Zweifelfelser Zwist – Leichenschmaus mit Leiche II

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Wehrkloster Sankt Henrica, Baronie Zweiflingen, 4. Rondra 1040 BF:

Die Trauerfeier hatte sich, wie in Waldstein nicht unüblich, bald zu einem heiteren Festlichkeit entwickelt. Stumm wie ein Boroni dasitzen und trauern, das war nicht die Sache der Waldsteiner. Vielmehr ehrten sie den Verstorbenen, in dem sie frohen Gemütes Heldenlieder und Geschichten über das Leben des Gefallenen zum besten gaben, nur hin und wieder unterbrochen von einer der schweren waldsteiner Balladen und Legenden über die Heilige Henrica und ihre Heldentaten.

Die kleine Gilia saß auf dem Schoß ihrer Großmutter Ehrgard, während Thesia von der Zofe Ulmara auf ihrem Arm hin und her geschaukelt wurde. Die Müdigkeit zeigte bei der Kleinen schon seine Wirkung. Neben den Kleinen, als wollte sie ihnen nicht von der Seite weichen, stand Baronin Hesindiane Asmira von Rallerspfort; die Tante von Debreks Töchtern.

Felan hatte für seine eindringliche Ansprache viel Zuspruch und Schulterklopfen erhalten. Wie er waren viele der Familienmitglieder der Zweifelfelser erleichtert nun die Gewissheit zu haben, dass es den beiden Mädchen offensichtlich gut ging. Auch bei den anderen Gästen machte sich Erleichterung breit. Waldstein konnte nicht noch eine Baronie mit ungeklärten Herrschaftsverhältnissen gebrauchen. Eine minderjährige Baronin bedeutete schon genug Unsicherheit. Es war nun zu klären wer im Namen Gilias als Vogt oder Vögtin Zweiflingen verwalten würde. Dafür, und für die Bestimmung eines neuen Familienoberhauptes, sollte sich am morgigen Tage der Familienrat auf Burg Zweifelfels einfinden.

Mit der Genugtuung zumindest seine zukünftige Pagin zu Gesicht bekommen zu haben, machte sich Felan auf den Weg zum Abort. Das waldsteiner Bier forderte sein Tribut. Er ging einen langen, dunklen Gang entlang, der von nur wenigen Fackeln nur mäßig beleuchtet wurde. Die Wände waren aus grob gehauenen Steinen und verstärkten den kalten und abweisenden Charakter des ganzen Gebäudes. Es war eben ein Wehrbau ohne unnütze Annehmlichkeiten. Gerade wollte er eine Tür öffnen, als er hallende Schritte hinter sich hörte. Dem Klang zu urteilen, handelte es sich um die einer Frau.

„Hochgeboren, darf ich Euch behilflich sein? Hinter dieser Tür befindet sich die Rüstkammer. Habt Ihr vor wieder in den Krieg zu ziehen?“ Felan drehte sich um und vor ihm stand Rondriga von Zweifelfels, die ihn belustigt anlächelte.

„Aber da ich Euch hier schon mal unter vier Augen erwische … bitte geht mit mir ein Stück.“ Rondriga hackte sich bei dem Schallenberger unter und er ließ gewähren, obwohl Felan jetzt viel lieber den Abort aufgesucht hätte. „Mein Bruder hat große Stücke auf Euch gehalten und Euch vertraut. Eure leidenschaftliche Ansprache vorhin hat mir gezeigt, dass Ihr ein ehrenhafter Mann seid, der zu seinem Wort steht. Es mag die Zeit kommen, da meine Nichten Eure Hilfe brauchen werden, denn ich fürchte um ihr Leben. Gilia und Thesia sind hier in Zweiflingen nicht mehr sicher!“ Die Worte der Baroness wirkten eindringlich. „Burg Zweifelfels ist dieser Tage ein einziges Rattennest. Zu viele wollen sich die Töchter meines Bruders krallen, denn sie sind der Schlüssel zur Macht.“ Rondriga blieb stehen und wandte sich mit ernster Miene zu Felan. „Werdet Ihr für die beiden Mädchen da sein und sie beschützen? Kann ich auf Euch zählen?“

Felan hasste es, wenn man ihn so von der Seite her attackierte. Es fühlte sich an wie der Angriff feindlicher Ritterkavalkaden und so positionierte er seine Spießknechte zwischen ihnen und errichtete eine Schanze gegen diese unvermutete Art ihn anzusprechen.

