, dann kommt ihr nach Waldenrath. Ein großer Marktflecken mit fast siebenhundert Seelen.“
 
„Wirklich dreist, dass diese Bande so nah an einem so großen Ort zugeschlagen hat. Die müssen sich wirklich sicher gefühlt haben.“
 
„In Zukunft werden sie wohl vorsichtiger sein.“ Der Keilholtzer wandte sich an den Kutscher. „Hilf Ritter Gerion den Toten auf deinen Wagen zu legen. Auf unseren ist kein Platz. Wir nehmen ihn mit nach Waldenrath und übergeben ihn den Bütteln.“
 
„Natürlich Herr, das ist mir tatsächlich sehr Recht. Ich hätte heute sowieso nicht mehr allein weiterreisen wollen. Liefern wir diesen Lump ab und morgen schaue ich, dass ich einen Wagenzug finde, dem ich mich nach Rallerspfort anschließen kann.“ Eilfertig sprang er vom Kutschbock. Gemeinsam mit dem Sturmfelser war es ein Ding weniger Augenblicke den leblosen Körper des unglücklichen Räubers auf die Ladefläche zu verfrachten.
 
„Gut, dann dreh dein Gespann und unsere Wagen werden sich anschließen.“ Wulfhelm wendete sein Pferd, um den Kressenburger Karren entgegenzureiten. „Gerion, übernimm die Spitze. Ich werde Ingmar indes erklären, was hier gerade vorgefallen ist.“
 
===Kapitel 2===
In Waldenrath erweckte der Einzug der Kressenburger nicht wenig aufsehen. Bis man am Marktplatz vor dem Wachgebäude der Stadtbüttel angekommen war, hatte sich eine beachtliche Menschentraube hinter dem Wagenzug versammelt. Der herbeieilende Weibel der Wachen war merklich irritiert ob der Vorgänge. Als er von Ritter Wulfhelm über die Umstände aufgeklärt worden war, ließ er sogleich einen Burschen in die Taverne am anderen Ende des Marktplatzes laufen, um zwei zufällig anwesenden Ritter aus Randersburg hinzuzubitten. Nach wenigen Minuten hatten auch diese sich an dem Handelskarren mit der Leiche des unglücklichen Räubers eingefunden.
 
„Praios zum Gruße!“ Der streng dreinblickende Ritter um die vierzig blickte mit deutlichem Missfallen auf die Szenerie. „Was haben wir denn hier?“
 
„Wulfhelm von Keilholtz ist mein Name, der meiner Gefährten Ingmar von Keilholtz und Gerion von Sturmfels“, stellte Wulfhelm als der Älteste die Kressenburger vor. „Wir sind als Bedeckung für einen Handelszug aus Greifenfurt hierhergekommen. Mit wem haben wir das Vergnügen?“ Bei der Frage schaute bewusst die jüngere Ritterin an, welche sich einen halben Schritt hinter dem forschen Rittersmann gehalten hatte.
 
„Hagen von Rallerau, Hauptmann der Randersburger Garde!“, antwortete dieser wieder mit befehlsgewohnter Stimme. „Dies hier ist Ritterin Jeswine von Pfortenstein, ebenfalls in den Diensten des Pfalzgrafen von Randersburg. Was also ist hier vorgefallen?“, kam er ohne Umschweife auf seine vorherige frage zurück.
 
„Wir wurden Zeugen, wie dieser Händler hier von einer Gruppe Räuber überfallen wurde. Als sie unser gewahr wurden gaben sie Fersengeld. Jener hier aber fiel unglücklich vom Wagen, den er gerade plündern wollte und brach sich das Genick.“ Der Keilholtzer stellte fest, dass sich die Pfortensteinerin im Hintergrund einen süffisanten Blick auf den Toten erlaubte.
 
„Wohlan, ihr habt wohlgetan und ich danke euch im Namen des Pfalzgrafen für euer Einschreiten.“ Er sah sich zu den Wachsoldaten um. „Weibel, hängt diesen Leichnam in Sichtweiter der Stadt am Waldrand auf. Als Mahnung und Warnung für jene, die versucht sein sollten es seinen Taten gleichzutun.“
 
Die Büttel beeilten sich der Anweisung des Rallerauer Ritters nachzukommen.
 
„Verzeiht, aber ich hielte es für sinnvoll, wenn die hohen Herren und nach Randersburg begleiten würden, um Herrn Udilbert persönlich von den Ereignissen zu berichten.“ Jeswine wandte sich von Hagen an Wulfhelm. „Die Raubüberfälle haben in den letzten Monden merklich zugenommen und ich bin mir sicher, unser Dienstherr hätte da die eine oder andere Frage, die er euch gerne persönlich stellen würde.“
 
„Da habt Ihr nicht Unrecht. Der Herr von Hardt packt die Dinge gerne selbst an.“ Hagen sah Wulfhelm fast herausfordernd an. „Wollt ihr uns also begleiten?“
 
„Gerion und ich werden Euch sehr gerne folgen. Ritter Ingmar wird jedoch beim Handelszug verbleiben und Sorge tragen, dass unsere Waren unbeschadet Luring erreichen.“ Er sah wie such der Widerspruch in Hagens Gesicht regte und fuhr fort, bevor er unterbrochen werden konnte. „Mein Vetter war bei dem Scharmützel ohnehin in der Nachhut und hat keinen der entflohenen Räuber zu Gesicht bekommen. Er könnte sowieso nur wiedergeben, was wir ihm über diese Leute erzählt haben.“
 
„In diesem Fall macht es wirklich keinen Sinn diesen Handelszug aufzuhalten, Herr von Rallerau. Meint Ihr nicht?“ Jeswine wartete das knappe Nicken des Hauptmanns kaum ab, bevor sie sich mit einem gewinnenden Lächeln wieder an Wulfhelm richtete. „Wenn ihr zwei mit uns kommt die den Kampf ausgefochten habt, wird dies vollkommen genügen.“
 
===Kapitel 3===
Wulfhelm war angenehm überrascht. Der knorrige Pfalzgraf aus dem Windhag imponierte ihm mehr als er offen zugeben mochte. Er versteckte sich nicht hinter Prunk und Protz, war klar in seinen Ansagen und ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Ordnung und Sicherheit in dem ihm übertragenen Lehen seine wichtigste Aufgabe waren. Die Kaiserin hätte sich kaum einen besseren Verwalter ihrer Krongüter in Randersburg wünschen können. Sicherlich wäre er als Diplomat zum Lieblichen Feld denkbar ungeeignet, aber hier wo es um ehrliche harte Arbeit und zupackendes Handeln ging, war er in seinem Element.
 
„Wir müssen also den Zwölfen danke, dass Ihr gerade zufällig in der Nähe wart“, fasst Udilbert die Geschichte der Greifenfurter gerade knapp zusammen. „Das gefällt mir nicht! Ich hasse es, die Dinge dem Zufall zu überlassen. Zumal uns diese immer dreister werdenden Überfälle Silber kosten, die am Ende des Götterlaufs in der Truhe der Kaiserin fehlen. Hauptmann Rallerau, warum waren Sie und Ritterin Pfortenstein nicht zur Stelle?“
 
Der angesprochene nahm Haltung an und blickte zerknirscht drein, während er antwortete. „Wir hatten Weisung über Camden bis Waldenrath zu patrouillieren und über Hornbach zurückzukehren. Der grenznahe Straßenabschnitt nach Rallerspfort lag dieses Mal nicht in unserem vorgegebenen Aufgabenbereich.“
 
„Ich verstehe. Also schon wieder. Schon wieder!“ Wütend schlug der Pfalzgraf seine rechte Faust in die linke Handfläche. Dann erkannte er die fragenden Blicke der beiden Gäste aus Kressenburg. „Diese Bande ist raffiniert. Sie unterlaufen unsere Verteidigung, schlagen Finten, sind immer dort wo wir gerade nicht sind. Es ist zum aus der Haut fahren!“ Wie ein gefangener Berglöwe tigerte er ein paar Mal vor seinem Schreibtisch hin und her. „Es ist egal wie oft wir unsere Routen verändern, es ist egal in welchem Rhythmus wir patrouillieren oder welche meiner Ritter ich aussende. Immer schlagen sie uns, schlagen sie mir, ein Schnippchen!“
 
„Wenn Ihr erlaubt“, begann Wulfhelm und zögerte kurz, bis ein kurzes Nicken Udilberts ihn aufforderte weiterzusprechen. „Ich habe viele Götterläufe in der Wildermark zugebracht. Ritter Gerion hier war in dieser Zeit mein Knappe. Das Aufspüren solcher Banden zählte dabei zu unseren täglichen Aufgaben bei dem schweren Versuch diesem der Gesetzlosigkeit anheimgefallenen Landstrich wieder Ordnung und Frieden zu bringen. Wir erwarten meinen Vetter erst in ein paar Wochen zurück aus Luring. Bis dahin möchten wir Euch gerne unsere Dienste anbieten und bei der Beseitigung dieses Problems behilflich sein. Erwartet bitte keine Wundertaten, aber vielleicht finden wir einen Hinweis, der bisher übersehen wurde.“
 
„Ein frischer unverstellter Blick auf ein altes Bild, hm?“ Udilbert rieb sich den Dreitagebart am Kinn. „Wohlan, wenn dies Euer Wunsch ist. Ich wäre töricht die mir so freimütig angebotene Hilfe auszuschlagen. Ihr sollt auf der Randersburg Kost und Logis erhalten, bis Ihr uns verlassen müsst. Ritter Rallerau! Kümmert Euch darum, jetzt!“ Der Hauptmann stand wieder stramm, grüßte ab und entfernte, sich ohne die Miene zu verziehen. „Ritterin Pfortenstein, ich erteile euch die Aufgabe unseren Gästen alles zu erzählen und zu erklären, was für das Aufgreifen dieser verfluchten Bande notwendig ist. Ich wünsche Resultate! Ritter Keilholtz, Ritter Sturmfels, viel Erfolg.“
 
Jeswine, die ihren Vorgesetzten sehr gut kannte, wusste, dass sie die Schreibstube jetzt zu verlassen hatten. Sie gab den Greifenfurtern mit einem knappen Nicken zu verstehen, dass sie vorgehen sollten, und schloss am Ende hinter ihnen die Tür.„Na dann kommt mal mit. Ich hoffe euch ist klar, worauf ihr euch da eingelassen habt. Der Hardt belohnt gute Arbeit und treue Dienste immer, aber wehe, wenn ihr ihn enttäuscht.“ Mit einem freundlichen Lächeln fügte sie dann hinzu: „Ach ja, wenn wir nicht beim alten Hardt sind, könnt ihr mich gerne einfach Jeswine nennen.“
 
===Kapitel 4===
Ein paar Stunden später saßen die drei Ritter zusammen im Scriptorium der Randersburg. Aldemar von Radewitz, der Sekretär des Pfalzgrafen, hatte ihnen auf ihren Wunsch hin alle Schriften zusammengetragen, welche sich in den letzten zwölf Götterläufen im Zusammenhang mit Raubüberfällen angesammelt hatten. Aufgeteilt auf die Jahrgänge, ergab sich tatsächlich schnell ein Bild, welches zu den bisherigen Aussagen passte. Denn die Pergamentstapel wurden für die letzten fünf Götterläufe beständig dicker.
 
„Ich denke wir können die Suche eingrenzen“, meinte Gerion in Anbetracht der vielen Schriftsstücke. Er blickte kurz zum Keilholtzer, der bestätigend brummte.
 
„Die letzten sechs Götterläufe sollten reichen.“ Aldemar trat heran und sammelte die nicht benötigten Schriften sorgsam wieder ein. „Haben wir eine Karte der Randersburger Lande?“, fragte Wulfhelm an den Radewitzer gerichtet.
 
Dieser nickte. „Ich werde sie holen, wenn Ihr dies wünscht.“
 
„Ja bitte, ich kenne mich in Randersburg nicht aus und ich muss, wissen wie sich diese Meldungen auf die verschiedenen Ecken der Baronie verteilen.“ Der Sekretär ließ sie mit einem stummen Nicken allein. „Sehr gut. Jeswine, Gerion, ihr fangt mit den aktuellen Meldungen an, ich kümmere mich zuerst um die alten Sachen.“
 
„Schon klar“, stichelte der Sturmfelser gegen seinen ehemaligen Schwertvater und pustete theatralisch durch. „Du willst nur nicht so viel lesen müssen. Aber ist wahrscheinlich besser so, sonst sitzen wir nächstes Jahr noch hier.“
 
Jeswine kicherte überrascht los. „Verzeiht, Wulfhelm, ich wollte euch nicht auslachen.“ Ein wenig beschämt wegen ihrer mangelnden Selbstbeherrschung wurden ihre Wangen rot und sie schlug die Augen nieder.
 
„Schon gut, der Knabe da gibt einfach gerne damit an, dass er schneller lesen kann als sein alter Lehrmeister.“ Mahnend hob er den Zeigefinger in Richtung von Gerion. „Mit dem Schwert versohle ich dir trotzdem noch jederzeit den Hosenboden, Jüngelchen.“
 
„Friede, Wulfhelm, Friede“, grinste dieser und hob abwehrend die Hände. „Lass uns anfangen.“


"Hiermit eröffne ich die einundsiebzigste ordentliche Sitzung des Rates der Stadt Kressenburg. Ich stelle fest, dass die Ratsmitglieder vollzählig erschienen sind. Ebenfalls anwesend ist seine Wohlgeboren, Stadtvogt Kasimir von Kieselholm, als Vertreter seiner Hochgeboren, Baron Ardo von Keilholtz. Die Mitschrift der Sitzung wird angefertigt von der Gesellin Rahjamunde von Schroffenstein-Grünfels. Als Gast des Rates ist zudem anwesend Seine Gnaden Angarimm."
„Sehr gut“, meinte die Pfortensteinerin, die sich wieder gefangen hatte. „Bis Herr von Radewitz mit der Karte zurück ist, fragt mich sonst einfach, wenn euch nicht klar ist, welcher Ort zu welchem Lehen gehört.


Nach den zeremoniellen Eröffnungsworten durch den Ratsmeister und Kressenburger Zwergenältesten Durac, Sohn des Dugramm, nahmen alle Stadträte auf ihren Stühlen Platz.
Der Keilholtzer nahm das erste Schriftstück in die Hand und überflog es. „Ich habe da gleich was. Wo liegt dieses Bronau?“


"Erster Punkt der Tagesordnung ist die Verkündung des Jahresorakels für die Kressenburger Lande, welches Seine Gnaden Angarimm im Gebet gesandt wurde. Bitte Euer Gnaden, lasst uns an der Weisheit Ingerimms teilhaben."
Nach ein paar Minuten gesellte sich Aldemar von Radewitz wieder zu ihnen und brachte die gewünschte Karte. Sie breiteten diese auf dem großen Eichentisch vor sich aus und begannen die Meldungen grob zuzuordnen. Als alle Pergamente verteilt waren ergab sich ihnen ein recht klares Bild.


Gemessenen Schittes trat Angarimm in die Mitte des Saales:
„Das hier ist die Reichsstraße, richtig?“, vergewisserte sich Wulfhelm und deutete auf die dicke Linie, welche die Randersburger Land von Ost nach West in eine nödliche und eine südliche Hälfte teilte.


"Die Esse glüht. Zorn treibt sie an. Wo zuvor nur Glut springen Flammen empor, heißer als je zuvor. Der flackernde Schein der Esse erleuchtet den Pfad in die Zukunft, welcher der Esse entspringt und lässt ihn golden strahlen. Asche wirbelt empor, sinkt hernieder und bedeckt den goldenen Pfad. Der Wind regt sich, denn ein Sturm ist vorrüber und ein Sturm zieht auf. Der Wind hebt die Asche und offenbart erneut den Pfad. Er hat sich gegabelt. Der eine Pfad strahlt weiter golden, der andere ist pechschwarz und bedeckt von Blut. Welchen Pfad die Zukunft nimmt ist noch ungewiss. Die Esse glüht."
„Genau“, bestätigte Jeswine. „Hier sind dann die Randersburg, Hornbach, Nuzell, Ettingen, Trullenheim und Waldenrath.“ Erklärend deutete sie auf die größeren Ortschaften der pfalzgräflichen Lande.


Monoton trug der Ingerimm-Geweihte das Jahresorakel vor. Als er geendet hatte, gab es ein lautes Murmeln im Saal. Wie Durac erwartet hatte, verunsicherten die düsteren Worte die meisten Anwesenden zutiefst. Auch ihn hatten die Visionen seines Sohnes zuerst erschreckt. Doch nachdem sie die ganze Nacht über der Deutung und Bedeutung der einzelnen Bilder zugebracht hatten, hatte er sich etwas beruhigt. Die Bilder waren sicherlich ein Grund zur Sorge, aber gewiss kein Grund in Angst zu verfallen. Unruhige Zeiten würden kommen, aber das wusste man nun und konnte sich entsprechend darauf vorbereiten.
„Auf der Reichsstraße haben wir erwartungsgemäß fast gar nichts., warf Gerion ein. „Aber wir haben eine massive Häufung firunwärts.


"Ruhe bitte meine Freunde." Durac schlug mit dem zeremoniellen Schmiedehammer auf den Tisch und sofort ebbte das Gemurmel ab. "Natürlich klingen die Visionen Seiner Gnaden erst einmal nach schweren Zeiten für uns. Doch nichts spricht dafür, dass das Orakel mit aller Bestimmtheit das Schicksal der Kressenburger Lande offenbart. Ich bin mit Seiner Gnaden einer Meinung, dass Feuer und Asche in seinen Visionen nicht für eine kriegerische Auseinandersetzung in Kressenburg stehen, sondern eher für die Gefahren, die uns, der Mark und dem Reich ganz allgemein drohen. Insofern sehe ich in dem Orakel vor allem eine Chance. Vor allem, da es die glühende Esse zu Beginn und am Ende hervorhebt."
„Das ist das Grenzgebiet nach Waldstein.“, erklärte die Hausritterin. „Die Familie Rallerau wacht seit Generationen über die einzige Handelsstraße über die Raller. Aber auf der Hälfte der Strecke liegt die Grafschaftsgrenze irgendwo mitten im Wald. Auch der Handelweg von Hornbach nach Rallerspfort, die Straße, auf der ihr auf die Räuber gestoßen seid, liegt meistenteils zu beiden Seiten von dichtem Wald gesäumt.


"Und was glaubt ihr, Meister Durac, könnte diese Chance sein, die sich uns hier aus einem wahrscheinlich aufkommenen kriegerischen Konflikt erwächst?" Der Ton von Ratsfrau Linde Zweihofer war wie gewohnt bissig. Sie war, wie sie gerne betonte, eine 'echte' Kressenburgerin und entstammte keiner der Koscher Familien, die einstmals mit Baron Ulfried von Kressenburg aus dem Fürstentum zugezogen waren. Zudem war sie fest davon überzeugt, dass sie und ihre Zunft der Stadtbauern, Müller und Bäcker die Stadt am Leben hielten. Dass statt ihrer die Schmiede und Zwerge den Stadtrat dominierten, wurmte sie sehr. "Aus Krieg und Brand ist noch nie etwas Gutes erwachsen!"
„Ich verstehe. Ein großes unübersichtliches Gebiet, aber nicht genug Leute, um alles sinnvoll mit Patrouillen abzudecken.“ Wulfhelm strich sich nachdenklich durch seinen schwarzen Vollbart. „Ich denke wir können die Meldungen aus dem praioswärtigen Teil abräumen, Herr von Radewitz.“ Adelmar nickte stumm und tat wie ihm geheißen. „Lasst uns diese Schriften hier noch einmal genauer durchsehen, ob wir es weiter eingrenzen können.


