Schlechtes Wetter in Dergelstein

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Kalt pfiff der Wind durch die noch kahlen Bäume und entlud manches Schneehäufchen, das sich in einer Astgabel gefangen hatte, auf die drei Reiter. Es waren zwei Recken und eine Streiterin die durch den späten TSAmond zur Baronie Dergelstein ritten, welche sich bereits seit über siebenhundert Götterläufen in den Händen des Hauses Dergelstein befand. Auf den Schilde prangten ihre Wappen und kündeten von aufrechten Streitern. Der Wolfskopf des Herrn Wolfhart Leon Sigiswild von Aarenfels zu Angroschshorn, der Einhornkopf des Ritters Bragon Mandavarwin von Pandlarilsquell und der Mönch im Bach der Ritterin Lissmene Kusi von Mönchbach. In warme Mäntel gegen den immer noch kalten Wind gehüllt, ritten sie wachsam dahin, denn nicht nur Orks mochten noch in den wilden Wäldern hausen, sondern auch die Räuber des Blutigen Habichts sowie marodierende Hungernde, die all zu gern einen Hohen Herrn oder Dame ihre Wut und Verzweiflung hätten spüren lassen. Zudem hieß es, die Lande hier würden von einer Trollin beschützt werden und wer mochte schon wissen, wie sie auf die Neuankömmlinge reagierte?

Einige Tage später sah sich Lissmene nervös um, als die Drei an düsteren Baumstämmen entlang des Weges vorbei ritten. "Wir sollten vorsichtig sein! Die Gerüchte über diese seltsamen Wölfe machen mich etwas nervös, deshalb sollten wir aufmerksam sein!"

"Liebe Lissmene, sicherlich werden wir ein Auge auf die Wölfe und die Wälder haben müssen, doch ich glaube nicht, dass uns die Gefahr von dort droht, wir sind hier nicht wirklich willkommen...", sprach Wolfhart mit leiser werdender Stimme und ließ seinen Blick dabei über die dichten Wälder abseits des Weges gleiten. Dann jedoch festigte sich seine Stimme und er blickte direkt in die Augen der Ritterin: "Aber wenn wir mit Wordacor fertig geworden sind, dann wird uns diese greifenfurtsche Natter sicherlich auch nichts anhaben können, nicht wahr?"

Bragon schmunzelte ob dieser Worte. ‚Den mächtigen Drachen haben wir nicht zu dritt bezwungen, sondern mit Hilfe von über zweihundert tapferer Angroschim und Geodischer Zauberei!' dachte er bei sich. Doch auch er konnte nicht den Stolz ob dieser rühmlichen Tat verbergen, den er beim Gedanken an die überstandene Schlacht verspürte. Um die Wölfe machte aber auch er sich keine ernsthaften Gedanken. Er wurde nicht ohne Grund von Elfen und Nivesen ›Wolfsbruder‹ genannt. Aber die liebliche Lissmene hatte recht! Besser zuviel Wachsamkeit als zu wenig ...

Bald darauf kündete das orangerote Glühen am Horizont vom nahen Abend, so dass die Gefährten an einem geeigneten Rastplatz ihr Lager bereiteten. Während die drei beim prasselnden Lagerfeuer zusammen saßen, sich innerlich mit dem Mandavar-Met von Bragon wärmten und sich scherzend unterhielten, näherte sich der Grund für Lissmenes vormalige Nervosität. Die Ohren der Schlachtrosse zuckten unruhig und verhalten stapfte eines mit dem Huf auf. Kaum das die Ritter diesen Verhaltens gewahr wurden, funkelten auch schon gelb glühende Augen, gleich Bernsteinen im verblassenden Sonnenlicht, zu Dutzenden aus der Düsternis zwischen den Bäumen. Geduckte Gestalten huschten, kaum hörbaren Schrittes, durch das Unterholz wie lebende Schatten.

Wolfharts fröhliches Lächeln erstarb schlagartig, als er mit geübtem Griff sein Schwert zog, bereit, sich auch den unheimlichsten Kreaturen zu stellen. Lissmene griff geistesgegenwärtig nach einem brennenden Holzscheit aus dem Feuer und nahm Abwehrstellung ein. Bragons Arme überkreuzten sich, um nach den Schwertern aus Zwergenstahl zu beiden Seiten zu greifen, doch ließ er seine Hände von den kunstvollen Griffen abgleiten, als sich mehrere bepelzte Leiber scharrend und hechelnd aus der Deckung des nahen Waldes lösten. Wölfe! Waldwölfe noch dazu. Mit einem Grollen, das tief aus ihren hungrigen Kehlen stammte, schwärmten die räuberischen Jäger aus und umzingelten die nah beim Feuer zusammen stehenden Ritter.

Langsam wie Vorhänge der Vinsalter Oper hoben sich die Lefzen, entblößten bedrohliche Fänge, die schnappend aufeinander schlugen wie Bärenfallen. Geduckt, mit gesträubten Nackenfell, schlichen die Wölfe umher, wechselten beständig die Position, so dass sich keiner der Gefährten auf einen bestimmten Gegner einstellen konnte. Ab und an hechtete einer von den Wölfen vor, knurrend und zähnefletschend, begleitet vom durchdringenden Heulen seiner Rudelmitglieder, nur um kurz vor den Menschen innezuhalten und wieder kehrt zu machen. Diese schlauen Viecher testeten tatsächlich die Reaktionen der Falkenritter!

Dann wurde es totenstill, die Wölfe verharrten auf ihren Plätzen und der Rudelführer, von wuchtiger Gestalt wie ein Keiler, kam geräuschlos bis auf zwei Schritt an die Menschen heran. Auf seltsam forschende Weise kreuzten sich die Blicke von Bragon und dem riesigen Wolf mit den goldenen Augen. Fragend? Suchend? Plötzlich ruckte der mächtige Wolfskopf gen Alveran, ein langgezogenes Heulen ausstoßend, in dem die anderen Wölfe mit einstimmten. Umringt von diesem Rudel, von ihrem schaurigen Gesang bestürmt, musste Bragon verunsichert schlucken, während Wolfhart sein schlachterprobtes Schwert fester umgriff und Lissmene heftig atmend ihren nervösen Blick umherschweifen ließ. Dann brach das Geheul unwillkürlich ab, der stämmige Rudelführer ruckte herum und nach wenigen Herzschlägen waren die Wölfe wieder von der Düsternis des Waldes verschluckt. Zurück ließen sie drei Gestalten, die sich fragend anstarrten.

Unter leuchtend blauen Himmel brachen die drei Rittersleute am nächsten Tag auf. Wie eine goldene Gürtelschließe erhellte PRAios Antlitz ihren weiteren Weg, der durch das Domänengut ‚Caitlins Feld' der Baronin Gunilde von Dergelstein führte. Geringe Zeit später, der Wind wehte ihnen wie ein unheilverkündendes Omen beständig aus der Richtung ihres Zieles kalt entgegen, konnten die Gefährten arme, aber nicht hungernde Bauern beobachten, wie sie Reisig als Feuerholz sammelten und andere, die im spätwinterlichen Wald noch nach ein paar nicht gefundenen Trüffeln gruben.

"Heda, gute Leut'!", rief der Einhornritter zu den Bauern. "Sagt an, ist es noch weit bis zur Feste Nidaleg?", wollte er wissen.

"Nein, nein, hoher Herr!", rief einer der Bauern und kam, sich dutzende Male dabei verbeugend, auf die drei Reiter zugelaufen. "Folgt nur weiter diesem Pfad und gleich hinter der nächsten Wegbiegung könnt ihr der Baronin Heim erblicken, Burg Dergelstein auf dem Nidaleg, oberhalb des gleichnamigen Dorfes.", erklärte der in einfache Leinensachen gekleidete Mann fröstelnd, wobei er in die angesagte Richtung deutete.

