Demission und Nachberufung - Auf eine Pfeife mit Prinz Storko

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Alte Residenz, Gareth im Phex 1034 BF. Dem Garether und Märkischen Herold wurde von Seiner Kaiserlichen Hoheit Prinz Storko von Gareth die hohe Gunst gewährt, ihm brisante Fragen zu aktuellen politischen Vorgängen im Königreich Garetien mit tiefgründigen sachkundige Erläuterungen und Blicke auf die Hintergründe zu beantworten.

Eure Kaiserliche Hoheit, wir danken Euch untertänigst für Eure Gunst, uns einen kostbaren Augenblick Eurer knappen Zeit zu gewähren.

Dafür keine Ursache. Doch leider kann ich Ihm nur so viel Zeit gewähren, wie meine kleine Meerschaumpfeife mir erlaubt zu erübrigen. Diese ist übrigens noch ein Geschenk von Tar Honak persönlich; und er schenkte sie mir in just dem Jahr, als wir den Traviabund für Seine zukünftige Allergöttlichste Magnifizenz besiegelten. Ich erinnere mich noch genau an die Worte des Patriarchen von Al’Anfa. »Storko«, sagte er zu mir, »dieses Kunstwerk ist eine wahre und unschätzbare Kostbarkeit. Wann immer Ihr Euch an ihrem Arom erfreuet, nehmet Euch Zeit.« Er sieht, so spricht ein wahrer Al’Anfaner.

Das scheint fast zu einer anderen Zeit gewesen zu sein. Damals mussten die Oberhäupter der Aventurischen Staaten ja keine große Rücksicht auf die Befindlichkeiten ihrer Lehensvasallen nehmen.

Das ist allerdings nur teilweise wahr. Während der Patriarch, wenige Jahre nachdem er mir dieses Kleinod geschenkt hatte, seinen Stadtstaat in einen Krieg gegen das Kalifat führen konnte, der ein finanzielles Fiasko war und in welchem er seinem Gott am Ende gegenübertreten musste, regte sich ja in unseren Breiten immer mehr Widerstand gegen die rigide Führung meines Neffen. Die große Unmutsäußerung von Answin im folgenden Jahr und vor allem seiner Gefolgsleute, das habe ich selber auch erst einige Jahre später wirklich verstanden, kann ja als eine spontane Reaktion des Niederadels und der Barone auf die Reichsreformen meines älteren Bruders Reto interpretiert werden. Diese Reformen gleichwohl waren notwendig und mussten gemacht werden.

Die Bildung eines Reichsheeres unter der Führung der Krone, dessen Offiziere sich aus Kriegerschulen rekrutierten und nicht mehr aus dem traditionellen Adel.

Das war ja nur ein geringer Teil der Reformen. Die Vision meines Bruders war ein starker Staat, der ein Haupt und ein Herz besitzen und nicht mehr aus vielen einzelnen Gliedern bestehen sollte, die sich gegenseitig schwächten und behinderten. Das Reichsheer war davon ja nur der nach außen sichtbarste Teil.

Ein anderes Organ des Reiches, welches seine Erscheinung stark unter den Reformen Kaiser Retos veränderte, ist das Reichsgericht.

Das stimmt. Allerdings war es vor allem der Versuch meines Großneffen Brin und seines Kanzlers, das ineffiziente Reichsgericht in eine funktionierende Reichsbehörde zu verwandeln, in welcher die Streitigkeiten, die selten genug einmal die Autorität der Krone berührten, nach klaren und einsichtigen Normen zu verhandeln.

Also um der Krone ihr Recht zu bestätigen ...

Um die Krone in ihrem Recht zu stärken. Ja.

Heute scheint es dagegen, als ob sich die Autorität der Krone vermehrt gegen die Befindlichkeiten ihrer Untertanen behaupten müsste. Immerhin hat sie mit der Ochsenbluter Urkunde den historischen Schritt Eures kaiserlichen Bruders ein Stück weit zurückgenommen.