"So? Weswegen fürchtet ihr denn um ihr Leben? Wer wäre hier, der den Kindern etwas antun könnte? Und wenn ihr so sprecht und meinen Schutz für sie erbittet, dann ist es nur ziemlich, wenn ihr mir nicht um den heißen Brei herumredet und mich mit irgendwelchen nebulösen Angaben abspeist.", sagte er ehe sie etwas ungefähres entgegnen konnte. "Und noch etwas: ich schätze es nicht wenn man meinem Wort misstraut. Ich habe einen Schwur geleistet und ich werde eher sterben, als ihn nicht einzuhalten. Und doch erinnere ich noch an etwas, nämlich dass ich Gilia und ihrer Schwester helfe. Darum könnt ihr nur auf mich zählen, wenn ihr euch diesem Ansinnen unterwerft und nicht wie jene, vor denen ihr mich warnt, die Gunst der Stunde nutzen mögt um eigene Interessen zu verfolgen." Auch hier hob er wieder eine Hand, um einen Einspruch abzuwehren. Er war bereits nicht als Diplomat bekannt, als vielmehr für seinen Pathos, aber wenn es pressierte und man ihn von der Erleichterung abhielt, wurde er nicht eben zugänglicher. "Ich will euch nichts ungerechtes vorwerfen, aber ihr sollt wissen woran ihr mit mir seid. Ich bin das Schild der Alriksritter und als solcher zu Ehrlichkeit und Offenheit nicht nur verpflichtet, sondern es ist Teil meiner Selbst. Wenn es um die Sicherheit der Kinder geht, dann muss man offensichtlich jedem misstrauen und so folge ich nur eurem eigenen Hinweis auf das Rattennest. Wenn euch das nicht stört so werde ich euch zuhören.", beendete er seinen kurzen Monolog und sah sie mit ausdrucksloser Miene an.

Rondriga hörte ruhig und geduldig den erwarteten emotionalen Ausführungen des Barons von Aldenried zu. Er misstraute ihr, das hatte sie erwartet. Doch hatte sie keine Wahl, das Leben der Mädchen war in Gefahr, da war sich die Baroness von Zweiflingen sicher.

„Mir wird immer klarer warum Euch mein Bruder so sehr schätzte. Er war Euch in vielen Belangen sehr ähnlich“, begann sie mit ruhiger Stimme, „Meine Absicht war es nicht Euch zu kränken, ich vertraue Eurem Wort, doch musste ich mich versichern, dass ihr jederzeit bereit seid! Ich verstehe, Ihr misstraut mir und aus Eurer Perspektive habt Ihr vermutlich auch keinen Grund mir zu trauen. Doch werdet Ihr Eurem Schwur nicht nachkommen können, wenn Ihr Euch denen, die für das Wohl der Mädchen einstehen, wegstößt. Ihr wollt Namen? Wir haben einen alten Feind in den zweiflinger Landen … die schwarze Hexe Haldora Grimmberg. Sie trachtet danach uns zu vernichten. Ich bin fest davon überzeugt, dass sie dem grausamen Mord an Ritter Gisbert an den uns heiligen Zwiefelsen verübt hat. Sie ist gerissen, verschlagen und überaus bösartig. Möglicherweise hat sie bereits Handlanger auf Zweifelfels, vielleicht hat sie gar Mitglieder meiner Familie verhext und in ihren Bann gezogen. Innerhalb meiner Familie mag es Personen geben, die Einfluss auf die Mädchen auszuüben versuchen, doch allen ist gemein, sie brauchen sie lebend! Die Hexe aber will ihren Tod. Sie will uns ins absolute Chaos stürzen.“

Die Worte von Debreks Schwester drückten echte Sorge aus. Sie war nicht hier um irgendwelche politischen Spielchen zu spielen. Rondriga wirkte ernsthaft in Sorge.

„Eine Hexe? Dann ruft die Praios-Inquisition. Die wird sich unter Bedeckung aufrechter Ritter dieser Gefahr schon annehmen.“ Felan war noch nicht überzeugt. Vielleicht war er ungerecht, aber vielleicht war es auch seinen eigenen Erfolgen um die Vernichtung von Raubrittern und der Vertreibung schwarzmagischer Umtriebe zu verdanken, dass er ungern hörte, wenn eine Adelsfamilie scheinbar nicht in der Lage war sich um derartiges entweder aus eigener Kraft zu entledigen. Oder zumindest in weniger nach Komplott riechender Weise. „Gegen schwarze Magie hilft ohnehin nur aufrechter Glaube und ein Vertreter der Zwölfe. Oder ihr ruft einen Magus zu Hilfe, der sich in derlei Dingen auskennt. Ich könnte euch da vielleicht auch über meine Cousine Haldana etwas von der Akademie zu Gareth vermitteln.“, führte er aus. „Abgesehen davon: wenn eine Familie durch den Tod von Erben ins Chaos zu stürzen ist hat sie viel tiefer gehende Probleme. Wer würde erben, wenn die Kleinen sterben? Das sollte doch geregelt sein, ohne dass sich gleich jeder an die Gurgel geht. Und wo ist überhaupt ihre Mutter? Ich wünsche Emer immer noch zu sehen. Sie sollte, wie ich vorhin schon sagte, ein gehöriges Wort mitzureden haben, denn bei allem Verständnis für euer Ansinnen, so ist es doch an der Mutter zu entscheiden, solange die Kinder nicht volljährig sind und solange die Familie kein neues Oberhaupt bestimmt hat. Und sie sollte doch auch hier die Regentin sein…und nicht die Wetterfelserin. Also: wo ist sie?“