Mit strengen Blick musterte Bragon den doppelt so alten Mann, der bibbernd neben der Tralloper Stute Gräfin Farline stand und verlegen empor schaute. Kurz entschlossen griff Bragon zu seiner prall gefüllten Geldkatze und warf der freundlichen Gestalt kurz darauf einen Silbertaler zu. "Habt Dank für die freundliche Auskunft! TRAvias Segen mit euch und den euren!", meinte der Weidener ehrlich und trieb Farline an.

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PRAios feuriger Himmelsschild glühte bereits in tiefem Rot, als der Nidaleg, ein Bergsporn, dessen steile Seite hin zum Dergel abfiel und auf dem sich die Burg erhob, tatsächlich nach der genannten Wegbiegung zu sehen war. Das Tor der Burg wurde von zwei Türmen flankiert, es handelte sich um ein Zangentor und beherrschend war der Anblick des düsteren, eckigen Wohnturms, der hoch über die Mauern emporragte und dem man sein Alter von mehreren hundert Jahren durchaus ansah.

Froh eilten sich die drei Falkenritter des Koscher Prinzen und erreichten alsbald die Feste Nidaleg der Baronin Gunilde von Dergelstein zu Dergelstein. Die zwei Torwachen an dem aus dicken Eichenbohlen gezimmerten Tor trugen einen blauen Wappenrock mit dem Wappen der Baronin über fester Lederrüstung und dicker wollener Unterkleidung. Beide waren mit Hellebarden ausgerüstet und trugen einen Dolch am Gürtel.

Von einer der Wachen befragt, antwortete Ritterin Lissmene: "Travia zum Gruße! Wir sind Streiter aus dem Kosch und bitten die Herrin dieses Landes um eine Gastung in Travias Namen. Melde Er seiner Baronin die Ritter Wolfhart Leon Sigiswild von Aarenfels zu Angroschshorn, Ritter Bragon Mandavarwin von Pandlarilsquell und Ritterin Lissmene von Mönchbach."

Eine der beiden Torwachen verschwand nach drinnen, während die andere den Versuch einer Unterhaltung wagte: "Da haben die hohen Herrschaften aber viel Phex gehabt, dass sie jetzt kommen. Ihre Hochgeboren ist selbst erst vor zwei Tagen von Gareth her eingetroffen."

"Das trifft sich wahrlich gut. Da die Baronin von der Beschwerlichkeit eines spätwinterlichen Rittes weiß, dürfen wir wohl umso hoffnungsvoller auf die Zustimmung ihrer Gastfreundschaft warten.", gab der Einhornritter lächelnd zur Antwort, als er sich aus dem Sattel schwang.

Eine Viertelstunde dauert es wohl, bis das erste Fallgitter hochgezogen wurde und die Ritter in den Raum zwischen die beiden Toren reiten konnten.

"Wenn wir die Burg erobern wollten, dann würde das wohl auch nicht viel länger dauern...", murmelte Wolfhart so leise, dass nur seine Gefährten es hören konnten, während die Ritter vor dem Tor warteten.

"Wenn Du dich da mal nicht irrst, Sattelbruder! Burg Pandlarils Wacht ist ähnlich konstruiert worden, soweit ich das überblicken kann, und die steht seit etlichen Jahrhunderten, trotz mehrmaliger Eroberungsversuche, immer noch trutzig am Awadir.", raunte Bragon zurück, den Blick seiner rehbraunen Augen auf die Mauern der Feste geheftet.

"Wohl bin ich mir bewusst, dass diese Burg nicht leicht zu erobern wäre, aber das haben wir ja auch nicht vor. Dennoch ist es nicht sehr TRAviagefällig uns hier so lange in der Kälte warten zu lassen, als ob das tatsächlich unsere Absicht wäre, werter Freund!" Zustimmend nickend schlang Bragon die Arme um den gerüsteten Körper und lief leicht wippend vor dem Tor auf und ab.

Pechnasen blickten drohend zwischen den Schießscharten auf sie hinab und bestätigten den Eindruck des Nichtwillkommenseins, dann öffnete sich ein wenig quietschend das zweite Fallgitter, das eindeutig rostiger und älter als das erste war, und gab den Weg in den Innenhof der Burg frei. Die zurückgekehrte andere Wache verbeugte sich und meinte: "Im Namen TRAvias und Ihrer Hochgeboren, seid willkommen auf dem Nidaleg."

"Wollen wir hoffen, das Mütterchen TRAvias Herdfeuer hier höher lodert, als die ungebührliche Wartezeit es annehmen lässt. Nicht mal bei HERZOGIN Walpurga muss man derart lange ausharren!" erwiderte Bragon bibbernd und etwas ungehalten.

Auch ein Stallknecht näherte sich den Rittern, um sich um die Pferde zu kümmern und sie nach rechts in den Stall zu führen. Direkt rechts neben dem Tor befanden sich das Backhaus und die Schmiede, links war ein kleiner Garten angelegt, gefolgt von dem Wohnturm aus schwarzen Steinen, der gut seine 25 Schritt in die Höhe ragte und zu dessen Eingang im ersten Stock eine hochziehbare Holzleiter führte. Gegenüber des Tores und am Ende des Hofes befand sich der zwei-geschossige Pallas, der ziemlich neu aussah und aus dessen Kaminen verheißungsvolle Rauchfahnen stiegen.

Im Schnee kämpfte ein etwa fünfjähriges Kind mit einem Stock von Kurzschwertlänge in der Hand mit einer erwachsenen, jungen Frau, die ebenso bewaffnet war und augenscheinlich dem Kind Unterricht erteilte, bevor sie die Gäste bemerkt. Eine leichte Verbeugung hin zu den Neuankömmlingen, dann hob sie wieder das Übungsschwert und setzte die Lektionen fort.

Die Ritterin erwiderte den Gruß der Fechtmeisterin, ebenso Wolfhart, der ein leichtes Kopfnicken in Richtung der jungen Frau wagte. Bragons rechte Faust pochte über dem Herzen grüßend gegen die zwergische Brünne, begleitet von einem lächelnden Hauptneigen.

Im Eingang des Pallas, einem großen Tor aus hellem Holz, von dem nur ein Flügel geöffnet worden war, stand eine Frau von etwa fünfzig Praiosläufen in dunkler Kleidung, mit streng zurückgebundenem, grauen Haar. Kastane, die oberste der Kammerfrauen und Haushofmeisterin, hatte die Aufgabe übernommen, die Gäste zu begrüßen und in Empfang zu nehmen, um sie dann auf ihre Zimmer zu führen.

Ein paar kurze Worte der Begrüßung, dann ging die Frau den Gästen voran durch eine große Eingangshalle auf eine breite Treppe zu, die sich in anmutigem Bogen in die Höhe schwang. Das Geländer war kunstvoll geschnitzt und gedrechselt worden und zeigte rechts und links des Treppenaufganges je einen aufrecht stehenden Keiler, den Fang stolz in die Höhe gereckt.

Über die Holztreppe gelangten die Ritter in den im ersten Stock gelegenen Gästeflügel und wurden sofort in die ihnen zugedachten Zimmer hineinkomplimentiert. Der Ritterin hatte man ein kleines, aber gemütliches Einzelzimmer zugedacht mit hohen Wänden, die mit fröhlichen Waldszenen bemalt worden waren. Eine Wand des Raumes war mit dunkelgrünen Kacheln bedeckt, die eine wunderbare Wärme abstrahlten, augenscheinlich handelte es sich um die Rückseite eines Kachelofens und tatsächlich vermeinte sich Lissmene erinnern zu können, im Flur die charakteristische Öffnung eines solchen Ofens gesehen zu haben. Die schmalen Fenster, mit einfachen Butzenscheiben verschlossen, gaben den Blick hinunter in den Innenhof frei, auf dem mehrere Stallburschen gerade eine größere Fuhre Heu von einer Karre luden.