Er muss die Urkunde von Kaiserlich Ochsenblut im Kontext seiner politischen und historischen Notwendigkeit sehen. Das Reich stand vor der Gefahr eines Bürgerkrieges, der die Beziehungen innerhalb des Reiches weiter erschüttert hätte, als es in den letzten Jahren durch die Ereignisse der Zeitläufte bereits geschehen ist. Ohne die Geschlossenheit der beiden großen Mächte im Raulschen Reich, dem Königreich Garetien als der Stammdomäne des Kaiserhauses und dem Herzogtum Nordmarken als sein stärkster und reichster Waffenarm, wäre der Abfall der almadanischen Brüder und Schwestern im Adel kaum verkraftbar gewesen. Im Gegenteil, ein zweites Jahr 902 Bosparans Fall hätte im schlimmsten Fall gedroht. Unter diesen Umständen war es politisch absolut notwendig für die Krone, sich ihrer Gefolgsleute zu versichern, auch wenn dafür ein hoher politischer Preis gezahlt werden musste.

War man denn tatsächlich so nah an einem solchen Krieg dran?

Vertraue Er mir, in den Hinterzimmern der einzelnen Provinzherren kursierten durchaus einzelne Szenarien, die Krone fallen zu lassen und damit das Raulsche Reich zu zertrümmern. Man nannte das wohl das „Project Bernstein“. Zu unser aller Glück aber zeigte meine Urgroßnichte Rohaja ihre politische Weitsicht und Klugheit und konnte auf jenem wichtigen Hoftage das Reich vom tiefen Fall in den Abgrund abwenden. Dies auch deswegen, weil sie auf die richtigen Ratgeber gehört hat.

Die Kaiserin ist also auf solche Ratschläge angewiesen.

Jeder Monarch ist auf den Ratschlag kluger Leute angewiesen. Denn wohl nur der halbgöttliche Reichsbehüter Rohal konnte sich seiner Weisheit so sehr sicher sein, dass er niemandes Rat gebraucht hätte. Doch dieser weise Monarch hatte stets ein offenes Ohr für die Anregungen und Ratschläge seiner Untertanen. Auch darin lag seine Weisheit.

Was raten denn die Ratgeber der Kaiserin im aktuellen Falle des Reichsgerichts? Auf dem letztjährigen Reichskonvent in Perricum trat ja bekanntlich der Koscher Baron von Dunkelsforst von seinem Amt als Reichsrichter zurück. Wenig später kursierten Gerüchte aus dem Umfeld des Kaiserhofes, dass Kaiserin Rohaja den vakanten Platz an einen Garetier geben wolle.

Das ist eine weise und kluge Entscheidung der Kaiserin. Als Königin von Garetien ist sie noch immer den Garetiern besonders nahe. Und diese hatten mit der Pracht der Neuen Residenz auch stets ein Symbol dieser besonderen Nähe direkt vor Augen. Seitdem aber die fliegende Festung jene völlig zerstörte und durch ihre Verderbnis unbewohnbar gemacht hat, zieht nun die Kaiserin von Pfalz zu Pfalz, um allen ihren Untertanen auf gleicher Weise nahe zu sein. Das ist für den Garetier, der sich der wärmenden Nähe seiner geliebten Könige in den letzten Jahrhunderten immer sicher sein konnte, eine verunsichernde Veränderung. Und wie jede solche Veränderung ruft sie auf natürliche Weise Gefühle des Widerstandes hervor. Indem die Kaiserin nun ihre engsten Untertanen ihrer besonderen Gunst versichert, zeigt sie sich wie eine fürsorgende Mutter, welche sich der Ängste ihrer lieben Kinder bewusst ist und diese mit zärtlicher Liebe zu zerstreuen sucht, damit die sanfte Seele ihrer Kinder nicht leiden muss.

Nun wurden ja in den letzten Götternamen unter den Adligen Garetiens, aber auch in Perricum und Greifenfurt, so manche Namen genannt, die man für besonders geeignete Kandidaten hielt. Manch einer verhielt sich sogar so, als ob seine Stimme, wie bei der Wahl unserer nördlichen Nachbarn zum Adelsmarschall, bei der Kaiserin einen Ausschlag mache.

