Goldene Krone auf einem harten Stein

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Königin Rohaja krönt den Ersten unter den garetischen Grafen

Reichsstadt Hartsteen, 5. Praios 1036 BF. Mit der Krönung von Luidor von Hartsteen zum Grafen von Hartsteen endet die langjährige Natterndorner Fehde. Nun hoffen alle darauf, dass der langersehnte Friede wieder in die Lande des Feidewaldes Einzug hält.

Die Reichsstadt an der Natter hatte sich herausgeputzt wie eine jugendliche Braut, die auf ihren Gemahl wartete. Denn niemand Geringeres als die Königin und Kaiserin selbst hatte sich angekündigt, um nach der kaiserlichen Klausur während der Namenlosen Tage dem Oberhaupt des Hauses Hartsteen den Lehnseid abzunehmen und ihm die jüngst unter heldenhaften Umständen wiedergefundene Grafenkrone zu überreichen. Unweit jener verbrannten Ruine, die der Fehde der beiden Familien Quintian-Quandt und Hartsteen ihren Namen geliehen hatte, würde ein Neuanfang begangen werden, der sich auf alte, fast vergessene Rituale stützen sollte.

Unter dem tosenden Beifall des versammelten Adels, der nicht nur aus Hartsteen, sondern aus allen Grafschaften des Königreichs und den benachbarten Marken zu den Feierlichkeiten angereist war, empfing die Königin ihren in einfache Leinengewänder gekleideten neuen Vasallen. Zwar gestützt auf einen Gehstock, aber klaren Blickes und aufrechten Hauptes, legte Luidor von Hartsteen den Weg vom Rommilyser Tor vorbei an dem von seiner Vorgängerin Thuronia gestifteten Friedenstempel bis zum Tempel der Ordnung zurück. Ihm folgten die Barone und Pfalzgrafen der Grafschaft, wie ihr zukünftiger Graf in schlichter schmuckloser Kleidung.

Auf den Bürgerwiesen vor dem Praios-Tempel wurden die Hartsteener Adligen von Königin Rohaja mit freundlicher und von seiner Gnaden Arnhold von Wengenholm mit ernster Miene erwartet. Vor ihnen war der alte Schwurstein der Grafschaft Hartsteen aufgestellt worden, der ansonsten in der Schatzkammer des Tempels aufbewahrt und wohl das letzte Mal zu den Zeiten Graf Sigharts des Ersten gut zweihundert Jahre nach der Reichsgründung zur Krönung eines Grafen genutzt wurde. Auf dem alten Opferstein, den eine Marmorinkrustation eines Igels zierte, lag die goldene Grafenkrone, ein mit unbekannten Schriftzeichen verzierter Reif, über den die Königin die rituelle Zeremonie des garetischen Lehenseides sprach. Nur im Augenblick seines Niederkniens konnte man die starken Schmerzen erahnen, die Luidor von Hartsteen wegen seiner schweren Krankheit zu leiden hatte.

In den aufbrandenden Jubel jedoch erhob der neue Graf von Hartsteen seine Arme und rief mit fester Stimme: »Gekrönt wurde ich von der Königin Garetiens, und empfangen habe ich jene Krone durch die Gunst der Herren des Feidewaldes. Nicht nur der Königin Garetiens, sondern auch ihm, dessen Schutz diese Grafschaft genießt, werde ich den uralten Schwur meiner Ahnen leisten und jene Schwurformel sprechen, wie schon von ihnen getan. Sodann werde ich jene tapferen Ritter und Ritterinnen dieser Grafschaft in den Bund mit unserem Land aufnehmen, auf dass sie in ihrem Lehen als Oberste der Ritter für den Schutz der gesamten Gemeinschaft einstehen, dort in unserem Namen das Recht sprechen und uns mit ihrem besten Rat bei unseren Entscheidungen unterstützen.«

Mit diesen Worten nahm er die Krone, die ihm die Königin just aufgesetzt hatte, ab, zog einen Dolch aus seinem Mantel und schnitt so tief in seine linke Handfläche, dass sich eine ziemlich große Menge Blut durch die Krone hindurch in die Vertiefung der Oberfläche ergoss. Mit lauten Worten proklamierte der Graf: »Erkenne das Blut.« Und mit der noch blutenden Hand setzte er sich den goldenen Reif wieder auf sein Haupt. Sofort schien die Krone in einem warmen Licht zu leuchten . Nichts erinnerte mehr an den gebrechlichen, von Krankheit gezeichneten Mann, der Mühe hatte vor seiner Königin zu knien. Dort stand der Graf von Hartsteen, dessen Ausstrahlung sich niemand der Anwesenden entziehen konnte, nicht einmal Königin Rohaja selbst.

Als nächstes winkte er die überrascht und ehrfurchtsvoll blickenden Adligen zu sich an den Schwurstein und bedeutete ihnen, sich niederzuknien. Mit der rechten Hand griff Graf Luidor in die Blutpfütze auf dem Stein und trat an den ersten vor ihm knienden Adligen, Felan Rondrik von Schallenberg. »Empfange das Blut«, sagte der Graf mit harter Stimme. Wie auf einen geheimen Befehl hin senkte der Baron der früheren Baronie Puleth, die nun wieder ihren alten Namen erhielt, sein Haupt, und empfing auf seiner Stirn von Graf Luidor ein mit dem Blut vom Stein gemaltes Zeichen, während er die Worte »Du bist erhoben, Felan von Aldenried« sprach.