Durac hob beschwichtigend die Hände und antwortete in seinem gwohnt bedächtigen Ton. "Wir alle wissen inzwischen, dass sich die Finsterzwerge im Kamm regen und mehrfach Dörfer überfallen und niedergebrannt haben. Der Ork ist sowieso eine permanente Bedrohung. Selbst wenn der dunkle Feind im Osten bezwungen ist, bleiben an unseren Grenzen genug Gefahren, die es abzuwehren gilt. Genauso wie diese Gefahren ist uns auch bekannt, dass unser Herr Baron ein eifriger Verteidiger der Kressenburger Lande und der Mark ist. In den letzten Götterläufen sind die Aufträge an unsere Zunftbrüder und -schwestern für die herrschaftliche Waffenkammer stetig gestiegen. Wie alle hier aus dem letzten Zunftbericht ersehen konnten, sind die Auftragsbücher der Schmiede übervoll. Kein Kunde wartet gerne lange. Wenn wir die Aufträge nicht schaffen, werden sie anderswo vergeben."
„Was mir direkt auffällt, das sind fast alles neuere Meldungen.“ Gerion deutete auf das Datum des ersten Schreibens, welches er in der Hand hielt. „Das ganze alte Zeug, was du hattest, war gut verteilt, aber jetzt häuft es sich im Norden.


Geschäftsmäßig sah er auf das vor sich liegende Pergament mit der Tagesordnung. "Vor allem aus diesem Grund steht als zweiter Punkt der heutigen Tagesordnung der Antrag zur Zulassung eines weiteren Meisters der Rüst- und Waffenschmiede, da die derzeit zugelassenen Meister mit der Arbeit nicht hinterherkommen. Ich bin zudem davon überzeugt, dass die zu erwartenden unruhigen Zeiten zu weiteren lukrativen Aufträgen führen werden, die letztlich allen Gilden zu Gute kommen. Deswegen stelle ich den Antrag, dass wir heute nicht wie vorgesehen nur einen Altgesellen in den Rang eines Meisters erheben, sondern deren zwei."
Jeswine war schon einen Schritt weiter. Sie überflog schnell alle Schreiben nach dem Ort der Meldung und hatte bald drei große und ein paar kleinere Stapel geschichtet. „Hornbach, Waldenrath, Rallerau.“ Sie tippte die Orte auf der Karte an. „In diesem Dreieck haben wir die meisten Meldungen.


Wieder branndete Gemurmel auf. Man konnte leicht erkennen, dass sich die Ratsmänner und -frauen uneins waren. Wieder war es Ratsfrau Zweihofer, welche ihre Stimme zur Widerrede erhob. "Ich muss mich doch sehr wundern, Meister Durac! Eine weitere Schmiedewerkstatt sollte doch völlig ausreichen, um den aktuellen Auftragsüberhang zu bewältigen. Auf Grund des Orakels auf weitere Geschäfte zu hoffen, halte ich für sehr gewagt. Wenn diese Zeiten der Unsicherheit, die Ihr in dem Orakel erkannt haben wollt tatsächlich eintreffen, können sie genauso gut den Fernhandel zum Erliegen kommen lassen. Dann sitzt ihr Schmiede am Ende des nächsten Götterlaufs auf einem Berg von Schwerter, Piken, Helmen und Kettenhemden für die ihr keinen Abnehmer mehr findet. Eure Meister werden keine Aufträge und Einkünfte mehr haben und müssen durch die Zunftkasse versorgt werden. Solche Unvernunft hätte ich gerade von Euch nicht erwartet! Wir sollten lieber beim Baron einen Antrag stellen, weitere Felder in Stadtnähe roden zu lassen. Kressenburg ist nach wie vor viel zu sehr davon abhängig, Getreide aus dem Norden der Baronie und den benachbarten Baronien zu beziehen. Sollte das nächste Jahr wirtschaftlich schlecht laufen, halte ich es für das Beste, wenn in dieser Richtung vorgesorgt ist."
Wulfhelm nickte anerkennend. „Sehr gut! Wir wissen also, wo diese Bande operiert. Jetzt müssen wir überlegen, wie sie es anstellen auf diesem recht begrenzten Gebiet nie erwischt zu werden.


"Natürlich besteht ein Restrisiko, Meisterin Zweihofer, das will ich nicht verhehlen. Aber manchmal muss man etwas wagen um zu gewinnen. Und seid versichert, dass die Schmiedezunft für eventuelle schlechte Zeiten finanziell gut gewappnet ist." Durac gönnte sich ein hintersinniges Lächeln, dass Linde Zweihofer wohl verstand. Es war ein offenes Geheimnis, dass die Zunft der Schmiede in Kressenburg über mehr Silber in den Kassen verfügte als der Baron selbst. "Ich stimme Euch aber insofern zu, dass die permanente Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln auch bei wachsender Anzahl Handwerker gewährleistet sein muss. Deswegen werde ich Euren Vorschlag im Protokoll aufnehmen lassen, dass wir in der nächsten Sitzung über einen Antrag zur Erweiterung der landwirtschaftlichen Nutzfläche in der Gemarkung der Stadt abstimmen."
„Tja, dann werden wir uns die Berichte wohl sehr gründlich durchlesen müssen.“ Der Sturmfelser seufzte gequält.


"Ich freue mich, dass Ihr in diesem Punkt einsichtig seid und werde den Antrag natürlich mit Freuden unterstützen. Trotzdem bleibe ich bei meiner Meinung, dass zwei neue Meister der Schmiedezunft mindestens einer zu viel sind." Fast trotzig verschränkte die die Arme vor der Brust und lehnte sich in das weiche Polster ihres Stuhles zurück.
„Wenn Ihr wünscht, bin ich dabei gerne behilflich“, meldete sich der Sekretär zu Wort, der gerade damit fertig geworden war die zuletzt aussortierten Schriftrollen wegzuräumen.


"Wohlan, ich glaube wir haben dann alle bedenkenswerten Einwände vernommen. Ich bitte sodann um Handzeichen, wer dem Antrag, zwei weitere Schmiedemeister zu ernennen, zustimmt."
„Aber gerne doch!“ Der Keilholtzer machte eine einladende Handbewegung und deutete auf einen freien Schemel am Tisch. „Achtet auf alles, was gehäuft vorkommt. Irgendein Muster müssen wir finden.


Durac selbst hob die Hand und mit ihm die anderen Schmiedemeister und Zwerge. Auch der Vertreter der Händlergilde stimmte für den Vorschlag. Die Müllerin Jolande Habemus schien ebenfalls zustimmen zu wollen, doch nach einem Seitenblick auf das verkniffene Gesicht ihrer Zunftmeisterin, beließ sie es dabei sich mit der erhobenen Hand eine Haarsträhne hinters Ohr zu schieben und sie sodann wieder sinken zu lassen. Der alte Zwerg nahm dies amüsiert zur Kenntnis, benötigte er ihre Stimme für seinen Antrag doch schon gar nicht mehr.
Über ein Stundenglas verging. Das Rascheln von Pergament und das gelegentliche Räuspern eines der Ritter waren fast die einzigen Geräusche in der Schreibstube. Der Radewitzer war mit seinem Stapel als Erster fertig geworden, obgleich es der höchste gewesen war, und blickte erwartungsvoll in die Runde, der noch immer angespannt lesenden Ritter.


"Ich stelle fest, dass der Antrag mit fünf Stimmen, bei zwei Gegenstimmen, angenommen wurde. Herr Stadtvogt, wollt Ihr gegen den Beschluss einen Einspruch anmelden?"
„Ich denke ich habe etwas gefunden“, sagte Adelmar ruhig. Sofort hatte er die Aufmerksamkeit der anderen. Wulfhelm schien dabei fast erleichtert zu sein, den Blick vom Pergament nehmen zu können. „Diese Schreiben hier sind alle von der Stadtwache in Hornbach gezeichnet. Aber offenbar wollte keiner der geschädigten Händler nach Hornbach. Die Überfälle erfolgten sämtlich, nachdem sie Hornbach gen Waldstein oder Rallerspfort verlassen hatten. Interessanterweise wurden zumeist recht wertvolle Transporte überfallen, da ist kaum ein Raubzug dabei, der das Risiko nicht wert war. Außerdem“, ergänzte er, „soweit es in den Berichten vermerkt ist, kamen die Überfallenen zuvor über die Angbarer Reichsstraße, zumeist aus der Reichsstadt Hirschfurt.“


Der Kieselholmer hatte sowohl das Orakel als auch den Rest der Sitzung interessiert aber schweigend verfolgt. Sicherlich hätte er sich zu Wort melden und einmischen können, aber ihm war nicht daran gelegen sich mit dem Rat der Stadt anzulegen, wenn es nicht sein musste. Sollten die Bürgerlichen ihre kleinen Freiheiten haben und auskosten. Solange sie sich in diesem Gremium gegenseitig aufrieben, gab es weniger unzufriedenes Gemurmel in Richtung des Barons. Außerdem nahmen ihm der Stadtrat und die Zünfte eine Menge Verwaltungsarbeit ab, für die er sonst Beamte aus der herrschaftlichen Kasse hätte bezahlen müssen.
Gerion blätterte schnell durch die Schreiben der Büttel aus Waldenrath, welche er vor sich liegen hatte. „Passt auffallend“, bestätigte er knapp „Die wollten alle nach Rallerspfort und kamen aus Hornbach.


"Nein, Meister Durac. Ich bin davon überzeugt, dass Seine Hochgeboren diesen Entschluss begrüßen wird. Ich werde zudem bezüglich der Ackerflächen für Euch vorfühlen, denn auch diesen Vorschlag halte ich persönlich für sinnvoll."
Jeswine und Wulfhelm, die den Stoß der Schreiben aus Rallerau gelesen hatten, sahen sich überrascht an. „Verblüffend“, meinte die Ritterin. „Mir ist auch kein Vorfall untergekommen, wo ein Händler aus Waldstein kommend überfallen wurde. Dir Wulfhelm?“


"Sehr schön, damit wäre das entschieden. Möge unser Entschluss der Stadt und unseren Zünften weiteren Wohlstand bringen. Kommen wir nun zum nächsten Punkt der Tagesordnung..."
Der Greifenfurter schüttelte nur nachdenklich den Kopf. Sein Finger wanderte über die eingezeichnete Reichsstraße auf der Landkarte und blieb auf Hornbach liegen.


===Kapitel 2===
„Sie haben einen Informanten. Wenn nicht in Hornbach selbst, dann irgendwo entlang der Reichsstraße. Außerdem vermute ich schon die ganze Zeit einen Maulwurf hier auf der Randersburg, sonst hätten sie in all den Götterläufen längst einmal erwischt werden müssen.“ Er sah den anderen dreien nacheinander in die Augen als er fortfuhr. „Wir können dieser Bande eine Falle stellen, aber außer uns darf nur der Pfalzgraf von diesem Plan erfahren.“
Ende Praios 1043 BF, Burg Kressenburg
 
Adelmar lächelte hintersinnig. „Ich danke Euch für euer Vertrauen Ritter Wulfhelm. Ihr kennt mich kaum und wollt mich doch mit einbinden.“
 
„Wärt Ihr die undichte Stelle, hättet Ihr uns kaum auf diese Fährte gebracht. Und falls es nicht klappt, seid Ihr danach mein Hauptverdächtiger“, fügte er knurrig hinzu. „Also folgendermaßen, als Erstes brauchen wir zwei einfach Reitpferde, die uns nach Luring bringen…“
 
===Kapitel 5===
Zwischen Tirolspappeln und Steintal, Grenze zur Baronie Waldfang
 
„Vergiss nicht Ingmar, wenn wir gleich in Steintal einkehren, sind wir Helme und Noreg. Du hast das Kommando und du denkst daran, dich mit dem Namen deiner Frau zu schmücken.“
 
„Glaubst du wirklich, dass dieser Aufwand notwendig ist?“ Der Greifenfurter Ritter trug einen Wappenrock mit den ungewohnten Farben der Familie Kesselstein. „Das ist schon sehr phexisch für meinen Geschmack. Zumal ihr euren Stand verleugnet.“
 
„Wir müssen diese Bande nun einmal täuschen, vor allem ihren Informanten. Deswegen bleiben wir bis Waldenrath zwei einfach Fuhrknechte. Wenn unsere Wagen zu schwer bewacht erscheinen, lassen sie uns womöglich passieren, egal wie teuer unsere Waren sind.“ Belehrend hob Wulfhelm den Zeigefinger. „Das darf nicht passieren. Wir wissen nicht, wo sich ihr Versteck befindet, also müssen wir sie dazu bringen uns anzugreifen.“
 
„Aber dieser Umweg ist riesig! Wir machen fast eine Rundreise durch die ganze Grafschaft.“
 
„Wir müssen nun einmal über Hirschfurt und die Reichsstraße nach Hornbach kommen“, warf Gerion ein. „Wir dürfen nicht riskieren dem Informanten versehentlich durch die Lappen zu gehen.“
 
„Genau. Wir mögen drei Tage verloren haben, weil wir über die Luringer Höhen und durch Schwarztannen gereist sind. Aber da wir nicht wissen, wo genau der Informant auf dieser Strecke lauert, müssen wir nun einmal den ganzen Weg gehen.“
 
„Mir gefällt es trotzdem nicht, euch das gefährlichste Stück allein reisen zu lassen.“ Ingmars Miene verriet deutlich, wie unglücklich er mit dieser Anweisung Wulfhelms war. „Ich komme mir vor wie ein Verräter.“
 
„Wie gesagt, wir dürfen auf keinen Fall zu wehrhaft erscheinen. Vier Fuhrknechte für die zwei schweren Wagen brauchen wir nun einmal. Aber die Bande hat nur etwa ein halbes Dutzend Leute. Hätten sie deutlich mehr, wären sie nicht Hals über Kopf geflohen und hätten sich gegen Gerion und mich zur Wehr gesetzt. Deswegen musst du uns in Hornbach verlassen und über Randersburg gen Firun reiten. Mit sechs oder sieben dieser verlumpten Gesellen kommen wir schon zurecht. Zumal unsere beiden Kutscher ab Hornbach jeder ihre Armbrust versteckt bereit haben werden. Die Räuber hier haben einfach nicht den Kampfeswillen wie die Wildermärker“, fügte er mit verächtlichem Ton hinzu.
 
„Wohl gesprochen!“ Aus Gerons Stimme klang die Vorfreude auf den bevorstehenden Kampf heraus. „Sorge du nur dafür, dass du mit Jeswine und unseren Pferden in Waldenrath auf uns wartest, damit mir gleich weiterreisen können, falls sich diese Strauchdiebe doch nicht blicken lassen.“
 
„So, und jetzt ist Ruhe.“ Wulfhelm deutete nach vorn, wo hinter dem nächsten Hügel die ersten Hütten von Steintal in Sicht kamen. „Denkt daran Bemerkungen über unsere Ladung fallen zu lassen. Ich gehe zwar nicht davon aus, dass sich das Netz der Bande von Randersburg bis hierher erstreckt, aber im Zweifelsfall ist es eine gute Übung für die nächsten Tage.“
 
===Kapitel 6===
Sie hatten das Dorf Haselstein vor einer knappen Stunde passiert, als die Räuber plötzlich aus dem Unterholz zu beiden Seiten auftauchten. Scheinbar nach dem gleichen Muster wie bei dem verhinderten Überfall ein paar Wochen zuvor näherten sie sich den Wagen. Die Frau mit dem Schwert, welche wohl die Anführerin war, stellte sich breitbeinig auf den Weg, um die Ochsen zu stoppen. Schräg neben ihr eilte die Armbrustschützin heran, um Kutscher und Wagenknecht des ersten Wagens, in diesem Fall Wulfhelm mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze, in Schach zu halten. Beim hinteren Wagen übernahm die Sicherung der Bogenschütze, während die übrigen drei Banditen sich mit Speer, Knüppel und Dolchen bewaffnet um die Wagen verteilten.
 
„Ihr seid jetzt schön brav, dann passiert keinem etwas!“, tönte die Hauptfrau mit kratziger Stimme. „Einfach sitzen bleiben und die Hände da, wo ich sie sehen...“
 
Der Rest der Worte ging in einem erschrockenen Keuchen unter, denn Wulfhelm nutzte das Überraschungsmoment und seinen Höhenvorteil aus. Die Frau mit der Armbrust hatte sich leichtsinnigerweise zu nah an den Wagen gestellt und mit einer schnellen Bewegung trat der Keilholtzer die vorgehaltene Waffe zur Seite. Der Schuss löste sich und der Bolzen grub sich tief in das dicke Holz der Karrenwand neben ihm. Mit einem schnellen Griff zog er das blanke Schwert aus dem Leinenbündel hinter sich und ließ sich vom Kutschbock rutschen. Die Schützin wich instinktiv vor ihm zurück, doch als er ihr nachsetzen wollte, hörte er den Wutschrei der Anführerin hinter sich. Also ließ der die Frau mit ihrer entladenen Armbrust laufen und wandte sich der größeren Gefahr zu.
 
Gerion auf dem hinteren Wagen hatte nur auf dieses Signal gewartet. Auch er zog sein Schwert aus einem Stoffbündel hervor und sprang behände zwei Räubern entgegen, welche ihm mit Speer und Dolchen gegenüberstanden. Anselm, der Kutscher, der neben dem Sturmfelser gesessen hatte, reagierte als nächstes. Mit einem vorher geübten Griff in die Ladefläche hinter sich, holte er eine schussbereite leichte Armbrust hervor. Ohne zu zögern, legte er auf den Bogenschützen an, der sich gerade berappelte. Fast zeitgleich lösten sich die Geschosse. Der Pfeil zischte ohne Schaden anzurichten einen halben Schritt am Kutscher vorbei, während sein Bolzen sich tief in den Oberschenkel des Banditen grub. Brüllend vor Schmerz brach dieser zusammen. Im nächsten Moment stürzte aber auch Anselm mit einem Schmerzensschrei vom Bock und hielt sich den stark blutenden Oberarm. Die Räuberin mit den Dolchen hatte einen davon nach ihm geworfen, bevor Gerion sie hatte abhalten können.
 
Baldur, der zweite Kutscher, hatte nun auch endlich seine leichte Armbrust schussbereit. Der letzte Bandit, ein bulliger Typ, den man gut statt eines Ochsen in ein Joch hätte spannen können, hatte sich mit halb erhobener Stachelkeule unentschlossen noch kaum vom Fleck bewegt, da er sich offenbar nicht entscheiden konnte an welcher Stelle er eingreifen sollte. Doch nahm er sehr wohl die Bewegung des Kutschers wahr und als dieser auf ihn schoss sprang er unerwartet geschickt zur Seite. Der Bolzen streifte ihn lediglich an der Schulter und eher wütend als verwundet rappelte er sich wieder auf. Baldur fluchte über den schlechten Schuss, griff nach dem groben Knüppel zu seinen Füßen und stieg mit geübten Bewegungen vom Bock, um dem Angreifer die Tracht Prügel zu verpassen, die er seiner Meinung nach mehr als verdient hatte.
 