„Habt Dank für Eure Wohlhabenden Ratschläge, aber diese Angelegenheit bedarf keine Einmischung von außen! Die Zweiflinger Grenzwächter werden sich dieser Sache annehmen. Mir geht es nur darum, die Mädchen bei Euch in Sicherheit zu wissen, sollte es nötig sein.“

Rondriga lächelte wohlmeinend, doch spuckte innerlich Galle. Von Hartsteenern, die sich noch vor wenigen Götterläufen in der Grafenfehde blutig gegenseitig abgeschlachtet und bis heute die Raubritter-Seuche nicht im Griff hatten, brauchte man in Waldstein keine Ratschläge. Zumal Rondriga sehr genau wusste, dass die Ereignisse um den Zwiefelsen nicht die wohlbekannte Handschrift der Hexe trug. Sie hatte da einen anderen Verdacht, aber eben noch keine Beweise.

„Das Prozedere ist ganz einfach: Mein Bruder hat verfügt, im Falle seines frühzeitigen Ablebens, das der Familienrat eine Entscheidung über den Vormund der Mädchen zu entscheiden hat. Dieser Rat wird morgen, am Tag des Schwurs, einberufen. Sollten Debreks Töchter, aus welchem Grund auch immer, nicht zur Verfügung stehen, erbt meine Schwester Leumunde. Sie ist allerdings Geweihte der Rondra und noch kinderlos.“ Es war Rondriga müßig ihrem Gegenüber das adlige Erbrecht zu erklären, aber sie hatte keine Wahl.

„Wie Ihr sicher wisst und wie es in Garetien gute Sitte ist, hat ein eingeheiratetes Familienmitglied natürlich kein Mitspracherecht über den Werdegang der Erben, das obliegt dem Familienrat oder aber dem Familienoberhaupt. Ich erinnere Euch an den Vertrag von Zweifels, der genau das besagt und meine liebe Schwester Raulwine von der Last, Entscheidungen über ihre Kinder zu treffen, befreit. Was Emer angeht, ihr Gesundheitszustand ist sehr kritisch, sie ist überfällig, zumal …“, Rondriga machte eine kurze Pause, „sie noch nicht weiß das Debrek tot ist, es wäre ihr Tod und das des Neugeborenen. Daher kann sie keine Besuche empfangen. Ihr könnt Euch von ihrem Wohlergehen überzeugen, sobald es ihr etwas besser geht. Ihr habt mein Wort. Mehr kann ich Euch leider nicht bieten. Wenn es Euch beruhigt, kann ich aber Eure Gemahlin zu Ihr lassen … sie scheint mir von eher beruhigenden Blute.“

Erneut hob Felan die Augenbraue. Er mochte die Frau nicht, ihre wohlgesetzte Rede, die ihm schmeichlerisch vorkam und nicht ehrlich gemeint. Zumal sie es schaffte zugleich hochnäsig und arrogant zu wirken, als würde sie altes Recht als für sie selbst vollkommen indiskutabel ablehnen, auch wenn sie das vielleicht gar nicht so meinte. Doch als man ihm eröffnete, dass man der Frau noch nicht mitgeteilt hatte, dass ihr Mann verstorben war, raubte es ihm die Worte.

„Bei der gütigen TRAvia!“, hauchte er zunächst. „Haben die euren denn…?“ , entfuhr es ihm halblaut, bevor er sein entgleistes Gesicht retten konnte. „Wer hat denn diese Entscheidung getroffen? Wissen die anderen Familienmitglieder um diesen Umstand? Euch ist bewusst dass derartiges vollkommen ungeheuerlich ist! Und zudem eher ungewiss, ob das überhaupt den gewünschten Effekt hat.“ , musste er scheinbar zuerst loswerden, bevor er sich noch weiter fangen konnte. Er holte tief Luft, wie um sich selbst zu beruhigen.

„Zunächst einmal geht mich euer persönliches Familienrecht nichts an. Eure Familie hat darüber keine Einmischung von mir zu erfahren.“, stellte er erst einmal fest. „Meine Frau kann Stillschweigen bewahren, aber ich denke sehr wohl, dass es sehr wichtig ist, dass Emer Besuch erhält und nicht zu sehr abgeschottet wird. Das führt zu einem ungesunden Klima bei einer werdenden Mutter und ganz und gar nicht zu dem gewünschten Effekt einer Erholung. Glaubt mir das als vielfacher Vater und Sohn.“, erklärte er mit fester Stimme.

