Heroldartikel:Der Totenzug

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Der Totenzug


Rashia’Hal im Peraine des Jahres 34 Hal sah das Ende eines der größten Helden Greifenfurts: Baron Argaen von Düstersterfluss zu Orkenwall hatte sein Leben in die Hände Tsa’s gelegt, um die Ruhe und den Frieden zu finden, den er sein Leben lang gesucht und doch nie gefunden hatte. Die Greifenfurter Edlen, unter ihnen so bekannte Persönlichkeiten wie die Barone Otwin von Greifenhorst-Schwarzberg und Jaslinn von Espengrund zu Helbrache, die sich persönlich um die Beschaffung des Ochsengespannes gekümmert hatten, auf dem nun der Baron zu Orkenwall aufgebahrt lag, hielten auf dem Wege gen Orkenwall jeden Abend die Totenwache. Der junge Genzmer von Radulfhausen bildete mit seinem engen Freund Helmbrecht von Boronshof die Spitze des Zuges, was verständlich ist, verband doch beide Edlen Greifenfurts am meisten mit dem Toten: der Baron von Finsterrode, Knappe, Sohn und Erbe des Toten, der Junker von Boronshof, dem der Tod und die eigene Unfähigkeit, etwas dagegen getan zu haben, am Nahesten ging. Schließlich reisten neben dem Baron von Greifenhorst und dem Baron zu Finsterrode noch die anderen drei Adligen, die gemeinhin schon als die Verkünder des Wortes Garafans gelten: Anselm Hilberan von Hundsgrab-Bugenbühl, Rosco Falkenblick und Phexian vom Silbernen Tann nebst Gemahlin. Den Schluss des Totenzuges bildeten Rondrigo von Ahrenstedt nebst den Alberniern und Baroness Lyn Ni Niamad und der Bardin und Edlen vom Gundelwald. Dieser von den vielen Wimpeln und Wappen gekrönte Totenzug setzte sich aber noch aus vielen der Adligen mehr zusammen. Sie alle begaben sich auf den Weg in die Heimat. In das ferne Greifenfurt.

Der Weg führte die Trauergesellschaft die Reichsstraße von Perricum kommend über Gareth und Wehrheim in die Mark. An vielen der kleinen Weiler machte man Halt. Die örtlichen Geweihten sprachen ihren Segen und wünschten dem Zug die Ruhe und Würde Borons. Ob es dieser Segen war, die große Zahl an Bewaffneten oder die Reise durch eine der zivilisiertesten Gegenden Aventuriens, niemand wagte es den Totenzug anzugreifen oder einen Zoll zu verlangen. Überall wurde man ehrenvoll begrüßt und überall wurden Travias Gebote beachtet.




Marle hatte an diesem Abend die Aufgabe zugeteilt bekommen Feuerholz für das Lagerfeuer der Edlen zu besorgen. Gerade kam sie zu den Adligen, die um den Junker von Boronshof versammelt waren.

"Das ist es doch, worin wir versagt haben!" Der Junker von Boronshof wandte seinen Blick von den lodernden Flammen ab und dem Vogt zu: "Einigkeit war gefragt - der Zusammenhalt, der uns den letzten Orkensturm überstehen ließ. Doch wir haben einen von uns - dem wir alle viel verdanken - alleine seine letzten Schritte hier auf Dere gehen lassen. Haltet ihr es für Zufall, dass gerade beim Abschied von dem Baron von Orkenwall diese schrecklichen Worte gesprochen wurden - von fallenden Greifen und einem brennenden Himmel? Für die Freiheit und Einigkeit Greifenfurts werden wir streiten, so lange ein Greifenfurter atmet, und ‚Für Orkenwall’ mag dabei unser Schlachtruf sein. Aber welcher Krieg auch immer kommen wird, ich fürchte, die erste Schlacht haben wir schon verloren..."

Langsam und ruhig war der Junker von Pechackern, Anselm Hilberan von Hundsgrab-Bugenbühl an das Feuer getreten und erhob nun auch seine Stimme: "Für Orkenwall mag unser Schlachtruf für die Zukunft sein, werte Freunde. Doch was uns alle zusammenhält ist unser Herz - unser Greifenfurter Herz."

Er trat näher und sprach: "Argaen von Orkenwall ist seinen letzten Weg nicht allein gegangen. All mein Denken in den letzten Sekunden war erfüllt von ihm, ihm, dem siegreichen Streiter in so vielen Schlachten. Und doch vermochte ich nicht näher zu treten. Die Heilige Würde und Stille hielt mich zurück. Der Preiser der jungen Göttin und er schienen mir Eins und wäre ich hervorgetreten, so hätte ich diesen intimen Moment nur gestört."

Anselm blickte den Junker von Boronshof an: "Einigkeit, Treue, Tapferkeit und gerade auch der Glaube an das Leben wird uns unsere Schlachten nicht verlieren lassen so lange wir an uns selbst nicht zweifeln. Seid stark, erinnert Euch an die Worte des Greifen!"