Die Anführerin der Bande hatte indes erst wenige Hiebe mit Wulfhelm ausgetauscht, doch reichten diese ihr, um zu erkennen, dass sie hier an einen klar besseren Gegner geraten war. Einem Ausfall des Keilholtzers konnte sie mit Mühe ausweichen und nutzte den gewonnenen Abstand, um sich mit einem lauten Rückzugsbefehl auf den Lippen zur Flucht zu wenden. Die restlichen Banditen ließen sich das nicht zweimal sagen. Der mit dem Speer zwang Gerion mit einem wilden Stoß zum Zurückweichen, dann drehten er und seine Spießgesellin sich um und rannten in den Wald. Der bullige Kerl mit der Stachelkeule ließ unterdessen von Baldur ab, den er bereits bis zurück an die Karrenwand gedrängt hatte und verschwand in die andere Richtung. Lediglich der sich noch immer vor Schmerzen windende Bogenschütze lag auf dem Waldboden neben dem hinteren Wagen.
 
„Wulfhelm, komm her, wir haben einen! Und Anselm blutet wie ein Schwein!“
 
„Orkendreck! Ja ist gut, ich komme!“ Wulfhelm erhaschte einen letzten Blick auf die Flüchtenden, griff dann nach dem Leinentuch, in welchem sein Schwert verborgen gewesen war und eilte damit zum hinteren Wagen. „Baldur!“, herrschte er im Vorbeirennen den zweiten Kutscher an. „Pass auf, dass sich der Angeschossene da nicht davonwieselt! Ich habe Fragen!“
 
Die kampferfahrenen Ritter entfernten mit geübten Handgriffen den tiefsitzenden Wurfdolch und innerhalb weniger Minuten war der unglückliche Kutscher verbunden. Der Keilholtzer hieß ihn sich vorerst an eines der großen Wagenräder zu lehnen und zu ruhen, während er zusammen mit dem jungen Sturmfelser den gefangenen Räuber verhören wollte.
 
„Nun zu dir Bursche!“ Grob packte er ihn unter den Schultern, zwang ihn auf die Beine und drückte ihn mit dem Rücken an die Karrenwand. „Oho, ich erkenne dich doch! Du hast uns vorgestern in der Taverne in Blaustein das Bier ausgeschenkt!“ Wulfhelm schnalzte mit der Zunge. Hier war also derjenige, der für die Bande die Handelszüge ausgespäht hatte. „Der Bolzen sitzt gut und du wirst verbluten, wenn dir nicht schnell geholfen wird. Also verschwende deine und meine Zeit nicht und sage mir einfach, für wen ihr arbeitet. Wer ist euer Auftraggeber?“
 
„Der Ritter…“, jammerte der Räuber erbärmlich. „Bitte lasst mich runter… argh!“
 
Wulfhelm hatte den Kragen fester gepackt und ihn einmal durchgeschüttelt. „Welcher Ritter? Gib mir den Namen, dann bin ich sogar bereit dich mit zum nächsten Peraine-Tempel zu schleppen.“ Gnädig ließ er den Verwundeten sich wieder setzen und ging vor ihm in die Hocke, um ihm eindringlich in die Augen sehen zu können. Gerion stand mit finsterer Miene und verschränkten Armen auf der anderen Seite.
 
„Rothbert! Ritter Rothbert von Hold… ARGH…“ Mit einem schmatzenden Geräusch grub sich ein Bolzen in die Brust des Gefangenen. Ein Schmerzensschrei, dann sackte er tödlich getroffen zur Seite. Wulfhelm wich eilig zurück und drehte sich zum Wald.
 
Gerion hatte bereits reagiert. Er rief Baldur an seine Seite und stürmte das Schwert voran ins Unterholz. Nach ein paar Minuten kehrten sie jedoch unverrichteter Dinge wieder zurück.
 
„Keine Chance ohne Spürhund. Das Unterholz ist einfach zu dicht.“ Wütend trat der Sturmfelser gegen das nächste Karrenrad. „Was machen wir jetzt?“
 
„Wir setzen den Weg wie besprochen bis Waldenrath fort. Wir haben einen Namen. Ritter Rothbert von Holdirgendwas. Jeswine wird sicherlich etwas damit anzufangen wissen. Außerdem liegt der nächste Peraine-Tempel auch dort, da können wir gleich Anselm zu einer Geweihten bringen.“
 
„Sehr gut.“ Der jüngere Ritter sah sich kurz um. „Baldur, hilf mir den Toten zu verladen. Vielleicht erkennt ihn jemand und kann uns noch mehr zu ihm sagen. Ansonsten freut sich die Büttel in Waldenrath sicherlich, dass sie noch einen zur Warnung aufhängen können.“
 
===Kapitel 7===
Nachdem die Dinge in Waldenrath geregelt waren und Ingmar mit Karren gen Greifenfurt aufgebrochen war, ritten Wulfhelm, Gerion und Jeswine über Camden zurück nach Randersburg. Zu ihrer Überraschung, aber auch Freude hörten sie, dass auch Ritter Rothbert seit dem Vorabend auf der Burg weilte. Nach einem kurzen Rapport beim Pfalzgrafen, entschied dieser seine Ritter und Hofgeweihten zur Klärung der Angelegenheit im Rittersaal zusammenzurufen.
 
Udilberth von Hardt hatte den Saal freiräumen lassen. Tische und Bänke waren an die Seitenwände geschoben. Am Kopfende des Saales, unter dem großen Wappenbanner Randersburgs, waren ein paar gepolsterte Lehnstühle aufgestellt, auf denen der Pfalzgraf selbst nebst Gattin zu seiner Linken Platz nahm. Zu seiner Rechten saßen dagegen die Geweihten des Herrn Praios, Audora von Ystar, und der Herrin Rondra, Albin von Radewitz. Ganz außen hatte man an einem kleinen Tisch samt Schemel aufgestellt, an welchem der pfalzgräfliche Sekretär Aldemar von Radewitz als Schreiber fungierte. Die Ritter des Hofes hatten sich indes auf den Bänken zu beiden Seiten zusammengefunden.
 
„Meine Herrschaften, Ihr fragt Euch sicherlich, warum ich Euch zusammenrufen ließ“, eröffnete Udilbert die Versammlung ohne große Einleitung. „Es ist keine Kleinigkeit wie Ihr Euch sicherlich denken könnt. Um es kurz zu machen, es gilt Gericht zu halten über einen der Anwesenden.“
 
Ein Raunen ging durch den Saal. Ein jeder blickte seinen Nebenmann an, doch waren die meisten Blicke recht ratlos.
 
„Ritter Keilholtz!“, beendete Udilberts donnernde Stimme das eingesetzte Getuschel. „Tretet vor Uns und tragt Eure Klage vor.“
 
Wulfhelm erhob sich und das Getuschel der Höflinge setzte wieder ein. Außer ein paar Hausrittern war er niemandem bekannt und nur Gerion und Jeswine wussten was nun kommen sollte.
 
„Ihro Gnaden“, verneigte er sich zuerst vor der Geweihtenschaft, „euer Hochwohlgeboren von Hardt. Ich bin Wulfhelm von Keilholtz, Ritter aus Kressenburg, und ich erhebe Anklage gegen den Ritter Rothbert von Holdbrucken! Ich beschuldige ihn der Anstiftung und Unterstützung von Wegelagerei in den Randersburger Landen!“
 
„Das ist unerhört! Wie könnt Ihr es wagen?“ Ein stark ergrauter Mittfünfziger erhob sich sichtlich erzürnt von der gegenüberstehenden Bank. Sein Wappenrock zeigte zwei weiße Schwanenköpfe auf blauem Grund die einen goldenen Reif zwischen sich in den Schnäbeln hielten. „Wie kommt Ihr dazu mir dergleichen zu unterstellen? Was gibt Euch das Recht dazu? Ich kenne Euch überhaupt nicht!“
 
„Und ich kannte Euch bis zu diesem Zeitpunkt nicht.“, erwiderte der Greifenfurter ruhig. „Aber ich bin Euren Spießgesellen begegnet, als sie den Handelszug überfielen, für dessen Sicherheit ich meinem Dienstherrn, dem Baron von Kressenburg, verpflichtet war. Zumindest einer dieser Strolche stammte aus Eurem Lehen, dem Dorf Blaustein. Er nannte mir sterbend Euren Namen als Kopf hinter diesem Raubgesindel, welches, wie ich hier erfuhr, wohl schon seit einigen Götterläufen die Wege firunwärts der Stadt Hornbach unsicher macht.“
 
„Es ist unerhört!“, schimpfte der ältere Ritter weiter und wandte sich nun an den Pfalzgrafen. „Euer Hochwohlgeboren, ich verbitte mir derlei infame Unterstellungen von einem Dahergereisten! Zumal er seine Anschuldigungen auf Grundlage der angeblichen Aussage eines toten Gemeinen erhebt.“
 
„Wenn Ihr meinem Ehrenwort allein nicht glauben wollt, so rufe ich Ritter Gerion von Sturmfels auf.“ Wie auf Kommando erhob sich der Genannte und trat einen Schritt vor. „Er hat mich begleitet und kann die letzten Worte des Banditen ebenso bezeugen.“
 
„Es ist mir gleich, was dieser Lump Euch gesagt hat! Wenn er meinen Namen in diesem Zusammenhang erwähnte, war das eine Lüge, um mir zu schaden!“ Wieder ging ein Blick fast flehentlich zum Pfalzgrafen. „So weit kommt es wohl noch, dass ich meinen guten Namen durch jenen hier“, deutete er wild mit dem Zeigefinger auf Wulfhelm, „in den Dreck ziehen lassen muss.“
 
„Genug.“ Die Stimme der jungen Praiosgeweihten war nicht laut, doch genügte es vollkommen, um den Saal sofort zum Schweigen zu bringen. Audora erhob sich würdevoll und sah erst Rothbert und dann die Greifenfurter für einen langen Augenblick an. „Ritter Wulfhelm von Keilholtz, Ritter Gerion von Sturmfels, seid Ihr bereit vor dem Götterfürsten einen Eid abzulegen, dass Eure Worte der Wahrheit entsprechen?“
 
Die Angesprochenen senkten ehrerbietig ihr Köpfe. Ohne sich zuvor anzusehen, antworteten sie fast zeitgleich. „Das sind wir Euer Gnaden.“
 
„Ritter Rothbert von Holdbrucken“, fuhr die Geweihte fort, „seid Ihr bereit vor dem Götterfürsten einen Eid abzulegen, dass die gegen Euch erhobenen Anschuldigungen unwahr sind?“
 
„Euer Gnaden, ich erkenne wirklich nicht, warum das notwendig sein sollte. Meine Ehre als Ritter sollte hier nicht in Frage gestellt werden und…“
 
„Seid Ihr bereit Eure Unschuld zu beschwören?“ Audoras Stimme war eine ganze Spur schärfer geworden und schnitt dem Ritter förmlich das Wort ab.
 
„Euer Hochwohlgeboren“, wandte sich Rothbert flehentlich an den Pfalzgrafen, „das muss doch nicht sein. Ich habe Euch immer treu gedient…“
 
„GENUG!“ Diesmal hallte die Stimme der Praiosgeweihten wie Donnerhall durch den Rittersaal. Ohne Eile, fast lauernd konnte man es nennen, ging sie auf den Blausteiner Ritter zu und blieb etwa einen Schritt vor ihm stehen. „Ich frage euch nun zum dritten und letzten Mal. Seid Ihr bereit Eure Unschuld im Namen des Götterfürsten zu bezeugen?“ Ihr Tonfall sprach von einer Autorität, die kein derischer Truppenführer und keine Landesherrin jemals erreichen würden.
 
Rothbert stand wie erstarrt vor der halb so alten und etwa einen halben Kopf kleineren Audora. Ihr Blick bohrte sich wie güldene Pfeile in seine Augen und ließ nicht zu, dass er sich von ihr abwandte. Seine Lippen begannen unkontrolliert zu beben. Er öffnete den Mund, um zu sprechen, doch statt einer Antwort sank er schluchzend vor ihr auf die Knie.
 
===Kapitel 8===
„Wie gut, dass Rothbert am Ende doch noch mit der Sprache rausgerückt ist, wo das Lager dieser Strauchdiebe finden zu finden ist.“ Jeswine drückte die niedrigen Äste des Unterholzes zur Seite, damit Wulfhelm und der Rest des Trupps hinter ihm ihr folgen konnten. „In diesem Gestrüpp hätten wir sie über Monde nicht gefunden. Bis dahin hätten sie längst Wind davon bekommen, dass sie aufgeflogen sind und sich über die Raller davon gemacht.“
 
„Das könnte wohl damit zusammenhängen, dass der Hardt dem Holdbrucken nochmal klar gemacht hat, dass er so oder so zu Boron geht“, meinte der Greifenfurter lapidar, „und ihm die Wahl gelassen hat zwischen dem ehrlosen Strick und dem gnädigen Richtschwert.“
 
„Ich glaube ja eher, dass es Ihro Gnadens Predigt von den ewigen Qualen in den Niederhöllen war, die ihn erwartet, wenn er vor dem Tode nicht angemessen Reue zeigt.“
 
„Sehr gut möglich.“ Der Keilholtzer hatte in seiner Zeit in der Wildermark zu viele menschliche Abgründe kennengelernt, um sich noch ernsthaft Gedanken über die möglichen Beweggründe von Verbrechern zu machen. „Mich beeindruckt übrigens Ritter Hagen. Sein Schwiegervater wurde der Wegelagerei und Hehlerei überführt und zum Tode verurteilt. Aber er war der Erste, der sich gemeldet hat, als es darum ging einen Trupp zusammenzustellen, der das Versteck ausräuchert.
 
„So wie ich ihn kennengelernt habe, ist er ein sehr ehrbarer Mann. Loyal und dem Pfalzgrafen treu ergeben. Dass der Holdbrucken seine Ehre wegen ein paar Spielschulden verkauft hat, hat den Hauptmann vermutlich mehr mitgenommen als jeden anderen auf der Randersburg.“
 
Das Geräusch einer sich lösenden Armbrustsehne ließ den erfahrenen Ritter instinktiv reagieren. Unvermittelt warf er sich auf Jeswine und rollte mit ihr ihn den nächsten Busch, während dort wo sich soeben noch der Kopf der Ritterin befunden hatte, ein Bolzen in den nächsten Baumstamm einschlug.
 
„Verzeih“, keuchte Wulfhelm, als er auf Jeswine zu liegen kam, sodass ihre Gesichter nur wenige Finger voneinander getrennt waren. „Ich hoffe du unterstellst mir jetzt keine Unsittlichkeit.“, fügte er in halb scherzhaftem Ton hinzu.
 
„Aufregend“, atmete sie schwer unter ihm, im Bewusstsein gerade haarscharf dem Tod entronnen zu sein. Dann verklärte sich ihr Blick etwas, als sie Wulfhelm tief in die Augen sah. „Und wahrlich nicht so unangenehm, dass du dich dafür entschuldigen müsstest.“
 
„Uh, nehmt euch ein Zimmer, bitte.“ Gerion hatte im Eilschritt aufgeschlossen, um zu sehen, ob seinem alten Schwertvater und der Pfortensteinerin nichts geschehen war. „Kommt schon, dafür habt ihr später noch Zeit. Jetzt müssen wir schauen, dass uns diese Halunken nicht entwischen.“
 
Neben ihnen liefen gerade leicht geduckt Hauptmann Hagen, Ritterin Quelina und Ritter Aldemar vorbei.
 
„Hardt, Ihr nach links, Plitzenberg, die rechte Flanke! Greifenfurt, nachrücken!“ Der Rallerauer war offenkundig in seinem Element und stürmte grimmig voran.
 
„Dann wollen wir mal.“ Gerion zog erst Wulfhelm auf die Beine und sammelte dann die beim Sturz verlorenen Schwerter der beiden auf.
 
Der Keilholtzer nahm indes die Ritterin an beiden Händen und hob sie mit Leichtigkeit hoch. Als Jeswine vom Sturmfelser ihr Schwert gereicht bekam, trat sie ganz nah an Wulfhelm heran, der zwischen ihnen stand, und griff um ihn herum. „Ich danke dir“, sagte sie leise, als ihr Lippen auf Höhe seines Ohrs waren. Es hätte für jeden der beiden Ritter gedacht sein können. Sie nahm ihr Schwert von Gerion entgegen, löste sich vom sprachlosen Wulfhelm und eilte den anderen Randersburger Rittern hinterher.
 
„Komm, alter Mann, oder bist du versteinert?“, holte der Sturmfelser seinen Schwertvater aus den Gedanken. „Es wäre doch eine Schande, wenn wir den Reichsforstern den ganzen Spaß allein überlassen.“
 
„Quatsche nicht und geh vor“, grummelte Wulfhelm mürrisch und nahm sein Schwert. „Los! Vermutlich werden wir wieder irgendeinen von ihnen retten müssen.“
 
{{Trenner Garetien}}
 
Der Kampf im Versteck der Diebe war kurz gewesen. Die von Hauptmann Rallerau befohlene Zangenbewegung hatte dafür gesorgt, dass keiner der übrigen fünf Räuber entkommen konnte. Gegen Hagen, Quelina und Aldemar hatten sie sich noch erfolgreich zur Wehr gesetzt, zumal sie nicht mehr hatten überrascht werden können, doch als dann noch Jeswine, Wulfhelm und Gerion in den Kampf eingegriffen hatten, waren die Verbrecher schnell überwältigt worden. Zwei wurden niedergemacht, drei lebend nach Randersburg gebracht, wo sie vom Pfalzgrafen nach kurzem Prozess zum Tod durch den Strang verurteilt wurden. Rothbert von Holdbrucken blieb wie ihm versprochen wurde das Spektakel auf dem Marktplatz erspart. Sein Richtplatz befand sich im Großen Hof der Randersburg, vor den Stufen des Rondra-Tempels. Nachdem Kopf und Rumpf des Ritters fortgeschafft worden waren, bat Udilbert von Hardt den Keilholtzer noch einmal in seine Schreibstube.
 
