Ein Ehrenwort und verschwiegene Wahrheiten

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Ein Ehrenwort und verschwiegene Wahrheiten

Mit nicht geringem Erstaunen vernahm man am Hofe zu Greifenfurt die Entscheidung des Prinzen Eberstamm, als dieser Mitte Travia von einem Tag auf den anderen sein Ross für den nächsten Tag zu satteln befahl und auch um ein zweites samt Reiseproviant bat.

Kaum zwei Monate, nachdem seine Gemahlin von einem Knäblein genesen war (und damit den künftigen Markgrafen geboren hatte), wollte der Prinz offenbar für einige Zeit in seine koscher Heimat zurückkehren. Herr Edelbrecht schien es für selbstverständlich zu halten, sich auf diese Reise zu begeben, obschon bei Hofe allgemein bekannt war, wie sehr die Markgräfin durch die Niederkunft geschwächt war. Sie selbst war in den Plan ihres Gemahls gewiss eingeweiht, aber wohl nicht jeder ihrer Berater (und mancher ihrer Vasallen draußen in der Mark wird den Kopf geschüttelt haben).

„Ein ritterliches Ehrenwort, das ich nach der Schlacht von Rhodenstein gab“, hatte der Prinz dem neuen Meister der Mark erklärt. „Ich will nicht verweilen. Erwartet mich nicht in fünf, spätestens sechs Wochen zurück – bevor der Winter kommt.“

Der Meister der Mark stand auf der Treppe der greifenfurter Residenz, als der Prinz und seine Gefährten ihre Rösser bestiegen. Mit soviel Prunk und vieldutzend edlen Gefolgsleuten er weiland als ritterlicher Brautwerber gen Greifenfurt gezogen war, so anders war das Bild nun. Nur zwei der treuen Falkenritter (Weidener mit düsterem Blick, welche am Vortage aus nordöstlicher Richtung eingetroffen waren), ein Knappe und eine Pferdemagd sollten den Prinzen begleiten. Die Markgräfin hatte sich schon in ihren Gemächern von Herrn Edelbrecht verabschiedet, wohl aber war der kindliche Prinz Ulfried Halmdahl auf dem Arm seiner Amme Brimoscha erschienen, die neben dem Meister der Mark stand.

Das Knäblein grunzte fröhlich, als es der Prinz mit Vaterstolz noch einmal im Arm wiegte, so dass dem zwergischen Mütterchen wie stets in solchen Momenten die Augen ein wenig feucht wurden. Sie umarmte den langen Prinzen kurz – den sie ja auch schon als Säugling genährt hatte – und schob diesem noch ein Bündel unter den Mantel, was Briefe an Verwandte im Hügelland oder womöglich Butterbrote für die Reise sein konnten.

Edelbrecht schlug Brimoschas schweigsamen Begleiter Arimbosch, der mit unbewegter Mine hinter seiner Cousine stand, kurz auf die breiten Zwergenschultern, dann saß er im Sattel. Ein letzter Gruß zum Meister der Mark – mit einem „Auf bald!“ sprengten sie davon.

Der Boronmond neigte sich schon dem Ende zu, das goldene Herbstlaub war vielerorts in der Mark schon zu bräunlichem Matsch auf dem Waldboden geworden, die Karrenwege von den Regenfällen der letzten Tage zu schlammiger Mühsal geworden und aller Morgen neblig und kalt.

An einem solchen kehrte der Prinz heim zu seiner Gemahlin Irmenella, am ersten Tage der siebenten Woche und ganz der, als der er fortgeritten war – sah man davon ab, dass ihn nun statt der Falkenritter eine junge koscher Edle begleitete und die Pferdemagd einen Falben statt eines Grauschimmels als Packpferd führte.

„Wir fanden noch im Wengenholmschen Spuren eines wilden Ogers, meine Teuerste“, sprach Prinz Edelbrecht zur Markgräfin. „Da hielt ich’s für besser, eilends selbst Jallik die Botschaft zu bringen, denn bevor erst ein Dörfler zu Fuß den Weg gemacht hatte …“

„Graf Jallik, ja, ich will hoffen, Ihr brachtet Ihm meinen Gruß, auch ohne dass ich ihn ausrichtete?“ „Er lässt ebensolchen zurück erstatten.“ – Edelbrecht lächelte, dann schloss er die Dame seines Herzens ein zweites Mal in die Arme.

  • Am Vorabend des 1. Boron ehren die Koscher die Verstorbenen mit einem besinnlichen Fest, bei dem am Tisch ein Platz für jene freigehalten wird, die auf Golgaris Schwingen enteilt sind.

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