Der Feuerschein erhellte nur spärlich das Antlitz unter der Kapuze, der Vogt von Schwarzensee blickte in die Flammen. "Warum nur...?", sprach er mehr zu sich selbst, als zu dem Kreis der Anwesenden, die den Totenzug des Orkenwallers begleiteten. "Warum nur er, ein Kämpfer seiner Größe, ungeschlagen in zahllosen Schlachten, wohl immer in vorderster Reihe kämpfend...“

Doch mehr verstand Marle nicht. Schließlich geziemte es für sie als einfache Magd nicht bei den Adligen zu bleiben. So ging sie wieder hinüber zu dem Knecht Aldran: „Es ist schrecklich“, sagte sie, „Ich habe erstmals das Gefühl, dass unsere Edlen tatsächlich gebrochen sind, auch wenn es noch Hoffnung zu geben scheinen.“ Kopfschüttelnd machte sie sich an ihre Arbeit.




Die Fahnen, Standarten und Wimpel schwankten im leichten Wind, der von den fernen Bergen herüberwehte. Als hätte der Himmel selbst die Trauer erkannt, die die Herumstehenden zu übermannen trachtete, hatte er sich in ein dunkles, graues Tuch gewandet und tiefschwarze Wolken auf sein Revers geheftet.

Der Zug erreichte das kleine Landstädtchen Reichsweg mit einer Unaufhaltbarkeit, die die anwesenden Adligen erschreckte. Einige rechneten irgendwo immer noch damit, dass der Tote sich erheben und alles für einen schlechten Scherz erklären würde. Doch alle wussten, der Baron von Orkenwall würde nie wieder sein schallendes Lachen in die klare Luft seiner Heimat schmettern.

Die Fahrt war anstrengend gewesen. Das Ochsengespann, eine Leihgabe der Tsakirche, hatte die Geschwindigkeit vorgegeben und die Adligen hatten sich aus Würdigung des Toten allesamt dazu entschlossen, diesen Weg zu Fuß zu gehen, gleich wie schwierig dies auch dem ein oder anderen fallen mochte. So hatte es sich die Junkerin Uschel von Keilholtz-Kieselholm zu Kieselbronn verbeten, dass ihr jemand helfe, obgleich sie seit dem Orkensturm gebeugt und an einer Krücke ging. „Argaen kann nicht mehr gehen, da will ich das übernehmen“, hatte die alte Frau gesagt und die freundlichen Arme ausgeschlagen.

Und wirklich, es schien, als hätten sich alle alten Weggefährten des Barons noch ein letztes Mal zusammengefunden, um über das Leben und Sterben des Barons zu sinnieren. Jeden Abend hatte man bei den Feuern bis in die tiefe Nacht hinein Geschichten ausgetauscht und Erinnerungen gewälzt, bis es den Wachenden schien, als sitze der Baron mitten unter ihnen.

Ein Band war entstanden, stärker als geglaubt, ein Band der Einigkeit, dass das Andenken dieses Mannes über den Tod hinaus bewahrt werden müsse. Und mehr als das. So mancher alte Zwist war über dem schmerzhaften Verlust des gemeinsamen Freundes begraben worden und so manche alte Tändelei war im Licht der Endlichkeit des Lebens wieder aufgeflackert.

So hatte wohl der Orkenwaller mehr geschafft, als jeder geahnt hätte. Er hatte mit seiner Einladung und seinem Tod ein Stück alveranischen Friedens geschenkt, in dem die kleine Gruppe durch das zuweilen immer noch froststarre Land zog.

Und aus jedem Dorfe, jedem Weiler, den der Zug passierte, schlossen sich die Leute an. Bauern, Handwerker, Krämer, jeder, der den Zug sah und vom Tode des Barons auf Orkenwall hörte, ließ seine Arbeit ruhen und zog, von Trauer übermannt und schweigend mit den Adligen.

Von überall her strömten Menschenmassen, die von den Ereignissen gehört hatten, um dem Baron die letzte Ehre zu erweisen, so dass der Zug sich schließlich über Meilen hin ausdehnte.

Aus den Tempeln und Schreinen hatte man die Fahnen und Standarten mitgenommen, die sonst den heiligen Prozessionen voran getragen wurden, und viele der gebildeteren Leute, die lesen konnten, hatten ihre zwölfgöttlichen Breviere mitgenommen, so dass man des abends das einfache Landvolk und die Bürgerlichen in trauter Runde zusammensitzen sehen konnte, wie sie gemeinsam die Leisen beteten und göttergefällige Lieder sangen. Wahrlich, nur die Hochzeit der Greifin hatte das Volk jemals so geeint gesehen, wollte man von den Schrecknissen des Schwarzpelzen absehen. Geeint in gemeinsamem Leid und Trauer, aber auch im Angedenken an den größten Helden, den die Mark je besessen.

Hier traf der Zug der Edlen auf die Geschwister Leuendan und Leuendare von Krähenklamm, ihres Zeichens Geweihte des Götterfürsten und Bannstahler. Traurig begrüßten sie den Totenzug und geleiten ihn den letzten Weg bis Orkenwall. Hier wurden sie bereits erwartet. Viele Adlige, die nicht den weiten Weg nach Rashia’Hal angetreten hatten, begrüßten sie ehrenvoll.

Nur der Heermeister der Mark, Reto von Schattenstein, und Gernot von Rothenborn, waren in Greifenfurt verblieben, in wichtigen Angelegenheiten, wie es geheißen hatte, doch waren die Greifin, Irmenella von Wertlingen, und ihr Gemahl höchstselbst nach Orkenwall gekommen, um dem Orkenwaller die letzte Ehre zu erweisen.



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