„Ritter Keilholtz“, fing der Pfalzgraf wie es seine Art war ohne große Umschweife an, sobald die Tür hinter ihnen verschlossen war. „ich möchte mich noch einmal persönlich dafür bedanken, dass Ihr Euch in dieser Angelegenheit so sehr bemüht habt. Ihr habt mir und damit dem Reich und der Kaiserin einen großen Dienst erwiesen. Aus diesem Grund möchte ich euch nun eine Frage stellen. Steht Ihr im Lehensverhältnis zu Eurem Herrn oder sonst irgendwem, oder seid Ihr ein einfacher Dienstritter?“
 
„Weder noch, Euer Hochwohlgeboren.“ Wulfhelm beeilte ob Udilberts fragenden Blick diesen Umstand aufzuklären. „Tatsächlich ist mein Dienstherr, der Baron zu Kressenburg, mein eigener Neffe, der Sohn meines ältesten Bruders. Als ich vor einiger Zeit, nach vielen Götterläufen des Dienstes für die Krone, mit nichts als meinem Pferd, meiner Rüstung und meinem Schwert aus der Wildermark heimkehrte, nahm er mich in seine Dienste, damit ich ein Auskommen und einen Sinn auf Dere habe und nicht etwa zum Heckenritter verkomme. Ich besitze seitdem nicht sehr viel mehr als zuvor, doch muss ich mir zumindest um die nächste Mahlzeit oder die Reparatur meiner Rüstung keine Sorgen mehr machen.“
 
„Ich verstehe.“ Der Hardt nickte wie zu sich selbst. „Das erleichtert mein Anliegen ungemein. Wie Euch nicht entgangen sein dürfte, stehe ich gerade vor der Aufgabe ein vakantes Lehen neu vergeben zu müssen. Ritter Holdbrucken hatte natürlich Kinder. Seine älteste Tochter lebt hier auf der Randersburg und ist die Gemahlin meines Gardehauptmanns, was Ihr vielleicht schon wisst. Doch ist mein Vertrauen in die Familie Holdbrucken gerade nicht das Beste, wie Ihr Euch sicherlich ebenfalls vorstellen könnt. Da es sich bei der Herrschaft Blaufelden zudem rein rechtlich um kein erbliches Lehen handelt, steht es mir frei jemanden Geeignetes für diese Position zu finden. Um es kurz zu machen, mir hat Euer Verhalten, Eure Tatkraft und Gewitztheit sehr imponiert. Ich erkenne in Euch einen erfahrenen, zupackenden Kämpen und da keine anderen Verpflichtungen Euch binden, biete ich Euch an, die Herrschaft Blaufelden zu übernehmen und damit mein Lehnsmann zu werden. De jure gehört die Herrschaft natürlich zum Junkertum Trullensee. Aber ich denke der Junker wird sich meiner ausdrücklichen Bitte, Euch für diese Position auszuwählen, nicht verwehren.“
 
Wulfhelm schwieg vor Überraschung, während der Pfalzgraf ihn erwartungsvoll ansah. „Puh, da habt Ihr mich mit heruntergelassenen Hosen erwischt, wie man so schön sagt“, brach es mit einem Grinsen aus ihm heraus, als er die Sprache wiederfand. „Da sage ich doch einfach mal ja, bevor Ihr es Euch anders überlegt. Mein Neffe wird den Verlust eines Dienstritter verschmerzen können. Wahrscheinlich ist er im Stillen eher froh darum mich von der Kostenliste zu streichen, auch wenn er das natürlich nie zugeben würde. Die Familie ist bei uns heilig.“ Der letzte Satz klang aus seinem Munde tatsächlich mehr wie eine heilige Formel als nach einem einfachen Sprichwort. „Wann kann ich meinen Lehnseid leisten?“
 
„Wenn Ihr das wünscht, sofort.“ Udilbert warf einen Blick auf den fast leeren Burghof. Nur ein paar Mägde waren noch damit beschäftigt mit Sand und Spänen die Blutlache vor dem Rondra-Tempel zu entfernen. „Ihro Gnaden Audora sollte inzwischen wieder in der Praios-Kapelle anzutreffen sein.“
 
===Kapitel 9===
Ehevertrag in der Taverne, Unruhige Zeiten Geschichte anpassen
 
===Kapitel 10===
Jeswines Schwangerschaft, Unruhige zeiten Geschichte anpassen
 
==Die Vertrauten der Krone==
===Kein Ordensland in Greifenhorst===
'''Phex 1046 BF, Greifenhorst'''
 
„Ardo, welch Freude dich wieder einmal in Greifenhorst begrüßen zu können.“
 
„Die Freude ist ganz meinerseits, Otwin. Es ist immer wieder schön, dein gastliches Heim zu betreten.“
 
„Zu viel der Ehre. Rustikal trifft es eher, und das weißt du ganz genau. Schließlich bist du oft genug im Garetischen, um das zu erkennen.“
 
„Ach weißt du, der ganze Prunk und die Annehmlichkeiten der garetischen Lustschlösser mag recht angenehm sein. Aber nur hier am Finsterkamm erkennen wir wirklich, wo unser von Praios gegebener Platz auf Dere ist und welche wichtige Aufgabe uns als Herren über das Land zufällt.“
 
„Wohl gesprochen. Komm doch herein und setzt dich erstmal. Das Bier steht schon bereit.“
 
„Das lasse ich mir nicht zweimal sagen.“
 
„Was verschlägt dich also nach Greifenhorst, kaum dass der Schnee die Wege freigegeben hat?“
 
„Zweierlei. Zum Ersten möchte ich Dich und die Deinen für Anfang Praios nach Kressenburg einladen. Der Praios-Tempel ist nach zwölf Götterläufen Bauzeit endlich fertiggestellt und zur Tempelweihe seid ihr alle herzlich willkommen.“
 
„Diesem freudigen Anlass werden wir natürlich nicht fernbleiben. Karina und ich werden auf jeden Fall anreisen.“
 
„Wunderbar! Die restlichen Garafanisten werde ich dieser Tage auch noch aufsuchen und persönlich einladen. Immerhin ist der Tempel dem Heiligen Garafan gewidmet und soll die spirituelle Heimstätte der Ritterschaft Greifenfurts werden.“
 
„Ich kann es kaum erwarten ihn in seiner Vollendung zu sehen. Das letzte Mal als ich dich besuchte, war man gerade erst dabei die Kuppel zu schließen.“
 
„Ja, die Zeit vergeht manchmal wie im Flug. Doch lass mich zu meinem anderen Anliegen kommen. Wie du weißt, stehe ich seit seiner Gründung dem Orden von Korgond vor und bin zuletzt in dieser Position auch bestätigt worden.“
 
„Das ist mir bekannt, auch wenn ich selbst nicht Teil dieser Gemeinschaft bin. Ich war bisher mit dem Finsterkamm und den Schwarzpelzen genug beschäftigt, als dass ich mich mit dieser Groß-Garetischen Geschichte hätte befassen können.“
 
„Das verstehe ich nur zu gut. Trotzdem sind jene Mysterien, mit denen sich der Orden befasst nicht unwichtig, basiert auf ihnen doch das Verständnis für eine gute Herrschaft über das Land. Ich bin mir bewusst, dass gerade in Greifenfurt viele Edle der Idee Groß-Garetiens skeptisch gegenüberstehen, weil sie es als politische Idee verstehen. Auch ich habe kein Verlangen danach ein Vasall des neuen Großfürsten zu werden und das ist auch nicht der Kerngedanke Korgonds. Das Land vom Kamm bis zu den Zacken mag durch Sumu mythisch verbunden sein, doch werden wir sicherlich nicht an den von Praios gegebenen Grenzen und Gesetzen rütteln.“
 
„So weit, so gut, doch wie kann ich dir nun behilflich sein?“
 
„Auf dem letzten Kapiteltreffen des Ordens, wurde beschlossen nach einer Heimstatt für die Korgonder zu suchen. Ein spirituelles Zentrum wie der Praios-Tempel in Kressenburg es für die Garafanisten sein wird.“
 
„Und das suchst du ausgerechnet bei mir in Greifenhorst, am Rande der Zivilisation?“
 
„Entsinnst du dich, dass ich im letzten Herbst mit einer Gruppe Edler im Kamm an den Grenzen deiner Lande unterwegs war, um den Gerüchten um eine Drachensichtung nachzugehen? Dabei stießen wir auf ein abgelegenes Tal in den Bergen, unweit eines Hirtendorfes.“
 
„Ja, ich habe deinen Brief erhalten. Es waren ja letztlich nur ein Meckerdrache und eine entlaufene Bauerntochter, die die Leute dort zum Narren gehalten haben.“
 
„So ist es. Doch in dem Tal, wo wir sie aufspürten, gab es auch uralte Trollruinen. Zudem liegt es auf einer jener mystischen Kraftlinien, welche der Orden zu ergründen versucht. Wir wissen ja nicht viel über die Trolle und ihr untergegangenes Reich, aber sie scheinen ihre Städte ganz bewusst auf diesen Linien errichtet zu haben.“
 
„Tatsächlich sind mir diese Trollsteine nicht unbekannt gewesen. So wie du sagst, sind sie dort seit Menschengedenken und meine Bauern halten sich vernünftigerweise fern davon.“


"Was da genau auf dem Erlgardsfeld geschehen ist, weiß ich auch nur aus Erzählungen. Nachdem es mich in der ersten Runde der Tjost erwischt hatte, habe ich die restlichen Turniertage damit zugebracht mich im Anwesen meines Schwiegervaters von den Verletzungen zu erholen. Meine Schulter hatte es böse erwischt musst du wissen. Ich hörte nur, dass der Hartsteener Erbe die holde Lechmin im Finale übel zugerichtet und sich hernach abfällig über sie geäußert hat. Auch nachdem bekannt geworden war, dass er ihr ungeborenes Kind getötet hatte, zeigte er keine Spur von Reue." Ingmar musste die Stimme wieder senken und räusperte sich kurz, als er feststellte, dass er sich gerade in Rage geredet hatte. "Über diese Unritterlichkeit waren wir Reichsforster verständlicherweise sehr verärgert, was letztlich zur Eskalation im Buhurt geführt hat. Wohl ein halbes Dutzend Hartsteener ist nachher mit dem Leichenkarren heimwärts gebracht worden. Nun ja, reden wir es nicht schön, auch das war nicht sehr ritterlich von den Reichsforstern. Aber das hätte alles verhindert werden können, wenn sich Odilbert einfach öffentlich entschuldigt hätte."
„Nun, eben jene Ruinen und ihre Lage machen das Hochtal für den Orden von Korgond aber interessant. Sie bieten eben jene mythische Verbindung zum Land, welche wir zu ergründen suchen. Deswegen hat mich das Kapitel bei unserem letzten Treffen damit betraut in dieser Sache bei dir vorzusprechen. Könntest du dir vorstellen das Tal und die umliegenden Ländereien mit dem Hirtendorf dem Orden zu übergeben? Denn natürlich würde es auch einige Arbeitskräfte und Erträge brauchen, um den Ordensstützpunkt aufzubauen und zu unterhalten.


"Stolz ist schon so manchem zum Verhängnis geworden." Ardos Blick war nachdenklich. Von den Reichsforstern, Ritter Danos' Erben, hatte so einen hinterhältigen Angriff als allerletztes erwartet. "Und die Hartsteener haben das hernach einfach so auf sich sitzen lassen?"
„Leider muss ich deine Bitte abschlagen und ich denke du weißt warum. Für jene in eurem Orden welche aus Garetien und Perricum stammen mag das keine große Sache sein. Doch du kannst sicherlich einschätzen, welchen Verlust die vergleichsweise mageren Einnahmen eines so kleinen Hirtendorfes in meine Kassen reißen würde.


"Was sollten sie tun? Nachdem sich der Staub gelegt hatte, brachen sie ihre Zelte ab und verließen Reichsforst auf dem kürzesten Wege. Immerhin hatten sie auch für die Sicherheit des Grafensohnes zu sorgen. Es gibt auch nach dem Buhurt manchen Ritter in Reichsforst, der dem Hartsteener Jüngling seine Tat nicht so schnell wird verzeihen wollen. Ich bin sicherlich nicht der Einzige, der die vom Turniergericht auferlegte Buße als zu gering erachtet. Auf jeden Fall wurde mein Schwiegervater am nächsten Tag in die Residenz bestellt und kam mit diesem Vertragsentwurf zurück. Es scheint, Graf Drego rechnet bald mit einer Art Vergeltung durch die Hartsteener und will sich schnellstmöglich dafür wappnen."
„Dessen bin ich mir wohl bewusst und meine Hoffnung war gering eine andere Antwort zu erhalten. Ich verstehe und akzeptiere deine Absage, doch bitte verstehe, dass ich fragen musste.


"Was meinst du Phexian?"
„Du hast gefragt, ich habe dir geantwortet. Damit soll es gut sein. Ich habe da aber auch noch eine Sache, bei der ich stattdessen dich um einen Gefallen bitten möchte.“


"Die Bedingungen sind hervorragend, wenn der Zeitraum bis zur ersten Lieferung auch knapp ist. Selbst wenn wir die Prozente für den Kesselsteiner abziehen, bleibt uns ein satter Gewinn. Graf Drego muss die Waffen und Rüstungen wirklich dringend benötigen."
„Nur zu, ich helfe gern, wenn es in meiner Macht steht.


"Können wir die Mengen überhaupt liefern, die die Reichsforster haben wollen?"
„Oh, ich bin mir sicher, dass es das tut. Meine Schwiegertochter erwartet ihr erstes Kind. So TSA will wird es irgendwann nach dem Jahreswechsel das Licht Deres erblicken.“


"Für die ersten Lieferungen sehe ich da gar kein Problem. Wie du weißt, haben wir gerade das Zeughaus mit neuen Rüstungen und Spießen für die Landwehr aufgerüstet. Die können wir schnell und mit Gewinn an Graf Drego senden. Den einen Götterlauf oder zwei werden es für uns auch die alten Spieße noch tun, zumal uns hier in Kressenburg gerade nicht wirklich von irgendwoher Gefahr droht. Der Finsterkamm ist fern, der Reichsforst still, der Schwarzpelz ruhig und für die Scharmützel mit de nFinsterzwergen wird es wohl kaum die Landwehr brauchen. Wir müssen jetzt natürlich mehr Eisen importieren und dafür sorgen, dass die Köhler mit allem was sie ab sofort herstellen die herrschaftlichen Schmieden beliefern. Dazu werden wir auch etwas in Vorkasse gehen müssen. Ein gewisses Risiko bleibt, aber wenn wir den Vertrag erfüllen, holen wir die Investition bis zum Jahresende um ein vielfaches wieder rein."
„Alle guten Wünsche für Mutter und Kind sind dir gewiss. Was genau brauchst du von mir?“


"Der Finsterkamm ist nie still und ruhig, auch wenn es so scheinen mag Phexian, und das weißt du genauso gut wie ich. Der Ork kommt, wenn nicht heute dann morgen. Aber ich gebe dir insofern Recht, dass ich bei meinen letzten Reisen in den Kamm keine Anzeichen für eine erhöhte Aktivität der Schwarzpelze entdecken konnte. Die Finsterzwerge sind tollkühn geworden wie es scheint, aber das ist ein Problem, dass die Grenzreiter und die Finsterwacht in den Griff bekommen müssen. Haben wir denn eigentlich genügend Reserven um in Vorkasse zu gehen, wie du so schön sagst?"
„Gerion und vor allem Adaque haben den Wunsch geäußert, dass du die Patenschaft über das Kind übernehmen mögest. Offenbar habt ihr seit den Traviafeierlichkeiten einen guten Draht zueinander. Auch ich würde mich geehrt fühlen, wenn du dem zukünftigen Erben von Greifenhorst als Oheim, und wenn die Zeit reif ist als Schwertvater, anleiten würdest.


"Viel ist es nicht, aber zur Not müssen wir Schuldscheine ausgeben. Schau mich nicht so an, ich weiß selbst, dass ich mich gegen so ein Gebaren sonst immer verwehrt habe, Aber mit den Gewinnen aus dem Vertrag sind die vor Jahresfrist wieder getilgt. Erst recht, wenn wir den Bonus für Mehrlieferungen einstreichen können. Überlass mir die Verhandlungen mit den Händlern und der Schmiedegilde. Ich werde alles in die Wege leiten."
„Die Ehre liegt ganz auf meiner Seite Otwin. Mit Freuden akzeptiere ich diese Bitte und Aufgabe.


"Nun gut Phexian, du weißt, ich vertraue dir in solchen Dingen immer. So eine Chance würde auch ich mir nur ungerne entgehen lassen. Ingmar, du wirst gleich morgen früh mit dem gesiegelten Vertrag zurück nach Luring reiten. Wir sollten Graf Drego nicht zu viel Zeit zu Überlegen geben, damit er es sich nicht doch noch anders überlegt."
„Wundervoll, sie werden glücklich sein das zu hören! Aber sieh, da kommen sie gerade. Du kannst es ihnen gerade selbst sagen.


