Kategorie:Musik und Dichtung

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Liedgut und Dichtung

Von Minnespiel und Bardensang

Über die Musik in Garetien ließen sich natürlich ganze Bände verfassen. Fast jeder hier fühlt sich zumindest ab und an zum Sänger berufen, ob gerechtfertigt oder nicht, und Flöten, Fiedeln, Trommeln und derlei Instrumente mehr sind reichlich vorhanden. Auch Muße hat man in diesem fruchtbaren Land genug. Doch allein über die Frage, ob es eine wahrhafte und eigene garetische Musik gibt, können sich die Barden die Köpfe heiß reden.

Liedgut - Codex Manesse (ohne Copyright)

Zweifellos hat dieser Landstrich im Herzen des Kontinentes über viele hundert Jahre Einflüsse aus allen Himmelsrichtungen aufgenommen und manchmal auf einzigartige Weise miteinander verquickt. In den Gassen Gareths kann man gleichermaßen das todtraurige "Wiegenlied aus Joborn" wie ungestüme aranische Weisen vernehmen, in den Schänken Perricums erklingt der albernische "Liebesgruß" wie die bornische Ballade von Matti Hain. Bei dieser Form von Übernahme bleibt es nicht. Die Klänge aus aller Herren Länder vermischen sich auch immer häufiger. So kann das geschulte Ohr bei einem Trinklied, das von Koscher Hügelzwergen stammt, eine überraschende Schlusswendung nach tulamidischer Art vernehmen. Und so mancher Besucher aus Methumis war doch sehr verblüfft, dass "Als einst Sankt Gullaran", die innige Hymne an den Efferd-Heiligen, hierzulande mit dem ebenso innigen, aber weltlichen Text "Ach, liebste Mirya" gesungen wird.

Um die eingangs gestellte Frage zu beantworten: Ja, es gibt typisch garetische Musik. Denn natürlich äußern sich die Charakterzüge, die den Garetier ausmachen, auch in seinen Liedern.

Garetien ist Phexens Land, und so sind die fröhlichen, schalkhaften Lieder nach ‚Torbenias Art weitaus öfter zu hören als erbauliche und lehrreiche Gesänge aus der Schule des Aldifreid. Fast jeder Text wird mit einem kleinen Augenzwinkern vorgetragen. Sogar - oder gerade - Liebeslieder spielen mit einer feinen (Selbst-) Ironie oder mit verblüffenden Pointen: Die wahre Liebe oder, kurz und bündig:

Unerhört

Die Augen strahl'n wie Praios' Sonn,
Der Leib verspricht nur Rahjas Wonn',
Der Geist ist von Hesind' gesandt,
Doch, ach!, das Herz ist Firuns Pfand.

(nach "April Is in My Mistress' Face")

Wie ein roter Faden zieht sich diese Schelmerei durch jedweden Minnesang aus Garetien. Selbst die herzzerreißende "Klage des verlassenen Mädchens" endet mit der verschmitzten Erkenntnis, dass auch andere Väter wackere Söhne haben.

Ein weiteres typisch phexisches Augenzwinkern gilt den Mächtigen dieses Landes. Selbstverständlich verehren die Garetier ihre Königin und ihre Reichsbehüterin. Doch haben auf diesem Thron in den vergangenen Jahrzwölften auch andere gesessen. So manches wilde Sauflied, das zu vorgerückter Stunde gegrölt wird, enthält versteckten, aber beißenden Spott gegen die Kaiserzwillinge Bardo und Cella.

Diese Tradition hat einige überaus merkwürdige Blüten getrieben, namentlich die "Siebzehn-Skrupel-Sänge". Es war wohl Susa von Ballhorn (ein Weiler in Roßkuppel), Bardin am Hofe Kaiser Pervals, die von der ewigen Singerei über den Glanz blutiger Schlachten derart angewidert war, dass sie heimlich satirische Liedchen verfasste. So "verballhornte" sie den Glanz und die Gewalt zu der Zeile "Siebzehn Skrupel Silber und die Faust am Kinn". Bald überboten sich sämtliche Barden der näheren Umgebung gegenseitig mit den dreistesten Texten mit eben dieser Anfangszeile. Der fröhliche Wettstreit erwies sich als unausrottbar, obwohl er für manchen allzu frechen Sänger ein übles Ende nahm. Heute noch sind die Skrupel-Sänge als Nonsenslieder beliebt, meist rufen die Zuhörer rhythmisch den Refrain, während der Barde die Melodie singt. Es gibt aber auch aktuelle Neudichtungen. Die folgende entstammt - die Erwähnung von schwarzen Vögeln zeigt es - der Zeit der Answinkrise: Siebzehn Skrupel Silber

Natürlich ist das letzte Kapitel in dem Buch über die garetische Musik noch nicht geschrieben. Schließlich leben wir in einer Zeit, in der große Heldentaten verewigt werden wollen. Ja, und Schurken hat's auch zur Genüge, die den Spott der Barden auf sich ziehen. Gesang und Lautenspiel jedenfalls werden die Garetier sich nicht nehmen lassen.

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Texte der Hauptreihe:
K52.
Autor: Oliver B.

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