Zweifelfelser Zwist – Leichenschmaus mit Leiche V

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Wehrkloster Sankt Henrica, Baronie Zweiflingen, 4. Rondra 1040 BF

Der Tod von Baron Wulf von Streitzig hatte gleichermaßen für Staunen und Entsetzen bei den Anwesenden gesorgt. Damit hatte keiner gerechnet – auch Rondriga nicht. Sie traf es besonders schwer. Nicht weil sie Wulf persönlich so eng verbunden war – denn sie kannten sich kaum – sondern weil ihr mit Wulf ein enger Bündnispartner abhanden gekommen war. Lange schon hatte sie innerhalb ihrer Familie für die Aussöhnung mit dem Haus Streitzig geworben und schließlich Fakten geschaffen, in dem sie mit Wulf die Waldesdunkle Allianz geschmiedet hatte. Hier bei ging es vor allem um die Wahrung des Status quo für beide Familien, sowie ein gemeinsames Vorgehen gegen außenstehende Akteure. Doch nun war dieser Status quo passe. Nicht zuletzt seit der Ernennung von Celissa von Falkenwind zur Kronvögtin von Serrinmoor galt nun auch die Familie Falkenwind als ernstzunehmender Machtfaktor in Waldstein. Wie würden die Hohentanns reagieren? Wie Hirschfurten? Zweifelfelser wie auch Streitzigs waren ohne Familienoberhaupt; und noch war nicht abzuschätzen wie sich Wulfs Sohn als Baron positionieren würde. Er war noch jung und unerfahren. In beiden Familien gab es auch weiterhin große Vorbehalte gegen diese Allianz. Bei den Zweifelfelsern war es vor allem Leomar, der größte Konkurrent von Rondriga, der Stimmung gegen eine Aussöhnung machte.

Dann war da auch noch der Giftmord an Thalea. Isida hatte Rondriga alles erzählt. Auch, dass Gisborn und seine Freunde den Neerbuscher Kronvogt informieren wollten. Leomar wusste also auch schon Bescheid. Unter den Anwesenden musste ein Mörder sein und wer wusste schon, ob er nicht noch einmal zuschlagen würde, denn sein Ziel hatte er nicht erreicht. Es sollte Ehrgard von Wetterfels treffen, dessen vergifteten Becher ausgerechnet Rondriga an die arme Thalea weitergereicht hatte. Doch wer wollte den Tod den Vögtin von Zweiflingen? Nun, die Frage war wohl eher, wer wollte ihn nicht. Ehrgard hatte durch ihr eigenmächtiges Handeln viele vor den Kopf gestoßen. Auch hatte sie vorher schon einen schweren Stand in der Familie, da sie nach der Meinung vieler sich zu sehr in die Amtsgeschäfte von Debrek eingemischt hatte. Rondriga hatte entschieden den Giftmord so gut wie möglich zu vertuschen – zumindest solange die Trauerfeierlichkeiten andauerten. Darauf hatte sie sich mit Leomar verständigen können. Es war Haldan von Rallersgrund, der zwischen den beiden als Sprachrohr fungiert hatte. Rondriga ging es nun darum, die Waldesdunkle Allianz zu retten. Dafür hatte sie Giselbert von Streitzig eine Nachricht zukommen lassen, sie im Rondra-Tempel des Klosters zu treffen.

Die Baroness stand andächtig vor dem Altar, als sich ihr Schritte näherten. Bedächtig drehte sich sich um. „Habt Dank, dass Ihr meiner Einladung hier in den Tempel gefolgt seid. Wir haben viel zu besprechen. Wulfs Tod, wie auch der meines Bruders, bedrohen das Machtverhältnis in Waldstein. Falkenwind sind schon im Aufwind, wenn wir nicht aufpassen, werden auch Hirschfurten oder gar Hohentann zu einer Bedrohung. Unsere beiden Familien sind geschwächt; Waldstein hat keinen Obristen mehr und viele Namen werden nun an die Gräfin herangetragen werden.“ Rondriga schaute Giselbert besorgt an.

»Dafür braucht Ihr nicht zu danken, denn es gibt in der Tat vieles, was zu bereden ist. Die Gräfin hingegen... Sie ist empfänglich für den Hof. Fraglich ist, wer ihr dort ins Ohr flüstert oder die Fäden zu ziehen weiß.« Giselbert seufzte. »Der Seneschall mag zwar ein Streitzig sein, doch er ist zuvorderst auf seinen eigenen Einfluss bedacht. Das schwächt die Position meiner Familie zumindest im Hintergrund weiter. Wulf war in der Lage, Coswin zumindest an einer Hand führen zu können; doch ohne Oberhaupt wird sich der werte Seneschall selbst zu profilieren versuchen.«

»Da ihr es ansprecht: Sein Sohn folgt Wulf als Baron und Oberhaupt nach, nehme ich an?«

Giselbert nickte. »Grundsätzlich ja, so ist es Brauch in der Familie. Allerdings wird er es noch nicht wissen.« Der frühere Pfalzgraf sah bedrückt zu Boden.

Rondriga schaute ihn fragend an. »Er weiß es noch nicht?«

»Corian war mit in Mendena. Er hat erst vor dem Feldzug die Knappenschaft beendet und den Ritterschlag erhalten und ist direkt mit seinem Nordmärker Schwertvater gezogen. Weder er noch die Ritterschaft des Hauses sind bisher zurückgekehrt. Wir haben keine Kunde.«

»Das sind schlechte Nachrichten. Wer hat nun das Sagen in Uslenried?« Rondriga schluckte; die Situation war noch verfahrener als sie befürchtet hatte.