==Auf dem Holzweg==
==Auf dem Holzweg==
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[[Greifenfurt:Praiomel von Kieselholm|Praiomel von Kieselholm]]
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===Ein Ritter in der Not===
'''Praios 1035 BF'''
''Auf dem Elfenpfad firunwärts von Kressenburg''
„Hainrich! Die bist und bleibst ein unnützer Tölpel!“ [[Greifenfurt:Heiltrud von Budenhog|Heiltrud von Budenhog]] funkelte ihren Kutscher wütend an. Sie mochte nicht groß von Statur sein und seit dem Banditenüberfall im letzten Götterlauf nur noch eine Hand haben, doch in ihrem Zorn flößte die hagere Endvierzigerin dem baumlangen Leibeigenen gehörig Angst ein. Mit gesenktem Kopf, seine Filzmütze zerknirscht in den Händen windend, stand er da und ließ die Standpauke über sich ergehen. „Erst fährst du die Kutsche zu Bruch und nun warten wir schon eine geschlagene Stunde, dass es endlich weitergeht. Glaubst du wir wollen die drei Meilen bis zur Stadt zu Fuß gehen?“
„Aber Mutter.“ Zögernd doch vernehmlich meldete sich eine zarte Stimme aus dem Inneren der Kutsche. „Die Jolande hat doch gescheut weil die Rotte Wildschweine vor uns über den Weg gelaufen kam. Dafür kann der Hainrich doch nichts. Er hat es immerhin geschafft die zerbrochenen Speichen zu reparieren.“
Verächtlich stieß Heiltrud die Reitgerte gegen die Kutschwand. „Das bringt uns überhaupt nichts, wenn er das Rad nicht wieder auf die Achse bekommt!“
„Bitte, hohe Dame, wenn Ihr Eurer Tochter erlauben würdet auszusteigen, dann könnte ich das schaffen…“ Der Zuspruch von ungewohnter Stelle ließ den Mann wider besseren Wissens ungefragt sprechen.
„Nein!“ Scharf zischte die Reitpeitsche und traf den Kutscher an der Schulter. „Sie wird sich wegen deiner Unfähigkeit nicht ihr Praiostagsgewand besudeln oder sich jetzt zur Mittagszeit dieser Hitze aussetzen. Überleg dir etwas, aber mach schnell!“
„Mutter?“ [[Greifenfurt:Ulmia von Keilholtz|Ulmia]] hatte die Gardine im Inneren der Kutsche beiseite geschoben um sich selbst ein Bild von den Reparaturen zu machen. „Dort hinten auf dem Hügel kommen zwei Reiter. Vielleicht können die uns helfen.“
„Zurück in die Kutsche, Kind!“ Hastig fuchtelte Heiltrud mit ihrem Stecken. „Wer weiß ob es nicht wieder Raubgesindel ist. Einer alten Schachtel wie mir werden sie schon nichts anhaben, aber wenn sie dich erblicken ist es um dich geschehen.“
Die Reiter die das Mädchen entdeckt hatte kamen schnell näher. Während sich Hainrich schützend vor das Fenster der Kutsche stellte und die Gardine fürsorglich zuzog, trat die ältere Edeldame den Neuankömmlingen forsch entgegen. Schnell stellten sich ihre Befürchtungen aber als unbegründet heraus, denn sie erkannte ein ihr bekanntes Wappen auf dem Waffenrock des Vorderen. Kurz darauf hatten die Reiter, ein junger Rittersmann und sein Waffenknecht, die Kutsche erreicht und zügelten ihre Pferde.
„Die Zwölfe zum Gruße hohe Dame. Ihr seht so aus, als könntet Ihr Hilfe gebrauchen.“ Ungezwungen stieg der junge Ritter von seinem Ross und trat näher.
„Ein paar starke gesunde Arme können wir brauchen, denn meinem Kutscher mangelt es an Kraft wie mir scheint.“ Heiltrud blieb vorsichtig. „Doch sagt, welchem Zweig der Familie Pilzhain entstammt ihr? Ich habe dieses Wappen seit meiner Jugend nicht mehr gesehen und muss gestehen Euch nicht zuordnen zu können junger Herr.“ Der Ritter krempelte indes die Ärmel seines Gewandes hoch und hieß seinen Begleiter abzusteigen. Offensichtlich wollte der Edelmann selbst Hand anlegen, was ihn in den Augen der alten Dame nicht gerade im Ansehen steigen ließ.
„[[Greifenfurt:Brin von Pilzhain|Brin von Pilzhain]] bin ich geheißen und der Baron zu Schnayttach bin ich wie mein Vater vor mir. Alrik und ich sind auf dem Weg zum Hochzeitsturnier von [[Greifenfurt:Ardo von Keilholtz|Baron Ardo]], wie Ihr wohl auch wenn ich recht annehme.“ Sich in die Hände spuckend gab er Hainrich und seinem Gefährten mit einem kurzen Nicken ein Zeichen. Brin und Alrik traten je an eine Seite der Kutsche und wuchteten das Gefährt nach oben. Aus dem Inneren war ob des plötzlichen Wandels der Lage ein erschrecktes Keuchen zu vernehmen. Die beiden Schnayttacher waren überrascht, doch ließ glücklicherweise keiner von beiden wieder los. Hainrich beeilte sich indessen das notdürftig reparierte Rad wieder auf die Achse zu schieben und mit einem Keil zu fixieren.
„Das dürfte bis zur Stadt halten.“ Zufrieden klopfte Brin die Hände aneinander. „Doch sagt, wer reist denn hier noch mit Euch?“
„Meine Tochter, Ulmia von Keilholtz, Euer Hochgeboren.“ Mit einem herrischen Blick schickte Heiltrud ihren Kutscher zurück auf seinen Platz. „Sie ist über meinen Mann, Boron habe ihn selig, eine entfernte Base des werten Barons von Kressenburg. Und ihr nehmt ganz recht an, dass wir zur Travienfeier geladen sind.“
Während die Mutter sprach, hatte sich die junge Edeldame im Inneren der Kutsche wieder gefangen und schob nun den Vorhang ihres Fensters beiseite, um ihren Retter in Augenschein zu nehmen. Der junge Ritter, der sich als Baron von Schnayttach vorgestellt hatte, gefiel ihr auf den ersten Blick ausnehmend gut, wenn seine Hände von der gerade erledigten Arbeit auch schmutzig und sein Wappenrock an einer Stelle eingerissen war.
„Seid ganz herzlich bedankt für Eure Hilfe, Hochgeboren.“ Ihre Stimme war auf Grund ihrer plötzlichen Schüchternheit sehr leise, doch klang sie klar und lieblich aus dem Inneren hervor.
„Keine Ursache, edle Dame. Ich komme nur meinen ritterlichen Pflichten nach“ Der junge Baron betrachtete das Mädchen mit dem liebreizenden Gesicht und der wohlklingenden Stimme einige Augenblicke länger als ziemlich und brachte sie damit zum erröten. Bei ihrer vornehmen Blässe fiel das besonders auf und brachte ihn zum Schmunzeln.
Ein hartes Räuspern Heiltruds lenkte Brin jedoch schnell wieder ab und ließ Ulmia ruckartig den Vorhang schließen. „Nun denn, Hochgeboren. Würdet Ihr uns eventuell die Ehre erweisen, uns bis in die Stadt Geleit zu geben? Es mag nicht mehr weit bis zur Kressenburg sein, aber wie wir gerade leidvoll erfahren mussten, ist man auch in den friedlichsten Landen nicht vor Unfällen und der Unfähigkeit seiner Leibeigenen gefeit.“ Hainrich auf dem Kutschbock zog instinktiv den Kopf weiter zwischen die Schultern.
„Ich bestehe darauf, hohe Dame.“ Brin beugte artig das Haupt. Galant half er Heiltrud dabei die Kutsche zu besteigen, nicht ohne einen schnellen Seitenblick auf Ulmia zu riskieren. „Ihr und die edle Jungfer sollt gänzlich unbeschadet euer Ziel erreichen. Dafür bürge ich mit meiner ritterlichen Ehre.“ Mit wenigen großen Schritten war er bei seinem Pferd und saß genauso rasch und gewand wieder im Sattel wie er abgestiegen war. „Auf Alrik, du übernimmst die Vorhut, aber bleib in Rufweite! Warne uns rechtzeitig wenn etwas den Weg stören sollte. Ich bleibe bei der Kutsche.“
Der Waffenknecht bestieg ebenfalls sein Pferd und auf ein Nicken des Pilzhainers hin gab der unglückliche Kutscher seinem Ross das Zeichen langsam anzuziehen. Das reparierte Rad knarrte zuerst bedenklich, doch nach den ersten Metern, als sich die Schmiere wieder besser verteilt hatte, tat es reibungslos seinen Dienst. Mit einem scharfen Pfiff trieb Hainrich das Pferd in den Trab, Alrik setzte sich an die Spitze und die nun fünfköpfige Reisegesellschaft setzte ihren Weg nach Kressenburg ungestört fort.


== DEUS VULT ==
== DEUS VULT ==

Aktuelle Version vom 15. September 2025, 17:52 Uhr

Das Erbe der Pfortensteiner

Ideensammlung Fortsetzung

- Ludolf von Pfortenstein bittet seinen Onkel Rondradan darum in die Rondra-Kirche eintreten zu dürfen, um das Vermächtnis seines Vaters fortzusetzen
- Rondradan verspricht es ihm, bittet ihn aber um Geduld, bis er die Erbfolge von Pfortenstein und Olbershag entsprechend geklärt hat
- die Vögtin Ysinthe von Pfortenstein bekommt das Junkertum Olbershag als Lehen in Aussicht gestellt, wenn ihre Tochter als alleinige Erbin der Purgation unterzogen wird und bei Rondradan Knappin wird
- Rondradan unterstützt Felian von Perainsgarten bzw. Lechmin von Rallerspfort bei der Zurückerlangung der Baronswürde von Rallerspfort, wofür er im Gegenzug wieder als Junker von Pfortenstein eingesetzt wird
- Ritterin Olmerga von Pfortenstein bleibt Vögtin zu Pfortenstein, solange Rondradan Landvogt von grfl. Rubreth ist

Erweiterte Wegelagerei

Kapitel 1

Wulfhelm und Gerion waren den zwei Kressenburger Ochsenkarren einiges voraus, während Ingmar die Nachhut übernommen hatte. Die Greifenfurter erwarteten nicht wirklich hier im ritterlichen Herzen des Reiches auf Probleme zu stoßen, aber ihre wertvolle Fracht aus verhütteten Metallen für die Luringer Spiegelmacherzunft ließ sie vorsichtig bleiben. Das sollte sich bald unerwartet zu ihrem Vorteil erweisen.

Gerade erst hatten die Ritter den Grenzstein zwischen den Baronien Rallerspfort und Randersburg hinter sich gelassen. An dieser Stelle zog sich ein Ausläufer des Reichsforstes bis fast an die Handelsstraße heran und verbarg den weiteren Verlauf des Weges. Hinter einer Wegbiegung bot sich ihnen plötzlich ein überraschendes Bild. Ein Handelskarren hielt nur wenige Dutzend Schritte vor ihnen mitten auf dem Weg, umringt von einer Gruppe bewaffneter, recht verlumpt daherkommender Gestalten. Eine mit einem Schwert bewaffnete Person in leichtem Lederzeug hatte sich direkt vor dem Ochsengespann aufgebaut, um ihm den Weg zu versperren. Drei Gestalten waren gerade dabei die Säcke auf der Ladefläche zu durchwühlen. Der Kutscher hatte indes abwehrend die Hände gehoben, während er offensichtlich von einer verwegen dreinschauenden Frau mit einer leichten Armbrust bedroht wurde. Ein großer grobschlächtiger Mann der schräg hinter dem Wagen stand, erblickte die Neuankömmlinge fast sofort und rief seinen Spießgesellen eine laute Warnung zu.

Fast gleichzeitig reagierte die überraschte Räuberbande. Die leichte gerüstete Person dreht sich nur kurz um, wobei sie für die Greifenfurter als Frau mittleren Alters erkennbar wurde, und wandte sich augenblicklich zur Flucht in den nahen Wald. Die Räuberin mit der Armbrust gab aus der Drehung einen ungezielten Schuss in Richtung der Ritter ab und folgte, ohne sich weiter umzublicken. Ein bärtiger Geselle mit einem Jagdbogen stob hinter dem Wagen hervor in die entgegengesetzte Richtung davon und schlug sich in die Büsche, gefolgt von dem Hünen, der den Warnruf ausgestoßen hatte. Auch die drei Plünderer auf dem Wagen gaben Fersengeld. Der letzte jedoch blieb mit dem Fuß an der Karrenwand hängen, stürzte kopfüber auf den Pfad und blieb regungslos liegen.

Wulfhelm und Gerion hatten indes ihren Pferden die Sporen gegeben und zogen beim Anritt mit geübten Griffen die Schwerter blank. So schnell sie auch waren, konnten sie doch nicht mehr verhindern, dass sich der Rest der Bande ins Unterholz absetzte. Am Handelskarren angekommen sprang Gerion behände aus dem Sattel, um den am Boden liegenden Räuber keine Gelegenheit zur Flucht zu geben, während der Keilholtzer wachsam in Richtung des Waldes sicherte.

„Schade, aus diesem hier werden wir nichts mehr rausbekommen.“ Der Sturmfelser entspannte sich und blickte nun auch in Richtung Unterholz, während er mit seinem ehemaligen Schwertvaters sprach. „Der hat sich beim Sturz den Hals gebrochen.“

„So ein Pech aber auch“, kommentierte der Wildermarkveteran lakonisch. „Dabei hätte ich zu gerne erfahren, wo sich der Bau dieses Gesindels befindet.“ Er wartete noch ein paar Augenblicke, um sich davon zu überzeugen, dass die übrigen Räuber tatsächlich Fersengeld gegeben hatten, und sah sich dann nach dem verängstigten Kutscher um.

„Phex sei gepriesen, Hohe Herren! Ihr kamt gerade zur rechten Zeit.“ Mit zitternden Händen kauerte er sich auf den Kutschbock und nestelte an einem Trinkschlauch, den er in der Aufregung nicht aufbekam. Gerion kam ihm zu Hilfe, schnupperte kurz daran und lächelte, als er den typischen Geruch eines Gerstengebräus wahrnahm. „Seid bedankt, Herr. Ich dachte mein letztes Stündlein hätte geschlagen!“

„Das haben wir ja nun erfolgreich verhindern können.“ Wulfhelm hatte sein Pferd einmal im Kreis geführt und dann neben den Karren gelenkt, um mit dem Kutscher zu sprechen. „Aber sag, kamen dir diese Gestalten irgendwie bekannt vor? Oder hat es in der Gegend früher schon einmal Überfälle gegeben? So eine Bande taucht ja nicht aus dem Nichts auf. Da sie nicht beritten waren, müssen sie eigentlich irgendwo in der Nähe einen Unterschlupf haben.“

„Ich wünschte ich hätte darauf eine Antwort, Herr.“ Der Händler nahm noch einen Schluck und überlegte angestrengt. „Natürlich hört man immer wieder von Überfällen. Davor ist man auf der Straße nie gefeit. In den letzten Götterläufen hat es tatsächlich einige Karren in dieser Gegend erwischt. Mal auf dieser Route hier, mal auf der hinter Hornbach nach Waldstein. Aber es war nie so schlimm, dass sich die hohen Herrschaften in Randersburg, Camdenburg oder Rallerau groß damit beschäftigt hätten.“

„Was es für diejenigen die überfallen werden natürlich nicht weniger schlimm macht“, warf Gerion spitzzüngig ein.

„Da habt Ihr vollkommen Recht, Herr“, pflichtete der Händler aus ganzen Herzen bei. „Aber sagt, was verschafft mir das Glück, dass Aves Euch just zu meiner Rettung schickte?“

„Wir sind auf der Durchreise nach Luring.“ Wulfhelm blickte sich um und in diesem Moment erschien das erste Kressenburger Ochsengespann an der Wegbiegung. „Sind den ganzen Weg aus Greifenfurt über den Elfenpfad durch den Wald gekommen, deswegen die große Bedeckung. Sag, der nächste Ort ist doch nicht mehr weit entfernt, oder?“

„In Richtung Luring. Nein, nur etwas mehr als zwei Meilen, dann kommt ihr nach Waldenrath. Ein großer Marktflecken mit fast siebenhundert Seelen.“

„Wirklich dreist, dass diese Bande so nah an einem so großen Ort zugeschlagen hat. Die müssen sich wirklich sicher gefühlt haben.“

„In Zukunft werden sie wohl vorsichtiger sein.“ Der Keilholtzer wandte sich an den Kutscher. „Hilf Ritter Gerion den Toten auf deinen Wagen zu legen. Auf unseren ist kein Platz. Wir nehmen ihn mit nach Waldenrath und übergeben ihn den Bütteln.“

„Natürlich Herr, das ist mir tatsächlich sehr Recht. Ich hätte heute sowieso nicht mehr allein weiterreisen wollen. Liefern wir diesen Lump ab und morgen schaue ich, dass ich einen Wagenzug finde, dem ich mich nach Rallerspfort anschließen kann.“ Eilfertig sprang er vom Kutschbock. Gemeinsam mit dem Sturmfelser war es ein Ding weniger Augenblicke den leblosen Körper des unglücklichen Räubers auf die Ladefläche zu verfrachten.

„Gut, dann dreh dein Gespann und unsere Wagen werden sich anschließen.“ Wulfhelm wendete sein Pferd, um den Kressenburger Karren entgegenzureiten. „Gerion, übernimm die Spitze. Ich werde Ingmar indes erklären, was hier gerade vorgefallen ist.“

Kapitel 2

In Waldenrath erweckte der Einzug der Kressenburger nicht wenig aufsehen. Bis man am Marktplatz vor dem Wachgebäude der Stadtbüttel angekommen war, hatte sich eine beachtliche Menschentraube hinter dem Wagenzug versammelt. Der herbeieilende Weibel der Wachen war merklich irritiert ob der Vorgänge. Als er von Ritter Wulfhelm über die Umstände aufgeklärt worden war, ließ er sogleich einen Burschen in die Taverne am anderen Ende des Marktplatzes laufen, um zwei zufällig anwesenden Ritter aus Randersburg hinzuzubitten. Nach wenigen Minuten hatten auch diese sich an dem Handelskarren mit der Leiche des unglücklichen Räubers eingefunden.

„Praios zum Gruße!“ Der streng dreinblickende Ritter um die vierzig blickte mit deutlichem Missfallen auf die Szenerie. „Was haben wir denn hier?“

„Wulfhelm von Keilholtz ist mein Name, der meiner Gefährten Ingmar von Keilholtz und Gerion von Sturmfels“, stellte Wulfhelm als der Älteste die Kressenburger vor. „Wir sind als Bedeckung für einen Handelszug aus Greifenfurt hierhergekommen. Mit wem haben wir das Vergnügen?“ Bei der Frage schaute bewusst die jüngere Ritterin an, welche sich einen halben Schritt hinter dem forschen Rittersmann gehalten hatte.

„Hagen von Rallerau, Hauptmann der Randersburger Garde!“, antwortete dieser wieder mit befehlsgewohnter Stimme. „Dies hier ist Ritterin Jeswine von Pfortenstein, ebenfalls in den Diensten des Pfalzgrafen von Randersburg. Was also ist hier vorgefallen?“, kam er ohne Umschweife auf seine vorherige frage zurück.

„Wir wurden Zeugen, wie dieser Händler hier von einer Gruppe Räuber überfallen wurde. Als sie unser gewahr wurden gaben sie Fersengeld. Jener hier aber fiel unglücklich vom Wagen, den er gerade plündern wollte und brach sich das Genick.“ Der Keilholtzer stellte fest, dass sich die Pfortensteinerin im Hintergrund einen süffisanten Blick auf den Toten erlaubte.

„Wohlan, ihr habt wohlgetan und ich danke euch im Namen des Pfalzgrafen für euer Einschreiten.“ Er sah sich zu den Wachsoldaten um. „Weibel, hängt diesen Leichnam in Sichtweiter der Stadt am Waldrand auf. Als Mahnung und Warnung für jene, die versucht sein sollten es seinen Taten gleichzutun.“

Die Büttel beeilten sich der Anweisung des Rallerauer Ritters nachzukommen.

„Verzeiht, aber ich hielte es für sinnvoll, wenn die hohen Herren und nach Randersburg begleiten würden, um Herrn Udilbert persönlich von den Ereignissen zu berichten.“ Jeswine wandte sich von Hagen an Wulfhelm. „Die Raubüberfälle haben in den letzten Monden merklich zugenommen und ich bin mir sicher, unser Dienstherr hätte da die eine oder andere Frage, die er euch gerne persönlich stellen würde.“

„Da habt Ihr nicht Unrecht. Der Herr von Hardt packt die Dinge gerne selbst an.“ Hagen sah Wulfhelm fast herausfordernd an. „Wollt ihr uns also begleiten?“

„Gerion und ich werden Euch sehr gerne folgen. Ritter Ingmar wird jedoch beim Handelszug verbleiben und Sorge tragen, dass unsere Waren unbeschadet Luring erreichen.“ Er sah wie such der Widerspruch in Hagens Gesicht regte und fuhr fort, bevor er unterbrochen werden konnte. „Mein Vetter war bei dem Scharmützel ohnehin in der Nachhut und hat keinen der entflohenen Räuber zu Gesicht bekommen. Er könnte sowieso nur wiedergeben, was wir ihm über diese Leute erzählt haben.“

„In diesem Fall macht es wirklich keinen Sinn diesen Handelszug aufzuhalten, Herr von Rallerau. Meint Ihr nicht?“ Jeswine wartete das knappe Nicken des Hauptmanns kaum ab, bevor sie sich mit einem gewinnenden Lächeln wieder an Wulfhelm richtete. „Wenn ihr zwei mit uns kommt die den Kampf ausgefochten habt, wird dies vollkommen genügen.“

Kapitel 3

Wulfhelm war angenehm überrascht. Der knorrige Pfalzgraf aus dem Windhag imponierte ihm mehr als er offen zugeben mochte. Er versteckte sich nicht hinter Prunk und Protz, war klar in seinen Ansagen und ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass die Ordnung und Sicherheit in dem ihm übertragenen Lehen seine wichtigste Aufgabe waren. Die Kaiserin hätte sich kaum einen besseren Verwalter ihrer Krongüter in Randersburg wünschen können. Sicherlich wäre er als Diplomat zum Lieblichen Feld denkbar ungeeignet, aber hier wo es um ehrliche harte Arbeit und zupackendes Handeln ging, war er in seinem Element.