Reihum wiederholte Graf Luidor das Ritual und erhob so »Iralda von Bärenau«, »Tanira von Natzungen« und »Werdomar von Feidewald« in den Baronsrang und bestätigte »Alrik von Rabensbrück«. Als nächstes trat er zu dem mit mehr furcht- als ehrfurchtsvoll geweiteten Blicken knienden Parinor von Borstenfeld und strich ihm mit dem Blut des Opfersteines über die Augen, während er die Worte »Du bist erkannt, Parinor von Borstenfeld« sprach. Dies wiederholte er bei Pfalzgraf Bernhelm von Wetterfels zu Reichsgau und Kronvogt Hadrumir von Schwingenfels zu Puleth. Denn diese drei sind Vasallen der Königin, jedoch folgen sie dem Heerbann des Grafen und walten des Landes, das zu Hartsteen gehört. Dann legte Graf Luidor die Krone wieder auf den blutigen Schwurstein.

Die anschließende Feier in der Stadt erstreckte sich über fast eine ganze Woche. Aus allen Ecken des Reiches waren Schausteller und Gaukler angereist, die mit ihrem bunten Treiben das Volk der wohlhabenden Reichsstadt amüsierten und mit ihren Kunststücken in Erstaunen versetzten. Nicht wenige Hartsteener Ritter aus dem Umland schauten mit Neid auf den demonstrativ zur Schau gestellten Reichtum der Stadt, denn noch immer waren die Schulden auf den Schultern der Ritter und Junker erdrückend hoch, und vereinzelt hatten die Adligen begonnen ihren Grundbesitz an die reichen Patrizier und Händler der großen Städte zu verkaufen und ihre Burgen zu verpfänden.

Der Höhepunkt der Festlichkeiten war aber die große Krönungsturney, zu der aus jeder Hartsteener Rittersfamilie ein herausragender Vertreter antreten musste, um seinen Anspruch auf die Führung der Ritterschaft im Kriegsfalle geltend zu machen. Denn neben all der Freude und Ausgelassenheit wollten die Stimmen der Weitsichtigen nicht verstummen, die mit mahnendem Finger auf die Kämpfe in der Wildermark und der Kriegsbedrohung durch den Erzverräter Haffax zeigen und zu größeren Anstrengungen riefen.

Während einige Barone auf ihren Anritt verzichteten und andere Streiter aus ihren Familien in die Schranken schickten, wie etwa Leuward von Schallenberg, sorgten zwei Auftritte im Publikum für großes Gemurmel. Als einer der ersten hatte Rondradan von Rommilys-Nettersquell, Baron von Nettersquell und Junker von Sturmwacht, dem früheren Lehen derer von Schallenberg, sich in die Teilnehmerliste aufnehmen lassen. Von überall her wurde er von bösem Zischen begleitet, doch den herablassend schauenden Schlunder focht es nicht an. Souverän warf er den wütend gegen ihn anreitenden Ritter Leuward vom Pferd, um ihn anschließend mit beißendem Spott zu verhöhnen. Der neubelehnte Baron von Aldenried ließ sich deshalb in kleiner Runde zu den Worten »Dies würde dem falschen Blut in Sturmwacht noch leidtun so über einen Schallenberger gespottet zu haben« hinreißen, ohne dies jedoch weiter auszuführen. Erst im Halbfinale wurde der Schlunder Baron vom Pulether Kronvogt Hadrumir von Schwingenfels in hohem Bogen aus dem Sattel geworfen.

Der zweite ungewöhnliche Gast betrat, kurz bevor die Liste der Teilnehmer geschlossen wurde, in schwarzer Rüstung die Bürgerwiese. Er gab sich als Odilbert von Windischgrütz zu erkennen und forderte seinen Platz im Namen des in der Pulether Fehde nahezu ausgelöschten Geschlechts das Recht zur Teilnahme am Turnier. Im ersten Turnierritt als Ritterin wählte die frühere Magistra Iralda von Ochs den schwarzen Ritter, der der unerfahrenen Bärenauerin humorlos und ohne jeden weiteren Kommentar ihre Grenze aufzeigte. Jedoch versagten ihm die Götter durch das Turnierlos den von ihm und dem Publikum ersehnten Ritt gegen den Pulether Kronvogt, fanden sich der Schwingenfelser und der Windischgrützer stets gleichzeitig als Reizer oder Trutzer vor jedem Durchgang wieder. Fast schien es so, als ob es zu dieser Finalpaarung kommen sollte, als der Hutter Ritter Praiodan von Steinfelde mit einem wuchtigen Ritt den schwarzen Ritter in den Staub schickte, der kurz darauf aus der Stadt verschwand. Das Finale verlief kurz und schmerzlos, es reichte dem Pulether Kronvogt ein einziger Anritt, um den Hutter Junker zu überwinden. Den Siegpreis, eine aus Silber gefertigte Lanze, nahm er mit gesenkten Augen aus den Händen der Gräfin Raulgard. Manch Umherstehender wollte dabei eine leichte Schamesröte auf den Wangen des impulsiven Ritters gesehen haben, hatte doch der Schwingenfelser vor wenigen Jahren die Gemahlin des Hartsteener samt ihrer jüngsten Tochter auf Burg Orbetreu entführt.

So endeten die Krönungsfeierlichkeiten nach althergebrachter Weise, wie sie seit vielen Generationen nicht mehr zelebriert worden waren.

Jergan Bachental

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Autor: JüS