Von den tobrischen Flüchtlingen

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In Hundertscharen strömen seit einigen Monden nun unglückliche tobrische Flüchtlinge ins Land, die Herzen voller Schrecken ob der Greuel die die schwarzen Horden ihnen zugefügt haben

Nach einer sicheren Bleibe suchen sie, bis endlich der dunkle Verderber aus ihrer Heimat vertrieben sein wird, und sie zurückkehren können an die Stätten, die ihre Ahnen einst urbar machten. So zumindest glauben die hoffnungsfrohen unter ihnen, oder solche, die der Verwüstungen durch die Kriegshorden des Unaussprechlichen nicht selbst ansichtig werden mußten, und den Gegner in seiner Grausamkeit und Macht nur vom Hörensagen kennen. Andere hegen diese Hoffnung längst nicht mehr, sie kommen hierher, um eine neue Heimat zu finden.

Viel Land liegt seit den Orkkriegen brach, nur langsam erholt sich die greifenfurter Bevölkerung von den damals erlittenen Verlusten. Und so sind die wackeren Tobrier, darunter viele tüchtige Bauern und Handwerker, willkommen, zumal bei jenen Baronen, die dem Schwarzpelz den höchsten Blutzoll leisten mußten. Denn brachliegende Felder und leerstehende Werkstätten bedeuten nichts anders, als daß das barönliche Säckel empfindlich schmal bleibt, ob des nur geringen Zehnts. Gerne nimmt man die Flüchtlinge auf, weist ihnen leerstehende Höfe zu oder quartiert sie bei Sippen ein, die allein nicht mehr in der Lage sind, ihr Land zu bestellen. Einige Barone haben zudem Lager eingerichtet, denjenigen befristet Obdach zu bieten, für die nicht augenblicklich ein adäquates Quartier gefunden werden kann.

Man bemüht sich, so gut man es vermag, den Unglücklichen einen warmen Empfang zu bereiten, ihnen über die ausgestandenen Schrecken hinwegzuhelfen. Doch wird es wohl der kundigen Kraft manches Boroni oder Noioniten bedürfen, den verängstigten Menschen zu helfen.

Nicht immer jedoch werden die Vertriebenen freien Herzens aufgenommen, gibt es darob Zwist und Hader. Dann nämlich, wenn einer tobrischen Familie ein leerstehender Hof zugewiesen wird, auf den schon ein Einheimischer ein Auge geworfen hat, oder wenn ein Leibeigener, der allein seinen Flecken nicht mehr bestellen kann, es dulden muß, daß man ihm ein paar kräftige Leute zugesellt. Wohl nicht ganz zu unrecht fürchtet man, daß „die Neuen“ ihnen über kurz oder lang das Land streitig machen könnten. Und auch die Barone sind nicht frei von solchen Gedanken, wenn ihnen ein tobrischer Landherr zum Nachbarn bestallt wird, denn sieht man auch die Not des Adelsbruders, „das greifener Land gehört in greifener Hand“, wie man zu sagen pflegt. Schließlich waren es Greifenfurter, die mit Schwert und Lanze dafür gekämpft haben, daß die Mark mittelreichisch blieb.

In schöner Einmütigkeit aber zeigen sich Adel, Bürger und Bauern entrüstet, wenn einmal mehr, wie unlängst häufiger geschehen, ein garether Federdompteur (wie man hier allenthalben die kaiserlichen Bürokraten zu nennen pflegt) mit einem eil- und leichtfertig gesetzten Federstrich einen ganzen vielhundertköpfigen Treck in eine Ecke der Mark verweist, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, daß das Land kaum über Reserven verfügt, die Neuankömmlinge einstweilen zu versorgen, bis sie mit ihrer eigenen Hände Arbeit die Ernte einbringen können. Dann hebt sich manche Faust drohend gegen die Laffen in der Hauptstadt, die wenig genug verstünden, aber doch alles zu entscheiden vermöchten. Und nicht zu Unrecht werden Stimmen laut, die sich fragen, warum man die Flüchtlinge nicht ins reiche Almada oder nach Garetien verbrächte, wo die Speicher voll sind, und selbst Kesselflicker und Gerber sich reicher schätzen dürfen, als mancher märkische Baron.

Doch sind es nicht allein die Märker, die solche Gedanken hegen. Auch manchem Tobrier mag es nicht gefallen, daß man augenscheinlich plant, sie dauerhaft in Greifenfurt anzusiedeln, gilt das Trachten vieler, zumal des Adels, doch, die schwarzen Horden eines Tages aus Tobrien zu vertreiben. Man fürchtet, die Rückeroberung Tobriens könne in Vergessenheit geraten, wisse man in Gareth die Tobrier erst wohl versorgt. Eine solche Schmach aber will man nicht dulden.

(M. Schwefel)