Das ist wiederum natürlich nicht so. Im Raulschen Reiche ist es die Krone, welche die Hochadligen Reichsrichter auf Lebenszeit ernennt. Es hat in der Vergangenheit jedoch mit der Berufung des nordmärkischen Barons Angrond von Sturmfels, des Bruders des Koscher Barons von Dunkelsforst übrigens, mit welchem jener in Fehde liegt, durch den Reichssenneschall, seine Hoheit Jast Gorsam vom Großen Fluss, eine bemerkenswerte und brisante Ausnahme von dieser Regel gegeben. Vor diesem Hintergrund ist denn auch der kluge Schritt der Kaiserin zu bewerten, als sie die Entscheidung über den neuen Reichscronanwalt in die Hände des versammelten Adels des Raulschen Reiches legte. Bekanntermaßen bekam der Vorschlag Ihrer Kaiserlichen Majestät die Zustimmung der Adligen, so dass man durchaus schließen darf, dass der Adel es nicht wünscht, dass andere Personen als die Kaiserin selbst Reichsrichter ernennt.

Dann aber könnte die Kaiserin ja zum Reichsrichter ernennen, wen sie gerade möchte.

Sie hat das Recht dazu. Ja. Aber sie besitzt zur gleichen Zeit die politische Klugheit und Weitsicht, auf die weisen Ratschläge ihrer engsten Vertrauten zu hören. Und wie ich bei meinem letzten Gespräch mit meiner Urgroßnichte vernehmen konnte, schien sie ihren Kandidatenkreis auf zwei Personen eingeschränkt zu haben.

Dürft Ihr uns ein Wort darüber sagen, um wen es sich dabei handelt?

Er wird verstehen, dass ich das Vertrauen, welches mir meine Kaiserin schenkt, mir einem alten Mann, der in einer anderen Zeit aufgewachsen ist und die Veränderungen der Gegenwart wie ein alter Baum wahrnimmt, der in seinem Geäste die Geschäfte der Eichkatzen und Vögel mit Freude verfolgt und sie manchmal zur Göttergefälligkeit ermahnt; dass ich dieses Vertrauen nicht dadurch betrüben werde, indem ich einem einfachen Schreiberling einer Provinzgazette solche pikante Details verrate.

Das verstehen wir natürlich schon, auch wenn unsere Neugierde uns zwickt. Könnt Ihr uns denn wenigstens ein Wort darüber sagen, auf welche engen Berater die Kaiserin dabei besonders vertraut?

Nun, es ist kein Geheimnis, dass die Ratschläge des Reichserzkanzlers, der immerhin die Geschicke ihres Reiches verwaltet, und des Markvogtes von Gareth, welcher quasi über die Privatschatulle des Hauses Gareth wacht, bei der Kaiserin stets auf offene Ohren stoßen. Beides sind stolze und mächtige Männer, auch beide für sich ein wenig eitel, so dass sie jede Entscheidung der Krone genau beobachten, um sicher zu gehen, dass niemand von der Kaiserin bevorzugt behandelt werde. Durch dieses Gleichgewicht halten sie zugleich das Reich selbst in Balance. Gerade bei den Entscheidungen, welche Personen in die hohen Reichsämter befördert werden, geht es daher sehr häufig kaum wirklich um die jeweilige Person selbst, sondern immer viel mehr um denjenigen, welcher als Förderer im Hintergrund die Fäden zieht.

Kaiserliche Hoheit spielen auf die jüngsten Beförderungen innerhalb des Königreichs Garetien an.

Man muss sich doch nur mal die Liste derjenigen Personen ansehen, welche in den letzten Jahren vom Hof protegiert wurden. Da ist natürlich in erster Linie der garetische Staatsrat zu nennen, welcher von jedem einigermaßen mit Hesindes Gaben gesegneten Menschen ganz offensichtlich als von Schloss Sonnentor eingesetzt erkannt werden dürfte. Weiterhin wurde ein bedeutender Wechsel in der königlichen Vogtei Mardershöh, bei dem das alte garetische Haus Ochs seine alteingesessene Vorherrschaft und wichtige Kontrolle der Grenze zu Perricum verloren hat, an einen loyalen Vasallen des Markvogtes forciert, um bestimmte Kreise in Garetien zu schwächen. Von den jüngsten Erhebungen bestimmter Eslamsgrunder Niederadligen in zentrale Hofämter des Königreichs ganz zu schweigen. Jeder Vasall der Kaiserin kann hier eindeutig eine offensive Strategie zur Besetzung wichtiger zentraler Positionen zu Gunsten der Mehrung des Einflusses einer einzelnen Person erkennen.

