Die Flucht des Rukus Oldewurt

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Die Flucht des Rukus Oldewurt

Der bereits ergraute Mittdreißiger, der in der Stadt Hartsteen nur als “der Rattenfänger” bekannt war, blies genüsslich den Rauch in den Schankraum der Schenke “Zum Markt”. Seine stahlblauen Augen verengten sich zu Schlitzen als er die vier Reisenden, Abenteuersuchende nannte man solches Volk wohl, taxierte, die ihn zu einem Bier eingeladen hatten, um Informationen aus ihm herauszukitzeln. Es war immer dasselbe.

Der Rattenfänger und die Reisenden waren zu dieser Stunde die letzten Gäste der schmucken, gepflegten Taverne, deren Tische glänzten und die bereits vor geraumer Zeit vom fleißigen Wirt durchgefegt worden war. Die rechtschaffenen, frommen Bürger der Reichsstadt lagen zu dieser späten Stunde - es ging bald schon auf die Mitternacht zu - längst in ihren Federn.

“Ihr habt also von Rukus Oldewurt gehört? Nun, meine Freunde, das verwundert mich nicht wirklich.” Langsam zog der Rattenfänger an seiner Pfeife, hielt einen Augenblick inne, und fuhr dann einige Rauchkringel später mit gedämpfter Stimme fort: “In einer Metropole wie Gareth, wäre eine solche Geschichte schon längst in Vergessenheit geraten, aber in einem kleinen verschlafenen Städtchen wie Hartsteen, nun, da erinnert man sich sehr wohl an solche Dinge.

Ich erinnere mich noch genau, liebe Freunde. Es war ein schöner Tag im Phexmond vor vier Götterläufen gewesen und eine ganze Menge Schaulustiger hatte sich auf der Marktwiese gleich hier vorne versammelt, wo der Richtblock aufgestellt worden war. Innerhalb der letzten fünf Götternamen war es nun der dritte Diebstahl, den Rukus Oldewurt begangen hatte. Dieser aber nun sollte sein letzter gewesen sein, wenn es nach den wackeren Bürgern und dem Rat der Stadt gegangen wäre. Dem alten Pekkar Dinkelbrot hatte er die Katze vom Gürtel geschnitten und wollte geschwind wie immer verschwinden, doch hatte Rukus kaum mit der Beweglichkeit und der geschwinden Auffassungsgabe des alten Händlers gerechnet, und so übersah er den flugs in den Weg gestellten Gehstock des Alten. Um einer weitschweifigen Geschichte vorbeugen, werte Freunde, Rukus kam nicht weit und wurde an Ort und Stelle gefasst, zudem alsbald angeklagt und verurteilt.

Zurück also zum Richtblock an jenem schönen Phexentag. Rukus´ Rechte war mit einer eisernen Manschette am Block gefesselt und der Henkersmann trat mit seinem zweischneidigen Beile zu ihm, um ihn für seine Verbrechen zu bestrafen, wie es Sitte ist. Weit holte er aus, das Beil sauste nieder ... und fuhr tief ins Holze wo Rukus Hand eigentlich sein sollte, nun aber eben nicht mehr war. Niemand weiß wie er sich hatte befreien können, doch später fand man die eiserne Manschette nutzlos neben dem Richtblocke liegen. Mit dem Mut und der Kraft des Verzweifelten ergriff Rukus, der noch neben dem Blocke kniete, das lange Haar des Henkers und zog ihn hart hinunter, dass seine Wange in die nach oben gerichtete schneide der Axt fuhr. Knochen brachen, Blut spritzte und die Menge schrie in blankem Entsetzen, als sich der Dieb seinen Weg durch die Menge mit Haken und Ösen schlug, gleich einem Hasen auf der Flucht vor dem Jagdhund.”

Abermals nahm der Rattenfänger einen tiefen Zug des süßlich duftenden Rauches aus der Pfeife.

“Und das ist alles?”, fragte eine der vier Reisenden, eine junge Weidenerin.

“Keineswegs, habt nur Geduld, und lasst mich ein wenig meine Gedanken sammeln. Als nächstes ist es nämlich wichtig zu erwähnen, dass sich die Nachricht von Rukus´ Flucht schneller zu den Stadttoren verbreitete als er es in persona dorthin schaffte.”

Der tulamidische Magus unter den Zuhörern runzelte die Stirne. Hatte dieser einfache Rattenfänger gerade tatsächlich Bosparano gebraucht? Dieser aber fuhr unbeirrt fort:

“Eine Flucht aus der Stadt schien also unmöglich und so wurde die Stadt zwei Tage lang durchkämmt, doch nichts tat sich. Rukus schien verschwunden. Der einzige Vorfall, dem allerdings zunächst niemand Bedeutung zumaß, war das Verschwinden einer Armbrust und eines Jagdmessers aus einer Waffenschmiede gewesen. Am Abend des dritten Tages nach Rukus´ Verschwinden wurde die Bedeutung dieses neuerlichen Diebstahls dann aber auf all zu grausame Art und Weise deutlich, als einer der Wächter auf den Stadtmauern nahe des Garether Tores mit einem Gurgeln die Mauer herunterstürzte, einen Armbrustbolzen aus der Stirne ragend. Zwei der drei Torwachen stürmten sofort zu der Stelle, wo er aufgeschlagen war, konnten aber nichts mehr für ihn tun. Und just als sie überlegten, was nun zu tun sei, hörten sie einen erbärmlichen Schrei vom Stadttor her. Als sie dorthin zurückgeeilt waren, fanden sie es offen, ihr Kamerad lag auf dem Boden, die Kniekehlen durchschnitten, auf dass er nimmer laufen konnte. Und Rukus´ Flucht aus der Stadt war dermaßen geglückt.”

“Und man hat ihn nie gefasst?”, fragte der Elf am Tisch verblüfft.

“Niemals”, antwortete der Rattenfänger in verschwörerischem Ton. “Man hat ihn noch des öfteren in der Stadt und an anderen Orten der Grafschaft gesehen, aber gefasst hat man ihn nie.”

Der Söldner mit südländischem Akzent, der bis an die Zähne bewaffnet war, wischte sich verächtlich den Bierschaum vom Mund. “Und das ist alles? Das ist die ganze Geschichte? Da habe ich an anderen Orten aber ganz andere Dinge vernommen.”

“Ist das so?”, fragte der Rattenfänger süffisant. “Und wo noch hörtet Ihr von solcher Kaltblütigkeit und Grausamkeit von einem Verbrecher, der bei der Durchführung seiner schrecklichen Taten gerade mal elf Götterläufe alt war?”

Lange saßen die verblüfften Reisenden mit geöffneten Mündern und heruntergeklappten Kinnladen da, während sich der Rattenfänger ein weiteres Bier bestellte.

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Texte der Hauptreihe:
K34. Die Flucht des Rukus Oldewurt
19. Tra 1027 BF
Die Flucht des Rukus Oldewurt
Der Pechmarkt zu Pechackern

Kapitel 34

Anerkennung vom Meister der Mark
Autor: JoHe