Die Ritter fanden sich alsbald in einem etwas größeren Raum an der gegenüberliegenden Seite. Durch zwei in einem Erker gelegene hohe Fenster sah man auf den in gut 300 Schritt Tiefe gemächlich vorbeieilenden Dergel hinab, auf dem große Eisschollen schaukelten. Kastane, die stämmige Haushofmeisterin, runzelte die Stirn, eilte an den Besuchern vorbei und verschloss die an Schießscharten erinnernden Fenster schnell mit Holzläden. Der Raum, unangenehm kühl dank der jetzt erst verschlossenen Fensteröffnungen, wurde nur durch ein auf einem Dreibein nahe des Erker stehenden Kohlebecken beheizt, das zwar mit frischer Glut befüllt, aber noch nicht lange genug im Raum war, um diesen wirklich zu wärmen.

Bragon betrachtete fasziniert die dünne Eisschicht, die sich auf dem Wasser gebildet hatte, das in einem bauchigen Krug neben der Waschschüssel auf einem niedrigen Tischchen befand. Hatte man die Wände auch noch so hübsch mit Ernteszenen bemalt, die schrittdicken Mauern strahlten eine beißende Kälte ab und die spärliche Möblierung, bestehend aus zwei einfachen Truhen und dem Waschtisch und ergänzt nur um die in den Erker eingelassenen Sitzbänke, trug auch nicht unbedingt dazu bei, eine heimelige Atmosphäre zu schaffen.

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Nachdem sich die Ritter aus den nassen Sachen geschält und gewaschen hatten, kleideten sie sich in feinere Gewänder und ließen sich zur Baronin führen. Die Flure des Pallas waren kahl, ohne Bilder, Wandteppiche oder herumstehende Rüstungen, einfach weißverputzte Wände und wurden durch hölzerne Dielen und Decken ergänzt. Wieder ging es die Treppe hinunter und über den dunklen Granit, der hier den Boden bedeckte zum Arbeitszimmer der Baronin.

Baronin Gunilde von Dergelstein zu Dergelstein stand am Fenster und starrte gedankenverloren in den Hof, als es laut vernehmlich an der hohen Türe aus Steineichenholz pochte, die ihr Arbeitszimmer von den zugigen Gängen der Burg auf dem Nidaleg trennte.

"Herein!" In der Stimme der Baronin schwang eine leichte Ungeduld, während ihr Auge kurz über ihren Schreibtisch wanderte, auf dem sich Papiere zu hohen Bergen stapelten, auf denen hier und da kleinere Gerätschaften wie Rechenschieber, Federkehle und Siegelwachs thronten. Die Baronin zuckte die Achseln. Dieser Firun war wahrlich nicht angetan, die Arbeit eines halben Jahres nachzuholen. Gerade erst war ihr Sekretarius endlich von seiner Reise zurückgekehrt. Gut, sie hatte Rhys ap Rhiapp den Abschied zugestanden, damit er sich ganz den Studien widmen konnte, da dies letztlich der Baronie zugute kommen würde. Immerhin war Rhys dabei, alte Dokumente zu sichern und einen Überblick über alle auf der Baronie liegenden Rechte zu erstellen. Dieses Urbar würde endlich die leidigen Diskussionen überflüssig machen, welche so regelmäßig mit dem Frühjahr auf dem Nidaleg Einzug hielten wie die Schneeschmelze. Aber es blieb immer noch genug Arbeit liegen und die meiste davon war für sie bestimmt.

Wieder wandte sie sich den Ereignissen im Innenhof zu, während die Tür aufschwang und eine Reihe herrschaftlich Gerüsteter den hohen Raum betraten. Einen Koscher, so hielt sich Gunilde zugute, erkannte sie schon auf einen halben Tagesritt und dies waren geradezu Prachtexemplare dieser Hinterwäldler.

"Der Götter, Travia zuerst, Segen über euch, euer Hochgeboren. Wir danken Euch für die freundliche Aufnahme!" begann die Ritterin Lissmene die Begrüßung und alle drei beugten das Knie vor der Herrin der Baronie Dergelstein. Ungeduldig nickte sie den Besuchern zu und ließ Begrüßung und Kniefall fast teilnahmslos über sich ergehen: "Ja, ja, die Götter auch mit Euch. Was führt euch bei diesem Wetter zu mir? Euer Prinz hat doch sein Winterquartier, oder?"

"Wir reiten einem Freund entgegen, der TRAviabundgeschenke des Hauses Mandavarwin bringt. Durch ausgehungerte Wölfe oder den Blutigen Habicht könnten sie verloren gehen, was wir zu verhindern trachten!" Gunilde winkte dem jungen Pagen, der ihre Gäste hereingeführt hatte, zu sich: "Bringe noch zwei bequeme Stühle her, Gernand. Wollt ihr vielleicht etwas Warmes trinken?", man konnte den Tonfall der Baronin nicht als unfreundlich bezeichnen, andererseits war er allerdings im besten Falle teilnahmslos.

"Gerne!" Lissmene von Mönchbachs Antwort war knapp gehalten. Ihr war deutlich anzusehen, wie sie überlegte, wie sie auf die ungeduldige und ihrer Ansicht nach ungehörigen Frage der Baronin zum Quartier des Prinzen reagieren solle.

"Wir sind über Euer freundliches Angebot sehr erfreut und nehmen dankend an!", tat Ritter Bragon Mandavarwin von Pandlarilsquell leicht irritiert kund, wobei er sich verneigte. Hiernach erfolgte ein kurzer Seitenblick zu den Gefährten, um deren Reaktionen auf die harsche Begrüßung abzuschätzen. Ritter Wolfhart Leon Sigiswild von Aarenfels zu Angroschshorn versuchte sich derweil ein wenig im Hintergrund zu halten, da ihm die ganze Situation sichtlich unangenehm war.

Schließlich erinnerte sich Lissmene daran, dass der Hofherold ihr geraten hatte, im Haushalt der Dergelsteinerin möglichst "darpatisch" aufzutreten. Nun war die Erziehung der Ritterin alles andere als höfisch verlaufen, dennoch sammelte sie alles zusammen, was ihr an Etikette im Laufe ihres Lebens zugefallen war, und sprach die Baronin direkt an: "Wie Ihr seht, Hochgeboren, bitten nur wir drei Falkenritter Euch um Gastung und das auch nur für kurze Zeit. Seine Liebden Edelbrecht von Eberstamm erfreut sich der Gastfreundschaft Eures Landes auf dem Gut Pilzhain. Durch uns entbietet er Euch seinen Gruß. Dem Prinzen liegt sehr daran, das Land seiner Angebeteten kennenzulernen, um auch auf die Sorgen und Nöte der Barone eingehen zu können." Einen Moment zögerte die Ritterin, dann fuhr sie fort: "Falls Ihre Durchlaucht Irmenella von Greifenfurt dem Werben des Prinzen stattgeben sollte ...", der Tonfall ließ keinen Zweifel daran, dass die Ritterin davon ausging, dass es so kommen würde, "ist der Prinz, als ihr zukünftiger Gemahl, bereits mit dem Land und seinen Herrschern vertraut!" Unauffällig warf Lissmene Blicke zu ihren Gefährten, um deren Reaktionen auf ihre Worte zu beobachten. Ein feines Lächeln huschte über die Lippen des Einhornritters ob dieser gelungenen Eröffnung.

"So, so, der Prinz entbietet mir seinen Gruß!", erwiderte die Baronin leicht lächelnd. Da traten zwei Pagen mit den gepolsterten Stühlen in den Raum. "Ah, stellt sie zu dem anderen vor den Schreibtisch." Die Anweisung der Baronin erfolgte, ohne dass sie ihre Gäste aus den Augen ließ. Die Jungen taten, wie ihnen geheißen, während durch die offen stehende Tür ein junges, recht bäuerlich aussehendes Mädchen trat, beladen mit einem Tablett, auf dem vier dampfende Silberbecher standen. Der Duft, der den Bechern entströmte, war sehr würzig, enthielten sie doch den in diesem Teil Greifenfurts so beliebten heißen Pflaumenwein, gewürzt mit Zimt und Nelken.