„Wir müssen also den Zwölfen danke, dass Ihr gerade zufällig in der Nähe wart“, fasst Udilbert die Geschichte der Greifenfurter gerade knapp zusammen. „Das gefällt mir nicht! Ich hasse es, die Dinge dem Zufall zu überlassen. Zumal uns diese immer dreister werdenden Überfälle Silber kosten, die am Ende des Götterlaufs in der Truhe der Kaiserin fehlen. Hauptmann Rallerau, warum waren Sie und Ritterin Pfortenstein nicht zur Stelle?“

Der angesprochene nahm Haltung an und blickte zerknirscht drein, während er antwortete. „Wir hatten Weisung über Camden bis Waldenrath zu patrouillieren und über Hornbach zurückzukehren. Der grenznahe Straßenabschnitt nach Rallerspfort lag dieses Mal nicht in unserem vorgegebenen Aufgabenbereich.“

„Ich verstehe. Also schon wieder. Schon wieder!“ Wütend schlug der Pfalzgraf seine rechte Faust in die linke Handfläche. Dann erkannte er die fragenden Blicke der beiden Gäste aus Kressenburg. „Diese Bande ist raffiniert. Sie unterlaufen unsere Verteidigung, schlagen Finten, sind immer dort wo wir gerade nicht sind. Es ist zum aus der Haut fahren!“ Wie ein gefangener Berglöwe tigerte er ein paar Mal vor seinem Schreibtisch hin und her. „Es ist egal wie oft wir unsere Routen verändern, es ist egal in welchem Rhythmus wir patrouillieren oder welche meiner Ritter ich aussende. Immer schlagen sie uns, schlagen sie mir, ein Schnippchen!“

„Wenn Ihr erlaubt“, begann Wulfhelm und zögerte kurz, bis ein kurzes Nicken Udilberts ihn aufforderte weiterzusprechen. „Ich habe viele Götterläufe in der Wildermark zugebracht. Ritter Gerion hier war in dieser Zeit mein Knappe. Das Aufspüren solcher Banden zählte dabei zu unseren täglichen Aufgaben bei dem schweren Versuch diesem der Gesetzlosigkeit anheimgefallenen Landstrich wieder Ordnung und Frieden zu bringen. Wir erwarten meinen Vetter erst in ein paar Wochen zurück aus Luring. Bis dahin möchten wir Euch gerne unsere Dienste anbieten und bei der Beseitigung dieses Problems behilflich sein. Erwartet bitte keine Wundertaten, aber vielleicht finden wir einen Hinweis, der bisher übersehen wurde.“

„Ein frischer unverstellter Blick auf ein altes Bild, hm?“ Udilbert rieb sich den Dreitagebart am Kinn. „Wohlan, wenn dies Euer Wunsch ist. Ich wäre töricht die mir so freimütig angebotene Hilfe auszuschlagen. Ihr sollt auf der Randersburg Kost und Logis erhalten, bis Ihr uns verlassen müsst. Ritter Rallerau! Kümmert Euch darum, jetzt!“ Der Hauptmann stand wieder stramm, grüßte ab und entfernte, sich ohne die Miene zu verziehen. „Ritterin Pfortenstein, ich erteile euch die Aufgabe unseren Gästen alles zu erzählen und zu erklären, was für das Aufgreifen dieser verfluchten Bande notwendig ist. Ich wünsche Resultate! Ritter Keilholtz, Ritter Sturmfels, viel Erfolg.“

Jeswine, die ihren Vorgesetzten sehr gut kannte, wusste, dass sie die Schreibstube jetzt zu verlassen hatten. Sie gab den Greifenfurtern mit einem knappen Nicken zu verstehen, dass sie vorgehen sollten, und schloss am Ende hinter ihnen die Tür.„Na dann kommt mal mit. Ich hoffe euch ist klar, worauf ihr euch da eingelassen habt. Der Hardt belohnt gute Arbeit und treue Dienste immer, aber wehe, wenn ihr ihn enttäuscht.“ Mit einem freundlichen Lächeln fügte sie dann hinzu: „Ach ja, wenn wir nicht beim alten Hardt sind, könnt ihr mich gerne einfach Jeswine nennen.“

Kapitel 4

Ein paar Stunden später saßen die drei Ritter zusammen im Scriptorium der Randersburg. Aldemar von Radewitz, der Sekretär des Pfalzgrafen, hatte ihnen auf ihren Wunsch hin alle Schriften zusammengetragen, welche sich in den letzten zwölf Götterläufen im Zusammenhang mit Raubüberfällen angesammelt hatten. Aufgeteilt auf die Jahrgänge, ergab sich tatsächlich schnell ein Bild, welches zu den bisherigen Aussagen passte. Denn die Pergamentstapel wurden für die letzten fünf Götterläufe beständig dicker.

„Ich denke wir können die Suche eingrenzen“, meinte Gerion in Anbetracht der vielen Schriftsstücke. Er blickte kurz zum Keilholtzer, der bestätigend brummte.

„Die letzten sechs Götterläufe sollten reichen.“ Aldemar trat heran und sammelte die nicht benötigten Schriften sorgsam wieder ein. „Haben wir eine Karte der Randersburger Lande?“, fragte Wulfhelm an den Radewitzer gerichtet.

Dieser nickte. „Ich werde sie holen, wenn Ihr dies wünscht.“

„Ja bitte, ich kenne mich in Randersburg nicht aus und ich muss, wissen wie sich diese Meldungen auf die verschiedenen Ecken der Baronie verteilen.“ Der Sekretär ließ sie mit einem stummen Nicken allein. „Sehr gut. Jeswine, Gerion, ihr fangt mit den aktuellen Meldungen an, ich kümmere mich zuerst um die alten Sachen.“

„Schon klar“, stichelte der Sturmfelser gegen seinen ehemaligen Schwertvater und pustete theatralisch durch. „Du willst nur nicht so viel lesen müssen. Aber ist wahrscheinlich besser so, sonst sitzen wir nächstes Jahr noch hier.“

Jeswine kicherte überrascht los. „Verzeiht, Wulfhelm, ich wollte euch nicht auslachen.“ Ein wenig beschämt wegen ihrer mangelnden Selbstbeherrschung wurden ihre Wangen rot und sie schlug die Augen nieder.

„Schon gut, der Knabe da gibt einfach gerne damit an, dass er schneller lesen kann als sein alter Lehrmeister.“ Mahnend hob er den Zeigefinger in Richtung von Gerion. „Mit dem Schwert versohle ich dir trotzdem noch jederzeit den Hosenboden, Jüngelchen.“

„Friede, Wulfhelm, Friede“, grinste dieser und hob abwehrend die Hände. „Lass uns anfangen.“

„Sehr gut“, meinte die Pfortensteinerin, die sich wieder gefangen hatte. „Bis Herr von Radewitz mit der Karte zurück ist, fragt mich sonst einfach, wenn euch nicht klar ist, welcher Ort zu welchem Lehen gehört.“

Der Keilholtzer nahm das erste Schriftstück in die Hand und überflog es. „Ich habe da gleich was. Wo liegt dieses Bronau?“

Nach ein paar Minuten gesellte sich Aldemar von Radewitz wieder zu ihnen und brachte die gewünschte Karte. Sie breiteten diese auf dem großen Eichentisch vor sich aus und begannen die Meldungen grob zuzuordnen. Als alle Pergamente verteilt waren ergab sich ihnen ein recht klares Bild.

„Das hier ist die Reichsstraße, richtig?“, vergewisserte sich Wulfhelm und deutete auf die dicke Linie, welche die Randersburger Land von Ost nach West in eine nödliche und eine südliche Hälfte teilte.

„Genau“, bestätigte Jeswine. „Hier sind dann die Randersburg, Hornbach, Nuzell, Ettingen, Trullenheim und Waldenrath.“ Erklärend deutete sie auf die größeren Ortschaften der pfalzgräflichen Lande.

„Auf der Reichsstraße haben wir erwartungsgemäß fast gar nichts.“, warf Gerion ein. „Aber wir haben eine massive Häufung firunwärts.“

„Das ist das Grenzgebiet nach Waldstein.“, erklärte die Hausritterin. „Die Familie Rallerau wacht seit Generationen über die einzige Handelsstraße über die Raller. Aber auf der Hälfte der Strecke liegt die Grafschaftsgrenze irgendwo mitten im Wald. Auch der Handelweg von Hornbach nach Rallerspfort, die Straße, auf der ihr auf die Räuber gestoßen seid, liegt meistenteils zu beiden Seiten von dichtem Wald gesäumt.“

„Ich verstehe. Ein großes unübersichtliches Gebiet, aber nicht genug Leute, um alles sinnvoll mit Patrouillen abzudecken.“ Wulfhelm strich sich nachdenklich durch seinen schwarzen Vollbart. „Ich denke wir können die Meldungen aus dem praioswärtigen Teil abräumen, Herr von Radewitz.“ Adelmar nickte stumm und tat wie ihm geheißen. „Lasst uns diese Schriften hier noch einmal genauer durchsehen, ob wir es weiter eingrenzen können.“

„Was mir direkt auffällt, das sind fast alles neuere Meldungen.“ Gerion deutete auf das Datum des ersten Schreibens, welches er in der Hand hielt. „Das ganze alte Zeug, was du hattest, war gut verteilt, aber jetzt häuft es sich im Norden.“

Jeswine war schon einen Schritt weiter. Sie überflog schnell alle Schreiben nach dem Ort der Meldung und hatte bald drei große und ein paar kleinere Stapel geschichtet. „Hornbach, Waldenrath, Rallerau.“ Sie tippte die Orte auf der Karte an. „In diesem Dreieck haben wir die meisten Meldungen.“

Wulfhelm nickte anerkennend. „Sehr gut! Wir wissen also, wo diese Bande operiert. Jetzt müssen wir überlegen, wie sie es anstellen auf diesem recht begrenzten Gebiet nie erwischt zu werden.“

„Tja, dann werden wir uns die Berichte wohl sehr gründlich durchlesen müssen.“ Der Sturmfelser seufzte gequält.

„Wenn Ihr wünscht, bin ich dabei gerne behilflich“, meldete sich der Sekretär zu Wort, der gerade damit fertig geworden war die zuletzt aussortierten Schriftrollen wegzuräumen.

„Aber gerne doch!“ Der Keilholtzer machte eine einladende Handbewegung und deutete auf einen freien Schemel am Tisch. „Achtet auf alles, was gehäuft vorkommt. Irgendein Muster müssen wir finden.“

Über ein Stundenglas verging. Das Rascheln von Pergament und das gelegentliche Räuspern eines der Ritter waren fast die einzigen Geräusche in der Schreibstube. Der Radewitzer war mit seinem Stapel als Erster fertig geworden, obgleich es der höchste gewesen war, und blickte erwartungsvoll in die Runde, der noch immer angespannt lesenden Ritter.

„Ich denke ich habe etwas gefunden“, sagte Adelmar ruhig. Sofort hatte er die Aufmerksamkeit der anderen. Wulfhelm schien dabei fast erleichtert zu sein, den Blick vom Pergament nehmen zu können. „Diese Schreiben hier sind alle von der Stadtwache in Hornbach gezeichnet. Aber offenbar wollte keiner der geschädigten Händler nach Hornbach. Die Überfälle erfolgten sämtlich, nachdem sie Hornbach gen Waldstein oder Rallerspfort verlassen hatten. Interessanterweise wurden zumeist recht wertvolle Transporte überfallen, da ist kaum ein Raubzug dabei, der das Risiko nicht wert war. Außerdem“, ergänzte er, „soweit es in den Berichten vermerkt ist, kamen die Überfallenen zuvor über die Angbarer Reichsstraße, zumeist aus der Reichsstadt Hirschfurt.“

Gerion blätterte schnell durch die Schreiben der Büttel aus Waldenrath, welche er vor sich liegen hatte. „Passt auffallend“, bestätigte er knapp „Die wollten alle nach Rallerspfort und kamen aus Hornbach.“

Jeswine und Wulfhelm, die den Stoß der Schreiben aus Rallerau gelesen hatten, sahen sich überrascht an. „Verblüffend“, meinte die Ritterin. „Mir ist auch kein Vorfall untergekommen, wo ein Händler aus Waldstein kommend überfallen wurde. Dir Wulfhelm?“

Der Greifenfurter schüttelte nur nachdenklich den Kopf. Sein Finger wanderte über die eingezeichnete Reichsstraße auf der Landkarte und blieb auf Hornbach liegen.

„Sie haben einen Informanten. Wenn nicht in Hornbach selbst, dann irgendwo entlang der Reichsstraße. Außerdem vermute ich schon die ganze Zeit einen Maulwurf hier auf der Randersburg, sonst hätten sie in all den Götterläufen längst einmal erwischt werden müssen.“ Er sah den anderen dreien nacheinander in die Augen als er fortfuhr. „Wir können dieser Bande eine Falle stellen, aber außer uns darf nur der Pfalzgraf von diesem Plan erfahren.“

Adelmar lächelte hintersinnig. „Ich danke Euch für euer Vertrauen Ritter Wulfhelm. Ihr kennt mich kaum und wollt mich doch mit einbinden.“

„Wärt Ihr die undichte Stelle, hättet Ihr uns kaum auf diese Fährte gebracht. Und falls es nicht klappt, seid Ihr danach mein Hauptverdächtiger“, fügte er knurrig hinzu. „Also folgendermaßen, als Erstes brauchen wir zwei einfach Reitpferde, die uns nach Luring bringen…“

Kapitel 5

Zwischen Tirolspappeln und Steintal, Grenze zur Baronie Waldfang

„Vergiss nicht Ingmar, wenn wir gleich in Steintal einkehren, sind wir Helme und Noreg. Du hast das Kommando und du denkst daran, dich mit dem Namen deiner Frau zu schmücken.“

„Glaubst du wirklich, dass dieser Aufwand notwendig ist?“ Der Greifenfurter Ritter trug einen Wappenrock mit den ungewohnten Farben der Familie Kesselstein. „Das ist schon sehr phexisch für meinen Geschmack. Zumal ihr euren Stand verleugnet.“

„Wir müssen diese Bande nun einmal täuschen, vor allem ihren Informanten. Deswegen bleiben wir bis Waldenrath zwei einfach Fuhrknechte. Wenn unsere Wagen zu schwer bewacht erscheinen, lassen sie uns womöglich passieren, egal wie teuer unsere Waren sind.“ Belehrend hob Wulfhelm den Zeigefinger. „Das darf nicht passieren. Wir wissen nicht, wo sich ihr Versteck befindet, also müssen wir sie dazu bringen uns anzugreifen.“

„Aber dieser Umweg ist riesig! Wir machen fast eine Rundreise durch die ganze Grafschaft.“

„Wir müssen nun einmal über Hirschfurt und die Reichsstraße nach Hornbach kommen“, warf Gerion ein. „Wir dürfen nicht riskieren dem Informanten versehentlich durch die Lappen zu gehen.“

„Genau. Wir mögen drei Tage verloren haben, weil wir über die Luringer Höhen und durch Schwarztannen gereist sind. Aber da wir nicht wissen, wo genau der Informant auf dieser Strecke lauert, müssen wir nun einmal den ganzen Weg gehen.“

„Mir gefällt es trotzdem nicht, euch das gefährlichste Stück allein reisen zu lassen.“ Ingmars Miene verriet deutlich, wie unglücklich er mit dieser Anweisung Wulfhelms war. „Ich komme mir vor wie ein Verräter.“

„Wie gesagt, wir dürfen auf keinen Fall zu wehrhaft erscheinen. Vier Fuhrknechte für die zwei schweren Wagen brauchen wir nun einmal. Aber die Bande hat nur etwa ein halbes Dutzend Leute. Hätten sie deutlich mehr, wären sie nicht Hals über Kopf geflohen und hätten sich gegen Gerion und mich zur Wehr gesetzt. Deswegen musst du uns in Hornbach verlassen und über Randersburg gen Firun reiten. Mit sechs oder sieben dieser verlumpten Gesellen kommen wir schon zurecht. Zumal unsere beiden Kutscher ab Hornbach jeder ihre Armbrust versteckt bereit haben werden. Die Räuber hier haben einfach nicht den Kampfeswillen wie die Wildermärker“, fügte er mit verächtlichem Ton hinzu.

„Wohl gesprochen!“ Aus Gerons Stimme klang die Vorfreude auf den bevorstehenden Kampf heraus. „Sorge du nur dafür, dass du mit Jeswine und unseren Pferden in Waldenrath auf uns wartest, damit mir gleich weiterreisen können, falls sich diese Strauchdiebe doch nicht blicken lassen.“

„So, und jetzt ist Ruhe.“ Wulfhelm deutete nach vorn, wo hinter dem nächsten Hügel die ersten Hütten von Steintal in Sicht kamen. „Denkt daran Bemerkungen über unsere Ladung fallen zu lassen. Ich gehe zwar nicht davon aus, dass sich das Netz der Bande von Randersburg bis hierher erstreckt, aber im Zweifelsfall ist es eine gute Übung für die nächsten Tage.“

Kapitel 6

Sie hatten das Dorf Haselstein vor einer knappen Stunde passiert, als die Räuber plötzlich aus dem Unterholz zu beiden Seiten auftauchten. Scheinbar nach dem gleichen Muster wie bei dem verhinderten Überfall ein paar Wochen zuvor näherten sie sich den Wagen. Die Frau mit dem Schwert, welche wohl die Anführerin war, stellte sich breitbeinig auf den Weg, um die Ochsen zu stoppen. Schräg neben ihr eilte die Armbrustschützin heran, um Kutscher und Wagenknecht des ersten Wagens, in diesem Fall Wulfhelm mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze, in Schach zu halten. Beim hinteren Wagen übernahm die Sicherung der Bogenschütze, während die übrigen drei Banditen sich mit Speer, Knüppel und Dolchen bewaffnet um die Wagen verteilten.

„Ihr seid jetzt schön brav, dann passiert keinem etwas!“, tönte die Hauptfrau mit kratziger Stimme. „Einfach sitzen bleiben und die Hände da, wo ich sie sehen...“

Der Rest der Worte ging in einem erschrockenen Keuchen unter, denn Wulfhelm nutzte das Überraschungsmoment und seinen Höhenvorteil aus. Die Frau mit der Armbrust hatte sich leichtsinnigerweise zu nah an den Wagen gestellt und mit einer schnellen Bewegung trat der Keilholtzer die vorgehaltene Waffe zur Seite. Der Schuss löste sich und der Bolzen grub sich tief in das dicke Holz der Karrenwand neben ihm. Mit einem schnellen Griff zog er das blanke Schwert aus dem Leinenbündel hinter sich und ließ sich vom Kutschbock rutschen. Die Schützin wich instinktiv vor ihm zurück, doch als er ihr nachsetzen wollte, hörte er den Wutschrei der Anführerin hinter sich. Also ließ der die Frau mit ihrer entladenen Armbrust laufen und wandte sich der größeren Gefahr zu.