„Des weiteren habe ich bereits angeboten die Kinder zu mir zu nehmen, so ihnen entweder offene Gefahr an Leib, Leben und Freiheit droht, oder die Familie die Einsicht erhält und es mir selbst offen anträgt. Von beiden Varianten ist natürlich die letztere zu bevorzugen, wobei natürlich gerade für Erben es am besten ist, wenn sie ihr Leben so lange wie möglich in der Heimat führen, über die zumindest Gilia zu herrschen ein ewiges Anrecht hat, wenn sie erwachsen ist und von mir die Ausbildung erhalten hat. Aber damit sie beide, wie ihr das eben so schön anführtet, nicht einfach auf Nimmerwiedersehen verschwinden können, stehe ich natürlich gerne bereit ihren Schutz zu übernehmen. So man es wünscht werde ich auch gerne meine Luchsgardisten hier belassen um weiteren Schutz zu gewähren. Und ich bin sicher, dass auch Wulfger es zu schätzen weiß, wenn er in Raulwines alter Heimat eine Zeit lang verweilen darf.“

Felan hatte sehr wohl verstanden, dass durchaus Rondriga ein Anrecht erhalten könnte auf die Baronie, wobei gerade nur die Frage war wie skrupellos sie sein könnte um dieses Ziel zu erreichen. Oder was sie unternehmen würde, wenn sie nur die nächsten Jahre die Möglichkeit hätte als Vögtin hier zu herrschen, was sich auch auf Gilias Zukunft auswirken könnte.

„Itzo bin ich, wie angekündigt, zu jeder Hilfe für die Erbbaronin bereit.“, schloss der hartsteener Baron seine Ausführungen.

Rondriga hatte den emotional angehauchten Ausführungen von Baron Felan in ihrer bekannt gleichmütigen Art zugehört. Er sah Dere in einer für sie nicht gekannten naiv-verträumten Art, was sie aber auch nicht überraschte. Er war der erste seiner Familie, der erst vor wenigen Götterläufen Baron geworden war. Unwissenheit und fehlende Erfahrung sprach aus seinem Munde. Ihre Familie aber herrschte schon zu Zeiten Kaiser Rauls über diese Lande. Altes Blut, dem Land verpflichtet. Auch wenn es offenkundig zu einem Ungleichgewicht gekommen war. Dennoch konnte sie ihm was abgewinnen, denn er war ein treuer Bündnispartner und das war dieser Tage rar. Nicht zuletzt deshalb war es Rondriga, die gewillt war neue Wege in der Bündnispolitik zu gehen – wie etwa die von ihr initiierte Waldesdunkle Allianz mit Wulf von Streitzig.

„Die Entscheidung, Emer aus Sorge um ihr Wohl nichts von den schrecklichen Ereignissen zu zählen, wurde von ihren Leibärzten empfohlen und intensiv auch mit ihrer Familie abgestimmt. Man darf nicht vergessen, Emer hat nicht nur ihren Gemahl, sondern auch ihren Bruder Raulbrin verloren.“

Auch Rondriga war Mutter dreier Kinder und gerade ihre letzte Tsasegnung war äußerst kompliziert verlaufen. Nicht nur einmal war das Leben von ihr wie auch dem Kleinen in Gefahr gewesen. Hätte sie in solch schwieriger Zeit weitere Schicksalsschläge erleiden müssen, wer weiß ob sie oder ihr Sohn Rondrimir heute noch leben würde. Mit diesen, am eigenen Liebe gefühlten Erlebnissen, fand sie es immer äußerst amüsant wenn Männer ihr etwas über den Umgang mit Schwangeren erzählen wollten. Doch war sie nicht hier um mit Felan über das Wesen einer Tsasegnung zu diskutieren.

„Eure werte Gemahlin wird zusammen mit Emers Schwägerin Hesindiane von Rallerspfort zu ihr gelassen. Auch halte ich es sinnvoll, wenn Wulfger während des Familienrates bei meiner Schwester Raulwine verbleibt, um so schnell in der Lage sein wird zu handeln. Ich werde im Rat vorschlagen die beiden Mädchen bis auf weiteres bei Euch unterzubringen, bis alles weitere geklärt ist.“

Rondrigas Worte klangen versöhnlich, doch blieb die Baroness für Felan undurchsichtig und nicht zu durchschauen. Er holte tief Luft, als wollte er noch was erwidern, als zwei Jünglinge polternd den Gang entlang gelaufen kamen. Sie grüßten artig die beiden Hochadligen und liefen dann weiter.