"Bitte, setzt Euch doch." Während sie ihre Gäste mit einer einladenden Geste des rechten Armes dazu aufforderte, nahm die Baronin hinter ihrem Schreibtisch Platz. Als das Mädchen ihr zuerst einen der Weinbecher hinzustellen versuchte, fing es einen bösen Blick ihrer Hochgeboren auf und änderte mit einem leichten Zusammenzucken die Richtung, um die Ritter zuerst zu bedienen. Mit einem knappen Kopfnicken zu dem Mädchen nahm sich Bragon eines der Trinkgefäße vom Tablett und auch Wolfhart griff sich einen der dampfenden Becher. Dann zogen sich Pagen und Mädchen zurück und schlossen hinter sich die Tür.

"Ich muss Euch berichtigen, werte Ritterin: Es ist nicht mein Land dessen Gastfreundschaft sich der Prinz erfreut, sondern das der Markgräfin im allgemeinen bzw. das des Ritters zu Pilzhain im Besonderen. Diese Unterschiede sind wichtig." Sprach's, erhob den Kelch und prostete den Gästen zu.

"Dem Prinzen wird der Unterschied wohl bewusst sein, dessen seid gewiss!" erwiderte Bragon in ruhigem Tonfall, aber mit ernster Miene, wobei er prostend den Becher in Richtung der Baronin hob. Kohlfresserin, ging es ihm durch den Kopf. "Ebenso wie ihm bewusst sein wird, das er als FÜRSTENsohn eine BARONIN um TRAviagefällige Gastung bittet, sollte er sein Winterquartier zu verlegen beabsichtigen. Die werte Lissmene brachte mit dem Ausspruch von >Eurem Land< lediglich zum Ausdruck, dass Ihr Greifenfurterin seid, nicht mehr, nicht weniger." Mit einem kräftigen Schluck vom warmen Wein spülte Bragon seinen Unmut über die Wartezeit vor der Burg herunter, hatte die Baronin ihre Gäste doch für seine Meinung ausnehmend lange in der Kälte stehen lassen, bevor sie sie zu diesem nicht minder frostigen Empfang bestellt hatte.

"Es ist sicherlich lobenswert, wenn sich Seine Liebden von Eberstamm darum bemüht, die Mark und ihre Bewohner kennen zu lernen. Doch seid gewiss, falls ihre Erlaucht ihn wirklich zu ihrem Gemahl erwählen sollte, wird es nicht weniger denn Jahre dauern, wenn es überhaupt dazu kommt, bis er mit der Mehrzahl der Barone in irgendeiner Art vertraut sein wird." Bei diesem Satz wichen sämtliche Spuren eines Lächelns aus dem Gesicht der Baronin und harte, schwarze Augen musterten die drei Ritter prüfend.

"Das wird wohl davon abhängen, wie viel Vertrauen dem Prinzen entgegen gebracht wird und wie viel man vor ihm verbergen will. Oder gar verbergen muss...!" entgegnete Bragon ruhig, wobei er sinnierend in den Becher starrte, da ihm die pikierte Haltung der Baronin missfiel.

"Darüber hinaus", fuhr sie im normalen Gesprächston fort, "wird es nicht des Prinzen Aufgabe sein, sich um unsere ‚Sorgen und Nöte' zu kümmern. Das regeln wir Greifenfurter immer noch unter uns." Da war es wieder, dieses leichte Lächeln, das auch einer giftigen Schlange alle Ehre gemacht hätte.

Hatte Lissmenes Hand gerade noch den Kelch locker in der Hand, so schlossen sich ihre Finger nun wie ein Schraubstock um den Weinbecher. Du scheinst Edelbrecht ja nicht viel zuzutrauen, Baronin, dachte die Ritterin bei sich. Wahrscheinlich hältst du dich für tapfer, weil du gegen die Orkenbrut gefochten hast, aber beim Anblick Wordacors, des Purpurwurms, hättest du bestimmt nicht so stolz getan!' Sich hart am Riemen reißend setzte die Ritterin von Mönchbach ihren Kelch ab. Einige Dellen zierten die Stelle, wo ihre Hand geruht hatte. Lächelnd, aber mit lodernden Flammen in den Augen, erwiderte Lissmene ruhig: "Sicher mögen die Greifenfurter das Ganze regeln, wie unter dem gütigen Vater ihrer Erlaucht, zu Zeiten des Orkenzuges! Doch, mit Verlaub, werte Baronin, werdet Ihr doch bestimmt nichts gegen den Sohn eines aufrechten Recken haben? Der Prinz wünscht sich nur das Beste für Greifenfurt und wird sich sicher in die Gegebenheiten einfinden! Vor seinem kühnen Geist war kein Berg noch Tal im Kosch sicher. Wenn er mit dem erzenen Element fertig wurde, so werden die Wälder Greifenfurts Mühe haben, dem Prinzen zu widerstehen!" Das Lächeln der Ritterin war wie in Erz gegossen, nur ihre Augen funkelten.

Bragons linke Augenbraue hob sich leicht. So recht Lissmene auch hatte, es klang wie eine Duellforderung, ja mehr noch wie eine unterschwellige Drohung. Gerade hob er zu einer versöhnlichen Erwiderung an, als Wolfhart ihm zuvor kam: "Nun, sicherlich können unsere Länder auf einige äußerst...verbindende Ereignisse in den letzten Jahren und weit darüber hinaus zurückblicken, nicht wahr? Ich denke nicht, dass wir uns hier daran erinnern müssen, was wir füreinander getan haben. Solcherlei Wettbewerb ist wohl eher etwas für Barden und Bänkelsänger, will ich meinen." Bei diesen Worten blickte Wolfhart eindringlich in die Gesichter der beiden Frauen und versuchte vor allem Lissmene mit mahnenden Blicken daran zu erinnern, dass dies eine diplomatische Mission war. "Verzeiht Wohlgeboren, aber wir sind doch recht erschöpft von der Reise, da ist es sicherlich verständlich, wenn wir ein wenig gereizt erscheinen."

‚Fauxpas, Sattelbruder!' dachte Bragon ärgerlich und spürte auch ohne hinüber zu sehen das säuerliche Grinsen der Baronin.

"Nach einer erholsamen Nacht sieht das sicherlich ganz anders aus. Ich hoffe nur, Ihr habt nun keinen falschen Eindruck von uns. Und selbstverständlich könnt Ihr eure Angelegenheiten selbst regeln. Das sieht und schmeckt man!" Wolfhart drehte den Becher mit der dampfenden Flüssigkeit etwas verlegen in seiner Hand, um nicht in das Gesicht der Dergelsteinerin sehen zu müssen, in der immer noch das Grinsen stand. So hob er diesen schließlich ein wenig verlegen zum Trinkspruch: "Auf ein glückliches Ende der Brautfahrt!"

"Ja, so oder so!" murmelte Bragon.

"Auf ein glückliches Greifenfurt!", lautete der etwas kühl erwiderte Trinkspruch der Baronin. ‚Dem Prinzen widerstehen, pah. Erst will man uns aufkaufen und jetzt anscheinend erobern, da werden sie auf Finsterkammer Granit beißen, wenn es nach mir geht!' Gunildes Gedanken verweilten kurz bei dem Baron von Gallstein, dann riss sie sich zusammen und wandte sich wieder ihren Gästen zu. ‚Und anscheinend ist da jemand auch durch den Etiketteunterricht im Galopp geprescht, Wohlgeboren, so was! Als ob ich mir das Hoch- davor nicht verdient hätte.' "Nun, ihr werdet sicherlich noch Gelegenheit haben, Eindruck auf mich zu machen; und selbstverständlich ist so ein Ritt durch das winterliche Greifenfurt kein Vergnügen, nicht für die Pferde noch für die Reiter. Ich schlage folgendes vor: ich werde mich jetzt um meine Tochter kümmern, während die Köchin für ein Abendessen sorgt - ich muss euch warnen, mein Sekretär, seine Gnaden Rhys ap Rhiapp, hat eine furchtbare Vorliebe für Gemüse und das hat sich leider auf die Dergelsteiner Küche ausgewirkt - und wir treffen uns in zwei Stunden in der kleinen Halle wieder, so dass ihr angemessen Gelegenheit habt, euch auszuruhen."