»Baroness Ailyn ist die nächste in der Erbfolge. Allerdings ist sie erst 15; bis zu ihrem 16. Tsatag sind es noch sechs Wochen.«

»Das ist jung«, murmelte die Zweifelfelserin, mehr zu sich selbst, »sehr jung«. Rondriga brauchte einen Moment um ihr Gedanken zu ordnen. „Es ist altes Recht Eurer Familie, den Obristen der Grafschaft zu stellen, wie es auch altes Recht meiner Familie ist, die Würde des Landrichters zu bekleiden. So war es und so soll es bleiben, im Namen unseres waldesdunklen Bündnisses. Es ist nun an uns, der Gräfin den richtigen Namen zu flüstern, doch die Frage ist, welcher ist es - und wer soll es tun? Wir sollten uns möglichst im Hintergrund halten.“

„Dem Ohr der Gräfin am nächsten ist zweifelsohne Vallbart von Falkenwind, der zwar stets um Ausgleich bemüht war, doch ist es nunmehr fraglich, ob er nun nicht doch eine eigene Agenda verfolgen wird. Das gleiche gilt für den Seneschall … bei allem Respekt für Eurer Familie, aber diese Person ist mittelfristig nicht haltbar. Wulf mag in der Lage gewesen sein, ihn zu kontrollieren, seine Erben werden dies nicht vermögen. Gerne sähe ich eine Person von Eurem Format in diesem Amte ...“ Die Baroness schaute ihren Gegenüber auffordernd an. Sie hielt Giselbert tatsächlich für weitaus geeigneter als Coswin.

»Coswin ist... schwierig, da habt Ihr wohl recht. Und in gewissem Maße halte ich ihn ebenfalls für unberechenbar. Es ehrt mich, dass Ihr mich an seiner Stelle in Erwägung zieht.”

“Dann lasst uns sehen, was die Zeit damit bringt; für Euch wäre es doch sicher eine geeignete Wiedergutmachung. Zunächst allerdings sollten wir den Status Quo waren. Meine Familie kontrolliert das Recht, der Seneschall die Politik. Bleibt das Militär. Wir benötigen jemanden, der verlässlich für uns ist, damit wir auch diesen Part unter Kontrolle haben.«

"Dies ist wahrlich eine gute Frage. Wir müssen aufpassen, dass uns niemand die Butter vom Brot nimmt, wie man so schön sagt. Es muss in unserem Sinne passieren, denn was wir jetzt nicht in die rechte Bahn lenken kann uns später in die Quere kommen."

„Was ist mit Euren Kindern?“, entgegnete Rondriga. „Hat Euer ältester Sohn nicht eine militärische Laufbahn eingeschlagen? Er wäre wohl ein geeigneter Kandidat, gut ausgebildet aber doch wohl treu zu Euch stehend. Ist er nicht auch noch unvermählt? Vielleicht wäre an der Zeit, unser Bündnis auch im Namen Travias zu festigen.“

Wenn Giselbert erstaunt war, so ließ er es sich doch nicht anmerken. “Growin wäre sicher nicht ungeeignet. Seine Mutter, meine erste Gattin - Travia habe sie selig - war eine Berg, und er hat dortige Bildung genossen. Familien von höchst akzeptablem Ruf, er selbst aber kein Lehnsmann unter dem Grafenbanner - das würde hoffentlich für die nötige Akzeptanz auch im Niederadel sorgen.” Er seufzte. “Und mit dem Traviabund sprecht Ihr mir aus der Seele. Es wird Zeit, dass der Junge unter die Haube kommt... Habt Ihr bereits eine geeignete Braut im Sinn?”

„Wenn Ihr mich schon so direkt fragt, in der Tat habe ich jemanden im Sinn!“ Rondriga lächelte vielsagend. „Selfina von Zweifelfels, sie ist die Tochter des Vogtes von Osenbrück und dient dem Pfalzgraf vom Schlundgau zur Zeit als Hausritterin. Wie Euer Sohn hat sie auch viele Götterläufe in Eslamsgrund verbracht. Auch sieht sie recht passabel aus und hat vielerlei Interessen. Alles in allem, eine gute Wahl und ein vitales Zeichen für die Waldesdunkle Allianz unserer Familien.“ Das Bündnis zwischen Streitzig und Zweifelfels hatte für Rondriga große Wichtigkeit, denn ihr Rückhalt innerhalb der Familie schwand, sie musste unbedingt Erfolge präsentieren.

“Ach, was ich Euch noch fragen wollte: Als war das für eine elementare Manifestation? Geschieht solcherlei hier öfters?”

„Hier in Waldstein sind sonderbare Dinge keine Seltenheit. Das Land, der Forst, haben ihr Eigenleben, so sagt man. Manche glauben, wir müssen mehr auf die Zeichen des Landes hören, ich hingegen halte das für Aberglauben.“ Rondriga konnte dem nicht viel abgewinnen, doch musste sie zugeben, dass sich das Land verändert hatte. Der wuchernde Reichsforst, das Entstehen neuer Moorflächen, all dies war nicht von der Hand zu weisen. Doch hatte die Baroness keine Kraft sich auch noch mit diesen Dingen zu beschäftigen. Das Ringen um die Führung ihrer Familie zehrte an ihr.