Gerion auf dem hinteren Wagen hatte nur auf dieses Signal gewartet. Auch er zog sein Schwert aus einem Stoffbündel hervor und sprang behände zwei Räubern entgegen, welche ihm mit Speer und Dolchen gegenüberstanden. Anselm, der Kutscher, der neben dem Sturmfelser gesessen hatte, reagierte als nächstes. Mit einem vorher geübten Griff in die Ladefläche hinter sich, holte er eine schussbereite leichte Armbrust hervor. Ohne zu zögern, legte er auf den Bogenschützen an, der sich gerade berappelte. Fast zeitgleich lösten sich die Geschosse. Der Pfeil zischte ohne Schaden anzurichten einen halben Schritt am Kutscher vorbei, während sein Bolzen sich tief in den Oberschenkel des Banditen grub. Brüllend vor Schmerz brach dieser zusammen. Im nächsten Moment stürzte aber auch Anselm mit einem Schmerzensschrei vom Bock und hielt sich den stark blutenden Oberarm. Die Räuberin mit den Dolchen hatte einen davon nach ihm geworfen, bevor Gerion sie hatte abhalten können.

Baldur, der zweite Kutscher, hatte nun auch endlich seine leichte Armbrust schussbereit. Der letzte Bandit, ein bulliger Typ, den man gut statt eines Ochsen in ein Joch hätte spannen können, hatte sich mit halb erhobener Stachelkeule unentschlossen noch kaum vom Fleck bewegt, da er sich offenbar nicht entscheiden konnte an welcher Stelle er eingreifen sollte. Doch nahm er sehr wohl die Bewegung des Kutschers wahr und als dieser auf ihn schoss sprang er unerwartet geschickt zur Seite. Der Bolzen streifte ihn lediglich an der Schulter und eher wütend als verwundet rappelte er sich wieder auf. Baldur fluchte über den schlechten Schuss, griff nach dem groben Knüppel zu seinen Füßen und stieg mit geübten Bewegungen vom Bock, um dem Angreifer die Tracht Prügel zu verpassen, die er seiner Meinung nach mehr als verdient hatte.

Die Anführerin der Bande hatte indes erst wenige Hiebe mit Wulfhelm ausgetauscht, doch reichten diese ihr, um zu erkennen, dass sie hier an einen klar besseren Gegner geraten war. Einem Ausfall des Keilholtzers konnte sie mit Mühe ausweichen und nutzte den gewonnenen Abstand, um sich mit einem lauten Rückzugsbefehl auf den Lippen zur Flucht zu wenden. Die restlichen Banditen ließen sich das nicht zweimal sagen. Der mit dem Speer zwang Gerion mit einem wilden Stoß zum Zurückweichen, dann drehten er und seine Spießgesellin sich um und rannten in den Wald. Der bullige Kerl mit der Stachelkeule ließ unterdessen von Baldur ab, den er bereits bis zurück an die Karrenwand gedrängt hatte und verschwand in die andere Richtung. Lediglich der sich noch immer vor Schmerzen windende Bogenschütze lag auf dem Waldboden neben dem hinteren Wagen.

„Wulfhelm, komm her, wir haben einen! Und Anselm blutet wie ein Schwein!“

„Orkendreck! Ja ist gut, ich komme!“ Wulfhelm erhaschte einen letzten Blick auf die Flüchtenden, griff dann nach dem Leinentuch, in welchem sein Schwert verborgen gewesen war und eilte damit zum hinteren Wagen. „Baldur!“, herrschte er im Vorbeirennen den zweiten Kutscher an. „Pass auf, dass sich der Angeschossene da nicht davonwieselt! Ich habe Fragen!“

Die kampferfahrenen Ritter entfernten mit geübten Handgriffen den tiefsitzenden Wurfdolch und innerhalb weniger Minuten war der unglückliche Kutscher verbunden. Der Keilholtzer hieß ihn sich vorerst an eines der großen Wagenräder zu lehnen und zu ruhen, während er zusammen mit dem jungen Sturmfelser den gefangenen Räuber verhören wollte.

„Nun zu dir Bursche!“ Grob packte er ihn unter den Schultern, zwang ihn auf die Beine und drückte ihn mit dem Rücken an die Karrenwand. „Oho, ich erkenne dich doch! Du hast uns vorgestern in der Taverne in Blaustein das Bier ausgeschenkt!“ Wulfhelm schnalzte mit der Zunge. Hier war also derjenige, der für die Bande die Handelszüge ausgespäht hatte. „Der Bolzen sitzt gut und du wirst verbluten, wenn dir nicht schnell geholfen wird. Also verschwende deine und meine Zeit nicht und sage mir einfach, für wen ihr arbeitet. Wer ist euer Auftraggeber?“

„Der Ritter…“, jammerte der Räuber erbärmlich. „Bitte lasst mich runter… argh!“

Wulfhelm hatte den Kragen fester gepackt und ihn einmal durchgeschüttelt. „Welcher Ritter? Gib mir den Namen, dann bin ich sogar bereit dich mit zum nächsten Peraine-Tempel zu schleppen.“ Gnädig ließ er den Verwundeten sich wieder setzen und ging vor ihm in die Hocke, um ihm eindringlich in die Augen sehen zu können. Gerion stand mit finsterer Miene und verschränkten Armen auf der anderen Seite.

„Rothbert! Ritter Rothbert von Hold… ARGH…“ Mit einem schmatzenden Geräusch grub sich ein Bolzen in die Brust des Gefangenen. Ein Schmerzensschrei, dann sackte er tödlich getroffen zur Seite. Wulfhelm wich eilig zurück und drehte sich zum Wald.

Gerion hatte bereits reagiert. Er rief Baldur an seine Seite und stürmte das Schwert voran ins Unterholz. Nach ein paar Minuten kehrten sie jedoch unverrichteter Dinge wieder zurück.

„Keine Chance ohne Spürhund. Das Unterholz ist einfach zu dicht.“ Wütend trat der Sturmfelser gegen das nächste Karrenrad. „Was machen wir jetzt?“

„Wir setzen den Weg wie besprochen bis Waldenrath fort. Wir haben einen Namen. Ritter Rothbert von Holdirgendwas. Jeswine wird sicherlich etwas damit anzufangen wissen. Außerdem liegt der nächste Peraine-Tempel auch dort, da können wir gleich Anselm zu einer Geweihten bringen.“

„Sehr gut.“ Der jüngere Ritter sah sich kurz um. „Baldur, hilf mir den Toten zu verladen. Vielleicht erkennt ihn jemand und kann uns noch mehr zu ihm sagen. Ansonsten freut sich die Büttel in Waldenrath sicherlich, dass sie noch einen zur Warnung aufhängen können.“

Kapitel 7

Nachdem die Dinge in Waldenrath geregelt waren und Ingmar mit Karren gen Greifenfurt aufgebrochen war, ritten Wulfhelm, Gerion und Jeswine über Camden zurück nach Randersburg. Zu ihrer Überraschung, aber auch Freude hörten sie, dass auch Ritter Rothbert seit dem Vorabend auf der Burg weilte. Nach einem kurzen Rapport beim Pfalzgrafen, entschied dieser seine Ritter und Hofgeweihten zur Klärung der Angelegenheit im Rittersaal zusammenzurufen.

Udilberth von Hardt hatte den Saal freiräumen lassen. Tische und Bänke waren an die Seitenwände geschoben. Am Kopfende des Saales, unter dem großen Wappenbanner Randersburgs, waren ein paar gepolsterte Lehnstühle aufgestellt, auf denen der Pfalzgraf selbst nebst Gattin zu seiner Linken Platz nahm. Zu seiner Rechten saßen dagegen die Geweihten des Herrn Praios, Audora von Ystar, und der Herrin Rondra, Albin von Radewitz. Ganz außen hatte man an einem kleinen Tisch samt Schemel aufgestellt, an welchem der pfalzgräfliche Sekretär Aldemar von Radewitz als Schreiber fungierte. Die Ritter des Hofes hatten sich indes auf den Bänken zu beiden Seiten zusammengefunden.

„Meine Herrschaften, Ihr fragt Euch sicherlich, warum ich Euch zusammenrufen ließ“, eröffnete Udilbert die Versammlung ohne große Einleitung. „Es ist keine Kleinigkeit wie Ihr Euch sicherlich denken könnt. Um es kurz zu machen, es gilt Gericht zu halten über einen der Anwesenden.“

Ein Raunen ging durch den Saal. Ein jeder blickte seinen Nebenmann an, doch waren die meisten Blicke recht ratlos.

„Ritter Keilholtz!“, beendete Udilberts donnernde Stimme das eingesetzte Getuschel. „Tretet vor Uns und tragt Eure Klage vor.“

Wulfhelm erhob sich und das Getuschel der Höflinge setzte wieder ein. Außer ein paar Hausrittern war er niemandem bekannt und nur Gerion und Jeswine wussten was nun kommen sollte.

„Ihro Gnaden“, verneigte er sich zuerst vor der Geweihtenschaft, „euer Hochwohlgeboren von Hardt. Ich bin Wulfhelm von Keilholtz, Ritter aus Kressenburg, und ich erhebe Anklage gegen den Ritter Rothbert von Holdbrucken! Ich beschuldige ihn der Anstiftung und Unterstützung von Wegelagerei in den Randersburger Landen!“

„Das ist unerhört! Wie könnt Ihr es wagen?“ Ein stark ergrauter Mittfünfziger erhob sich sichtlich erzürnt von der gegenüberstehenden Bank. Sein Wappenrock zeigte zwei weiße Schwanenköpfe auf blauem Grund die einen goldenen Reif zwischen sich in den Schnäbeln hielten. „Wie kommt Ihr dazu mir dergleichen zu unterstellen? Was gibt Euch das Recht dazu? Ich kenne Euch überhaupt nicht!“

„Und ich kannte Euch bis zu diesem Zeitpunkt nicht.“, erwiderte der Greifenfurter ruhig. „Aber ich bin Euren Spießgesellen begegnet, als sie den Handelszug überfielen, für dessen Sicherheit ich meinem Dienstherrn, dem Baron von Kressenburg, verpflichtet war. Zumindest einer dieser Strolche stammte aus Eurem Lehen, dem Dorf Blaustein. Er nannte mir sterbend Euren Namen als Kopf hinter diesem Raubgesindel, welches, wie ich hier erfuhr, wohl schon seit einigen Götterläufen die Wege firunwärts der Stadt Hornbach unsicher macht.“

„Es ist unerhört!“, schimpfte der ältere Ritter weiter und wandte sich nun an den Pfalzgrafen. „Euer Hochwohlgeboren, ich verbitte mir derlei infame Unterstellungen von einem Dahergereisten! Zumal er seine Anschuldigungen auf Grundlage der angeblichen Aussage eines toten Gemeinen erhebt.“

„Wenn Ihr meinem Ehrenwort allein nicht glauben wollt, so rufe ich Ritter Gerion von Sturmfels auf.“ Wie auf Kommando erhob sich der Genannte und trat einen Schritt vor. „Er hat mich begleitet und kann die letzten Worte des Banditen ebenso bezeugen.“

„Es ist mir gleich, was dieser Lump Euch gesagt hat! Wenn er meinen Namen in diesem Zusammenhang erwähnte, war das eine Lüge, um mir zu schaden!“ Wieder ging ein Blick fast flehentlich zum Pfalzgrafen. „So weit kommt es wohl noch, dass ich meinen guten Namen durch jenen hier“, deutete er wild mit dem Zeigefinger auf Wulfhelm, „in den Dreck ziehen lassen muss.“

„Genug.“ Die Stimme der jungen Praiosgeweihten war nicht laut, doch genügte es vollkommen, um den Saal sofort zum Schweigen zu bringen. Audora erhob sich würdevoll und sah erst Rothbert und dann die Greifenfurter für einen langen Augenblick an. „Ritter Wulfhelm von Keilholtz, Ritter Gerion von Sturmfels, seid Ihr bereit vor dem Götterfürsten einen Eid abzulegen, dass Eure Worte der Wahrheit entsprechen?“

Die Angesprochenen senkten ehrerbietig ihr Köpfe. Ohne sich zuvor anzusehen, antworteten sie fast zeitgleich. „Das sind wir Euer Gnaden.“

„Ritter Rothbert von Holdbrucken“, fuhr die Geweihte fort, „seid Ihr bereit vor dem Götterfürsten einen Eid abzulegen, dass die gegen Euch erhobenen Anschuldigungen unwahr sind?“

„Euer Gnaden, ich erkenne wirklich nicht, warum das notwendig sein sollte. Meine Ehre als Ritter sollte hier nicht in Frage gestellt werden und…“

„Seid Ihr bereit Eure Unschuld zu beschwören?“ Audoras Stimme war eine ganze Spur schärfer geworden und schnitt dem Ritter förmlich das Wort ab.

„Euer Hochwohlgeboren“, wandte sich Rothbert flehentlich an den Pfalzgrafen, „das muss doch nicht sein. Ich habe Euch immer treu gedient…“

„GENUG!“ Diesmal hallte die Stimme der Praiosgeweihten wie Donnerhall durch den Rittersaal. Ohne Eile, fast lauernd konnte man es nennen, ging sie auf den Blausteiner Ritter zu und blieb etwa einen Schritt vor ihm stehen. „Ich frage euch nun zum dritten und letzten Mal. Seid Ihr bereit Eure Unschuld im Namen des Götterfürsten zu bezeugen?“ Ihr Tonfall sprach von einer Autorität, die kein derischer Truppenführer und keine Landesherrin jemals erreichen würden.

Rothbert stand wie erstarrt vor der halb so alten und etwa einen halben Kopf kleineren Audora. Ihr Blick bohrte sich wie güldene Pfeile in seine Augen und ließ nicht zu, dass er sich von ihr abwandte. Seine Lippen begannen unkontrolliert zu beben. Er öffnete den Mund, um zu sprechen, doch statt einer Antwort sank er schluchzend vor ihr auf die Knie.

Kapitel 8

„Wie gut, dass Rothbert am Ende doch noch mit der Sprache rausgerückt ist, wo das Lager dieser Strauchdiebe finden zu finden ist.“ Jeswine drückte die niedrigen Äste des Unterholzes zur Seite, damit Wulfhelm und der Rest des Trupps hinter ihm ihr folgen konnten. „In diesem Gestrüpp hätten wir sie über Monde nicht gefunden. Bis dahin hätten sie längst Wind davon bekommen, dass sie aufgeflogen sind und sich über die Raller davon gemacht.“

„Das könnte wohl damit zusammenhängen, dass der Hardt dem Holdbrucken nochmal klar gemacht hat, dass er so oder so zu Boron geht“, meinte der Greifenfurter lapidar, „und ihm die Wahl gelassen hat zwischen dem ehrlosen Strick und dem gnädigen Richtschwert.“

„Ich glaube ja eher, dass es Ihro Gnadens Predigt von den ewigen Qualen in den Niederhöllen war, die ihn erwartet, wenn er vor dem Tode nicht angemessen Reue zeigt.“

„Sehr gut möglich.“ Der Keilholtzer hatte in seiner Zeit in der Wildermark zu viele menschliche Abgründe kennengelernt, um sich noch ernsthaft Gedanken über die möglichen Beweggründe von Verbrechern zu machen. „Mich beeindruckt übrigens Ritter Hagen. Sein Schwiegervater wurde der Wegelagerei und Hehlerei überführt und zum Tode verurteilt. Aber er war der Erste, der sich gemeldet hat, als es darum ging einen Trupp zusammenzustellen, der das Versteck ausräuchert.

„So wie ich ihn kennengelernt habe, ist er ein sehr ehrbarer Mann. Loyal und dem Pfalzgrafen treu ergeben. Dass der Holdbrucken seine Ehre wegen ein paar Spielschulden verkauft hat, hat den Hauptmann vermutlich mehr mitgenommen als jeden anderen auf der Randersburg.“

Das Geräusch einer sich lösenden Armbrustsehne ließ den erfahrenen Ritter instinktiv reagieren. Unvermittelt warf er sich auf Jeswine und rollte mit ihr ihn den nächsten Busch, während dort wo sich soeben noch der Kopf der Ritterin befunden hatte, ein Bolzen in den nächsten Baumstamm einschlug.

„Verzeih“, keuchte Wulfhelm, als er auf Jeswine zu liegen kam, sodass ihre Gesichter nur wenige Finger voneinander getrennt waren. „Ich hoffe du unterstellst mir jetzt keine Unsittlichkeit.“, fügte er in halb scherzhaftem Ton hinzu.

„Aufregend“, atmete sie schwer unter ihm, im Bewusstsein gerade haarscharf dem Tod entronnen zu sein. Dann verklärte sich ihr Blick etwas, als sie Wulfhelm tief in die Augen sah. „Und wahrlich nicht so unangenehm, dass du dich dafür entschuldigen müsstest.“

„Uh, nehmt euch ein Zimmer, bitte.“ Gerion hatte im Eilschritt aufgeschlossen, um zu sehen, ob seinem alten Schwertvater und der Pfortensteinerin nichts geschehen war. „Kommt schon, dafür habt ihr später noch Zeit. Jetzt müssen wir schauen, dass uns diese Halunken nicht entwischen.“

Neben ihnen liefen gerade leicht geduckt Hauptmann Hagen, Ritterin Quelina und Ritter Aldemar vorbei.

„Hardt, Ihr nach links, Plitzenberg, die rechte Flanke! Greifenfurt, nachrücken!“ Der Rallerauer war offenkundig in seinem Element und stürmte grimmig voran.

„Dann wollen wir mal.“ Gerion zog erst Wulfhelm auf die Beine und sammelte dann die beim Sturz verlorenen Schwerter der beiden auf.

Der Keilholtzer nahm indes die Ritterin an beiden Händen und hob sie mit Leichtigkeit hoch. Als Jeswine vom Sturmfelser ihr Schwert gereicht bekam, trat sie ganz nah an Wulfhelm heran, der zwischen ihnen stand, und griff um ihn herum. „Ich danke dir“, sagte sie leise, als ihr Lippen auf Höhe seines Ohrs waren. Es hätte für jeden der beiden Ritter gedacht sein können. Sie nahm ihr Schwert von Gerion entgegen, löste sich vom sprachlosen Wulfhelm und eilte den anderen Randersburger Rittern hinterher.

„Komm, alter Mann, oder bist du versteinert?“, holte der Sturmfelser seinen Schwertvater aus den Gedanken. „Es wäre doch eine Schande, wenn wir den Reichsforstern den ganzen Spaß allein überlassen.“

„Quatsche nicht und geh vor“, grummelte Wulfhelm mürrisch und nahm sein Schwert. „Los! Vermutlich werden wir wieder irgendeinen von ihnen retten müssen.“

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Der Kampf im Versteck der Diebe war kurz gewesen. Die von Hauptmann Rallerau befohlene Zangenbewegung hatte dafür gesorgt, dass keiner der übrigen fünf Räuber entkommen konnte. Gegen Hagen, Quelina und Aldemar hatten sie sich noch erfolgreich zur Wehr gesetzt, zumal sie nicht mehr hatten überrascht werden können, doch als dann noch Jeswine, Wulfhelm und Gerion in den Kampf eingegriffen hatten, waren die Verbrecher schnell überwältigt worden. Zwei wurden niedergemacht, drei lebend nach Randersburg gebracht, wo sie vom Pfalzgrafen nach kurzem Prozess zum Tod durch den Strang verurteilt wurden. Rothbert von Holdbrucken blieb wie ihm versprochen wurde das Spektakel auf dem Marktplatz erspart. Sein Richtplatz befand sich im Großen Hof der Randersburg, vor den Stufen des Rondra-Tempels. Nachdem Kopf und Rumpf des Ritters fortgeschafft worden waren, bat Udilbert von Hardt den Keilholtzer noch einmal in seine Schreibstube.

