Von Zungenarten und Verballhornungen

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"Dieses nebachotische Gebrabbel war auch für einen Tulamiden eine Beleidigung."
—Gedanken Hakon von Sturmfels‘, heute Konteradmiral der Perlenmeerflotte

Wie der Gedanke des Sturmfelsers zeigt, gilt das sehr eigene Nebachotisch vielen (Mittelreicher wie Tulamiden) als Zumutung. Der harte tulamidische Dialekt kommt nämlich einserseits aus dem noch recht archaischen Urtulamidya des Sultanats Nebachot, in welchem die Verehrung Rondras und des Kampfes zu einer kämpferisch-rauen Betonung gelangt ist. Hinzu kommt andererseits heute der abgehackte, weniger schwungvolle und blumige Sprachrhythmus des Garethi, den die Nebachoten, als Vasallen der (garetischen Bosparaner und) Raulschen unbewusst über die Jahrhunderte übernommen haben. Hinzu kommen die vielen entlehnten Worte und Fälle aus dem Garethi und dem Neutulamidya, die die ursprünglich einfache Grammatik nur schwer verständlich machten. Deshalb verstehen heute nur wahre Kenner der Sprache (und manchmal nicht mal mehr diese) noch, warum an der einen Stelle ein ergänzender Zusatz (Affix) zum Wortstamm hier mal vor dieses (Präfix) und dort mal hinter es (Suffix) gereiht wird; oder warum nach dem allgegenwertigen Apostroph ein Wort mal groß und mal klein geschrieben wird; oder der Apostroph bisweilen völlig entfällt. Das alles zusammen ergibt den Eigenwilligen und unverwechselbaren Jargon der Nebachoten, das Nebachotische, dessen Dialekt sich natürlich auch im gesprochenen Garethi wiederspiegelt, das den meisten Mittelreichern als noch größere Zumutung gilt. Streng genommen klassifiziert der Linguist das Nebachotische dennoch als Derivat des Tulamidya.

Dabei haben die in Perricum gebräuchlichen Sprachen – Garethi, Tulamidisch und Nebachotisch – viel voneinander übernommen , weshalb für einige Worte die ursprüngliche Sprache nicht mehr nachvollziehbar ist. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Wort 'Barbar': Im Garethi beschreibt das Wort einen unzivilisierten Menschen, manche vermuten eine Verwandtschaft zum Wort 'Bart', im Nebachotischen hingegen ist es eine harte Bezeichnung eines (Wild-)Hundes, wird aber auch mitunter ähnlich wie das garethische Wort benutzt. Welche der beiden Bedeutungen die ältere ist, in welcher Sprache des Wort also Lehnwort ist, kann heute anhand der Sprachzeugnisse niemand mehr feststellen: es gibt sogar Gelehrte, die glauben, dass das eine seinen Ursprung im anderen hat. Dieses Beispiel ist dabei nur eines von vielen für die gegenseitige Durchdringung des Nebachotischen und des (Perricumer) Garethis.

Die meisten Nebachoten, mit wenigen Ausnahmen an der Grenze zu Aranien, beherrschen beide Sprachen – was man von den meisten Muttersprachlern des Garethi (hier: "Raulsche" genannt) nicht behaupten kann – und prägen dadurch beide Sprachen bis heute weiter. Die Nebachoten tragen einen offiziellen garethischen Namen und einen informellen nebachotischen.

Das hat historische Gründe. Nach dem Fall Nebachots und der Eingliederung dessen in das bosparanische und später raulsche Reich gab es lange unüberwindbare Sprachbarrieren innerhalb der Region. Nur wenige oder gar keine Offizielle waren des Nebachotischen mächtig, geschweige denn waren Nebachoten. Auch die Sturheit der Nebachoten und ihre eigene Unkenntnis des Garethi trugen nicht gerade zur besseren Verständigung bei. Wahrscheinlich auf diese Weise kam es zu den garetischen "Übersetzungen" von nebachotischen Namen und Bezeichnungen, die heute oftmals zu den Schmunzeln oder Verärgerung anregen. Sie sind nur selten gute Übersetzungen und viel öfter herabwürdigende oder bewusst erniedrigende Verballhornungen oder Übersetzungsfehler – je nachdem wie begabt, engagiert oder einfach nur bestechlich die damaligen Perricumer Schreiberlinge gewesen waren (und teilweise noch immer sind).