Lissmene blickte Wolfhart zornig an. Schließlich reagierte sie auf seinen mahnenden Blick und nahm ihren Silberkelch auf. "Auf Irmenella und Edelbrecht!" Der Trinkspruch hätte durchaus eine Kampfansage sein können und die Ritterin schien mit sich zu kämpfen, bevor sie sich einen Dank abringen konnte: "Wir danken Euch, Hochgeboren! Dann werden wir uns jetzt zurückziehen." Abrupt erhob sie sich. Wolfhart eilte sich der Waffengefährtin zu folgen, ohne ihr noch einmal in die Augen sehen zu müssen.

"Mmh ..., der warme Wein tat gut, besonders bei der Kälte in diesen Mauern ..." ertönte des Einhornritters raue Stimme und sein tadelnder Blick bohrte sich in Gunildes Augen wie ein Elbenpfeil, schweifte dann aber ebenso zielsicher zur Ritterin hinüber, bevor er sich mit einer tiefen Verbeugung zurückzog.

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Auf dem Weg zu den Zimmern, blickte Wolfhart ein wenig betrübt auf den Boden und sprach dann schließlich etwas zerknirscht zum Weidener: "Sag', Freund, Wohlgeboren war nicht wirklich richtig, oder? Ich hoffe, ich habe es uns damit nicht verdorben..." "Ach, guter Wolfhart, bei dieser Person gab es nicht viel zu verderben! Sie hatte offenbar schon im Vorfeld ihre Meinung über den Prinzen und wohl auch über uns, da wir zu seinem Gefolge gehören. Ob Sie diesen Etiketteschnitzer überhaupt registriert hat, konnte ich an Ihrem Boltansgesicht nicht ablesen. Geändert hat sich dadurch aber, meiner Einschätzung nach, nichts."

Auf ihren Zimmer rammte Lissmene erst mal ihren Dolch in einen Schemel. Bragon und Wolfhart, die sie auf ihr Zimmer gebeten hatte, schauten etwas irritiert, aufgrund des Wutausbruchs der Gefährtin. Etwas ruhiger wischte sich die Ritterin eine schwarzrote Locke aus dem Gesicht. "Der Prinz hat die Falsche ausgewählt. Ich bin kurz davor ihre Hochgeboren zu einem Turnier nach pervalschen Regeln zu fordern." Dann zog sie ihren Dolch aus dem Schemel und setzte sich. "Aber eigentlich haben wir unsere Mission erfüllt! Wir wissen, dass Gunilde von Dergelstein gegen den Traviabund ist. Und anscheinend ist sie auch nicht vom Gegenteil zu überzeugen."

In beruhigendem Tonfall sprach Wolfhart auf die Gefährtin ein: "Lissmene, es ist nicht so, dass ich dich nicht verstehen würde. Auch ich würde die werte Baronin am liebsten fordern, so wie sie sich erdreistet. Zudem habe ich ja meinen letzten Zweikampf verloren und mit dieser Schmach will ich ja auch nicht ewig leben!", fügte er schmunzelnd hinzu. "Doch das wäre sicherlich nichts, womit wir unserem Prinzen einen Gefallen erweisen würden. Und über seine Wahl haben wir nicht zu urteilen! Wenn er Irmenella ehelichen will, dann ist das seine freie Entscheidung! Und niemand hat geglaubt, dass das Ganze einfach werden würde - ansonsten wären wir auch nicht hier..."

Hilfesuchend sah er sich nach Bragon um, der milde lächelnd in Lissmenes Gesicht blickte und zustimmend nickte: "Die Wahl ist die Seinige! Zumal ich die Dame Irmenella nicht kenne und mir kein Urteil über sie anmaßen will. Wenn RAHja es so gefügt hat, können wir ohnehin nichts daran ändern, doch bezweifle ich, dass sie ein ebensolcher Drachen ist wie die Dergelsteinerin. Lissi bezog sich aber wohl eher auf die Baronin, deren Domizil sich Edelbrecht als mögliches Winterquartier auserkoren hat und da kann ich ihr nur deutlich beipflichten. Diese Wahl war die falsche!"

"Du würdest ja auch nicht anders denken, wenn irgendein Garether Prinz zu uns in den Kosch kommen würde, nicht wahr? Ich kann es ihr kaum verdenken, dass sie nicht gerade hocherfreut ist. Aber vielleicht können wir sie umstimmen, dann wäre sie uns und dem Prinzen sicherlich eine große Hilfe. Mit ihrer Unterstützung würde sicherlich einiges einfacher."

"Sicherlich würde es einfacher werden. Haus Dergelstein ist meines Wissens das älteste Adelshaus in der Mark und das Wort der Baronin wird darob viel Gewicht haben bei den anderen Adligen. Doch muss ich gestehen, dass ich ebenso wenig wie Lissi weiß, wie wir ihre Hochgeboren von den Qualitäten Edelbrechts überzeugen können."

"Und erinnere dich, was uns aufgetragen wurde. Wir sollen die Angelegenheit darpatisch angehen; meines Wissens nach war Perval eher Garether, oder?"

"Die Einrichtung und Ausstattung der Burg ist aber schon recht pervalisch-karg!" sagte Bragon mehr zu sich selbst.

"Also lass' uns uns zusammenraufen und einen Plan schmieden, wie wir die alte Hexe auf unsere Seite ziehen können!" Wolfhard klopfte Lissmene aufmunternd auf die Schulter und blickte ihr erwartungsvoll in die Augen. "Wolfhart hat recht! Ihr anfänglicher Neid auf Dein bezauberndes Gesicht, Lissi, wird schon wieder verfliegen, wenn wir es richtig angehen." Bragon grinste vielsagend und blinzelte der amazonenhaften Kriegerin zu.

Einen Moment starrte Lissmene die beiden Gefährten und besonders Bragon an. Dann schnaufte sie nur ein "Männer!" heraus, während sich auf ihrem Gesicht ein Lächeln ausbreitete: "Mit der falschen Wahl meinte ich MICH, Freunde! Ich bin koscher Ritterin und keine Diplomatin. Edelbrecht hätte jemand anderes schicken sollen. Aber soweit ich weiß will der Prinz gar nicht das Winterquartier wechseln. Weißt du etwas Wolfhart, was wir nicht wissen?" Fragend blickte Lissmene ihn an.

"Egal! Ich vermag keinen Weg zu sehen, diese ... diese hochgeborene Person auf unsere Seite zu ziehen, aber vielleicht können wir erfahren, wen sie und die anderen Gegner des Prinzen lieber an Irmenellas Seite sehen wollen!"

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Kurz bevor sie zum Essen aufbrachen raunte Lissmene Bragon zu: "Du verbringst zuviel Zeit mit Elfen. Du säuselst Worte in den Wind. Da sind die Zwerge mir doch lieber. Sie versuchen Frauen mit Heldentaten und Geschenken zu erobern!" Sie zwinkerte ihrem Gegenüber zu: "Heldentaten hast du ja schon vollbracht, fehlen nur noch die Geschenke..."

"Na das ist ja wieder typisch für euch Weibsbilder!", erwiderte Bragon grinsend und knuffte die Ritterin mit dem Ellenbogen in die Seite. "Beständig verlangt es euch nach materiellen Gütern zum Anfassen. Mir genügt dagegen schon euer ... ähm ...!", verlegen hielt der Weidner in seiner Rede inne, da er sich mit seiner Wortwahl beinahe zu weit vorgewagt hätte. Glücklicherweise betraten sie da auch schon den Rittersaal und mussten sich anderen Dingen zuwenden. Doch der Einhornritter ließ die Koscherin nicht nur aus Höflichkeit zuförderst schreiten, bot sich ihm doch hier eine der wenigen Gelegenheiten, der wohlgeformten Kehrseite der Ritterin ansichtig zu werden, zumal in deutlich vorteilhafterer Garderobe als es sonst der Fall war.