Ihr mahnt also zur Vorsicht vor dem Markvogt? Immerhin ist er ein enger Verwandter des Kaiserhauses und hat sich insbesondere während der Rückkehr seines Vaters, des Usurpators Answin, als ausgesprochen loyal zur Krone erwiesen.

Niemand bedarf in diesem Punkte einer Warnung, denn wir sehen hier ja nichts Ungewöhnliches. Es ist ein natürlicher Vorgang innerhalb einer jeden Zeit, dass die Mächtigen ihren Einfluss zu stärken und ihre Konkurrenten ins Abseits zu stellen wünschen. Vergesse Er nicht, dass neben dem Greifen des Raulschen Reiches der Fuchs das Wappentier des Königreichs ist, und wer sich zu sicher auf seinem gnädig von Praios gewährten Platze fühlt, ohne sich auf die List des Herren Phex zu verlassen, der wird als fallender Stern eben diesen Platz jemandem anderen überlassen, welcher tüchtiger ist als er selber. Wenn also der Markvogt von Gareth weiterhin seine Gefolgsleute in strategisch wichtige Positionen zu hieven vermag, dann mag dies dazu führen, dass die Reaktion seiner Konkurrenten an Intensität zunehmen, ja, vielleicht sogar zu einer unerwarteten Verbindung von bisher gegensätzlichen Interessen führt. Die Stärkung eines seines engsten Rivalen innerhalb der Stammdomäne der Kaiserin wird mit Sicherheit auf das engste vom Reichserzkanzler beobachtet werden, zudem ein anderer enger Rivale – mit Perricum nur wenige Meilen entfernt - reiche und strategisch kaum zu unterschätzende Pfründe besitzt. Denn jeder potentielle starke Handlungsträger in Garetien ist eine potentielle Gefahr für den Reichserzkanzler, dessen Wappenspruch er sicherlich kennt.

„Was gut für die Nordmarken ist, ist auch gut für das Reich.“ Also was nicht gut für die Nordmarken ist, ist schlecht für den Reichserzkanzler?

Er hat offensichtlich seine Praiostagsschule zu oft geschwänzt, wenn Er solche eklatanten Mängel in der Hesinde heiligen Logik offenbart. Im Übrigen lautet der Wappenspruch des Hauses vom Großen Fluss: „Ungebeugt und nicht gebrochen“. Nun versiegt langsam die süße Gabe meiner geliebten Pfeife, so dass ich Ihn nun wieder entlassen werde.

Kaiserliche Hoheit, wir erweisen Euch noch einmal unseren untertänigsten Dank für Eure unendliche Gunst. Doch erlaubt noch die kurze Frage, wen Ihr denn der Kaiserin, wenn sie Euren Ratschlag vernehmen wollte, vorgeschlagen hättet. Den Raulsmärker oder den Sertiser Grafen?

Da wird Er keck (lacht). Aber ich will Ihm eine ehrliche Antwort geben: Ich hätte der Kaiserin den treuen Neffen Ihrer Hochwohlgeboren Efferdane vorgeschlagen, der den Namen meines eigenen Neffen trägt, denn der Ehrensteiner wäre der richtige Mann gewesen. Doch wir leben heute in einer anderen Zeit und die richtigen Personen werden wohl nicht mehr an die richtigen Ämter gelangen. So gehabe Er sich wohl und möge von den Göttern gesegnet sein.

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17. Auf eine Pfeife mit Prinz Storko
Auf eine Pfeife mit Prinz Storko

Kapitel 17
« Besuch im Kloster St. Ancilla Den Bock zum Gärtner »
Briefspiel 
Zeit: 15. Phe 1034 BF
Autor: Hartsteen