Als Beispiele mögen dienen: Die Sippe respektive Familie "Shur’em Shar" etwa, korrekt übersetzt so viel wie "Listiger Haufen", heißt auf Garethi lustlos "Schurr", wohin im Gegensatz hierzu die Sippe "Tar’Ouga" korrekt übersetzt "Blutauge" genannt wird. Diese verwirrenden, oft politisch gewollten Ungenauigkeiten der Vergangenheit können als ein weiterer Grund angesehen werden, warum für viele Garethis – aber auch Tulamiden – das Nebachotisch oft sehr undurchsichtig und kompliziert wirkt. Hierzu gibt es noch unzählige Beispiele, wie z.B. die verballhornten Namen der Baronien Gerbental (vom neb. "Krek Awar") und Brendiltal (vom neb. "Bahr ai Danal") uvm. Erst später kamen auch nebachotische Schreiberlinge in den Amtsstuben unter und die Übersetzungen besserten sich.

Die Nebachoten beharren auf ihrer Sprache und tragen sie voller Stolz in die Welt, konservieren sie innerhalb der Sprecherschicht, ohne die Kommunikation mit anderen Zungen zu verweigern, und sind deshalb oft bilingual. Mit der Sprache halten sie es wie mit allen ihren Traditionen, die sie – gerade weil sie im gefühlten Exil leben – besonders hervorheben und wahren.

Dabei haben die Nebachoten eine wichtige Tradition längst aufgegeben, ohne dass die meisten von ihnen es überhaupt wissen. Denn heute beherrscht, geschweige denn benutzt kaum ein Nebachote noch die (ur)tulamidischen Schriftzeichen. Diese sind deshalb einer der größten hesindianisch-kulturellen Unterschiede zu den baburischen und tulamidischen Verwandten im Süden. Die Nebachoten mögen zwar ihren eigenen tulamidischen Dialekt sprechen, sie nutzen in der Schriftfrom aber fast ausschließlich die Kusliker Zeichen – wobei die Literarität nicht weit verbreitet ist. Der Unwille, überhaupt schreiben zu lernen, scheint bei den kämpferisch-bäuerlich geprägten Urnebachoten besonders verbreitet gewesen zu sein; hinzukommend war im nun mittelreichisch geprägten literarischen Milieu die tulamidische Schrift verpönt, zum Teil gar verboten. Deshalb verloren die Nebachoten ihre Schrift – nicht aber ihre Sprache.

Als letzte Randnotiz lässt sich hier auch eine nicht abzusprechende, gegenseite Beeinflussung durch bzw. des nordraschtulswaller Ferkinas nicht leugnen, obwohl die Nebachoten dies vehement verneinen. So ist nicht auszuschließen dass sich die beiden Dialekte schon früh, vor dem Fall Nebachots, zusammen aus dem Ur-Tulalamidya entwickelten und einige Zeit identisch waren, sich später aber trennten und immer mehr an Ähnlichkeit verloren. So kennen die beiden Völker nicht nur ähnlich blutig-archaische Traditionen und Riten, die bei den Nebachoten freilich nicht mehr ganz so barbarisch ausfallen, sondern auch einige Betonungen und Wortstämme sind wohl komparabel. Doch muss dem heutigen Nebachotisch zu Gute gehalten werden, dass die spätere Beeinflussung durch das Neutulamidya und das Garethi weit mehr Wirkung auf den Dialekt hatte, als das Ferkina damals. Doch hört man bei so manchem Nebachoten aus dem Raschtulswall immer wieder stärkere Anlehnungen an die Sprache der Barbaren.

(aus "Fremde Zungen. Glossarium der Sprache der Raschtulswaller Bergvölker und Ferkinas", Salmingen 1010 BF, erweitert und ergänzt 1035 BF, von Siopan von Salmingen)

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Texte der Hauptreihe:
K1. Von Zungenarten und Verballhornungen
1035 BF
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Kapitel 3

Den Bock zum Gärtner
Autor: Jan C.