Geschichten:Unter Rabenschwingen – Rabenstille

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Rabenstille

Boronia, 26. Boron 1036 BF

Das Husten durchbrach die Stille erneut, und in den letzten Tagen war es wieder häufiger geworden. Auch das Fieber war wieder zurückgekehrt, und keinerlei Medizin schien zu helfen. Schon seit Tagen war Atheran kaum mehr ansprechbar gewesen, doch Alara verbrachte fast jede freie Minute an seinem Bett, hielt seine Hand oder betete für ihn. Es waren die Folgen des Kampfes gegen den Dämon vor acht Jahren, die Atheran wieder eingeholt hatten. Schon nach der Schlacht im Blutmoor, als die Waldsteiner Ritter zusammen mit den Golgariten der Schweigenden Wacht die Rubinbrüder endgültig besiegt hatten, war Atheran nach seiner schweren Verletzung kaum wieder auf die Beine gekommen und hatte lange Zeit zur Genesung gebraucht, die er im Kloster Gansbach verbracht hatte. Doch die Bemühungen des Komturs, die Schweigende Wacht aufzulösen, hatten dem Landmeister alsbald arg zugesetzt; mehrfach hatte er es durch die Einflussnahme garetischer Adliger verhindern können, doch letztlich war es nur ein Hinaufschieben gewesen. Vor einem Jahr hatten sie Waldfang doch verlassen müssen; der früher vom Orden bewohnte Teil stand nun leer, nur eine junge Ordensmagd hielt dort noch die Stellung. Mit der Ankunft in Boronia war es Atheran alsbald noch schlechter gegangen. Träume plagten ihn, doch er sprach kaum darüber, und wenn überhaupt, dann nur mit Alara. Schon im letzten Winter, kurz nach der Ankunft hier, hatte es erdenklich schlecht um Atheran gestanden, doch dieses Mal schien es noch schlimmer.

"Alara?" Das leise Flüstern weckte sie; sie musste wohl eingeschlafen sein. Traurig blinzelte sie und sah auf; Atheran war aus seinem Schlaf erwacht, doch besser schien es ihm nicht zu gehen. Sie griff nach dem Becher, um ihm einen Schluck Wasser zu reichen, doch er schüttelte den Kopf. Erst jetzt bemerkte Alara, dass sie nicht alleine waren. Jeldan und Garrelt standen hinter ihr; sie mussten hereingekommen sein, während sie eingenickt war. "Da seid ihr nun alle", sagte Atheran zwischen zwei Hustenanfällen. "Ich spüre, dass der Herr Boron mich zu sich befiehlt; Golgaris Schwingen sind nahe, mich zu leiten." Wieder müsste er husten; Blut kam mit hervor. "Was immer geschehen wird, vergesst nie, wem Euer Dienst gilt; es ist kein weltlicher Lohn, der uns alle erwartet." Wieder kam der Husten, wieder das Blut. Alara ergriff seine Hand. "Atheran..." "Ich weiß, mein Kind", flüsterte er, "bewahre es in Deinem Herzen." Alara schluckte trocken, dann nickte sie. Er hatte es gewusst, obwohl sie nie darüber gesprochen hatten. "Der Herr segne Euch", sprach er so kraftvoll, wie er noch konnte, und schlug das Boronrad vor ihnen. Dann kam der Husten erneut. Kraftlos sackte er zusammen, doch er erhob sich nicht wieder; seine Reise über das Nirgendmeer hatte begonnen. Und Alara weinte.

Sie legten seine Asche zur letzten Ruhe auf den Totenacker Boronias; die Kanope mit der Asche bedeckt von seinem Ordenswappenrock. Jeldan trug Atherans Tuzakmesser am Gürtel; Alara hatte es nicht gewollt und bestimmt, das er es künftig führen sollte. Jeldan und Garrelt trugen es mit der Fassung, die man von Angehörigen des Ordens erwarten konnte, doch für Alara wiegte der Verlust schwerer als alles andere, was geschehen möchte: Sie hatte ihre Liebe verloren. Ihre Welt war zusammengebrochen, ihre Zukunft verschlossen. Und sie wusste nicht, ob Zeit und Tränen diese Wunde in ihrer Seele jemals würden heilen können.