„Ritter Keilholtz“, fing der Pfalzgraf wie es seine Art war ohne große Umschweife an, sobald die Tür hinter ihnen verschlossen war. „ich möchte mich noch einmal persönlich dafür bedanken, dass Ihr Euch in dieser Angelegenheit so sehr bemüht habt. Ihr habt mir und damit dem Reich und der Kaiserin einen großen Dienst erwiesen. Aus diesem Grund möchte ich euch nun eine Frage stellen. Steht Ihr im Lehensverhältnis zu Eurem Herrn oder sonst irgendwem, oder seid Ihr ein einfacher Dienstritter?“

„Weder noch, Euer Hochwohlgeboren.“ Wulfhelm beeilte ob Udilberts fragenden Blick diesen Umstand aufzuklären. „Tatsächlich ist mein Dienstherr, der Baron zu Kressenburg, mein eigener Neffe, der Sohn meines ältesten Bruders. Als ich vor einiger Zeit, nach vielen Götterläufen des Dienstes für die Krone, mit nichts als meinem Pferd, meiner Rüstung und meinem Schwert aus der Wildermark heimkehrte, nahm er mich in seine Dienste, damit ich ein Auskommen und einen Sinn auf Dere habe und nicht etwa zum Heckenritter verkomme. Ich besitze seitdem nicht sehr viel mehr als zuvor, doch muss ich mir zumindest um die nächste Mahlzeit oder die Reparatur meiner Rüstung keine Sorgen mehr machen.“

„Ich verstehe.“ Der Hardt nickte wie zu sich selbst. „Das erleichtert mein Anliegen ungemein. Wie Euch nicht entgangen sein dürfte, stehe ich gerade vor der Aufgabe ein vakantes Lehen neu vergeben zu müssen. Ritter Holdbrucken hatte natürlich Kinder. Seine älteste Tochter lebt hier auf der Randersburg und ist die Gemahlin meines Gardehauptmanns, was Ihr vielleicht schon wisst. Doch ist mein Vertrauen in die Familie Holdbrucken gerade nicht das Beste, wie Ihr Euch sicherlich ebenfalls vorstellen könnt. Da es sich bei der Herrschaft Blaufelden zudem rein rechtlich um kein erbliches Lehen handelt, steht es mir frei jemanden Geeignetes für diese Position zu finden. Um es kurz zu machen, mir hat Euer Verhalten, Eure Tatkraft und Gewitztheit sehr imponiert. Ich erkenne in Euch einen erfahrenen, zupackenden Kämpen und da keine anderen Verpflichtungen Euch binden, biete ich Euch an, die Herrschaft Blaufelden zu übernehmen und damit mein Lehnsmann zu werden. De jure gehört die Herrschaft natürlich zum Junkertum Trullensee. Aber ich denke der Junker wird sich meiner ausdrücklichen Bitte, Euch für diese Position auszuwählen, nicht verwehren.“

Wulfhelm schwieg vor Überraschung, während der Pfalzgraf ihn erwartungsvoll ansah. „Puh, da habt Ihr mich mit heruntergelassenen Hosen erwischt, wie man so schön sagt“, brach es mit einem Grinsen aus ihm heraus, als er die Sprache wiederfand. „Da sage ich doch einfach mal ja, bevor Ihr es Euch anders überlegt. Mein Neffe wird den Verlust eines Dienstritter verschmerzen können. Wahrscheinlich ist er im Stillen eher froh darum mich von der Kostenliste zu streichen, auch wenn er das natürlich nie zugeben würde. Die Familie ist bei uns heilig.“ Der letzte Satz klang aus seinem Munde tatsächlich mehr wie eine heilige Formel als nach einem einfachen Sprichwort. „Wann kann ich meinen Lehnseid leisten?“

„Wenn Ihr das wünscht, sofort.“ Udilbert warf einen Blick auf den fast leeren Burghof. Nur ein paar Mägde waren noch damit beschäftigt mit Sand und Spänen die Blutlache vor dem Rondra-Tempel zu entfernen. „Ihro Gnaden Audora sollte inzwischen wieder in der Praios-Kapelle anzutreffen sein.“

Kapitel 9

Ehevertrag in der Taverne, Unruhige Zeiten Geschichte anpassen

Kapitel 10

Jeswines Schwangerschaft, Unruhige zeiten Geschichte anpassen

Die Vertrauten der Krone

Kein Ordensland in Greifenhorst

Phex 1046 BF, Greifenhorst

„Ardo, welch Freude dich wieder einmal in Greifenhorst begrüßen zu können.“

„Die Freude ist ganz meinerseits, Otwin. Es ist immer wieder schön, dein gastliches Heim zu betreten.“

„Zu viel der Ehre. Rustikal trifft es eher, und das weißt du ganz genau. Schließlich bist du oft genug im Garetischen, um das zu erkennen.“

„Ach weißt du, der ganze Prunk und die Annehmlichkeiten der garetischen Lustschlösser mag recht angenehm sein. Aber nur hier am Finsterkamm erkennen wir wirklich, wo unser von Praios gegebener Platz auf Dere ist und welche wichtige Aufgabe uns als Herren über das Land zufällt.“

„Wohl gesprochen. Komm doch herein und setzt dich erstmal. Das Bier steht schon bereit.“

„Das lasse ich mir nicht zweimal sagen.“

„Was verschlägt dich also nach Greifenhorst, kaum dass der Schnee die Wege freigegeben hat?“

„Zweierlei. Zum Ersten möchte ich Dich und die Deinen für Anfang Praios nach Kressenburg einladen. Der Praios-Tempel ist nach zwölf Götterläufen Bauzeit endlich fertiggestellt und zur Tempelweihe seid ihr alle herzlich willkommen.“

„Diesem freudigen Anlass werden wir natürlich nicht fernbleiben. Karina und ich werden auf jeden Fall anreisen.“

„Wunderbar! Die restlichen Garafanisten werde ich dieser Tage auch noch aufsuchen und persönlich einladen. Immerhin ist der Tempel dem Heiligen Garafan gewidmet und soll die spirituelle Heimstätte der Ritterschaft Greifenfurts werden.“

„Ich kann es kaum erwarten ihn in seiner Vollendung zu sehen. Das letzte Mal als ich dich besuchte, war man gerade erst dabei die Kuppel zu schließen.“

„Ja, die Zeit vergeht manchmal wie im Flug. Doch lass mich zu meinem anderen Anliegen kommen. Wie du weißt, stehe ich seit seiner Gründung dem Orden von Korgond vor und bin zuletzt in dieser Position auch bestätigt worden.“

„Das ist mir bekannt, auch wenn ich selbst nicht Teil dieser Gemeinschaft bin. Ich war bisher mit dem Finsterkamm und den Schwarzpelzen genug beschäftigt, als dass ich mich mit dieser Groß-Garetischen Geschichte hätte befassen können.“

„Das verstehe ich nur zu gut. Trotzdem sind jene Mysterien, mit denen sich der Orden befasst nicht unwichtig, basiert auf ihnen doch das Verständnis für eine gute Herrschaft über das Land. Ich bin mir bewusst, dass gerade in Greifenfurt viele Edle der Idee Groß-Garetiens skeptisch gegenüberstehen, weil sie es als politische Idee verstehen. Auch ich habe kein Verlangen danach ein Vasall des neuen Großfürsten zu werden und das ist auch nicht der Kerngedanke Korgonds. Das Land vom Kamm bis zu den Zacken mag durch Sumu mythisch verbunden sein, doch werden wir sicherlich nicht an den von Praios gegebenen Grenzen und Gesetzen rütteln.“

„So weit, so gut, doch wie kann ich dir nun behilflich sein?“

„Auf dem letzten Kapiteltreffen des Ordens, wurde beschlossen nach einer Heimstatt für die Korgonder zu suchen. Ein spirituelles Zentrum wie der Praios-Tempel in Kressenburg es für die Garafanisten sein wird.“

„Und das suchst du ausgerechnet bei mir in Greifenhorst, am Rande der Zivilisation?“

„Entsinnst du dich, dass ich im letzten Herbst mit einer Gruppe Edler im Kamm an den Grenzen deiner Lande unterwegs war, um den Gerüchten um eine Drachensichtung nachzugehen? Dabei stießen wir auf ein abgelegenes Tal in den Bergen, unweit eines Hirtendorfes.“

„Ja, ich habe deinen Brief erhalten. Es waren ja letztlich nur ein Meckerdrache und eine entlaufene Bauerntochter, die die Leute dort zum Narren gehalten haben.“

„So ist es. Doch in dem Tal, wo wir sie aufspürten, gab es auch uralte Trollruinen. Zudem liegt es auf einer jener mystischen Kraftlinien, welche der Orden zu ergründen versucht. Wir wissen ja nicht viel über die Trolle und ihr untergegangenes Reich, aber sie scheinen ihre Städte ganz bewusst auf diesen Linien errichtet zu haben.“

„Tatsächlich sind mir diese Trollsteine nicht unbekannt gewesen. So wie du sagst, sind sie dort seit Menschengedenken und meine Bauern halten sich vernünftigerweise fern davon.“

„Nun, eben jene Ruinen und ihre Lage machen das Hochtal für den Orden von Korgond aber interessant. Sie bieten eben jene mythische Verbindung zum Land, welche wir zu ergründen suchen. Deswegen hat mich das Kapitel bei unserem letzten Treffen damit betraut in dieser Sache bei dir vorzusprechen. Könntest du dir vorstellen das Tal und die umliegenden Ländereien mit dem Hirtendorf dem Orden zu übergeben? Denn natürlich würde es auch einige Arbeitskräfte und Erträge brauchen, um den Ordensstützpunkt aufzubauen und zu unterhalten.“

„Leider muss ich deine Bitte abschlagen und ich denke du weißt warum. Für jene in eurem Orden welche aus Garetien und Perricum stammen mag das keine große Sache sein. Doch du kannst sicherlich einschätzen, welchen Verlust die vergleichsweise mageren Einnahmen eines so kleinen Hirtendorfes in meine Kassen reißen würde.“

„Dessen bin ich mir wohl bewusst und meine Hoffnung war gering eine andere Antwort zu erhalten. Ich verstehe und akzeptiere deine Absage, doch bitte verstehe, dass ich fragen musste.“

„Du hast gefragt, ich habe dir geantwortet. Damit soll es gut sein. Ich habe da aber auch noch eine Sache, bei der ich stattdessen dich um einen Gefallen bitten möchte.“

„Nur zu, ich helfe gern, wenn es in meiner Macht steht.“

„Oh, ich bin mir sicher, dass es das tut. Meine Schwiegertochter erwartet ihr erstes Kind. So TSA will wird es irgendwann nach dem Jahreswechsel das Licht Deres erblicken.“

„Alle guten Wünsche für Mutter und Kind sind dir gewiss. Was genau brauchst du von mir?“

„Gerion und vor allem Adaque haben den Wunsch geäußert, dass du die Patenschaft über das Kind übernehmen mögest. Offenbar habt ihr seit den Traviafeierlichkeiten einen guten Draht zueinander. Auch ich würde mich geehrt fühlen, wenn du dem zukünftigen Erben von Greifenhorst als Oheim, und wenn die Zeit reif ist als Schwertvater, anleiten würdest.“

„Die Ehre liegt ganz auf meiner Seite Otwin. Mit Freuden akzeptiere ich diese Bitte und Aufgabe.“

„Wundervoll, sie werden glücklich sein das zu hören! Aber sieh, da kommen sie gerade. Du kannst es ihnen gerade selbst sagen.“

Auf dem Holzweg

Gebotene Eile

Mitte Praios 1041 BF, Kressenburg

Die kleine Keilholtzer Reisegruppe war schnell vorangekommen. Neben Baron Ardo, seinem Vater Wulfhart und dem entfernten Vetter Unswin, bestand sie noch aus den diversen Knappen und Pagen der hohen Herren. Sie hatten von Gareth aus den Weg durch Waldstein, den Elfenpfad, gewählt. Ardo war vor allem neugierig, wie weit die bauliche Instandsetzung dieses Handelsweges auf der garetischen Seite fortgeschritten war. Die elfische Gräfin hatte sich damals sehr entschieden gegen den weiteren Ausbau ausgesprochen, was den hochfliegenden Plänen des Waldsteiner Adels und den angrenzenden Greifenfurter Baronen etwas den Wind aus den Segeln genommen hatte. So stimmte es Ardo sehr froh zu sehen, dass die Waldsteiner Edlen sich unter dem Einfluss Leomars von Zweifelsfels doch mehrheitlich gegen den Wunsch ihrer Gräfin zu stellen schienen und das einzig Richtige taten, was den Handel in dieser Region voranzubringen vermochte. Der Karrenweg Richtung Greifenfurt war an vielen Orten verbreitert und bis zur Stadt Osenbrück sogar vollständig mit Feldsteinen befestigt worden. Auch zwei neue Gasthäuser waren dem Kressenburger aufgefallen, die bei seiner letzten Durchreise noch nicht fertig gestellt gewesen waren. Auch das letzte Teilstück durch das Gebiet der Junker von Hagenbronn war trotz der schwelenden Feindschaft friedlich verlaufen. Drei gut gerüstete Ritter samt ihrem Gefolge schüchterten die Büttel genug ein, dass sie sich diesmal kaum mehr als ein paar unfreundliche Blicke und ein mürrischen Knurren gewagt hatten. So war die Heimreise vom Kaiserturnier in Gareth deutlich angenehmer gewesen, als Baron Ardo es erwartet hatte.

Im heimatlichen Kressenburg öffneten sich schnell alle Tore vor ihnen. Ardo merkte vor allem am Baufortschritt des Praios-Tempels, dass er schon wieder für mehrere Monde fern seines Lehens gewesen war. Die üblichen Schuldgefühle überkamen ihn und zum wiederholten Male nahm er sich vor, in Zukunft deutlich mehr Zeit bei seiner Gemahlin und den Kindern zu verbringen. Sie waren auch kaum auf den Burghof geritten und von den Pferden gestiegen, als eine kleine lärmende Kleinkinderschar aus den Stallungen stürmte und sie umringte. Kurz danach traten zwei jungen Edeldamen dazu. Die eine zierlich von Gestalt und von fast elfenhafter Anmut. Die andere nicht minder schön, doch von eher muskulöser Statur, der man die Kriegerin auf eine halbe Meile Entfernung ansah, die zudem einen etwa fünf Monde alten Säugling auf dem Arm hielt.

Noch bevor Wulfhart und Ardo ihre Gemahlinnen begrüßen konnten, trat eine dritte, noch etwas jüngere Frau dazu, gewappnet und in den Farben der Mark gewandet. Das eher gezwungene Lächeln, das sie zur Schau stellte als sie Ardo sah, sagte dem Baron, dass seine Tante nicht auf einen Freundschaftsbesuch vorbeigekommen war. Nachdem sich der größte Trubel des Willkommens gelegt hatte, nahm die Ritterin der Mark den Baron dann auch kurz zur Seite, um ihre Botschaft los zu werden.

„Die Greifin wünscht dich umgehend zu sehen, Neffe! Ich weiß, du bist gerade erst heimgekehrt, aber es wird das Beste sein, du lässt dein Pferd sofort wieder satteln und begleitest mich jetzt sofort, damit wir noch vor Sonnenuntergang in der Residenz sein können.“

Keilholtzer Neuordnung

Geordnete Verhältnisse

Ich, Ardo von Keilholtz ä.H., Baron zu Kressenburg, verfüge Folgendes als meinen letzten Willen:
 
 
 
 
1. Als Erbe der Baronswürde bestimme ich meinen Vater Wulfhelm von Keilholtz.

2. Ihm nachfolgen soll mein Erstgeborener Answin Shazar. Sollte dieser sein Erbe nach dem Willen der Zwölfen nicht antreten können, so bestimme ich an seiner Statt eines meiner nachgeborenen Kinder in der Reihenfolge ihrer Geburt.
3. Sollte nach der Götter Willen keines meiner Kinder das Erbe antreten können, so bestimme ich meine Geschwister aus der ersten Ehe meines Vaters in der Reihenfolge ihrer Geburt, mir nachzufolgen. Bedingung dafür sei, dass sie und ihre Nachkommen den Namen der Familie Keilholtz fortführen.
4. Sollte nach der Götter Willen keines meiner genannten Geschwister das Erbe antreten können, so bestimme ich die Geschwister meines Vaters und ihre Nachkommen in der Reihenfolge ihrer Geburt. Bedingung dafür sei, dass sie und ihre Nachkommen den Namen der Familie Keilholtz fortführen.
5. Sollte es dem Herrn Boron gefallen mich und meinen Vater zu sich rufen, bevor mein rechtmäßiger Erbe die Mündigkeit erreicht, so bestimme ich meine Gemahlin Praiadne Leuinherz Keilholtz zur Verweserin der Baronie Kressenburg, bis mein Erbe dieses antreten kann.
6. Meiner Gemahlin Praiadne Leuinherz Keilholtz sei das Edlengut Greifenwehr bis zu ihrem Tode als Wittibengut zugesprochen, auf das es ihr im Leben an nichts mangele.
7. Meine derischen Besitztümer vermache ich meinem rechtmäßigen Erben, ausgenommen der nachfolgend genannten.
8. Aus meiner Privatschatulle erhält die Praioskirche Zwölf mal Zwölf Dukaten um den Bau des neuen Kressenburger Tempels voranzutreiben.
9. Meine Gemahlin Praiadne Leuinherz Keilholtz erhält mein Gebetsbüchlein, auf das es ihr in dunklen Stunden Trost spende.
10. Mein Bruder Firnward von Keilholtz erhält mein Schwert Orkentod.
11. Meine Knappin Mechthild von Kieselholm erhält mein Streitross Boromil. Sollte das treue Tier mit mir verstorben sein, so erhält sie ein Streitross aus der Zucht des Märkischen Marstalls.
12. Es ist mein Wunsch und Wille in der Krypta des Praios-Tempels Sankt Garafan vor dem Tore zu Kressenburg meine letzte Ruhestatt zu finden. Dieselbe soll sein die Grablege meiner Familie auf immerdar.

Gegeben am 1. Tag des Herrn Phex im Jahre 1037 nach Bosparans Fall
 
 
 
 
Gesiegelt und bezeugt

Badilak von Praiostann
Ardo von Keilholtz ä.H.

Praiomel von Kieselholm

DEUS VULT

Bauarbeiten

  • Bauholz: aus Kressenburg
  • Stein: ggf. eigener Steinbruch (Neuerschließung mit Folgenutzung, mit Volker abklären) oder aus dem Finsterkamm (Spieler?)
  • Versorgung der Arbeiter: zusätzliche Getreidelieferungen aus Eslamsroden und Hexenhain
  • Gold: aus Gareth?
  • Marmor: Eslamsgrund? oder andere Quelle?
  • Arbeiter: Tagelöhner aus der Region (Mark und Waldstein), ggf.dauerhafte Erhöhung der Einwohnerzahlen durch Zuzug? (mit Volker abklären)

Gästeliste zur Einweihung

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