Bei dem Rittersaal handelte es sich um den größten Raum im Pallas der Burg. Gute zwölf Schritt in der Länge, neun Schritt in der Breite und fünf Schritt in der Höhe zeugte er von dem hohen Selbstbewusstsein der herrschenden Familie. Unter der Decke aus dunklen Holzbalken hingen die Banner des Hauses Dergelstein, hinübergerettet aus vielen Jahrhunderten, manche davon mit dunklen Flecken und teils zerrissen, als wären sie aus einer Schlacht geborgen worden. An den Wänden brannten in jeweils zwei Schritt Abstand Ölfackeln, die schon eine dunkle Rußschicht hinterlassen hatten. An der Stirnseite des Raumes, der Wand, die an keiner Außenseite lag, befand sich ein gut drei Schritt breiter und zwei Schritt hoher Kamin, in dem ein kräftiges Feuer brannte. Die Mitte des Raumes wurde von einer langen Tafel aus dunklem Holz ausgefüllt, welche mit weißen Linnen und edlem Steingut gedeckt war. Mit der Rückenlehne zum Kamin stand der geschnitzte Stuhl der Baronin am oberen Ende, die Längsseiten wiesen jeweils 10 ähnliche, aber nicht ganz so hochlehnige Stühle auf.

Die Herrin von Dergelstein war noch nicht zugegen und auch der Platz zu ihrer Rechten war noch frei. Doch auf dem Platz links ihres Stuhls saß bereits das Mädchen, das im Hof den Kampf geübt hatte. Sie mochte kaum fünf Götterläufe zählen und hatte dunkle, kurze Haare. Nun, da die Ritter den Saal betraten, wandte sie ihnen ihren Blick zu: Die Augen waren vollkommen weiß, ohne Pupille, doch dieses Weiß war von purpurnen Schleiern getrübt. Das Kind war augenscheinlich blind, um so erstaunlicher erschien den Gästen nun in der Rücksicht der Kampf mit der Fechtmeisterin.

Bragons Wangenmuskeln zuckten kurz beim Anblick der leeren Augen. Derartige tobrische Ungeheuerlichkeiten behagten ihm nicht sehr und so schweifte sein Blick zu den anderen Personen an der langen Tafel. Rechts neben dem Mädchen saß die Fechtlehrerin, eine schlanke Frau um die Mitte zwanzig. Neben der Fechtlehrerin erhob sich gerade ein schon grauhaariger Mann um die Mitte vierzig mit einem kupfernen Schlangenhalsreif und auch den einfachen Gewändern eines Geweihten der Hesinde. "Wenn ich mich vorstellen darf: ich bin Rhys ap Rhiapp, Secretarius und Archivarius Ihrer Hochgeboren und einfacher Diener der göttlichen Schlange."

Sein Arm holte leicht aus, als er erst auf das Mädchen, dann auf die Lehrerin deutete. "Dies ist Jasline Rohanja von Dergelstein-Hartsteen zu Dergelstein, die Tochter der Baronin und Serissa Kyndoch, die hier die Funktion einer Erzieherin erfüllt. Bitte, setzt Euch doch!", dabei deutete er auf die Plätze gegenüber sich selbst und der Lehrerin, sowie noch auf einen Stuhl weiter zur Linken.

"Dank euch und TRAvia zum Gruße!" erwiderte Bragon.

"Ihre Hochgeboren und ihr Gemahl werden gleich erscheinen."

Als ob sie auf dieses Stichwort gewartet hätte, öffnete sich die zweiflügelige große Tür gegenüber dem Kamin, gerade nachdem sich die Ritter gesetzt hatten, und die Herrin von Dergelstein kam mit ihrem Gemahl an der Hand in den Raum geschritten.

Bragon erhob sich mit einer Verbeugung. Die Baronin hatte sich umgezogen und trug nun ein edles Kleid aus dunkelgrünem Samt mit goldschwarzer Borte und auf ihrer Brust prangte der Greifenstern in Bronze, während sich einzelne Feuerzungen der Fackeln in dem silbernen Stirnreif mit den sechzehn Perlen spiegelten, der ihre Stirn krönte.

Ihr Gemahl, den der Hesindegeweihte soeben als Wulfhardt von Hartsteen vorstellte, war ein schlanker, groß gewachsener Mann mit langen dunklen Haaren, der eine einfachere Gewandung aus grauem Samt trug: Wams und Hosen, die mit silbernen Knöpfen verziert waren. Mit leiser Stimme begrüßte er die Gäste im Namen der Götter, bevor sich das Paar an die Spitze der Tafel setzte und der erste Gang des Essens, eine Suppe, aufgetragen wurde.

Die Gäste hatten sich an der langen Tafel niedergelassen und ein Diener war gerade dabei, die Kerzen in den Zinnkandelabern anzuzünden. Die massiven Stühle ächzten unter dem Gewicht der Gäste, ein Umstand, der vor allem im Alter der gesamten Einrichtung begründet lag. Die Tafel selbst glänzte von generationenlanger Behandlung mit Bienenwachs und die Gemälde an den Wänden hatten bestimmt schon auf die Urgroßeltern der derzeitigen Baronin strafend herabgeblickt.

Das Gluckern des Aperitifweines hallte beängstigend laut von den Wänden und einzig das Knacken des Holzes und ein gelegentliches Zischen der Kerzen war ansonsten zu vernehmen. Wolfhart, der immer noch ein wenig verärgert über seinen eigenen Fehler zu sein schien, hatte sich möglichst weit weg von der Gastgeberin an die Tafel gesetzt und überließ zunächst seinen Gefährten das Gespräch. Schließlich brach der Einhornritter die beklemmende Stille am Tisch: "Möge NAndus die Wärme sein, die sich mit TRAvias Feuer hier ausbreitet!", intonierte er, den Becher in die Runde erhebend.

"Und möge die Bescheidenheit PERaines uns ein Licht im Nebel sein!", konterte Gunilde sofort den Trinkspruch mit einem blitzenden Blick und nahm einen größeren Schluck aus ihrem Becher, bevor sie ihn ein wenig unsanft wieder auf den Tisch stellte.

"Die Kinder der beiden Fürstenhäuser allein entscheiden über den TRAviabund, niemand sonst", nahm Bragon nach einigen Löffeln dampfender Suppe wieder jenes Thema auf, das fast jedem hier im Kopf herum spukte: "Doch kann wohl davon ausgegangen werden, dass eine Dame wie Irmenella von Wertlingen nicht Ihr Herz allein entscheiden lässt, hat Sie doch stets, soweit uns bekannt, das Wohlergehen der Greifenfurter im Auge gehabt, so dass sie kaum eine so leichtfertige Entscheidung fällen wird, wie Ihr sie offenbar befürchtet, Euer Hochgeboren! Von Ihrer Erlaucht wird erwartet, dass sie Ihre persönliche Meinung nicht über das Wohl des Landes stellt, so sollten auch wir nicht unsere Ansichten über das Wohl der beiden Fürstenhäuser oder gar deren Entscheidung in Frage stellen. Und diese Entscheidung, gleich welcher Art sie auch sein mag, sollte niemanden von uns bekümmern. Vielmehr sollten wir darum bemüht sein, dieses Vorhaben auf beiden Seiten nach besten Kräften zu unterstützen, so wie es sich für Patrioten des Mittelreiches gehört. Aber unter uns, werte Baronin: Wer in der Markgrafschaft Greifenfurt könnte es schon mit den Qualitäten Edelbrechts aufnehmen? Ich bin zwar Weidener und kein Bewohner dieses Teils des Mittelreiches, aber meines Wissens gibt es hier niemanden, der dem Prinzen als Bräutigam ebenbürtig wäre oder irre ich mich da?"

Die Baronin hatte diesen Ausführungen mit scheinbar unbewegtem Gesicht gelauscht, doch konnte man ein leises Stöhnen ihres Gemahles, des Hartsteeners, vernehmen, dem sie unter dem Tisch wohl die Hand gegeben hatte, während ihre Rechte sich langsam in die Tischplatte krallte.

Dann kam es wie ein zorniges Unwetter der Herrin Rondra selbst über die Koscher Besucher: mit dem letzten Wort Bragons sprang Gunilde zornig auf, so dass der hochlehnige Stuhl, auf dem sie am Kopfende des Tisches gesessen hatte, polternd zu Boden fiel und ihre Stimme durch die weite Halle wie das laute Organ eines Heerführers dröhnte: "Durchaus irrt Ihr Euch, Herr Ritter Bragon Mandavarwin von Pandlarilsquell! Was denkt Ihr eigentlich, wen Ihr vor Euch habt? Ein unmündiges Kind, dem ausgerechnet Ihr zu sagen habt, was es denken soll? Ich, aus dem ältestem Haus der Mark, das sich schon Jahrhunderte vor irgendwelchen Wertlingern um die Belange und das Wohl des Landes Greifenfurt gekümmert hat, soll nach Eurem Willen mit anschauen, wie die Zukunft der Mark gestaltet wird und dabei die Hände in den Schoß legen? Für Euch und Eure Belange mag das wohl genügen, doch in Greifenfurt gibt es einen starken Adel, der sich seiner Rechte und seiner Würde durchaus bewusst ist und entsprechend handelt. Wir haben Helden in diesem Land, die durch ihren selbstlosen Einsatz dafür gesorgt haben, dass es sich hier kein Schwarzpelz mehr gemütlich macht und wenn wir denken, dass unserer Lehnsherrin durch die Frau RAHja der Blick verschleiert wurde, dann sagen wir es ihr! Das Wohl Greifenfurts liegt nicht im Kosch, wir haben es schwer genug, uns gegen die Garetier zu behaupten, die uns wieder in ihre Grafschaften vereinnahmen wollen und eine Hochzeit mit einem fremden Prinzen wird weder unsere Position stärken, noch eine Demonstration unseres Selbstbewusstseins sein. Im Gegenteil, es wird so aussehen, als ob wir uns der Hilfe des Kosch versichern wollten, und wer tut so etwas, es sei denn, er kann eine eigene Schwäche nicht mehr aus eigener Kraft bekämpfen? Mein lieber Herr Ritter, Ihr irrt gewaltig, wenn Ihr denkt, ich vertrete nur eine persönliche, nicht weiter ins Gewicht fallende ‚Ansicht'! Fragt den Dunkelsfarner, fragt den Finsterroder, fragt den Nebelsteiner, fragt die Eslamsrodenerin: jeder, der nur irgend mit der Politik Greifenfurts zu tun hat und aus einem Haus von Rang und Namen stammt, vertritt meine Ansicht! Wer steht schon auf Eurer Seite? Ein Baron, der zu Kaiser Hals Zeiten erhoben wurde und noch nicht einmal eine Handvoll von dessen Freunden. Das sollte Euch zu denken geben! Wenn Ihr das nicht auch lieber Eurem Fürsten überlassen wollt!

Ihre Erlaucht mag Ihre Entscheidung treffen, wie sie es für richtig hält, und möge diese Entscheidung weise und zum Besten der Mark getroffen werden, wir werden sehen, welche Saat aus diesem Samen aufgehen wird! Ich fürchte mich nicht vor ihrer Entscheidung, wie Ihr mir nahe legt - und ich habe mir in meiner eigenen Halle noch niemals einen solchen Affront anhören müssen! Dankt TRAvia, dass Ihr unter Ihrem Schutz hier aufgenommen worden seid, - ich fürchte um das Wohl der Mark und darum, dass wohlbegründeter Rat achtlos in den Wind geschlagen wird. Ich weiß nicht, in was für einer Welt Ihr lebt, Ritter, doch ich trage Verantwortung, ich kümmere mich um Dinge, die mich angehen und anscheinend weiß ich im Gegensatz zu Euch, dass es durchaus im Bereich des Möglichen liegt, dass Menschen Fehler machen, wovon Fürstenhäuser nicht ausgenommen sind.

Es ist nicht mein Problem, wenn Euer Leben von Euren Lehnsherren für Euch bestimmt wird und Ihr Euch damit bescheidet, aber - und das sage ich nur noch dieses eine Mal - sagt mir nie wieder, was ich zu tun oder zu denken habe; das überschreitet bei weitem Eure Kompetenz, Wohlgeboren!"

Während dieser langen Rede hatte die Stimme der Baronin nichts von ihrer Lautstärke eingebüßt, im Gegenteil, gegen Ende wurde sie immer lauter und während Ehemann und anwesende Edle eher versuchten, in ihren Stühlen so klein wie möglich zu erscheinen, hob die blinde Tochter das Gesicht zu ihrer Mutter und lächelte. Nun stand diese kerzengerade und mit Hass in den Augen vor ihren Gästen, während die Adern an ihren Schläfen wild pochten und sie, vor Empörung keuchend, nach Atem rang.

Stocksteif saß Bragon auf seinem Stuhl, als wäre er gerade von einem namenlosen Blitz getroffen worden und blickte etwas irritiert zu Gunilde auf. Dann jedoch fasste er die Baronin fest ins Auge: "Meine werte Frau Mutter ist TRAviageweihte! Gastfreundschaft, insbesondere im Namen TRAvias, nehmen wir daher IMMER dankbar entgegen!", hallte seine ruhige, tonlose Stimme in der unheilvollen Stille, während seine linke Augenbraue unterstreichend empor zuckte. Seine Nasenflügel blähten sich, als er scharf die abgestandene Luft beim Aufstehen einsaugte. Seine rehbraunen Augen glitzerten im Kerzen- und Fackellicht kalt wie Onyxe in einem Gletscher und seine ansonsten um sanfte Töne bemühte Stimme ähnelte nurmehr dem Knurren eines Waldwolfs, der sein Revier verteidigt: "Was den Einsatz Eurer Familie für das Heimatland und die daran angeknüpfte Verantwortung angeht: Der Leib Sumus ist vollgesogen mit dem Blute aus dem Hause Mandavarwin, welches seit Jahrhunderten zum Wohle Weidens, ja des gesamten Mittelreichs vergossen wurde! Denn Weiden besteht ebenfalls aus starken Adel, der zu Handeln versteht und sich gegen unsinnige Entscheidungen, wie z.B. die Heeresreform des Wallbrordt von Löwenhaupt j.H., zu behaupten weiß. Möge RAHja ein Einsehen haben und Euch nicht die Liebe zu einem anderen Menschen ins Herze legen, könnte sich dies doch nachhaltig auf Eure berechnenden, selbstgefälligen Ratschläge auswirken!", beendete er sarkastisch mit einem abschätzenden Blick auf die Gestalt Gunildes seine kühne Rede. Wohl allen Anwesenden wurde schnell bewusst, das sich der Einhornritter nicht so sehr in seiner Ehre als eigene Person attackiert fühlte, als vielmehr als Edelmann des unfähigen Weidens.

“Euer Hochgeboren!" Kerzengrade stand Lissmene Arraxa Kusi von Mönchbach vor ihrem Platz. Hätten Bragon und Wolfhart jetzt eine flammende Rede und eine Duellforderung erwartet, so wurden beide enttäuscht. "Ihr habt recht! Uns steht es nicht zu Euch zu sagen, was Ihr zu tun oder zu denken habt! Aber ebensowenig habt Ihr uns vorzuwerfen, wovon Ihr gar nichts wisst! Seht dieses Amulett!"

Mit ihrer Linken hob sie das goldene Falkenamulett hoch. "Dieses Zeichen des Fürsten und des Falken zeigen, dass wir mit unseren Taten treu zu unserem Fürsten und dem Prinzen stehen. Und wie hat er es uns vergolten? Mit Liebe, Achtung und Tat! Er selbst ist mit auf die Suche gegangen nach einem treuen Weggefährten. Er selbst warf sich in die Schlacht gegen einen Schrecken, der genauso schrecklich sein mag wie die Orks. Nur ein Schwur auf den Herrn Ingerimm verbietet mir, Euch zu sagen wo und welchen Schrecken. Aber war der Prinz nicht an der Trollpforte? Seiner Tapferkeit dürft Ihr nicht von der Hand weisen. Und GENAUSO sind wir Koscher. MANCHE mögen uns ja für behäbig und schicksalsergeben halten, doch wer immer dies tut, irrt sich gewaltig!"

Jeder, der sie am Nachmittag erlebt hatte, musste sich ob ihrer Beherrschung an dieser Stelle wundern. Kalt und präzise wie die Klinge eines Schwertes kamen die Worte über die wutblassen Lippen Lissmenes. "Falls wir Euch beleidigt haben sollten, Euer Hochgeboren, so nehmt unsere Entschuldigung. Es geschah sicher nicht mit böser Absicht." Einen Moment blickte sich Lissmene um. Ihre Augen wandten sich Bragon und Wolfhardt zu. ‚Rückzug?' Die Gefährten der Ritterin wussten sofort, was sie wollte.

“Hmmm!”, mehr kommt auf die Entschuldigung von Seiten der Baronin erst einmal nicht. Doch zumindest schien sie sich während der Rede der Ritterin soweit beruhigt zu haben, daß man sie nun nicht mehr keuchen hört. Ein harter Blick wanderte durch die Runde. Würde noch jemand das Wort ergreifen?

Hart wie Tuzaker Stahl war Bragons Blick, obwohl er doch sonst jene Kriegerin stets nur mit lachenden Augen betrachtete. Noch vor einigen Stunden war es Lissmene gewesen, in deren Blut sich INGerimms Esse breit gemacht hatte und Bragon hatte einen ruhigen Kopf behalten. Welch ein Rollentausch! Jetzt hatte ein schlafender Vulkan in seinem Inneren zu brodeln begonnen, hatte seine elfische Gleichmütigkeit, die in Weiden fast schon ein Markenzeichen des Einhornritters darstellte, sich durch eine keifende Adlige tatsächlich in Wohlgefallen aufgelöst. Lissmene vermeinte ein feines Lächeln zu erkennen, welches die Mundwinkel des Weideners umspielte und das freundliche Leuchten seiner Augen kehrte für einen Herzschlag wieder. Wie stets behielt Bragon seine kühle Beherrschung bei, als er sachlich das Wort an die Baronin richtete: "Selbstverständlich hätte es mir auch nicht beliebt, wenn ihre Hoheit Walpurga dem Werben des Granden Paligan nachgegeben hätte und was sich daraus entwickelt hätte, WÄRE zum fürchten gewesen. Doch ist dieser stinkende Auswurf einer krätzigen Krähe nicht im mindesten mit seiner Liebden von Eberstamm zu vergleichen. Sei es drum. Es lag weder in meiner Absicht Euch Vorschriften zu Eurem Handeln oder Denken machen zu wollen, noch beliebt es mir, mich in die hiesige Politik einzumischen! Lediglich meinen Standpunkt in dieser Angelegenheit wollte ich zum Ausdruck bringen. Ein unangenehmes aber ehrliches Wort ziehe ich tausend schmeichelnden Lügen vor. Ich nahm kein Blatt vor dem Mund, da ich annahm, dass Euch die Größe zu eigen ist, dies zu schätzen, insbesondere bei dem bevorzugten heiklen Gesprächsthema, wobei mir scheint, das ich der Markgräfin weit mehr zutraue als ihre unmittelbaren Untergebenen.

Meine Fehleinschätzung zu Eurer Person tut mir aufrichtig leid und ich kann nicht mehr tun, als Euch meine ehrliche Entschuldigung anzubieten für meine aufrichtigen Worte, für die sich im übrigen noch kein Weidener jemals zu schämen brauchte. Wenn ihr mir großzügiger Weise noch TRAvias Gastung über Nacht gewähren wolltet, so werde ich Euch schon morgen früh nicht weiter mit meiner Gegenwart belästigen. So oder so, Euer Hochgeboren, bitte ich darum mich zurückziehen zu dürfen."

Länger vermochte der Einhornritter diese Scharade wohl auch nicht mehr zu spielen, jubelte er doch innerlich nicht wenig. In ihrer maßlosen Eitelkeit und Arroganz, geboren aus ihrer selbstüberschätzenden Stellung als Baronin des ältesten Geschlechts der Mark, hatte Gunilde durch ihre Wut soeben mehr von ihrer wahren Meinung kund getan, als sie beabsichtigt hatte. Natürlich konnte man ihr mit dem Gesagten nicht in geringster Weise schaden oder ihr gar einen Strick daraus drehen, aber Edelbrecht konnte nun seinen Gegnern Gesichter und Namen zuordnen und entsprechende Vorkehrungen für die Zukunft treffen. Mit der Heimlichkeit war es also erst mal vorbei. Die drei Gefährten hatten ihre Aufgabe recht gut erfüllt und würden nun nicht mit leeren Händen zum Tross des Prinzen zurückkehren. Allerdings hätte Bragon nicht im Traum daran gedacht, dass seine absichtlich provokante Redeweise ein solches Ergebnis liefern würde. Er hatte lediglich spekuliert, dass die ach so von sich eingenommene Baronin nur durch derartige Sticheleien versehentlich einige wenige verwendbare Informationen preisgeben würde, denn für ein Wortduell auf höherer Ebene war sie einfach eine zu intelligente Intrigantin, die ihre Worte allzu präzise plazierte, wenn sie zuviel Zeit zum Nachdenken erhielt. Ein Umstand, den er natürlich hatte vermeiden wollen.

Auf die ganze Rede des Einhornritters meinte die Dergelsteinerin nach einer Weile nur: “Ich erkläre das Essen hiermit für beendet!” nahm ihre Tochter an der Hand und verschwand aufrechten Ganges mit energischen Schritten durch die große Saaltür. ‚Genug gebrüllt für heute‘, dachte sie sich dabei, ‚soll dieser unmögliche Weidener doch nur versuchen, mich weiter zu reizen, heute wird er damit keinen Erfolg mehr haben. Was für eine Gefolgschaft sich dieser ‚edle Prinz‘ da doch ausgesucht hat. Keine Ahnung von der Mark, von Etikette, von den Parteiungen, in denen sie stecken oder auch nur von gesundem Menschenverstand, geschweige denn eigenen Willen, wie es scheint. Gleich und gleich gesellt sich gern, so sagt man doch, der Prinz wird aus dem gleichen Holz geschnitzt sein, eine hohle Birne hinter strahlender Rüstung. Und wenn die gute Irmi nur zweimal hingucken würde, dann würde sie die Vorzüge des Orkenwallers sicher schnell erkennen. Nun, warten wir das Jubiläum und das Turnier ab. Die Dinge müssen sich noch entwickeln. Hoffentlich ziehen diese Waldschrate morgen wirklich wieder ab, sonst bekomme ich diesen miefigen Käsegestank dieses Jahr nicht mehr aus meinen Mauern. Nichts als Ärger hat man mit der Politik!‘

Mit ein wenig unglücklichen Gesichtern wünschten ihr Gemahl und der Hesindegeweihte den Rittern noch eine angenehme Nachtruhe, bevor sie sich selbst zurückzogen. Nur die Fechtlehrerin und ein alter Diener blieben in dem Raum zurück.

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Texte der Hauptreihe:
K15. Schlechtes Wetter in Dergelstein
1. Hes 1026 BF
Schlechtes Wetter in Dergelstein
Reichskongress in Trallop

Kapitel 15

Der neue Graf - ist außer Haus
Autor: Wildsau, F. Mienkuß, M. Rogowski und L.-F. Meiners.